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Full text of "Biographisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog unter ständiger Mitwirkung von Guido Adler, F ..."

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BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH 

UND 

DEUTSCHER NEKROLOG 



UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG 

VON 

GUIDO ADLER, F. VON BEZOLD, ALOIS BRANDL, ERNST ELSTER, 
AUGUST FOURNIER, ADOLF FREY, HEINRICH FRIED JUNG, LUDWIG 
GEIGER, KARL GLOSSY, MAX GRUBER, SIGMUND GÜNTHER, 
EUGEN GUGLIA, ALFRED FREIHERRN VON MENSI, JACOB MINOR, 
JOHANN SASS, PAUL SCHLENTHER, ERICH SCHMIDT, ANTON 

E. SCHÖNBACH, GEORG WOLFF U. A. 



herausgegebe;n 

VON 

ANTON BETTELHEIM 



X. BAND 

VOM I. JANUAR BIS 31. DEZEMBER 1905 

MIT DEM BILDNIS VON ERNST ABBE IN HELIOGRAVÜRE 




BERLIN 
DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER 

190;. 



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K»/e. 



UND 

lEUTSCHER NEKROLOG. 



UNTER STAXDIGEK »UTWIRKUNG 

VOS 

ICLTIIO ADL.BR. F. VON 8E7.0LD, ALOIS HRAMDL, ERNST EtSTKH, AUGUST | 
I FOLBNIER, ADOLF FREY. HEINRICH FRIEWltNO. LUDWIG SEIGER, I 
^KARL CLOSSV. MAX GHIIBER. SIGMUSU OONTHER. BUGEN OUGUA. 
I ALFRED FREtHERRN VOS MENSI. JACOB MIWOB, JOHANN SAüS, PAUL 
I SCHLENTHER.EHICB SCH.MIDT, ANTON E SCHÖNBACH. GEORG WOLFP U. A. 



HER.vrSGEGEBEN 

ANTON BETTELHEIM 

X. BAND 

VOM 1. JANL',VR BIS 31. UEZEJIBER 19(15 
JUIT DEM illLUKIS VON GKXdT ABKK IN HEUOaHAVTRK 




iRLAG VON GEORG REIMER. BERUN, 
1907. 



2 



BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH 

UND 

DEUTSCHER NEKROLOG 



UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG 

VON 

GUIDO ADLER, F. VON BEZOLD, ALOIS BRANDL, ERNST ELSTER, 
AUGUST FOURNIER, ADOLF FREY, HEINRICH FRIED JUNG, LUDWIG 
GEIGER, KARL GLOSSY, MAX GRUBER, SIGMUND GÜNTHER, 
EUGEN GUGLIA, ALFRED FREIHERRN VON MENSI, JACOB MINOR, 
JOHANN SASS, PAUL SCHLENTHER, ERICH SCHMIDT, ANTON 

E. SCHÖNBACH, GEORG WOLFF U. A. 



herausgegebe;n 

VON 

ANTON BETTELHEIM 



X. BAND 

VOM I. JANUAR BIS 31. DEZEMBER 1905 

MIT DEM BILDNIS VON ERNST ABBE IN HELIOGRAVÜRE 




BERLIN 
DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER 

1907. 



iographische"ahrbuch 

UNO 

EUTSCHER NEKROLO« 



t'Nrail STÄNDIGEB WITWIRKUNG 

VON 

GCIDO AULEB, F. vo» UEZOLD. ALOIS BRANDL, ERKST KI.STB», AUGUST I 
FOCHNIER, ABOI.r FBKY. HErNKlOH FRIRDJUNG, LUDWIG GEIGER, j 
KARL GLOSSY. MAX GRUBER. SICMUNB GÜNTHER, EUGEN GUGUA. f 
ALTRED FREIHERRN von UENSI, JACOB MINOR, JOBANN SASä, FAUl^ 
SCHLENTIIER. ERICH SCHMIDT, ANTON B.SCR0NBACII,GFORG WOLPPU.A, 



HERAI'SCIEC.F.DKN 



ANTON BETTELHEIM 

VOM L JANUAR BIS 31. DEZEMBER lül)3 
UlT OEM VtLSinS VON ERKST ABBE IN U£UOCRA\Tn£ 




■RLAG VON GEORG REIMER.BERUI 

1907. I 






Vo r w o r t. 



Zehn, und wenn ich die ersten zwei Bände der Biographischen 
Blätter hinzunehme, ein Dutzend biographischer Kunst und For- 
schung gewidmeter Bände sind dem Zusammenwirken selbstloser 
Nothelfer, unter denen mein Freund Dr. Walter de Gruyter obenan 
steht, zu danken. Es steckt viel ehrliche Mühe in unserem Sammel- 
werk, das neben manchem, w^as vornehmlich nur urkundliche Bedeutung 
hat, aus erster Hand geschöpfte, abschließende Meisterstücke geschicht- 
licher Würdigung zu bieten bestrebt war. Die Charakteristiken von 
Abbe und Theodor v. der Goltz, Hevesi's Rudolf v. Alt und 
Lindner's Menzel, Schönbach's Heinzel und Eloesser's Hart- 
leben, Fick's Köllicker und Lang's Siegle, Trojan's Stinde und 
Marx' Wachsmuth, Hermann's Hüffer, Gierke's Ziegler und 
Wille 's Weech sind neue Beweise für die wohlwollende Mithilfe 
Berufenster, ohne deren Beistand das Gelingen unseres schweren Unter- 
nehmens gefährdet wäre. 

Unter den Nachträgen und Ergänzungen verdienen die Nekrologe 
von Karl Eiliil Franzos, Hansemann, Wilhelm Hertz, Zange- 
meister, Wilhelm Jordan, Keudell, die von Alfred Klaar, 
Friedrich Schmid, Otto Güntter, Schumacher, Sonntag, 
H. V. Petersdorf f herrühren, und mancher andere im Namen-Ver- 
zeichnis näher bezeichnete Beitrag besondere Beachtung. 

Daß und wie sehr ich mir angelegen sein ließ, durch Verweisung 
einer größeren Zahl von Namen in die Totenliste im Sinn beachtenswerter 



Inhalt. 



Seite 

Vorwort III 

Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. Dezember 1905 i 

Ergänzungen und Nachträge 287 



Totenliste 1904 



5 



Totenliste 1905 137 



* 



* 



Bioi^. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. lo. Bd, 



DEUTSCHER NEKROLOG 



VOM I. JANUAR BIS 3i. DEZEMBER 



•905 



Homo libcr de niilla rc minus (]iiam 
<Ic murtc cogitiit et ejus sapientia non 
mortis, scd vitae meditatio est. 

Spinoza. Kthiccs pars IV. Propos. 
LXVII. 



. I p * ■ - - »- 



Deutscher Nekrologe vom i. Januar bis 31. Dezember 1905. 



j Abbe, Ernst Karl, Dr. p/iil., Dr. juris h. c, Dr. med. h. c, Professor der 

Mathematik und Physik an der Universität Jena, langjähriger Leiter der 

I optischen Werkstätte Carl Zeiss Jena, Begründer der Carl Zeiss-Stiftung, 

* 23. Januar 1840 in Eisenach, f 14. Januar 1905 in Jena. — Über die Her- 
kunft der Familie Abbes sind sichere Angaben nicht bekannt; der Über- 
lieferung nach stammt sie aus Frankreich. Sein Großvater war Lehrer in 
Schafhausen bei Eisenach; sein Vater, Adam Abbe, war Arbeiter, später 
Spinnmeister in der von Eicheischen Fabrik in Eisenach. »Er war ein Hüne 
an Gestalt und Kraft«, erzählte Abbe von ihm, »ich mußte ihm als Knabe 
mittags oft das Essen in einem Henkeltopf in die Fabrik bringen, wo er es 
stehend, an die Maschine gelehnt, hastig verzehrte, um ja nicht zuviel von 
der 13 — 15 stündigen Arbeitszeit zu verlieren. Und mit 40 Jahren war mein 
V'ater ein Greis, verarbeitet und verbraucht!« — Und in gewissem Sinne 
ergänzend dazu sagt er an anderer Stelle: »Was ich hier festgesetzt habe, 
markiert neben einer allem Eudämonismus abgewandten Lebensanschauung, 
den festen Standpunkt des Arbeitersohnes, dessen Vater nur mit größtem 
Widerstreben Wohltaten sich gefallen lassen mochte.« — 

Ich schicke diese eigenen Worte A.s der Schilderung seines Wirkens 
voran, weil sie mir geeignet erscheinen, das Verständnis für diese einzig- 
artige Persönlichkeit weiteren Kreisen in etwas wenigstens zu erleichtem. 
Ihn ganz zu verstehen ist schwer, das konnte vielleicht nur den wenigen 
möglich sein, die so glücklich waren, jahrelang unter seinem persönlichem 
Einflüsse gelebt zu haben. Und von diesen der berufenste Beurteiler, sein 
langjähriger Freund und Helfer und jetziger Nachfolger, Dr. Czapski, sagt 
selbst, daß man im Verkehr mit ihm nie fertig wurde mit Staunen, wenn man 
Gelegenheit hatte, immer wieder neue Seiten an dem wunderbaren Manne zu 
entdecken, die sein innerstes Wesen in einem neuen Lichte erscheinen 
ließen. »Wer so mit ihm zusammengelebt hat, dem wurde schließlich klar, 
daß und warum ein solcher Mann wohl hundertmal verkannt, mißverstanden 
werden mußte, aber — wie alles Höherstehende — vielleicht von niemand 
richtig erkannt, ganz verstanden worden ist und werden wird.« — Gewiß 
hat es auch sonst Männer gegeben, die nicht nur groß waren an wissen- 
schaftlichen Leistungen und gleichzeitig in ihrer Tätigkeit als Großindustrielle, 
die auch in ihrem Wirken als Sozialpolitiker sich durchgreifend betätigten. 



!• 



/^ Abbe. 

aber — es hat nur einen Abbe gegeben! Wäre er nur der um die Wissen- 
schaft hochverdiente Gelehrte, der geniale Erfinder und Techniker, nur der 
weitschauende Geschäftspolitiker, der gewandte und wohlwollende Leiter einer 
Weltfirma gewesen, so hätte sein Name in den Annalen der Wissenschaft den 
ihm gebührenden Platz neben den eines Fraunhofer, eines Helmhol tz, eines 
Krupp finden können — um sich aber in den Herzen von Tausenden seiner 
Zeitgenossen ein Denkmal der Liebe zu begründen, um sicher zu sein, auch 
von den Geschlechtern der Zukunft noch mit Bewunderung genannt zu 
werden — dazu bedurfte es einer anderen Eigenschaft, die nun einmal in 
solcher Vollendung dem Menschen nur selten zuteil wird. Geistesgröße bis 
zu der Potenz geläutert, daß sie der Stimme des Herzens nicht mehr be- 
kämpfend und zügelnd gegenübersteht, sondern, dieser sich fügend, Wege 
sucht, die von ihr gewiesenen Ziele zu erreichen, und sei es mit Aufgabe 
alles dessen, was dem Menschen sonst als erstrebenswert erscheint — das ist 
eine Stufe der Vollendung, die nur erst wenigen beschieden war. Und 
solche Menschen gehören allerdings nicht mehr ihrer Zeit, ihrer Umgebung, 
sondern der Menschheit — sie erscheinen vor ihrer Zeit geboren. Die 
Gegenwart bemüht sich, die Motive für ein Verhalten zu finden, das unseren 
Anschauungen so fremdartig erscheint, und da geben vielleicht die voraus- 
geschickten Worte A.s selbst einen Fingerzeig. Es waren die Eindrücke 
einer freudlosen, schweren Jugend, die ihm für sein ganzes Leben lebendig 
blieben und die bewirkten, daß er die Millionen, die seinem späteren Zu- 
sammenwirken mit der Firma Carl Zeiss entstammten, wie unrecht erworbenes 
Gut zurückwies. Er betrachtete sich nur als den Verwalter der zusammen- 
strömenden Schätze und wandte sie denen zu, die seiner Meinung nach mehr 
Anspruch darauf hatten, als er selbst; aber — und das ist das Wichtige — 
indem er jeden Anschein einer karitativen Betätigung dadurch unmöglich 
machte, daß er den Beteiligten Rechtsansprüche gewährte, die ihn selbst 
und seine Nachfolger für alle Zeiten binden. — 

Bis zum Jahre 1850 hatte A. die Bürgerschule seiner Vaterstad-t besucht, 
dann wurde der begabte und überaus fleißige Knabe Schüler der dortigen 
Realschule I. Ordnung. Mit 17 Jahren machte er sein Abiturientenexamen 
und bezog 1857 die Universität Jena, von wo er 1859 nach Göttingen ging. 
Er studierte Mathematik, Physik, Astronomie und Philosophie. Durch 
Stipendien, Preisarbeiten und Privatunterricht erhöhte er den bescheidenen 
Zuschuß, den ihm sein Vater nur gewähren konnte. 1861 wurde er promoviert. 
Er nahm zunächst die Stelle eines Dozenten am physikalischen Verein in 
Frankfurt a. M. an, die er aber bald aufgab, um nach Durchführung einiger 
privater Studien auf Veranlassung seines Jenenser Lehrers K. Snell sich 1863, 
also im Alter von nur 23 Jahren, in Jena als Privatdozent zu habilitieren. 
Seine Ernennung zum außerordentlichen Professor erfolgte 1870, die zum 
ordentlichen Honorarprofessor 1877. 

Ende der sechziger Jahre schon hatte A. begonnen, dem Jenaer Universitäts- 
mechaniker Carl Zeiss bei dessen auf Verbesserung der Mikroskope gerich- 
teten Bemühungen behilflich. zu sein. Dieses Zusammenarbeiten führte dazu, 
daß A. 1875 als stiller Gesellschafter dem Unternehmen beitrat, deswegen 
eine Berufung als Ordinarius nach Marburg ausschlug und auch eine ihm von 
Helmholtz angetragene Stelle als Mitleiter des neu errichteten physikalischen 



Abbe. 



5 



Instituts in Berlin ablehnte. Ende 1880 trat A. mit dem Glashüttentechniker 
Dr. Otto Schott in Witten wegen Beschaffung neuen Materials für die prak- 
tische Optik in Beziehung; 1882 siedelte Schott nach Jena über und begründete 
1884 mit Unterstützung der preußischen Regierung mit A. und Zeiss zusammen 
das »Glastechnische Laboratorium Schott und Genossen«. Ende 1888 starb 
Carl Zeiss, Ende 1889 trat sein bis dahin als Mitinhaber der Firma beteiligter 
Sohn, Dr. Roderich Zeiss, von der Leitung zurück, und A. blieb bis 1891 
alleiniger Leiter. Am i. Juli 189 1 errichtete A. die »Carl Zeiss-Stiftung«, 
der er sein ganzes Vermögen bis zur gesetzlich zulässigen Grenze zuwies und 
zugunsten der er seinen Alleinbesitz der optischen Werkstätte und seinen Be- 
sitzanteil am Schottschen Glaswerke aufgab. Er behielt sich nur die Stellung 
des Ä Bevolknächtigten der Karl Zeiss-Stiftung« und eines »Mitgliedes der 
Geschäftsleitung« vor. Am i. April 1903 mußte er seiner angegriffenen Ge- 
sundheit wegen diese Ämter niederlegen. Er fand die Genesung jedoch nicht, 
sondern starb am 14. Januar 1905 nach langen qualvollen Leiden. 

A. hatte sich 187 1 mit der jüngsten Tochter K. Snells verheiratet; der 
Ehe sind zwei Töchter entsprungen, von denen die ältere an einen Gymnasial- 
lehrer in Jena, die andere an einen Arzt in W^eimar verheiratet ist. 

Um ein Bild von der außerordentlichen Bedeutung A.s zu erhalten, muß 
man versuchen, sich seine Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft, der 
Technik und der .sozialen Reform zu vergegenwärtigen. 

Seine ungewöhnliche Begabung: der scharfe Verstand, die streng logische 
Denkweise, die Zähigkeit in der Verfolgung eines Zieles, die Neigung zu 
systematisieren und zu verallgemeinern, prädestinierten ihn geradezu zum 
exakten Naturforscher. Diese hervorragenden geistigen Eigenschaften zeigten 
sich schon in der Dissertation des 21jährigen Gelehrten, die mit großer 
Klarheit und kritischer Schärfe abgefaßt ist. Sie ist betitelt: »Erfahrungs- 
mäßige Begründung des Satzes von der Äquivalenz zwischen Wärme und 
mechanischer Arbeit.« 

Im Sommer des Jahres 1861 war A. unter Klinkerfues Assistent an der 
Göttinger Sternwarte, doch mußte er diese Stellung bald aufgeben, da ihn 
das nächtliche Beobachten zu sehr anstrengte. Auf diese Tätigkeit ist sein 
»Vorschlag zu einer veränderten Einrichtung der Meridianinstrumente« 
zurückzuführen, den er in dem Jahresberichte des Frankfurter physikalischen 
Vereins von 1861/62 veröffentlichte. Seiner Meinung nach sollte man das 
Beobachtungsfernrohr von dem eigentlichen Meßinstrumente trennen, um be- 
quem stärkere Vergrößerungen anwenden zu können, ohne gleichzeitig unerfüll- 
bare Forderungen an die mechanische Konstruktion stellen zu müssen. In 
dieser Arbeit dokumentiert sich zum erstenmal sein hervorragendes technisches 
Konstruktionstalent, das ihn sofort das Zweckmäßigste erkennen läßt und vor 
Überschreitung der Grenzen des Ausführbaren bewahrt. 

Als A. im Jahre 1863 die Dozentenstelle in Frankfurt aufgab und nach 
Jena übersiedelte, erwarb er sich die venia docendi für theoretische Physik und 
Astronomie auf Grund der eingereichten Habilitationsschrift: Ȇber die 
Gesetzmäßigkeit in der Verteilung der Fehler bei Beobachtungsreihen.« 

Die nun beginnende akademische Lehrtätigkeit sah A. eigentlich als 
seinen Hauptberuf an, auch dann noch, als er nur noch wenig Zeit dafür 
erübrigen konnte. Mit Leib und Seele war er Universitätsprofessor. Sagte 



5 Abbe. 

ihm schon an und für sich die liberale Verfassung der deutschen Universität 
besonders zu, so empfand er den Verkehr mit geistig hochstehenden Kollegen 
anderer Fakultäten und vor allen Dingen die Vorlesungen selbst als' höchst 
anregend und fruchtbringend. Die geringe Zahl der damaligen Mathematik- 
und Physikdozenten vcranlaßten den jungen Universitätslehrer allerdings, 
sich gründlich mit den verschiedensten wissenschaftlichen Materien zu beschäf- 
tigen. Außer ihm lasen nur noch H. Schäffer und sein ehemaliger Lehrer 
und späterer Schwiegervater K. Snell mathematische und physikalische 
Kollegien, und so hielt A. Vorlesungen über elliptische Funktionen, Funktionen- 
theorie, analytische Geometrie, bestimmte Integrale, algebraische Analysis, 
Zahlentheorie, Mechanik, Theorie der Gravitation, der Elektrizität und des 
Magnetismus, Elektrodynamik, absolute Maße, Theorie der physikalischen 
Instrumente, Methode der kleinsten Quadrate, geographische Ortsbestimmungen, 
astronomische und physikalische Übungen und Experimentalphysik. Im Jahre 
1874 las er das erste Kolleg optischen Inhalts, und zwar über Dioptrik und 
Theorie der optischen Instrumente. Von optischen Themen behandelte er 
noch in seinen Vorlesungen analytische Optik, geometrische Optik und die 
mathematischen Grundlagen der Theorie des Lichtes. Dagegen kamen um 
diese. Zeit die Vorlesungen über mathematische P'ächer in Wegfall, da unter- 
dessen in J. Thomae eine Lehrkraft für reine Mathematik gewonnen worden 
war. Allmählich nahm überhaupt die Zahl der von A. angekündigten Kollegien 
mehr und mehr ab, da seine inzwischen mit der optischen Werkstätte von 
Carl Zeiss eingegangene Verbindung seine Hauptarbeitskraft absorbierte. 

Diesem Umstände ist es auch zuzuschreiben, daß A. die ihm angetragenen 
Ordinariate für Physik an den Universitäten Jena und Marburg ausschlug und 
ebenfalls das Angebot Helmholtzens ablehnte, die Mitleitung des neu zu grün- 
denden Berliner physikalischen Instituts zu übernehmen. Dagegen ließ 
sich A. bewegen, 1877 die Stelle des Direktors der Jenaer Universitäts- 
sternwarte anzunehmen. Eine bessere Wahl hätte die Universität nicht treffen 
können; denn dieses Institut, das sich in höchst mangelhaftem Zustande be- 
fand, wurde hauptsächlich durch A.s eigene Mittel derartig ausgerüstet, daß 
mit den neuen Instrumenten Arbeiten von wirklich wissenschaftlichem W^erte 
möglich wurden. 

Auf A.s Wunsch wurde er 1889 von seinem Lehrauftrage für theoretische 
Physik und Astronomie entbunden, und beide Disziplinen übertrug man be- 
sonderen Lehrkräften. Das Direktorat der Sternwarte hat er dagegen bis 
zum Jahre 1901 verwaltet. Sein lebhaftes Interesse für Astronomie bekundet 
sich auch durch verschiedene Arbeiten, die Gegenstände dieser W^issenschaft 
behandeln, und durch die noch aus seinen letzten Jahren stammenden Kon- 
struktionen zweier astrophysikalischer Apparate, mit deren Hilfe einmal die 
Schwankungen der Lotlinie gegen die feste Erdrinde und andererseits die 
Polhöhe in ihrer Abhängigkeit von der Lotlinie bestimmt werden soll. 

Von A.s Arbeiten auf allgemein physikalischem Gebiete sind eigentlich 
nur die Konstruktionen zweier Apparate zu nennen. Der eine dient zur 
Untersuchung planparalleller durchsichtiger Platten mittels der beiden Inter- 
ferenzphänomene der Fizeauschen Streifen und der Haidingerschen Ringe, 
während der andere eine Verbesserung des F'izeauschen Dilatometers zur Be- 
stimmung der thermischen Ausdehnungskoeffizienten darstellt. Beide Apparate 



Abbe. 7 

gehören zum Teil schon der Optik an, dem Gebiete, auf dem A. seine hervor- 
ragendsten wissenschaftlichen Leistungen vollbrachte. 

Daß sich A. gerade in dieser physikalischen Disziplin besonders be- 
tätigen würde, war von vornherein durchaus nicht gegeben. Dazu geführt 
wurde er eigentlich durch sein Interesse an der mechanischen Kunstfertig- 
keit, das er .schon als Knabe lebhaft bekundete. Während seiner Assistenten- 
zeit hatte er Gelegenheit, in der Werkstätte von Dr. Meyerstein praktisch zu 
arbeiten, und als er sich in Jena habilitierte, gab es sich ganz von selbst, 
daß er als Dozent der Physik bei dem Universitätsmechaniker aus- und ein- 
ging. Das war aber zu dieser Zeit Carl Zeiss. 

In der Werkstätte dieses Mechanikers wurden vor allem Mikroskope 
gebaut. Ein solches Instrument anzufertigen war aber damals eine schwierige 
Kunst. Sollte z. B. ein Mikroskopobjektiv hergestellt werden, so nahm man ein 
fertiges System, von dem man wußte, daß es gute Bilder lieferte, zum Muster 
und versuchte, es so treu als möglich zu kopieren. Bei den unzureichenden 
Hilfsmitteln und infolge der unvermeidlichen Abweichungen des Materials 
glichen die Systeme äußerst selten dem Originale. Es handelte sich dann 
darum, das neue Objektiv zu korrigieren, bis es von gewissen zur Prüfung 
benutzten Testobjekten befriedigende Bilder erzeugte. Die Kunstfertigkeit 
bestand nun hauptsächlich darin, nach erfahrungsmäßig festgestelltem Plane 
die Konstruktionselemente: Radien, Abstände, Linsendicken usw. so zu 
ändern, daß man sich rasch dem gewünschten Ziele näherte. Diese »Methoden« 
wurden meist als Fabrikgeheimnis streng gehütet. 

Diese ganze Art und Weise der Erzeugung von Mikroskopobjektiven war 
dem Mechaniker C. Zeiss höchst unbefriedigend. Er glaubte bestimmt, daß 
es auch beim Mikroskopbau möglich sein müßte, die Herstellung nach theoretisch 
genau vorausbestimmten Konstruktionsdaten einzurichten, ähnlich wie es 
J. Fraunhofer im Anfange des Jahrhunderts bei der Konstruktion von Fern- 
rohren gelungen war, und wie J. Petzval und C. Steinheil dieselbe Arbeit 
für die Herstellung des photographischen Objektivs geleistet hatten. Die 
nötige Hilfe von der Seite der Wissenschaft suchte C. Zeiss durch A. zu 
erhalten. Der Erfolg hat zur Genüge gelehrt, wie gründlich er half. 

Da das Mikroskopobjektiv die Aufgabe hat, von dem Objekte ein reelles 
Bild zu erzeugen, so glaubte A. anfangs, dadurch bessere Bilder zu erzielen, 
wenn er ähnlich wie beim photographischen Objektive, das ja auch reelle 
Bilder entwirft, die Öffnung der abbildenden Büschel recht eng machte. Die 
damit notwendig verbundene Abnahme der Helligkeit konnte ja sehr einfach 
durch die Anwendung sehr heller Lichtquellen kompensiert werden. 

Unter Aufwendung von viel Fleiß und Mühe wurden nun nach dem 
von A. angegebenen Plane Objektive hergestellt. Doch die erhoffte Bild- 
verbesserung blieb aus. Ja im Gegenteil, die neuen Systeme lieferten viel 
detailärmere Bilder als die alten, weitgeöffneten Objektive. 

Daß also die mikroskopische Abbildung nicht einfach nach den Gesetzen 
der geometrischen Optik vor sich ging und die große Öffnung der Objektive 
eine ganz besondere Rolle spielte, war A. durch diese Versuche klar ge- 
worden. Wie aber waren die Erscheinungen zu erklären? Da sich die Hilfs- 
mittel der geometrischen Optik als unzulänglich erwiesen, mußte er auf die 
Wellennatur des Lichtes zurückgehen. Nach reichlicher theoretischer Arbeit 



8 Abbe. 

und vielen praktischen Versuchen gelang es ihm, den komplizierten Abbil- 
dungsvorgang, wie er im Mikroskop stattfindet, völlig zu erklären, indem er 
die Abbildung nicht selbstleuchtender Körper mit Hilfe der Beugungstheorie 
lückenlos entwickelte. 

Die im Mikroskop abzubildenden Objekte senden nicht selbst Licht aus, 
sondern leuchten mittels durchfallender oder reflektierter Strahlen. Das 
Objektiv bildet zunächst die Lichtquelle ab; aber deren Bild wird durch das 
Objekt modifiziert, indem die Strahlen beim Durchtritt durch das Objekt 
nach Richtung, Amplitude und Phase geändert werden. Infolge der dabei 
stattfindenden Beugung und Interferenz tritt an Stelle des einfachen Bildes 
der Licht(iuelle eine mehr oder weniger komplizierte Beugungsfigur, und das 
JJild des Objekts, das mit Hilfe dieser modifizierten Strahlen erzeugt wird, 
ist eine sekundäre Abbildung, ist also total verschieden von dem Projektions- 
vorgange, wie er sich beim photographischen Objektiv abspielt. 

Beim Mikroskop ist das Bild des Objekts außerordentlich davon abhängig, 
welche Teile der der Lichtquelle entsprechenden Beugungsfigur zur Bild- 
erzeugung Verwendung finden. A. erbrachte den Nachweis, daß in dem Falle, 
daß das Objektiv alle abgebeugten Strahlen aufnimmt, ein dem Objekt streng 
ähnliches Bild entworfen wird. Wird dagegen ein Teil des durch das Objekt 
entstandenen Beugungsfächers von der Bilderzeugung ausgeschlossen, so kann 
keine objektähnliche Abbildung mehr erhalten werden. Das Bild entspricht 
vielmehr einem gar nicht vorhandenen Objekte, das eine derartige Beugungs- 
figur als vollständige erzeugen würde, wie sie tatsächlich nur vom Objektiv 
aufgenommen worden ist. 

Je feiner nun das Detail der Objektstruktur ist, desto weiter wird der 
Beugungsfächer. Also muß die angulare Öffnung des Objektivs entsprechend 
wachsen, um die Büschel aufnehmen zu können. 

Die Größe des Winkelraums der abgebeugten Strahlen hängt außerdem 
noch von der Wellenlänge des angewendeten Lichtes ab, indem der Beugungs- 
fächer mit abnehmender Wellenlänge kleiner und kleiner wird. Sinkt der 
Abstand der einzelnen Strukturelemente des Objekts auf Größen, die kleiner 
als die halbe Wellenlänge des angewendeten Lichtes sind, so kann das 
Objekt überhaupt nicht mehr ähnlich abgebildet werden. So hat auch A. 
streng die Grenze der mikroskopischen Abbildung bestimmt. 

Da die Größe der Wellenlänge des Lichtes insofern von dem Mittel 
abhängig ist, in dem es sich ausbreitet, als sie um so kleinere Werte an- 
nimmt, je höher der Brechungsexponent des betreffenden Mediums steigt, so 
ist es erklärlich, daß mit Immersionssystemen mehr Einzelheiten wahr- 
genommen werden können, als mit Trockensystemen, da der Beugungsfächer 
in den Immersionsflüssigkeiten auf einen kleineren Winkelraum zusammen- 
gedrängt wird. Auf dem von A. gezeigten W^ege ist neuerdings einer seiner 
Mitarbeiter A. K(')hler weitergegangen, indem er ultraviolettes Licht von 
etwa der halben Wellenlänge des hellsten sichtbaren Teils des Spektrums bei 
mikrophotographischen Aufnahmen verwendete und dadurch das Auflösungs- 
vermögen der besten Immersionssysteme auf ungefähr den doppelten Betrag 
steigerte. 

Bei einer durch optische Instrumente vermittelten Abbildung kommt es 
immer darauf an, daß alle von einem Objektpunkte ausgehenden Strahlen 



Abbe. Q 

möglichst gut in dem entsprechenden Bildpunkte vereinigt werden. Die Auf- 
gabe des rechnenden Optikers ist es, die sich ergebenden Abweichungen mit 
Hilfe der Konstruktionselemente auf solche Beträge zu reduzieren, daß sie 
praktisch nichts mehr schaden. 

Für Instrumente mit relativ geringen Öffnungen und kleinem Gesichts- 
feld waren schon vor A. die Bildfehler von verschiedenen Mathematikern 
diskutiert worden. Vor allem hatte L. Seidel ein vollständiges Gleichungs- 
system entwickelt, das den Zusammenhang der Konstruktionselemente mit 
den verschiedenen Bildfehlern charakterisierte. A.s Behandlung des gleichen 
Problems unterscheidet sich von der seines Vorgängers hauptsächlich darin, 
daß er einmal mif Hilfe der »optischen Invariante« endliche Hauptstrahl- 
neigungen berücksichtigte und daß er ferner die einzelnen Fehlerausdrücke 
gesondert erhielt. 

Für die Konstruktion so weit geöffneter Systeme wie der Mikroskop- 
objektive waren diese Entwicklungen aber gar nicht brauchbar; denn die 
Aberrationen so weit geöffneter Büschel erzeugen Bildfehler, die bei andern 
Instrumenten gar nicht in Betracht kommen. Es blieb deshalb für A. kein 
anderer Weg übrig, als den Verlauf einzelner Strahlen durch das System 
trigonometrisch zu verfolgen und zu korrigieren. Diese Arbeit des Korrigierens 
ist ähnlich der des Empirikers, nur kann hierbei die Wirkung einer Änderung 
ungefähr vorher bestimmt werden, und es ist dabei ein wirklich systematisches 
Arbeiten möglich. 

Hierbei fand A. den gerade für Abbildungen mittels weitgeöffneter 
Büschel so wichtigen Sinussatz, der aussagt, daß die Abbildung eines achsen- 
senkrechten Objektelements überhaupt nur dann möglich ist, wenn das Ver- 
hältnis zwischen den Sinus der Winkel auf der Objektseite, die von der 
Achse und allen von dem Achsenpunkte ausgehenden Strahlen gebildet 
w^erden, und den entsprechenden Winkeln auf der Bildseite für alle Zonen 
konstant bleibt. Es stellte sich bei A.s Untersuchungen das interessante 
Ergebnis heraus, daß auch die altern nach Tatonnement hergestellten guten 
Mikroskopobjektive der Sinusbedingung genügten. 

Auch das Problem, die Aberrationen eines Systems nicht durch V^er- 
mehren der sphärischen Linsen zu beseitigen, sondern durch Abweichungen 
der Begrenzungsflächen der Linsen von der Kugelform, also durch die Ein- 
führung nichtsphärischer Flächen, hat A. gelöst (D. R.-P. Nr. 119 91 5). 

Die für den Optiker überaus wichtige Frage nach Stellung, Größe und 
Zahl der in einem Instrument nötigen Blenden hat A. ebenfalls zum ersten- 
mal vollständig beantwortet. Wie durch die Diaphragmen die Lichtstärke 
reguliert, die Ausdehnung des Gesichtsfeldes bestimmt, die Schärfe und 
Tiefe der Bilder definiert wird, hat A. systematisch in seiner Theorie der 
Strahlenbegrenzung erläutert, ohne deren Kenntnis das richtige Verständnis 
eines optischen Instruments nicht denkbar ist. Es ist deshalb gar nicht zu 
begreifen, wie es möglich ist, daß sich diese wichtigen Lehren in den Kreisen 
der lebenden Wissenschaftler noch so wenig Eingang verschafft haben. 

A.s Art zu verallgemeinern und zu systematisieren ist es zu danken, daß 
er bei seinen theoretischen Studien auch die Frage aufwarf, welche V^oraus- 
setzungen eigentlich nötig und hinreichend sind, eine optische Abbildung zu 
bestimmen. Die Antwort darauf lieferte seine allgemeine Abbildungstheorie, 



10 Abbe. 

die das frappante Resultat ergab, daß nur die ein-eindeutige Zuordnung von 
Punkten zweier Räume durch Gerade, oder wie man dafür sagen kann: die 
kollineare Verwandtschaft zweier Räume eine optische Abbildung völlig 
charakterisiert. Verschiedene Gelehrte vor ihm hatten sich schon mit dieser 
Frage beschäftigt, aber immer viel zu viel unnötige Voraussetzungen gemacht. 
Anfänge zu ähnlichen Betrachtungen wie der A.schcn finden sich nur bei 
F. Möbius und Cl. Maxwell. 

Die wissenschaftliche Leistung eines Gelehrten wird vielfach mit Recht 
nach seinen Publikationen abgewogen. Wollte man bei A. auch danach 
urteilen, so würde man einen durchaus unrichtigen Kindruck gewinnen. Bei 
der umfangreichen Arbeit, die A. als Universitätslehrer, als Forscher und als 
Leiter eines rasch aufblühenden technischen Betriebes zu erledigen hatte, 
fehlte ihm meist die Zeit, seine Untersuchungsergebnisse zu veröffentlichen. 
Größere vollständige Abhandlungen, wie sie mehrfach von ihm geplant waren, 
sind nie zum Abschluß gekommen. Die verstreut publizierten Arbeiten A.s 
werden jetzt gesammelt und von einigen seiner Mitarbeiter in mehreren 
Bänden herausgegeben (Gesammelte Abhandlungen von Ernst Abbe. Erster 
Band. Abhandlungen über die Theorie des Mikroskops. Jena, G. Fischer, 1904. 
Zweiter Band. Wissenschaftliche Abhandlungen aus verschiedenen Gebieten. 
Patentschriften. Gedächtnisreden. Jena, G. Fischer, 1906.) Viele seiner 
wichtigen Forschungsresultate sind durch Briefe, kurze Notizen oder auch 
durch mündliche Überlieferungen seinen Freunden und Schülern übermittelt 
worden, die dann an seiner Stelle die Publikation besorgten. So wurde im 
Jahre 1893 die Theorie der optischen Instrumente nach E. Abbe von 
S. Czapski veröffentlicht. Schon der persönlichen Stellung A. gegenüber 
mußte Czapski unzweifelhaft der geeignetste Verfasser sein. Zu diesem Werke, 
das vor kurzem eine zweite Auflage (S. Czapski, Grundzüge der Theorie der 
optischen Instrumente. Zweite Auflage. Leipzig, J. A. Barth, 1904) erfuhr 
und auch in erweiterter Form, von mehreren wissenschaftlichen Mitarbeitern 
der Firma C. Zeiss überarbeitet, von M. v. Rohr herausgegeben wurde, (Die 
Theorie der optischen Instrumente. Erster Band. Die Bildererzeugung in 
optischen Instrumenten vom Standpunkte der geometrischen Optik. Heraus- 
gegeben von M. V. Rohr. Berlin, J. Springer, 1904), ist u. a. zum ersten- 
mal die allgemeine A.sche Abbildungstheorie dargestellt worden. Von 
anderen Autoren, die ebenfalls A.sche F'orschungsergebnisse erstmalig publi- 
zierten, ist vor allem noch L. Dippel und O. Lummer zu erwähnen. 

A. kommt nun nicht nur das große Verdienst zu, die theoretisch voll- 
ständige Lösung verschiedener optischer Probleme gegeben zu haben, er ver- 
stand es auch meisterhaft, die gefundenen Resultate praktisch zu verwerten, 
wodurch er sich auch auf dem Gebiete der Technik unsterblichen Ruhm 
erwarb. 

Die seinerzeit völlig für unmöglich gehaltene fabrikatorische Herstellung 
von Mikroskopobjektiven nach genau vorausbestimmtem Konstruktionsplane ist 
von ihm zur höchsten Vollkommenheit geführt worden. Er selbst sagt 
darüber in einer seiner Arbeiten: »Die betreffenden Konstruktionen sind 
dabei bis in die letzten Einzelheiten — jede Krümmung, jede Dicke, jede 
Linsenöffnung — durch Rechnung festgestellt, so daß alles Tatonnement aus- 
geschlossen bleibt. Von jedem zu verarbeitenden Glasstück werden zuvor 



Abbe. 1 1 

die optischen Konstanten an einem Probeprisma mittels des Spektrometers 
gemessen, um Abweichungen des Materials durch geeignete Veränderung der 
Konstruktion unschädlich zu machen. Die einzelnen Bestandteile werden 
möglichst genau nach den vorgeschriebenen Maßen ausgeführt und zusammen- 
gesetzt, und nur bei den stärksten Objektiven wird ein Element der Kon- 
struktion (eine Linsendistanz) bis zuletzt variabel gelassen, um mittels des- 
selben die unvermeidlichen kleinen Abweichungen der Arbeit wieder 
ausgleichen zu können. — Es zeigt sich dabei, daß eine hinreichend gründ- 
liche Theorie in Verbindung mit einer rationellen Technik, die alle Hilfsmittel 
benutzt, welche die Physik der praktischen Optik bietet, auch bei der Kon- 
struktion der Mikroskope die empirischen Verfahrungsweisen mit Erfolg 
ersetzen kann.« (E. Abbe, Beiträge zur Theorie des Mikroskops und der mikro- 
skopischen Wahrnehmung. Gesammelte Abhandlungen. I. Band 1904. S. 47.) 

Die hohen Anforderungen, die dabei an die Präzision der Arbeit gestellt 
werden mußten, gab A. Veranlassung zur Konstruktion verschiedener Meß- 
instrumente. So entstanden der Dickenmesser, das Sphärometer und der 
Komparator, bei denen das Prinzip gewahrt ist, daß bei Längenmessungen 
der Maßstab immer die gradlinige Fortsetzung der zu messenden Strecke 
bilden muß. Das A.sche Spektrometer und Refraktometer dienen zur be- 
quemen Messung des Brechungs- und Zerstreuungsvermögens durchsichtiger 
Medien. Mit Hilfe des Focometers ist eine einfache und sichere Bestimmung 
der Brennweiten der verschiedensten Systeme möglich. 

Alle diese für den praktischen Optiker wichtigen Hilfsapparate stellte A. 
in uneigennützigster Weise der Allgemeinheit zur Verfügung. 

Nachdem nun die sich der fabrikatorischen Herstellung der Mikroskope 
entgegenstellenden Hindernisse beseitigt waren, blieb noch ein großer Übel- 
stand zu überwältigen übrig. Die damals dem Optiker zur Verfügung 
stehenden Hauptglasarten, das Krön- und das Flintglas, waren so beschaffen, 
daß eine weitere Verbesserung der Systeme, wie A. schon 1874 betonte, nur 
von der Beschaffung neuen Linsenmaterials mit optischen Eigenschaften zu 
erwarten war, die von denen der bisher üblichen Glasarten erheblich ab- 
wichen. Denn da es von den Flint- und Krongläsem kein Glaspaar gab, das 
einen gleichmäßigen Verlauf der Dispersion zeigte, mußte notwendig bei allen 
Konstruktionen ein störendes sekundäres Spektrum übrig bleiben. Und da 
andererseits auch bezüglich des Verhältnisses zwischen mittlerer Brechung und 
mittlerer Zerstreuung große Gleichförmigkeit herrschte, da der höheren 
Brechung auch immer die stärkere Zerstreuung zugeordnet war, so konnte 
die Beseitigung der chromatischen Differenz der sphärischen Aberration nie 
vollkommen gelingen. 

Durch einen Versuch A.s, bei dem er Plüssigkeitslinsen zur Konstruktion 
von Mikroskobjektiven verwendete, war auch experimentell der Beweis 
erbracht, daß Besserung nur von dem Linsenmaterial mit abweichenden 
optischen Eigenschaften zu erwarten war. Nach einem 1878 verfaßten Be- 
richte über die Loan collection im South Kensington Museum, in dem er 
diesen Mangel an Material besonders hervorhob, kam die Verbindung mit 
dem Glastechniker O. Schott zustande, die später zu der Gründung des 
Jenaer Glaswerks von Schott & Gen. führte. Durch gemeinsame systematische 
Versuche gelang es bald, das Linsenmaterial zu ergänzen. 



10 Abbe. 

die das frappante Resultat ergab, daß nur die ein-eindeutige Zuordnung von 
Punkten zweier Räume durch Gerade, oder wie man dafür sagen kann: die 
kollineare Verwandtschaft zweier Räume eine optische Abbildung völlig 
charakterisiert. Verschiedene Gelehrte vor ihm hatten sich schon mit dieser 
Frage beschäftigt, aber immer viel zu viel unnötige Voraussetzungen gemacht. 
Anfänge zu ähnlichen Betrachtungen wie der A. sehen finden sich nur bei 
F. Möbius und Cl. Maxwell. 

Die wissenschaftliche Leistung eines Gelehrten wird vielfach mit Recht 
nach seinen Publikationen abgewogen. Wollte man bei A. auch danach 
urteilen, so würde man einen durchaus unrichtigen Kindruck gewinnen. Bei 
der umfangreichen Arbeit, die A. als Universitätslehrer, als Forscher und als 
Leiter eines rasch aufblühenden technischen Betriebes zu erledigen hatte, 
fehlte ihm meist die Zeit, seine Untersuchungsergebnisse zu veröffentlichen. 
Größere vollständige Abhandlungen, wie sie mehrfach von ihm geplant waren, 
sind nie zum Abschluß gekommen. Die verstreut publizierten Arbeiten A.s 
werden jetzt gesammelt und von einigen seiner Mitarbeiter in mehreren 
Bänden herausgegeben (Gesammelte Abhandlungen von Ernst Abbe. Erster 
Band. Abhandlungen über die Theorie des Mikroskops. Jena, G. Fischer, 1904. 
Zweiter Band. Wissenschaftliche Abhandlungen aus verschiedenen Gebieten. 
Patentschriften. Gedächtnisreden. Jena, G. Fischer, 1906.) Viele seiner 
wichtigen Forschungsresultate sind durch Briefe, kurze Notizen oder auch 
durch mündliche Überlieferungen seinen Freunden und Schülern übermittelt 
worden, die dann an seiner Stelle die Publikation besorgten. So wurde im 
Jahre 1893 die Theorie der optischen Instrumente nach E. Abbe von 
S. Czapski veröffentlicht. Schon der persönlichen Stellung A. gegenüber 
mußte Czapski unzweifelhaft der geeignetste Verfasser sein. Zu diesem Werke, 
das vor kurzem eine zweite Auflage (S. Czapski, Grundzüge der Theorie der 
optischen Instrumente. Zweite Auflage. Leipzig, J. A. Barth, 1904) erfuhr 
und auch in erweiterter Form, von mehreren wissenschaftlichen Mitarbeitern 
der Firma C. Zeiss überarbeitet, von M. v. Rohr herausgegeben wurde, (Die 
Theorie der optischen Instrumente. Erster Band. Die Bildererzeugung in 
optischen Instrumenten vom Standpunkte der geometrischen Optik. Heraus- 
gegeben von M. v. Rohr. Berlin, J. Springer, 1904), ist u. a. zum ersten- 
mal die allgemeine A.sche Abbildungstheorie dargestellt worden. Von 
anderen Autoren, die ebenfalls A.sche Forschungsergebnisse erstmalig publi- 
zierten, ist vor allem noch L. Dippel und O. Lummer zu erwähnen. 

A. kommt nun nicht nur das große Verdienst zu, die theoretisch voll- 
ständige Lösung verschiedener optischer Probleme gegeben zu haben, er ver- 
stand es auch meisterhaft, die gefundenen Resultate praktisch zu verwerten, 
wodurch er sich auch auf dem Gebiete der Technik unsterblichen Ruhm 
erwarb. 

Die seinerzeit völlig für unmöglich gehaltene fabrikatorische Herstellung 
von Mikroskopobjektiven nach genau vorausbestimmtem Konstruktionsplane ist 
von ihm zur höchsten Vollkommenheit geführt worden. Er selbst sagt 
darüber in einer seiner Arbeiten: »Die betreffenden Konstruktionen sind 
dabei bis in die letzten Einzelheiten — jede Krümmung, jede Dicke, jede 
Linsenöffnung — durch Rechnung festgestellt, so daß alles Tatonnement aus- 
geschlossen bleibt. Von jedem zu verarbeitenden Glasstück werden zuvor 



Abbe. 1 1 

die optischen Konstanten an einem Probeprisma mittels des Spektrometers 
gemessen, um Abweichungen des Materials durch geeignete Veränderung der 
Konstruktion unschädlich zu machen. Die einzelnen Bestandteile werden 
möglichst genau nach den vorgeschriebenen Maßen ausgeführt und zusammen- 
gesetzt, und nur bei den stärksten Objektiven wird ein Element der Kon- 
struktion (eine Linsendistanz) bis zuletzt variabel gelassen, um mittels des- 
selben die unvermeidlichen kleinen Abweichungen der Arbeit wieder 
ausgleichen zu können. — Es zeigt sich dabei, daß eine hinreichend gründ- 
liche Theorie in Verbindung mit einer rationellen Technik, die alle Hilfsmittel 
benutzt, welche die Physik der praktischen Optik bietet, auch bei der Kon- 
struktion der Mikroskope die empirischen Verfahrungsweisen mit Erfolg 
ersetzen kann.« (E. Abbe, Beiträge zur Theorie des Mikroskops und der mikro- 
skopischen Wahrnehmung. Gesammelte Abhandlungen. I. Band 1904. S. 47.) 

Die hohen Anforderungen, die dabei an die Präzision der Arbeit gestellt 
werden mußten, gab A. Veranlassung zur Konstruktion verschiedener Meß- 
instrumente. So entstanden der Dickenmesser, das Sphärometer und der 
Komparator, bei denen das Prinzip gewahrt ist, daß bei Längenmessungen 
der Maßstab immer die gradlinige Eortsetzung der zu messenden Strecke 
bilden muß. Das A.sche Spektrometer und Refraktometer dienen zur be- 
quemen Messung des Brechungs- und Zerstreuungsvermögens durchsichtiger 
Medien. Mit Hilfe des Focometers ist eine einfache und sichere Bestimmung 
der Brennweiten der verschiedensten Systeme möglich. 

Alle diese für den praktischen Optiker wichtigen Hilfsapparate stellte A. 
in uneigennützigster Weise der Allgemeinheit zur Verfügung. 

Nachdem nun die sich der fabrikatorischen Herstellung der Mikroskope 
entgegenstellenden Hindernisse beseitigt waren, blieb noch ein großer Übel- 
stand zu überwältigen übrig. Die damals dem Optiker zur Verfügung 
stehenden Hauptglasarten, das Krön- und das Flintglas, waren so beschaffen, 
daß eine weitere Verbesserung der Systeme, wie A. schon 1874 betonte, nur 
von der Beschaffung neuen Linsenmaterials mit optischen Eigenschaften zu 
erwarten war, die von denen der bisher üblichen Glasarten erheblich ab- 
wichen. Denn da es von den Flint- und Krongläsern kein Glaspaar gab, das 
einen gleichmäßigen Verlauf der Dispersion zeigte, mußte notwendig bei allen 
Konstruktionen ein störendes sekundäres Spektrum übrig bleiben. Und da 
andererseits auch bezüglich des Verhältnisses zwischen mittlerer Brechung und 
mittlerer Zerstreuung große Gleichförmigkeit herrschte, da der höheren 
Brechung auch immer die stärkere Zerstreuung zugeordnet war, so konnte 
die Beseitigung der chromatischen Differenz der sphärischen Aberration nie 
vollkommen gelingen. 

Durch einen Versuch A.s, bei dem er Flüssigkeitslinsen zur Konstruktion 
von Mikroskobjektiven verwendete, war auch experimentell der Beweis 
erbracht, daß Besserung nur von dem Linsenmaterial mit abweichenden 
optischen Eigenschaften zu erwarten war. Nach einem 1878 verfaßten Be- 
richte über die Loan collection im South Kensington Museum, in dem er 
diesen Mangel an Material besonders hervorhob, kam die Verbindung mit 
dem Glastechniker O. Schott zustande, die später zu der Gründung des 
Jenaer Glaswerks von Schott & Gen. führte. Durch gemeinsame systematische 
Versuche gelang es bald, das Linsenmaterial zu ergänzen. 



10 Abbe. 

die das frappante Resultat ergab, daß nur die ein-eindeutige Zuordnung von 
Punkten zweier Räume durch Gerade, oder wie man dafür sagen kann : die 
kollineare Verwandtschaft zweier Räume eine optische Abbildung völlig 
charakterisiert. Verschiedene Gelehrte vor ihm hatten sich schon mit dieser 
Frage beschäftigt, aber immer viel zu viel unnötige Voraussetzungen gemacht. 
Anfänge zu ähnlichen Betrachtungen wie der A. sehen finden sich nur bei 
F. Möbius und Gl. Maxwell. 

Die wissenschaftliche Leistung eines Gelehrten wird vielfach mit Recht 
nach seinen Publikationen abgewogen. Wollte man bei A. auch danach 
urteilen, so würde man einen durchaus unrichtigen Kindruck gewinnen. Bei 
der umfangreichen Arbeit, die A. als Universitätslehrer, als Forscher und als 
Leiter eines rasch aufblühenden technischen Betriebes zu erledigen hatte, 
fehlte ihm meist die Zeit, seine Untersuchungsergebnisse zu veröffentlichen. 
Größere vollständige Abhandlungen, wie sie mehrfach von ihm geplant waren, 
sind nie zum Abschluß gekommen. Die verstreut publizierten Arbeiten A.s 
werden jetzt gesammelt und von einigen seiner Mitarbeiter in mehreren 
Bänden herausgegeben (Gesammelte Abhandlungen von Krnst Abbe. Erster 
Band. Abhandlungen über die Theorie des Mikroskops. Jena, G. Fischer, 1904. 
Zweiter Band. Wissenschaftliche Abhandlungen aus verschiedenen Gebieten. 
Patentschriften. Gedächtnisreden. Jena, G. Fischer, 1906.) Viele seiner 
wichtigen Forschungsresultate sind durch Briefe, kurze Notizen oder auch 
durch mündliche Überlieferungen seinen Freunden und Schülern übermittelt 
worden, die dann an seiner Stelle die Publikation besorgten. So wurde im 
Jahre 1893 die Theorie der optischen Instrumente nach E. Abbe von 
S. Czapski veröffentlicht. Schon der persönlichen Stellung A. gegenüber 
mußte Czapski unzweifelhaft der geeignetste Verfasser sein. Zu diesem Werke, 
das vor kurzem eine zweite Auflage (S. Czapski, Grundzüge der Theorie der 
optischen Instrumente. Zweite Auflage. Leipzig, J. A. Barth, 1904) erfuhr 
und auch in erweiterter Form, von mehreren wissenschaftlichen Mitarbeitern 
der Firma C. Zeiss überarbeitet, von M. v. Rohr herausgegeben wurde, (Die 
Theorie der optischen Instrumente. Erster Band. Die Bildererzeugung in 
optischen Instrumenten vom Standpunkte der geometrischen Optik. Heraus- 
gegeben von M. v. Rohr. Berlin, J. Springer, 1904), ist u. a. zum ersten- 
mal die allgemeine A.sche Abbildungstheorie dargestellt worden. Von 
anderen Autoren, die ebenfalls A.sche Forschungsergebnisse erstmalig publi- 
zierten, ist vor allem noch L. Dippel und O. Lummer zu erwähnen. 

A. kommt nun nicht nur das große Verdienst zu, die theoretisch voll- 
ständige Lösung verschiedener optischer Probleme gegeben zu haben, er ver- 
stand es auch meisterhaft, die gefundenen Resultate praktisch zu verwerten, 
wodurch er sich auch auf dem Gebiete der Technik unsterblichen Ruhm 
erwarb. 

Die seinerzeit völlig für unmöglich gehaltene fabrikatorische Herstellung 
von Mikroskopobjektiven nach genau vorausbestimmtem Konstruktionsplane ist 
von ihm zur höchsten Vollkommenheit geführt worden. Er selbst sagt 
darüber in einer seiner Arbeiten: »Die betreffenden Konstruktionen sind 
dabei bis in die letzten Einzelheiten — jede Krümmung, jede Dicke, jede 
Linsenöffnung — durch Rechnung festgestellt, so daß alles Tatonnement aus- 
geschlossen bleibt. Von jedem zu verarbeitenden Glasstück werden zuvor 



Abbe. 1 1 

die optischen Konstanten an einem Probeprisma mittels des Spektrometers 
gemessen, um Abweichungen des Materials durch geeignete Veränderung der 
Konstruktion unschädlich zu machen. Die einzelnen Bestandteile werden 
möglichst genau nach den vorgeschriebenen Maßen ausgeführt und zusammen- 
gesetzt, und nur bei den stärksten Objektiven wird ein Element der Kon- 
struktion (eine Linsendistanz) bis zuletzt variabel gelassen, um mittels des- 
selben die unvermeidlichen kleinen Abweichungen der Arbeit wieder 
ausgleichen zu können. — Es zeigt sich dabei, daß eine hinreichend gründ- 
liche Theorie in Verbindung mit einer rationellen Technik, die alle Hilfsmittel 
benutzt, welche die Physik der praktischen Optik bietet, auch bei der Kon- 
struktion der Mikroskope die empirischen Verfalirungsweisen mit Erfolg 
ersetzen kann.« (E. Abbe, Beiträge zur Theorie des Mikroskops und der mikro- 
skopischen Wahrnehmung. Gesammelte Abhandlungen. I. Band 1904. S. 47.) 

Die hohen Anforderungen, die dabei an die Präzision der Arbeit gestellt 
werden mußten, gab A. Veranlassung zur Konstruktion verschiedener Meß- 
instrumente. So entstanden der Dickenmesser, das Sphärometer und der 
Komparator, bei denen das Prinzip gewahrt ist, daß bei Längenmessungen 
der Maßstab immer die gradlinige Fortsetzung der zu messenden Strecke 
bilden muß. Das A.sche Spektrometer und Refraktometer dienen zur be- 
quemen Messung des Brechungs- und Zerstreuungsvermögens durchsichtiger 
Medien. Mit Hilfe des Focometers ist eine einfache und sichere Bestimmung 
der Brennweiten der verschiedensten Systeme möglich. 

Alle diese für den praktischen Optiker wichtigen Hilfsapparate stellte A. 
in uneigennützigster Weise der Allgemeinheit zur Verfügung. 

Nachdem nun die sich der fabrikatorischen Herstellung der Mikroskope 
entgegenstellenden Hindernisse beseitigt waren, blieb noch ein großer Übcl- 
stand zu überwältigen übrig. Die damals dem Optiker zur Verfügung 
stehenden Hauptglasarten, das Krön- und das Flintglas, waren so beschaffen, 
daß eine weitere Verbesserung der Systeme, wie A. schon 1874 betonte, nur 
von der Beschaffung neuen Linsenmaterials mit optischen Eigenschaften zu 
erwarten war, die von denen der bisher üblichen Glasarten erheblich ab- 
wichen. Denn da es von den Flint- und Krongläsern kein Glaspaar gab, das 
einen gleichmäßigen Verlauf der Dispersion zeigte, mußte notwendig bei allen 
Konstruktionen ein störendes sekundäres Spektrum übrig bleiben. Und da 
andererseits auch bezüglich des Verhältnisses zwischen mittlerer Brechung und 
mittlerer Zerstreuung große Gleichförmigkeit herrschte, da der höheren 
Brechung auch immer die stärkere Zerstreuung zugeordnet war, so konnte 
die Beseitigung der chromatischen Differenz der sphärischen Aberration nie 
vollkommen gelingen. 

Durch einen Versuch A.s, bei dem er Flüssigkeitslinsen zur Konstruktion 
von Mikroskobjektiven verwendete, war auch experimentell der Beweis 
erbracht, daß Besserung nur von dem Linsenmaterial mit abweichenden 
optischen Eigenschaften zu erwarten war. Nach einem 1878 verfaßten Be- 
richte über die Loan collection im South Kensington Museum, in dem er 
diesen Mangel an Material besonders hervorhob, kam die Verbindung mit 
dem Glastechniker O. Schott zustande, die später zu der Gründung des 
Jenaer Glaswerks von Schott & Gen. führte. Durch gemeinsame systematische 
Versuche gelang es bald, das Linsenmaterial zu ergänzen. 



1 2 Abbe. 

Diese neuen Glasarten in Verbindung mit dem optisch günstig liegenden 
Fluorit ermöglichten es A., 1886 ein Mikroskopobjektiv zu schaffen, wie es 
so vollkommen herzustellen bisher ganz unmöglich gewesen war. Dieser 
jetzt allgemein bekannte Objektivtypus erhielt den Namen Apochromat. Die 
Vermeidung des sekundären Spektrums und der chromatischen Differenz der 
sphärischen Aberration war bei diesem System völlig gelungen, nur blieb eine 
jedoch bei allen Objektiven gleiche chromatische Vergrößerungsdifferenz be- 
stehen, die sich aber bequem durch die Anwendung der Kompensations- 
okulare aufheben läßt. 

Die ferner durch A. eingeführten mikroskopischen Hilfsinstrumente: 
der Beleuchtungsapparat, der Zeichenapparat und das Apertometer, haben 
nicht unwesentlich zur Verbesserung des Mikroskops beigetragen. 

Daß A.s Errungenschaften auf dem Gebiete des Mikroskopbaues auch für 
die anderen Zweige der optischen Industrie nicht ohne fruchtbaren Einfluß 
blieben, ist kaum zu erwähnen nötig. 

Einen ganz ungeahnten Erfolg hatte noch die selbständige Wiedererfindung 
des Prismenumkehrsystems, wie es in den Prismenfeldstechern verwendet 
wird, und das schon viele Jahre vorher von einem italienischen Ingenieur 
namens Porro erdacht worden, aber in Vergessenheit geraten war. Schon in 
den siebziger Jahren hatte A. ein solches Fernrohr anfertigen lassen; aber 
erst das neue Borosilikatglas machte die bequeme Herstellung von Prismen 
im großen Maßstabe möglich. 

Durch die A.sche Konstruktion des binokularen Prismenfemrohrs mit 
erweitertem Objektivabstand wurde das Prinzip des Helmholtzischen Tele- 
stereoskop das erstemal praktisch verwertet. 

Alle Erfindungen und Neuerungen A.s sind aber nicht nur der von ihm 
geleiteten Jenaer Werkstätte zugute gekommen. Das gesamte Rüstzeug, 
seien es theoretische Überlegungen, sei es das verbesserte Material oder die 
verfeinerten Werkzeuge, wurde von ihm allen optischen Betrieben zugäng- 
lich gemacht, so daß behauptet werden darf, daß die gesamte optische 
Industrie A. eine Förderung verdankt, wie sie sie nie vorher, weder durch 
Dollond noch auch durch Fraunhofer erfahren hat. 

So hervorragend nun auch die Errungenschaften A.s als wissenschaftlicher 
Forscher sind, so bedeutend die auf ihnen beruhenden technischen Erfolge, A. 
selbst betrachtete nicht sie, sondern die Verwirklichung seiner sozialen Ideen 
und Ziele innerhalb des von ihm geleiteten Industriezweiges durch Schaffung 
der Carl Zeiss-Stiftung als die eigentliche Krönung seiner ganzen Lebens- 
arbeit Und fürwahr! »Wie Fackeln und Feuerwerk vor der Sonne blaß 
und unscheinbar werden, so wird Geist und Genie überstrahlt und verdunkelt 
von der Güte des Herzens.« Denn wenn auch A. selbst immer wieder 
ängstlich betonte, daß die Carl Zeiss-Stiftung in keinem Punkte den Charakter 
der »milden Stiftung« haben soll, daß das Ziel seiner Bestrebungen durchaus 
nicht gewesen sei, in seinem Wirkungskreise Caritas zu fördern, sondern ganz 
allein, die Rechtslage aller derjenigen zu heben, die in diesen Wirkungskreis 
eingetreten seien — nur ein von der reinsten Liebe, der idealsten dfdTrr^ 
erfülltes Herz konnte ein selbstverständliches Tun in solchen Handlungen 
erblicken und vorschreiben, die der Gegenwart nun einmal nur in der Be- 
gründung durch karitative Regungen verständlich erscheinen. A. hatte sich 



Abbe. 



13 



klar gemacht, daß die fortschreitende Entwicklung der Industrie immer mehr 
zur Auflösung des sog. alten Mittelstandes führen müsse, daß der kleine 
selbständige Gewerbtreibende aussterbe, und dafür sich ein neuer Stand 
herausbilde, der des Fabrikarbeiters, der berufen erschiene, das freiwerdende 
Erbe anzutreten. Kraft der Überlegenheit aber, die dem durch seinen Kapital- 
besitz mächtigen Unternehmer gegenüber dem Arbeiter gegeben ist, droht 
die Gefahr, daß immer größere Massen des Volkes in ein unwürdiges 
Abhängigkeitsverhältnis versinken; eine Gefahr, der durch das allgemeine 
»Proletarierrecht« der Gewerbeordnung in einer A. nicht genügend erschei- 
nender Weise begegnet werde. Er wollte daher durch die Bestimmungen 
seines Stiftungsstatuts — dieser y> magna Charta eines zukunftsreichen sozialen 
Arbeiterrechtes« — klagbare Einzelrechte gewähren und hoffte, durch seine 
Festsetzungen vorbildlich wirken zu können. Hier liegt der grundsätzliche 
Unterschied seines Vorgehens gegenüber dem, das sich in den üblichen 
» Wohlfahrtsbestrebungen « anderer Unternehmer darstellt. Keine Philanthropie, 
sondern Gerechtigkeit! Er sagt selbst: »Maßnahmen von wirklich sozialer 
Tendenz atmen durchaus nicht Wohlwollen und Menschenfreundlichkeit; im 
Gegenteil, sie zeigen nach ihren unmittelbaren Folgen für viele einzelne 
angesehen, durchweg den Stempel des Kalten, Harten, Rücksichtslosen. Die 
sozialen Aufgaben beziehen sich nicht auf das Verhältnis von Mensch zu 
Mensch als Personen, sondern allein auf das Verhältnis von Klasse zu Klasse. 
Bei der Beurteilung der Wirkung sozialer Einrichtungen muß die höhere 
Gerechtigkeit und Ethik, die auf das Wohl des Ganzen sieht, sich kalt 
hinwegsetzen über die Rücksichten auf das Wohl Einzelner, wo deren 
Interesse dem Interesse der Klasse entgegen ist. Unverhüllt muß also aus 
den sozialen Einrichtungen die harte Notwendigkeit herausschauen, daß 
sozialer Fortschritt über Leichen geht — über die Schwachen und Unfähigen, 
die nicht mitkommen können.« — Nicht dem Schwachen soll geholfen 
werden, sondern der Starke soll stark erhalten bleiben, er soll davor bewahrt 
bleiben, daß er in Schwäche verfällt! — 

Diesen Gedanken durchzuführen, war die Absicht, die ihn bei der 
Schaffung des Stiftungsstatutes leitete, auf Grund dessen dann der Arbeits- 
vertrag für die optische Werkstätte gestaltet worden ist. In ihm ist der 
Grundsatz betont, kein Abhängigkeitsverhältnis, sondern überall nur freies 
Vertrags Verhältnis! Er setzte fest: achtstündige Arbeitszeit, Überstunden 
und Feiertagsarbeit nur bei Einverständnis der Arbeiter mit Gewährung 
hoher Zulagen, Unmöglichkeit, den einmal bezogenen festen Zeitlohn wieder 
herabzusetzen, Garantie dieses Zeitlohnes bei Akkordarbeit, die nur auf Grund 
freier Vereinbarung gestattet ist, und bei Arbeitsmangel; Bezahlung der in die 
Woche fallenden Feiertage, weitgehende Entschädigung bei unverschuldeter 
Arbeitsversäumnis, Nachschußzahlung an Lohn bei günstigem Geschäftsabschluß 
(eine Art Gewinnbeteiligung), Urlaubsbefugnis mit Fortgewährung des Lohnes, 
Abgangsentschädigung in wechselnder Höhe, mindestens aber in Höhe des 
Zeitlohnes für ein halbes Jahr bei unverschuldetem Verlust der Arbeit nach 
dreijähriger Dienstzeit und schließlich Pensionsberechtigung für sich und die 
Familie nach fünfjähriger Tätigkeit im Dienste der Firma. Vor allem aber 
soll »das Rechtsverhältnis zwischen Fabrik und Arbeitern sich völlig frei 
halten von jeder moralisierenden Tendenz und von jedem Strafanimus«. 



14 



Abbe. 



Bezeichnend ist, daß A. als einzigen Fehler des Stiftungsstatutes selbst angab, 
daß es den Arbeitern freiwillig gewährt worden und nicht von ihnen erkämpft 
sei! Nun, dieser Fehler — wenn es einer ist — mußte doch wohl gemacht 
werden, um dem Stiftungsstatute außer Arbeite r rechten auch andere Rechts- 
normen einfügen zu können, die schwerlich von der Arbeiterschaft freiwillig 
zugestanden worden wären. A. hielt nicht nur die gegenwärtig im Betriebe 
Tätigen für die Werte schaffenden Kräfte, denen daher ein Anteil am erzielten 
Gewinne zufallen mußte, sondern er zog die Grenzen der Berechtigung viel 
weiter. Er schrieb der Universität, die den leitenden Personen ihre Kennt- 
nisse, die sie für ihre schwierige Aufgabe erst befähigen, übermittelt hatte, 
die dauernd neue Kräfte heranbildet, deren spätere Leistungen dem Werke 
zugute kommen können, einen Hauptanteil an den Überschüssen zu; dann 
aber glaubte er auch dem Staate, der Gemeinde, unter deren Schutz, im 
Genüsse von deren Organisationen das Werk hatte produzieren können, einen 
Anteil dadurch anweisen zu müssen, daß ihre gemeinnützigen Institutionen, 
Schulen, Krankenhäuser u. dergl. vermehrt würden und Zuwendungen erführen. 
Es ist völlig ausgeschlossen, daß die Arbeiterschaft aus sich selbst heraus 
derartige Opferwilligkeit bewiesen hätte. Für die Universität Jena, die ohne 
die reichen Zuwendungen, die ihr A. auf diese Weise geschaffen, längst von 
ihrer Höhe herabgesunken wäre, war und ist auch für die Zukunft die Carl 
Zeiss-Stiftung neben den vier thüringischen Staaten zum fünften Erhalterstaate 
geworden. Und Jena, das kleine bescheidene Städtchen noch der siebziger 
Jahre, hat durch A.s Wirksamkeit eine ungeahnte Entwicklung erfahren. Es 
sei von den vielen gemeinnützigen Schöpfungen in der Stadt nur der Pracht- 
bau des »Volkshauses« erwähnt, das mit einem Kostenaufwande von nahezu 
I Million erbaut ist und eines jährlichen Zuschusses von etwa 20000 M. be- 
darf zur Unterhaltung der in ihm untergebrachten Sammlungen, Bibliothek 
und Lesehallen, Kunsthalle, Gewerbeschule und Versammlungsräume. 

Seine Erbauung und Unterhaltung ist eine der Aufgaben, die der Carl 
Zeiss-Stiftung durch Statut aufgetragen sind: »Betätigung in gemeinnützigen 
Einrichtungen und Maßnahmen zugunsten der arbeitenden Bevölkerung Jenas 
und seiner nächsten Umgebung« — eine Aufgabe, deren Grenzen weit genug 
zu stecken sind. — Für die Vertretung der Carl Zeiss-Stiftung als juristischer 
Person, die Verwaltung ihres Vermögens und die oberste Leitung ihrer 
Angelegenheiten besteht eine Stiftungsver waltung, deren Rechte und 
Obliegenheiten demjenigen Departement des Großherzogl. Sachs. Staats- 
ministeriums zustehen, denen die Angelegenheiten der Universität Jena unter- 
stellt sind. Die Stiftungsverwaltung ernennt die Vorstände (kollegialische 
Geschäftsleitungen) der Stiftungsbetriebe und wird bei diesen Betrieben durch 
einen ständigen Kommissar vertreten. — 

Der Charakteristik A.s, die sich am besten in seinen Werken darstellt, 
sind nur wenige Einzelheiten noch hinzuzufügen. Wenn man ihm gelegent- 
lich ein gewisses Hinneigen zu den Bestrebungen der sozialdemokratischen 
Partei nachgesagt hat, so ist dies eine Ansicht, die aus seinem Verhalten 
gelegentlich wohl gefolgert werden könnte. Es entsprach durchaus seinem 
Charakter, überall die Partei der Unterdrückten zu nehmen, und, solange die 
Sozialdemokratie tatsächlich zu dieser Partei gehörte, fand der gute Kern 
ihrer Bestrebungen: »Bekämpfung der Auswüchse eines schrankenlos sich 



Abbe. 



15 



betätigenden Kapitalismus und die Hebung der dadurch gedrückten Lage 
des kapitallosen Teiles der Bevölkerung« seine Zustimmung. Aber zu 
weiteren Zugeständnissen war er nicht bereit, er schloß sich der Partei auch 
niemals an, deren letzte Tendenzen er vielmehr durchaus verwarf. 

Er war zu klaren und überlegenen Geistes und wurzelte zu sehr im 
Boden reicher praktischer Erfahrung, als daß er über den bedenklichen 
Utopismus der von der Sozialdemokratie in letzter Linie erstrebten Wirt- 
schafts- und Sozialverfassung jemals sich hätte täuschen oder ihrem Ideal 
hätte Geschmack abgewinnen können. Er erblickte allerdings nicht in der 
Anwendung von Polizeimaßregeln, in der gewaltsamen Unterdrückung eines 
Parteistandpunktes das wirksame Mittel zur Bekämpfung der zielbewußten 
Sozialdemokratie, sondern in einer Sozialpolitik, wie er sie selbst in seinem 
kleinen Wirkungskreise vertrat; sein Stiftungsstatut zeigt trotz scharfer Gegner- 
schaft gegen jede Kapitalwillkür nirgends auch nur den leisesten Ansatz zu 
einer sozialistischen Ausgestaltung und hält sich streng auf dem Boden der 
bestehenden Wirtschaftsordnung. 

Und wenn ihm ein weiterer Vorwurf gemacht worden ist, daß die Be- 
zeichnungen für den Begriffskomplex Vaterland — Patriotismus — Kirche 
aus seinem Wortschatze gestrichen erschienen hätten, so ist allerdings wahr, 
daß die zu diesem Thema gehörenden Worte in seinen Reden und Schriften 
nicht zu finden waren. Aber diese Zurückhaltung hatte ihren Grund ledig- 
lich darin, daß er im Namen dieser Güter soviel Unrecht begehen, unter 
ihrem Deckmantel soviel unlauteres Streben sich verbergen sah. »Wer aber«, 
führte Dr. Czapski in seiner Gedächtnisrede auf A. weiter aus, »war ein 
besserer Patriot als der Mann, der das größte und schönste Werk seines 
Lebens mit unablässigem Bemühen, mit selbstlosestem Verzicht auf das, 
woran andere so fest sich klammern, und auf manches, was ihm selbst teuer 
war — der dieses Werk aufgerichtet hat, ganz wesentlich zu Nutz und 
Frommen des Vaterlandes, der Nation? Die Gründung der Carl 
Zeiss-Stiftung war eine patriotische Tat ersten Ranges und im 
engsten Sinne des Wortes nicht nur nach ihren objektiven Folgen, sondern 
auch nach dem persönlichen Willen und Bewußtsein des Gründers. 
— Der Erfolg des hier unternommenen Versuches sollte zur Nachfolge ermu- 
tigen, damit an mehr und mehr Stellen von unserem Volke die Gefahr 
abgewendet werde, daß ein großer, immer wachsender Teil seiner Bürger 
rechtlich und wirtschaftlich ins Helotentum, in die Halbsklaverei versinke.« 
Und der durch seinen evangelischen Diakonieverein bekannte Professor 
Zimmer schrieb über A. : » Gerade weil ich Theologe bin, von Herzen Christ 
und aus Überzeugung Theologe, ist es mir ein ernstes Anliegen, diesem 
Manne, der sich freiwillig von unserer Kirche geschieden, die Palme dankbarer 
Anerkennung auf das Grab zu legen . . . Was war das doch für ein Mann, 
von aufrechtem, geradem Charakter, von unglaublicher Selbstlosigkeit und 
weitestgehendem Wohlwollen! . . . Und wenn einmal jemand dazu kommen 
sollte, Zeugnisse des »unbewußten Christentums« zu sammeln — ein 
gerade in seiner Schlichtheit hellleuchtendes Ruhmesblatt würde den Namen 
tragen: Ernst Abbe! — « 

Von rührender Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit hat er sein Leben 
lang alle Anerkennungen und Auszeichnungen abgelehnt. An seinem Sarge 



1 6 Abbe. Heinzel. 

aber vereinigten sich 2000 Angehörige zweier Großbetriebe, die er ins Leben 
gerufen hatte, die Vertreter der Universität und der Bürgerschaft Jenas, ge- « 
lehrte und industrielle Gesellschaften mit regierenden Fürsten und Arbeiter->f 
vereinen, um dem Toten ihre Bewunderung und ihren Dank nachzurufen, dem ^ 
der Lebende stets aus dem Wege gegangen war. — ' -» 

Literatur (außer der im Text bereits genannten): Ernst Abbe, Gesammelte Abband«»''' 
langen. Hd. i. u. 2. Jena, Gustav Fischer. (Band 3 in Vorbereitung.) — PierstorfT, Die 
Carl Zeiss-Stiftung. Schmollers Jahrbuch XXI, 2. Leipzig 1897. — Krnst Abbe als Sozial- 
politiker. Beilage zur Allgem. Zeitg. München Nr. 92 u. 93. — Auerbach, Das Zeiss-Werk 
und die Carl Zeiss-Stiftung. 2. Aufl. Jena 1904. — Ackermann, Ernst Abbe. »Evangel. 
Gemeindeblatt«. Heidelberg Nr. 5, 7, 8, 9. 1905. — Czapski, Nachruf auf Ernst Abbe 
(als wissenschaftlichen Forscher). Braunschweig, Vieweg & Sohn. 1905. — Flesch, Abbe 
und die Bakteriologie. »Frankfurter Zeitung« v. 17. Januar 1905. — Glazcbrook in ^NaUiroL 
V. 26. Januar 1905. London. — Gedenkreden und Ansprachen, gehalten bei der Trauerfeier 
für Ernst Abbe am 17. Januar 1905. Jena, Bemh. Vopclius. — Jenaer Volksblatt v. 15., 
17, und 19. Januar 1905. — Knopf im »Jahresbericht der Deutsch. Mathematischen Ver- 
einigung« Bd. XIV, Heft 5, 1905, u. Vierteljahrsschr. d. Astronom. Ges., 40. J.ahrg., 3. Heft 
I905' — Oldenberg, in »Vossische Zeitung« v. 17. Januar 1905. — v. Rohr, in »Zeit- 
schrift für Instrumentenkunde« Bd. 25. 1905. — Thieme, Die Carl Zeiss-Stiftung im 
»Jenaer Volksblatt« vom 2 — 9. September 1896. — Wandersieb, in »Naturwissenschaft!. 
Rundschau«. XX Jahrg., Nr. 14. — Winkelmann, Akademische Gedächtnisrede. Jena, 

Gust. Fischer. 1905. 

Hahn. Dr. Henker. 

Heinzel, Richard, Professor an der Universität Wien, * 3. November 1838 zu 
Capo d'Istria, f 4. April 1905 zu Wien. — 18 19 ist das Geburtsjahr der deutschen 
Philologie als selbständiger Wissenschaft, denn damals erschien der erste Band 
von Jakob Grimms »Deutscher Grammatik« und genauer ihr Geburtstag der 
29. September 18 18, denn an diesem unterzeichnete der Meister die Vorrede 
des Werkes, auf welchem, mag es in allem einzelnen noch so durchgreifend 
berichtigt sein, bis heute unsere Disziplin beruht. Sonach wird binnen nicht 
gar ferner Zeit das erste Jahrhundert ihres Bestandes ablaufen, und es wird 
sich, wofern unserer nach dem Vergnügen der Selbstbespiegelung begierigen 
Generation die Lust an Jubiläen bis dahin nicht vergeht, mit aller Feierlich- 
keit ein Rückblick veranstalten lassen. Dürfte man es deshalb ein Wagnis 
schelten, wenn im folgenden der Versuch unternommen wird, das Lebenswerk 
des Mannes zu überschauen, der vor kurzem jählings von uns schied und durch 
40 Jahre mit Kraft und Erfolg an dem Aufbau der deutschen Philologie mit- 
gearbeitet hat.? Es ist eine gar stattliche Zahl von Büchern und Schriften, die 
das Erbe ausmacht, welches H. uns hinterließ, und es dünkt mich, unsere 
Wissenschaft wäre übel beraten, sollte es ihr nicht glücken, darzustellen, wo 
sein Wirken anknüpfte und einsetzte, wie es sich entfaltete, was wir ihm ver- 
danken und in welcher Richtung es das Forschen der jung heraufwachsenden 
Geschlechter beeinflussen mag. 

Innerhalb dieser ersten großen Lebensperiode der deutschen Philologie, 
die sich nunmehr ihrem Ende zuneigt, lassen sich unschwer Abschnitte, in 
dem Zusammenhange der Entwicklung Gegensätze und aus deren Entfalten 
wieder ein stetiger Fortschritt erkennen. Geboren ward die deutsche Philo- 
logie, die Wissenschaft vom Geistesleben der deutschen Nation, von ihrer 
Kultur, ihrem Schrifttum, ihrer Kunst, aus jener umfassenden Erregung des 



Heinzcl. 



17 



Volkswesens, die mit Ausgang des 18. Jahrhunderts begann, aus der Romantik. 
Und sie hat die Spuren ihres Ursprunges länger an sich getragen, als heute 
die meisten ihrer Jünger denken. Engstens verbunden mit dem Erwachen 
des deutschen Genius, der seine eigene Kraft wieder fühlte, seit er sich auf 
seine Vergangenheit besann, strebte die junge deutsche Philologie an der 
Seite ihrer Mutter, der klassischen, empor, indem sie mit einer Art verzückten 
Bewunderns den Blick der auftauchenden Herrlichkeit des deutschen Alter- 
tums zuwandte. Jakob Grimm sah in der Geschichte der deutschen Sprache 
und Poesie nur den Prozeß eines Absteigens von einer Höhe, die der Urzeit 
allein eigen war, von uns zwar ersehnt, aber nicht erreicht werden kann, 
vom Mittelalter zur Neuzeit gibt es ihm nicht Entwicklung, sondern nur 
Verschlechtern und Verfallen: die ursprüngliche Vollkommenheit einer ein- 
fachen Volksnatur hat sich aufgelöst, als ihre Einheit unter dem Herandringen 
fremder Kulturen zerfiel, sie zerbröckelt, und es sind nur immer kläglichere 
Trümmer, welche uns von der einstigen Größe erübrigen. Die Weise wissen- 
schaftlichen Betrachtens, die solchermaßen eingeleitet wurde, trägt durchweg 
die Farbe der Elegie. Wir können nichts Besseres tun, als eifrig die Reste 
aufsammeln und durch verbindende Phantasie uns die Pracht vorstellen, die 
in ihrer Totalität uns unwiederbringlich verloren bleibt. So klingt bei aller 
Freude des Findens und Aufdeckens der alten Schätze in Jakob Grimms 
Arbeiten immer ein leiser Ton der Klage mit, ein wehmütiges Vergleichen 
zwischen dem Ideal des Mittelalters und der kümmerlichen Gegenwart. Im 
Banne dieser Stimmungen befand sich auch Karl Lachmann, der größte 
Philologe, den das 19. Jahrhundert kannte, wenngleich, gemäß seinem Naturell, 
die Weichheit schwand und die romantische Sehnsucht in die Energie des 
Rekonstruierens der altdeutschen Poesie sich umsetzte. Der Grundzug aber 
blieb und hat sich auf Moritz Haupt vererbt und nicht minder auf Karl 
Müllenhoff, den Gründer und Führer einer neuen Schule von deutschen 
Philologen in Berlin. Müllenhoff wußte die Kunst Goethes und Schillers 
nach Gebühr einzuschätzen und meinte, mit ihr eine neue Bahn ästhetischer 
Erziehung eröffnet, ein neues Kulturideal erschlossen zu sehen, sein Herz 
aber hing doch mit allen Fasern an der frühen Größe des deutschen Volkes, 
auch er empfand die allmählichen Veränderungen im Wesen der Nation seit 
dem 13. Jahrhundert als einen inneren Bruch, der nach der Reformation nicht 
mehr zu heilen war und von dem aus nur ein Neues entwickelt, nicht das 
Alte fortgesetzt werden konnte, dieses war der Zersetzung durch Christentum 
und Antike endgültig erlegen. Wie sein Lehrer Lachmann, so besaß auch 
Müllenhoff die höchsten Vorstellungen von dem Glänze und der Schönheit 
altgermanischer Poesie, und der Maßstab, den er dafür nicht den vorhandenen 
Dichtwerken selbst, sondern seiner eigenen romantischen Auffassung entnahm, 
diente der genialen Intuition seiner Erklärung und Kritik als Richtlinie. 

Die Anschauungen Müllenhoffs und die Macht seiner Persönlichkeit 
haben bestimmend auf Wilhelm Scherer gewirkt, mit dem ein neues Geschlecht 
in der deutschen Philologie an die Arbeit gelangt. Es wäre hier nicht der 
Ort und wohl auch im allgemeinen überflüssig, von den glänzenden Gaben 
Scherers ein Bild zu entwerfen und darauf zu verweisen, wie die wichtigste 
darunter, das Kombinationsvermögen, von Müllenhoff in die strenge Zucht 
Lachmannscher Überlieferung genommen ward. H., um wenige Jahre älter 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekroln|r. xo. Bd. 2 



1 3 Heinzel. 

als Scherer und dessen nächster Freund von Jugend auf, hat gleichwohl, wie 
er selbst bekennt, schon während seiner Universitätszeit unter dem »mächtigen, 
belehrenden und spornenden Einflüsse« des frühreifen Genossen gestanden, 
er ist sozusagen dessen »ältester und erster« Schüler geworden, hat von ihm 
gelernt, was gelehrte Arbeit bedeutet. Und dies, obschon die Anlagen beider, 
Neigungen und Temperament, Richtungen ihres Ausbildens sehr stark von- 
einander abwichen. H. war der Sohn eines Gymnasialprofessors, dem edlen 
Sinne seines Vaters hat er durch die Veröffentlichung des Briefwechsels 
zwischen diesem und seinem Freunde Enk von der Burg das schönste Denkmal 
gesetzt: diese beiden »österreichischen Schulmänner« verdienten ein wärmeres 
Gedenken, als ihnen zuteil geworden ist. Es war die Luft des Studierens, 
in der H.s Jugend gedieh, aber auch des Entbehrens, immer war er auf seine 
eigene Arbeit gestellt, niemals hat er vermocht, seinen Wünschen ungehemmt 
nachzugehen. Scherer, auch in diesem Sinne ein Kind des Glückes, fand 
alle wesentlichen Hemmnisse früh aus seinem Wege geräumt, konnte An- 
regung und Förderung sich holen, wo sie zu finden waren, und durfte dem 
Schwünge seines Wesens einen weiten Spielraum verstatten. Frühzeitig durch 
Gervinus, Gustav Freytag, Julian Schmidt und vor allem durch Jakob Grimm 
von Begeisterung für das deutsche Volkstum erfüllt, hat Scherer sich und 
seine Arbeit in den Dienst des nationalen Gedankens gestellt; H., schon an- 
fangs mit romanischem Wesen vertraut, pflegte stiller seine deutsche Ge- 
sinnung und vermochte nach seiner Eigenart der Besonderheit fremder Nationen, 
vornehmlich der Romanen und Slaven, teilnahmsvoller entgegenzukommen. 
Scherer strebte, bestärkt durch französische und englische Einflüsse, die deutsche 
Philologie zu dem Mittelpunkte alles historischen Erkennens unseres Volkes 
emporzuheben und durch allseitige Vervollkommnung der Methoden den vor- 
dringenden Naturwissenschaften siegreich an die Seite zu stellen; H. wollte 
die naturwissenschaftlichen Methoden des Zählens, Messens, Wagens und 
Scheidens auf die Philologie übertragen, um durch ihren Gebrauch seiner 
Wissenschaft neben jenen einen festen, berechtigten Platz zu erobern. Die 
Grundlinien dieser Verschiedenheit sind bald in dem Wesen beider Männer 
wahrzunehmen und hatten sich nachmals immer stärker verdeutlicht. 

Fürs nächste aber muß H. als ein Arbeitsgenosse Wilhelm Scherers an- 
gesehen und daher der Schule Lachmanns zugeordnet werden, deren Leitung 
Müllenhoff übernommen hatte. Der Hauptkampf, in welchem die Lehr- 
meinungen über die Entstehung unseres nationalen Epos, der Nibelungen, 
erörtert wurden, hatte sich bereits in den Fünfzigerjahren abgespielt, aber 
noch immer dauerte er fort, die Thesen von Bartsch und Pfeiffer entflammten 
ihn aufs neue, und er ward nach Osterreich übertragen, politische Differenzen 
mengten sich ein und ließen die Gemüter nicht zur Ruhe kommen. H. hat 
in den Fragen über die Handschriften der Nibelungen, ob das Volksepos als 
ein einheitliches Werk oder als die später dazu redigierte Schöpfung mehrerer 
Dichter aufzufassen sei, lange Zeit hindurch unbedingt auf Seite der Lach- 
mannschen Schule gestanden, obgleich er selbst nicht unmittelbar tätig in 
den Streit eingriff. Die Auflockerung nun der eng gebundenen Verhältnisse 
vollzog sich vorerst auf einem anderen Gebiete. Lange Zeit hindurch hatten 
die Studien der historischen Grammatik nahezu ganz geruht, als Scherer 1868 
mit seinem Buche »Zur Geschichte der deutschen Sprache <v einen kühnen 



Heinzel. 



19 



Wurf tat und durch die Verknüpfung eindringlichen Beobachtens der ge- 
schriebenen Laute in den Denkmälern mit dem des wirklich gesprochenen 
Lautes, also der Lautgeschichte mit der Ph)rsiologie, neue Bahnen erschloß. 
Dieses Werk, das zugleich in der Verwegenheit seiner Konstruktionen, ja, 
seiner Spekulation, etwas Herausforderndes besaß, löste euie lebhafte Bewegung 
aus, und zwar zuvörderst in Leipzig. Dort lehrte seit geraumer Zeit Friedrich 
Zamcke, ein Mann, ausgezeichnet sowohl durch Scharfsinn als durch Nüchtern- 
heit, an bibliographischen Studien zu einem sorgsamen Abwägen der Einzeln- 
heiten geschult, aber auch zu umfassendem Wissen herangebildet. Um diesen 
Forscher, der schon seinerzeit stark an dem Nibelungen-Streite sich beteiligt 
hatte, sammelte sich am Ende der Sechziger jähre eine ganze Reihe hoch- 
begabter Jünglinge, deren Eifer sich an der Universität, wo auch Georg 
Curtius lehrte, hauptsächlich grammatischen Fragen zuwandte. Dort hat 
man zuerst nicht den Glauben an Jakob Grimm verlieren, wohl aber den 
Standpunkt seiner Forschung überwinden gelernt und hat also damit begonnen, 
sich gegenüber der älteren Schule eine Freiheit wiederzugewinnen, die dann 
allgemach auf andere Arbeitsgebiete sich ausdehnte. Eine eigene Zeitschrift 
wurde als Organ der Leipziger Gruppe begründet, Pauls und Braunes »Bei- 
träge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur« (1873), welche 
bald die Führung in dem Betriebe der historischen Grammatik übernahm. 
Dabei trat die Philologie im engeren Sinne, besonders aber die Literarhistorie, 
ziemlich zurück, und so ist es im großen und ganzen auch geblieben. H. hat 
grammatische Studien allezeit und als eine Art Lieblingsstudium gepflegt, 
sowohl in der eigenen Produktion als in seinen Vorlesungen, er hat daher 
sofort zur Leipziger Schule Stellung genommen, zuerst widersprechend, dann 
aber glich sich der Gegensatz allmählich aus, persönliche Verstimmungen 
beruhigten sich, und man darf sagen, daß der Friede zwischen den Parteien 
innerhalb der deutschen Philologie auf dem Boden der Grammatik am frühesten 
angebahnt und auch geschlossen worden ist. Viel später trat er ein in der 
Behandlung von Fragen der historischen Ästhetik, weil es da gebricht an 
dem Mitwirken des Experiments, das bei linguistischen Dingen die Phonetik 
erlaubt; in der Literaturgeschichte engeren Bezugs, in der Textbehandlung 
und Metrik am spätesten, denn hier fällt es am schwersten, ohne Beimischen 
subjektiver Auffassungen Standpunkt und Urteil zu gewinnen. 

H.s Absehen war sehr früh mit aller Entschiedenheit darauf gerichtet, 
den Anteil der Persönlichkeit des Forschenden an der wissenschaftlichen 
Arbeit möglichst zu verringern, ja, ihn gänzlich auszuscheiden. Dieses Pro- 
gramm seines Lebens war ihm bereits 1869 vollkommen deutlich, als er an 
Scherer schrieb: »Unsere Wissenschaft wird nur dann festen Fuß fassen können, 
wenn sie auf eine Fülle von Empirie gegründet wird. Wie die Chemiker ihre 
hundert und hundert Analysen machen und sie dann in bequeme Tableaux 
zusammenstellen, so werden bei uns auch vorderhand z. B. alle örtlich und 
zeitlich bestimmten Dokumente genau »beschrieben« werden müssen; der 
Spekulation wird natürlich hier ebensowenig wie in den Naturwissenschaften 
ihr Recht verkümmert werden. « Wer H.s Arbeiten aufmerksam verfolgt, 
dem drängt sich auf, daß er in ihnen diesen Leitsatz wirklich durchgeführt 
hat, rücksichtslos in bezug auf die Verschiedenheiten des Stoffes und der 
Probleme, ohne Rücksicht auch auf sich selbst und die Erfolge seiner Unter- 



20 Heinzel. 

suchungen im einzelnen. Scherer war mit solchen Grundsätzen niemals ganz 
einverstanden, er hat bald dawider eingewendet, es dünke ihm unmöglich, 
die »Methode« so zu vervollkommnen, daß es gleichgültig sei, ob ein Esel sie 
anwende oder ein gescheiter Mensch. Das hat natürlich auch H. nie geglaubt; 
hätte man es aber für möglich halten dürfen, dann allerdings hätte eine solche 
Methode für ihn das Ideal der Forschungsweise abgegeben. H. war sich 
dieser fundamentalen Differenz zwischen seiner und Scherers Art vollauf 
bewußt, er spricht es klar aus am Schlüsse seiner inhaltsvollen »Rede auf 
Wilhelm Scherer«, in welcher er dessen auszeichnendste Qualität in »einer 
ungewöhnlichen Kraft der Kombination« findet und dann fortfährt: »Zu der 
geduldigen Mühsal statistischer Sammlungen, wie sie heutzutage angestellt 
werden, aus denen dann nur durch Vergleichung der Tabellen wie von 
selbst die Wahrheit sich ergeben soll, hatte er nicht das Temperament. 
Die Mechanisierung der Wissenschaft hat seit ihm ohne Zweifel Fort- 
schritte gemacht, und ich glaube zum Frommen der Sache.« Zwischen 
dieser Äußerung und der vorhin angeführten liegen fast zwanzig Jahre, 
ihre genaue Übereinstimmung bezeugt, wie treu H. in der Theorie den 
Prinzipien seiner Jugend geblieben ist; eine Übersicht seiner Schriften wird 
lehren, daß er sie auch in der Praxis mit ruhiger Stetigkeit entfaltet und 
betätigt hat. 

Dadurch hat er an einer Richtung mitgewirkt, welche während der letzten 
Jahrzehnte in der deutschen Philologie immer mehr zur Geltung gekommen 
ist und, wofern ich mich nicht täusche, die Signatur dieses Abschnittes in 
der Geschichte unserer Wissenschaft ausmacht. Allenthalben, sehe ich, wird 
ehrlich danach gestrebt, sich von überkommenen Voraussetzungen zu befreien, 
die Tatsachen, wie sie sich uns geben, klar zu erfassen und bei ihrer 
erklärenden Verknüpfung, so weit es angeht, nur die natürlichen Zusammen- 
hänge darzulegen, dagegen den persönlichen Anteil des Forschers möglichst 
zu vermeiden oder auszuschalten. Diese Richtung hängt mit ganz allgemeinen 
Tendenzen im Leben des deutschen Volkes zusammen. Bis 1870 eine steigende 
Erwärmung für das Mittelalter, für die Kaiserzeit, für die vergangene Glorie, 
diese erblaßt zunächst vor der realen Herrlichkeit des neuen Deutschen 
Reiches. Dann aber zeigen sich bei dessen Organisation, bei der Herstellung 
eines wirksamen Kräftesystems innerhalb des riesigen politischen Gebildes 
ungeahnte Schwierigkeiten, es erfolgen Reibungen und Widerstände, ja, 
Stockungen, diese zwingen zu einer nüchternen Auffassung des Verhältnisses 
der Interessen, zur Realpolitik, zur Verständigung mit den noch nicht er- 
messenen Kräften des Sozialismus. Damit schwindet aber auch der Zauber 
des alten Reiches deutscher Geschichte, denn von dorther ist für unsere Zu- 
stände nicht Rat noch Hilfe zu holen, diese muß unsere Zeit aus ihren eigenen 
Kräften schöpfen für die Bewältigung ihrer neuen Aufgaben. Daraus erklärt 
sith aber auch der Rückgang des Interesses an den historischen Wissenschaften, 
der sich vorschreitend vollzieht: immer meint man, der tiefste Stand sei schon 
erreicht, und die nächste Frist belehrt uns stets, daß es einen noch tieferen 
gebe. Nehmen wir die Gewalt hinzu, mit welcher sich der Kultus der 
Individualität im modernen Leben des deutschen Volkes nach vorne schiebt, 
so verdüstert sich die Perspektive der deutschen Philologie und Historie noch 
um ein Beträchtliches, allerdings rücken wir gemäß dem bisher beobachteten 



Heinzel. 2 1 

Gesetze des Wechselganges in den Geschicken unseres Volkes auch der 
Wahrscheinlichkeit eines Umschlages wieder nahe. 

H. würde es sich vermutlich verbeten haben, mit seinem naturwissen- 
schaftlichen Streben nach objektiver Erkenntnis in solchen Zusammenhang 
eingefügt zu werden, und mit Recht, denn er hat aus eigener Wahl am Be- 
ginn seines Wirkens sich den Standpunkt bestimmt und die Bahn vorgezeichnet. 
Trotzdem gehört auch er als einzelner Faktor zu den Gliedern der großen 
Rechnung bei dem Abschlüsse der Epoche, an dem wir uns befinden. Und 
zum mindesten, daß er die » Wiener Schule « der Germanisten gründen konnte, 
die einen seiner vorzüglichsten Ruhmestitel ausmacht, das hätte nicht ge- 
schehen können, wären seine Grundsätze und ihr Auswirken nicht enge ver- 
flochten gewesen mit den wichtigsten Tendenzen im geistigen Leben unserer Zeit. 

Die erste Publikation H.s, welche in dieser Überschau, die nur Haupt- 
punkte hervorheben soll, besprochen werden muß, ist seine Ausgabe der 
mittelhochdeutschen Gedichte Heinrichs von Melk (1864), eines österreichischen 
Satirikers aus dem 12. Jahrhundert, mit ihr hat er sofort eine ansehnliche 
Stellung innerhalb der deutschen Philologie gewonnen und sich den Weg 
zur Erreichung des akademischen Lehramtes (1868 als ordentlicher Professor 
an der Universität Graz, 1873 ^" ^^^ Universität Wien) geebnet. Wie dieses 
Buch, so hat er später niemals wieder eines gearbeitet, und das Bezeichnende 
daran ist die völlige Übereinstimmung in der Behandlung der Aufgabe mit 
Wilhelm Scherer, der beinahe gleichzeitig mit seinem Anteile an den von 
Müllenhoff und ihm herausgegebenen » Denkmälern « hervorgetreten war. Das 
Problem, das H. sich gestellt hatte, war einheitlich, abgerundet und fruchtbar. 
Er hat danach gestrebt, die eigenartige Persönlichkeit dieses Dichters aus 
seinen Werken zu ermitteln, und zwar zunächst bestimmende äußere Daten 
festzulegen, dann aber durch eine wohlgeordnete Sammlung der Stilbesonder- 
heiten und deren Kritik Temperament und Neigung durch ihre Ausdrucks- 
formen zu begrenzen. Endlich aber ging H. darauf aus, nicht bloß die 
Quellen für die theologischen- und kirchenpolitischen Anschauungen des 
Dichters aufzudecken, sondern auch den ganzen historischen Gang für die 
einzelnen Fragen darzulegen, so daß nun die Poesie Heinrichs von Melk 
genau an ihren Platz gestellt und von dem Hintergrunde aus, zu dem sie 
gehört, besser beleuchtet werden kann. Gerade in diesem letzten Verfahren 
liegt ein Vorzug der Arbeit H.s gegenüber Vorgängern wie Josef Diemer, 
aber auch gegenüber einer ziemlichen Reihe von Nachfolgern, die sich zu 
solcher Vertiefung von Studien nicht haben entschließen können. In manchem 
Betrachte stellen sich heute die Dinge anders, als H. sie sah, verschiedenes 
ist schwankend geworden, das er für sicher hielt: methodisch vorbildlich und 
nachwirkend bleibt das Buch auch für die Gegenwart. H. hat nur noch 
einmal, und zwar bald nach seinem ersten Werke, eine literarhistorische Auf- 
gabe, zugleich ein Problem historischer Ästhetik, in dieser Weise zu lösen 
unternommen, nämlich in seiner Charakteristik Gottfrieds von Straßburg in 
der Zeitschrift für österreichische Gymnasien 1868, die aufs engste zusammen- 
hängt mit seiner Untersuchung über die Quellen des Tristan-Romanes von 
demselben Dichter im 14. Bande der Zeitschrift für deutsches Altertum 1869. 
Jene schöpft aus den Werken Gottfrieds selbst die Auffassung seines innersten 
Wesens und setzt die einzelnen sorgsamst erlesenen Züge zu einem lebens- 



22 Hcinicl. 

vollen Bilde zusammen, das heute zwar nicht mehr die volle Wahrheit besitzt, 
weil es den Dichter als Diplomaten auffaßt, was unmöglich ist, seit die 
Straßburger Urkunde über ihn richtiger gelesen wurde, aber doch jedem, 
der lernen will, das Studium reichlich lohnt. Diese geht zwar in ihrem 
Beginne gleichfalls mit eindringlicher Schärfe den Zeugnissen nach, die 
Gottfried selbst über die Beziehungen seines Werkes zu den Vorlagen bei- 
bringt, dann aber wendet sie sich bereits dazu, aus dem Vergleiche zwischen 
dem französischen, dem englischen und dem deutschen (Gedichte den Tat- 
bestand des Verhältnisses einfach zu messen und aufzunehmen, tunlichst ohne 
persönlichen Anteil. Als ein Beweis, wie früh H. gewisse bedeutsame 
Beobachtungen angestellt hat, muß es gelten, daß schon in dieser Studie 
auf die Widersprüche im Epos nachdrücklich aufmerksam gemacht wird, 
allerdings ohne daß für die Komposition dieses Werkes oder für das Urteil 
über die ganze Gattung etwas daraus gefolgert würde. Die wichtige Abhand- 
lung, vormals geschätzt, wird jetzt nur wenig beachtet, seit durch Eugen 
Kölbings Besprechung und Veröffentlichung des nordischen Tristan-Romanes 
das Verhältnis zwischen den verschiedenen Fassungen zutreffender dargelegt 
worden ist; darob vergißt man mit Unrecht, wie manches doch auch von der 
älteren Arbeit aufrecht bleibt. 

Der streng linguistischen Forschung widmet sich H.s Buch »Geschichte 
der niederfränkischen Geschäftssprache« (1874), das reife Produkt seiner Grazer 
Arbeitsjahre. Dieser große Wurf mag wohl zunächst von dem Wunsche ausgegangen 
sein, neben Weinholds Grammatiken der alemannischen und der bayerischen 
Mundart eine Behandlung der fränkischen zu stellen. Damit verknüpfte sich 
das Bestreben, die von MülJenhoff in der Einleitung zu den Denkmälern 
gegebenen Anregungen für das Studium der Sprache aus den Urkunden aus- 
zuführen. Und so entstand das Werk, welches sich allerdings darauf beschränkt, 
nur einen Bezirk des fränkischen Dialektes und innerhalb dessen nur die Ur- 
kundensprache zu behandeln. Mit unsäglichem Fleiße ist das weitsrhichtige 
Lautmaterial aufgenommen und klassifiziert, "so daß auch dort, wo sich durch 
spätere Forschungen der Urkundenlehre die (icsichtspunkte für die Ausnutzung 
der Dokumente verschoben haben, der Boden doch festgelegt ist. Es bleibt 
diesmal überhaupt nicht bei der Statistik, sondern es werden alle Momente in 
Betracht gezogen, die den Lautwandel irgend beeinflussen können. Der Be- 
griff der »Kulturübertragung« wird darin zum erstenmal geltend gemacht. 
In scharfsinnigen und gelehrten Exkursen werden schwierigste Fragen der 
deutschen Lautgeschichte erörtert, wobei sehr feine Beobachtungen vorgetragen 
werden, die bis zur Stunde nicht fortgesetzt und ausgebeutet sind : z. B. führt 
H. Lautdifferenzen auf Stilqualitäten zurück, er wagt es, das Nibelungen-Lied 
in einen altsächsischen Konsonantenstand umzusetzen und aus den dann 
erweislichen Kongruenzen mit dem Heliand im Gegensatze zu Otfrid Schlüsse 
auf die Veränderungen der Laute zu ziehen. Di^s Buch steckt voll frucht- 
barster Gedanken. Aber seine Wirkung leidet unter der zu künstlichen 
Systematik, die zwar bis ins feinste überlegt ist, so daß ein ganzer in sich 
fest zusammenhängender Organismus entsteht, dadurch jedoch die Übersicht- 
lichkeit einbüßt. Scherer hat in einer vortrefflichen Rezension dem Werke 
vorgeworfen, es sei nicht anschaulich genug, es sei zu vornehm, es überlasse 
den Lesern die Resultate zusammenzutragen, und versage sich selbst die 



Heinzel. 



23 



Genugtuung des Erfolges. Nun hatte ja H., wie ich weiß, die Ergebnisse 
seiner Forschung über die historische Entwicklung des Niederfränkischen selbst 
durch ein Kartenbild versinnlichen wollen und bereits durch Zusammenlegen 
und Decken mit Glasstücken verschiedener Farbe die örtliche und zeitliche 
Ausbreitung der Spielarten des Dialektes, wie er sie ermittelt hatte, zur Dar- 
stellung gebracht: an den Schwierigkeiten, zumal an den Kosten, scheiterte 
die Ausführung einer solchen erwünschten Beigabe für das Buch. Dieses 
hätte aber auch dann nicht, sogar im Kreise enger Fachgenossen, durch- 
geschlagen, denn H.s Vortragsweise verzichtete zu sehr darauf, den Leser an 
die Aufgabe heranzuziehen und zu überzeugen. Scherer hat diesen von dem 
Autor gewollten Mangel des Werkes mit den Sätzen gekennzeichnet: »Ich 
fühle wohl, was Heinzel anstrebt. Er möchte auch in der Form den Natur- 
wissenschaften nahekommen. Er sucht absichtlich nach Kategorien, welche 
eine möglichst mechanische Einordnung der Fakta zulassen, weil die mecha- 
nischen Kriterien möglichst die Willkür ausschließen. Aber es kommt doch 
nicht bloß darauf an, zu ordnen und zu verzeichnen, sondern die so geord- 
neten Tatsachen historisch zu deuten und so ihren inneren Zusammenhang 
bloßzulegen.« Und noch ein Anderes hebt er hervor: »Es kann Heinzel 
wohl einmal begegnen, wie allen hervorragend scharfsinnigen Menschen, daß 
er sich zu früh um Femerliegendes bemüht und darüber Naheliegendes über- 
sieht, daß er künstlichen und feinen Auffassungen zu leicht Raum gibt, wo 
noch mit einer groben und einfachen auszukommen war, daß er schon das 
Mikroskop zur Hand nimmt, während ihm noch das freie Auge bessere Dienste 
tun würde.« In der Tat werden mit diesen Worten Eigentümlichkeiten H.s 
berührt, die seine Sonderstellung in der deutschen Philologie begreiflich machen. 
Ganz Scherer nach dem Sinne und stellenweise mit einem Nachwehen 
des Elan geschrieben, der den Straßburger Freund erfüllt, ist H.s Schrift 
»Über den Stil der altgermanischen Poesie« (1875), sie weist sogar wohl- 
erkenntlich den Einfluß Hermann Grimms auf, den dieser durch seine ver- 
hängnisvolle Verbindung mit Scherer bis nach Wien ausübte. Zurzeit ist 
das wohl noch die meistzitierte seiner Arbeiten, einzelne Punkte daraus 
dienen zum Anhalte für neuere Untersuchungen. Die Abhandlung zielt darauf 
ab, durch den Vergleich syntaktischer Formeln und Bindungen, die rhetorisch 
wirken, nachzuweisen, daß zwischen der frühesten indischen Poesie und den 
verschiedenen Volksepen der Germanen starke Übereinstimmungen bestehen, 
die zur Annahme eines ältesten Zusammenhanges zwingen. Ferner dienen 
aber gerade die wahrnehmbaren Differenzen in Stil und Syntax zwischen den 
alliterierenden Dichtungen der einzelnen germanischen Völker dazu, diese in 
ihrer Besonderheit zu charakterisieren. (Auch hier werden die Widersprüche 
beachtet, S. 43.) So wird die Geschichte des Stiles zu einer Geschichte der 
deutschen Nationalität, es eröffnet sich die Möglichkeit, dem innersten 
geistigen Leben des Volkes durch Observationen der dichterischen Form bei- 
zukommen. Niemals wieder hat sich H. dermaßen vorgewagt, ja, man darf 
behaupten, daß nach diesem Zeitpunkte die Zurückhaltung in bezug auf 
Konstruktionen von ihm mit besonderer Strenge und ohne Rückfall geübt 
wurde. Jedesfalls ist die längst vergriffene Schrift ein wichtiger Baustein 
für eine historische Poetik, wie Scherer sie noch zuletzt plante und deren 
Grundlinien er in dem aus seinem Nachlasse veröffentlichten Buche zog. 



24 



Heinzel. 



Noch einmal betätigte sich die Herzensfreundschaft zwischen H. und 
Scherer in dem gemeinsamen Unternehmen der Ausgabe des »Wiener Notker« 
(1876), an der nun freilich Scherer hauptsächlich durch die redigierte Abschrift 
beteiligt war, indes H. die Einleitung zufiel, die das Denkmal nach allen 
Richtungen historisch beschreibt. Was sonst noch aus diesem letzten un- 
gedruckten Werke deutscher Sprache des 11. Jahrhunderts zu schöpfen war, 
das hat H. in den drei Heften »Wortschatz und Sprachformen der Wiener 
Notker -Handschrift« (1875/76) niedergelegt. Hier hat er in seiner Weise 
gewaltet und seine Beobachtungen des ganzen Formenvorrates in der er- 
schöpfenden Statistik von Tabellen zusammengefaßt, deren Ergebnisse er 
dann erörternd ausdeutete. Besonders scheint es mir beachtenswert, daß dort 
der erste größere Versuch gemacht wurde, den Wortschatz der deutschen 
Sprache einer bestimmten Zeit genauer zu lokalisieren und nach Möglichkeit 
auf Mundarten aufzuteilen, hier die bayerische und alemannische. Zwar sind 
seither manche förderliche Einzelbeobachtungen angestellt worden, in dem 
Maßstabe jedoch, wie er es vorlegte, hat auch dieses Unternehmen H.s keine 
weitere Nachfolge bisher gefunden. 

Mit der großen Abhandlung »Über die Endsilben der altnordischen 
Sprache« (1877) betrat H. ein neues Arbeitsgebiet, auf welchem er dann an- 
dauernd heimisch geblieben ist. Es ist zugleich seine letzte große grammati- 
sche Studie, die er publizierte. Es handelt sich im wesentlichen darum, den 
Prozeß aufzuklären, durch welchen die Endsilben des Altnordischen in ihrer 
Lautgestalt von den ältesten erschließbaren und bezeugten Formen so stark 
reduziert worden sind, daß diese Kürzungen geradezu für diese Sprache 
charakteristisch wurden und ihre Physiognomie bestimmen. Die Technik der 
Arbeit ist ganz dieselbe, wie sie in der »Geschichte der niederfränkischen 
Geschäftssprache« gehandhabt wird, und in den Abhandlungen über den 
Wiener Notker zum Ausdruck gelangt. Das gesamte Material wird aufs sorg- 
fältigste aufgenommen, in Kategorien geordnet und dann in Tabellen zusammen- 
gefügt, denen Erläuterungen nachfolgen. Daß diese Studie auch den Vor- 
lesungen dienen sollte, mag man vielleicht aus den Paradigmen entnehmen, 
mit denen sie schließt. Die Schwierigkeit und Wichtigkeit des Problems, 
aber auch die Bedeutsamkeit der H.schen Lösung ist von den skandinavischen 
Forschern eingehender gewürdigt worden als in Deutschland, für H. selbst 
erwuchsen aus dieser Arbeit ausgebreitete und genaue Beziehungen zu den 
hervorragendsten Gelehrten des Nordens. 

Der Abschnitt seines Wirkens, in welchem H. völlig nach seiner beson- 
deren Art arbeitet, beginnt mit der »Beschreibung der isländischen Saga« 
(1880). Gewiß steht er auch hier auf dem von ihm und Scherer gemeinsam 
bereiteten Boden der Poetik, aber er behandelte die Probleme nun stärker 
in seinem Sinne und mit zunehmend geringerer Rücksicht auf die historische 
Entwicklung. Die Hauptsache an dieser großen Arbeit ist, daß einmal der 
Stoff, den die »Sagas« (so schrieb H.) enthalten, in alle seine Bestandteile, 
auch die kleinsten, zerlegt ward. Und nicht bloß dies, auch die Mittel, 
durch welche dieses Material dichterisch inszeniert wird, zählt die Abhand- 
lung auf. Der ganze Apparat der isländischen Erzähler wird vor dem Leser 
ausgebreitet, alle Heimlichkeit des poetischen Schaffens fällt weg, die 
Individualität verschwindet hinter der in ihrer Dürftigkeit und Fülle klarst 



Heinxel. 2 5 

erkannten technischen Zurüstung. Oder vielmehr H. läßt sie nicht zum Worte 
gelangen, weil sie durch seine Methode nicht sicher erfaßt werden kann. 
Diese Studie verfährt vollkommen unhistorisch, sie stellt alle Beobachtungen 
schlechtweg nebeneinander, sie fragt gar nicht nach dem Verhältnisse einer 
Saga zu den anderen, ob ein späterer Dichter von einem früheren gelernt 
habe und dergl., jede Beurteilung von woher immer ist unmöglich. H. 
macht hier der historischen Weise des Betrachtens noch insofern ein Zu- 
geständnis, als er im Eingänge darauf hinweist, daß beinahe alle Sagas, 
welche er in seiner Abhandlung zersetzt, gleichzeitig, innerhalb weniger Jahr- 
zehnte abgefaßt oder wenigstens aufgezeichnet wurden, und wünscht offenbar 
dadurch Bedenken der Mitforscher zu zerstreuen. Jedesfalls hätte es auf 
diesem Wege, den er einschlug, zu einer allgemeinen Lehre von der Poesie 
und ihrem Entstehen kommen können, wenigstens in bezug auf das poetisch 
verwertete Material durch dessen Aufnahme und Aufteilung in Kategorien. 
Es ist eine sehr wohl verkettete Reihe von Überlegungen, welche dieser 
bedeutungsvollen Arbeit voraufliegen, H. hat sich einläßlich mit philosophischen 
Theorien beschäftigt, er unterscheidet schon hier erste und zweite Wirkungen 
der Poesie, er distinguiert zwischen dem Leben selbst und der Auswahl aus 
der Wirklichkeit durch den Dichter, er sucht sich die Abstufungen innerhalb 
der poetischen Akzente klarzumachen, deren Ausdruck die Adjektive, Appo- 
sitionen, Schilderungen der Personen bilden. Sicherlich öffnet H. durch diese 
Schrift eine neue Pforte für die Erkenntnis des Wesens der Kunst, nach- 
geschritten ist ihm, soweit ich weiß, bisher niemand, am nächsten trat ihm 
vielleicht R. M. Werner mit seinem Buche »Lyrik und Lyriker« und Rudolf 
Fischer in Innsbruck. 

WMe fest H. von der absoluten Zuverlässigkeit seiner Methode überzeugt 
war, das lehrt die Tatsache, daß er nun in einer ganzen Reihe tiefgehender 
Studien sich auf die Sagengeschichte anwandte. 1885 erschien seine Unter- 
suchung der Nibelungen-Sage, 1887 behandelte er die Hervarar-Sage, 1888 
die Walther-Sage, 1889 die ostgotische Heldensage. Unter diesen Arbeiten 
scheint mir eine besonders glänzende Leistung die Analyse der Hervarar- 
Sage. H. geht von einer einläßlichen Kritik der Überlieferung aus, weist die 
ursprüngliche Einheit der Erzählung nach, sondert diese dann in Abschnitte, 
die er einzeln für sich betrachtet und aus seiner Kenntnis der nordischen, 
deutschen, slavischen, überhaupt der Sagenwelt Europas kommentiert. Die 
Zerlegung des Sagenberichtes in Stückchen, für welche dann Parallelen 
zusammengetragen werden, ist überhaupt das Bezeichnende für diese ganze 
Gruppe von H.s Studien; somit, nur der Verschiedenheit des Problems an- 
gepaßt, dasselbe Verfahren wie bei seinen grammatischen Arbeiten nnd seinen 
beschreibenden Aufnahmen einzelner Gattungen der Poesie. Wo es nötig 
scheint, behandelt er auch alte Texte kritisch und erklärend, so die angel- 
sächsischen Walther-Fragmente und das Hildebrand-Lied. Seine Sagenstudien 
muß jeder zur Hand haben, der sich mit diesen Aufgaben befaßt, jeder wird 
daraus lernen; rückhaltlose Zustimmung haben die Ergebnisse, wo sie zusammen- 
gefaßt und für sich vorgelegt wurden, selten gefunden. 

Die nächste Gruppe großer Untersuchungen H.s schließt sich wohl- 
verständlich an die eben besprochene an. 1891 veröffentlichte er die um- 
fassende Studie über die altfranzösischen Gral -Romane, in Verbindung mit 



26 Heinzel. 

dem Gral-Problem 1892 die Studie über das Gedicht vom König Orendel, 
1893 über den Parzival Wolframs von Eschenbach. Unter ihnen ragt das 
Buch über die Gral -Romane hervor durch die Bewältigung einer geradezu 
riesenhaften Masse des untersuchten Stoffes. Gleichermaßen wird in jeder 
dieser Arbeiten zerlegt und verglichen, die angezogenen Parallelen werden 
aus einem ungeheuren Umkreise beigebracht. Die wichtigsten Erwägungen 
finden sich eingestreut, so genaue Hinweise auf die Übereinstimmung des 
Grals mit der Eucharistie und ihrem Kultus, der Messe. Die modernsten 
Bewegungen auf dem Gebiete der Mythologie und Stoff geschichte werden 
dienstbar gemacht und zugleich gefördert, z. B. die heutige Volksüberliefe- 
rung ausgewertet und zur Verständlichung alter Erzählungsmotive beigezogen: 
ohne sonderliches Aufheben bezeichnet H. das Märchen als eine Quelle der 
nächstverwandten Mythen und Sagen. Bei den Gral -Romanen stellt er am 
Schlüsse eine Übersicht der Folge behandelter Vorstellungen zusammen, 
jedoch ohne sie zu verknüpfen; eine Geschichte der Gral -Dichtungen zu 
liefern, lehnt er ausdrücklich ab, soweit sie nicht schon atis seiner Arbeit 
sich von selbst ergibt, weil die Resultate zu bedingt und unsicher seien. 

Auf einem ganz anderen Gebiete erprobte H. die Kraft seines metho- 
dischen Forschens in seinen Studien über das altdeutsche geistliche Drama. 
Fast wie Späne, die bei der Arbeit abgefallen sind, nimmt sich die Abhand- 
lung zum altdeutschen Drama aus (1895), die einzelne wichtige Punkte, und 
zwar mit Rücksicht auf die historische Entwicklung erörtert. Darin finden 
sich wie nebenher sehr bedeutsame Betrachtungen (über Widersprüche S. 17 ff.), 
über die Goliarden -Poesie und ihren Zusammenhang mit lateinischer und 
deutscher Dichtungsform, auch mit der Nibelungen-Strophe. Das Hauptwerk 
erschien 1898, die »Beschreibung des geistlichen Schauspiels im deutschen 
Mittelalter.« Mit ausdrücklicher Berufung auf Scherer wird auch hier eine 
Analyse des ausgebreiteten und schwierigen Stoffes nach Kategorien vor- 
genommen, die ganz und gar erschöpfend ausgesonnen sind, die Theorie 
der ersten und zweiten Eindrücke bildet den Rahmen, die Ergebnisse für die 
Ästhetik werden erklärend zusammengestellt und es wird sogar versucht, sie 
zu rechtfertigen. Das historische Moment bleibt ganz außer Betracht, die 
Stücke bilden vom 12. bis 15. Jahrhundert eine einzige Masse, sie werden 
vom Standpunkte des Publikums aus untersucht, das gleichfalls als ein ein- 
heitliches aufgefaßt wird. 

Die große Ausgabe der »Saemundar-Edda«, 1903 in Gemeinschaft mit 
seinem Lieblingsschüler Ferdinand Detter veranstaltet, bildet den Schluß von 
H.s Lebensarbeit, soweit sie in den Druck eingegangen ist. Man wird, 
glaube ich, dem Andenken des früh geschiedenen Professors Detter nicht zu 
nahe treten, wenn man ihn hauptsächlich als den Redaktor der Sammlungen 
H.s zur Edda betrachtet, welche dieser durch Jahrzehnte hin angelegt und 
betrieben hat. Mit der Absicht, den Text der eddischen Lieder so zu ge- 
stalten, wie ihn »gebildete Isländer und Norweger am Ende des 13. oder 
im 14. Jahrhundert gelesen haben«, kehrt H. mit bewußtem wörtlichen An- 
klang zu Lachmanns Editions- Grundsätzen zurück, welche die Vorrede zum 
»Iwein« darlegt. Im besonderen Falle der Edda war wiederum das Be- 
dürfnis nach möglichster Sicherheit des Textes maßgebend, das um so mehr 
befriedigt werden konnte, je strenger die Herausgeber sich gegenüber Ver- 



Heinzel'. 2/ 

mutungen und Änderungen zurückhielten. Dieselbe Auffassung bestimmt den 
Charakter der Anmerkungen, welche vornehmlich die Überlieferung schützen 
sollen. Und das gelingt in ganz merkwürdiger Weise, kaum eine Fügung, 
ein Bild oder Vergleich sind so auffällig und seltsam, daß nicht zu ihnen 
aus einem ungeheuren Bereiche von Lektüre ein fruchtbares Material von 
Analogien zusammengetragen würde. Nicht bloß die Arbeit an diesem 
Kommentar scheint mir aufs höchste zu rühmen, sondern nicht minder die 
Enthaltsamkeit, welche aus dem Gesammelten mit strenger Entsagung wählt, 
was wirklich dem Zwecke dient und das Verständnis fördert. Wie immer 
man sich zu dem Texte von Heinzel -Detters »Edda« verhalten mag, der 
Band Anmerkungen wird für weite Jahrzehnte hinaus ein wichtiges Hilfs- 
mittel, eine Stütze der Forschung bleiben. 

Mit diesem monumentalen Werke schließen H.s Publikationen aufs 
würdigste ab, von denen die hier gelieferte Überschau nur allgemeine Ein- 
drücke in den Hauptsachen gewähren konnte, indes vieles Wichtige und 
Wertvolle, zum Beispiele die zahlreichen Rezensionen, gar nicht namhaft ge- 
macht und in seiner Bedeutung gekennzeichnet werden konnte. 

Sucht man in der Masse der Leistungen H.s nach einer Eigenschaft, die 
ihnen allen anhaftet, so fällt zunächst die Universalität des Arbeitsgebietes ins 
Auge. Zum Teile brachte dies seine Stellung in der Geschichte der deutschen 
Philologie mit sich, denn er stand am Anfange der Periode, binnen welcher 
der einzige Vertreter des Faches an der Universität nicht bloß alte und neue 
deutsche Sprache und Literatur zu traktieren hatte, sondern auch noch für 
die Nachbargebiete des Englischen und Französischen aufkommen mußte, 
bevor diese Disziplinen sich verselbständigten und eigene Professuren be- 
kamen. Aber auch angesichts dieser weiten Forderungen einer älteren Zeit 
umspannt H.s wissenschaftliches Wirken einen außerordentlich großen Be- 
reich. Als akademischer Lehrer hat er sämtliche germanische Sprachen und 
Literaturen (das Angelsächsische zum Beispiele bis in die letzten Jahre) be- 
handelt, ebenso umfassend war seine philologische Produktion. Als zu 
seinem sechzigsten Geburtstage eine Anzahl seiner Schüler ihm eine Fest- 
schrift vorlegte, erklärte er, dieses Werk kündige ihm den Unterschied 
zwischen einem älteren und einem jüngeren Geschlechte deutscher Philologen : 
ihn treibe die Neigung und zwinge die Amtspflicht, das gesamte Fach immer 
wieder von neuem zu durchmessen; seine jüngeren Freunde hätten sich, wie 
das Buch ausweise, jeder in seinem Sondergebiete zur Einzelforschung dauernd 
festgesetzt. Das war für ihn nur durch die Betätigung einer zweiten Haupt- 
eigenschaft seines literarischen Wirkens möglich, durch die stete Anspannung 
einer ganz ungemeinen, weit über den besten Durchschnitt hinausragenden 
Arbeitskraft. Alle seine Schriften sind aus harter, angestrengter Arbeit 
hervorgegangen, man sieht die Arbeit überall darin, H. bemüht sich nirgends, 
ihre Spuren zu verdecken und etwa im Interesse einer besseren Wirkung den 
Gang des Untersuchens bei der Darstellung zu verändern. Und doch be- 
tiägt, was H. veröffentlichte, nur einen geringen Bruchteil dessen, was er 
wirklich gearbeitet hat. Es werden nicht gar viele Fragen gewesen sein, die 
ein Besucher zu stellen vermochte, auf die H. nicht antworten konnte, indem 
er aus der Tiefe der Laden seines Schreibtisches ein Bündel von Zetteln 
hervorholte, das die mannigfachsten Notizen aus seiner Lektüre der Welt- 



28 Heinzel. 

literatur enthielt. Und allgemein bekannt ist es, daß er die ausdauerndste 
Tätigkeit seit langen Jahren der Vorbereitung einer deutschen Syntax ge- 
widmet hatte. Er war unermüdlich in der Aufnahme des Materials, auch die 
Stunden angeblicher Erholung, die er bei vielen Tassen schwarzen Kaffees 
und unzähligen Zigaretten verbrachte, waren der Syntax geweiht, für die er 
in den Stücken altdeutscher Texte, die er in der Rocktasche bei sich hatte, 
Notizen und Zeichen bestimmten Sinnes eintrug, ohne sich durch die Karten- 
und Billardspieler ringsum im mindesten stören zu lassen. Man weiß, daß 
zwischen ihm und seinem verstorbenen Schüler Tomanetz, der insbesondere 
mit althochdeutscher Syntax sich befaßte, ein Vertrag geschlossen worden 
war, des Inhalts, wer von ihnen beiden den anderen überlebte, sollte dessen 
syntaktische Sammlungen erben. Es wird jetzt eine Ehrenpflicht jener 
Schüler H.s sein, die in Leben und Forschung ihm besonders nahe standen, 
nicht bloß für ein würdiges biographisches Denkmal ihres Lehrers zu sorgen, 
sondern auch für eine Ausgabe seines Briefwechsels mit Scherer, ganz haupt- 
sächlich jedoch die große Masse seiner syntaktischen Kollektaneen zu sichern 
und der wissenschaftlichen Ausnutzung bereitzustellen. 

H. hat für seine Studien ein Quantum von Arbeit in Bewegung gesetzt, 
dessen wenige Philologennaturen auch von sehr kräftiger Anlage fähig sind. 
Vom Beginne seiner Tätigkeit an war er mit den romanischen Sprachen ver- 
traut, besonders mit dem Altfranzösischen im weitesten Umfange, wo er 
Texte feststellte, konjizierte und freier Hand Kritik übte; gewiß hat es in 
seinen früheren Jahren einen Punkt gegeben, von welchem aus er ebensogut 
Romanist wie Germanist hätte werden können. Aber auch später hat er 
keine Mühe gescheut, um durch Erwerbung von Sprachkenntnissen den 
Horizont seiner Observation zu erweitern: er hat slavische Sprachen gelernt, 
damit er sich das Anschauungsmaterial und die Literatur für seine Sagen- 
studien erweitere und zugänglich mache; er hat sich eine ganz intime Ver- 
trautheit mit dem Sanskrit (unter Beihilfe von Hultzsch) angeeignet, um seine 
Beobachtungen an den Originalen indischer Dichtung anstellen zu können. 
Es scheint nicht unangemessen, solches Beispiel einer Gegenwart vor Augen 
zu rücken, in der die jüngsten Generationen von Linguisten die Sprachen 
nicht mehr selbst verstehen, deren sie sich bei ihren Studien bedienen, und 
mit Wörterbüchern und den Auskünften von Spezialisten arbeiten müssen, 
wobei ihnen natürlich der von Johannes Schmidt so dringend betonte Vor- 
teil ganz entgeht, der dem Forscher aus der eigenen philologischen Vertraut- 
heit mit den fremden Texten erwächst. War so die Vorbereitung, mit der H. 
an seine Aufgabe schritt, die denkbar ausgedehnteste und gründlichste, so 
hat er auch die Probleme selbst mit fester Hand angegriffen, keinerlei 
Schwierigkeit umgangen, ja lieber aufgesucht und, wofern sie nicht ganz zu 
bewältigen waren, das unverholen einbekannt, denn sein Wesen war den 
Scheinerfolgen fremd, die nur von einem Tage zum nächsten erglänzen. 

Mit den Wurzeln seines Charakters und seines gesamten wissenschaft- 
lichen Lebens war H.s Streben nach Objektivität verwachsen. Soweit es sich 
auf das Verhältnis der Philologie zu den Naturwissenschaften begründete, 
war davon bereits die Rede, es entsprach aber auch dem innersten Bedürf- 
nisse seines Wesens, nur die Sachen reden zu lassen, nicht durch rhetorische 
Argumente zu überzeugen, sondern durch statistische Tabellen. Wie er im 



Heinzel. 



29 



Leben nicht leiden konnte, wer Personen und Sachen vermengte, so hat er 
sie auch in der Arbeit sorgsamst auseinandergehalten und die Person hinter 
der Sache völlig zurücktreten lassen. Vielleicht tat er daran zuviel, aber 
gegenüber der modernen Neigung, philologische Untersuchungen zugleich als 
Dokumente für die Biographie des Autors in die Welt zu schicken, tut 
die Enthaltsamkeit H.s wohl, die das eigene Selbst auslöscht und den Leser 
zwingt, die vor ihm ausgebreiteten Tatsachen selbständigem Urteile zu unter- 
werfen. Die Bedeutung kombinatorischer Gedankenarbeit hat H. darum nicht 
niedrig angeschlagen, er hat sie als unentbehrliche Ergänzung seines eigenen 
methodischen Verfahrens betrachtet, nur hat er sie selbst nicht üben wollen, 
sondern anderen überlassen. Bestand in seiner wissenschaftlichen Lebens- 
arbeit allenthalben ein naher Zusammenhang mit der Wirksamkeit Wilhelm 
Scherers, unterstützten sich beide bei starker Verschiedenheit, waren sie beide 
in letzter Linie darauf aus, eine historische Poetik zu fordern, die Grund- 
linien dafür zu ziehen, Beiträge zu liefern, so weist doch der elementare 
Gegensatz in der Behandlung der Probleme darauf hin, daß die Grundpunkte 
ihrer Forschung ziemlich weit voneinander ablagen. Das hat sich bei H. 
immer deutlicher ausgedrückt, und es scheint mir bezeichnend, daß er in 
keiner Weise dazu bewogen werden konnte, die Schrift über den altgermani- 
schen Stil neu herauszugeben, gerade die Arbeit, in der er sich, wie wir ge- 
sehen haben, mit Scherer am allernächsten berührte. 

Auch ist er dem lebhaften Wunsche Scherers widerstanden, die Form 
seiner wissenschaftlichen Darstellung zu ändern und wirksamer, für weitere 
Kreise von Philologen lesbarer zu gestalten. Nicht aus Unvermögen, denn 
an verschiedenen Orten seiner Schriften hat er gezeigt, daß er gut zu 
schreiben wußte: die absolute Korrektheit und Sauberkeit des Ausdruckes, 
die stilistische Haltung galt ihm als eine selbstverständliche Forderung für 
jeden, der vor ein Publikum zu treten hatte. Sehr wohl entsinne ich mich 
einzelner Aufsätze in der längst vergangenen »österreichischen Wochen- 
schrift«, die vortrefflich geschrieben waren, und sogar eines, lebhaft aus- 
brechenden Zeitungsartikels, in welchem er Scherers Literaturgeschichte 
wider einen Angriff des Ministers von Teschenberg verteidigte. Es war ihm 
durchaus verliehen, für die Dinge das richtige Wort zu finden, seine Schreib- 
weise paßte sich schlicht den Sachen an, kühne Bilder und Vergleiche mied 
er absichtlich, den Schwung der Rede dämpfte er mit vollem Bewußtsein, 
auch hier in deutlichem Abstände von Scherers glänzendem und hinreißendem 
Vortrag. Es läßt sich nicht leugnen, daß H. bei dieser Reserve, die er sich 
auferlegte, gewisse Grenzen zum dauernden Schaden der Wirkung seiner 
Arbeiten überschritten hat. Mit den Jahren wurde seine Sachlichkeit strenger, 
kam er dem Leser weniger entgegen, erschwerte er die Lektüre. Ja, es gibt 
Schriften und Bücher von ihm, die überhaupt gar nicht gelesen werden 
können, sondern zu dem einen Teile nachgeschlagen und verglichen, zum 
anderen nachobserviert und überprüft werden müssen. Das ist ein Übel, 
welches im Interesse der deutschen Philologie ernstlich beklagt werden muß. 
Denn alle seine Arbeiten bergen so viele wichtige Einzelheiten und Beobachtun- 
gen, gewähren so mannigfache Anregung, daß ihre Vernachlässigung uns Verlust 
bringt. Für manche seiner Leistungen scheint mir die Zeit gerechten 
Würdigens überhaupt nicht gekommen, sie werden noch in der Zukunft 



20 Heinzd. 

wirken. In diesem Betracht ist seine Tätigkeit der Karl Lachmanns ähnlich, 
des von ihm hochverehrten Meisters, dessen Bücher noch jetzt nicht wirklich 
ausgeschöpft sind. Freilich strebte H.s Methode vielfach nach anderen Zielen. 
Meinte Lachmann, daß der Jünger der deutschen Philologie sein Urteil wirk- 
lich befreie, der sich zuvor willig ergeben habe, so lag H. ein solches Be- 
gehren, das sich allerdings auch in dem Sinne eines Verlangens nach strenger 
Nachprüfung ausdeuten läßt, fern, er stellte seine Leser unmittelbar vor die 
geordneten Wahrnehmungen und überließ es ihnen, sie kombinierend zu 
verknüpfen. Jedesfalls hat er auf das entschiedenste an unserer Emanzipation 
von vorgefaßten Meinungen und Schulüberlieferungen mitgewirkt, und das 
wird ihm unvergessen bleiben. Sein ganzes Forschen zeigt inneren Zusammen- 
hang und Folgerichtigkeit. Auf Probleme, die er frühzeitig erfaßt hatte, ist 
er immer wieder nachdrücklicher, einsichtiger, aufhellender zurückgekommen, 
und es ist ein weiter Weg, den er von der ersten Betrachtung der Wider- 
sprüche in der epischen Poesie durchgemacht hat, bis zu den ausgezeichneten 
Darlegungen seiner Kritik von Ten Brinks Beowulf. 

Zum Überdrusse war es während der letzten Wochen zu vernehmen, H. 
sei kein »Neuerer, kein Bahnbrecher gewesen. Dabei müßte zuvörderst doch 
festgestellt werden, was dazu gehört, damit ein Forscher solche Prädikate 
verdiene, die von den journalistischen Richtern als Auszeichnung verliehen 
werden sollen. Die Eigenart H.s ist wahrhaft etwas Neues in der Geschichte 
der deutschen Philologie, sie ist in seinen Arbeiten allenthalben schärfstens 
ausgeprägt und wird mit der Behandlung dieser Probleme verbunden bleiben, 
ja wahrscheinlich noch auf andere dieser Art sich ausdehnen; die Aufgaben 
einer historischen Poetik sind von H. zuerst mit allem Ernste in Angriff ge- 
nommen worden, auf einem besonderen Wege (neben dem es wohl noch 
andere gibt); an der Wendung in unserer Disziplin, die für mehrere Haupt- 
fragen während der letzten Jahrzehnte eingetreten • ist, hat H. wichtigen 
Anteil genommen. Schlage ich neben all diesem auch die einzelnen 
positiven Resultate der Forschung H.s nicht noch besonders an, berück- 
sichtige ich gar nicht ausdrücklich seine Stellung als Erzieher einer Gene- 
ration junger Philologen, so erübrigt doch genug, um sein Wirken als 
ein segensreiches, ihn selbst als einen Gelehrten ersten Ranges erscheinen 
zu lassen. 

Alles was H. als Forscher und Lehrer schuf, beruhte auf dem festen 
Grunde seines Charakters. Seiner Anlage nach ein Mann von starken Leiden- 
schaften, die während seiner Jugendjahre zu gefährlichen Ausbrüchen drängten, 
hat er sich beizeiten in eine unerbittliche Zucht genommen und alle raschen 
Wallungen niedergehalten und bezwungen. Die Wärme seines Innern hat er 
durch eine ruhige Höflichkeit der Formen verdeckt: dieses Kleid, zuerst nur 
für den öffentlichen Verkehr angenommen, hat er dann, als ob es das 
Kostüm seines Wesens wäre, selten und ausnahmsweise, zuletzt fast nicht 
mehr abgelegt. Im brieflichen und persönlichen Umgang war deshalb bei 
jedem neuen Einsetzen etwas zu überwinden; wich es, dann konnte er herz- 
lich und warm werden und die angeborene Liebenswürdigkeit seiner Natur 
kam wohltuend zum Vorschein. Seine ganze Persönlichkeit war nicht 
eigentlich einfach angelegt, aber er strebte nach Einfachheit, er bemühte sich 
auch im Leben um die Schlichtheit, die er seinen gelehrten Arbeiten auf- 



Hcinzel. 



31 



prägte, und er hat es wirklich erreicht, einfach und schlicht zu werden. 
Man hat diese Eigentümlichkeit als » vornehm « bezeichnet, und das ist inso- 
fern richtig, als in der Tat der normale Ausdruck wirklicher Vornehmheit 
darin liegt, daß aller künstlich gemachte, auf den Effekt hergerichtete An- 
strich, aller Flitter der Eitelkeit wegfällt und der Mensch sich gibt, wie er 
ist. Es wäre unrichtig, wenn man bei »vornehm« daran denken wollte, H. 
habe aristokratischen Allüren nachgestrebt, denn er besaß just den starken 
bürgerlichen Stolz, der das Gute der Lebensformen des Adels sich aneignen 
will, weil er auf die Mitwerberschaft in gleicher Front bedacht ist; stand 
doch H. auch in seinen politischen Anschauungen viel mehr links, als man 
nach seiner Art, von politischen Akten sich fem zu halten, hätte vermuten 
dürfen. Mit dieser in seinem ganzen Gehaben verwirklichten Schlichtheit 
befand es sich im Einklang, daß er vor aller Repräsentation scheu zurück- 
wich und es allerorts mied, wo es nicht die Pflicht des Amtes verlangte, mit 
seiner Person in der Öffentlichkeit hervorzutreten. Er hat keine akademische 
Würde angenommen, er hat gelehrten Festversammlungen zwar beigewohnt, 
aber die führende Stelle darin abjgelehnt, die ihm zugekommen wäre, allem 
feierlichen Prunke ist er endlich abhold geworden. In der ersten Zeit seiner 
Wiener Professur ein eifriger Teilnehmer feiner Geselligkeit, ein gern und 
viel gesehener Gast, hat er sich davon nach und nach ganz zurückgezogen 
und sich auf den freundschaftlichen Umgang mit wenigen beschränkt. Er 
war ein Feind aller Reklame, deren Zudringlichkeit er schroff ablehnte, und 
von der kühlen Überlegenheit, mit welcher er frechen Zeitungsschreibern und 
Interviewern die Türe wies, wäre manches ergötzliche Stücklein zu berichten. 
In der gehaltenen Sicherheit seines Wesens, die er sich errungen hatte, lag 
auch das Geheimnis seines ausgezeichneten Lehrwirkens beschlossen. Nicht 
minder gründete sich darauf das hohe Ansehen, dessen er im Kreise der 
Kollegen an der Universität und in der Akademie der Wissenschaften genoß: 
er kam allen Verpflichtungen pünktlichst nach, er hat selten gesprochen, 
dann aber immer mit Gewicht, mit Bedeutung, auch mit Erfolg, weil jeder 
wußte, daß seine W^orte von unbestochener Sachlichkeit erfüllt waren. In 
früheren Jahren vielleicht bisweilen hart im Urteil, ist er nachmals immer 
milder geworden und duldsamer, wie es das Vorschreiten des Lebensalters 
mit sich bringt, das sich des Vergänglichen und wieder der Berechtigung 
verschiedenster Auffassungen klarer bewußt wird. — 

Und nun das Ende! H. war allzeit ein Freund ritterlicher Übungen 
gewesen, vor Jahrzehnten ein brillanter und kühner Reiter, ein trefflicher 
Fechter, war er auch ein ausgezeichneter Pistolenschütze, solange die furcht- 
bare Ablösung der Netzhaut die Kraft seiner Augen nicht bedrohte. Es ist 
also die äußere Form, die er für seinen Abschied vom Leben wählte, in 
voller Harmonie mit diesem selbst gestanden, wie denn seine zarte Rücksicht 
auf die Empfindungen anderer sich bis in die letzte Stunde hin bewährt hat. 
Was aber die Motive seines Ausganges anlangt, so ziemt sich Schweigen, und 
es bleibt dem Bedürfnisse nach Schwatz und Sensation überlassen, das eine 
reklamegierige Journalistik ernährt, darüber vorlaute Vermutungen aufzustellen. 
Ein Mann von den Eigenschaften H.s besitzt gerechten Anspruch darauf, 
daß man seine Entschlüsse achte und sich alles Urteils enthalte. Den 
Schmerz über seinen Hingang bewahren wir still für uns und einigen uns 



32 Müller. 

mit leisem Drucke der Hand in dem Wunsche: Sein gesegnetes Andenken 
ruhe in Frieden! 

Wiederholt und ergänzt nach der Wiener Zeitung Nr. 96 und 97 1905. — Vgl. Nekrolog 
von M. H. Jellinek: Zeitschr. f. deutsche Philologie 37, 506 — 508; J. v. Karabacek, Almanach 
der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften 1905, 313 — 316; Carl von Kraus, Österr. Rund- 
schau 4, 241 — 253; Jos. SeemüUer, Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1906, Nr. 31 und 32, 
vom 8. und 9. Februar. 

Anton E. Schönbach. 

Müller, Valentin, Musiker, * 7. Februar 1830 zu Münster in Westfalen, 
f 24. Juli 1905 zu Selisberg in der Schweiz. — Wenn nach dem Ausspruche 
eines großen Kunstkenners der deutsche Musiker noch immer »ein verzaubertes 
erlösungsbedürftiges Wesen« ist, dessen Stellung in der menschlichen Gesell- 
schaft trotz aller Schätzung und stellenweisen Überschätzung im allgemeinen 
doch eine subalterne bleibt, so hat Valentin Müller durch sein Beispiel in 
frappanter Weise gezeigt, wie man lediglich durch eigene Kraft und Aus- 
dauer die Entzauberung bewirken und sich in der internationalen Gesellschaft 
einen Platz erkämpfen kann, auf dem die Individualität ebenso sieghaft zur 
Geltung kommt wie die Kunst. Geboren als Abkömmling einer kraftvollen, 
seit vielen Generationen im westfälischen Boden wurzelnden Familie, als Sohn 
des Domkapellmeisters in einer Hochburg des triumphierenden Klerikalismus, 
aufgewachsen unter den Traditionen des Feudalismus und der Fremdherrschaft, 
die seinen Widerspruch reizten und seinen gesunden Selbständigkeitsinn 
entwickelten — die Schulkameraden schimpften ihn »Prüss« und wollten ihn 
mißhandeln, weil er an Königs Geburtstag einen neuen Rock anhatte — , 
sog er von Kindheit auf die beiden Neigungen ein, die für sein ganzes Leben 
maßgebend wurden: die Bewunderung für die katholische Kirche und die 
Leidenschaft für die Musik. Die Mischung dieser beiden Elemente war bei 
ihm eine außerordentlich glückliche: nie hat er sich zu religiösem Zelotentum 
oder zu musikalischer Schwärmerei hinreißen lassen, dagegen lernte er als 
guter Katholik vorzüglich Latein, so daß er später interessante Bücher »der 
Bequemlichkeit halber auf lateinisch« zu excerpieren pflegte, und jenen 
glaubenstarken Fanatismus, den die ultramontanen Münsteraner in kirchlichen 
Angelegenheiten so gerne bewähren, übertrug er mit voller Überzeugung ins 
Reich der Musik. Daß diese sein Beruf werden würde, erkannte man bei 
Zeiten; als Knabe erwarb er sich die übliche Technik nicht nur auf dem 
JClavier, sondern auch auf der Orgel und mehreren Blasinstrumenten, und 
eine Kombination von feinem Instinkt und starrköpfigem Eigensinn, die ihn 
nie verlassen sollte, trieb ihn zu einem Instrumente, das im väterlichen 
Hause nicht gespielt wurde, dem Violoncello. Bald genügte ihm die 
Unterweisung des einheimischen Elementarlehrers Arnold nicht mehr; er 
wollte höher hinaus, und in dem Alter, wo bei jedem gesunden Burschen 
der Wandertrieb mächtig ausschlägt, zog er 1845 in die Hauptstadt Bayerns, 
die schon so viele nordische Künstler belehrt und begeistert hat. Mit Emp- 
fehlungen wohl versehen, geriet er an ein tüchtiges Mitglied des damals 
noch berühmten Münchener Hoforchesters, Joseph Menter (1808 — 1856), 
der als hervorragender Cellist und Pädagoge galt — ein eigentümlicher 
Zufall hat es später gefügt, daß seine Tochter Sophie, die als Pianistin 



Müller. 



33 



und Freundin Liszts zu glänzendem Rufe gelangte, wieder einen gefeierten 
Cellovirtuosen, David Popper, heiratete. Hier fand nun der junge Enthusiast 
nicht nur ausgezeichneten Unterricht sondern auch gastliche Aufnahme, ja 
mütterliche Fürsorge, denn er wohnte im Hause seines Lehrers und war 
somit völlig seiner Zucht unterworfen, die ihn übrigens mehr zu zügeln als 
anzuspornen hatte. Denn nun begann für ihn die Periode der gierigen 
Arbeitswut; er stand morgens um vier Uhr auf und übte zwölf Stunden 
täglich, bis ihm sein Lehrer verbot, vor fünf Uhr aufzustehen und mehr als 
neun Stunden zu üben. Die freie Zeit benutzte er dann zu Spaziergängen 
oder zum Studium der Kunstschätze Münchens, er legte somit den Grund 
zu jener umfassenden Bildung, an der er stets weitergearbeitet hat, und die 
am meisten dazu beitrug, ihm innere und äußere Freiheit zu geben. Mit 
besonderer Gewandtheit eignete er sich fremde Sprachen an; nie brauchte 
er hierfür einen Lehrer, sondern da er das Neue Testament auswendig wußte, 
so lernte er jede Sprache, um die es ihm gerade zu tun war, einfach dadurch, 
'daß er in ihr sein Lieblingsbuch aufs neue studierte und so zugleich seine 
Bibelfestigkeit verstärkte. In München erlebte er nun auch die ersten ge- 
waltigen Eindrücke durch Opern und Konzerte; zwar thronte im Hoftheater 
damals Meyerbeer noch unumschränkt wie in ganz Europa, und Rossinis 
Teil wurde ernsthaft genommen wie jetzt an italienischen Provinzbühnen, 
aber die Jugend merkte wohl, daß der französisch-italienischen Modeherrschaft 
ihr Stündlein geschlagen hatte, und Müller zeigte durch sein volles Ver- 
ständnis selbst für so komplizierte Werke wie »Miriams Siegesgesang« von 
Schubert (das der Münchener Hofkapellmeister Lachner zur Aufführung 
brachte, weil er die Klavierbegleitung des Originales für Orchester bearbeitet 
hatte) die Reife und den sittlichen Ernst seines Urteils. 

Nach zweijährigem Studium kehrte er in die Heimat zurück und zog von 
dort in das nahe Belgien, wo der berühmteste Cellist seiner Zeit, Franz 
Servais (1807 — 1866), einen solchen Ruhm genoß, daß, als sich einst während 
seiner Konzertreisen die Kunde von seinem Tode verbreitet und dann als 
falsch herausgestellt hatte, der Heimgekehrte mit Volksjubel, Prozessionen, 
Glockengeläut und sogar Kanonenschüssen gefeiert wurde. In der behaglichen 
Villa, die er sich mit Hilfe seiner sehr intelligenten Gattin, einer Russin, in 
Hai bei Brüssel eingerichtet hatte, empfing er den jungen Virtuosen mit 
einer Zuvorkommenheit, die bald zur Intimität führte; und aus dem Schüler 
wurde binnen kurzem ein Hilfslehrer am Konservatorium, der mit Erfolg 
öffentlich auftrat. Natürlich hatten seine Kenntnisse mit seinem Können in 
der Entwicklung gleichen Schritt gehalten; zu voller Wirksamkeit jedoch 
brachte er beide erst, als er, nach zehnjähriger mühevoller Tätigkeit in 
Brüssel, den damals noch von allen Musikern ersehnten Weg nach Paris 
gefunden hatte. Es war eine Zeit des überschäumenden Musiklebens; 
Rossini, Meyerbeer und Auber teilten sich in die Volksgunst, um die 
sich Hal^vy mit heißer Mühe und wechselndem Erfolge bewarb; Liszt 
erschien hin und wieder, als Virtuose und Weltmann angebetet, als Kom- 
ponist völlig verkannt; Berlioz genoß die dornenvollen Ehren eines Streit- 
objektes erbitterter Parteien, und während die Gesangsmeisterin Paul ine 
Viardot- Garcia in ihrem vielbesuchten Salon allseitige Anregungen aus- 
teilte, zeigten Geiger wie Böriot und Vieuxtemps, daß man mit allen 

BiogT. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog^. lo. Bd. ß 



34 



MüUer. 



Fähigkeiten des zündenden Virtuosen ein liebenswürdiges, wenn auch seichtes 
Kompositionstalent verbinden kann. Mit allen diesen Persönlichkeiten, die 
für die letzte Periode vor Wagners Welteroberung so charakteristisch sind, 
und die in der Generation rfach Wagner nicht ihresgleichen haben, trat 
Müller in nähere Beziehungen; und mitten unter so vielen Grossen begann 
er eine Rolle zu spielen, weil er sein Gebiet nicht nur beherrschte, sondern 
auch Einsicht genug besaß, um seine Kräfte auf das richtige Arbeitsfeld zu 
konzentrieren. Er verzichtete auf die faden Triumphe des reisenden Solisten, 
obgleich er alle irgend erreichbaren Cellokonzerte und -sonaten so vollkommen 
vorzutragen verstand wie dies überhaupt möglich ist; dagegen widmete er 
sich mit vollem Eifer demjenigen Felde, auf dem der Geiger und besonders 
der Cellist sein Bestes geben und der Menschheit am intensivsten als Kultur- 
träger dienen kann, der klassischen Kammermusik. Als Mitglied des 
Quartetts Maurin verpflanzte er die erhabenen Werke dieser Gattung, selbst 
die letzten Quartette Beethovens, die damals in Deutschland sehr wenig 
gekannt und fast gar nicht verstanden waren, in den für gute deutsche 
Leistungen von jeher empfänglichen französischen Boden; in Paris geschah 
es auch, daß durch ihn Richard Wagner, der damals fast fünfzig Jahre 
alt war, zum ersten Male die Trios von Schubert kennen lernte — und daß 
er sie nicht verstand. Von den Wagnerbiographen ist diese Tatsache über- 
sehen oder verschwiegen worden; es ist aber bemerkenswert, daß Wagner, 
der seinen großen Vorgängern wahrlich nicht gleichgültig gegenüberstand, 
weder in seiner Kapellmeistertätigkeit noch in der langen Muße der Ver- 
bannung Gelegenheit genommen hatte, die großartigsten Instrumentalwerke, 
die seit Beethoven geschaffen waren, kennen zu lernen und daß er, endlich 
dieser Offenbarung teilhaftig geworden, den Wundern gegenüber taub blieb 
und Schubert in herkömmlicher Weise nur als Liederkomponisten anerkannte: 
so seßhaft war er bereits auf seinen Prinzipien geworden. 

1867 kehrte Müller nach Deutschland zurück und schlug seinen dauernden 
Wohnsitz in Frankfurt auf, wo er an Hochs Konservatorium eine Stellung 
antrat, die ihn dauernd zu befriedigen schien. Er wirkte dort neben Clara 
Schumann, in deren konventionelle Überschätzung er keinesfalls einstimmte; 
wichtiger war, daß ihm Joachim Raff zur Seite stand, der zur Leitung jener 
Lehranstalt berufen war und für den er stets eine bewundernde Verehrung 
behielt. Diese erstreckte sich nicht nur auf den Charakter und das Lehr- 
talent des außerordentlichen Mannes, sondern auch auf seine Kompositionen, die, 
eine Zeit lang viel gepriesen und gescholten, nach seinem Tode schnell 
einer unverdienten Vergessenheit anheimgefallen sind, da in Deutschland, dem 
leitenden Zentrum des Weltmusiktreibens, unter dem Einflüsse posierender 
Deklamatoren und dickköpfiger Handwerker der Sinn für melodische Erfindung, 
gesunde Harmonie, klare Form, farbigen Wohlklang und frisches Naturgefühl 
allmählich fast erstorben ist. Müllers Bewunderung für den fruchtbaren 
Schöpfer der »Lenore« und der Waldsymphonie war um so bemerkenswerter, 
als dieser letzte Romantiker seit den ersten Weimarer Lohengrintagen, ja 
seit seiner ersten Bekanntschaft mit Wagner und Liszt entschieden zu den 
»Jungdeutschen« gehörte und Müller sich dieser Partei und ihrem Treiben 
mit Entschiedenheit, ja mit Unwillen verschloß. An Liszt störte ihn die 
Zerfahrenheit der Form sowie der Zug ins Charlatanhafte, der die Kunst 



Müller. 



35 



häufig in den Dienst trivialer gesellschaftlicher Erfolge stellte; und in Wagner 
sah er, wie mancher ernste Musiker jener Generation, den brutalen Revolu- 
tionär, der mit Hilfe gewaltsamer Theorien und rücksichtslosen Draufgehens 
alle Grundgesetze der Kunst auf den Kopf stellen und ihr schließlich den 
Garaus machen würde. So ist denn Müller nach Bayreuth nie gegangen; 
den Tristan, den er erst spät kennen lernte, bezeichnete er wegen des Hervor- 
tretens gewisser Instrumentalfarben höhnisch als Cellosonate, und gar den 
Parsifal, dessen Text durch die Entweihung des Abendmahles und die Krank- 
heit des Amfortas sein katholisches Empfinden verletzte, konnte er in nüch- 
terner musikalischer Analyse leicht zerpflücken. Als daher Wagners persön- 
liche Feinde den Formalisten Brahms als Gegenpapst aufstellten, trat auch 
Müller in ihre Schar; freilich ward er später durch arge Enttäuschungen 
gestraft. — Mit einem anderen Feinde Wagners, dem vielgewandten Saint- 
Saens, trat er in rege persönliche Beziehungen; doch imponierte ihm der 
geistreiche Franzose mehr durch sein blendendes Orgelspiel und seinen Witz 
als durch seine im ganzen recht oberflächlichen Kompositionen. Merkwürdig 
dagegen war, daß er an Nietzsche nicht nur die Polemik gegen Wagner 
und die übrigen musikalischen Äußerungen bewunderte, sondern sich auch 
für die Hauptwerke begeisterte; das katholische Gefühl, das ihn vom Parzival 
abstieß, verhinderte ihn keineswegs daran, den „Antichrist" mit voller Wärme 
als eine epochemachende Geistestat zu proklamieren. — 

Die deutschen Jahre brachten Müller das höchste Glück und den 
schwersten Schlag: aus seiner Ehe mit Pauline Leinweber, einer Stief- 
tochter des von ihm innig verehrten Musikers Wynand Nick, der noch 
jetzt als Chordirigent und Organist in Hildesheim eine segensreiche Tätigkeit 
ausübt, gingen ein Sohn und eine Tochter hervor; doch wurde ihm die 
Gattin nur allzubald durch den Tod entrissen. Als dann auch Raff gestorben 
war, legte er 1890 sein Amt nieder, um den Rest seiner Tage in Rom zu 
verleben. Hier war es nun, wo er, ohne eigentlich in der Öffentlichkeit zu 
wirken, dennoch dem Musikleben geradezu seinen Stempel aufdrückte; und 
Rom hatte energische kenntnisreiche Persönlichkeiten, wie Müller eine war, 
dringend nötig. Allerdings waren seit der Zeit, da Berlioz mit vollem Rechte 
Rom als eine »musikalische Kloake« und das französische Pensionat der Villa 
Medici als eine »akademische Kaserne« bezeichnet hatte, zwei Menschenalter 
verflossen; aber während dessen hatte sich wenig verändert, da in der Un- 
fähigkeit das Volk zu erziehen und seine unleugbar vorhandenen künstlerischen 
Kräfte ins richtige Fahrwasser zu lenken, die »liberale« italienische Regierung 
sich als würdige Nachfolgerin der päpstlichen erwies ; die schüchternen Ver- 
suche einzelner Privatleute, Symphonien und andere Produkte einer höheren 
musikalischen Kultur in die »Hauptstadt des Südens« zu verpflanzen, lagen 
meist in unberufenen Händen. Nur die Banda comunaU, der sich seit 1889 
ein genialer Neapolitaner erbarmte, sorgte in ihren Bläserkonzerten energisch 
und erfolgreich, trotz des fanatischen Widerstandes der Chauvinisten, für die 
Hebung des allgemeinen Niveaus; im übrigen spielte sich nach wie vor der 
wichtigere Teil des römischen Musiklebens nicht in Konzerten sondern in 
Salons ab, und hier war Müller am rechten Platze, zumal ihm neben seinem 
Können und seiner enorm vielseitigen Bildung auch eine glänzende Persön- 
lichkeit, eine stattliche Erscheinung — die hochaufgerichtete Gestalt und die 

3' 



36 Müller. 

Strengen Gesichtszüge erinnerten auffallend an einen bekannten Renaissance- 
typus des Apostels Paulus — und eine stets schlagfertige Konversationsgabe 
zur Verfügung stand. So war er in den Villen und Palästen der Aristokraten 
ein ebenso gern gesehener und reich anregender Gast, wie in den Arbeits- 
stübchen der Künstler und Gelehrten; er trat mit Bernhard v. Bülow und 
Malvida v. Meysenbug in nähere Beziehungen, er wurde von der Königlichen 
Cäcilienakademie in schwieriger Situation zu Hilfe gerufen und stellte seine 
Kraft jeder Wohltätigkeit, ja jedem Ensemble zur Verfügung, das ihm Ge- 
legenheit gab, die Werke der Großen zu verbreiten und ihr Verständnis zu 
fördern. Dabei beschränkte er sich nicht auf originale Cellostücke; als zum 
ersten Male Bachs Brandenburgisches Konzert für Flöte, Violine und Klavier 
aufgeführt werden sollte und der Flötist ausblieb, spielte er die Flötenstimme, 
die er nie gesehen oder gehört hatte, auf dem Cello, ohne sich in einer einzigen 
Note zu irren, und ebenso las er in Schuberts Sonate für Arpeggione die 
Stimme dieses komplizierten Instrumentes unter voller Wiedergabe des geistigen 
Gehaltes vom Blatt. Seine Erfahrungen von der Orgelbank führten zu Sen- 
tenzen, die neben Schumanns »musikalischen Lebensregeln« hätten bestehen 
können; da er nun nichts Literarisches hinterlassen hat, so seien einige dieser 
Sentenzen zu Nutz und Frommen angehender Organisten hier festgelegt: 

»Jedes Kirchenlied begleite man so, daß die Gemeinde nicht höher als 
I zu singen hat. Man spiele die Choräle möglichst in weiter Lage und 
niemals ohne Pedal. 

Beim Abendmahle vermeide man durchaus alle Stücke, die das Publi- 
kum von Jugend auf kennt, selbst wenn sie ihrem Charakter nach so gut 
passen würden wie Beethovens Klavier- Andante in F-dur; am besten eignet 
sich immer Mozarts Ave verum corpus. 

Im Nachspiel verzichte man durchaus auf zart-schwärmerisches Flöten, 
sondern intoniere stets fortissimo\ die Leute sollen erhobenen Hauptes die 
Kirche verlassen! 

Will man im Konzerte seines Erfolges sicher sein, so spiele man nur 
Stücke, die das Publikum auswendig weiß.« — 

Im letzten Jahrzehnte seines Lebens gehörte Müller einem Trio an, das 
in der römischen Gesellschaft seinesgleichen nicht hatte und ganz besonders 
den Konzerten des Deutschen Künstlervereins zu statten kam; zu erwähnen 
sind namentlich drei Gedächtnisfeiern, eine am hundertsten Geburtstage 
Schuberts 1897, eine gleich nach Bock lins Tod 1902 (mit Beethovens 
»Geistertrio«) und eine zum Andenken an Tschaikowsky, etwa zehn Jahre 
nach dessen 1893 erfolgtem Tode. Diese letzte erhielt eine eigene Bedeutung, 
dadurch, daß eine der gewaltigsten Tonschöpfungen der Neuzeit, das einzige 
Trio des genialen Russen, zum ersten Male in Italien einem zahlreichen und 
kunstverständigen Publikum in würdiger Weise vorgeführt wurde. Ein Vor- 
trag, der dieses bedeutendste Werk aller nach dem Jahre 1828 entstandenen 
Kammermusik analysierte (abgedruckt in der Zeitschrift der internationalen 
Musikgesellschaft, V, 307), leitete die Wiedergabe ein, von der man noch nach 
Jahren wie von einem Elementarereignisse spricht und die eine ganze Anzahl 
von Wiederholungen notwendig machte. Zum letzten Male spielte Müller 
mit seinen Getreuen das schwierige Werk in unverwüstlicher Jugendfrische 
am 14. Februar 1905 zum Besten • des Frauenbildungsvereins; es war sein 



Müller. Petzet. 



37 



Namenstag, zugleich sein letztes öffentliches Auftreten. Im Juli ging er, 
nachdem er noch die monumentale Biographie Tschaikowskys, die dessen 
Bruder herausgegeben, sorgfältig durchgearbeitet und eine Aufführung sämt- 
licher Trios von Mozart veranstaltet hatte, in die Schweiz, wo ihn nach 
wenigen Tagen ein Herzschlag dahinraffte; was sein Tod für Rom bedeutete, 
geht am klarsten aus der Tatsache hervor, daß in dem seither verflossenen 
Jahre in dieser Stadt kein Ton guter Kammermusik, zu der ein Violoncello 
gehörte, erklungen ist. 

Rom. Friedrich Spiro. 



Petzet, Georg Christian, Dr. h. r., Publizist, * i. März 1832 zu Hof a. S., 
t I. April 1905 zu München. — Als der zweite Sohn eines bescheidenen 
Volksschullehrers, der, mehr als 50 Jahre im Schuldienste tätig, sich große 
Beliebtheit und Wertschätzung in seiner Vaterstadt erwarb, verlebte P. in 
dem kinderreichen Hause seiner Eltern eine arbeitsreiche, von wenigen 
Freuden erhellte Kindheit und Jugend. Schon mit 13 Jahren begann er 
durch Stundengeben selbst sein Brot zu erwerben. Seine Freude war eine 
leidenschaftliche Liebhaberei für Geographie, der er noch später manche 
Studien gewidmet hat — die bedeutendste davon »Zur Morphologie der 
geographischen Grenzen« ist im »Globus« 1875, Bd. 27, Nr. 12 — 18 erschienen 
— und die ihm die Freundschaft von Andree, Kiepert und Ratzel eintragen 
sollte. Rasch durchlief er das Gymnasium, wo vor allem Prof. Gebhard eine 
lebensvolle Einführung in das klassische Altertum gab, Prof. Wurm aber, ein 
Lieblingsschüler Thierschs, im deutschen Unterricht neben dem poetischen 
auch den politischen Sinn seiner Schüler weckte. Die jungen Leute 
gründeten einen wissenschaftlichen Verein, und ein paar Jahre lang war P. 
dessen Vorstand und der Zensor ihrer »Versuche im Deutschen«, die mannig- 
fache Aufsätze und Gedichte umfaßten. Als dann im August 1848 der erst 
Sechzehnjährige mit der Note »ausgezeichnet« das Gymnasium absolviert 
hatte, war es ein nahe liegender Schritt, in Fühlung mit dem verehrten 
Lehrer, der später seine Beteiligung an der Freiheitsbewegung im Gefängnis 
büßen mußte, auch im »Vaterlandsverein« und im »Höfer Volksblatt für 
Stadt und Land« das Wort zu ergreifen. Das dauerte bis zum Frühjahr 1849 
und wurde im Winter 1850/51 wiederholt; denn während seine Kameraden im 
Herbst 1848 die Universität bezogen, konnte P. ihnen erst ein halbes Jahr 
später nach München folgen und mußte aus Geldmangel sein Studium nach 
drei Semestern wieder unterbrechen. Trotzdem widerstrebte es ihm, ein 
Brotstudium zu ergreifen, und neben den vorgeschriebenen juristischen 
Kollegien bei Dollmann, Arndts, später BJuntschli und Puchta suchte er 
seinem weiteren Bildungsbedürfnis als Hörer von Thiersch, Gotth. Heinr. 
Schubert, Friedrich Neumann, Döllinger, Geibel, Carriere zu genügen. Sein 
Hauptziel aber war das Studium der Staatswissenschaften; der Staatsrechts- 
lehrer Albrecht. und die Nationalökonomen Hermann und Röscher wurden 
ihm als Lehrer am wichtigsten, die drei Semester in Leipzig (Frühjahr 185 1 
bis Sommer 1852) am fruchtbarsten, während er in München auch durch 
ausgedehnte Zeitungslektüre und häufigen Besuch der Kammer\^erhandlungen 
politische Erfahrungen und Kenntnisse erwarb, die ihm kein Kolleg vermitteln 



38 Petzet. 

konnte. So bereitete er sich allmählich auf die Promotion vor; da eröffnete 
sich ihm im Herbste 1853 die Möglichkeit, durch Übernahme einer Haus- 
lehrerstelle sich nicht nur dem lastenden Geldmangel zu entziehen, sondern 
auch seinen Eltern und Geschwistern eine Stütze werden zu können, und 
so verzichtete er auf seine Lieblingswünsche und trat im Januar 1854 die 
Reise nach Warschau an. 

Wie die freiheitliche Bewegung der vierziger Jahre grundlegende Bedeu- 
tung für den idealistischen Liberalismus gewann, dem P. Zeit seines Lebens 
treu geblieben ist, so mufite der fast zehnjährige Aufenthalt im Auslande das 
deutsche Nationalgefühl des Lehrers und Publizisten — und beides berührte 
sich in P. aufs innigste -*- mächtig stärken. Nach wenigen Jahren gelang 
es ihm, die deutsche Kolonie in Warschau gesellschaftlich zu organisieren 
und im Frühjahr 1859 sogar eine deutsche »Warschauer Zeitung« zu gründen, 
die ihn festhielt, auch als seine Tätigkeit als Erzieher in zwei hochangesehenen 
Warschauer Familien zu Ende gegangen war. Das Leben in diesen bedeu- 
tenden Handelshäusern mit ihrem internationalen Verkehr erschloß ihm einen 
bisher entbehrten Einblick in die große Welt und erweiterte seinen Gesichts- 
kreis außerordentlich. Eifrig trieb er fremde Sprachen, deren er im Laufe 
der Jahre zehn mehr oder minder beherrschen lernte, und eine Reise mit 
seinen Zöglingen nach Paris führte ihm neue große Eindrücke zu. Vor 
allem aber studierte er alle polnischen Verhältnisse, wobei ihm mannigfache 
Reisen in die Provinz und wiederholter Aufenthalt auf Landgütern ebenso 
zustatten kamen wie der Verkehr mit den Konsularvertretern fremder Staaten. 
So wurde er, wie auch Moltke anerkannte, einer der besten Kenner Polens 
in der deutschen Journalistik, der in zahlreichen Aufsätzen wie in den 
Broschüren » Russisch - Polen und die osteuropäischen Interessen« (1870), 
» Russisch-polnische Erinnerungen « (1887) und »Die preußischen Ostmarken« 
(1898) nachdrücklich die deutschen Interessen in der polnischen Frage ver- 
trat, ohne je seine Hochachtung und Sympathie für die ritterlichen Eigen- 
schaften der unglücklichen Nation zu verleugnen. Seine Warschauer Korre- 
spondenzen für die »Schlesische Zeitung« fanden damals, wo so wenig 
unparteiische und zuverlässige Nachrichten aus den inneren Wirren des 
Landes und dem strengen Regiment der Zensur ins Ausland drangen, ihren 
Weg in die europäische Presse. In Warschau selbst aber geriet er bei dem 
Anwachsen der revolutionären Bewegung, indem er überzeugungstreu für die 
autonomistischen Reformpläne des Grafen Wielopolski eintrat, immer mehr 
in Gegensatz zu seinen bisherigen polnischen Freunden und ihrem jour- 
nalistischen Führer Kraszewski. Den ihm von der russischen Regierung 
angebotenen Eintritt in die neue Unterrichtsverwaltung lehnte er, treu seinem 
Deutschtum, ab. Als er aber die Mordtaten der Revolutionäre entschieden 
verdammte und warnend voraussagte, daß dieser Weg nur zur blutigsten 
russischen Reaktion führen müsse, da verurteilte ihn die geheime Regierung 
zum Tode, und nur der rechtzeitigen Warnung eines anhänglichen Freundes 
hatte er es zu verdanken, daß er wohlbehalten im Mai 1863 von dem 
Schauplatz blutiger Straßenkämpfe nach Deutschland zurückkehren konnte. 

Eine reiche und beglückende Tätigkeit erwartete ihn in Breslau, wo er 
in die Redaktion der » Schlesischen Zeitung« eintrat. Hier fand er ein 
Staatswesen, das in machtvollem Aufstreben dem deutschen Volke die Stellung 



Petzet. 



39 



erobern sollte, nach der sich sein nationaler Sinn in der engeren Heimat 
wie im Auslande vergebens gesehnt hatte; hier fand er eine Bürgerschaft, die 
kraftvoll in liberalem Geiste mitarbeitete an den Aufgaben der Zeit; hier 
fand er auch das häusliche Glück, das seinem tiefen Gemüt die beste Krone 
des Lebens war. Ein Arbeitsgenosse und Freund jener und späterer Tage, 
Hans Toumier, rühmte ihm nach, wie er damals den Jüngeren nicht nur mit 
herzlicher Freundlichkeit aufnahm und in der Technik des Journalismus 
unterwies, »schaffenslustig und schaffenskräftig, von geradezu staunenswerter 
Arbeitsfähigkeit, sondern, selbst begeistert, verstand er es auch, für das Große 
und Schöne des journalistischen Berufes zu begeistern und die hohen Pflichten 
desselben erkennen zu lassen. Freilich standen wir damals inmitten einer 
Zeit, in der es eine Lust war, Deutscher zu sein und als deutscher Publizist 
dem Gange der weltgeschichtlichen Ereignisse zu folgen . . . Und wie in der 
Presse und in den politischen Vereinen, denen er angehörte, war er auch 
im eigenen, von sonniger Harmonie durchleuchteten Hause, in dem an 
seiner Seite die liebenswürdige, herzliche Gattin weilte, und in dem wir 
nach den Tagen der Arbeit wahre Feierstunden verlebten, ein treuer und 
beredter Vertreter aller idealen und nationalen Bestrebungen. Er trug sein 
Bekenntnis nicht nur auf den Lippen, sondern war jederzeit bemüht, es auch 
in Taten umzusetzen.« Das hat er auch in trüber Zeit mit schweren Opfern 
bewiesen. Über ein Jahrzehnt dauerte die glückliche Zeit: bei der Gründung der 
nationalliberalen Partei in Breslau war er sofort eines der tätigsten Vorstands- 
mitglieder; im Jahre 1870 wurde ihm die Chefredaktion der Zeitung über- 
tragen; als Stadtverordneter, als Mitglied der Kreissynode entfaltete er eine 
reiche Wirksamkeit; der Verein »Breslauer Presse« wählte ihn, der unermüd- 
lich mit immer gleichem Wohlwollen gegen Schwächere und Festigkeit nach 
allen Seiten die Interessen und die Ehre seines Standes vertrat, zum Vor- 
sitzenden. Um die Mitte der siebziger Jahre aber begann der Verlag der 
» Schlesischen Zeitung« unter dem Einfluß des Oberstleutnants a. D. von 
Blankenburg sich immer mehr der konservativen Partei zuzuwenden, und so 
verzichtete P. auf seine äußerlich immer glänzender werdende Stellung, um 
lieber in bescheideneren Verhältnissen eine neue Wirksamkeit zu suchen, als 
seine Überzeugungen zu verleugnen. 

Im Herbste 1876 kehrte er nach Bayern zurück und trat an die Stelle 
Robert Landmanns, des späteren bayrischen Kultusministers, in die Redaktion 
der »Allgemeinen Zeitung« in Augsburg, der er schon von Warschau aus 
seine ersten Artikel geschrieben hatte. Hier betrachtete er es als seine große 
Aufgabe, die alten Traditionen des Blattes in Einklang zu bringen mit den 
Forderungen der Gegenwart, vor allem an die Stelle der alten großdeutschen 
Ideale, denen der Chefredakteur Otto Braun immer noch zuneigte, den deut- 
schen Reichsgedanken zu setzen, eine großzügige nationale und von jeder 
Parteischablone freie liberale Politik zur Geltung zu bringen, dabei aber den 
süddeutschen Charakter der Zeitung und den alten Rührt unbedingter 
Gewissenhaftigkeit und Objektivität zu wahren. Manche Einschränkung durch 
Braun, der sich nie mit Bismarck versöhnen konnte, war freilich unvermeid- 
lich; in entscheidenden Augenblicken und schwerwiegenden Fragen aber ließ 
der Chefredakteur, der im Grunde viel mehr eine ästhetische als politische 
Natur war, dem Kollegen freie Hand, und einig waren sie immer in der 



40 Petzet. 

peinlichen Akribie der redaktionellen Arbeit, in der dieses ältere Jour- 
nalistengeschlecht vorbildlich und unerreicht dasteht. Auch außerhalb der 
Zeitung brachte P. seine politischen Anschauungen mannigfach zur Geltung, 
z. B. in den beiden Festschriften » Kemworte Bismarcks « (1885) und »Unser 
Prinzregent« (1891), die seine nationale wie seine bayrische Gesinnung mit 
Wärme bezeugen. Von den vielen wichtigen und einflußreichen Leitartikeln 
aber, die er für die »Allg. Ztg.« schrieb, seien hier nur jene nach der 
Königskatastrophe von 1886 in Erinnerung gebracht, die damals allgemein 
dem Ministerpräsidenten von Lutz zugeschrieben wurden, mit dem sich 
aber P. während seiner Amtszeit nie in persönliche Verbindung gesetzt hat. 

Nach dem Tode des Barons Cotta (1888) ging die »Allgemeine Zeitung« 
in andere Hände über. Mit großer Energie versuchte der neue Verlag 
mit Hilfe eines hochbefähigten norddeutschen Chefredakteurs, Hugo Jacobi, 
eines entschiedenen Bismarckverehrers, eine durchgreifende moderne Re- 
organisation des Blattes, die bei der Übersiedelung der Zeitung von Augsburg 
nach München im Jahre 1882 versäumt worden war. Der erhoffte Aufschwung 
aber blieb aus, da der Übergang allzu schroff war, und als gar der Plan be- 
kannt wurde, die vornehmste Zeitung Süddeutschlands nach Berlin zu ver- 
legen, war das Vertrauen zu ihr in weiten Kreisen erschüttert. So sah sich P., 
als er Ende 1892 an die Spitze der Redaktion berufen wurde, vor der Auf- 
gabe, abgerissene Fäden wieder anzuknüpfen, den süddeutschen Charakter 
der Zeitung wieder außer Zweifel zu stellen, die alten guten Traditionen 
wieder zur Geltung zu bringen, ohne auf die modernen Fortschritte seines 
Vorgängers zu verzichten, dabei die Berichterstattung und Mitarbeiterschaft 
der Zeitung mit wesentlich beschränkten Mitteln auf der alten Höhe zu 
erhalten. Mit voller Hingabe ergriff er diese Aufgaben, die an seine Arbeits- 
kraft und Aufopferungsfähigkeit die höchsten Anforderungen stellten, und 
wußte auch seine Mitarbeiter, die » in ihrem Chef, der von sich alles verlangte, 
stets einen milden und nachsichtigen Beurteiler fanden, nicht als strenger 
Herr und Gebieter, sondern als vertrauensvoller, wohlwollender Freund und 
Führer mit sich fortzureißen«. Stets hat er auch jetzt in der exponierten 
leitenden Stellung seine alte nationale und liberale Gesinnung bewährt, ein 
treuer und charakterfester Vertreter Bismarckscher Politik, und als er im 
Jahre 1896, durch die fortschreitende Erblindung seiner Augen und andere 
Folgen lebenslanger übermäßiger Arbeit veranlaßt, von der Leitung der 
Redaktion zurücktrat, da konnte er mit Genugtuung seinem Nachfolger, dem 
leider schon zwei Jahre später gestorbenen Geheimrat Dr. Julius Jolly, die 
Zeitung in jeder Hinsicht gefestigt und nach Jahren des Rückgangs im Be- 
ginne eines neuen Aufschwungs übergeben, den voll zum Siege zu führen er 
sich selbst nicht mehr frisch genug fühlte, zumal ihm im Januar 1893 die 
treue Lebensgefährtin entrissen worden war, dessen Grundlegung aber in 
erster Linie sein Werk ist. 

Auch in den folgenden, durch manche Sorge und Krankheit getrübten 
Jahren der Ruhe rastete er nicht, und noch oft trat er mit seinem unverwüst- 
lichen Optimismus in Wort und Schrift hervor, wo es galt, für nationale oder 
kulturelle Interessen zu streiten oder ihre Vorkämpfer zu feiern. Gern 
wendete er sich dabei an die Jugend, um so wärmer, je mehr ihn die 
zunehmende Lauheit und der Mangel großer Gesichtspunkte und über- 



Petzet. 



41 



zeugungstreuen Idealismus in den alten politischen Organisationen bekümmerte. 
Als die Wahlreform in Bayern zur innerpolitischen Hauptfrage zu werden 
begann, erhob er mahnend seine Stimme, alle kleinlichen Parteirücksichten 
hierbei abzuweisen und einzig ein gerechtes System mit Minoritätenvertretung 
und Wahlpflicht anzustreben. Seine eigene Partei aber lehnte die in seiner 
Broschüre »Bayrische Wahlreform« (1897) entwickelten Ideen ab, um ihre 
lange Unschlüssigkeit und Unklarheit später mit so bitteren Niederlagen zu 
büßen. So mochte er auch den Vorsitz der »nationalliberalen Partei« in 
München, der ihm nach dem Tode des bekannten Parlamentariers Aub 
angetragen wurde, nicht annehmen, zumal zunehmende Herzbeschwerden zur 
Schonung mahnten. Den Münchner Zweig des Evangelischen Bundes aber 
hat er noch mit Hilfe jüngerer Kräfte gegenüber dem Anwachsen des 
Ultramontanismus organisiert und zwei Jahre lang geleitet, auch im Knaben- 
hort und ähnlichen gemeinnützigen Vereinen zur Weckung eines gesunden 
nationalen Staatssinns mitzuwirken nicht für zu gering gehalten. 

W^ie in früheren Jahren besuchte er jetzt wieder gerne die Journalisten- 
und Schriftstellertage, und so war er auch der Wortführer der Hamburger 
Tagung bei Bismarck in Friedrichsruh. An der Gründung der Pensions- 
anstalt deutscher Journalisten und Schriftsteller war er tätig beteiligt, und 
nie hat er sich vornehm von den bescheideneren Kollegen der Presse ab- 
getrennt, da ihm vielmehr die Hebung seines Standes, von dessen idealen 
Aufgaben er die höchste Auffassung hatte, wahrhaft am Herzen lag. Die 
unbedingte Selbstlosigkeit seines Charakters, die sittliche Hoheit und makel- 
lose Reinheit seiner Gesinnung machte ihn auch bei politischen Gegnern ge- 
achtet, und so genoß er im Kreise der so oft sich befehdenden Berufs- 
genossen in allen Lagern Vertrauen, das mit Recht auf seinen Herzenstakt 
und auf seine trotz aller Kämpfe doch im Grunde durchaus irenische Natur 
begründet war. Das Hauptwerk seiner letzten Jahre aber war eine Arbeit, 
bei der er noch einmal den Sturm und Drang seiner Jugendzeit mit der 
frohen Genugtuung späterer Erfüllung wieder aufleben ließ, ein Beitrag zur 
deutschen Literatur- und Nationalgeschichte »Die Blütezeit der deutschen 
politischen Lyrik von 1840 — 1850« (München 1903). In diesem Buche 
spiegelt sich seine ganze Persönlichkeit: seine freiheitliche und seine 
nationale Gesinnung, seine literarischen wie seine volkserzieherischen Nei- 
gungen. Bewußt verzichtete er auf ein gelehrtes Werk, wozu er das reichste 
Material zusammengetragen hatte, sondern wollte auch hiermit eine weitere 
W' irkung verbinden im Sinne nationaler und liberaler Erziehung des deutschen 
Volkes. Trotzdem nahm die philosophische Fakultät der Universität München 
den Abschluß dieses Buches, das ein großes historisches Problem zum ersten- 
mal von weiten Gesichtspunkten aus behandelt, zum Anlaß, ihn zum Doctor 
honoris causa zu ernennen in Würdigung seines ganzen reichen und frucht- 
baren Lebenswerkes. Und in der Tat ist sein Alterswerk so recht ein Abbild 
dieses Lebenswerkes, das im Dienste des Tages nie der festen Grundlagen 
gewissenhaftester Arbeit und der leuchtenden Leitsterne großer, dauernder 
Ideen entbehrte und darum auch über den Tag hinaus mitwirken konnte am 
Aufbau und Ausbau der größten Aufgaben seiner Zeit. 

Quellen: > Allgemeine Zeitung« vom 28. Februar 1902, vom 2. und vom 4. April 1905 
(Hans Toumier); > Münchner Neueste Nachrichten« vom 2. März 1902 (Herrn. Roth) und 



42 



Petzet Wachsmuth. 



2. April 1905 (Gg. Rose); Ed. Heyck, Die Allgemeine Zeitung 1798— 1898, S. 334, 339- 
Teile des handschriftlichen Nachlasses in der Münchener Hof- und Staatsbibliothek, wo 
sich auch ein vollständiges Exemplar der »Warschauer Zeitung« befindet. Einzelne Ge- 
dichte von P. in den Anthologien von Karl Zettel und Franz Xaver Seidl. 

Erich Petzet. 



Wachsmuth, Curt, Geheimrat, Professor der klassischen Philologie und 
alten Geschichte, Leipzig, ♦ 27. April 1837 zu Naumburg, f 8- J""^ ^9^5- — 
Zu seinem Gedächtnis gesprochene Rede auf dem Trauerkommers am 
22. Juni 1905: 

Liebe Kommilitonen! 

Sie haben uns nach studentischem Brauch hierher berufen zu löblichem 
Tun im besten und vornehmsten Sinne des Wortes, zu Gedächtnistrunk und 
Totenfeier, zu Ehren eines der Ihren und eines der Unsem. 

Draußen rauscht der Strom des Alltagslebens unaufhörlich und rastlos 
durch die Strafien, hier drinnen sind wir versammelt, um in Liebe und 
Dankbarkeit des Lehrers und Freundes zu gedenken, der dem betäubenden 
Lärm der Zeitlichkeit entrückt ist in den ewigen Frieden, stehen unter dem 
stets aufs neue erschütternden Eindruck der Vergänglichkeit alles Gewordenen 
und der Majestät des Todes inmitten all der sprossenden und blühenden 
Pracht des Frühlings und des Sommers, der uns dieses Jahr seine Blumen 
und Pfingstmaien hergab, um die Totenbahre des verblichenen Freundes 
freundlich auszuschmücken. 

Kurz vor Anfang (Jes Maimonats empfing der uns Entrissene bei ihm 
vorsprechende Besucher mit der Mitteilung, es sei ihm versagt gewesen, 
Erholung in den Ferien zu finden, vielmehr habe ihn ein Mißgeschick 
bereits nahe zu den Pforten des Schattenreiches hingeführt; er hoffe in- 
dessen bestimmt, am heutigen Tage, an dem wir hier versammelt sind, 
wieder in voller Tätigkeit zu sein. Die Hoffnung, die wir alle so gern 
teilten, sollte nicht erfüllt werden. Niemand ahnte, daß die dünne Planke, 
die sein Lebensschiff vom Totenreich trennte, so bald zerbrechen sollte. 
Statt zu uns zurückzukehren, ist er hin weggezogen in jenes ferne, unbekannte 
Land, aus dem die Rückkehr hierher zu uns, den Lebenden, für immer ver- 
sagt ist. 

Der einzelne Mensch vergeht, wie das Gras und die Blume des Feldes, 
das Menschengeschlecht bleibt und erneuert sich im unaufhörlichen Kreislauf 
der Jahre. Das Gute, das der einzelne geschaffen, geht darum nicht unter 
im Dunkel des Verderbens, sondern wird fortgepflanzt von Geschlecht zu 
Geschlecht, von Hand zu Hand weitergegeben wie die leuchtende Fackel im 
Fackellauf der attischen Epheben. Und Curt Wachsmuth gehört zu denen, 
die hier unten im Licht unverweslich gesät haben, ein Gedanke, der uns 
erfreuen mag inmitten all des Leids, da nun einmal Trost und Linderung 
hier zu spenden nur der Religion eignet und gebührt, dem Wissen aber ver- 
sagt ist dem Tod seinen Stachel zu nehmen. Es versöhnt uns mit dem 
Geschick der Umstand, daß wir den Toten glücklich preisen und beneiden 
dürfen darum, daß ihm die besten Freuden des Lebens beschieden gewesen 
sind und in reichem Maße, daß ihm die Dankbarkeit und Verehrung seiner 



Wachsmuth. 



43 



Schüler, d. h. all derer, die von ihm gelernt haben und noch lernen werden, 
heute und immerdar gesichert ist. 

Darum wäre es auch nicht im Sinne des Verstorbenen, zu weinen und 
zu klagen. Aufer abhinc lacrimas, balatro, et compescc querellas würde er selbst 
dem um ihn oder um seinesgleichen Klagenden zurufen, wäre er noch unter 
den Lebenden. Etwa 70 Jahre hat dies Leben gewährt und köstlich ist es 
gewesen, weil es bis zum letzten Sonnenlauf vor der ewigen Nacht Mühe 
und Arbeit gewesen ist. Am vorletzten Tag, den er unter den Lebenden 
geweilt, legte er beim Eintritt eines Besuchers das gewissenhaft durchgearbeitete 
Buch seines nächsten Kollegen, dankbar für die Belehrung, zur Seite, wohl 
das letzte Buch, das er in Händen gehalten hat, in Atemnot und Gebrest 
erquickt von dem Geisteshauch der attischen Erde; so ist er von uns gegangen 
in ungebrochener Kraft des Geistes und in voller Freude an Leben und Arbeit, 
heitern und fröhlichen Gemütes, und so wird er vor uns stehen in unserm 
Gedächtnis, eSxoXo; [xiv ^vOao, eyxoXo; £x£t, der rechte Sohn seiner schönen 
thüringischen Heimat und der glückliche Zögling der großen rheinischen 
Universität. Denn es war ja jener anmutsvolle Geist der Philologie Welckers, 
Jahns und Ritschis, der sein ganzes Wesen für uns so anziehend und so 
anregend gestalten konnte. Noch stehen wir unter dem Eindruck dieser 
Persönlichkeit, noch klingen uns seine Worte in die Ohren, mit denen er so 
oft und gerne aus seinem Leben erzählte, allerlei Gedanken und Meinungen 
uns erschloß und offenbarte. Es verlohnt wohl der Mühe, einzelnes aus 
dieser ungeschriebenen Überlieferung in unserm Gedächtnis festzuhalten, ge- 
ziemt sich aber dabei der Tatsache eingedenk sein, daß nichts weniger dem 
Geist und Willen des Betrauerten entspricht, der ein eifriger Prophet der 
nüchternen und nackten Wahrheit war, als nichtige Lobredereien oder über- 
schwengliche Rhetorik. 

Geboren in der Stadt mit dem herrlichen, ewigen Dom, der auf die Saale 
niederschaut, hatte er das große Glück, seine Jugenderziehung in der alt- 
berühmten Fürstenschule zu finden, die im Weichbild dieser Stadt gelegen 
ist, und hat zeitlebens mit jener warmen Dankbarkeit und hellen Begeisterung 
die Erinnerung an seine Schulzeit gepflegt, die, wie es scheint, allen Schülern 
Schulpfortas eigen ist, hat besonders oft und gern des großen und erschütternden 
Eindrucks gedacht, den in den altehrwürdigen Klosterhallen die Totenfeier 
für die heimgegangenen Schüler alle Jahre aufs neue hervorrief, dankbar der 
pflichtgetreuen Lehrer und der begabten Mitschüler sich erinnert, der ernsten 
Unterrichtsstunden wie der übermütigen Jugendspiele in der Waldeseinsamkeit 
bei dem berühmten Musenquell. WMe in Schulpforta, so hatte er auf den 
Universitäten Jena und Bonn das Glück, nicht nur hochbegabte Lehrer, sondern 
auch hochbegabte Mitschüler zu finden. Mit dem ihm eigenen Scharfblick 
erkannte Friedrich Ritschi, dieser einzige Universitätslehrer, frühzeitig die 
außerordentliche Begabung seines Schülers. Dort in Jena und Bonn wurden 
die Grundlagen seiner späteren wissenschaftlichen Tätigkeit gelegt. Wachs- 
muths Eigenart zeigt sich indessen darin, daß sein eigentliches Arbeitsgebiet 
ein anderes geworden ist als die Gebiete, wo Friedrich Ritschi und Otto Jahn 
die Führer waren. Die Verbindung von alter Geschichte und Philologie, die 
ihm eigen ist, die Wahl der Vorlesungen, die Vorliebe für die Be- 
schäftigung gerade mit Horaz Satiren und mit den römischen Historikern, 



AA Wachsnjuth. 

insbesondere mit Tacitus, erinnert den unbefangenen Beurteiler mehr an 
seinen Lehrer der Jenaer Studienzeit, den trefflichen Nipperdey, als gerade 
an Gelehrte wie Ritschi oder Jahn. Beiden Lehrern, Friedrich Ritschi 
und Otto Jahn, dem unvergleichlichen Gelehrtenpaar, wie er schreibt, ist 
nach Abschluß seiner Studien die Schrift über Krates von Mallos gewidmet. 
Die Begutachtung einer Neubearbeitung dieser seiner Jugendschrift durch 
einen seiner Schüler war wohl seine letzte amtliche Tätigkeit hier in Leipzig 
inmitten unserer Fakultät. Nicht allein die Anerkennung der Arbeit von 
Seiten beider Lehrer war der Ehrenpreis seiner Jugend, der Verfasser war 
auch auserkoren, die durch Schönheit und Klugheit ausgezeichnete Tochter 
seines Meisters als Gattin heimzuführen. 

Aber gerade der Umstand, daß der hervorragende Schüler beiden Lehrern 
gleich nahe stand, für beide mit gleicher Verehrung erfüllt war, gerade dieses 
Verhältnis des Schülers zu beiden Lehrern sollte für Wachsmuth zum Quell 
schwerer Leiden werden. Jener unselige Zwist und Streit zwischen den 
beiden Bonner Philologen, der aus kleinen Anfängen, so wie die Fama in 
Vergils Aeneis, anschwoll zu einer verderblichen und unnatürlichen Größe, 
zwang den Schüler zwischen beiden zu wählen, und die Wahl konnte für 
ihn nicht zweifelhaft sein. Der Eingeweihte weiß, daß der Schmerz über 
diese quälende Erinnerung bis in seine letzte Lebenszeit an ihm nagte. Vielen 
seiner alten Freunde darum entfremdet, neigte der Vereinsamte zu Unzugäng- 
lichkeit und Schroffheit. Der Eingeweihte weiß auch, daß er bis zum letzten 
Abschluß seines Lebens mit kindlicher Verehrung und Dankbarkeit gerade 
seines Lehrers Otto Jahn gedacht hat. 

Es ist noch nicht lange her, daß unsere Reisebücher für Italien mit 
den Worten begannen, daß eine Reise nach Griechenland noch zu den 
seltenen Glücksfällen des Lebens gehörte. In jener Zeit, in der dies tat- 
sächlich noch der Fall war, war es Wachsmuth vergönnt, nach einer kurzen 
Lehrtätigkeit am Joachimsthalschen Gymnasium in der ehrenvollen Stellung 
eines Sekretärs der preußischen Gesandtschaft in Athen auf dem geheiligten 
Boden des attischen und griechischen Landes zu verweilen, kurz nachdem 
Jahns Ausgabe der Periegese der Akropolis von Pausanias erschienen war; 
es war ihm vergönnt, das alte Griechenland im neuen zu erkennen und das 
Material zu sammeln für sein großes Werk über die Geschichte der Stadt 
Athen im Altertum, ein Buch, das Ulrich Köhler bei seiner Periegese Athens 
uns Zuhörern als das grundlegende Werk zu bezeichnen pflegte. Zugleich 
gewann dort der junge deutsche Gelehrte die demütigende Erkenntnis von 
der Bedeutungslosigkeit seines Vaterlandes inmitten der Politik der Groß- 
mächte, gewann Einsicht in die Unfähigkeit des bayrischen Prinzen, das 
hellenische Volk zu regieren und erlebte bald den Zusammenbruch des 
Königtums, das ihm nur als ein Schattenkönigtum erscheinen konnte. 

Nach Verlauf eines Jahres habilitierte sich Wachsmuth, in das Vaterland 
zurückgekehrt, 1862 in Bonn und wurde bereits 1864 als Professor nach Marburg 
berufen. Wie er sich auszudrücken pflegte, bedrückte ihn diese frühzeitige 
Auszeichnung mehr als sie ihn erfreute. Die öffentliche Meinung verlangte 
als Grundlage der Berufung ein umfangreiches Werk, und der junge Dozent 
hatte bisher nur einzelne kleinere Schriften erscheinen lassen. Der Beruf als 
Lehrer legte ihm die Verpflichtung auf, seine ganze Kraft den Vorlesungen 



Wachsmuth. 



45 



und Übungen zu widmen, und dabei mußte die schriftstellerische Tätigkeit 
zu kurz kommen. Er hat selbst noch hier in Leipzig jene Berufung nur als 
einen Wechsel auf die Zukunft bezeichnet, dessen Einlösung ihm schwere 
Sorgen verursacht und ihm oft den Schlaf der Nächte geraubt habe. Wir 
können ihm heutzutage die Zusicherung in das Grab nachrufen, daß er getreu 
und redlich allen seinen Verpflichtungen nachgekommen ist und in Frieden 
den ewigen Schlaf schlafen kann. Hatte Wachsmuth in Griechenland die 
Ohnmacht und Kleinlichkeit der deutschen Politik im Auslande kennen zu 
lernen Gelegenheit gehabt, so waren die Verhältnisse in dem kleinen kur- 
hessischen Staat, insbesondere das Verhältnis des Hofes zum Volk und zur 
Universität, noch kleinlicher und entbehrten zum Teil nicht des Fluchs der 
Lächerlichkeit. Es folgte aber kurz darauf die große Zeit, in der die 
Bismarcksche Politik ihren Höhepunkt erreichte, die Zeit, in der die Freude 
am Vaterlande dem Leben des Preußen neue Weihe und neuen Wert gab, 
die Abrechnung mit Österreich 1866, mit Frankreich 1870 und die Gründung 
des neuen Reiches. 

1869 folgte Wachsmuth einem Rufe nach Göttingen, 1877 nach Heidel- 
berg. Jn Göttingen traf ihn inmitten angestrengtester Tätigkeit ein schwerer 
Schicksalsschlag durch den Tod eines hochbegabten Sohnes, ein bitterer 
Verlust, den er nie ganz verwinden konnte. Ein Bild dieses Sohnes stand 
ihm stets zur Seite in seiner Häuslichkeit. Er pflegte die glücklich zu preisen, 
die nie den Tod eines Kindes beklagen mußten, und äußerte vor Jahren 
einem durch den Tod der Gattin tief gebeugten Kollegen der Nachbar- 
universität, es sei für das Weib viel leichter, den Verlust des Gatten, oder 
selbst für den Mann, den Verlust der Gattin zu tragen, als den Verlust des 
Kindes; denn es verdoppele den Schmerz, den Schmerz der Mutter um ein 
junges Leben mittragen zu müssen, indessen jede Stunde jeder der beiden 
Gatten gefaßt und bereit sein müßte zum Abschied für immer. Freilich 
hatte er damals dies Abschiednehmen noch nicht erprobt: auch dieser 
Schmerz ist ihm nicht erspart geblieben, er hat seine Gattin, die Tochter 
Friedrich Ritschis, nur um zwei Jahre überlebt. 

1886 war Wachsmuth einem Ruf nach Leipzig gefolgt, war 20 Jahre 
lang eine Zierde unserer Universität, von unermüdlicher zäher Arbeitskraft 
und Energie, die ihn nie verlassen hat; bis zum letzten Tag seines Lebens 
stand er, wie schon berichtet, auf der vollen Höhe der Wissenschaft. Er 
besaß die staunenswerte Arbeitskraft, sowohl auf dem Gebiet der alten Ge- 
schichte wie dem Gebiet der Philologie die neue und die neueste Forschung 
bewältigen zu können, beherrschte wie nur wenige das ganze, große Gebiet 
der klassischen Altertumswissenschaft und war außerdem selbst auf einzelnen 
Nebengebieten wohl bewandert: es ist begreiflich, daß für ihn deshalb zur- 
zeit kein Ersatz zu finden ist auf deutschen Universitäten. Aber Grundlage 
und Voraussetzung für diese Wissenschaft war ihm die reine Philologie, die 
Wissenschaft, die lehren soll, aus überlieferten Schriftzügen die Gedanken 
längst verschwundener Geschlechter wieder verständlich zu machen. Der 
Gelehrte, den er mit am meisten verehrte, war der Franzose Joseph Justus 
Scaliger, den einst der Geist des großen Oraniers und der Ruhm der 
holländischen Nation nach der neu gegründeten Universität Leyden gezogen 
hatte und dort in den Sümpfen der Bataver die Rebenhügel und die Nachti- 



aQ Wachsmuth. 

gallen Südfrankreichs vergessen ließ. Damals, als die Greuel des Religions- 
krieges die Niederlande und das schöne Frankreich verwüsteten, Städte und 
Klöster mit all den unersetzlichen Schätzen der Wissenschaft in Flammen 
aufgingen, da wußte der gelehrte Philologe die Frage nach dem Grund dieser 
Zwietracht nur mit dem tiefsinnigen Spruch zu beantworten, Ursache und 
Ursprung all dieser Zwietracht sei nur die Unkenntnis der Grammatik. Er 
gab dadurch dem Nachdenkenden zu verstehen, daß nur der Schriftkundige 
die Schrift richtig zu deuten vermöge, sei diese Schrift nun die heilige Schrift 
oder ein weltliches Gesetzbuch, der Vers eines Dichters, der Bericht eines 
Chronisten oder der Lehrsatz eines Philosophen. Auch Wachsmuth erkannte 
nur den als vollgültigen Historiker an, der befähigt und imstande war, sich 
selbständig ein Urteil zu bilden über den Sinn und Inhalt einer historischen 
Überlieferung: die Grammatik im Sinne Scaligers war für ihn die letzte 
Grundlage seiner Tätigkeit als Historiker wie als Philologe. Stets hat er 
indessen die Auffassung vertreten, daß die Tradition der deutschen Universitäten 
in erster Linie von dem Universitätslehrer verlangt, daß er sich voll und ganz 
dem Unterrichte und der Lehrtätigkeit widme, da auf diese Tätigkeit des 
Unterrichtes der Staat und das Land den ersten Anspruch habe. Vorbild 
und Muster war ihm hier sein Lehrer Ritschi, von dessen peinlichster Sorg- 
falt und Gewissenhaftigkeit in der Beurteilung selbst der unreifsten Anfänger- 
arbeit die Akten unseres Seminars ein beredtes Zeugnis ablegen. Aber trotz 
dieser mit Anspannung aller Kräfte und mit großer Selbstverleugnung betriebenen 
Lehrtätigkeit, die der aus Wachsmuths Schülern erwählte Sprecher nach mir 
hier zu schildern unternehmen wird, reichten seine Kraft und Gesundheit aus 
zu einer weit ausgedehnten schriftstellerischen Tätigkeit. Als Senior des 
Bonner philologischen Seminars überreichte er Friedrich Gottlieb Welcker 
zum 50jährigen Professorenjubiläum seine Bearbeitung der Bruchstücke der 
Satiren des Timon von Phleius, eines Gebietes der Literaturgeschichte, dessen 
Erforschung er viele Jahre seines Lebens gewidmet hat, das sich erstreckt 
von der Zeit des alten Xenophanes bis in die Zeit des Lukianos von Samosata. 
Die Satire auf antike Theologie und dogmatisierende Philosophie, wie sie 
von dem großen Eleaten begründet war, und ihre weitere Entwicklung auf- 
zuhellen, war das Endziel dieser Forschung. Wachsmuth hat erkannt, daß 
der Spott des Lucian auf Religion und Philosophie ein eigenartiges, dem 
attischen Geiste fremdes Gepräge hat, daß die berühmtesten Vertreter dieser 
Literaturgattung des Spottes Syrer und Semiten waren, also Stammesgenossen 
Heines und Börnes, vor allem Menipp, der Philosoph, dessen Bild der Pinsel 
des Velasquez so meisterhaft nach Lucians Schilderung zu zeichnen wußte, 
Meleager und Oinomaos von Gadara, endlich Lucian selbst, der berühmteste 
von allen. Neben diesen literaturgeschichtlichen Forschungen beteiligte sich 
Wachsmuth eingehend an der urkundlichen Herausgabe der wichtigsten Schrift- 
steller über antike Philosophie, des Diogenes Laertius und des Johannes 
Stobaeus, dessen erste urkundliche Ausgabe ihm mit verdankt wird. Während 
diese Arbeiten das Gebiet der alten Philologie und der Altertumswissenschaft 
zum Gegenstand hatten, zeigt seine Beherrschung der antiken Historiographie 
das 1895 erschienene Handbuch, das den Titel führt »Einleitung in das 
Studium der alten Geschichte«, ein Werk, das jedenfalls als das beste und 
philologisch gründlichste aller Handbücher derart erachtet werden muß. 



Wachsmuth. 



47 



Wachsmuth war keine Persönlichkeit, die den Femstehenden sein innerstes 
Wesen und seine innersten Gefühle sofort erkennen ließ. Zwar seine thüringische 
Fröhlichkeit hat ihn bis in seine letzten Stunden nie verlassen, eine innere 
Fröhlichkeit, die er zuvörderst seinem rastlosen Fleiß und seinem unbeugsamen 
Pflichtgefühl verdankte. Aber man konnte merken, daß er es schwer ertrug 
zu sehen, wie die neue Zeit in der Wertschätzung der griechisch-römischen 
Kultur sich immer weiter von dem Urteile unserer Väter entfernte; so manchem 
lieben Genossen seiner ersten Studien und seiner Jugend hatte ihn zudem der 
unselige Streit zwischen Ritschi und Jahn mit all dem, was er im Gefolge 
hatte, entfremdet, die Beurteilung, die Ritschi zeitweilig von seiten jüngerer 
Philologen erfuhr, die gerade einzelne Mängel der Begabung des großen 
Universitätslehrers auffällig in den Vordergrund zogen, hatte ihn arg ver- 
stimmt: er empfand das Vergängliche des irdischen Ruhms und glaubte Un- 
dankbarkeit zu erkennen, wo vielleicht nur der Fortschritt der Zeit und der 
Wissenschaft zu erkennen war. Schmerzlicher als mancher andere empfand 
er zudem den Verlust gleichaltriger Kollegen, sowie wir heute seinen Verlust 
so schmerzlich empfinden. Aber wenn Wachsmuth auch vielen jüngeren 
Amtsgenossen abweisend und unzugänglich erschien, jeder empfing den Ein- 
druck einer Persönlichkeit von eisernem Pflichtgefühl und unbeugsamer 
Arbeitskraft, von weitem und großem Blick hoch herab von der Höhe der 
Wissenschaft, einer Persönlichkeit, die jeder kleinlichen Regung fern nur das 
eine Ziel verfolgte, die Ehre und den Ruhm unserer Universität zu erhöhen, 
deren Vertrauen seit seiner Berufung von Heidelberg hierher er durch treue 
und entsagungsvolle Arbeit reich gelohnt hat. 

So ist er unserer Universität entrissen worden nach einem reichausgefüllten 
Leben, von dem er Abschied genommen hat, nicht wie der Schüler des Epikur, 
der satt vom Mahle aufsteht, sondern wie der brave Soldat, der auf seinem 
Posten treu ausgehalten hat, bis ihn der Feldherr abruft, uns allen zum Vor- 
bild, der Universität und der Wissenschaft, dem Vaterland zur Ehre. Aus 
dem Schriftsteller, dessen schwierige Satzgefüge er Ihnen, meine Herren, 
noch unlängst, und vordem so oft in seinen Vorlesungen ausgelegt hat, ent- 
nehmen wir heute zu dieser Totenfeier das Abschiedswort, das wir ihm ins 
Grab nachrufen, sein Geist wird, wir glauben es, seine Freude haben an der 
Sprache und an der Gedankentiefe des alten Römers, seines wohlvertrauten 
Freundes : 

»Wenn es einen Ort gibt, wo die Seelen der Guten Wohnung haben, 
wenn, wie es die Meinung der Weisen und Denker ist, große Geister nicht 
mit dem Leibe zugleich vergehen, dann mögest du ruhen in Frieden. Aber 
dein Geist möge zugleich uns und dein ganzes Haus vermahnen, statt nach 
dir weichlich zu bangen und dich nach Weiberart zu beklagen, uns vielmehr 
aufzurichten an der Betrachtung deiner Tüchtigkeit, die nicht Trauer noch 
Klage erduldet. Vielmehr ziemt es sich, Bewunderung und unvergängliches 
Lob darzubringen deinem Gedächtnis, ziemt es sich, nachzueifern dem Bei- 
spiel, das du uns gegeben, insoweit eines jeglichen Befähigung dieses gestattet; 
solches allein ist die wahre Totenklage, solches geziemt dem frommen Sinn 
jedes wahren Freundes. Dies möchte ich der Tochter ans Herz legen, dies 
seiner Sippe, derart das Bild des Vaters und Verwandten zu verehren, daß 
sie all sein Tun und Lassen, seine Taten und Worte im Herzen bewegen, 



aS Wachsmuth. Kahlbaum. 

Wesen und Gestalt seines Geistes mehr als seines Leibes im Gedächtnis 
behalten; nicht als ob ich die Bilder von Marmor oder Erz mißachten oder 
verwerfen möchte, sondern weil, wie das Antlitz des Menschen, so auch 
jegliches Bildnis oder Gleichnis, nur ein hinfälliges und vergängliches Gebilde 
sein kann, ewig dauernd aber das Bild der Seele bleibt, die nicht Kunstwerk 
noch irdischer Stoff im Abbilde festhalten noch darstellen kann, die du nur 
selbst nachbilden und nachahmen kannst mit deiner eigenen Seele Eigenart. 
All das, was wir an dem Entschlafenen geliebt haben, all das, war wir 
bewundert haben, das bleibt in dem Herzen der Menschen und wird gewiß 
bleiben im ewigen Wandel der Zeiten und solange der Mund der Geschichte 
nicht verstummen wird.« 

AVE VALE. Friedrich Marx. 



Kahlbaum, Georg W. A., Professor der Chemie, ♦ 8. April 1853 in Berlin, 
+ 28. August 1905 zu Basel. — K. war das jüngste Kind des Fabrikbesitzers 
Wilhelm Kahlbaum. Nach glücklich durchlebter Jugendzeit im Hause seiner 
Eltern, das ihm manche geistige Anregung bot, bezog er die Universität zum 
Studium der Chemie in der Absicht, für den spätem Beruf im Geschäfte 
seines Vaters sich auszubilden. Nachdem er in Berlin, Straßburg und be- 
sonders in Heidelberg seine Wissenschaft studiert und als flotter Bursche 
auch die geselligen Freuden des Studentenlebens genossen hatte, kam er 1876 
nach Basel, veranlaßt durch den Umstand, daß sein früherer Lehrer, mit dem 
ihn Bande inniger Freundschaft verknüpften, als Professor der Theologie an 
die Universität berufen wurde. In Basel hat er dann sehr ernstlich mit 
wissenschaftlichen Studien sich beschäftigt, und die Freude am selbständigen 
Forschen hat bei ihm eine bestimmte Gestalt angenommen; auch hat schon 
früh die geschichtliche Entwicklung der chemischen und physikalischen 
Wissenschaft sein Interesse in Anspruch genommen. Nach Vollendung der 
Universitätsstudien in Basel war er einige Zeit in Berlin, um in der chemischen 
Fabrik seines Vaters seine Kenntnisse zu verwerten. Aber diese praktische 
Tätigkeit befriedigte ihn nicht; es trieb ihn zur Wissenschaft zurück, er 
kam wieder nach Basel, erwarb im Juli 1884 mit einer Dissertation über 
»Siedetemperatur und Druck« den Doktorgrad, richtete sich ein eigenes 
Laboratorium ein und habilitierte sich 1887 für das Fach der physika- 
lischen Chemie. 1892 wurde er außerordentlicher und 1899 ordentlicher 
Professor. 

Die reiche literarische und wissenschaftliche Tätigkeit K.s bezieht sich 
hauptsächlich auf zwei Gebiete, nämlich auf: wissenschaftliche Forschungen 
aus dem Gebiete der physikalischen Chemie, und Arbeiten aus dem Gebiete 
der Geschichte der Physik und Chemie. 

Während er noch als Student im chemischen Laboratorium der Universität 
arbeitete, publizierte er einige kleinere chemische Arbeiten über einige Me- 
thylester, über einfach gechlorte Crotonsäuren und über polymere Acrylsäure- 
methylester. Schon bei diesen Arbeiten zeigte sich die Neigung zu physi- 
kalischen Untersuchungen, indem er die merkwürdigen physikalischen 
Eigenschaften des modifizierten Esters, besonders ein spezifisches Gewicht 
und seinen Brechungsindex genau untersuchte. 



Kablbaum. 



49 



Die bei organisch-chemischen Arbeiten häufig angewandte Methode des 
Siedens im luftleeren Raum führte ihn dazu, Siedetemperatur und Druck 
einer näheren Untersuchung zu unterziehen, und so entstand eine große Reihe 
selbständiger Arbeiten, die er im Universitätslaboratorium begann, dann in 
der Fabrik seines Vaters in Berlin und darauf in seinem eigenen Privat- 
laboratorium in Basel fortsetzte. Diese mit großem Fleiß ausgeführten und 
sehr verschiedene wissenschaftliche Fragen behandelnden Arbeiten erstrecken 
sich über eine Zeit von etwa 14 Jahren. 

K. bediente sich zuerst der dynamischen Methode und konstruierte einen 
praktischen Apparat für die Bestimmung der Siedepunkte. Mannigfache 
Untersuchungen mit zweckmäßig eingerichteten Apparaten, welche für die 
gleichen Flüssigkeiten die Ermittlung der Siedepunkte sowohl nach der dy- 
namischen als nach der statischen Methode gestatteten, führten schließlich 
K. zu der Überzeugung, daß man bei richtiger Anordnung der Versuche auch 
durch die dynamische Methode hinlänglich genaue Zahlen für die Siede- 
temperaturen erhalten kann; dadurch fiel dann auch das Bedürfnis, Koch- 
punkte und Siedepunkte zu unterscheiden, weg. Als nun eine praktische 
dynamische Methode, die zuverlässige Resultate gab, gefunden war, sind in 
K.s Laboratorium für mehr als vierzig organische Flüssigkeiten die Siede- 
punkte bestimmt worden. 

Bei den Bestimmungen der Siedepunkte war K. genötigt, eine bequeme 
Einrichtung für das Absaugen der Dämpfe und die Erreichung eines möglichst 
luftleeren Raumes herzustellen; diese benützte er für eine weitere mit den 
Untersuchungen über Siedepunkte verwandten Aufgabe, nämlich für die 
Destillation der Metalle im Vacuum. Während zehn Jahren hat diese Aufgabe 
K. beschäftigt. Aus einer Retorte von feuerfestem Porzellan wurde mit der 
Quecksilberpumpe der Metalldampf abgezogen und in einem als Vorlage 
dienenden Porzellanrohr sublimiert. Die dabei angewandten Temperaturen 
lagen zwischen 6000 und 14500 C, und der Druck betrug im Mittel rund 
zwei Milliontel Millimeter. Auf diese Weise wurden 25 Elemente, darunter 
die Metalle Baryum, Kalzium, Strontium, Magnesium, Kupfer, Silber, Gold, 
Nickel, Eisen, Chrom durch Destillation im reinen festen Zustande erhalten 
und auf ihre physikalischen Eigenschaften der Kristallisation, des spezifischen 
Gewichtes und der spezifischen Wärme näher untersucht, wobei manche bis 
dahin unbekannte interessante Tatsachen aufgedeckt wurden. Dabei hat sich 
in bezug auf das spezifische Gewicht eine höchst merkwürdige Erscheinung 
gezeigt, die näher untersucht wurde. So wurde z. B. beim Kupfer das spe- 
zifische Gewicht durch einen Druck von etwa 10 000 Atmosphären um 
sechs Zehntausendstel erhöht, was leicht verständlich ist; wird dann aber 
der Druck auf 20000 Atmosphären gesteigert, so dehnt sich in uner- 
warteter Weise das Kupfer wieder aus, und das spezifische Gewicht wird 
etwa um sieben Zehntausendstel vermindert; ähnliches wurde an ver- 
schiedenen anderen Metallen beobachtet. Wird darauf dieses stark ge- 
preßte Metall ausgeglüht, so tritt wieder eine Erhöhung des spezifischen 
Gewichtes ein. Analoge Erscheinungen gab die Untersuchung tordierter 
Drähte. Auch wurde nachgewiesen, daß allgemein beim Übergang hart 
gezogener in weich geglühte Drähte der elektrische Leitungswiderstand 
abnahm. 

Blogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekroloj^. lo. Bd. 4, 



50 



Kahlbaum. 



Über dieses höchst merkwürdige Verhalten hat K. noch am 9. Juli 1905 
vor der in Flühen tagenden chemischen Gesellschaft Basel - Freiburg - Mühl- 
hausen-Straßburg einen interessanten Vortrag gehalten. 

Bei der von der Firma J. Amsler-Laffon und Sohn in Schaffhausen kon- 
struierten hydraulischen Presse für Erzeugung großer Drucke bis zu 150000 
Kilogrammen, die K. der physikalischen Anstalt geschenkt hatte, wurde nicht 
Wasser, sondern Rizinusöl angewandt, weil die große Zähigkeit dieser Flüssig- 
keit einen besseren Verschluß im Druckzylinder bewirkte; es gab dies die 
Veranlassung zu einer unter K.s Leitung in seinem Laboratorium mit zweck- 
mäßigen Apparaten sorgfältig ausgeführten Arbeit über die innere Reibung 
des Rizinusöls und das Gesetz ihrer Abhängigkeit von der Temperatur. 

Bei der Destillation der Metalle mußte der Vorgang in der undurch- 
sichtigen Porzellanretorte während des Betriebes untersucht werden; K. hatte 
den glücklichen Gedanken, mit dem Röntgen apparat hineinzusehen; es führte 
ihn das zu einläßlichen Studien über Röntgen- und Radiumstrahlung, welche 
ihn die letzten Jahre seines Lebens beschäftigten; dabei untersuchte er be- 
sonders die Durchlässigkeit verschiedener Metalle für die photographisch 
wirkenden Röntgenstrahlen und ihre Abhängigkeit vom Atomgewicht. 

Während eines durch Unwohlsein veranlaßten Aufenthaltes in Baden- 
Badbn untersuchte er die dortige Quelle auf Radium und wurde dadurch 
dazu geführt zu untersuchen, wie Metalle auf eine photographische Platte 
wirken, ohne die empfindliche Schicht zu berühren; diese Strahlenselbst- 
schreibung bezeichnete er mit dem Namen Aktinautographie. 

Bei allen seinen Arbeiten hat sich K. als ein unabhängiger, von jedem 
Schulzwang und und jeder vorgefaßten Meinung vollkommen freier Forscher 
erwiesen. 

Besonders muß die Geschicklichkeit hervorgehoben werden, init welcher 
er seine Apparate konstruierte und behandelte. In dieser Hinsicht ist vor 
allem seine verbesserte automatische Quecksilberpumpe zu erwähnen. 

Am Pyknometer für Bestimmung des spezifischen Gewichts wurden einige 
vorteilhafte Änderungen angebracht; dem Thermoregulator, der durch die 
Dampfspannkraft die Regulierung bewirkt, wurde eine passende Form gegeben ; 
bei Schliffen und Hähnen wurde die Sperrung durch Quecksilber zum festen 
Verschluß in bequemer Weise angebracht und durch Anwendung zweier ver- 
schiedener Glassorten die Reibung vermindert; dazu nennen wir noch eine 
einfache Laboratoriumsschleuder, einen Apparat zur fraktionierten Destillation, 
einen zweckmäßigen Scheidetrichter und eine praktische Normalsiederöhre. 

Abgesehen von den ersten Arbeiten, die K. in den Laboratorien des 
Bernoullianums und darauf in der Fabrik seines Vaters in Berlin ausgeführt 
hat, sind alle seine Untersuchungen vermittelst der ihm gehörigen Apparate 
und Materialien im eigenen Laboratorium an der Steinenvorstadt in Basel 
ausgeführt worden, wobei er von seinen Assistenten und Praktikanten unter- 
stützt wurde. 

Schon früh hat K. Interesse gezeigt für die historische Entwicklung seiner 
Wissenschaft. Als erstes Beispiel dieser Tätigkeit nennen wir seine biographi- 
schen Studien über Schönbein, den er mit ganz besonderer Verehrung und Liebe 
behandelt hat, wobei der Umstand mitgewirkt haben mag, daß er wie Schön- 
bein deutsch war durch und durch, und zugleich von Herzen der schweize- 



I 
I 

1 
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Kahlbaum. 



51 



Tischen Stadt zugetan, in welcher er eine zweite geistige Heimat gefunden, 
ihren naturwissenschaftlichen Instituten mit loyaler Dankbarkeit zugewandt. 
Sein Hauptwerk über Schönbein ist die Biographie in zwei Bänden, 
welche er gemeinsam herausgegeben hat mit Herrn Professor Ed. Schär in 
Straßburg (1899). ^- ^^^ ^^^ außerordentlichem Fleiß und großer Sorgfalt 
den ihm mit seltener Liberalität von der Schönbeinschen Familie überlassenen 
schriftlichen Nachlaß mit vielen hunderten von Briefen, sowie die zahlreichen 
Druckschriften Schönbeins durchgearbeitet, und so ist es ihm gelungen, von 
diesem bedeutenden Gelehrten ein höchst lebensfrisches Bild zu entwerfen. 
Eine wertvolle . Ergänzung zu der Biographie bildet die etwas über ein 
Jahr nach der Schönbeinfeier (1899) vorgetragene Untersuchung über die 
Entdeckung des Klebäthers oder Kollodiums, in welcher nachgewiesen wird, 
daß Schönbein zuerst vor den die Priorität beanspruchenden Amerikanern 
die Löslichkeit der von ihm entdeckten SshießbaumwoUe oder, richtiger 
gesagt, der Cellulosenitrate in alkoholhaltigem Äther nachgewiesen und die 
Verwendbarkeit dieser Lösung als Klebäther zur Wundpflege erkannt hat. 
Kurz vor der Schönbeinfeier hat K. in Verbindung mit dem Engländer 
Darbishire den in englischer Sprache geführten Briefwechsel zwischen Faraday 
und Schönbein in einer sehr schönen mit den gelungenen Bildern dieser zwei 
Forscher gezierten Ausgabe publiziert. Schon im Jahre vor der Schönbein- 
feier gab K. bei Gelegenheit der Feier zu Ehren des großen Chemikers Ber- 
zelius, 50 Jahre nach seinem Tode, zwanzig Briefe zwischen Berzelius und 
Schönbein heraus, und unmittelbar vor der Schönbeinfeier kam das fünfte 
Heft der Monographieen, das 133 zwischen Liebig und Schönbein ge- 
wechselte Briefe mit einer Einleitung und mannigfachen Anmerkungen enthält. 

In K.s »Monographien aus der Geschichte der Chemie« behandelt das 
«rste Heft die Einführung der Lavoisierschen Theorie im besonderen in 
Deutschland und den Anteil Lavoisiers an der Feststellung der das Wasser 
zusammensetzenden Gase, dargestellt von K. mit einem seiner Schüler. 

Im zweiten Heft der Monographien gibt K. eine von ihm ausgeführte 
Übersetzung der von Henry E. Roscoe und Arthur Harden publizierten Ab- 
handlung über die Entstehung der Daltonschen Atomtheorie in neuer Be- 
leuchtung. 

Das achte und letzte von K. mit zwei Schülern herausgegebene Heft 
enthält 134 zwischen Liebig und Friedrich Mohr in der Zeit von 1834 bis 
1870 gewechselte Briefe mit vielen beigefügten Glossen und Erläuterungen. 

Außer diesen durch die Form der Publikation zusammenhängenden Mo- 
nographien hat K. noch folgende die Geschichte der Wissenschaft betreffende 
Vorträge und Gelegenheitsschriften publiziert: 

In der Reihe der im Bernoullianum veranstalteten öffentlichen Vorträge 
behandelte er im Jahre 1893 Theophrastus Paracelsus an dem Tage, wo es 
400 Jahre waren, daß dieser durch sein originelles Wesen weltberühmte Arzt 
an der Sihlbrücke bei Einsiedeln geboren war. 

Im Jahre 1897 bei der Jahresschlußsitzung der Basler Naturforschenden 
Gesellschaft hielt K. einen Vortrag über: Mythos und Naturwissenschaft unter 
besonderer Berücksichtigung der Kalewala. Hier zeigt sich K. von einer 
neuen mehr poetischen Seite; er bekennt, daß von jeher das Studium der 
Mythen der Völker auf ihn einen ganz besonderen Reiz ausgeübt hat, und 

4* 



52 



Kablbaum. 



sucht in diesem geistreichen Vortrage zu zeigen, daß im Grunde die Mytho- 
logien der Völker nichts anderes sind als die ersten Versuche einer Natur- 
erklärung. 

Zum hundertsten Geburtstage des Physikers Wilhelm Eisenlohr hielt K. 
im Jahre 1899 im naturwissenschaftlichen Verein zu Karlsruhe über diesen 
Freund Schönbeins einen Vortrag, der später veröffentlicht wurde. 

Zum hundertjährigen Geburtstage von Friedrich Wöhler widmete K. 
der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen ein Jugend- 
bildnis dieses berühmten Chemikers mit der Herausgabe von 13 Briefen, die 
an seinen Freund Hermann von Meyer gerichtet sind. 

Wir erwähnen noch einen erst jetzt nach K.s Tode in den »Chemischen 
Novitäten« erschienenen Aufsatz »Zur Wertung der phlogistischen Chemie«. 
Darin wird in sehr anschaulicher Weise gezeigt, wie diese Auffassung der 
chemischen Vorgänge, auf die man oft verächtlich herabblickt, für die ganze 
Entwicklung der Wissenschaft bedeutungsvoll war und dadurch seinerzeit ihre 
Aufgabe glänzend gelöst hat. 

Bei Gelegenheit des oben erwähnten Vortrages über Paracelsus ist K. 
bekannt geworden mit dem Arzte und Paracelsusforscher Karl Sudhoff in 
Hochdahl bei Düsseldorf, jetzt Professor in Leipzig. Diese beiden gründeten 
bei Gelegenheit der Hamburger Naturforscherversammlung im Jahre 1901 
mit einigen andern wissenschaftlichen Freunden die Deutsche Gesellschaft für 
Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften. Diese hält jährlich als eine 
besondere Abteilung der deutschen Naturforscherversammlung ihre Sitzungen 
ab bei Gelegenheit der Jahresversammlungen und publiziert in zwanglosen 
Heften die Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften. 
Bis heute sind davon unter der Redaktion von K. und Sudhoff vier Bände 
erschienen, die Originalarbeiten und Referate enthalten; in wie hohem Grade 
K. bei dieser für die Geschichte der Wissenschaft höchst wichtigen Zeitschrift 
durch Mitarbeit beteiligt war, beweisen die mehr als 260 Artikel aus K.s 
Feder. 

Bei den vielen Arbeiten aus dem Gebiete der Wissenschaft hat sich K. 
als Meister erwiesen, der nach der Aussage von Sudhoff direkt an die Seite 
des Altmeisters der Geschichte der Chemie, neben den großen Heidelberger 
Hermann Kopp, gestellt werden darf. 

K.s Verdienste um die Geschichte der Chemie sind in der Gelehrtenwelt 
allgemein anerkannt worden, es zeigt sich das am deutlichsten darin, daß 
die Deutsche chemische Gesellschaft ihn mit der Abfassung einer Bunsen- 
biographie betraut hat; dieser ehrende Auftrag konnte nicht mehr ausgeführt 
werden; K. hatte dazu erst einiges Material gesammelt, als ihn der Tod ereilte. 

K.s Vorlesungen bezogen sich auf die physikalische Chemie, die er bald 
als Ganzes in zwei Semestern, bald auch in ausgewählten Kapiteln behandelte, 
sowie auf die Geschichte der Chemie; er wußte durch seinen Vortrag sowie 
auch durch seinen Verkehr mit den Studierenden im Seminar und Kolloquium 
sehr anregend zu wirken. Seine Haupttätigkeit war aber die Leitung der 
Übungen in seinem Privatlaboratorium, aus dem eine große Zahl von Doktor- 
dissertationen hervorging. K. hat der Universität bedeutende Dienste geleistet, 
indem er das Fach der physikalischen Chemie vertrat, für das in der letzten 
Zeit an den meisten größeren Hochschulen ein besonderer Lehrstuhl errichtet 



Kahlbaum. 



53 



worden ist; er bezog keine Besoldung und bestritt aus eigenen Mitteln alle 
Unkosten für sein Laboratorium; seine Freigebigkeit ging so weit, daß er auch 
noch andere Universitätsanstalten, besonders das physikalische Institut und 
die Universitätsbibliothek, reichlich beschenkte. Als ihm die Regierung in 
Anerkennung seiner vielen Verdienste den Titel eines Ordinarius gab, nahm 
er nicht nur die Würde, sondern auch die Bürde; er beteiligte sich ge- 
wissenhaft an Beratungen über Verwaltungsangelegenheiten, sowie an den 
Examen, und versah mit Sorgfalt die Dekanatsgeschäfte, als die Reihe an 
ihn kam. 

Es ist hier noch am Platze, seine Verdienste um die Basler Naturfor- 
schende Gesellschaft hervorzuheben. 

K.s Zeit war großenteils durch Arbeit in Anspruch genommen. Dabei 
war er aber nichts weniger als ein in Laboratorium und Studierzimmer zurück- 
gezogener Gelehrter, sondern ein heiterer Genosse, der überall gern gesehen 
war und mit seinem frischen Humor und seinem anregenden Gespräche Leben 
in eine Gesellschaft zu bringen wußte, was er gelegentlich auch bei aka- 
demischen Festlichkeiten bewiesen hat. Zur Erholung ging K. nach Baden- 
Baden, wo er mit guten Freunden zusammentraf, oder nach Bajrreuth, wo er 
sich an der Wagnerschen Musik ergötzte, oder es trieb ihn aufs Wasser zu 
einer »Spitzbergenfahrt« oder »Um halb Europa herum« von Bremen nach 
Genua. Die mit köstlichem Humor gewürzten Plaudereien über die letzt- 
erwähnten zwei Vergnügungsreisen erschienen zuerst im Feuilleton der Basler 
Nationalzeitung und sind später, teilweise mit Bildern hübsch ausgestattet, 
als besondere Heftchen herausgekommen. 

Lange Zeit genoß K. eine kräftige Gesundheit, aber die über das gewöhn- 
liche Maß hinausgehende körperliche Entwicklung stellte hauptsächlich an die 
Tätigkeit des Herzens Anforderungen, denen der Organismus nicht vollkommen 
genügen konnte; es traten dadurch Störungen ein, die ihn zeitweise zur 
Unterbrechung seiner Arbeit nötigten. Der Zustand hatte sich jedoch sicht- 
lich gebessert, und er konnte seine Forschungen wieder aufnehmen, traute 
sich aber vielleicht zu viel zu, indem er in dem erdrückend warmen Sommer, 
ohne sich eine Erholung zu gönnen, in seinem Laboratorium und seinem 
Studierzimmer ununterbrochen arbeitete. Am 28. August 1905, morgens 
10 Uhr war er mit seinem Assistenten und zwei Praktikanten im Laboratorium 
und gab Weisungen über die Konstruktion eines Apparates, der ihm über 
eine wichtige Frage Auskunft geben sollte, als er ganz plötzlich umfiel; die 
Anwesenden hielten es zuerst für eine Ohnmacht, aber es war der kalte Tod ; 
das Herz hatte aufgehört zu schlagen. So fiel K. ohne Schmerzen unerwartet 
auf dem Felde seiner Arbeit. Zwei Tage nachher fand die Bestattung, dem 
von ihm unterlassenen Wunsche entsprechend, im Krematorium des St. 
Theodorgottesackers statt, bei Anwesenheit von aus Berlin hergereisten Ver- 
wandten, darunter seiner zwar hochbetagten, aber noch rüstigen und geistig 
frischen Mutter, sowie zahlreichen Kollegen, Schülern, Verehrern und Be- 
kannten. 

Die Trauer um den Dahingeschiedenen war eine allgemeine; man fühlte, 
daß ein bedeutender Mann uns entrissen war; und das kam nicht nur in 
Basel zum Ausdruck, sondern weit herum, wo die wissenschaftliche Arbeit 
K.s geschätzt und seine Persönlichkeit geliebt war. 



54 



Kahlbaum. Kalkmann. 



Manche Untersuchungen K.s sind durch den jähen Tod unvollendet ab- 
gebrochen worden. 

Auszug aus den Worten der Erinnerung gesprochen in der Basler Naturforschenden 
Gesellschaft am i. November 1905 von Ed. Hagenbach -Bischof f. 

Kalkmann, August Dethard, a. o. Prof. der klassischen Archäologie 
an der Universität Berlin, ♦ 24. März 1853 in Hamburg, f i7- Februar 1905 
in Berlin. — A. K., Sohn des Kaufmanns Hermann Dethard K. und seiner 
Ehefrau Johanna geb. Tappenbeck, entstammte jenen wohlhabenden Ham- 
burger Kaufmannskreisen, deren Idealität, wie bekannt, im umgekehrten 
Verhältnisse zur Fülle der reellen Güter steht. Deshalb wurde der Fünfzehn- 
jährige nach dem Verlassen der Nirnheimschen Realschule wider Willen 
gezwungen, zwei Jahre lang hinter den Kopierbüchem zu sitzen, bis der end- 
lich doch einsichtsvolle Vater ihm selbst die Berufswahl anheimstellte; sein 
jüngerer Bruder, von den Eltern einst zum Gelehrten bestimmt, kam nun ins 
Kontor; und K. durfte sich seinen geliebten antiken Studien hingeben. 
Durch den Privatlehrer Reinstorff jetzt für das Hamburger Johanneum vor- 
bereitet, besuchte er dieses zwei Jahre mit Erfolg, und bestand unter dem 
Gymnasialdirektor Classen daselbst im Herbste 1873 ^^s Abiturientenxamen. — 
Nachdem er seiner Militärpflicht als Kavallerist unter dem Regiments- 
kommandeur Teil von Wilamowitz-MöUendorf genüge getan hatte, bezog er 
zu Michaelis 1874 die rheinische Universität Bonn. Da K. älter war als der 
Durchschnitt seiner Kommilitonen fühlte er sich zunächst mehr zu seinen 
Lehrern als zu seinen Studiengenossen hingezogen, mit denen er aber auch 
freundschaftlich in der Altphilologen -Vereinigung des »Bonner Kreises« ver- 
kehrte. — Von Unterrichtsfächern hörte er hauptsächlich* natürlich ex officio 
solche aus dem Bereiche der klassischen Philologie und Archäologie, am 
meisten bei den Professoren Buecheler, Kekul6 und Usener. Aber seine uni- 
versal gerichtete Natur, die auch Ausdruck in der letzten These seiner Pro- 
motionsschrift: -» Studium antiquae et recentioris artis tum licet seiungere^t^ findet, 
nötigte K. sich unter C. Justi auch mit der neueren Kunstgeschichte abzu- 
geben, und um schließlich die großen inneren Zusammenhänge aller Geistes- 
gebiete als notwendig zu verstehen, sich noch mit Philosophie bei Riehl zu 
beschäftigen. Nach weiterem einsemestrigem Studium in München, zwei- 
semestrigem in Berlin promovierte er — zuvor für länger durch Krankheit 
am Arbeiten verhindert — am 20. Dez. 1881 an der rheinischen Alma Mater 
mit einer rein literarhistorischen Abhandlung: De Hippolytis Euripideis quaestio- 
ncs novae {yo\\%\^Ti6x% erschienen: Bonn 1882), die er auch seinen drei Bonner 
Hauptlehrern — Buecheler, Kekul^, Usener — widmete. 

Das gleiche Jahr brachte noch seine Habilitation unter Kekule v. Stradonitz 
an der Berliner Hochschule mit der Erweiterung seiner nunmehr als »Die 
Darstellungen der Hippolytossage« betitelten Dissertation. Aber vor 
allem lag es jetzt K. am Herzen, die Antike endlich selbst in ihrer herr- 
lichen Lebendigkeit zu schauen, von der er so viel durch gelehrte Theorie 
gehört hatte: Mehrere langjährige Reisen im Süden, häufiger Aufenthalt in 
Paris und London unterbrachen daher seine erste Privatdozententätigkeit. — 
Endgültig nach Berlin zurückgekehrt, war das erste, woran K. zu gehen 
dachte, eine text- und inhaltlich - kritische Untersuchung der literarischen 



Kalkmann. ^ c 

Quellen des monumentalen Altertums: Der Klassiker hiervon, bekanntlich der 
Lyder (oder Syrer?) Pausanias, der um 143 — 180 v. Chr. seine »Periegesis« 
(Wegweiser) durch Griechenland, Kleinasien und Nordafrika in zehn Büchern 
geschrieben hatte, war durch die Grabungen von Mykenä und Olympia in 
seiner autoritativen Stellung bestärkt, dadurch aber auch wieder in bezug 
auf seine Glaubwürdigkeit entschieden überschätzt worden. Auch Ulrich von 
Wilamowitz-Möllendorf hatte im Jahre 1878 in einer Sitzung der Berliner 
Akademie der Wissenschaften schon bei Gelegenheit einer Stelle über die 
Akropolis im ersten Buche die strengere Authentizität dieses fast einzig uns 
in diesem Maßstabe erhaltenen Vertreters griechischer Kunstschriftstellerei 
stark in Zweifel gezogen. Und nun führte K. die Frage, ob Autopsie oder 
lediglich Abhängigkeit von fremden Kunsturteilen und -anschauungen, wie 
z. B. des Polemon u. a., in seinem Buche: »Pausanias, der Perieget« 
(Berl. 1886) konsequent mit dem Resultate durch, daß Pausanias sich mit 
Ausnahme weniger Einzelfälle größtenteils auf das Urteil anderer über Kunst- 
werke verlasse, welche er selbst nicht oder doch nur ganz ungenügend ge- 
sehen habe! Kein Wunder, daß solch ein revolutionäres Ergebnis nicht ohne 
Widerspruch blieb: Eine zahlreiche Gegenpartei, an ihrer Spitze L. Gurlitt 
in Graz (»Über Pausanias.« Graz 1890), ferner Heberdey (»Die Reisen des 
Pausanias in Griechenland.« Wien 1894), u. a. mehr suchte diesen Heiligen 
des archäologischen Schrifttumsr in seiner Unbescholtenheit zu retten, was 
ihr aber ebensowenig vollständig gelang wie jene folgerichtige Verdammung 
von Seiten K.s: Man vereinigte sich also auf eine Mittellinie! Jedenfalls 
gebührt K. das sicher große Verdienst, zuerst in umfassender Weise, an den 
bisher in seiner Zweifellosigkeit unbestrittenen Periegeten kritisch heran- 
gegangen zu sein! 

Die zweite der Erforschung der antiken Kunstliteratur gewidmete Schrift 
K.s galt den »Quellen der Kunstgeschichte desPlinius.« (Berl. 1898.) 
Das Resultat, die allgemein anerkannte Abhängigkeit dieses Enzyklopädisten 
des ersten nachchristlichen Jahrhunderts von einer Reihe lateinischer — 
Varro, Quintilian und Mucian — und griechischer — Apollodor, Aristides, 
Demokrates, Antigonos und Duris — Autoren, konnte von vornherein nicht 
so wie bei der Pausanias- Untersuchung auf eine einheitlich gefaßte These 
aufgebaut sein und fand darum auch überall Billigung. 

Für K. war nun aber diese eingehende Durchforschung der künstlerischen 
Absichten der Alten keineswegs Selbstzweck, sondern wesentlich nur das 
Mittel, um die prinzipiellen, sich selbst das Gesetz bestimmenden Urteile 
jener Zeit über ihr eigenes Kunstwollen zu erfahren: 

Wer den Dichter will verstehen. 
Muß in Dichters Lande gehen! 
Und so enthüllte sich denn auch hier wieder in genauester Übereinstimmung 
von Theorie und Praxis, daß das, was einst schon Winckelmann, später 
C. Justi, Zeller und viele andere gefunden und bewiesen hatten: ein völliges 
Zurücktreten des stofflichen vor dem reinen Forminteresse in der gesamten 
Antike (wie es sich ja beispielsweise auch in der attischen Tragödie, dann 
aber vor allem in der platonischen Philosophie manifestiert hat) wahrlich die 
Idee auch aller klassischen bildenden Kunst bestimmt! Eine ganze Reihe 
griechischer Denker hat über den Rhythmus, über Eurhythmie, Harmonie, 



c6 Kalkmann. 

Symmetrie gehandelt. Den prägnanten mathematischen Ausdruck finden alle 
diese ästhetischen Begriffe in der »Proportion«. — In dem 53. Programm 
zum Winckelmannsfeste der archäologischen Gesellschaft in Berlin (Berl. 1893) 
hat K. daher einen Teil der in antiker Kunstbetrachtung wie -behandlung 
gestellten Aufgabe mit der größten Akribie gelöst: »Die (selbstverständlich 
veränderlichen) Proportionen des Gesichts in der griechischen Kunst« 
geben einleitungsweise einen historischen Abriß der Kunsttheorie im Alter- 
tume, sowie mehr kursorisch Angaben über die Proportionskanones bei Vitruv, 
Lionardo, Dürer, Raphael Mengs und Schadow. Der Hauptteil, disponiert 
in I. Höhendimensionen des Gesichts, 2. Breitendimensionen des Gesichts, 
spricht die zeitlich und örtlich verschiedenen Wandlungen der kanonischen Ge- 
sichts-(drei- und vier-)Teilungen in bezug auf das Verhältnis zur Gesamtfiguren- 
höhe aus durch bestimmte Zahlenreihen, die am Schlüsse des Werkes in einer 
Anzahl Tabellen mit vielen sehr genauen an Originalskulpturen vorgenommenen 
Messungen zusammengestellt werden. Es zeigt sich in dieser Proportions- 
geschichte ein im großen und ganzen ähnlicher Verlauf wie in der all- 
gemeineren Geschichte griechischer Kunstformen; nämlich das allmähliche 
Fortschreiten von undifferenzierter Masse zu immer verfeinerterer Schlankheit, 
ohne damit allerdings sagen zu wollen, daß sich der schon sehr komplizierte 
Vorgang der genetischen Schönheit griechischer Verhältnisse, für welche 
doch gewiß außer den typischen zeitlichen und örtlichen, auch noch spezielle 
Schul- und Modeeinflüsse usw. von großer Bedeutung sind, auf solch einfache, 
allgemeine Formel schlechterdings reduzieren ließe! 

Von weiteren, nur kleineren Schriften K.s seien hier noch genannt die 
Aufsätze im Rheinischen Museum für Philologie (hrg. von Otto Ribbeck 
und Franz Buecheler. Neue Folge. Frkft. a. M. bei J. D. Sauerländer): 1882. 
Bd. XXXVII, 397: Über die Ekphraseis des älteren Philostratus, — 1884. 
Bd. XXXIX, 501: Hesiod's ixcy^.at Holai bei Pausanias, — 1887. Bd. XXXXII, 
489: Tatians Nachrichten über Kunstwerke und im Jahrbuche des kai- 
serlich deutschen archäologischen Instituts (Berl. bei Georg 
Reimer): 1886. Bd. I, 231: Aphrodite auf dem Schwan, — 1892. Bd. VII, 
127: Archaische Bronzefigur des Louvre, eine Studie, in der die Scharf- 
sichtigkeit K.s die feinsten Resultate mittels umfassender Kenntnis der 
sog. Künstleranatomie zutage gefördert hat, — 1895. Bd. X, 46: Die Statue 
von Subiaco. (Weiterführung des in der von K. gegebenen Lösung sehr 
angefochtenen Problems, gemeinsam mit Petersen im Bd. XI, 197), — 
1896. Bd. XI, 19: Zur Tracht archaischer Gewandfiguren. — Ähnliche stil- 
kritische Fragen behandelte K. auch in seinen der geistreichen Anregungen 
wegen von jedem geschmackvollen Studenten hochgeschätzten Kollegien, die 
er bald über Proportionen, bald über die antike Kunsttheorie, über die Formen 
der griechischen Kunst, über die Entwicklung des Gewandes in der letzteren 
u. ä. mehr ankündigte. Durch scharf- und feinsinnige Vergleiche der antiken 
Denkmäler mit denen der gesamten Kunstgeschichte — der Renaissance, der 
modernen, ja der japanischen Kunst — verstand er es immer, den Gegenstand 
der Betrachtung treulich in die richtige Ewigkeitsperspektive zu rücken! 

Im Jahre 1900 erhielt K. nach schier zwanzigjähriger Privatdozentur ein 
Extraordinariat für klassische Archäologie unter besonderer Berücksichtigung 
der antiken Kunstliteratur. 



Kalkmann. Franke. 



57 



Der Tod (seine Beisetzung fand nach vorausgegangener Leichenfeier in Berlin 
in seiner Vaterstadt Hamburg statt) überraschte den absolut noch ganz jugend- 
lichen, sich gerne wechselweise mit Philosophieren und sportlichem Spiele wie 
die ewig jungen alten Griechen vergnügenden, noch nicht völlig Zweiund- 
fünfzigjährigen, während ihn noch die schönsten Pläne bewegten. Er wollte 
das, was er in seinen » Proportionen des Gesichts in der griechischen Kunst « 
1893 begonnen, zu einer universal gerichteten antiken Kunstgeschichte aus- 
bauen, zu einer Geschichte der Kunst, nicht der Künstler. K. war — 
sehr im hellenischen Geiste — eine echt exakt-sinnliche Natur: die ganz und 
voll mit dem auf die leiseste Formanregung reagierenden nervösen Organ 
erfaßte sinnliche Beobachtung ließ er nicht als nunmehr in ihrem Zwecke 
vollendet auf sich beruhen, sondern verknüpfte sie ähnlich so wie jene großen, 
wunderbaren alten Philosophen mit der gesamten Formen schaffenden Ideen- 
welt. Denn die Wahrnehmung einer Regellosigkeit bietet weder praktischen 
noch wissenschaftlichen Gewinn; Vorteil und Einsicht ergeben sich erst 
durch Auffindung der Regel in dem bisher für gesetzlos Gehaltenen! (E. Mach.) 
So hatte auch für K., den tiefen Nachdenker, der Einzelfall der idiographisch 
arbeitenden Kunstgeschichte nur Bedeutung als gesetzmäßig bedingtes 
Glied in der nomothetischen Kunstwissenschaft: MtjoeI; oYeojxeTprjTo; zbvzui 
soll der weise Piaton einst über die Pforten seines Schönheitstempels ge- 
schrieben haben. Das war auch der klassische Lebensgedanke des Künstlers 
und Philosophen August Kalkmann. 

Außer den Nachrichten in den betr. Tageszeitungen: Kekule, archäol. Jahrbuch XX. 
I. 1905. S. 32 des Anzeigers. (Nachruf der Märzsitzung der archäol. Gesellsch. zu Berlin.) 

— J. Springer, E. A. Seemannsche Kunstchronik. XVI, 17. 1904/05. S. 264. Vom 3. März. — 
Hoebcr, die christl. Kunst. (München) I, 7. 1904/05. S. II der Beilage vom i. April. 

Fritz Hoeber. 

Franke, Richard, Oberschulrat, Dr.jub., langjähriger Rektor des Gymnasium 
Alöertinum, ♦ 5. Mai 1832 in Rinteln im ehemaligen Kurfürstentum Hessen, 
f 28. Januar 1905 an den Folgen eines Unglücksfalles in Freiberg in Sachsen. 

— Vom Jahre 1842 bis 1845 besuchte F. das Gymnasium zu Fulda und von 
1845 bis 1851 die Königl. Landesschule St. Afra in Meißen, an die sein Vater 
Friedrich Franke als Rektor berufen worden war. Der gründliche und an- 
regende Unterricht seines Vaters, eines hervorragenden Philologen und Schul- 
mannes, sowie besonders des für Schule und Wissenschaft allzufrüh gestorbenen 
Kraner reifte in ihm den Entschluß, ebenfalls den Beruf eines altklassischen 
Philologen und Schulmannes zu wählen; und so besuchte er von Ostern 185 1 
bis Ostern 1852 die Universität Jena und sodann bis Michaelis 1854 die 
Universität Leipzig. In Jena regten ihn besonders Göttling und Droysen 
an; letzterer erweckte in dem jungen Manne jenes hohe Interesse für die neue 
deutsche Geschichte, das ihm bis in sein hohes Alter geblieben ist. Wurde 
er doch später einer der begeistertsten Anhänger Treitschkes und seiner 
politischen Ansichten. In Leipzig trat er Westermann und Zamcke näher. 
Als er aber nach Beendigung seiner Leipziger Studien und bestandener 
Prüfung für Kandidaten des höheren Schulamtes noch auf ein Jahr die Uni- 
versität Berlin bezog, fesselten ihn hier mehr die Theorien Karl Lachmanns 
über Homer, und er sah sich vor allem durch Moriz Haupt und durch Böckh 



58 Franke. 

gefördert. An der Dresdner Kreuzschule legte er hierauf sein Probejahr ab 
und war zugleich an dem Krauseschen Privatinstitut in Dresden-Neustadt 
tätig. Schon seinen damaligen Schülern fiel sein anregender Unterricht, be- 
sonders in den römischen Dichtern, auf. Ostern 1857 wurde Richard Franke 
an dem Gymnasium zu Zwickau angestellt, wohin damals grade Kraner als 
Rektor berufen war. Die Sympathie für die Fürstenschulen ließ ihn jedoch 
bald eine Stelle in Schulpforte annehmen. Der Verkehr mit Männern wie 
Steinhart, Corssen und Koberstein wirkte hier außerordentlich anregend auf 
ihn. Zu seinen Schülern gehörte auch Friedrich Nietzsche. Nachdem 
Dr. F. von 1861 bis Michaelis 1864 dem Fürstl. Reußischen Gymnasium 
zu Gera als Subkonrektor angehört hatte, folgte er einem Rufe an das 
damals neugegründete städtische Gymnasium zu Burg bei Magdeburg. Hier 
war u. a. Ernst von Wildenbruch sein Schüler. Michaelis 1868 wurde 
ihm die Stelle eines ersten Oberlehrers und Konrektors an der Leipziger 
Thomasschule angeboten. In dieser Stellung fühlte sich Richard Franke sehr 
glücklich, und er verließ sie nur, weil er glaubte, der Berufung zum Rektor 
des Gymnasiums zu Freiberg, die im Januar 1872 erfolgte, sich nicht ent- 
ziehen zu dürfen. Ostern dieses Jahres trat F. sein Amt an, wärend der 
bisherige Freiberger Rektor Dr. Emil Müller die Leitung der Königl. Landes- 
und Fürstenschule Grimma übernahm. Dr. Richard Franke ist 22 Jahre lang 
Rektor des ^Gymnasium Albertinum^ gewesen — so nämlich wurde die Anstalt 
genannt, als sie 1875 in ein neues Gebäude aus dem alten, dem jetzigen 
König Albert-Museum, übersiedelte. Als Rektor dieser Anstalt hat sich 
F. vor allem durch eine echt humane Gesinnung und große Gerechtig- 
keitsliebe ausgezeichnet. Sein edles Vertrauen zu den Menschen ließ ihn, 
so lange es möglich war, nur das beste von jedem glauben. Diese Eigen- 
schaften sowie sein sich immer gleiches, mildes Wesen trugen wesentlich 
dazu bei, die oft nicht geringen Schwierigkeiten, die sich ihm entgegen- 
stellten, zu überwinden. Fand seine vornehme Gesinnung vielleicht bei 
dem oder jenem seiner Kollegen und Schüler nicht das nötige Ver- 
ständnis, so hat die bei weitem größte Mehrzahl und darunter grade die 
Besten und Tüchtigsten unter ihnen ihm jederzeit, auch noch in der Zeit 
seines Ruhestandes, bereitwillig den Zoll der Verehrung und Dankbarkeit 
dargebracht. F. hat aber seine Tätigkeit nicht auf seinen eigentlichen 
Beruf beschränkt. Als hervorragender Philolog gab er Abhandlungen über 
die Zusammensetzung der Ilias heraus im Anschluß an die Lachmannsche 
»Kleinliedertheorie«, bearbeitete die Fäsische Ausgabe der Iliade und die 
von seinem Vater Friedrich Franke verfaßten Schulbücher. Als er Michaelis 
1894 in den Ruhestand getreten war, widmete er sich nationalen Bestrebungen 
verschiedener Art, denen er niemals femgestanden hatte, mit großer Energie 
und rastlosem Eifer. Selbst uneigennützig und anspruchslos wie er war, 
hatte er doch stets ein warmes Herz für seine leidenden Volksgenossen. 
Wiederholt reiste er nach Böhmen, um die Deutschen in ihrem Kampfe 
gegen das Slaventum zu ermutigen und zu fördern; so hat er im Interesse 
des Allgemeinen Deutschen Schulvereins und des Alldeutschen Verbandes 
eine unermüdliche Tätigkeit entfaltet. Sein Ruhestand wurde eine Zeit des 
Kampfes auch gegen ultramontane Übergriffe — er war lange Zeit Vorstands- 
mitglied des Evangelischen Bundes und Mitglied des Nationalliberalen Landes- 



Franke. Schaffer. 



59 



Vereins — und gegen alle Feinde unsres Volkstums und des evangelischen 
Glaubens. So konnte nach F.s Tode D. Nippold in Jena mit Recht schreiben: 
»Volk und Kirche haben nicht viele solcher idealer, allseitig gebildeter, selbst- 
loser Führer«. Sein Panier war die Wahrheit. Es war ein Hauch Lessingschen 
Geistes, der auf dem *Wesen dieses echt deutschen Mannes lag. Friede 
seiner Asche! D. Knauth. 

Schaffer, Adolf, Dr,, österreichischer Politiker, ehemaliger Reichsratsab- 
geordneter, dann Krainer Landtagsabgeordneter und Mitglied des Landes- 
ausschusses, geb. 5. Januar 1840 zu Bregenz in Vorarlberg, f 24. Januar 1905 
in Laibach. — Seh. wirkte nach an der Wiener Universität absolvierten 
juristischen Studien und daselbst erlangtem juristischem Doktorgrade einige 
Zeit als Advokatur-Kandidat in Laibach, widmete sich dann aber ausschließlich 
der politischen Laufbahn, wurde von der Landeshauptstadt Laibach 187 1 in 
den dortigen Gemeinderat und 1873 in den Reichsrat, 1877 von der Laibacher 
Handels- und Gewerbekammer in den Krainer Landtag gewählt. Das Ge- 
meinderatsmandat behielt Seh. bis 1883, in welchem Jahre die Laibacher 
Gemeindeverwaltung in die Hände der slovenischen nationalen Partei überging, 
im Abgeordnetenhause verblieb er bis zu den Neuwahlen im Jahre 1879, welche 
auch dieses Mandat an die Slovenen brachten. Das Landtagsmandat verlor Seh. 
anläßlich der Auflösung des Landtags im Mai 188 1, er wurde jedoch 1889 
von der Kurie der Großgrundbesitzer neuerlich in den Landtag und von diesem 
sofort in den Landesausschuß gewählt, welche Mandate er nun durch 16 Jahre 
bis zu seinem Tode beibehielt. 

Seh. war ein Politiker von hervorragender Begabung, lauterstem Charakter, 
unerschütterlicher Gesinnungstreue und unermüdlicher Tätigkeit. Die Rolle, 
welche ihm im politischen Leben vor allem zufiel, die Vertretung der Deutschen 
in Krain, die in ihm ihren anerkannten Führer sahen, war eine überaus 
schwierige und — wie sich die Dinge in Österreich in den letzten Jahrzehnten 
entwickelt haben — wenig dankbar. Nur der rastlose, nie versagende Eifer 
und die wahre Selbstaufopferung, mit welcher Seh. sieh dieser Aufgabe hingab, 
hat ihm auch auf diesem Felde Erfolge erzielen lassen, welche keinem anderen 
erreichbar gewesen wären. In dem Reiehsrate der siebziger Jahre gehörte 
Seh. zu jenen jüngeren Abgeordneten, welche die ersten direkten Reiehsrats- 
wahlen (1873) in das Abgeordnetenhaus geführt hatten. Dieselben hatten 
einige Schwierigkeit, sich neben der Autorität der alten bewährten Parteiführer 
Geltung zu verschaffen: gleichwohl wußte Seh. sehr bald eine geachtete 
Position zu erlangen; sein zuverlässiger Charakter erwarb ihm überall Freunde, 
zugleich fand seine unbestreitbare fachliche Tüchtigkeit, seine politische 
Gewissenhaftigkeit und nicht zuletzt seine genaue Kenntnis der Verhältnisse 
in den südlichen, sprachlich gemischten Ländern der Monarchie allgemeine 
Anerkennung. Er sprach im Hause nicht gerade sehr oft, hielt aber einige 
sehr beachtete Reden, so in der großen kirehenpolitisehen Debatte (1874), 
wo er die mittlere Linie zwischen dem klerikalen und dem radikalliberalen 
Standpunkte mit großer Präzision zu ziehen wußte, dann später in der Bank- 
frage (1877), wo er das neue Bankstatut gegen die übertriebenen Befürchtungen 
seiner Parteifreunde verteidigte und schließlieh durch die Entwicklung der 
Dinge recht behielt. 



(5o Schaffer. 

In politischen Fragen war damals Seh., obwohl er sich dem eine etwas 
schärfere Tonart vertretenden Fortschrittsklub angeschlossen hatte, in der 
Regel auf der Seite der Regierung zu finden. Die deutschen Abgeordneten 
aus Krain mußten eine Regierung stützen, welche den Deutschen freundlich 
gesinnt war und ihnen das Übergewicht im Lande erhielt. Tatsächlich ging 
dieses mit dem Sturze des deutsch-liberalen Kabinetts Auersperg sofort verloren 
und Seh., der 1873 mit großer Majorität zum Abgeordneten gewählt worden 
war, konnte bei den Neuwahlen für den Reichsrat nicht mehr kandidieren. 
Er blieb hinfort auf die Wirksamkeit im Landtage und Landesausschusse 
beschränkt, allein gerade auf diesem Terrain hat er alsdann bewährt, was 
eine überlegene Persönlichkeit, umfassendes Wissen und begeisterter Eifer für 
die Sache auch unter den schwierigsten V^erhältnissen zu leisten vermögen. 
Da in Krain, einen Wahlkreis ausgenommen, nur noch der Großgrundbesitz 
deutsch wählt, war der von dieser Kurie in den Landesausschuß entsendete 
Dr. Seh. das einzige deutsche Mitglied dieser Körperschaft, und in dieser 
schwierigen Stellung, in welcher er 17 Jahre verblieb, hat er nicht nur die 
Achtung und auch das Zutrauen seiner politischen Gegner, sondern auch 
ganz unbestritten den ersten Platz in der Verwaltung des Landes errungen: 
ihm wurden die wichtigsten Referate anvertraut, seine Stimme war in allen 
Fragen der Landesverwaltung die gewichtigste. Was ein solcher Erfolg be- 
deutet, kann nur der beurteilen, der weiß, mit welcher Rücksichtslosigkeit 
und Erbitterung der nationale Kampf in Österreich geführt wird, in welcher 
Weise in der nationalen Gegnerschaft jeder sachliche Standpunkt, jeder 
objektive Maßstab zurückgesetzt wird und verschwindet. Daß Seh. gleichwohl 
sich inmitten seiner politischen und nationalen Gegner solche Geltung ver- 
schaffen konnte, ist nur aus den seltenen Eigenschaften seiner Persönlichkeit 
zu erklären. Mit einer ungewöhnlichen Begabung, insbesondere rascher Auf- 
fassung und durchdringendem Scharfsinn, verband er umfassende volkswirt- 
schaftliche und administrative Kenntnisse, eine in seiner vieljährigen öffentlichen 
Tätigkeit voll ausgereifte Erfahrung und nicht zuletzt einen unvergleich- 
lichen Arbeitseifer, der ihm nie seine Aufgaben aus dem Auge verlieren ließ. 
Diese seine Eigenschaften mußte Freund wie Feind gelten lassen, und so war 
es ihm möglich, nicht nur auf dem Gebiete der ihm anvertrauten Verwaltung 
der Landesanstalten, insbesondere des Landessanitätswesens, in kurzer Zeit 
und mit geringen Mitteln Hervorragendes zu leisten, sondern auch inmitten 
aller politischen Kämpfe mit seinen slovenischen Amtsgenossen und Land- 
tagskollegen in freundlichen Verhältnissen zu verbleiben. 

Insbesondere diesen letzteren Erfolg hätte Seh. nicht zu erringen vermocht, 
wenn dazu nicht auch seine überaus gewinnende liebenswürdige Persönlichkeit 
beigetragen hätte. Denn ebenso wie durch seine hervorragenden Geistesgaben 
wirkte er durch seine gemütvolle Laune, seinen stets schlagfertigen Witz, 
ein freundliches, herzliches Wesen, durch die überall aufleuchtende Ehrlich- 
keit seiner Gesinnung, die unverkennbare Güte seines Herzens, der jede 
Härte, jede Ungerechtigkeit fremd blieb, und die selbst in den heftigen 
politischen Kämpfen, in die ihn seine öffentliche Wirksamkeit hineinzog, 
seiner Gegnerschaft jede verbitternde Schroffheit benahm. So war er der 
rechte Mann, um die Interessen der Deutschen in einem Lande, in welchem 
sie nur einen kleinen Bruchteil der Bevölkerung bilden, zu wahren und 



Schaffer. Hartleben. 5 1 

ihnen auch den ihnen gebührenden Anteil an der Landesverwaltung zu ver- 
schaffen. 

Seine Gesundheit war leider nie eine ganz feste. Wiederholt mußte er 
in früheren Jahren den Winter im Süden verbringen. Dem nicht allzu kräftigen 
Gefüge seines Körpers tat die außerordentliche Lebhaftigkeit und Beweglichkeit 
seines Geistes, die Rastlosigkeit, mit welcher er sich seiner öffentlichen 
Tätigkeit hingab, sichtlich Eintrag. Gleichwohl ist sein Hintritt im Winter 1905, 
nach einer ganz kurzen Krankheit, unerwartet und seinen Freunden wie seinen 
politischen Gegnern schmerzlich gekommen. 

Mit leilweiscr Benutzung eines Aufsatzes des Verfassers in der »Neuen Freien Presse« 
vom 21. Mai 1905. Karl Freiherr v. Lemayer. 

Hartleben, Otto Erich, Dichter, ♦ am 3. Juni 1864 in Clausthal, f ii- Februar 
1905 in Gardone. — H. studierte in Berlin, Tübingen und Leipzig Rechts- 
wissenschaft, war dann ein Jahr in Stolberg a. H. und in Magdeburg als 
Referendar tätig und gab 1890 seinen mit offener Unlust betriebenen juristi- 
schen Beruf auf, um in Berlin und zuletzt am Gardasee, wo er sich die Villa 
Halkyone bei Gardone gebaut hatte, als freier Schriftsteller zu leben. Seine 
Asche wurde im Krematorium Treptow bei Berlin beigesetzt. Vor einigen 
Dutzend Freunden hielt ihm Paul Remer die Gedächtnisrede, während die 
Berliner Spatzen in dem weiten, lichten Park von Treptow zu Ehren des 
ersten frühlingverkündenden Märztages zwitscherten. — 

Im »Römischen Maler« erzählt H. von dem bunten Vogel, der sich auf 
dem Schiffchen des denkenden Menschen niedergelassen hat. Der denkende 
Mensch will sich gern mit dem eines Augenblicks Ruhe bedürftigen Gaste 
unterhalten, wenn dieser sich zuvor der Haus- und Kleiderordnung auf seinem 
Fahrzeug gefügt hat. Er soll nicht immer auf einem Beine stehen, er soll 
sich die dünnen Federn abschneiden, die so höhnisch auf seinem Kopfe 
wippen, und sich das bunte Flügelkleid beteeren lassen, das nur den Spott 
und Neid der farblosen Menge auf sich zieht. Dann wird eine verständige 
und fruchtbringende Unterhaltung möglich sein. Aber während dieser weisen 
Vorschläge hat sich der bunte Vogel schon ausgeruht, er breitet seine langen, 
schimmernden Flügel aus und verschwindet vor den Augen des Schiffers, die 
die untergehende Sonne blendet, in dem blauen Abendhimmel. Der legt 
den Finger an die Nase, und nachdem er heftig gedacht hat, spricht er zu 
sich: »Merkwürdig, wie leichtfertig diese Vögel sind. — Ich denke mir aber: 
es wird das davon kommen, daß sie fliegen können.« 

Der bunte Vogel ist der Dichter, nur daß dieser das Fliegen schließlich 
doch verlernte, sogar zu müde wurde, um auf einem Bein zu stehen, und 
sich selbst beteerte, um beinahe nicht anders auszusehen als die anderen. 
» Im grünen Baum zur Nachtigall « hieß sein letztes trübes Lied, aber da war 
keine Nachtigall mehr und auch kein grüner Baum, und es war nicht gegen, 
sondern für die Philister gemacht, die nun einmal alles, auch den Dichter, 
mit ihrer nahrhaften Gunst erhalten. H. war der fidelste Bruder unserer 
jetzigen Literatur gewesen, der witzige Hofnarr einer bürgerlichen, prak- 
tischen, korrekten Zeit, der doch schließlich die Kappe mit den wehmütig 
klingenden Schellen abnahm, um seinen Lohn einzusammeln. Darum ist es 
nicht lustig, über den Toten zu schreiben, um so weniger, als er in den 



02 Hartleben. 

letzten Jahren des Verfalls mit einer müden Anspannung seine Haltung 
wahrte und seinen Stolz, der von einem Niedergang nichts eingestehen und 
die Schmach des Mitleids nicht ertragen wollte. Wer später, wenn er erst 
literarisch ganz beigesetzt ist, das Dutzend kleiner Bändchen durchblättert, 
die sein Lebenswerk darstellen, der wird vielleicht nicht an den ehemals so 
starken und hellen Klang seines Namens glauben können, aber wenn wir 
noch in einer mythenbildenden Zeit lebten, so könnte H. wohl in der Ein- 
bildung folgender Geschlechter zu einem Tyll Eulenspiegel werden, und es 
würde ihm -ebenso gehen wie dem alten, dessen Schwanke wir eigentlich 
kaum bewundern, dessen ganze Persönlichkeit aber mit ihrer unzerstörbar 
humoristischen Weltansicht uns vertraut, notwendig und liebenswert bleibt. 
Frangois Villon, der erste moderne Lyriker Europas, der die Poesie der 
Taverne, der Straße und der wilden Nächte der Großstadt erfand, ist zu 
einer legendarischen Figur geworden, noch bevor man den großen Dichter 
in ihm wieder entdeckte, und warum sollte es unser Otto Erich nicht werden, 
der diese Reihe schließt und mit dem Lobe der Kneipe und des trinkenden 
Menschen, bevor die schreckliche, die alkoholfreie Zeit kommt, vielleicht ein 
letztes Stück Romantik und Mittelalter abschließt? 

Das Beständigste und Fertigste, was H. schuf, und woran er immer 
weiter schuf, war seine eigene Persönlichkeit. Der große, schöne Mensch, 
der immer zu spät kam, der sich mit einer Gelassenheit bewegte, als hätte 
er es nicht nötig, mit unserer plebejisch eileitden Zeit gleichen Schritt zu 
halten, trug fast das Haupt eines weichen römischen Cäsaren, der dem Volke 
gern Spiele gibt und auch Brot, wenn es zufällig da ist, und er liebte es 
immer mehr, dieses feingeschnittene, zu einer passiven Ruhe gebrachte Ge- 
sicht mit der edlen, geraden Nase, mit den ganz leise lächelnden Lippen 
und mit den durch dunkle Gläser beschatteten blauen Augen gleichsam in 
die Stille dauernder Betrachtung herabzuneigen. Wo er auftauchte, er war 
der Souverän der Gesellschaft, der keine lauten Mittel braucht, um zu 
regieren, und seine Launen ohne Widerstand ausspielen darf. H. pflegte den 
trockenen Witz, der auch bis zur anrempelnden Rücksichtslosigkeit ging, 
aber er erweckte keine Rachsucht, weil alles mit einer stillen Notwendigkeit 
herauskam, gegen die er selbst sich nicht wehren zu können schien, und er 
übte mit königlichem Gleichmut das Privileg, andere aus der Fassung zu 
bringen, um die seine mit einer gewissen Unschuld zu bewahren. Sein 
Kommen und Gehen hatte etwas Besonderes, w^il er nie von Hause kam 
und nie nach Hause ging, und während die anderen sich zu einem guten 
Trunk versammelten, um Geschäfte und Sorgen, um das ganze Philistertum 
los zu werden, schien er allein, der nur eine Kneipe mit der anderen ver- 
tauschte, so etwas nie gekannt zu haben; er war der stets Freie, Unbesorgte, 
Unbekümmerte unter lauter Leuten, die nur für einige Nachtstunden aus 
ihren bürgerlichen Fesseln beurlaubt sind. Man hat ihn wegen dieser Art 
zu leben, die in Deutschland nur noch der akademischen Jugend gegönnt 
wird, einen alten Studenten genannt, was er ohne wesentliche Einschränkungen 
doch nicht gewesen ist. H. hat das Kommersbuch nicht wie ein Scheffel 
bereichert, er hat auch nicht die Wanderlust des frohen Burschen besungen, 
der durch die Natur marschiert, mit anderen froh rastend im Chorus singt 
und dabei derb auf den Tisch schlägt, sondern er billigt die Großstadt, deren 



Hartleben. Öj 

geschäftiges Treiben man bei einiger Anlage zur Kontemplation so schön 
ignorieren kann, er schildert mit Güte das Quartier Latin Berlins, er hat es 
literarisch gestempelt und der Nachwelt übergeben, das öde Chambre garnie 
des Studenten, dem die zungenschnelle Berliner Wirtin von tolerantester 
Moral vorsteht, den faden Bierdunst der Kneipe, den feineren Ruch des 
Weinrestaurants, die gemischte, vom Dampf der schlechten Zigarren stechende 
Atmosphäre des Chantant^ wo die Damen »mit den Waden« auf dem Podium 
geigen oder gar singend den Akademikern und Proleten die albernsten 
Blüten höchster Gefühlsseligkeit reichen. Dort hat er mit der Lore gesessen, 
die eigentlich Bertha hieß, und die vielleicht bei uns so berühmt werden 
wird, wie Mussets Mimi Pinson in Frankreich. Paris sehnt sich nach den 
Grisetten, den anspruchslosen, liebenswürdigen Straßenfeen der guten alten 
Zeit, die doch schließlich nur literarisch erzeugt worden sind, und so wird 
man vielleicht unter dem bleibenden Eindruck dieses Typus an ein Berliner 
Quartier Latin glauben, das einst mit lauter Loren poetisch bevölkert war. 
Auf die Berliner Nächte, die soviel Dauerhaftigkeit verlangen, weil sie erst 
am späten Morgen amüsant werden, hat H. einen Schein von Grazie und 
sinnlicher Freiheit geworfen. Dafür sollte man ihm dankbar sein, und ich 
hoffe noch eine Zeit der Vorurteilslosigkeit zu erleben, in der unsere 
Studenten beschließen, dem um Berlin einst hochverdienten Mitbürger etwa 
zwischen der Universität und der Karlstraße unter einem Paar Bäume, die 
sich wohl finden würden, einen einfachen Stein mit seinem Medaillonporträt 
zu setzen. Daß ihm die Lore, dieses liebenswürdigste Kind seiner Muse, die 
aufrichtigste aller Lügnerinnen mit dem unerschrockenen Berliner Verstand 
und der monumentalen Wurstigkeit dann zu Füßen sitzen darf, wie die 
pikante junge Dame ihrem Maupassant auf dem Denkmal im Park Monceau, 
das zu erleben wird uns allerdings nicht beschieden sein. H. kam in den 
achtziger Jahren des alten Jahrhunderts nach Berlin, als die ganze Literatur 
revolutioniert werden sollte und das Proletariat von einem sozial-kritisch ge- 
sinnten Naturalismus für die Kunst entdeckt wurde. Die vorgeschrittenen 
Studenten waren damals fast alle Marxisten, die der Bourgeoisie spinnefeind 
zu sein glaubten und sich vor dem Proletarier als dem neuen Heros auf der 
Weltbühne mit Ehrfurcht neigten, oder auch mit einer gewissen Scham, weil 
es ihnen besser ging als den anderen. Sie waren von der Theorie des 
Klassenkampfes ganz betäubt, und sie hätten es als einen Tusch aufgefaßt, 
wenn man ihre plötzliche neue Sorge für das Volk nur einer philanthropischen 
Regung des Mitleids, statt einer strengen Überzeugung des historischen 
Materialismus zugeschoben hätte. Auch H. ist als Zwanzigjähriger von dieser 
Bewegung ergriffen worden, der er mit einigen schwungvollen Liedern im 
Herwegh-Ton geopfert hat, aber der geborene Ironiker konnte nicht Apostel 
werden. Er ist einer von den wenigen modernen Schriftstellern, die nicht 
mit der Elendsmalerei begonnen haben, und ich glaube, daß er dazu nicht 
nur zu kühl, sondern auch innerlich zu weich gewesen ist. Er hatte immer 
etwas von einem kleinen Grand-Seigneur^ und es lag ihm näher, einem armen 
Teufel hundert Mark zu schenken, als durch kostenlose Aufregung des 
sozialen Gewissens einer gerechten Gesetzgebung vorzuarbeiten. Das Elend 
so im allgemeinen kritisch mit anzusehen und künstlerisch zu verwerten, 
war seine Sache nicht; dann sah er lieber fort und gestand den Egoismus 



6^ Hartlebcn. 

ein, den die anderen vorläufig noch verleugneten. Auch sah er wohl eine 
neue Tyrannei der Demokratie mit neuen Formen der Heuchelei herauf- 
kommen, und wie ihm die Unabhängigkeit nach oben selbstverständlich war, 
so verteidigte er auch die nach unten, die schwerer zu bewahrende, die sich 
so leicht mißgünstigen Verwechslungen aussetzt. Daß sein Leben ein Kampf 
war, konnte H. nicht sagen, weder mit sich selbst noch mit den Verhält- 
nissen. Er hat auch eigentlich die sittliche Heuchelei nicht bekämpft, 
sondern nur lustig kompromittiert, gewiß nicht mit dem Wunsch, daß diese 
Mutter der Satire je zu existieren aufhören möchte. Wie er nicht ungern 
seine Abstammung aus einer alten guten Familie betonte, so hatte er auch 
das Verständnis des kultivierten Menschen für die Notwendigkeit von 
Formen, ohne die die Gesellschaft nicht leben kann, und seine 2^rtlichkeit 
wuchs an der Bizarrerie der grotesken Schnörkel, in die sich die natürliche 
Empfindung einpassen läßt. Er selbst blieb frei, aber seine Freiheit genoß 
er als Privileg des Stärkeren, Mutigeren, das eben aufhörte, wenn es zum 
Recht von jedermann wurde. Seine ersten Dramen, die, um eine breite 
Bühnenwirkung noch unbesorgt, einen ganz persönlichen Zug tragen, sind 
satirische Dialoge mit zwei Seelen, wie sie Fontane hatte, von denen die 
eine nie ganz recht, die andere nie ganz unrecht gibt. Sie spielen meistens 
in dem Milieu der jungen Herren, die zwischen dem Ende der akademischen 
Freiheit und dem Anfang des Philistertums, der bürgerlichen Würde stehen, 
und die durch einen anständigen Monatswechsel in ihren vorläufig noch 
gegen die Familie gerichteten Neigungen unterstützt werden. Ihre Konflikte 
sind amüsant, aber nicht ergreifend. Sie empören sich nicht und gehen 
auch nicht zugrunde, sie geben nur langsam nach, wenn die Ketten der 
Familie, des Amtes, der Gesellschaft, der Ehe zu zupfen beginnen, und sie 
fühlen sich schließlich ganz wohl in einem staatserhaltenden Bewußtsein. 
Einige Frauen bleiben vielleicht am Wege liegen, aber man vergißt sie, oder 
man bannt störende Erinnerungen in einer edlen Melancholie, man wahrt 
sich eine ganz kleine, stille, interessante Unzufriedenheit, mit der man sich 
dann weiter in Würden und Behagen noch heimlich bemitleiden darf. H.s 
dramatische Kleinigkeiten, gerade die älteren, fast regelmäßig durchgefallenen, 
waren schmackhaft durch eine pikante Frische, erfreulich durch einen hellen 
Lebensverstand, der den Dingen ihre natürlichen Verhältnisse ließ, und vor 
allem durch einen klaren, eleganten Dialog von hohem Wirklichkeitssinne, 
der sich auch ohne die Schlacken echt naturalistischen Stammeins behauptete. 
Alle seine Leute reden klug und bewußt, sie bringen das, was sie zu sagen 
haben, immer rund und fertig heraus, allerdings bleibt auch nichts dunkel 
Vegetatives in ihnen zurück, keine stetig vorhandene dumpfe Vitalität, und 
sie leben nur, solange sie reden. Manche Erinnerung an eine H.sche Matinee 
bewahre ich wie die an ein ausgezeichnetes Frühstück, aber ich weiß 
nicht mehr, was es damals gegeben, nur wie es ungefähr geschmeckt hat, 
und das beste Mittel, sich diesen Nachgeschmack zu rauben, ist die 
erneute Bekanntschaft, etwa mit seiner »Hanna Jagert« oder der »Er- 
ziehung zur Ehe«. Alle, diese Sachen sind einmal wirklich gewesen, 
sie geben Berliner Zustände und Stimmungen, wie ein sehr feiner Kopf 
sie reflektierte. Sie haben einen Schauplatz, der vorausgesetzt werden 
muß, nur nicht den dauernden, immer neu und zeugend gebliebenen 



Hartleben. ßr 

der Seele des Dichters. Alle diese Vorgänge bringen kein inneres Drama 
in uns zustande, bedrohen uns nicht mit Fragen, machen uns nicht 
selbst zu Problemen: es ist da wohl ein Licht, aber kein Feuer, das uns 
brennt. Sie bringen uns weder außer uns, noch in uns zurück, sie bestätigen 
einiges, was wir wissen, aber sie lassen uns nichts erleben. Diesem originellen 
Menschen fehlte das originale Temperament, das aus erhabenem Eigensinn 
schafft und aus sich eine Welt hervorbringt, die keiner anderen gleicht. Es 
fehlt ihr das dauernde Sein, die für sich bestehende Objektivität, die sich 
auf keinen anderen Elementen aufbauen kann als auf den subjektiven Mög- 
lichkeiten des Individuums, die als innere Gesetze, als Notwendigkeiten 
dirigieren. Er wurde von keiner seelischen Not bedrängt, und die Gestalten, 
die er erfand, haben ihn nie als Schatten bedroht, die Blut zu trinken ver- 
langten, das eigene Blut des Dichters. Da er mehr von Einfällen als von 
Ideen lebte, so war ihm nur die Meisterschaft des kleinen flüchtigen Genres 
erreichbar, besonders, wenn er sich selbst mit seiner irdischen Persönlichkeit 
als Erzähler inszenieren konnte. H. verstand die edle Kunst des Schreibens, 
er wußte, was in Deutschland immer seltener wird, einen ruhigen, fein- 
gliedrigen Satz von klarer Anmut zu bauen, und er pflegte diesen Aristokra- 
tismus des Stils, der so viel Handwerk voraussetzt, mit einem berechtigten 
Stolz. Man hat ihn den deutschen Maupassant genannt, und er ist es ein- 
mal gewesen mit der Geschichte vom abgerissenen Knopf, aber er ist es 
nicht geblieben, nicht einmal mehr im »Gastfreien Pastor«, und es bedeutet 
nicht dasselbe, ob man der Nachwelt ein paar Dutzend Seiten oder ein paar 
Dutzend Bände reifer und reiner Prosa übergibt. Dieser Vergleich kann wie 
die meisten überhaupt nur bestehen, so lange man ihn nicht vertiefen will. 
Die zur Ruhe gezwungene Wucht des französischen Pessimisten, der ein großer 
Sehnsüchtiger, ein qualvoll Zweifelnder und Verzweifelnder war, hat nichts 
gemein mit der humoristischen Bierruhe des Deutschen, der sich mit spöt- 
tischer Gelassenheit an eine fidele Runde richtet. Der eine ist einsam, der 
andere gesellig, der eine verhüllt sich und seine Wunden, der andere gibt 
sich mit als den weitbeschreyten Otto Erich, der eine verbeißt sich das 
Weinen, der andere das Lachen. Gerade neben Maupassant wird H. zum 
Bruder Studio, und er war doch mehr. 

Man muß seine Lyrik kennen, um auf den Grund seines Temperamentes 
zu kommen, um den Melancholikus zu finden, den man wohl in jedem 
Komiker zu vermuten hat. Das Theater hat er in den letzten Jahren mehr 
und mehr als Theater behandelt. Nicht erfinderisch und mächtig genug, um 
die dramatische Maschine allein durch den inneren Antrieb seines notwendigen 
Wesens in wuchtige Bewegung zu bringen, hat er sich seinen Konventionen 
gefügt, um die erprobten Wirkungen der Rührung und Spannung wieder 
hervorzubringen. Sein »Rosenmontag« war ein glänzendes Theaterstück, 
dem man den lauten und schnellen Erfolg mehr als nötig verübelt hat; 
denn er führte da wenigstens einen Dialog nicht nur von schlagkräftiger 
Pointierung, sondern auch von einer frischen Belebtheit und Wahrscheinlich- 
keit, den ihm bisher noch keiner von den heutigen Bühnenschriftstellem 
nachgemacht hat. Aber der eigentliche H. zog sich immer mehr in die 
Lyrik zurück, die innerlich reicher, vielseitiger und doch zusammenhängender 
seine Entwicklung angibt, vom sentimentalen Überschwang und lustigem 

Bio^r. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog, zo. Bd. ^ 



66 Hartleben. 

Übermut der Studentenjahre bis zu der etwas müden Sammlung der letzten 
Zeit, bis zur einsiedlerhaften, still erbaulichen Selhstbetrachtung, da er sich 
nach seinen großen Lieblingen Gk)ethe und Angelus Silesius in den Schulen 
der Weltbejahung und Weltverneinung formte. Der Künstler H. ist so wenig 
Bahnbrecher wie Umstürzler gewesen. Wie er bei aller Sorglosigkeit der 
Lebensführung niemals Boh^mien sein wollte und sich heimlich ziemlich offen 
eingestand, daß der anständige Mensch Eltern und Großeltern hat, so pflegte 
er auch, nicht aus Respekt, auch nicht aus Koketterie, sondern aus einer 
ernsten Anhänglichkeit und sozusagen aus einer festen Gesinnung des Ge- 
schmacks das alte Erbteil überkommener Formen. Allerdings mangelt seiner 
lyrischen Begabung die ursprüngliche Unbändigkeit, die sich auch einmal 
ausschreien und ausweinen muß, bevor sie sich zu rhythmisch gemessenen 
Melodien beruhigt, und seine Gedichte reden auch mehr, als daß sie singen, 
aber sie reden gut, und wenn uns auch kein Naturlaut mit süßem Schreck 
durchzuckt, sie bleiben erfreulich mit ihrer Keckheit wie mit ihrer Weich- 
heit, ihrem Spott und ihrer Melancholie, was alles ein kluger Lebenssinn 
dämpft und ein feiner Kunstverstand ordnet. H. pflegte Reim und Vers mit 
der größten Sauberkeit, er brauchte romantische und antike Maße, er hatte 
eine edle Handwerksfreude an einer musterhaft gebauten alkäischen oder 
sapphischen Strophe, besonders wenn er in die alte klassische Form mit dem 
ehrwürdigen Schulschmäcklein einen recht spritzigen Heurigen gießen 
kann. Der Ästhet und Genießer, dem Rom zu einer »Gemütskrankheit« 
wurde, gegen die es allerdings den Falemer gab, der sich die Villa »Halkyone« 
am Gardasee baute, wußte nicht nur ein deutsches Bierseidel, sondern auch 
eine antike Amphora richtig anzufassen, und er wußte, daß ihm die ruhige 
Geste gut stand. Er hat Italien nicht besungen, er hat sich auch nie romani- 
siert, um italienische Novellen zu schreiben, er blieb der Tourist, der 
höchstens einen Schwank aus der deutschen Künstlerkolonie in Rom be- 
richtete, aber wie Goethe, wie jeden guten Deutschen bangte es ihn »nach 
der Sonnen«, und er fand im Süden eine stille, selbstverständlichere Frei- 
heit, die sich nicht mehr renommistisch aufzulehnen brauchte, eine feinere, 
leichtere Harmonie von Seele und Sinnlichkeit. Er war bereits zu müde, 
um da noch einmal stark zu werden, und so wurde er wenigstens ein Weiser, 
der die geklärte Ruhe des reifen Alters vorwegnahm. »Hart ist mein Leben, 
hart sei auch mein Lied!« So hatte er mit zwanzigjähriger Verwegenheit 
seinen Namen angesungen. Aber dieser burschikose Spötter war in Wirk- 
lichkeit nicht hart, er hegte doch manche Verzagtheit, die er nur seinen Ge- 
dichten anvertraute, und vor allem, er war ein Mann, der nicht leicht ver- 
gaß, er hatte seine tiefen, sentimentalen Anhänglichkeiten. Wohl pries er 
die leichten Genüsse der Erotik mit der Freiheit des natürlichen Menschen, 
aber er sang noch schamhaft weiter vom Wunderduft der blauen Blume 
jeder Kindheit, und der Vater der Lore macht einen trennenden Unterschied 
zwischen den Frauen, denen man die Hand küßt, oder*nicht küßt. »Sicher 
und harmlos wie Götter und Kinder atmen wir freudig des Lebens Tage.« 
Dieses stolze Bekenntnis spricht weniger eine Wirklichkeit als ein Ideal aus. 
H. war ein guter Deutscher mit einem sehnsüchtigen Herzen, und wenn ich 
mir jetzt vorstellen will, was eigentlich den Reiz seiner Persönlichkeit 
machte, es war nicht sein stets bereiter Witz, seine unerschütterliche, humori- 



Hartleben, von Alt. 67 

stische Gefaßtheit, sondern tief unter seiner Behaglichkeit, die überall zu 
Hause schien, eine Art Unbehaglichkeit wie die eines Verstoßenen, der nie 
ganz da war, wo er war. Es beunruhigte ihn nicht ein Emst, def mit 
äußerer Fröhlichkeit beschwichtigt werden sollte, sondern vielmehr er 
suchte nach einem Emst, um heiter bleiben zu können. » Damit's Dir Spaß 
noch macht, mußt Du Dich schon bequemen, das Leben immerhin ein 
bißchen emst zu nehmen.« Diese Empfindung wurde mir durch den etwas 
geflickten Vierzeiler seines letzten Gedichtbändchens »Der Halkyonier« be- 
stätigt. H. hat seine Gesundheit durch den Alkohol ruiniert, und die Folgen 
dieser selbstmörderischen Lebensweise vor der Welt wenigstens mit einem 
gewissen Gleichmut getragen. Er hielt seine erschütterten Kräfte, so gut es 
noch ging, zusammen, und er brachte seine Persönlichkeit nach literarischen 
Vorbildern in eine neue Form, in die des Weisen, der das Leben gut heißt 
und am Vergänglichen das Gleichnis findet, mit dem die Seele sich in der 
Welt begreift. Von Goethe ging er zu Angelus Silesius, und der neue 
Eremit, der sich die Villa mit dem gelehrten klassischen Namen gebaut 
hatte, pries den Eiligen das heilig-stumme Tun der ausgeruhten Seele. Er 
ging auch zum Schluß wie schon öfter auf den Wegen anderer, die er gerade 
brauchen konnte, aber er verstand es immer noch, ein Eigener zu bleiben, 
und er nahm mit einer müden Geste von uns Abschied, die an ihm bei 
einiger Absichtlichkeit doch persönlich und überzeugend geworden war. 
Zuletzt schrieb er an einem »Diogenes«, den er nicht mehr fertig bringen 
konnte, aber sein Hauptwerk, an dem er fortwährend schuf und schliff, hat 
«r noch in letzter Stunde abgerundet und einer fröhlich-wehmütigen Erinne- 
rung hinterlassen, es ist die Figur des Otto Erich. 

Werke : Angele, Komödie. Die Ser^nyi, zwei verschiedene Geschichten. — Der Frosch, 
Farailiendrama nach Henrik Ipse. — Hanna Jagert, Komödie. — Die Erziehung zur Ehe, 
Komödie. — Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe. — Ein Ehrenwort, Schauspiel. — 
Meine Verse. Von reifen Früchten, Meiner Verse, 2. Teil. — Vom gastfreien Pastor, 
Novellen. — Der römische Maler, Novellen. — Die Befreiten, Einakterzyklus (Die Lore, 
Die sittliche Forderung, Abschied vom Regiment, Der Fremde). — Ein wahrhaft guter 
Mensch, Komödie. — Rosenmontag, Offizierstragödie. — Der Halkyonier, ein Buch Schluß- 
reime. — Im grünen Baum zur Nachtigall, Komödie. — Liebe kleine Mama, Novellen. — 
Werke aus dem Nachlaß: Diogenes, Szenen einer Komödie in Versen. — Tagebuch, Frag- 
ment eines Lebens. — Anthologische Übersetzungen und Ausgaben: Pierrot Lunaire, 
Rondels. — Goethe-Brevier. — Angelus Silesius. — Hartlebens Porträt von Georg Ludwig 
Meyn findet sich reproduziert in »Meine Verse«. 

Berlin. Arthur Eloesser. 

Alt, Rudolf von, Landschafts- und Architekturmaler, * in Wien, 28. August 
181 2, f in Wien, 12. März 1905. — Das neunzehnte Jahrhundert rückt nun 
allgemach in die historische Sehlinie, und seine Menschen beginnen sich dem 
Auge richtiger abzumessen. Auch die Künstler. Man hat dies auf der Berliner 
Jahrhundertausstellung 1906 gesehen, wo mancher achtlos Fallengelassene 
wieder aufgehoben und auf einen rotsammetnen Stuhl gesetzt wurde. Rudolf 
von Alt, nicht einmal ein Fallengelassener, sondern gar ein Übersehener, hat 
seinen Ehrenrsitz in Berlin schon das Jahr vorher gefunden. In der Heimat 
saß er von jeher mit obenan, selbst in Götter- und Götzenzeiten, die einer 
nicht in Szene gesetzten Größe weniger günstig waren. In der glänzenden 

5* 



68 von Alt. 

Makartzeit, in der Jugendtrunkenheit der Sezession, die den alten Herrn zu 
ihrem Ehrenobmann erkor, als einen, der über Jugend und Alter erhaben 
war. 'Arm in Arm mit dem Jahrhundert hatte er eine fast tizianische Lebens- 
strecke durchschritten, war als Siebziger, Achtziger, Neunziger gefeiert worden^ 
ein Altmeister, ein Uraltmeister, Patriarch. Seine immer erstaunlicheren Jubel- 
geburtstage waren es doch zunächst, die sich nicht abweisen ließen. Die 
Statistiker machten die Ästhetiker aufmerksam, daß sich da etwas gewisser- 
maßen Tabellenwidriges, etwas sozusagen Unvordenkliches abspielte. Und als 
im Künstlerhause sein achtzigster Geburtstag mit einer Alt-Ausstellung von 
522 Nummern illustriert wurde, da sah die Kritik plötzlich einen malerischen 
Lebenslauf vor sich aufgerollt, in dem sich das Wesentliche eines ganzen 
malenden Jahrhunderts abspiegelte. Und das letzte Bild, der Platz »Am Hof«^ 
mit den vielen sonnenbeschienenen Leinwandzelten und der tief in den 
Schatten zurückweichenden Bognergasse, trug die Bezeichnung: »28. August 
1892«. Es war an seinem achtzigsten Geburtstage fertig geworden und strotzte 
immer noch von der vollen nervigen Malkraft dieser phänomenalen Malnatur. 
Einige Bewunderer schössen einen Betrag zusammen, um dieses herrliche 
Spätbild für eine zukünftige moderne Galerie anzukaufen. Der Alte von der 
Skodagasse wurde in den österreichischen Ritterstand erhoben ; zum Professor 
(inpartilnis) der Akademie der bildenden Künste war er auch schon erwählt, 
doch legte er diese Würde nieder, als er 1897 an die Spitze der antiaka- 
demischen Sezession trat. Und wieder verging ein Jahrzehnt, und Jahr um 
Jahr darüber, kein Rasten und kein Rosten stellte sich ein. Noch in der 
Frühjahrsausstellung der Sezession 1905, als der Meister schon im »Ehren- 
grabe« lag, standen auf besonderen Staffeleien, lorbeerbekränzt, drei neue^ 
nicht einmal ganz vollendete Bilder seiner Hand: eine Ansicht seiner alten 
Wiener Malstube, ein Ramsauergebirge und ein Gartenmotiv aus seiner 
ständigen Sommerwohnung in Lasern bei Goisem. Besagte Malstube aber 
befand sich im zweiten Stock des Hauses Nr. 18, jetzt 11, der Skodagasse, 
früher Reitergasse, noch früher Kasernengasse (wegen der nahen, seither ab- 
getragenen »Reiterkaserne«). Im Jahre 1841 war er in dieses Haus gezogen^ 
62 Jahre hatte er in dieser Stube gemalt, immer an dem nämlichen einfachen, 
schwarz gestrichenen Tisch. Er war ein eingefleischter Alservorstädter. In 
diesem IX. Bezirk war er auch geboren, auf der Alserstraße, im Hause, wo 
damals die Apotheke zum Tiger war; der jetzige Neubau hat Nr. 8 und 
gehört dem Hof rat Professor v. Schrötter. Und in diesem Bezirk starb er, 
frühmorgens an einem schönen Frühlingssonntag, infolge einer bronchitisch 
gewordenen Influenza. Adolf von Menzel, der Patriarch des Nordens, der 
Parallelkünstler Rudolf von Alts, war kurz vorher gestorben, aber man hatte 
es ihm nicht mitgeteilt, um nicht seine Gedanken auf die letzten Dinge zu 
lenken. Er entschlief, buchstäblich, aber noch immer keineswegs lebensmüde. 
An einem der letzten Abende, als er zu Bette gebracht wurde, hatte er zu 
seiner Tochter und vielgetreuen Alterspflegerin Luise gesagt: »Das Schlafen- 
gehen ist halt doch schön, . . . aber das Aufstehen auch. « Er war einer von 
denen, die imstande wären, ewig zu leben. Ein perennierender Quell von 
Lebenskraft, aber auch von Lebenslust und Lebensmut. 

Die Stellung Rudolf von Alts in der Wiener Kunst ist einzig. Er ist 
nur mit seinem eigenen Maße zu messen. Vor allem war er jeder Zoll ein 



\ 



von Alt. 6q 

Maler. Und dann, trotz reichsdeutscher Abstammung, jeder Zoll ein Wiener. 
Ein sogenannter Altwiener sogar, mit allen den besonderen Tugenden der 
» guten alten « Wiener Zeit, unter der die Nachgeborenen die lange, gemütliche, 
genußfrohe Friedenszeit vom Wiener Kongreß bis 1848 verstehen. Den 
Wiener Biedermeier der späteren Kaiser-Franz-Zeit, natürlich mit den ersten 
Anläufen zu politisch-sozialer Freiheitslust und unbestimmter Schwärmerei 
nach bestimmten Sachen, von denen es einstweilen besser war, nicht allzulaut 
zu reden. Heiterer Lebensgenuß, viel Räsonierlust, viel Liebe und über- 
haupt »goldenes Herz«, und allerlei Sehnsucht und Drang, und eine schier 
seltsame, ja wunderbare Meisterschaft in der Beschränkung. Ein solcher Typ 
war Rudolf Alt, damals noch ohne Spur von »von«. Ein Wiener mit zwei 
leichten Achseln und dabei mit einem warmen, tiefernsten, unverrückbar 
sittlichen Künstler- und Familienherzen. Wenn man den mächtigen Packen 
seiner sorglich aufbewahrten Briefe an Weib und Kind durchmustert, aus den 
verschiedensten Lebens- und Schaffensjahren, von böhmischen Schlössern und 
aus krimischen Tatarenhütten, da tut man einen Blick in ein Familienparadies 
von liebenswürdigster Vormärzlichkeit. Alle diese Bogen bläuliches »Post- 
papier« und alle diese Zettel und Karten, selbstverständlich mit Zeichnungen 
von seiner Schreibfeder durchspickt und mit einer winzigen, haarspalterisch 
genauen Schrift, wie sie nur auf alten österreichischen Bankozetteln vorkommt, 
bis an die äußersten Ränder vollgeschrieben — alle diese launigen, herz- 
lichen, zwanglos hingebenden Schreibereien sind bis ans Ende förmliche 
Liebesbriefe. Da wird kein Gruß ans kleinste Mitglied der Familie vergessen, 
er ruft jedes mit Namen auf und hat für jedes ein liebes Wort, einen Scherz, 
eine Gabe. Wie für jeden seiner unterschiedlichen Vögel im mächtigen 
Vogelhause (Herbeckscher Hinterlassenschaft), das so lange Jahre unverrück- 
bar neben seinem Maltisch stand, und dem jeden Morgen sein erster Gang 
galt, mit den ersten Grüßen: »Servus Zeiserl . . . Servus Zauserl . . . Servus 
Mandi (der »Kanari«) . . . Servus Stieglitz . . . Servus Cicibe (das war der 
Hänfling, der nie etwas anderes sagte als »Cicibe«). Und mit diesem Gemüt 
hing er auch an seinem alten Wien, dessen malender, zeichnender Chronist 
er wurde. Das lebende Gedächtnis der Kaiserstadt, ihr Spiegel, in dem sie 
sich beschaute schier drei Menschenalter hindurch, das alte Wien, das neue 
Wien, das niedergerissene, das erweiterte, das erneuerte und vernewerte 
AVien, das unausrottbare und das ausgerottete, mit all seinen Wandlungen 
und Gestaltungen. Wien und Rudolf Alt sind zwei untrennbare Begriffe. Und 
auch Rudolf Alt und der Stefansturm, den er so oft gemalt hat — er selbst 
wußte nicht, wie oft — gemalt in allen seinen heiteren und düsteren Stim- 
mungen, sonnenbeschienen und dunstumnebelt, historisch bedeutsam als Wahr- 
zeichen einer ewigen Stadt und genrehaft blühend als steinerner Majbaum, der 
nur auf so nahrhafter, schmackhafter Scholle aufsprießen konnte. Man wird 
dem Maler Wiens jetzt ein würdiges Denkmal errichten, von Hans Scherpe, 
auf dem Minoritenplatz, angesichts des Unterrichtsministeriums. Warum 
gerade da? Für ein Rudolf-Alt-Denkmal gibt es nur einen Platz in Wien. 
Dicht am Fuße seines Stefansturmes, in einem der hübschen einspringenden 
Winkel zwischen den schlanken Pfeilern, dort wo auch die Relieftafeln 
der beiden Dombaumeister Ernst und Schmidt angebracht sind. Ein 
einfacher, niederer Sockel und eine schlichte, lebensgroße Figur darauf, an 



JO von Alt. 

einem solchen, schier selbstverständlichen Plätzchen, das wäre das richtige 
Rudolf- Alt-Denkmal. Im Italien der Renaissance- oder Barockzeit wäre den 
Leuten gar nichts anderes eingefallen. Selbst im alten Paris und London 
nicht. Bei uns muß jeder geehrte Mitbürger auf den Präsentierteller. 

Rudolf von Alt gehört einer Familie von Vedutisten an. Sein Vater 
Jakob Alt (♦ Frankfurt a. M. 1789, f Wien 1872), kam 1810 mit der Postkutsche 
nach Wien. Eigentlich wollte er nach Italien, aber als »Zimmerherr« in der 
Alservorstadt wurde er von dem Haustöchterlein gefesselt und konnte 
schlechterdings nicht weiter. Sie war eine junge Witwe, Anna Schaller, in 
Gresten bei Gaming geboren, deren Gatte schon nach einjähriger Ehe ge- 
storben war. Herr Schaller hieß Rudolf, und daher hat denn auch der erste 
Sohn seiner Witwe den Namen erhalten. Es folgten aber noch zwei Söhne 
und vier Töchter. Jakob Alt war ein tüchtiger Vedutenmaler oder auch 
Zeichner und besonders Lithograph. Sein Hauptstück ist eine Aquarellauf- 
nahme Wiens, 1828 vom Dach der Peterskirche aus, ein ganzes Panorama 
von Dächern und Rauchfängen, das als Grundlage für eine Riesenlitho- 
graphie (43 cm hoch, 290 cm breit) diente. Auch sein zweiter Sohn Franz 
(* 182 1) ist ein trefflicher Maler von Wiener und Nichtwiener Ansichten ge- 
worden; er lebt noch, leider durch Taubheit im Menschenverkehr behindert. 
Bei der väterlichen Kunstübung halfen übrigens auch Sohn Karl und Tochter 
Lidwina fleißig mit, sie kolorierten die vielen Lithographien. Und nebenbei 
musizierte alles, man stand mit Beethoven auf und ging mit Mozart schlafen, 
oder umgekehrt. Die Mädchen spielten Klavier, Rudolf blies die Flöte, die 
anderen »Buben« strichen die Geige. Es war ein Nest voll Glück. Sohn 
Rudolf wuchs in all dieser Hauskunst gar gedeihlich heran. Sein erstes 
Aquarell, mit zwölf Jahren gemglt, ist in einem von seiner zweiten Frau an- 
gelegten Familienalbum erhalten. Es ist die Kopie eines väterlichen Aquarells 
vom Hallstätter Friedhof, Schindel für Schindel, Halm für Halm sorgsamst 
nachgepinselt; im Vordergrunde kniet am Kreuz eine betende Frau. Die 
Farbe ist schwer, eine Neigung, die ihr ja zeitlebens verblieb, aber freilich 
zur malerischen Tugend werden konnte, wenn es etwa galt, den düsteren 
historischen Sinn einer Landschaft ahnen zu lassen. »Das ist ja mein schwarzes 
Grün«, hörte ich den Meister in seinem neunzigsten Jahre zu Lasern sagen^ 
als ihm wieder einmal eine vergessene Jugendsünde »zum Signieren« einge- 
schickt wurde; denn zu jener Zeit legte doch schon jeder Alt-Besitzer Wert 
darauf, auch die zweifellose Signatur zu haben. Der Knabe Rudolf war 
jedenfalls ein seltener Anfänger. Er verhielt sich zu seinem Vater wie 
Johann Strauß IL zu Johann Strauß I. Er erbte den Familienzug, wuchs aber 
weit über ihn hinaus und wirkte dann auch noch auf den Erzeuger steigernd 
zurück. Frl. Luise von Alt besitzt ein reliquienhaftes Blatt ihres Vaters aus 
dem sechzehnten Lebensjahr. Es ist mit Bleistift bezeichnet: »1828 R. Alt 
M. Absam « (nämlich der Wallfahrtsort Marie- Absafn) und auf der Rückseite 
ebenso: »Eigentum meiner Luise«. In dünnen Wasserfarben ist da eine 
duftverschleierte Hügelgegend unter kristallklarem Himmel dargestellt, mit 
einer lallenden Zärtlichkeit, die doch ganz Ausdruck ist. Etliche Jahre später^ 
auf der Akademie, erhielt er dann seinen ersten Preis für ein großes, schwer- 
farbiges, historisch-romantisches Blatt mit struppigen Tannen und einer 
starren Felsschlucht, aus der ein Wildbach obligat herausschäumt. Die ganze 



L 



von Alt. 



71 



Natur auf Draht gezogen, akademisiert. Welch ein Rückschritt von dem 
weichhändigen, frischäugigen Selbstlehrling, der bloß seinen kindlichen Ein- 
druck von der schönen Welt anzudeuten versuchte. 

In der Nachlaßausstellung befand sich übrigens selbst ein Bild (» Rauris «) 
von 1827. Jahr um Jahr wächst nun sein Feingefühl für die mannigfaltige 
Form der heimischen Landschaft, die mit ihren überraschenden Wendungen 
fast anekdotisch unterhält. Im Wienerwald, aber auch weiterhin bis nach 
Salzburg, ist Rudolf bald zu Hause. Die kleinen, äußerst sauberen Land- 
schaften der zwanziger Jahre (»Salzburg«, »Weilburg bei Baden« usw.) haben 
etwas von der Putzigkeit des Dosenstückes, und man erinnert sich, daß 
Balthasar Wigand (1771 — 1846) mit landschaftlichen Unterglas -Miniaturen 
Dosendeckel und Tischplatten geschmückt hat. Erzherzog Karl Ludwig besaß 
viel solche Alt-Inkunabeln. Aber Rudolf sieht man auch schon auf Licht und 
Luft bedacht; namentlich auf Sonnenschein, mit dem er die Mödlinger Wald- 
hügel oder die weiten Ebenen (»Rosalienkapelle« bei Forchtenstein, 1831, 
mit brillantem Lichtleben bis in den Horizont hinein) überflutet. Und so 
dann weiter in den vierziger Jahren (»Gegend bei Hradek«). Zu jener Zeit 
war das etwas Rares. Die atmosphärischen Vorgänge wurden damals noch 
weniger als malerischer Kitzel empfunden. Ihm gingen sie in die Nerven. 
So war er ein großer Gewitterfreund, und wenn es recht krachte und blitzte, 
riß er gewiß alle Fenster auf, zu nicht geringer Beängstigung seiner Frau. 
Ein recht heroischer »Gardasee im Gewitter« (1839), im Hausalbum, ist ein 
Gedenkblatt dafür. Und dann die famose Wiener Sonnenfinsternis in öl, 
vom 8. Juli 1842, von der Türkenschanze aufgenommen, dieses düstere Ver- 
düsterungsbild, in dem das Luftgeschehnis doch den ganzen Inhalt ausmacht. 
Ein reiner Verfinsterungseffekt, gemalt aus Lust am optischen Abenteuer als 
solchem. Mit derlei Dingen stand er damals ziemlich allein. Ein Luftschau- 
spiel ließ er sich gewiß nicht entgehen, und ein solches war ihm auch das 
»erste Dampfschiif in Wien« (1837), sintemal es mit seinem mächtigen 
schwarzen Rauchqualm ein ganz neues Motiv in der Wiener Luft darstellte. 
Auch der Engländer Turner ließ einmal diese prächtige Rauchfahne flattern, 
und zwar als Trauerfahne in seinem Bilde von David Wilkies Bestattung auf 
dem Meere; machte aber freilich mit Hilfe der Abendsonne mehr Feerie 
daraus, als der schüchterne Wiener Maljüngling. Auch war die Feuerwerks- 
technik hierzulande bei den Malern noch lange nicht so entwickelt wie 
bei Stuwer. Wie dann die Schwindsche Romantik kam, stilisierten sich auch 
die Imponderabilien der Natur, als bliese der Knabe sein Wunderhorn dazu. 
Man wird ihn Anno 1853 auf Schloß Rosenberg sehen, mit der Mondsichel 
im wunderklaren Abendhimmel, wallenden Nebelflören im Flußtal und 
Lampenlicht in den Fenstern der hochragenden Burg. Einstweilen begnügt 
er sich, etwa in Neapel, mit abenteuerlich gekräuseltem Vesuvrauch, der 
sich unter die zahllos am Himmel weidenden Silberlämmchen mischt, 
schier zu viel des Guten. Als Goethe die Belagerung von Alt -Breisach 
beschrieb, hatte er, bei aller sachlichen Genauigkeit, kein Wort für die 
ungeheuren Qualmeffekte, die den Himmel bedeckt haben müssen, da 
er doch mehrere große Explosionen in der Festung erwähnt. Die da- 
maligen Landschaftsmaler hielten sich an das Greifbare und ließen Dunst 
Dunst sein. 



72 



von Alt. 



In jene gemütlichen Jahre des Vormärz und Vor-Vormärz fielen einige 
Alt-Episoden besonderer Art. Vor allem die oft besprochenen Guckkasten- 
bilder für den Kaiser (damals noch Kronprinzen) Ferdinand. Eigentlich war 
das kein Guckkasten, sondern ein Hohlspiegel, den man vor das Bild stellte, 
um es darin vergrößert anzusehen. Und eigentlich war dieser Apparat gar 
nicht für den Kronprinzen gemacht, sondern für den alten Van der Null, den 
Kaufmann bei den »drei Laufern«, den Vater des Architekten der Hofoper. 
Der Maler Gurk, Anno Wiener Kongreß Kammermaler des Fürsten Schwarzen- 
berg, malte die Ansichten dazu. Der Kronprinz kaufte später den Guckkasten, 
aber ohne Spiegel, denn den hatte der Apotheker Moser von der Josefstadt 
erworben; der berühmte Optiker Plößl, von der Plößlgasse auf der Wieden, 
mußte einen neuen Spiegel dazu machen. Und Jakob Alt malte die neuen 
Bilder dazu, immer neue, große Blätter, monatlich vier, zu zwanzig Gulden, 
später nur zwei im Monat, aber zu dreißig Gulden. Und bei diesen Malereien 
half ihm Rudolf. Als Greis sah er dann einmal in der k. k. Fideikommiß- 
bibliothek ganze Portefeuilles solcher Blätter wieder, nicht weniger als 129, und 
gut ein Drittel von seiner Hand, aber alle »Jakob Alt« bezeichnet für den 
hohen Besteller. Er gab dies damals zu Protokoll. An des Vaters Seite ging 
es dazumal noch mehr zeichnerisch her. Man sieht dies auch an den großen 
Wiener Veduten, wie dem Josefsplatz in der Albertina, wo die alles sorgfältig 
linear ausziehende Reißfeder und eine ganz wässerig dünne Lavierung mit Farbe 
an die großen Wiener (Prager, Grazer usw.) Ansichten des Trifoliums Schütz- 
Ziegler-Jansa aus den Jahren 1780 — 1800 erinnern, freilich aber doch zu einer 
ganz anderen Raum- und Luftplastik, neben Virtuosität des Vortrags, gelangen. 
Eine Anzahl kleiner Bleistiftzeichnungen Rudolfs, von alten Wiener Palästen, 
sind auch eine Spezialität dieser Zeit. Auf handgroße Papierblättchen mit 
spinnwebdünnen Strichen hingeworfen, lassen sie doch die wesentlichen Teile 
der Fassaden : Portal, Fenstergiebel, Gesimse mit einer plötzlichen Kraft her- 
vortreten, so daß sich der bauliche Organismus für den ersten Blick verständ- 
lich hervorhebt. In der Sammlung Lobmeyr findet sich eine ganze Reihe 
dieser Kabinettstücke der höheren Notierkunst. Der Jüngling Rudolf machte 
sie für den Kunsthändler Heinrich Friedrich Müller am Graben, der ihm 
sechs Gulden für das Stück bezahlte. Überhaupt waren die Preise Rudolf 
Alts, auch später noch, der reine Pappenstiel. Unter den Schriften in der 
Familie befindet sich eine Preisliste aus dem Jahre 1865, die sich ganz tragi- 
komisch liest. Von Arithmetik hatten diese guten Leute keine Ahnung. 35 fl. 
ist so eine Art Generalpreis für gewöhnliche Formate. Große Aquarelle, 
selbst aus Italien, sind mit 70, 80, 90 fi. angesetzt; einige ganz große mit 
120 fl.; eine Stefanskirche, an deren Gotik er gewiß wochenlang geklöppelt 
hat, kostet 250 fl. Weiter hinauf geht's nicht. Und dann hat er noch 
»Partieware«: 19 Blätter ä 40, 15 dto. ä 20, 60 dto. ä 10, 20 dto. ä 5 fl. Es 
ist rein zum Lachen. Übrigens war noch kurz vor seinem Tode eines seiner 
besten Ölbilder aus früherer Zeit (Höhen-Salzburg im Abendschein, durch die 
Äste einer Baumgruppe gesehen) einem seiner alten Freunde für . . . 150 fl. 
zu teuer. Der Künstler hatte es ihm schenken wollen, aber so, daß es nicht 
geschenkt aussehe, und verlangte diesen Spottpreis, den er doch nicht bekam. 
In der Versteigerung ging dann das Bild auf 5000 Kronen. In dieses Kapitel 
schlägt auch die Geschichte von den beiden Skoda-Interieurs. Sie waren, 



von Alt. 



73 



wie mir der Meister sagte, die ersten dieser Art aus seinem Pinsel, doch hat 
ihn ja sein Gedächtnis schon öfters im Stich gelassen. Er hat dann über 
dreihundert Interieurs gemalt und ist darin der unübertroffene Wiener Spezialist 
geworden. Professor Skoda, der Begründer der modernen Diagnostik, war 
Alts Nachbar in der damaligen Reitergasse, jetzt Skodagasse. Er ließ von 
• Alt eine Whistpartie und eine Billardpartie in seinem Hause malen. Zwei 
große Interieurs in Aquarell, jedes mit 9 — 10 Porträts nach dem Leben, wozu 
im Whistsalon noch etwa 20 goldgerahmte Familienbilder an den Wänden 
kommen, die so aus zweiter Hand auch mitporträtiert sind. Die treffsichere 
Charakteristik in diesen Figuren und Köpfen von Professoren, die ich meist 
noch selbst gehört habe (Arlt, Dittel, Florian Heller, Dlauhy, Zeißl u. a.), 
ist bewunderungswürdig. Rudolf von Alt war ja in jungen Jahren ein hoch- 
begabter Figurenmaler, und schon seine verschiedenen Selbstporträts zeigen, 
was er in dieser Richtung hätte werden können. Er gab das Porträtmalen 
auf, wie er mir sagte, um seinem Freunde Kriehuber, der ja dann der Wiener 
Oberporträtist wurde, »nicht ins G*häu zu gehen«. Nach Skodas Tode 
kamen diese Bilder nach Pilsen, zu seinem Bruder Emil, dem Gründer der 
bekannten Skodawerke. Ich kenne sie nur aus zwei großen Photographien, 
im Besitze von Professor Max von Zeißl, der mich auf sie aufmerksam machte; 
aber sie waren im Jahre 1862 oder 1870 im Künstlerhause ausgestellt. Nun 
denn, voriges Jahr, als in Wien ein Skoda-Gedenktag gefeiert wurde, las man 
in Zeitungen viel von der großmütigen Förderung, die Skoda seinem Nachbar 
Rudolf Alt habe angedeihen lassen. Das muß doch berichtigt werden. Das 
ganze »Honorar«, das Alt für seine monatelange Arbeit erhielt, war, nach 
monatelangem Zurategehen der abgemalten Gesellschaft, ein auf gemeine 
Kosten angeschafftes Glaskrügel in Silberfassung, mit einem Bären als Henkel 
und einem Bock als Deckelzier. Auf zwei Silberreifen, die das Glas um- 
spannten, waren die Namen der Beitragenden eingraviert und an Glas und 
Untersatz das Monogramm R. A. Mit dieser Feststellung soll natürlich keines- 
wegs an der Gesinnung des durch und durch edlen Skoda gemäkelt werden, 
aber das waren noch in den 50er Jahren die Wiener Begriffe von Entgelt 
für ein Werk der schönen Künste. Das festliche Bierglas steht noch jetzt im 
Salon der Familie, ist übrigens bei Gelegenheit einmal in Scherben gegangen, 
so daß der Künstler auch noch ein neues Glas auf eigene Kosten beschaffen 
mußte. 

Die früheste Stefanskirche Rudolf Alts ist in öl, bezeichnet 1832 (kais. 
Hofmuseum). Die Farbe etwas schwer, wie ja meist in seinen Ölbildern, aber 
erstaunlich die Bewältigung der plastischen Form und die Beobachtung des 
Lichtes, wie es den ganzen Filigrankoloß pointierend überrieselt. Sein letzter 
Stefansturm ist der von 1898 (im Nachlaß, für 4000 K. an Direktor Zucker- 
kandl verkauft), ein tiefernstes Blatt von weltgeschichtlicher Stimmung, mit 
bedeutsamer Perspektive bis in den Hintergrund des Platzes, die graue Ecke 
des »Deutschen Hauses«. Zwischen diesen beiden Stefanstürmen entstanden 
noch über hundert. Am liebsten malte er seinen Liebling vom alten Kranner- 
schen Leinwandgeschäft aus, vom Arbeitssaal im ersten Stock, wo alle die 
nähenden Mädchen ihn umzwitscherten, wie in seiner Malstube die Vögel der 
Voliere. Er hat ihn jedesmal frisch nach der Natur gemalt, in der Stimmung 
des Augenblicks. Die Altschen Ölbilder sind ein Kapitel für sich. In schier 



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von Alt. 



seltsamer Gediegenheit stehen sie da wie kristallisiert, dauerndes Altwien. 
Als er 1833 mit seinem Vater zum ersten Male nach Italien gegangen war, 
prägte er seine Eindrücke gern in dieser unverbrüchlichen Form fest. Seine 
Markusplätze, Titusbögen, Pantheons und Neapel sind Bilder, die damals 
kein anderer malen konnte. Besonders die neapolitanischen Hafenbilder des 
Herrn Eugen von Miller zu Aichholz, mit dem wonnigen Himmelblau ihrer 
Luft, der erstaunlichen Mikrographie ihrer Fensterreihen und dem mannig- 
faltigen Volksleben, das ein Durcheinander von Winzigkeiten aller Art dar- 
stellt. Ein Kuriosum in dieser Reihe ist sein »Tasso im Kreuzgang von 
San Onofrio zu Rom« (1837), mit ergreifendem Ausblick auf die ewige Stadt; 
historisches Genre von Rudolf Alt (!), als ließen ihn die Lorbeeren Johann 
Nep. Geigers nicht ruhen. Aber auch sein Aquarell schwang sich schon da- 
mals zu überraschender Höhe; etwa in der >^ Basilika des Palladio zu Vicenza« 
(Miller-Aichholz), die mit ihrem altsteinernen Farbenspiel und dem rastlosen 
Volksgewimmel alles Zeitgenössische übertrifft. Überhaupt war Alt einer der 
anziehendsten Staffagemaler. Sein Figurengenie, das »aus Freundschaft« auf 
das Porträt verzichtet hatte, fand da ein Ventil zu urwüchsig kräftigem Aus- 
strömen. An seinen Wiener Ansichten kann man das ganze damalige Residenz- 
leben von ganz oben bis ganz unten wie in einer Camera obscura studieren; 
jede Toilette authentisch, beinahe jede Fiakernummer abzulesen. Aquarell- 
studien aus jener Zeit, nach Männlein und Weiblein, sind zahlreich erhalten 
und nachträglich auch oft, selbst in Farben, reproduziert worden. Die »schöne 
Zuckerbäckerin vom Aisergrund«, die Frau Pausinger, die Frau Flach usw. 
Familie Biedermeier aus der Zeit vor dem März; Mull, Tüll anglais, Rosa- 
kleidchen, gestickte Taschentücher. Zwei Steifrockdämchen, mit einem Nichts 
an Farbe kostbar hingekleckst (bez. » Grätz 21. Juli«) erregten im Nachlaß 
Sensation, desgleichen eine sitzende Dame in Rosa. So malte er auch wieder- 
holt auf allerlei verlorenen Blättchen seine Familie; die erste Frau z. B., die 
schon nach zweijähriger Ehe verstorbene, einmal an der Wiege kniend, aus 
dem Betbüchel betend, ein andermal auf dem Sterbebette, mit der blonden 
Locke am Ohre vorbei. Für solche skizzenhafte, summarisch gegebene Allotria 
hatte er einen eigenen liebenswürdigen Schick. Noch in später Zeit liebte 
er seine Figuren von Herzen. In der »Wirtsstube zu Sand in Tirol« (1875) 
sind neun Figuren, die wahrhaftig leben. (Bei der Versteigerung für 5000 K. 
für das kais. Hofmuseum erworben.) 

In die Frühzeit fällt aber auch noch der »graphische« Alt; der von 
seinem Vater angestiftete, doch über ihn hinausgewachsene Radierer und 
Lithograph. Seine Radierung: »Doppelerker der alten Burg in Kloster- 
neuburg« (1846) zeigt, wie stark er in dieser Richtung werden konnte. Aber 
er ließ die Nadel jahrzehntelang ruhen. Das Opernhaus radierte er 1870 für 
die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst und anderes für Quirin Leitners 
großes Werk über Schönbrunn (1874), wo aber noch mehr Aquarellansichten, 
die er von Schönbrunn gemalt, von anderen Händen radiert erscheinen. 
Auch für Lithographen (Sandmann, Gerstmeyer u. a.) lieferte er viele Ent- 
würfe, seine mühelose Fruchtbarkeit erlaubte ihm das. Seine vielleicht früheste 
eigene Lithographie (Brunnenruine zu Kuttenberg, 1843) i^^ noch mit der Feder 
auf den Stein gezeichnet, was sein Vater und Lehrer Jakob nie tat; bald aber 
wurde er malerischer, mehr auf Licht- und Schatten Wirkung bedacht, und 



von Alt. 



75 



griff zu Kreide und Schabmesser, zur Beigabe einer Tonplatte. Sein Vater 
lernte viel von diesem Schüler. Sie lithographierten zusammen die Serie 
i^Grätz« (1855), ^"^ ^" ^^^ Mitarbeit an dem von J. Libay verlegten Pracht- 
werk des Grafen Josef Breuner über Ägypten, das er 1855 mit bereist hatte, 
lernte er die farbige Lithographie. Seine eigenen großen Farbenlithographien 
{^ Pesth-Ofen «, Druck von Reiffenstein, Verlag von Paterno) sind vom Besten 
jener Zeit. Noch in den sechziger Jahren machte er große Lithographien, 
bloß in wenigen Tönen zwischen Gelb und Blaugrau, etwa noch mit der 
Hand farbig gehöht; es sind meist Ansichten aus der Vogelperspektive (Wien, 
Schönbrunn, Laxenburg), die aber zu voller künstlerischer Wirkung gelangen. 
Das Aquarellmalen will Alt an den Interieurs gelernt haben, deren lange 
Reihe also mit jenen Skodaschen begonnen hätte, die aber eigentlich Porträt- 
szenen sind. Seine reizvollen Innenansichten haben den Geschmack an 
solchen Abbildungen einer persönlichen Umwelt in Wien neu belebt. Dabei 
ist zu bemerken, daß er, wie er sich ausdrückte, durchaus kein »gelernter« 
Perspektiviker war. Er konstruierte nicht erst mühsame geometrische Gerippe, 
sondern traf die schwierigsten Erscheinungen aus dem Instinkt heraus, er kam 
ihnen so aus dem Handgelenk bei. Man erinnere sich an das Stiegenhaus 
im Belvedere (1882, mod. Galerie) oder den Arkadenhof des Palais Porcia 
in Spital an der Drau, wo die Linien den diagonalsten Schabernack treiben. 
Oder an seine Palastfronten in engen Gassen (altes Rathaus, Palais Prinz 
Eugen), wo alles von selbst schief wird, um gerade zu erscheinen. Er be- 
gann ein solches Bild an einem beliebigen Punkte (»wo's mich reizt«) und 
?^beschrieb« von da aus das ganze Blatt mit unvergleichlicher Geläufigkeit. 
Die augenblickliche Lichterscheinung daran hielt er mit virtuosem Griff fest. 
Seine zahllosen Fenster z. B. werden nie langweilig, denn es ist der ganze 
Himmelszustand, das Wetter, das Klima darin. Ja selbst die Gewohnheiten 
der Bewohner; die Fenster sind augenscheinlich die von bewohnten Wohnungen. 
Wie anheimelnd wird dadurch etwa seine Ansicht des Parks zu Teplitz, der 
doch nur von gleichgiltigen gelben Miethäusern umgeben ist. Es gab für ihn 
überhaupt nichts Langweiliges. Die einförmige Hauptwachseite des Burghofes 
gilt gewiß mit Recht für besonders öde; auf einem Altschen Blatte (1893, im 
Taaffe-Album) wird sie amüsant, weil über den ruhigen grauen Mauerflächen 
ein ungewöhnlich hohes, altvaterisches Ziegeldach sich entwickelt, an dem 
zahllose Regen zahllose farbige Streifen niedergehen ließen, während der 
First mit einem förmlichen Gewühl von Kaminen in allen Formen und For- 
maten besetzt ist. Und ebenso in seinen Interieurs. Im Lanckoronskischen 
Arbeitszimmer sind die goldbunten Rücken der aufgestapelten Prachtbücher 
allein ein Gemälde. Der Reiz der Bücherrücken blüht freilich am reichsten 
in seinem großen Aquarell der Hofbibliothek (1884, Mod. Galerie); man spürt 
darin die kostbarste Wandtapete der Welt. Solche durch ihn berühmt ge- 
wordene Interieurs sind noch die von Makart (Atelier), Dumba (Makartzimmer), 
Ludwig Lobmeyr, Maler Amerling, dem Grafen Edmund Zichy, die frühe 
Reihe von Ansichten aus dem Lichnowskyschen Schloß Grätz in Schlesien 
(1849), aus Schönbrunn (Erzherzog Karl Ludwig), dem Bucquoyschen Schloß 
Rosenberg (1853 — 1857), dem Alfred Liechtensteinschen Schloß Hollenegg 
(1866 — 1890), darunter der blumendurchwucherte Schloßhof, aus den Auersperg- 
schen Schlössern (Zleb) u. s. f. Je inhaltreicher die Motive, desto lieber war es 



7 6 von Alt. 

ihm; er kämpfte, wie der Räuber Moor, am liebsten »im Getümmel«. Je mehr 
»Gewurl« in so einer großblumigen Tapete, einem in Schnitzwerk aufgelösten 
Chorgestühl (St. Stefan, 1877, Mod. Galerie), einem »schönen Brunnen« von 
Nürnberg (Dumba), einer Gasteiner Talwand (vom Windischbauer aus, wo er 
meistens wohnte), desto mehr fühlte er sich in seinem Element. Einen »letzten 
schönen Baum im Wieniluß« stellte er so hin, daß man meinte, er habe die Blätter 
abgezählt. Und die vier Dutzend Nielloplatten des Verduner Altars von 
Klosterneuburg hinter den schwarzen Arabesken ihres Eisengitters (1883, Mod. 
Galerie) sind ihm ein Sonntag. Und ebensoviel Passion ist in seinen 
wimmelnden Staffagen, die nicht wie bei Canaletto und selbst Guardi, der 
sie doch gern von Tiepolo malen ließ, etwas Gleichmäßiges haben, sondern 
von allen möglichen Genremotiven belebt sind. Unsere Pettenkofenzeit wirkte 
da ohne Zweifel ein wenig mit. 

In früher Zeit, auf all den Städtebildchen voll minimen Einzelzeugs 
(Wien, Prag, Troppau, Salzburg, Neapel), aber selbst in der botanischen 
Genauigkeit des Baumschlages, wie in jenem »Teplitz«, war er ein Klein- 
meister. Aber er ging immer mehr in die Breite, gewann zusehends an Saft 
und Kraft. Die ins Fabelhafte steigende Virtuosität trug dazu bei. Die 
Gelegenheit machte ihn mitunter zum Schnellmaler. Etwa wenn er (1860) 
die Enthüllung des Erzherzog Karl-Denkmals auf dem äußeren Burgplatze 
vom Fleck weg aufnahm. Ein Riesenblatt, natürlich gestückelt, wie er denn 
ein großer »Stückler« vor dem Herrn war, schon weil die Welt gar so groß 
ist, daß sie selbst auf den größten Whatmanbogen nicht »drauf geht«. Und 
darauf die ganze militärische Parade, mit marschierendem Weiß und Blau 
oder Rot und Gold, mit Publikum, Luft und einem Hintergrund voll an- 
gedeuteter Dächer und Türme, gegen die Höhe vom Spittelberg und Neubau 
hin, die eine so pikante Krenelierung hat. So war er als Stenograph des 
Tages. Er hatte das Zeug zum modernen Atmosphäriker. Er war überhaupt 
immer »modern«. Was die Zeit an ästhetischer und technischer Neuheit brachte, 
nahm er mit einem rastlosen Selbstemeuerungsinstinkt sofort auf. Staunend 
sieht man sein »Inneres der Markuskirche« (kais. Hofmuseum), aus der Makart- 
zeit, wo all die Marmor- und Porphyrpracht mit einer wuchtigen Breite und 
schwimmenden Tonigkeit hingefegt ist. Man war damals so üppig und 
Rausch war Vorschrift. Er konnte auch das. Später wurde seine Hand so 
zittrig, daß seine Briefe immer mehr zum Kuriosum wurden; wahre Illustrationen 
zum »Tatterich«. Seine damalige Malerei hatte einen seltsamen Charakter 
von Straminstickerei; es ist seine schwächste Zeit. Aber er ermannte sich 
und lernte aus der alten Not eine neue Tugend machen. Er wurde der 
berühmte Punktier der Spätzeit, wo er nämlich nur Punkte aufs Papier setzte, 
saftige Tupfen vielmehr, wie weit später die Neuerer in der Pointillierzeit 
eines Rysselberghe. Mit Bedacht zielend, aber kräftig zustoßend, setzte er 
diese zahllosen Tupfen auf und sie schlössen sich mosaikartig zu einer 
Harmonie, in der es gerade von jenen Atomen schwärmte, die den letzten 
Divisionisten vorschwebten. Ohne es zu wollen, wurde er auch ein solcher. 
Und in seinen allerletzten Jahren, als er in Goisem-Lasern, auf seiner Veranda 
sitzend den alten Apfelbaum malte, und die lichten Promenadenwege unter 
dem sonnigen Laubgrün, da wagte er sich sogar an zeitläuftige Lichtprobleme, 
z. B. wenn er die Abendsonne durch das Laub brechen ließ, so daß dessen 



von Alt. 



n 



Grün in schmelzenden Streifen niederrann. Es machte ihm Freude, Neues 
zu versuchen. Und so sieht man ihn — der merkwürdigerweise nie in Paris 
und London gewesen — bis weit ins dritte Menschenalter hinein mit der 
malenden Zeit gehen, nie überholt, immer mit voran, dabei aber doch immer 
der alte Alt, mit einer eigenen nervigen, unnachahmlichen Handschrift, daß 
man jedes Zollbreit seiner Malerei auch ohne Signatur sofort erkennt. 

Er war einer der großen Maler des Jahrhunderts. Aber auch ein warmer, 
grundguter, wienerisch heiterer, lebenstrotzender Mensch. Im Kreise seiner 
Familie war er rührend. Ein Patriarchentalent schon in jungen Jahren, zärt- 
lich und weise, um jedes einzelne besorgt, unermüdlich in Liebesbeweisen, 
unter denen die künstlerischen eine besondere Rolle spielen. Die Album- 
und Stammbuchblätter, die illustrierten »Wünsche«, die einzelnen oder auch 
fortlaufenden Szenen, in denen er alle die Seinen nebst ihrem Um und Auf 
abmalte, z. B. auf drei großen zusammenschließenden Aquarellen aus der 
Atzgersdorfer Sommerfrische. Keine Mühe war ihm zu groß, um diesem an- 
gestammten Gratispublikum eine Freude zu machen. Auch sein Briefwechsel 
mit ihnen strotzt von heiteren und gemütlichen Episoden, drastischen Über- 
raschungen und spezifischen kleinen Mausefallen, in denen er seine Mäuschen 
zu fangen liebte. Zitate würden zu weit führen. Und seine Freunde rühmten 
den musterhaften Freund, die Kollegen den edlen, neidlosen Kollegen. Ein 
unabhängiger, redlicher Charakter, dem man gelegentlich sogar zu viel Energie 
nachsagte, eine klassische Bürgerschlichtheit, die sich nie um Ehren und Schätze 
drängte, und eine unverwüstliche gute Laune, das waren seine weiteren 
Hauptzüge als hämo sociabilis. Er hat nie einen Feind gehabt in der ganzen^ 
langen Zeit seit jenen Maitagen der vierziger Jahre, da er noch als Maikönig 
die Künstlergenossen zum Maifest auf den Kahlenberg führte, hoch zu Roß 
und romantisch kostümiert, die lange gereimte Thronrede eigener Erzeugung in 
der Tasche. (Ist sogar noch handschriftlich erhalten.) In späten Jahren 
war er mit Ludwig Anzengruber die Seele eines literarisch-künstlerischen 
Freitags beim »goldenen Löwen« in der Kochgasse (8. Bezirk), auch die 
»Anzengrube« oder die »Nische« genannt. Solange ihn die greisen Füße 
tragen wollten, hat er keinen Freitag versäumt. Und ist auch keinen Witz 
schuldig geblieben, wenn ihm ein Übermütiger zurief: »Alt, mach* einen 
Witz!« Denn auch in Witzreden war er der richtige Altwiener, seine 
»Kalauer« — wie man jetzt despektierlich sagt — waren oft durchschlagend. 
Ihm ergaben sich von selbst die sonderbarsten Klangscherze und Silben- 
verschränkungen. Das große Phyllodendron im Kübel neben seinem Maltisch 
ließ ihn einmal sagen: »Ja, 's is nit vüU an den dran«. Und sein an- 
geheirater Neffe, Maler Petrovits, hieß immer der angeheiterte Neffe. Bei 
ihm sprudelte das so von selbst; wer hätte da »Au!« gerufen? 

Sein Leben hatte viel Sonnenschein, aber auch schwere Wolken zogen 
über ihn weg. Manches traf ihn hart, in seiner Kunst und in seiner Liebe. 
Er hat es getragen, als der Unverwüstliche, der er war. Seine erste Frau 
war ein Fräulein Hermine Oswald, er heiratete sie 1841, aber sie starb schon am 
23. November 1843 am Kindbettfieber, erst 23 Jahre alt, und das Kindchen 
folgte ihr ins Grab. Unter den Papieren des Hauses ist noch ihr Parte- 
zettel erhalten; ohne Trauerrand, wie damals wohl Sitte. Am 16. Februar 
1846 heiratete Rudolf das Fräulein Bertha Maliczek (* i. Oktober 1824, 



78 von Alt. 

f 15. September 1881). Diese überaus glückliche Ehe war mit fünf Kindern ge- 
segnet: Hermine (f 23. November 1883), Anna, verehelichte Brandeis (f 4. Ok- 
tober 1902), Rudolf, der als Kaufmann in Wien lebt, Bertha, verehelichte 
Fichtner (t 13. Oktober 1900), und Luise, welche die Stütze der alten Tage ihres 
Vaters werden sollte. Fräulein Luise war »ein etwas spätes Kind« und kam 
zur Welt, während ihr Vater mit sämtlichen Kindern im Josefstädter Theater 
beim »Zauberschleier« war. Die Mutter machte sich ein Gewissen daraus, 
daß es nun wieder ein Mädel geworden, aber der Vater tröstete sie: wer weiß, 
wozu es gut sei. Während der späteren langen Pflegejahre, als sie ihn mit 
allen Kräften zu bemuttern hatte, bekam sie dies oft genug von ihm zu 
hören. Sie lebte ganz und gar diesem Liebesamt und wollte erst nach seinem 
Tode heiraten, aber ihr Bräutigam, der Hausarzt, starb sieben Wochen vor 
ihrem Vater. Frauenschicksal . . . Überhaupt waren die letzten Zeiten des 
Altmeisters hart genug heimgesucht. Im Zeiträume von zwei Jahren verlor er, 
zum Teil unter tragischen Umständen, zwei Töchter, einen Schwiegersohn 
und einen Enkel. Seine kleine Urenkelin blieb ihm dann besonders ans Herz 
gewachsen, aber auch sein Hausstand bekam durch alle diese Todesfälle 
immer neuen Zuwachs. Es war schließlich Jugend um ihn, bis ans Ende, 
er stand noch immer mit beiden Füßen im Leben. 

Die Wertung seiner Kunst war zeitlebens nicht gering, obgleich der 
Wiener immer ein gewisses Mißtrauen gegen Wiener Leistungen hat. Seinem 
vollen Werte nach ist Alt auch jetzt nicht geschätzt. Die vielen Tausende 
von Werken, die er geschaffen, sind in tausend Händen, dermalen noch gar 
nicht katalogisierbar. Es ist interessant, daß ein so gewiegter Kunstfreund wie 
der verstorbene Domkapellmeister zu St. Stefan, Gottfried v. Preyer, einmal 
unter andern Wiener Bildern dreizehn Rudolf Alt zu 100 Gulden verkaufte, 
um Platz für seine Franzosen des zweiten Kaiserreichs zu schaffen, die aller- 
dings auch zu einer namhaften Sammlung erwuchsen. (Sie wurde nach 
Amerika verkauft.) Das kaiserliche Hofmuseum hat die erwähnten Alt-Perlen, 
die Moderne Galerie ein ganzes Alt-Kabinet mit einstweilen 25 Nummern, die 
aber den Bestand nicht erschöpfen und nun immer noch Nachträge erhalten. 
Hier sieht man auch, aus der akademischen Galerie, das große Aquarell, das 
die Eröffnung des Hansenbaues der Akademie durch den Kaiser (1878) dar- 
stellt, mit vielen Dutzenden Porträts berühmter Zeitgenossen. Daß die 
Akademie dieses bildnisreiche »Regentenstück« bei einem Landschafts- und 
Architekturmaler bestellte, ist gewiß bezeichnend für den Rang, den die Kollegen 
dem Figurenmaler Alt zugestanden. Das älteste Altbild in der Modernen 
Galerie ist ein »Salzburg« von 1829. Hier ist auch die mächtige Stimmungs- 
landschaft: »Ruine von Hoch-Osterwitz in Kärnten« (1880), deren ereignis- 
reiche Luft schon historische Begebenheiten suggeriert. Sehr bedeutend in 
Alt-Sachen ist die Sammlung Ludwig Lobmeyr; sie enthält 97 Nummern aus 
allen Stadien des Meisters, darunter lange Blätterfolgen wie die aus der Krim 
(Yalta, Livadia, Baktschisarai, Tatarendörfer, Boulevard von Odessa) aus dem 
Jahre 1863. Sie fanden bei zweimaliger Ausstellung im Künstlerhause, zu- 
letzt 1904, reichlichen Beifall. Damals hatte Herr Lobmeyr den gemütlichen 
Einfall, seinen ganzen Alt-Schatz dem Künstler, der ja nicht mehr ausging, 
ins Haus zu senden, daß er ihn wieder einmal durchsehen konnte. Die Familie 
Miller zu Aichholz, besonders Eugen, hat gleichfalls viele Perlen (s. oben). 



von Alt. 



79 



Die Stadt Wien besitzt meist lokalgeschichtlich Interessantes, wie das aller- 
dings herrliche Makart-Atelier (1885) und die Bilder vom Amerling-Hause. In 
den Häusern Paul v. Schoeller, Jos. Frh. v. Liebieg, Frh. Moriz v. Königs- 
warter (1906 versteigert), Wilhelm v. Mauthner, Dr. Heymann, Dr. Eisler, 
L. Wittgenstein u. a., neben den schon genannten Besitzern, trifft man wert- 
volle Gruppen seiner Bilder festgelegt. Vieles davon ist seit des Meisters 
Tode wieder zur Ausstellung gelangt, auch bei mehreren Versteigerungen. Von 
diesen war die bedeutendste die des Altschen Nachlasses (12. — 15. Februar 
1906), der nicht weniger als 487 Nummer umfaßte und eine Summe von 
181 000 Kronen einbrachte. An solche Milliarden hat Meister Rudolf, so alt 
er wurde, doch nie zu denken gewagt. Die Preise hatten sich bedeutend 
gehoben, obgleich sie die Preislagen von Paris, London, Berlin für solche 
Fälle lange nicht erreichen. Den höchsten Preis erzielte »der letzte schöne 
Baum im Wienfluß« (7000 Kronen, Frau M. Weiß v. Tesbach). Das erwähnte 
kleine Aquarell »Rosalienkapelle« erreichte 2800 Kronen (Herr L. Wittgen- 
stein). Im allgemeinen wurden die Architekturbilder am höchsten bezahlt, 
ein deutliches Zeichen, für was die Zeitgenossen den Meister doch in erster 
Reihe hielten. Das »katholische Kasino in Innsbruck« (1896), ein Aquarell von 
prächtiger Wirkung, erzielte 5000 Kronen (Herr Wittgenstein), das Brüsseler 
Rathaus (1880), ein mehr kursiv hingeschriebenes Blatt, 4000 Kronen 
(Dr. Anton Loew). Sehr geschätzt waren auch die erwähnten frühen 
Aquarellporträtblättchen; Dr. Eisler ersteigerte die »Frau Pausinger« um 
1660, die erste Frau Alts um 1140 Kronen und einen Landpfarrer um 
640 Kronen. 

Es seien hier nur noch die bemerkenswertesten Bildnisse Rudolf v. Alts 
aufgezählt. Zunächst drei ausführliche Selbstbildnisse in Aquarell, im Besitz 
der Familie; eines undatiert, ein zweites bezeichnet: »Weihnacht 1897 R. Alt«, 
ein drittes: »R. Alt Weihnacht 1900«. Auch auf einem Holzfächer seiner Tochter 
Luise befindet sich, unter allerlei gezeichnetem und gouachiertem Potpourri- 
werk, ein kleines Selbstkonterfei. Mehrmals hat ihn sein Vater Jakob gemalt. 
Das reizvollste dieser Bilder ist das Aquarell im Besitz der Familie, wo 
Rudolf, als Jüngling am Fenster sitzend, malt (halbe Figur, Profil, 1839). Ein 
anderes, blauäugig-blondhaariges, en face, auch vom Vater, befindet sich im Haus- 
album, wo übrigens auch Bleistift-Selbstskizzen Rudolfs u. dergl. vorkommen. 
Bei der Nachlaß Versteigerung erschienen noch Porträts Rudolfs (1849) ^^^ 
Ludwig Passini, dem alten Freund der Familie, mit der er auch 1848 die 
große Flucht aus der Revolution nach Traismauer bewerkstelligte, dann ein 
Franz Altsches von Rudolf und Frau (»Jänner 842«) und ein Rudolfsbild 
von Kalzada. Unter den neueren Bildnissen ist die vorzügliche Radierung 
von Ferdinand Schmutzer hervorzuheben. Eine sehr hübsche Bleistiftzeichnung, 
Alt am Maltische, rührt von Rudolf Bacher her. Ein interessantes Relief, 
halb Ernst, halb Scherz, von Ernst Juch, einem der Plastiker der Anzengrube, 
zeigt Alt und Anzengruber am Stammtisch einander gegenüber, im schärfsten 
Profil, Alt natürlich mit der nie fehlenden Virginierzigarre (»Wirscherl« nennt 
er sie in einem alten Brief nach Hause). Dieses Doppelbildnis ist oft 
reproduziert worden. Die Totenmaske Alts ist von Hans Scherpe genommen, 
desgleichen ein Abguß seiner rechten Hand, die unter all ihrer methusale- 
mischen Verrunzelung noch eine stramme Muskulatur erkennen läßt. (Den 



3o von Alt. von Mikulicz-Radecki. 

Abguß der Hand bei Maler Engelhart.) Ferdinand Schmutzer hat den Toten 
auch auf dem Sterbebett gezeichnet. 

Äußere Ehren, außer den schon erwähnten noch das österreichische 
»Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft«, kamen ihm erst in den Greisen- 
tagen. Die Künstlerschaften zeichneten ihn schon früher aus. 1874 war er 
Vorstand der Künstlergenossenschaft, dann Ehrenmitglied der Wiener Akademie 
der bildenden Künste, der Wiener Künstlergenossenschaft (legte beides nieder, 
als er an die Spitze der Sezession trat), der Societe royalt Beige des aquarellistes. 
1877 erhielt er die Karl -Ludwigs -Medaille, 1883 die goldene Medaille in 
München, 1886 in Berlin, 1894 die große goldene Staatsmedaille in Wien, 
1895 das Ehrendiplom. Das Leichenbegängnis, zum Ehrengrabe auf dem 
Wiener Zentralfriedhof, fand am 15. März, 2 Uhr nachmittags statt. Der 
Trauerzug bewegte sich nach der Alserkirche, wo die Einsegnung stattfand, 
dann zur Akademie der bildenden Künste und zur Sezession, wo Reden 
gehalten wurden. 

Literatur: »Rudolf von Alt, zum neunzigsten Geburtstage, von Ludwig Hevesi«, 
Sonderheft der »Zeitschrift für bildende Kunst«. Leipzig, E. A. Seemann, August 1902. 
— »Rudolf von Alt, von Julius Leisching«, Sonderabdruck aus »Die graphischen Künste«, 
hcrausg. von der Gesellschaft f. vervielf. Kunst. Wien 1902. — »Rudolf von Alt, Variationen 
von Ludwig Hevesi.« Wien 1905, Verlagsb. Karl Konegen. — »Vom alten Rudolf Alt«, 
von Ludwig Hevesi in »Meister der Farbe«, Leipzig, E. A. Seemann, 1905. — »Rudolf 
von Alt als Graphiker«, Aufsatz von A. W. in »Die graphischen Künste«, 1906, Heft 2. — 
Der Katalog seiner graphischen Arbeiten in den »Mitteilungen« des Vereins f. vervielf. Kunst, 
1906. — 111. Katalog zur Versteigerung des Nachlasses, Wien 1906, mit Einleitung von 
Arthur Roessler. — »Jugend«, Rudolf von Alt-Nummer, 1906, _Nr. 15. 

Wien, Juli 1906. Ludwig Hevesi. 

Mikulicz-Radecki, Johannes von, Universitätsprofessor der Chirurgie, 
* am 16. Mai 1850 zu Czernowitz, f am 14. Juni 1905 in Breslau. — v. Mikulicz 
stammt väterlicherseits aus einer litauischen, mütterlicherseits aus der preußi- 
schen Adelsfamilie v. Damnitz. Er absolvierte in seiner Geburtsstadt das 
Gymnasium und sollte auf Wunsch seines Vaters, der Architekt war, die 
orientalischen Sprachen studieren. M. folgte aber seiner Liebe zur Medizin 
und bezog die Universität Wien, um sich diesem Fache zu widmen. Von 
seinen Eltern nur wenig unterstützt, hatte er hier mit materiellen Sorgen zu 
kämpfen. Er war gezwungen, durch Klavierlektionen sich seinen Lebens- 
unterhalt zu verdienen. Er studierte unter Hyrtl, Brücke, Rokitansky, Billroth, • 
Hebra und Dumreicher. 

Im Jahre 1874 zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert, bewarb 
er sich um die Stelle eines Operationszöglings an der Klinik Billroths. Dieser 
war schon früher durch die musikalische Begabung auf M. aufmerksam ge- 
worden. Die außerordentliche manuelle Geschicklichkeit, welche M. bei der 
Prüfung zeigte, war für Billroth der ausschlaggebende Grund, ihm die an- 
gestrebte Stelle zu verleihen. 

Nach 3^/2Jähriger Lernzeit als Operationszögling wurde M. 1878 neben 
Wolf 1er Assistent der Klinik. Zwei Jahre später habilitierte er sich als 
Privatdozent für Chirurgie. Da er sich zu verheiraten wünschte, mußte er 
aus der Klinik Billroths austreten und übernahm die Leitung der chirurgischen 



von Mikulicz-Radecki. 8 I 

Abteilung an der Allgemeinen Poliklinik in Wien. Schon im Oktober 1882 
wurde M. als ordentlicher Professor der Chirurgie nach Krakau berufen, das 
er nach fünfjähriger Tätigkeit verließ, um einem Ruf nach Königsberg in 
Preußen zu folgen. Im Februar 1890 wurde er zum geheimen Medizinalrat 
ernannt und bald darauf nach Breslau als Direktor der chirurgischen Uni- 
versitätsklinik berufen. Hier wirkte er bis zu seinem Tode, 15 Jahre lang, 
nachdem er Berufungen nach Straßburg und Wien abgelehnt hatte. 

M. war eine so groß angelegte Natur, daß er nicht nur in seinem Spezial- 
fach einer der Ersten war, sondern weit darüber hinaus seine Persönlichkeit 
zur Geltung brachte. Nicht ohne Einfluß mag auch hier die Schule seines 
Lehrers Billroth gewesen sein. 

Was M. als Operateur betrifft, so bestanden für ihn infolge seiner an- 
geborenen Geschicklichkeit technische Schwierigkeiten nicht. Seinem wohl 
überlegten und rastlosen Arbeiten verdankt die Chirurgie die vollendete Aus- 
bildung der Asepsis, welche in der Breslauer Klinik eine Musterheimstätte 
fand. Namentlich war es die Bauchchirurgie, die er mit unerreichter Sicher- 
heit beherrschte. Eine reiche Erfahrung und vor allem die richtige und 
immer bereite Verwertung derselben unterstützten ihn bei den schwierigsten 
Eingriffen, die sich unter seinem Blick und unter seinen Händen zu einfachen 
und mühelosen Operationen gestalteten. Sein chirurgisches Gefühl ließ ihn 
rasch den richtigen Weg erkennen und sagte ihm rechtzeitig, was zu wagen 
und wo Halt zu machen sei. Mit den Schwierigkeiten, die sich ihm ent- 
gegenstellten, nahmen seine Kräfte zu, und in den kritischsten Augenblicken, 
die dem Chirurgen zustoßen können, war M. in seiner souveränen Ruhe stets 
Herr der Situation. — Gleichen Schritt mit der Entwicklung seiner Technik 
hielten die wissenschaftlichen Leistungen. Schon seine Erstlingsarbeit aus der 
Billrothschen Klinik, seine Untersuchungen über das Rhinosklerom, sind grund- 
legend geworden. M. gelang es durch seine mikroskopischen Untersuchungen, 
für diese damals ätiologisch noch nicht aufgeklärte Erkrankung charakteristische 
2^11en — die sogenannten Mikuliczschen Zellen — zu finden. Unter Einfluß 
seines Meisters beschäftigte er sich mit der damals aufkeimenden Frage nach 
den Erregem der septischen Infektion. Die mühsamen und umfangreichen 
Untersuchungen über individuelle Formdifferenzen am Femur und an der Tibta 
des Menschen klärten das Krankheitsbild des Genu valgum auf. Auch die 
neuesten Untersuchungsmethoden, wie die Röntgendurchleuchtung, konnten 
den Resultaten der Mikuliczschen Arbeit nichts hinzufügen. Schon Publi- 
kationen aus früher Zeit zeigen, daß sich M. besonders gern und intensiv 
mit der Frage der Anti- und Asepsis beschäftigte. Er trat für das Jodoform 
und gegen den Karbolspray auf, er beschäftigte sich schon im Jahre 1881 mit 
der Drainage der Bauchhöhle, einer Frage, die er später noch mehrfach zu 
bearbeiten Gelegenheit nahm. Die klinischen Untersuchungsmethoden be- 
reicherte er durch die Erfindung und Ausbildung der Ösophagoskopie, durch 
die Angabe eines Skoliosometers. Eine Reihe ausgezeichneter Operations- 
methoden wurde von M. erdacht und ausgeführt. Sie alle haben sich seither 
in der Chirurgie als typische Eingriffe eingebürgert. Hier sei nur die Keil- 
resektion bei Kropf, die Radikaloperation des Mastdarmvorfalles, die Operation 
wegen Schiefhals und der Kieferhöhleneiterung, die zweizeitige Entfernung 
von Dickdarmgeschwülsten und die osteoplastische Resektion am Fuß genannt. 

RiogT. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 10. Bd. 5 



32 von Mikulicz-Radecki. 

In dem Festband zur Feier der 25 jährigen Lehrtätigkeit Billroths beschrieb 
M. eine eigenartige symmetrische Erkrankung der Tränen- und Mundspeichel- 
drüsen, die seither in der Literatur seinen Namen trägt. Seine Referate auf 
den Tagungen der deutschen Gesellschaft für Chirurgie über die Behandlung 
des Magengeschwürs oder den heutigen Stand der Narkose waren muster- 
giltig. Gemeinsam mit v. Bergmann und v. Bruns gab er das Handbuch 
der praktischen Chirurgie heraus, das allgemeine Verbreitung fand und rasch 
mehrere Auflagen erlebte. Mit Naunyn gründete er die »Mitteilungen aus 
den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie« im Jahre 1896. 

M. stand im Zenit seines Schaffens, als er aus dem Leben scheiden mußte. 
Dafür legen die beiden ausgezeichneten Arbeiten Zeugnis ab, die in seinem 
letzten Lebensjahr entstanden. Es war die Idee der pneumatischen Kammer, 
die sein Schüler Sauerbruch ausarbeitete und die der Chirurgie neue Per- 
spektiven eröffnete, und der glückliche Gedanke, die Resistenz des mensch- 
lichen Bauchfelles vor einer Bauchoperation künstlich zu erhöhen. Die Ent- 
wicklung und den Erfolg dieser Vorschläge konnte er nicht mehr erleben. 

Es war nicht der kühne Operateur und nicht der geistvolle wissenschaft- 
liche Arbeiter, welcher die Verehrung und Liebe der Studenten eroberte, es 
war eine Eigenschaft, die M. als Mensch und Arzt so weit über andere er- 
hob: seine Güte. Von ihm konnte jeder lernen, wie hoch der gewissenhafte 
Arzt die Sorge um den Patienten zu stellen und die Rücksicht auf den 
Kranken eigenen Interessen vorzuziehen habe. 

M. standen als Vorstand von drei chirurgischen Kliniken begeisterte 
Assistenten zur Seite. Aus seiner Schule gingen Chirurgen wie Anschütz, 
Chlumsky, Henle, Kader, Kausch, W. Kümmel, Samter, Tietze, 
Trzebicky hervor. Sie alle hatten das Glück, nicht nur den Meister ihres 
Faches als Lehrer zu haben, sondern in steter wissenschaftlicher Anregung 
zu leben. M., der die gesamte Chirurgie so gut wie ihre Hilfswissenschaften 
beherrschte, der in der pathologischen Anatomie und Histologie, in der 
Bakteriologie und Chemie gut bewandert war, hielt es für seine Pflicht, seine 
Schüler zur exakten wissenschaftlichen Arbeit anzuhalten. In seiner Klinik, 
in welcher militärische Disziplin herrschte, wurde jede Minute ausgenützt. 
Von der rastlosen, nie ermüdenden Arbeitsamkeit des Lehrers wurde jeder, 
der in der Klinik arbeitete, mit ergriffen. 

In derselben Treue und Verehrung wie seine Schüler hingen seine Freunde 
an ihm. Felix Dahn widmete ihm an seinem Grabe einen Abschiedsgruß. 
Die Worte Naunyns in dem XIV. Band der Mitteilungen aus den Grenz- 
gebieten zeigen, ein wie inniges Freundschaftsverhältnis die beiden Männer 
verband, v. Eiseisberg betrauert in M. »einen treuen Freund und Kameraden, 
wie man deren nur wenige besitzt«. 

Dasselbe Glück, das M. die Erfüllung seines Berufes bot, fand er im 
Kreise seiner Familie. Kunstsinnig und eindrucksfähig suchte er Erholung 
bei der Musik und auf Reisen. Sein starker Charakter kam in den letzten 
Lebensmonaten zur vollen Geltung. Er trug sein Leiden, das er selbst er- 
kannt hatte und über dessen Natur er wohl kaum getäuscht werden konnte, 
ohne Klage. Die letzten Stunden, die ihm das Schicksal vorbehalten hatte, 
raffte er mit heroischer Kraft zusammen, um sie zur Arbeit zu benützen. Bis 
tief in die Nacht hinein war der kranke Mann nach einem viel beschäftigten 



von Mikulicz-Radecki. Mussafia. 83 

Tag tätig, um eigene Studien zu vollenden oder Arbeiten seiner Schüler zu 
fördern. In welcher harmonischen Größe M. sein Leben beschloß, zeigen am 
besten die Worte, die er wenige Tage vor seinem Tode an seine Frau richtete: 
^Ich kann mit meinem Leben zufrieden sein und darf nicht mit dem Schicksal 
hadern, daß es so früh zu Ende geht! Es hat mir sehr vieles gegeben, fast 
alles, was ich mir wünschte! Ich habe mit Erfolg gearbeitet und ich habe 
mein Leben genossen!« Dr. Clairmont. 



Mussafia, Adolf, Professor für romanische Philologie an der Universität 
Wien, * 15. Februar 1834') in Spalato, f 4. Juni 1905 in Florenz. — M. kam 
1853 nach Wien, um Medizin zu studieren, erhielt aber schon 1855 eine Stelle 
als Lektor für Italienisch an der Universität; 1860 wurde das Lektorat in 
eine außerordentliche, 1867 in eine ordentliche Professur umgewandelt, die 
er trotz schwerer Krankheit bis kurz vor seinem Tode beibehielt. Daneben 
war er bis 1875 an der Hofbibliothek tätig, aus der er als Skriptor schied. 
M. ist also in seiner Wissenschaft ein vollständiger Autodidakt. Man sieht 
auch nicht, daß die medizinischen Studien irgendwelchen Einfluß auf ihn 
gehabt hätten, noch, was näher lag, der Verkehr mit dem bedeutendsten 
Kenner der spanischen Literatur, mit Ferdinand Wolf, mit dem er doch auf 
der Hofbibliothek täglich zusammenkam. Eine lebhafte, ungemein mitteilsame 
Natur, war er mehr zum Geben als zum Empfangen veranlagt. Seine ersten 
Publikationen sind Rezensionen aus dem Gebiete der italienischen Literatur und 
Sprache und die »Italienische Sprachlehre in Regeln und Beispielen«, zuerst 1860 
erschienen, noch heute ein viel verbreitetes und viel geschätztes Lehrbuch. 
Dann trat er 1862 mit drei Arbeiten hervor, die deutlich die Richtung zeigen, 
in der sich seine wissenschaftliche Tätigkeit bewegen sollte. Die erste »Die 
Präsensbildung im Italienischen« behandelt eine sprachwissenschaftliche Frage 
und läßt den jungen Gelehrten als einen ruhig beobachtenden, nüchtern 
denkenden, allen Spekulationen abholden Kopf erscheinen, zugleich aber als 
einen Mann, der sein Material in vollem Umfange beherrscht. Sprachgeschicht- 
liche, namentlich lautgeschichtliche Fragen haben ihn in der Folge noch 
oft beschäftigt, besonders gern gab er die lautliche Charakteristik von Mund- 
arten. Dabei ging er zumeist von einem Texte aus: die altmailändische 
Mundart hat er nach. Bonvesins' Schriften, die altveronesische nach Fra 
Giacomino, später das Altneapolitanische, dann das Ältkatalanische nach einer 
Übersetzung der Sieben weisen Meister, das Altlyonesische nach einer Christo- 
phorus-Legende dargestellt. Nur einmal, in der »Darstellung der romagnolischen 
Mundart«, war ihm ein modernes Wörterbuch der Ausgangspunkt der Unter- 
suchung, und erst ganz kurz vor seinem Tode hat er auf dem Wege der 
Korrespondenz das Material zur Darstellung einer piemontesischen Mundart 
aus dem Munde eines die Mundart Sprechenden gesammelt. Wie er vom 
Texte ausging, so war ihm auch die Klarlegung des im Texte Beobachteten 
die Hauptsache! Die sprachgeschichtliche Erklärung zu geben, versagte er 
sich gern. Seiner scharfen Beobachtungsgabe ist es zu verdanken, daß 



1) Nicht 1835, wie überall angegeben wird und wie Mussafia selbst glaubte, ohne 
ganz sicher zu sein. Die Jahreszahl 1834 gründet sich auf den Trauschein. 

6* 



Sä. MussaHa. 

man ziemlich bald wußte, in welchem Umfang im Altfranzösischen die Ver- 
schiedenheit in der Behandlung des ö, die heute in cAUn neben pain vorliegt^ 
Regel war, aber den Grund hat K. Bartsch gesehen, daher man in der Wissen- 
schaft von einem Bartschschen, nicht von einem M.schen Gesetz spricht. Eine 
der schönsten Untersuchungen »Zur Präsensbildung im Romanischen« (1883) zeigt, 
daß eine merkwürdige Form gewisser altfranzösischer Texte sich weithin über 
Graubünden, Norditalien, Rumänien erstreckt; die Untersuchung ist ein Muster 
von Gelehrsamkeit und umsichtiger Darstellung, aber wiederum hat Schuchardt 
die Erklärung gegeben. In »una particolaritä sintattka della lingua italiana dei 
primi secoli* wird nachgewiesen, daß Dante nur sagen konnte or tnaiutatt^ 
nicht or atutatemi, und auch eine Deutung dafür zu geben gesucht; als Ein- 
wände gegen diese Deutung erhoben wurden, meinte er: yquesta spiegazione 
od altra che se ne desse pud, come ogni ragionamentOy esser erronea, la realtä del 
fatto ritnane tnalterataU Die t^realtä del fatto<^ war ihm die Hauptsache, da- 
her konnte er auf einem Gebiete, wo noch so vieles zu entdecken war, so 
Bedeutendes leisten, Bedeutenderes als andere, die, durch stärkeres Bedürfnis, 
die Gründe der Erscheinungen aufzudecken, gedrängt, leicht die Tatsachen 
übersahen. So hat er, der doch mit am meisten zur Kenntnis der altfranzösi- 
schen, italienischen und rumänischen Lautgeschichte beigetragen hat, in den 
großen prinzipiellen Fragen über das Wesen der sprachlichen Veränderungen 
nie das Wort ergriffen. Die realistische Tendenz, die Abneigung gegen 
Hypothesen, gegen Äußerungen, die sich später als falsch erweisen konnten, 
erklärt ferner seine Stellung zur Etymologie. Der »Beitrag zur Kunde der 
norditalienischen Mundarten« ist der erste große Versuch von Wortgeographie 
und Begriffsbezeichnung auf romanischem Gebiete, aber auch hier begnügt 
sich M. mit der Zusammenstellung, der Versuchung zu etymologiesieren verfällt 
er nicht, ist doch die Etymologie vielfach ein sehr unsicheres Gebiet, auf 
dem man allzu leicht ausgleitet. — Die zweite der Schriften aus dem Jahre 1862 
betitelt sich »Handschriftliche Studien I, Emendationen und Zusätze zur alt- 
französischen metrischen Übersetzung des Psalters«. Hier zeigt sich der bis- 
her nur auf italienischem Gebiete tätige junge Gelehrte als ganz vorzüglicher 
Textkritiker auf französischem. Eine ungewöhnliche Gabe des Nachempfindens, 
ein feines Gefühl für Sprachgebrauch, ein Bedürfnis, einen Text bis in alle 
Einzelheiten zu verstehen, zeigt sich schon hier und zeigt sich in der Folge 
immer mehr, so daß später kein altfranzösischer, altprovenzalischer oder alt- 
italienischer Text von etwelcher Bedeutung erschien, zu dessen Verständnis 
M. nicht ganz wesentlich beigetragen hätte. Und zwar ist es namentlich die 
völlige Konzentration auf den gegebenen Fall, die es ihm ermöglichte, den 
Text so in sich aufzunehmen, daß er die Fehler und Unverständlichkeiten der 
Überlieferung zu verbessern und fast stets evident zu verbessern vermochte F"s 
ist dies wohl die bedeutendste Seite seines Talentes, wie er denn darauf auch 
immer wieder zurückkam, während er sonst häufig sich damit begnügte, die 
Wege zu weisen, mit der Überwindung der ersten Schwierigkeit aber das 
Interesse verlor. Mit der Freude an der Textkritik steht offenbar im engsten 
Zusammenhange die Beschäftigung mit metrischen Fragen, die in der Ab- 
handlung ^Suir antua metrica portogfiesc<f^ ihren glänzendsten Ausdruck gefunden 
hat. — Endlich ebenfalls 1862 erschien »Über eine italienische Bearbeitung der 
Sieben weisen Meister«, also eine literarische Quellenuntersuchung. Ihr folgen 



Mussafia. Moran-Olden. 85 

bald andere Ȇber die Quelle der altspanischen Vida de S. Maria Egipciacat^ 
»Über die Quellen des altfranzösischen Dolopathos«, »Über die Crescentia- 
Sage«, »Die Katharinen-Legende«, vor allem eine Serie von Arbeiten über 
die Marienlegenden, in der zum ersten Male in das Chaos einer fast un- 
übersehbaren Literatur Ordnung gebracht ist. Von weltlichen Stoffen ist es 
vorab die Trojaner-Sage, mit der er sich beschäftigt hat. Man sieht leicht, was 
für die Auswahl maßgebend ist: Stoffe, die auf bestimmten literarischen, 
schriftlichen Quellen beruhen, deren Filiation also mit ziemlich großer Sicher- 
heit bestimmt werden kann. Epos, Abenteuerroman, Volkslied, Schwank, die 
eine nicht minder interessante Verbreitung und Geschichte zeigen, bei denen 
aber die mündliche Überlieferung sehr wesentlich mitspielt, läßt er beiseite. 
Überblickt man das Ganze, so kann man sagen, daß M.s wissenschaftliches Interesse 
auf Seiten des romanischen Mittelalters lag und daß es ein philologisches 
war. In allen romanischen Gebieten, auch auf dem rumänischen, hat er ge- 
arbeitet, nur das Sardische und das Rhätoromanische hat er nicht berührt: 
sie sind sprachwissenschaftlich vielleicht die interessantesten, aber sie haben 
keine mittelalterliche Literatur. Zur altfranzösischen Lautlehre hat er un- 
endlich viel beigetragen, aber eine Hauptquelle für altfranzösische Dialekt- 
kunde, die Urkunden, hat er kaum herangezogen: sie boten ihm kein philo- 
logisches Interesse. Auch die Literaturgeschichte hat er philologisch behandelt 
als Quellenkunde und da mit der Auswahl wie sie der Philologe, nicht wie 
sie der Literarhistoriker trifft. Aber als Philologe steht er einzig da und 
für die Größe seiner Begabung spricht, daß er, ohne Linguist zu sein, doch 
auch als Philologe linguistisch arbeitete, wie es wenige tun. Und durch die 
Beschränkung auf das Tatsächliche haben die meisten Arbeiten noch heute 
ihren Wert. 

Eine vollständige Bibliographie hat E. Richter gegeben in den »Bausteinen zur 
romanischen Philologie. Festgabe für Adolf Mussafia,« 1905. 

W. Meyer-Lübke. 

Moran-Olden, Fanny, kgl. bayr. Kammer- und Hof opernsängerin, ♦ 28. Sep- 
tember 1855 zu Oldenburg, f 11. Februar 1905 in Schöneberg bei Berlin. — 
F. M.-O. war die Tochter des oldenburgischen Geheimen Medizinalrats und 
großherzogl. Leibarztes Dr. Tappehorn. Ihre auffallenden Stimmittel 
brachten sie zur Bühne, für die sie durch ihre Erscheinung allein kaum 
berufen gewesen wäre. Auguste Götze in Dresden und Molly v. Kotzebue 
bildeten sie zur Sängerin aus. Am Dresdner Hoftheater debütierte sie auch 
im Jahre 1878, kam dann ans Frankfurter Stadttheater und 1884 nach Leipzig. 
Unruhigen Geistes und voll ungebändigter Leidenschaft in der Kunst wie im 
Leben, blieb sie nirgends lange, dort aber doch bis zum Jahre 1891, und dort 
wurde sie auch berühmt: es war ihre beste und vielleicht auch glücklichste 
Zeit. Die Leipziger Oper unter Staegemann hatte eben ein glänzendes 
Ensemble beisammen : Grengg, Perron, Schelper, Lederer standen noch in der 
Blüte ihres Ruhmes, Nikisch fing an, sich als junger, begabter Dirigent durch- 
zusetzen, Pelagie Sthamer-Andriessen war eine nicht ungefährliche Kon- 
kurrentin. Die ungewöhnlich große Stimme der Moran-Olden mußte aber 
durchschlagen, auf welcher Bühne sie auch, erschallte. Sie allein und ein 
tüchtiges Können hielten die Künstlerin wie die Frau auch noch lange in 



86 Moran-Olden. Oppert. 

späteren Tagen siegreich über Wasser. Das Volumen dieses ungewöhnlichen 
Soprans, der seine Grenzen auch tief hinab in das Mezzosopran- und Alt- 
gebiet stecken konnte, erinnerte an das auch heute noch unvergessene 
Gesangsphänomen der Österreicherin Marie Wilt. Mit dieser unglücklichen 
Frau hatte Fanny Moran-Olden merkwürdigerweise auch die derbe, in späteren 
Jahren unschöne Erscheinung und manch widriges Lebensschicksal gemein. 
Auf Leipzig folgten ein paar unruhige Wanderjahre, die die Künstlerin u. a, 
auch nach New York führten. Im Jahre 1894 schien ihr Ruhe und Erfolg 
an dei; Münchener Hofoper zu winken. Sie brachte es zur Kammersängerin 
und sang durchweg erste Partien, wie Fidelio, Brünnhilde, Isolde, Ortrud^ 
Rezia usw. Aber schon zwei Jahre später verließ sie die bayrische Residenz 
grollend, und es begann wieder ein unstetes Wanderleben, das sie als Gast 
an verschiedenen deutschen Bühnen sah, bis sie sich 1902 dauernd in Berlin 
niederließ, wo sie eine Zeitlang auch eine Gesangklasse im Konservatorium 
Klindworth-Scharwenka übernahm. Aber es ging nicht lange. Unglückliche 
Anlagen, traurige Erlebnisse, ungestillter Ehrgeiz zehrten an der robusten 
Frau: schon drei Jahre später fand sie geistesumnachtet ein beklagenswertes 
Ende in der Maison de Santi in Schöneberg bei Berlin. Nach einer 
geschiedenen unglücklichen ersten Ehe mit dem Kammersänger Karl Moran 
hatte sich M.-O. mit dem jüngeren Kollegen, dem hochbegabten, jetzt noch 
seinen Ruhm als fahrender Sänger genießenden Baß-Bariton Theodor Bertram, 
einem unsteten Charakter und Wandervogel gleich ihr, vermählt. Zwei der 
schönsten und größten Stimmen hatten sich da in künstlerischem Wettstreit 
gefunden: zwei Stimmen, die alles konnten, was sie wollten. Leider verleitete 
ungebändigtes Kraftgefühl und Leidenschaft die eine wie den andern vielfach 
zu Maßlosigkeit und Vergröberung der Mittel. Gleichwohl wird Fanny Moran- 
Olden Bertram in der Geschichte der Leipziger und der Münchener Oper 
als die Trägerin einer der gewaltigsten Sopranstimmen stets ihren Platz 
behaupten. 

Biogr. in Eisenbergs Buhnenlexikon und im Almanach der Deutschen Bühnen- 
gen ossehschaft (17. Jahrg.). 

München. Alfred Frhr. v. Mensi. 

Oppert, Julius, Dr. phiL^ Professor der Assyriologie am College de 
France zu Paris und Membre de V Institut^ * 9. Juli 1825 in Hamburg, f 
20. August 1905 in Paris. — Sein Vater Eduard O. war ein Nachkomme Samuel 
Oppenheimers, des Hofbankiers Leopolds L, dem er die Mittel für die Türken- 
kriege und den spanischen Erbfolgekrieg beschaffte. Durch Vermittlung des 
Prinzen Eugen, dem er nahe stand, erwarb er eine große Anzahl wertvoller 
hebräischer Handschriften aus der Türkei, die er zusammen mit einer be- 
deutenden Sammlung seinem Neffen David, nachmals Landesrabbiner von 
Böhmen, vermachte, der sie beträchtlich vermehrte. Die Bibliothek kam 
später nach Hamburg und im Jahre 1829 an die Bodleiana in Oxford, wo 
Julius' jüngerer Bruder Gustav, später Professor des Sanskrit in Madras 
und jetzt Dozent für indische Sprachen an der Berliner Universität, die 
Bibliothek seines Vorfahren auf Max Müllers Veranlassung ordnete. 

Der Vater war vermählt mittler Schwester des bekannten Berliner Juristen 
Professor Eduard Gans. Julius war das älteste von zwölf Kindern, die dieser 



Oppert. • 87 

Ehe entsprossen. Zehn von ihnen erreichten ein höheres Alter, und vier Ge- 
schwister sind noch jetzt am Leben. In die Grundlagen des Hebräischen 
durch Hartwig Hertz, einen hervorragenden Talmudisten, seines Zeichens 
Lotterie -KoUekteur, eingeführt, zeigte er früh ein außerordentliches Sprach- 
talent, verbunden mit ungewöhnlicher Schärfe des Denkens und der Neigung 
und Fähigkeit, schwierigen Problemen bis zur Lösung aui den Grund zu gehen. 
Er besuchte zunächst die Privatschulen von Gebauer und von Brandtmann, 
dann die Gelehrtenschule des Johanneums seiner Vaterstadt. 

Die Rede, mit der er sich als Abiturient von dieser Anstalt verabschiedete, 
galt den Hörern noch lange Jahre später als eine ungewöhnliche Leistung. 
O. wandte sich in Heidelberg zunächst dem Studium der Rechte zu, das 
jedoch später in Bonn, wo er Welcker, Freytag, Lassen, und in Berlin, wo 
er besonders Böckh und Bopp hörte, gegen das der orientalischen Sprachen 
in den Hintergrund trat. Neben ihnen blieb einem anderen Lieblingsstudium, 
der höheren Mathematik, allezeit einige Aufmerksamkeit vorbehalten — eine 
Kombination, die für O.s Lebensarbeit bedeutungsvoll gewesen ist. 

Nachdem er im Frühjahr 1847 ^^^ einer Dissertation über das Strafrecht 
der Inder in Kiel promoviert hatte, veröffentlichte er bald darauf seine be- 
deutsame Arbeit über das »Lautsystem des Altpersischen«. Die Ruinen von 
Persepolis, der »Götterberg« Bisutun an der Straße von Babylon nach Ekbatana, 
die Gräber eines Darius und seiner Nachfolger in Naksch-i-Rustem tragen noch 
heute die Keilinschriften dieser achämenidischen Herrscher, deren heimische 
Sprache, das Altpersische, durch Grotefends Entzifferung (1802) und weiter durch 
die Forschungen Burnoufs und Lassens erschlossen worden war. O. sicherte 
durch diese Arbeit und eine bald darauf erschienene treffliche Gesamt- 
behandlung der altpersischen Inschriften diesem Forschungszweig die Mündig- 
keit. Das doch nur entfernter verwandte Sanskrit, das bei dem ersten Ein- 
dringen in die Geheimnisse des Altpersischen gute Dienste geleistet hatte, 
wurde nach Möglichkeit ausgeschlossen, die Inschriften tunlichst aus sich 
selbst oder doch nur aus dem Persischen — dem » Zend « des zoroastrischen 
Gesetzbuches und den neueren iranischen Dialekten — erklärt. 

Schon gegen Ende des Jahres 1847 hatte sich O. nach Paris gewandt, 
da in Deutschland seines Bekenntnisses wegen auf eine Betätigung in den 
ihn interessierenden Fächern nicht zu hoffen war. Im Jahre 1848 war er als 
Lehrer des Deutschen am Lyzeum zu Laval, 1850 in gleicher Eigenschaft 
in Rheims angestellt. 

Die entscheidende Wendung in O.s Geschicken brachte das Jahr 1851. 

Nachdem gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast gleichzeitig nach London 
und Paris Backsteine mit Keilschriften aus Babylon gekommen waren, 
hatte vom Jahre 181 1 ab Rieh, der Resident der Ostindischen Kompagnie 
in Bagdad, die erste systematische Sammlung von babylonisch - assyrischen 
Denkmälern geschaffen und gleichzeitig als Erster die Ruinen von Ninive, 
Mosul gegenüber, näher bestimmt. Richs Sammlung wurde im Britischen 
Museum aufgestellt. Von ihr auf das nachhaltigste gefesselt und angeregt, 
hatte Julius Mohl, der, deutscher Herkunft, als Professor der orientalischen 
Sprachen in Paris lehrte, den Anstoß zu der ersten großen Ausgrabung auf 
assyrischem Boden gegeben, indem er Botta, den für Mosul designierten 
französischen Konsularagenten zur Untersuchung der Hügel bei Mosul 



88 • Oppert. 

ermunterte. Botta entdeckte 1843 bis 1845 in dem heutigen Chorsabad, nord- 
östlich von Ninive, die Stadt und den Palast eines mächtigen assyrischen 
Herrschers — wie sich später herausstellte, Sargons II. (722 — 705) — , dessen 
Wände und Fußböden mit reichlichen Inschriften bedeckt sind. Die Aus- 
grabungen wurden von Bottas Nachfolger, Place, fortgesetzt. Was an Skulp- 
turen von dort weggeführt werden konnte, bildet den Kern der vorder- 
asiatischen Sammlungen des Louvre. 

Zwei Jahre später als Botta hatte Henry Austen Layard seine Aus- 
grabungen auf dem Trümmerhügel Nimrud, dem biblischen Kalach, und 
später zu Kuyundjyk, der Stätte des eigentlichen Ninive, begonnen. Sie 
hatten nicht nur zur Entdeckung einer ganzen Anzahl assyrischer Paläste mit 
mächtigen, ausdrucksvollen Skulpturen, sondern auch einer großen, auf Ton- 
tafeln aufgezeichneten keilinschriftlichen Bibliothek geführt. 

Für die systematische Erforschung Babyloniens war dagegen bisher nur 
wenig geschehen. Dieser Aufgabe sollte eine französische Expedition dienen, 
für welche die Assemblie Nationale eine Summe von 70000 Franken bewilligte 
und zu deren Mitglied neben Fulgence Fresnel, dem ehemaligen Konsul in 
Djedda, und neben dem Architekten F. Thomas unser Julius O. erkoren 
wurde — für den jugendlichen Ausländer eine hohe Auszeichnung, der nach 
der Rückkehr (1857) die grande natural isation folgte. 

Die Expidition en Mesopotamie wurde Opperts Hauptwerk. Den Gang und 
die Ergebnisse der Reise schilderte der erste Band. Erlitten die letzteren 
auch durch den Untergang der gesammelten Kleinfunde im Tigris (Mai 1855) 
eine gewisse Beeinträchtigung, so waren doch von den wichtigsten Inschriften 
und Gegenständen Zeichnungen vorhanden. Auch lagen die Aufgaben der 
Expedition im wesentlichen in anderer Richtung. 

Sehr eingehend hatte sich O. namentlich, gestützt auf seine ausgezeichnete 
Kenntnis aller einschlägigen Berichte der Klassiker, mit der Topographie des 
alten Babylon beschäftigt. Er bestimmte den großen Trümmerhügel el Kasr als 
die Stätte von Nebukadnezars großem Palaste, der denn auch vor kurzem durch 
die Grabungen der Deutschen Orientgesellschaft dort wiedergefunden wurde. 

Ebenso wandte O. dem Stadtbilde von Babylon seine besondere Auf- 
merksamkeit zu. Ein Irrtum O.s in der Bestimmung der äußeren Mauerzüge, 
die* die gewaltige Stadt nach Herodots Berichten, mit denen andere un- 
abhängige Schilderungen im Einklang stehen, quadratisch umschlossen, würde 
keineswegs bedingen, daß diese Mauern oder Wälle nie existiert hätten, und 
daß alle jene Nachrichten in den Bereich der Fabeln gehörten. Der so und 
ähnlich begründeten radikalen Kritik des Herodot hat der greise Meister 
noch gegen Ende seines Lebens (März 1904) in der »Zukunft« eine kernige 
und witzige Erwiderung angedeihen lassen. Band I der ^Expidition en 
Mesopotamien erschien im Jahre 1863, vier Jahre vorher bereits Band II: 
"» Dichiffrement des inscriptions cuneifomies<t>, eine methodische Darlegung der 
gesamten Entzifferung der babylonisch-assyrischen* Keilinschriften. 

Ein langer, verschlungener und mühevoller Weg, diese Entzifferung! Die 
achämenidischen Inschriften waren meist nicht bloß in der oben besprochenen 
altpersischen Keilschrift und Sprache abgefaßt, sondern in drei nebeneinander 
stehenden Fassungen, deren letzte die komplizierteste, an Zeichen reichste war. 
Dieser letzten Gattung ähnelten die bei den Ausgrabungen in und um Ninive 



Oppert. 89 

in ungeahntem Maße zutage getretenen Inschriften: die dritte Gattung 
der achämenidischen Inschriften war also babylonisch-assyrisch. Ihren Inhalt 
kannte man: er bot ja lediglich eine Übersetzung der altpersischen Fassung. 
Nun galt es, in den Wortlaut einzudringen, um mit der so gewonnenen 
Kenntnis die einsprachigen assyrischen und babylonischen Inschriften zum 
Reden zu bringen. Sir Henry Rawlinsons Entdeckung der großen Inschrift 
von Bisutun und seine Bearbeitung erst der altpersischen, dann (185 1) der 
babylonischen Version wiesen den Weg. Man erkannte eine semitische, mit 
dem Hebräischen, Arabischen, Aramäischen verwandte Sprache. Aber un- 
geheuer kompliziert war die Schrift. Nicht eine Lautschrift wie die alt- 
persische lag vor, sondern eine Schrift, die mit Begriffs- und Silbenzeichen, 
notgedrungen in erdrückender Anzahl operierte. Dasselbe Zeichen kann als 
»Ideogramm« und als Silbenzeichen fungieren, und die Silbenzeichen sind 
zudem großenteils polyphon, haben 2 — 3, ja 6 — 7 Werte. So drückt ein und 
dasselbe Zeichen die Begriffe »Sonne«, »hell sein«, »leuchten« aus und kann 
die Silbenwerte «/, tu, u, tarn, bar, par, lach, chisch haben. Klarheit in 
dieses Wirrsal gebracht zu haben ist das unvergängliche Verdienst vor allem 
dreier Männer, eines Rawlinson, eines Hincks und unseres O. Auf ihren 
Schultern steht die Assyriologie allüberall, auch da, wo sie wie jede in der 
Entfaltung begriffene Wissenschaft über den Standpunkt ihrer ersten Be- 
gründer hinausgelangt ist. 

Sein assyriologisches Fundamentalwerk, die Expedition, veröffentlichte O. 
als Professor des Sanskrit an der Kaiserlichen Bibliothek zu Paris — ein Amt, 
das er seit 1857 bekleidete. Dem Sanskrit ist, obwohl sein Forschungsgang 
ihn weit von diesem Ausgangspunkte seiner Studien abgeführt hat, sein Inter- 
esse doch allezeit zugewandt geblieben, und noch vor wenigen Jahren hat 
seine in deutschem Verlage erschienene Sanskrit- Grammatik eine neue Auf- 
lage erlebt. Professor des Sanskrit ist der Assyriologe Julius O. noch auf 
Jahre nach dem Erscheinen der y> Expeditione geblieben. Erst 1869 wurde 
ihm, nachdem er ein Jahr vorher die Grundzüge einer wissenschaftlichen 
Behandlung der babylonisch -assyrischen Grammatik veröffentlicht hatte, ein 
Lehrstuhl am ColUgc de France übertragen, der 1874 zur ordentlichen Professur 
erhoben wurde. Im Jahre 1881 wurde er dann zum Mitgliede der Acadimie 
des Inscriptions erwählt und damit Membre de r Institut. Auch die Königlich 
Preußische und die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften zählten ihn 
gleich vielen anderen gelehrten Körperschaften zu ihren korrespondierenden 
Mitgliedern. 

O.s zahlreiche Schriften umfassen alle Seiten des dank ihm und seinen 
vor ihm dahingegangenen Genossen zu so großer Bedeutung gediehenen Ge- 
bietes der Keilschriftforschung: Sprache, Geschichte, Chronologie, Kultur- 
geschichte, die Beziehungen zum Alten Testament wie zum Griechentum, 
überall hat er anregend und befruchtend gewirkt. Irrtümer sind auch ihm 
so wenig wie anderen Pfadfindern erspart geblieben. Der bahnbrechenden 
und bleibenden Errungenschaften, die ihm allein zu danken sind oder an 
denen er hervorragend beteiligt ist, sind so viele, daß wir uns mit einer 
andeutenden Aufzählung begnügen müssen. 

Der Erkenntnis, daß der babylonisch-assyrischen Keilschrift eine Bilder- 
schrift zugrunde liege, folgte die wichtige Entdeckung, daß diese Schrift nicht 



90 Oppert. 

von den semitischen Bewohnern des Zweistromlandes, den Babyloniern und 
Assyrern, erfunden sein könne. Denn der »Fisch« heißt in deren Sprache 
mlnu, die »Hand« idu, der »Kopf« rischu, »leuchten« natnäru. Die Silben- 
werte der betreffenden Zeichen sind aber nicht nun, id, resch, nam, sondern 
cha, schu, sag und lach. Erfunden ist also die Schrift von einem Volke, in 
dessen Sprache der »Fisch« cha, die »Hand« schu hieß. Das Volk wurde 
dann auch in den Keilschriften erwähnt gefunden: es sind die Sumerier, 
wie O. sie von vornherein richtig benannte, und allmählich stellte sich her- 
aus, daß einesteils historische Dokumente in sumerischer Sprache aus alter 
Zeit vorhanden waren, andererseits noch in späterer Zeit die ältere, weder 
semitische noch indogermanische Sprache jener Begründer der babylonischen 
Kultur von den babylonischen Priestern und Gelehrten literarisch gepflegt 
und wissenschaftlich behandelt wurde. Der Erschließung des Sumerischen 
ist O.s Aufmerksamkeit unausgesetzt zugewandt geblieben. 

Der für O. charakteristischen Kombination des Philologen und Historikers 
mit dem Mathematiker bot die Chronologie ein ergiebiges Feld, um so mehr 
als sie bei den Bewohnern des Zweistromlandes eine ungewöhnlich ausgiebige 
und tiefgehende Pflege erfahren hat. Freilich stand der endgültigen Ver- 
wertung besonders auch der keilinschriftlichen Angaben über Finsternisse, bei 
denen er auch die astronomischen Berechnungen selbständig ausführte, ein 
sonderbares Hindernis im Wege. O. hat mit seltsamer, wenn auch psychologisch 
erklärlicher Zähigkeit an der Annahme festgehalten, daß die Chronologie der 
biblischen Königsbücher authentisch sei und daher durch die Keilinschriften 
wohl bestätigt, nicht aber korrigiert werden könne. In Wahrheit beweisen 
die assyrischen Eponymenlisten als authentische Dokumente ersten Ranges, 
daß die biblische Chronologie hier unhaltbar ist. Seine gegenteilige Über- 
zeugung führte O. dazu, in den Eponymenlisten an einer Stelle, wo von einer 
Lücke keineswegs die Rede sein kann, eine Unterbrechung anzunehmen, und 
zur Stütze dieser Behauptung mußten sich verschiedene Angaben der Keil- 
inschriften eine philologisch und astronomisch an sich bedenkliche, durch 
die Gesamtsachlage ausgeschlossene Deutung gefallen lassen. An anderen 
Stellen der babylonisch-assyrischen wie auch der biblischen Chronologie ist O.s 
philologischer und mathematischer Scharfsinn mit größerem Glück zur Geltung 
gekommen. Mathematik und Geschichte reichen sich auch in O.s metro- 
logischen Studien die Hand. Namentlich ist sein £talon des mesures assyriennes 
(1872) für die Bestimmung und die Geschichte der Maße und der Ge- 
wichte des Zweistromlandes bedeutungsvoll gewesen, aus ihnen sind, wie 
schon Böckh ahnend erkannt hatte, die Maße und die Gewichte des gesamten 
Altertums erwachsen — eine Entwicklung, die erst mit der Einführung des 
Metersystems ihren Abschluß gefunden hat. 

Dienten O.s metrologische Forschungen bereits der Kulturgeschichte des 
Handelsverkehrs, so hat in den Documents juridiques de la C/ialdee et de VAssyrie 
(1877) <^^r einstige Rechtsbeflissene das Studium des für das antike Recht 
so bedeutsamen babylonischen Rechtswesens angebahnt und es in vielfältigen 
Einzelstudien allmählich und nachdrücklich gefördert. Während die Ver- 
suche anderer, in die formelhafte und schwierige Sprache der babylonisch- 
assyrischen Kontrakttäfelchen einzudringen, vielfach aus Mangel an juristischem 
Verständnis gar seltsame Blüten zeitigten, richtete sich O.s Bemühen vor 



Oppert. g I 

allem darauf, diesen Zeugnissen des täglichen Verkehrslebens rechtlich mög- 
liche und geschäftlich denkbare Verhältnisse abzugewinnen und so von dem 
sachlichen zum engeren Wortverständnis vorzudringen. Meist und oft hat 
dieser divinatorische Weg zum Ziele, hin und wieder freilich auch auf Abwege 
geführt. Die Auffindung von Hammurabis großem umfassendem Gesetzbuch 
muß für O. in zwiefachem Sfnne erfreulich gewesen sein: hatte doch der 
Begründer der babylonisch-assyrischen Rechtskunde vorzeiten auch das erste 
der Dokumente richtig gewürdigt, die von der Existenz jenes altbabylonischen 
Herrschers, der sich allmählich als der eigentliche Begründer babylonischer 
Reichseinheit und Größe herausstellte, Kunde gaben. 

Auf sein an wissenschaftlichen Erfolgen und an äußerer Anerkennung 
reiches Leben durfte O. mit gerechtem Stolze zurückblicken. Dessen blieb 
er, wie sein gesamtes Auftreten erkennen ließ, allezeit eingedenk. Die ge- 
drungene Gestalt mit dem mächtigen, in unverkennbarem Selbstbewußtsein 
hochgetragenen, von weißen Haaren umflatterten Haupte, der frischen Ge- 
sichtsfarbe, der hohen Stirn, den im Gespräch leuchtenden Augen und die 
stets lebendigen, oft feurigen und witzigen, den Widerspruch herausfordernden 
und ihm schlagfertig begegnenden Worte werden denen, die ihn gesehen und 
ihm gelauscht haben, unvergeßlich bleiben. Aber nur diejenigen, die ihn 
näher kannten, werden in O. den Menschen richtig zu beurteilen und zu 
würdigen vermögen. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß jenes einer frei- 
lich im Grunde harmlosen und kindlichen Eitelkeit nahe kommende Selbst- 
bewußtsein zusammen mit einer für Fernerstehende zuzeiten störenden Sorg- 
losigkeit im äußeren Habitus das Vordringen zum eigentlichen inneren Kern 
des trefflichen Mannes einigermaßen erschwerte. Wer O. näher treten durfte, 
wußte, daß sich in dem bedeutenden Forscher auch eine Fülle achtung- 
gebietender, gewinnender und liebenswerter Eigenschaften vereinigten : Wahr- 
haftigkeit und Festigkeit der Überzeugung in Leben, Glauben und Wissen- 
schaft, warmer Familiensinn und herzliche Freundestreue, dazu die Frische 
des Geistes, die sprudelnde Laune, der sprühende Witz und das kindliche 
Herz, die ihn zum Mittelpunkt jeder geselligen Vereinigung machten. 

Von den vielen Bonmots und Anekdoten, die von O. zirkulieren, sei eine 
charakteristische und mir voll beglaubigte berichtet. Beim Verlassen einer 
Droschke ruft O. dem Kutscher zu: y>Fous etes le trtple cube de treize.<f^ Dieser, 
höchst beleidigt, erwidert gereizt: »Vous ni'insultez, Monsieur, <i^ Er ahnte 
nicht, daß ihm O. in seiner mit Stolz gemischten Freude an mathematischen 
Exempeln und Spielereien lediglich eine arithmetische Eigenschaft seiner 
Droschkennummer 6591 zu Gemüte geführt hatte. 

Verhältnismäßig spät hat O. eine Familie gegründet. 

Er vermählte sich 1869 mit Caroline, der Witwe des Dr. Bernhard Cohn 
in Breslau, zweiter Tochter von Daniel Joseph Jaff^ und Schwester des Sir 
Otto Jaff6. Die Gemahlin, zwei Stieftöchter und der eigene einzige Sohn, 
der Mediziner Eduard Oppert, überleben ihn. Ihnen und ihren Angehörigen 
ist er allezeit das treusorgende Familienoberhaupt geblieben. 

Auch Julius O. hat die verjüngende und jung erhaltende Kraft erfolg- 
reicher wissenschaftlicher Arbeit an sich erfahren dürfen. Freilich, die Schärfe 
seiner Augen hatte er dem Studium der enggeschriebenen keilinschriftlichen 
Tontafeltexte zum Opfer bringen müssen. Die ihm daraus erwachsenden 



g2 Oppcrt. Junge. 

empfindlichen Entbehrungen trug er gelassen, und mit großer Mühe setzte 
er seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit und Korrespondenz fort. 
In Kissingen war er ein regelmäßiger Kurgast und — wie auf den inter- 
nationalen Orientalistenkongressen — eine wohlbekannte typische Erscheinung. 
Aber ein eigentlicher Kräfterückgang, ein Aufhören der geistigen Regsamkeit 
sind ihm erspart geblieben. Sir Henry Austen Layard, Sir Henry Rawlinson 
sind der eine etliche, der andere nur wenige Jahre vor ihm dahingegangen, 
aber wie lange schon standen sie dem geistigen Leben der Öffentlichkeit 
jern! O. hat bis zuletzt — manche seiner Schüler, namentlich die beiden 
bedeutenden Stanislaus Guyard und Arthur Amiaud, überlebend, — rüstig 
mitgearbeitet an dem Ausbau des Gebäudes, das er hat schaffen helfen. 
Und wie er äußeren Feinden und inneren Störungen gedeihlicher Entwicklung 
mit markigen Worten und wuchtigem Schlage zu begegnen wußte, davon 
hat er wiederholt Proben gegeben. 

Mitten aus voller Tätigkeit ist O. abgerufen worden, in einer Sitzung 
der Akademie befiel ihn am ii. August eine Ohnmacht, aus der er in den 
nächsten Tagen nur noch auf Augenblicke wieder erwachte. Am 23. August 
bettete man ihn auf dem Kirchhof von Mont Pamasse. Ein gesegnetes Leben 
und ein beneidenswerter Tod! 

Mitglied so vieler wissenschaftlicher Korporationen, deren Schriften ihm offen standen, 
Mitbegründer und mehrfach an der Leitung beteiligter Besucher der internationalen Orien- 
talistenkongresse, Mitarbeiter so gut wie aller orientalistischen Zeitschriften in Frankreich, 
Deutschland, England, Herausgeber (in Gemeinschaft mit Ledrain) der i88x von ihm be- 
gründeten Revue (T Assyriologie ei cTArcheologü Orientale, Mitherausgeber und ständiger 
Mitarbeiter von Bezolds Zeitschrift ßir Assyriologte^ hat O. eine, die Möglichkeit vollständiger 
Aufzählung an dieser Stelle ausschließende Zahl von Schriften verfaßt. Als er für die 
französische Akademie kandidierte, stellte er ein Verzeichnis seiner Publikationen zusammen, 
das in einem O. gewidmeten Nachrufe der Jewish Chronicle (25. August 1905, S. lo/n) 
abgedruckt ist. In den Beiträgen zur Assyriologie und vergleichenden semitischen Sprach- 
wissenschaft, herausgegeben von Fr. Delitzsch und Paul Haupt, Bd. II, behandelt W. Muss- 
Amolt (1894) The works of Julius Oppcrt in möglichster bibliographischer Vollständigkeit 
(366 Nummern), für die späteren Jahre 1895 ^is 1902 gibt die Orientalische Bibliographie 
Bd. VII — XV Auskunft; im Jahre 1902 wurde (nach Jewish Chronicle a. O.) die Zahl 
seiner Schriften auf 427 berechnet. Für die Jahre 1902 — 1906 sei auf die fast jedem 
Hefte der Zeitschrift für Assyriologie beigegebenen Bibliographien verwiesen. 

Nekrologe: G[ustav] 0[ppert] . Journal of the Royal Asiatic Society, 1 905. S. 272/277. 
G. Maspero: Journal des Dcbats, 25. August 1905, sowie der meinige in der Wiener Zeit, 
Feuilleton vom 27. August 1905, dem vorausgegangen war: »Julius Oppert, Ein Gruß zu 
seinem 80. Geburtstag«, Haniburgischer Correspondent, 9. Juli 1905. 

Ein gutes Bild ist der Bibliographie von Muss-Amolt, ein ungenügendes dem Ne- 
krolog des Jewish Chronicle, ein etwas besseres dem Artikel »Julius Oppert« der Jewish 
Encyclopaedia Bd. IX Sp. 420 beigegeben. Ein Porträt in Öl besitzt die Familie. Eine 
vortreffliche Photographie ist in einem der letzten Jahre von Pilartz in Kissingen aufgenommen 
worden. C. F. Lehmann-Haupt. 

Junge, Friedrich, Volksschullehrer, ♦ 8. Dezember 1832 als Sohn eines 
Schuhmachers in dem Dorfe Pölitz bei Oldesloe in Holstein, f 28. Mai 1905 
in Kiel. — J., der von 185 1 bis 1854 das Seminar in Segeberg besuchte, 
dann Lehrer in Lütjenburg, Blankenese und Plön war, kam 1873 an die 
Mädchenschule zu Kiel, wo er 1878 zum Hauptlehrer aufrückte. Im Jahre 



Junge. Schack zu Schackenburg. g^ 

1899 trat er in den Ruhestand. J.s Bedeutung liegt in den von ihm ange- 
regten Reformen des naturgeschichtlichen Unterrichts, den er aus den Bahnen 
der bisher geübten trockenen und unfruchtbaren Systemkunde mit großem 
Erfolg auf eine vorzugsweise biologische Art der Naturbetrachtung hinzu- 
führen gesucht hat. Von nachhaltigem Einfluß auf seine Anschauungen waren 
die Vorlesungen des Kieler Zoologen Möbius, an denen er sich in den sieb- 
ziger Jahren mit regem Eifer beteiligte. Möbius war es, dem J. den biolo- 
gischen Begriff der »Biocoenose« entlehnte, aus dem er dann den Funda- 
mentalbegriff seiner Methodik, die »Lebensgemeinschaft«, entwickelte. Sein 
hierauf begründetes Unterrichtsverfahren hat er zuerst in der Schrift »Der 
Dorfteich als Lebensgemeinschaft« (Kiel 1885) eingehend dargelegt. Dieses 
Werk, das eine lebhafte Bewegung in den beteiligten Kreisen hervorrief und 
eine ganze Literatur im Gefolge hatte, gab den Anstoß zu tiefgreifenden 
Änderungen des gesamten naturkundlichen Elementar-Unterrichts. Weitere 
Ausführungen seiner Ideen bot J. in seinem Buch »Die Kulturwesen der 
Heimat, nebst ihren Freunden und Feinden, eine Lebensgemeinschaft um 
den Menschen« (L Die Pflanzenwelt, Kiel 1890) und in den »Beiträgen zur 
Methodik des naturkundlichen Unterrichts in Abhandlungen und Beispielen« 
(Langensalza 1893, 4. Aufl. 1904). Das Erscheinen seiner letzten kleinen 
Arbeit »Die Urwesen. Eine Einführung in das Leben auf kleinstem Raum« 
(Kiel 1905), in der J. den neuesten Ergebnissen der biologischen Forschung 
Rechnung trug, hat er nicht mehr erlebt. 

Vgl. O. VV. Beyer, Deutsche Schul weit des 19. Jahrhunderts in Wort u. Bild. Leipz. 
u. Wien 1903, S. 135 36 (Bildnis). — Pädagogische Zeitung, Jg. 34,' 1905, S. 450/51. — 
Schlesw. -Holstein. Schulzeitung, Jg. 53, 1905, Nr. 30 u. 31 (ausführl. Nekrolog v. H. Blunck). 
— Kieler Zeitung, Morg.-Ausg. v. 30. Mai 1905. — O. Junge, Fr. J. Ein Lebens- 
bild. Langensalza 1905 (Pädagog. Magazin, Heft 268). — Derselbe, Fr. J. Sein Leben 
und seine Persönlichkeit, in der oben erwähnten Schrift »Die Urwesen«, S. 62 ff., die auch 

ein gutes Porträt des Verfassers enthält. , i_ r« 

Johann Sass. 

Schack zu Schackenburg, Hans Lehnsgraf, hervorragender Ägyptologe^ 
* 12 Dezember 1852 auf Schloß Schackenburg bei Mögeltondern in Nord- 
schleswig, t daselbst am 28. Januar 1905. — Bewährte Pädagogen leiteten 
die Erziehung des früh verwaisten Knaben. Von 1866 bis 1871 besuchte er 
das Vitzthumsche Gymnasium in Dresden. Dann bezog er die Universitäten 
Kiel und Göttingen, um Jura zu studieren, mußte aber schon mit 21 Jahren 
die Verwaltung seiner Güter übernehmen. Schwierige Aufgaben harrten des 
jungen Gutsherrn, mit hingebendem Eifer ging er an ihre Lösung. Vor allem 
galt es, die zahlreichen Erbpachtstellen des Gutsbezirkes in freies Eigentum 
umzuwandeln und damit den Bauern die Wege zu gesunder Weiterentwicke- 
lung ihres Besitzes zu ebnen. Dank dem segensreichen Wirken des Grafen 
gelang das Werk vollkommen, über 400 freie Bauernhöfe wurden allmählich 
neu begründet. Daneben wurde der Grund und Boden mit allen Mitteln 
verbessert, namentlich der Heidekultur wandte der Graf sein Augenmerk zu, 
und auch hier erzielte er reiche Erfolge. Gradezu einzigartig war seine 
persönliche Fürsorge für die Bewohner seines weiten Gebiets. »Kein Bit- 
tender klopfte vergebens an seine Tür, wenn die Hülfe in seiner Hand lag^ 



QA Schack zu Schackenburg. 

und wenn dem Manne überhaupt zu helfen war. Seine Heimatgenossen 
wußten, daß er ein Herz für sie hatte. Ihre Augen leuchteten, wenn sie von 
»ihrem Grafen« sprachen.« Es war der Geist echten, lebendigen Christen- 
tums, der den Grafen bei allem Tun und Handeln beseelte und leitete. Er 
war eine tief fromme, durch und durch christliche Persönlichkeit Auch an 
dem kirchlichen Leben seiner Heimat hat er stets den regsten Anteil ge- 
nommen und sich um die schleswig-holsteinische Landeskirche in mehr als 
einer Hinsicht verdient gemacht, besonders durch die reiche Förderung, die 
er der Ausarbeitung eines neuen (1890 erschienenen) Gesangbuchs für die 
dänischredenden Gemeinden Schleswigs zuteil werden ließ. 

Und nun das Wunderbare! Dieser Edelmann, der in der Verwaltung 
seiner Güter in rastloser Tätigkeit so Tüchtiges und Großes leistete, der sich 
in selbstlosem, gemeinnützigem Wirken für die Gesamtheit nie genug tun 
konnte, war gleichzeitig ein gründlicher und strenger Jünger der Wissenschaft, 
»einer der seltenen Männer, die aus eigener Kraft wirkliche Gelehrte werden. 
Kein korrektes Fachstudium bildete ihn aus, und doch lernte er, was zu 
lernen war; kein äußerliches Band knüpfte ihn an die Wissenschaft, und doch 
widmete er ihr sein Leben lang seine Kraft und seine Zeit. Und es war 
nicht die bequeme Ehre des geschmackvollen Dilettantentums, die ihn lockte, 
er spielte nicht mit der Wissenschaft, sondern scheute auch vor harter Arbeit 
nicht zurück«. Von Jugend auf hegte Graf S. ein tiefgehendes Interesse für 
das Land der Pharaonen; daraus erwuchs ihm ein immer gründlicheres Stu- 
dium des alten Ägyptens, und allmählich gewann die Wissenschaft der Ägyp- 
tologie in ihm einen ihrer Hauptvertreter. Nach der Auffindung der Pyra- 
midentexte unterzog sich Graf S. als einer der Ersten der Aufgabe, diese 
wichtigen Zeugen der Vergangenheit für die ägytische Sprachwissenschaft zu 
verwerten. »In seinen »Ägyptologischen Studien« (Heft 1 — 5, Leipzig 1893 
— 1902) veröffentlichte er Untersuchungen zu ihrer Grammatik und begann 
die Sammlung ihres Wortschatzes. Dem Unternehmen des ägyptischen 
Wörterbuches schloß er sich 1898 als Mitarbeiter an und unterzog sich 
diesen mühseligen Arbeiten mit unermüdlichem Fleiße und mit vorbildlicher 
Sorgfalt. Er bearbeitete die mathematischen und astronomischen Texte, die 
ihn immer besonders interessiert hatten, sowie die alten religiösen Bücher 
der Königsgräber.« Im Jahre 1903 erschien sein letztes Werk: »Das Buch 
von den zwei Wegen des seligen Toten (Zweiwegebuch). Texte aus der 
Pyramidenzeit nach einem im Berliner Museum bewahrten Sargboden des 
mittleren Reiches« (T. 1. Text nebst Einleitung). — Und das alles vollbrachte 
der geistesstarke Mann mit einem von drückender Krankheit schwer heim- 
gesuchten Körper. Namentlich die letzten Jahre führten ihn durch qualvolle 
Leidenszeiten, die ihn beständig ans Lager fesselten. Trotzdem blieb er 
innerlich stets Herr über die Krankheit und lebte bis zuletzt in seiner 
Wissenschaft, die seinen Namen dauernd bewahren wird. 

Vgl. Alberti, Schriftstellerlexikon, 1866 — 1882,11,8.205/6. — Gothaisches Genealog. 
Taschenbuch der Gräfl. Häuser, 1906, 752. — Zeitschrift für ägyptische Sprache und 
Altertumskunde, Bd. 42, Heft i, 1906, S. 87 (Nachruf v. A. Ernian). — Schleswig- 
Holstein-Lauenb. Kirchen- u. Schulblatt, Jg. 61, 1905, Nr. 38 u. 39 (Liz. Prahl, Lehns- 
graf Hans Schack-Schackenburg. Nach persönlichen Erinnerungen). — Kieler Zeitung, 
Morg.-Ausg. V. .. Febr. 1905. Johann Sass. 



Niemand. Brehmer. 



95 



Niemand, Johann Heim, der letzte Landespfennigmeister der holsteini- 
schen Landschaft Norderdithmarschen, * 26. März 181 7 zu St. Annen im 
Kirchspiel Lunden als Sohn eines Landmanns, f 11. April 1905 in Heide. 

— Nach vollendetem juristischem Studium wurde N. im Jahre 1846 zum 
Kirchspielvogt in Büsum ernannt. Nachdem man ihm dann im Jahre 1861 
zunächst die kommissarische Verwaltung der Landespfennigmeisterei über- 
tragen hatte, erfolgte am 17. November 1864 seine endgültige Ernennung 
zum Landespfennigmeister. Mit diesem alten, um die Mitte des 17. Jahr- 
hunderts gegründeten Amte war hauptsächlich die Generalverwaltung der 
Landschaftskasse verbunden. Daneben aber spielte der auf Lebenszeit ge- 
wählte Landespfennigmeister auch in der allgemeinen Verwaltung der Land- 
schaft gewissermaßen als führende Persönlichkeit eine bedeutende Rolle. 
Im Jahre 1872 übernahm N., der 1865 nach Heide übergesiedelt war, auch 
die Führung der Kreiskommunalkasse und seit der Einführung der neuen 
preußischen Provinzial- und Kreisordnung im April 1889 gehörte er gleich- 
zeitig dem Kreisausschuß an und bekleidete das Amt eines Kreisdeputierten. 
Seine ganz besondere Fürsorge richtete sich auf das heimische Deichwesen, 
dessen Leitung Jahrzehnte hindurch in seinen bewährten Händen ruhte. »Die 
für die Sicherheit des Landes bedeutenden Verstärkungen der sämtlichen 
Deiche und die wesentlichen Verbesserungen der sonstigen Uferschutzwerke 
an der Nordsee und an der Eider sind in erster Linie seiner unermüdlichen 
Arbeit zu verdanken.« Doch nicht nur seiner engeren dithmarsischen Heimat 
galt N.s öffentliches Wirken, auch der Provinz Schleswig-Holstein hat er 
lange Jahre als Mitglied des Provinzial-Landtags und des Provinzial-Aus- 
schusses sowie als stellvertretender Landtagsmarschall in hervorragender 
Weise gedient. »Schleswig-Holstein hat in ihm einen ebenso tätigen als 
tüchtigen Freund und Berater verloren«, der, von reinster Vaterlandsliebe 
getragen, seine ganze Kraft und sein reiches Wissen ausschließlich dem 
Wohle der Gesamtheit widmete. 

Vgl. Dithm arscher Bote v. 15. April 1905. — Itzehoer Nachrichten v. 13. April 1905. 

— Sonntagsblatt der Itzehoer Nachrichten v. 20. Mai 1905. — Kieler Zeitung, Ab.-Ausg. 
V. 12., 14. u. 15. April 1905. Johann Sass. 

Brehmer, Wilhelm, Senator und Bürgermeister der freien Stadt Lübeck, 
Geschichtsforscher, * 19. Mai 1828 in Lübeck, f daselbst am 2. Mai 1905. 

— Nach vollendetem Studium ließ sich B. 1852 in seiner Vaterstadt als 
Rechtsanwalt nieder und erwarb sich sehr bald eine ausgedehnte Praxis. 
Gleichzeitig war er mit großem Geschick und Erfolg in einer Anzahl von 
öffentlichen Ämtern tätig, in denen er das volle Vertrauen seiner Mitbürger 
gewann, so daß man ihn im Jahre 1870 zum Senator erwählte. In den Jahren 
1897/98 und 1901/02 bekleidete B. das Amt des präsidierenden Bürger- 
ineisters. Kraftvoll und unermüdlich arbeitete er bis in sein hohes Alter für 
das W^ohl und die Entwicklung seiner Vaterstadt. Auch in der Wissenschaft 
hat der Name B.s einen guten Klang. Er war ein ausgezeichneter Kenner 
der hansischen, besonders der lübeckischen Geschichte, die er durch eine 
Reihe wichtiger Arbeiten und Forschungen von grundlegender Bedeutung 
gefördert hat. Dreiundzwanzig Jahre lang führte er den Vorsitz im »Verein 
für Hansische Geschichte«, ein Ehrenamt, das ihm Herzenssache und lieb 



q5 Brehmer. Schönchen. 

wie kein andres war. Mit besonderem Eifer pflegte B. die Baugeschichte 
Lübecks, daneben vertiefte er sich in kultur- und kunstgeschichtliche Studien 
und hat mit großem Fleiße »über lübeckische Personalverhältnisse in mehr 
als einer Richtung lang entbehrte Klarheit verbreitet. Seine Arbeiten zur 
lübeckischen Ratslinie sind so weit gediehen, daß das Werk hoffentlich in 
nicht ferner Zeit fertiggestellt und der Öffentlichkeit wird übergeben werden 
können«. B.s Persönlichkeit trug den Stempel größter Schlichtheit und 
Biederkeit. Er war ein Mann des unbedingten Vertrauens, ein Mann des 
tätigen Wohlwollens und edelster Gemeinnützigkeit, in dem sich das Gediegen- 
Tüchtige und Ehrenfeste der althansischen Geschlechter rein und echt ver- 
körperte. Das Wort, das einst der Schreiber der Lübecker Ratsliste hinter 
den Namen des berühmten Lübecker Bürgermeisters Jordan Pleskow setzte: 
^Hic totttm habtut quod bonus vir habere debuttv. dürfte mit vollem Recht auch 
unter dem Bilde Wilhelm Brehmers stehen. 

Vgl. F. Fehling, Zum Gedächtnis W. B.s (Hansische Geschichtsblätter. Jg. 1904—05, 
S. I* — 8*, Bildnis u. Schriftenverzeichnis). — Itzehoer Nachrichten v. 4. Mai 1905. 

Johann Sass. 

Schönchen, Amalie, kgl. bayr. Hof- und k. k. Hofburgschauspielerin, 
♦ 26. August 1836 (nach dem Theateralraanach 1834) in München, f 24. Mai 1905 
ebenda. — Es war eine alte, urmusikalische Münchener Familie, der die 
Schönchen entstammte. Ursprünglich sollen die Schönchen aus Holland ein- 
gewandert und Schönige geheißen haben. Sicher ist, daß Amaliens Großvater 
Stabstrompeter beim pfalz-bayrischen Kurfürsten Karl Theodor und daß seine 
sechs Söhne Mitglieder des Münchener Hof Orchesters gewesen — vielleicht 
ein Unikum in der Theatergeschichte. Da mußte denn die kleine Amalie 
wohl auch musikalisch werden. Der Vater und später der Berliner Kammer- 
sänger Martins lehrten sie singen, und die berühmte Frieb-Blumauer erteilte 
ihr dramatischen Unterricht. Die Kinder, insbesondere eine Schwester, mit 
der die ledig gebliebene Künstlerin bis zu deren Tode treu vereint war, 
begleiteten den Vater auf seinen Kunstreisen. In Ischl produzierte sich das 
kleine » Amalche « vor Kaiserin Marie Luise, später sang sie vor dem blinden 
König von Hannover dessen Lieder und spielte auch Zither, dieses national- 
bayrische Instrument, das durch Herzog Maximilian in München sogar hof- 
fähig wurde. 

Ein Zufall führte sie auf die Bretter, und zwar eben in Hannover. Die 
Sängerin der »zweiten Dame« in der Zauberflöte war erkrankt und hatte 
abgesagt, Amalie übernahm — es war der 19. November 1855 — über Nacht 
die Rolle mit gutem Gelingen und ward nun unter Marschners Leitung — 
Gesangssoubrette, was sie bis 1859 blieb. Ihr großes schauspielerisches Talent 
veranlaßte Marie Seebach, ihr ernstlich den Übertritt zum Schauspiel anzu- 
raten. Zunächst ging sie ans Wiesbadener Hoftheater, wo sie noch als 
Sängerin wirkte und u. a. die Marie in »Zar und Zimmermann«, die Rosl im 
»Letzten Fensterl« usw. sang. Im Jahre 1864 aber vollzog sie, 28 jährig, in 
Nürnberg einen für dieses Alter gewiß seltenen Schritt: sie wurde »komische 
Alte« und ist eine der berühmtesten dieses Faches bis zu ihrem Ende geblieben. 
Mehrere Jahre wirkte sie dort am Stadttheater, ihrem Leitspruche getreu 
»lieber eine junge Alte als eine alte Junge«, bis sie Hofrat Dr. Hermann 



Schönchen. 



97 



von Schmid, der Leiter des damals königlichen Theaters am Gärtnerplatz in 
München, dahin berief. 

Hier fand die Schönchen nun ihr eigenstes Feld: volle vierundzwanzig 
Jahre spielte sie in den Stücken Hermann Schmids, Maximilian Schmidts, 
Hans Neuerts usw. jene komischen bäuerlichen Alten, in denen sie einzig war. 
Heute urteilt man, wenigstens in den literarischen Kreisen der engeren Heimat 
der Künstlerin, anders über den Wert jener verlogenen Bauemromantik, die 
dann später die großen Gastspielreisen der »Münchener«, »Tegernseer«, 
» Schlierseer« zur Folge hatte, die mindestens vom volkswirtschaftlichen 
Standpunkt keine eben erfreuliche Errungenschaft bedeuten — wie man heute 
einsieht. Amalie Schönchen spielte und sang die Traudl, Waberl, Crescenz 
und wie diese komischen und ernsten Alten alle heißen, und mitunter erfreute 
sie auch in einem Anzengruber, der merkwürdigerweise damals und auch jetzt 
sich in München nie so recht durchsetzen konnte. Es war im Jahre 1880, als 
Max Hofpauer das erste Ensemble zusammenstellte und mit ihm Deutschland, 
Österreich, Rußland, Holland und Amerika bereiste. Im selben Jahre wurde 
sie zur Feier ihres 25jährigen Schauspielerjubiläums zur kgl. bayr. Hofschau- 
spielerin ernannt. Als der »Star« der »Münchener« bereiste sie, die doch so 
ungern reiste, nun die halbe Welt, und als sich nach 13 Jahren die Truppe auf- 
löste, ging sie 1893 an das Wiener eben gegründete Raimund-Theater, das sie aber 
nach drei Jahren gelegentlich eines Direktionswechsels verließ, um am 12. Okto- 
ber 1896 als Bärbel in »Dorf und Stadt« am Burgtheater zu debütieren. 

Die Angehörigkeit zum Burgtheater, auf die sie sehr stolz war, bedeutet 
die letzte Periode dieser langen Künstlerlaufbahn. Nun erst winkten ihr auch 
bessere Aufgaben, in Anzengrubers Bauerndramen, als alte Rofnerin in 
Schönherrs »Sonnwendtag«, eine ihrer letzten Glanzrollen, usw. Gar zu oft 
trat sie im Burgtheater nicht auf: ihr Repertoire und das, welches die 
j^Burg« naturgemäß ihr bieten konnte, war nicht eben groß. Aber sie war 
auch in der kleinsten Rolle ganz bei der Sache und ergriff durch ihre 
schlichte Natürlichkeit und durch die Echtheit und Liebenswürdigkeit ihres 
Wesens. Aber es ging zu Ende. Im Herbst ihres Todesjahres hätte sie ihr 
5ojähriges Künstlerjubiläum feiern können, aber es sollte nicht sein. Doch 
ist sie »in den Sielen« gestorben. Sie trat noch als Gast in Berlin auf: in 
ihrer letzten Rolle, der Brigitte im »Pfarrer von Kirchfeld«, verließ sie das 
Gedächtnis. Nach einer vorübergehenden Erholung, die eben nur noch den 
Transport in ihre Vaterstadt erlaubte, traf sie am 24. Mai ein zweiter Schlag- 
anfall, der diesem reichen Leben ein Ende setzte. 

A. Seh. war eine ebenso originelle wie gescheite Frau und Künstlerin. 
Wo sie war, war sie auch beliebt. Im Dienste der Wohltätigkeit konnte man 
von ihr alles verlangen, und gerade am Vorlesetisch war nicht ihr schlechtester 
Platz. Sie hat als Mensch und als Künstlerin ein gleich ehrenvolles Andenken 
hinterlassen und — eine bäuerliche Kostümsammlung, um die sie, die 
trotz ihrer Sparsamkeit immer nur in eigenen Kleidern spielte, jedes Museum 
beneiden könnte. Ein solches dürfte denn auch dieses letzte Erbe antreten. 
Biogr. u. Nekrologe in den Tagesbliittern, in L. Eisenbergs Biogr. Lexikon der deut- 
schen Bühne im XIX. Jahrhundert und im Theateralm anach der Deutschen Btihnengenossen- 
schaft (17. Jahrg.). 

München. Alfred Frhr. v. Mensi. 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. lo. Bd. 7 



98 Felsburg. 

Felsburgy Albrecht Steiner von, Historienmaler, * 25. Februar 1838 in 
Wien, t 31- Oktober 1905 zu Innsbruck. — Sein Vater, ein angesehener 
Beamter der österreichischen Nationalbank (die schon 1842 verstorbene Mutter 
Antonie stammte aus der alten Tiroler Adelslamilie von Ferrari), gab den 
neunjährigen Knaben in die bekannte Erziehungsanstalt Schnepfenthal (bei 
Gotha), welcher F. zeitlebens ein dankbares Andenken bewahrte. Da der 
Vater 1855 (mit seiner Tochter Mathilde) nach Stuttgart übersiedelte, folgte 
ihm auch sein Sohn dahin, der aber bald seine Gymnasialstudien unterbrach, 
um sich der Malerei zuzuwenden, obwohl ihn der Vater lieber zu einem 
Architekten gebildet hätte. Ein Jahr nach dem Tode desselben ging F. von 
der Stuttgarter Akademie nach München, um sich hier unter Joseph Schotthauer 
und Johann von Schraudolph ganz der religiösen Kunst zu widmen. Im 
Kriegsjahr 1859 stellte er sich als österreichischer Staatsbürger zur Ableistung 
seiner Militärpflicht, wurde aber wegen schwächlicher Gesundheit nicht ange- 
nommen. Dagegen reifte in ihm der Wunsch Ordenspriester zu werden. 
Demnach nahm er seine früheren Studien wieder auf und trat unter Abt 
Haneberg (dem späteren Bischof von Speier) in das Benediktinerstift St. Bonifaz. 
Anderthalb Jahre blieb er daselbst, vielleicht unter harten Kämpfen, bis er, 
namentlich durch Abt Hanebergs väterlichen Rat, seinen eigentlichen Beruf 
zur Malerei weiter verfolgte. So verlegte F. 1866, begleitet von der stets 
mütterlich besorgten, seinem artistischen Streben das innigste Verständnis 
entgegenbringenden Schwester, den Sitz seiner Tätigkeit nach Innsbruck, wo 
er ein schönes Haus erwarb und ein passendes Atelier erbaute, in welchem 
neben vielen Staffeleibildem auch seine großen Cartons und Entwürfe reiften, 
durch deren glückliche Ausführung F. seinen Namen den ersten religiösen 
Meistern der neuen Zeit beigesellte. Er malte Altarbilder z. B. für Marburg 
in Hessen (Tod der hl. Elisabeth), Wielowiesz (Galizien), übernahm die 
Restauration vieler Kirchen in Tirol und versah selbe mit Fresken, z. B. in 
Proveis am Nonsberg, in der Grabstätte der Familie Tschoner zu Innsbruck, 
seine Hauptleistung war der ganze Zyklus im Vincentinum in Brixen im 
Auftrag des Fürstbischof Gasser und die durchgreifende Wiederherstellung 
(1893 — 95) der von Paul Troger (♦ 1698 zu Welsberg, f ijjj als Direktor der 
Akademie in Wien) freskotierten Bilder, wobei es ihm glückte, eine Zeichnung 
seines Vorgängers aufzufinden und das fehlende, möglichst stilgerecht aus- 
geführte Bild an der richtigen Stelle einzureihen. F. bildete eine Anzahl 
hochbegabter Schüler, darunter Franz Spörr von Hötting (f 21. September 1882 
in Telfs), Johann Ertl aus Schwaz, Heinrich Kluibenschedl, Joh. M. Reiter, 
Jos. Mennel aus Matrei, Hermann Seidler von Konstanz, Schnitzler von 
Augsburg, Rabensteiner u. a., denen er zeitlebens ein fürsorgender Freund 
und Berater blieb. Außer einer größeren Reise nach Italien besuchte 
F. alljährlich München, wo er am liebsten seine Skizzen entwarf und vor- 
bereitende Zeichnungen fertigte. Er war ein äußerst bescheidener Mann, von 
angenehmen Umgangsformen, der von seinen Mitteln einen weitgehenden 
karitativen Gebrauch machte; die Verehrer und Freunde gaben ihm, ins- 
besondere ob der zartfühlenden Innigkeit seiner Schöpfungen, den Beinamen 
eines tirolischen Fra Angelico. Einige seiner Werke wurden durch Stahlstich 
und Holzschnitt, meist in Photographie weiter bekannt. Obwohl immer 
körperlich leidend, tat dieser Zustand seiner Kunst keinen Eintrag; er erreichte 



Felsburg. Seibertz. qq 

doch ein hohes Alter. Seine edle, gleichgesinnte Schwester Mathilde folgte, 
73 Jahre alt, am i. Dezember 1905 dem Bruder ins Grab. 

Vgl. J. M. Reiter, »Christliche Kunst in Tirol im XIX. Jahrb.«, Innsbruck 1895. — 
Nr. 276 — 282 »Tiroler Stimmen«, i. — 9. Dezbr. 1905. — Franz Jakob Schmitt in Nr. 2 
»Augsburger Postzeitung« 20. Januar 1906 und Rechenschaftsbericht des »Vereins für 
Christliche Kunst« für 1905 (München 1906), S. i5fF. Hyac. Holland. 

Seibertz, Engelbert, Porträt- und Historienmaler, * 21. April 18 13 zu 
Brilon (Westfalen), f 2. Oktober 1905 in Arnsberg. — S. wurde von seinem 
Vater, dem vielseitigen historischen Schriftsteller Johann Guilbert Seibertz, 
schon 1830 nach Bonn geschickt, wo Jakob Götzenberger die vier Fakultäten 
in der Universitätskirche freskotierte. Von hier ging S. über Düsseldorf nach 
München und frequentierte die Akademie, ohne sich einem Meister anzu- 
schließen. Er gehörte damals wie Fr. Pecht und der später nachfolgende 
Emil Doepler zu dem jungen Nachschub, der neben den »alten Herren« 
im >Cafe Schaidler« und in der »Künstlerherberge« zum »Stubenvoll« sich 
fühlbar zu machen begannen und um so lauter den Ton angaben, je weniger sie 
selbst sich ihrer Aufgabe klar bewußt waren. Im Nachklang eines im Zwinger- 
gärtlein des Blutenburger Schlößleins in überraschender Wahrheit der Kostüme 
abgespielten Künstlerfestes » Wallensteins Lager« (1832) malte S. die Szene 
der »Kapuzinerpredigt« und einen »König in Thule« (1835), womit er 
glückhaft im Kunstverein antichambrierte. Zwischendurch sammelte er auch 
auf verschiedenefl Abstechern nach Tirol und Oberitalien dankbare Studien. 
Nachdem S. (1836) in Berlin seine Militärzeit abgedient hatte, lieferte er in 
der Isarstadt mehrere Frauen- und Männerbildnisse (Wyttenbach). Bei dem 
heute noch unvergessenen »Albrecht Dürer- Fest« (1840), wobei Wilhelm 
Lichtenheld so stilgerecht die Rolle des Kaisers Maximilian agierte, stellte 
S. als dessen »lustiger Rat« den schlagfertigen Ritter Kunz von der Rosen 
mit unermüdlichem Humor und fließender Laune, wie Franz Trautmann in 
seinem Buche über des »Kaiser Maximilians Urständ« (München 1840) aus- 
führlich berichtet. Dann ging er mit seinen Freunden, dem Maler, Poeten, 
Novellisten und Chiemsee-Chronisten Friedrich Lentner, dem Genre- und 
Historienmaler Christoph Rüben und dem Landschafter Max Haushofer, nach 
Prag, allerlei Genrestücke schaffend, darunter eine vor dem Gewitter unter 
einer Felswand schutzsuchende Frau mit ihrem Knaben (1841) und eine 
»Lautenspielerin« (1842), malte die Bildnisse seiner vorgenannten Freunde 
und seines Schwagers, des Architekten und Kunsthistorikers Bernhard Grueber, 
in Wien des Grafen Thun und darauf in seiner westfälischen Heimat das 
Bild seines Vaters (lithographiert von J. Reson) und des berühmten Pandekten- 
Professors Ludwig Arndts Ritter von Arnesberg (1845). In München erwartete 
ihn ein glänzender Auftrag: den »Faust« (für Cotta zu Stuttgart) in einer 
Prachtausgabe zu illustrieren, eine Arbeit, welche ihn von 1846 — 54 vollauf 
in Anspruch nahm. Mit 13 großen Kompositionen (in Stichen von Adrian 
Schleich) und 64 Vignetten und Textbildern in Holzschnitt (von Allgaier und 
Siegle) entstand ein wuchtiger Foliant, welcher trotz den günstigsten Emp- 
fehlungen in der Presse (vgl. Beilage 138 »Allg. Ztg.« 1854) und einer späteren 
Volksausgabe, doch eine unerwartet kühle Aufnahme fand und durch August 
von Krelings geistreiche, ansprechende und originelle Schöpfungen (München 

7* 



I OO Seibertz. Hudler. 

1876 bei Bruckmann) verdrängt wurde. Aber keinem, auch nicht dem vor- 
wiegend malerisch begabten Alexander von Liezen -Mayer, ist es seither 
gelungen, die zwar harte, aber grandiose Wucht von Peter von Cornelius* 
Jugendarbeiten zu erreichen, geschweige denn zu übertreffen. Seibertz malte 
auch einige Ölbilder zu Goethes »Faust«, z. B. die Szene aus der Hexen- 
küche, wobei die Helena, ein glücklicher Griff, in Gestalt der Venus von Milo 
erscheint. Ein königlicher Auftrag wurde ihm mit zwei Wandgemälden für 
das Maximilianeum : die Stiftung des Maximiliansordens mit den Bildnissen 
der ersten Ritter und eine Anzahl berühmter Zeitgenossen: Künstler, Gelehrte^ 
Staatsmänner und Diplomaten in freier »Konversation«, alle mit voller 
Porträtähnlichkeit und lebendiger Gruppierung; im dazugehörigen Vestibulum 
die Allegorien von Unterricht, Freude, Fleiß, Erziehung und Frömmigkeit^ 
Recht und Gesetzmäßigkeit, Gefahr, Tapferkeit und Vaterlandsliebe. Für die 
daselbst bewährte Verbesserung der Maltechnik (Stereochromie) erhielt S. den 
Professortitel und als Komiteemitglied der großen Kunstausstellungen 1854 
und 1858 das Ritterkreuz I. Klasse des hl. Michael. Dann lieferte S. einige 
Surportes in den Arkaden des nördlichen Friedhofs und mehrere Kartons zu 
Fenstergemälden für den Dom in Glasgow. Auch zeichnete und leitete er 
die Ausführung seiner die » Vier Lebensalter « darstellenden, mit allegorischen 
Figuren wechselnden Bilder, womit der Architekt Reinhold Hirschberg, ein 
eminent begabter, weitblickender, schöpferischer Mann, welcher die Physio- 
gnomie der Stadt wesentlich hob und erweiterte, seine die Arco- und Barer- 
straße abschließenden Eckhäuser (jetzt zur Zivilliste König Ottos I. gehörig) 
schmücken ließ. Sie hatten seit 1865 die Technik S.s bewährt, wurden aber 
doch in jüngster Zeit einer teilweise nicht ausreichenden Restauration bedürftig. 
S. übersiedelte, nachdem er auch mit Holzschnittzeichnungen zu Schillers 
»Wallenstein« (Berlin 1869) hervorgetreten war, um 1871 nach Arnsberg, wo 
er sich nochmals vermählte (eine Tochter erster Ehe ist mit dem Historien- 
maler und Kaulbach-Schüler Julius Köckert zu München verheiratet). 

Vgl Sohl »Büdende Kunst in München«, 1842, S. 206 ff. Nagler, 1846, XVI, 214. 
Eggers »Kunstblatt«, 1851,8.339; 1854, S. 424; 1855,8.250; 1857, 8. 265; 1859,8.255. 
Maillinger »Bilderchronik«, 1876, II, 3691 ff.; 1886, IV, 1959. Seubert, 1879, III, 293. 
Fr. V. Bötticher, 1901, II, 726. Nr. 465 »Allg. Ztg.« 10. Oktober 1905. 

Hyac. Holland. 

Hudler, August, Bildhauer, ♦12. Dezember 1868 zu Odelshausen (bei 
Dachau in Oberbayern), f 7- November 1905 in Dresden. — Siebzehnjährig 
kam H. an die Kunstgewerbeschule nach München, widmete sich an der 
Akademie bei Gabriel v. Hackl und darauf unter Wilhelm v. Diez der Malerei, 
ging aber dann bei W. von Ruemann zur Plastik über. Im schweren Kampf 
mit materiellen Sorgen und buchstäblich um das Leben durch eine Lungen- 
entzündung, war er gezwungen, dreimal in Italien zu überwintern. Er fand 
die erwartete Kräftigung ebenso durch das Klima wie in der Renaissance die 
Bestätigung seiner realistischen Naturauffassung und deren möglichst voll- 
endeten Wiedergabe; auch die Berechtigung der Farbe bei der Plastik machte 
sich geltend, dazu ein nachklingender Einfluß von Rodin und Meunier und 
was sonst in der Luft der Gegenwart lag. Leider gelang es ihm nicht, in 
München eine bleibende Stellung zu erreichen, obwohl Kommerzienrat Josef 



Hudler. JOI 

Mayr durch das Majolikarelief einer »Madonna« und Dr. Georg Henrich 
durch mehrfache Aufträge die junge Kraft ermutigend mäcenierten. Eine 
Kollektivausstellung seiner bisherigen Schöpfungen fand etwas kühle Auf- 
nahme. Darunter waren die Büsten eines humoristisch gähnenden »Dachauer« 
und einiger akademischer Freunde; die mit lächelnder Freude eine Blume 
betrachtende »Adam «-Statue, das etwas hippologische Bedenken erregende 
Projekt eines Kaiser Wilhelm-Denkmals und das lebensgroße Modell des vor- 
wärtsschreitenden »Schnitter«, welches, vom Albertinum in Dresden angekauft 
und zur Ausführung bestimmt, die Übersiedelung dahin veranlaßte. Hier 
fand H. an Geheimrat und Professor Georg von Treu einen verständnisinnigen 
Förderer und väterlichen Freund; eine hübsche Plakette trägt in dankbarer 
Erinnerung dessen Züge. Vorerst erhielt H. als Nachfolger des gewissenhaften 
Heinrich Epler die Lehrtätigkeit im Aktsaal und bald darauf die Professur 
an der Akademie. Hier gestaltete er nun frühere Entwürfe, schuf neue Er- 
findungen in rascher Folge, darunter den »Bismarck und Moltke« für W. H. 
Kreiss' »Burschenschaftsdenkmal« bei Eisenach, den »Träumer« und »Ruhen- 
den Mann«, David, Narziß und »Bogenschützen«, einen netzeinziehenden 
Fischer und die Krone seiner Arbeiten, den berühmten senseschärfenden 
>^Dengler« — fast alle in Erzguß ausgeführt. Der letztere, ganz nackt, wie 
fast alle seine Gestalten, sitzt, unmittelbar aus der Natur gegriffen — nur der 
rechte Vorderfuß ist unnatürlich groß — , auf seinem Dengelstock und prüft 
mit einer wahren Meunier-Kennermiene die Schneide seines Werkzeugs: »Der 
Schwerpunkt der ganzen Erscheinung (wie man jetzt im euphemistischen 
Kunstjargon zu sagen liebt) ist innerhalb ihres eigenen Daseins in ihre eigen- 
räumliche Begrenzung gelegt (d. h. er ist ganz bei der Sache); sie stellt (wohl 
selbstverständlich) ein in sich ruhendes, abgeschlossenes Ganzes dar. « Dann 
kam, obwohl die Wiedergabe der Frauenschönheit und des psychischen Fein- 
gefühls ihm versagt blieb, eine weibliche Büste (in getöntem Gips), ein in 
Bronze und Marmor wiederholtes Denkmal der »Mutterliebe« und allerlei 
religiöse Stoffe, wie ein f> Ecce homo<f^ (angekauft 1905 für die Galerie der Münchener 
Sezession), ein im Typus sehr architektonisch stilisierter »Christus am Kreuz 
mit einem Sünder und Engel« (Lucaskirche in Dresden), wofür ein Petrus 
und Johannes, ziemlich langgezogene und in den Füßen recht magere Modelle, 
welche, wie Sambergers »Propheten«, mit der Wucht von Dürers »Apostel« 
gew^iß in gar keiner Verwandtschaft stehen. Auch der »Schmerzensmann« 
mit den spitz vorstehenden Knien, welchem ein kahlköpfiger Flügelknabe, 
»ein kleiner Bursche, aus seinem Hemdchen« Früchte anbietet, die der Heiland 
mit seinen strickgebundenen Händen nicht nehmen kann, läßt uns kalt; zwei 
in stummer Ergebenheit kniende Engel schließen die Gruppe, während drei 
beflügelte Engelsköpfchen den oberen Teil umflattern: ein in farbiger Majolika 
das Portal der Kirche von S. Wilden (bei Dresden) abrundendes Tympanon — 
eine nicht erwärmende Komposition, welche den »strengsten Anforderungen 
der Kunst sowohl in der räumlichen Austeilung der Figuren auf der Fläche 
als auch in der Behandlung des Reliefs (also kurzweg: in der geschickten 
Ausnutzung des Raums) vollständig genügt«. Der Grundzug »ist eine gewisse 
feierliche, ernste Ruhe, die sich augenblicklich dem Beschauer mitteilt und 
ihn vorbereitet zum Eintritt in das Haus des Herrn«. — Auf dem Sterbebette 
überraschte den Künstler die freudige und hochehrende Kunde aus München, 



102 Hudler. Schönfeld-Neumann. 

daß sein »Dengler« für die Glyptothek angekauft und somit den besten 
plastischen Werken aller Zeiten als ebenbürtig einverleibt sei. 

Vgl. Nr. 22 »Allg. Ztg.c, 1900. Nr. 41 »Neueste Nachrichten«, 1900. Nr. 30 »Kunst- 
chronik« vom 21. Juli 1905. »Kunst unserer Zeit«, 1905, XVI, 252. »Kunst für Alle«, 
1905, XX, 20^ und 488. »Münchener Propyläen« Nr. 26 vom 28. März 1906, S. 414. 
»Hochland«, Febr. 1906, S. 6458*. (Alexander Heil mayer). »Kunstwart«, Mai 1906, S. 182 ff. 
(mit vier Bildern). Katalog der Frühjahrsezession in München, Nr. 261 — 75. Singer 1906, 
VI, 147. Nr. 331, 542, 546 »Allgem. Ztg.« vom 22. Juli, 25. und 28. November 1905 
(A. G. Hartmann). Hyac. Holland. 

Schönfeld - Neumann, Louise, Gräfin, * 7. Dezember 18 18 in Karlsruhe, 
f 17. Oktober 1905 in Rabensburg (Niederösterreich). — Sie war die Tochter 
des Karl und der Amalie Neumann geb. Morstadt, die in zweiter Ehe mit dem 
Tenoristen Anton Haizinger vermählt gewesen, ihre Eltern waren Mitglieder des 
Karlsruher Theaters, ihr Vater starb am 20. September 1823 an Herzbeutel- 
wassersucht, auch ihre einzige Schwester Adolfine verlor sie in jungen Jahren. 
Sie hatte einen Bruder Karl, der als österreichischer Konsul in Westindien 
dem tropischen Klima erlag, und einen Stiefbruder, Anton Haizinger, der als 
österreichischer General sein Leben beschloß. — Der erste Zusammenhang 
der Familie Morstadt mit dem Theater war durch Amaliens Vater gegeben, 
der seit 1790 Kammerfourier des Markgrafen Karl Friedrich von Baden war 
und von 1808 an das Sekretariat der großherzoglichen Hoftheater-Intendanz 
für einige Jahre verwaltete. Ein Amt, das ihm wenig Liebe für das Theater 
eingeflößt haben mag, denn seine Tochter hatte einen schweren Kampf zu 
bestehen, bis sie es bei ihren Eltern durchsetzte, Schauspielerin zu werden. 
Welch ununterbrochenen Siegeslauf dann ihre Bühnenwirksamkeit bedeutete, 
ist bekannt genug, und Louise konnte das Theaterblut der Mutter nicht ver- 
leugnen. Sie hatte die sorgfältigste Erziehung genossen und war zwei Jahre 
die Gespielin der Prinzessin Marie von Baden gewesen, wodurch sie und die 
ganze Familie für alle Zeiten in freundschaftlichem Zusammenhang mit der 
Großherzogin Stephanie und ihren drei Töchtern verblieb. Bei einer französi- 
schen Dilettantenkomödie wurde Louisens Talent entdeckt und von ihrer 
Mutter mit wahrer Begeisterung ausgebildet, so daß sie schon wenige Monate 
später, am 16. Oktober 1835, als Julie in der »Deutschen Hausfrau« unter 
allgemeinem Beifall in Karlsruhe spielte und dort weiter beschäftigt wurde. 

Ein Jahr später gefiel sie bei einem Gastspiel in Breslau so sehr, daß ihre 
Mutter bereits das Wiener Burgtheater für sie ins Auge faßte. Ein Plan, dem 
Direktor Deinhardstein bereitwilligst entgegenkam, so daß sie im Februar 1838 
als Kunigunde in »Hans Sachs« zum erstenmal die Hofbühne betrat: mit 
unbestrittenem Erfolg. Bescheiden fügte sie diesem Berichte in ihren Er- 
innerungen hinzu: ». . . Aber wie war ich auch umgeben! . . . Ein solches 
Ensemble findet sich nicht mehr zusammen. . .« Sie konnte überhaupt von 
ihrem Wiener Aufenthalte nicht genug schwärmen, vom Burgtheater und seinen 
Kunstgrößen, von der Gesellschaft. Im Kreise der Erzherzogin Sophie kam sie 
mit dem ganzen Hofe in persönliche Berührung, — kein geringerer als Staats- 
kanzler Fürst Metternich hat Louisen beim Vortrag eines Liedes die Noten um- 
geblättert. Bei Abschluß ihres Gastspieles erhielt sie einen Engagementsantrag, 
aber in strenger Selbstkritik konnte sie sich nicht entschließen, die fördernde 
mütterliche Leitung schon aufzugeben, und erbat sich ein Jahr Bedenkzeit. 



I 

L 



Schönfeld-Neumann. IO3 

Nach einem ebenfalls erfolgreichen Gastspiel in Dresden traf dann die ganze 
Familie, von Ständchen und Fackelzug begrüßt, wiederum in der Vaterstadt 
ein, die Louisen aber nunmehr bald zu enge wurde. Als das Jahr um war, 
hielt sie mit Eltern und Schwester am i. Mai 1839 'aufs neue ihren Einzug in 
Wien. Sie fand dort die alten Sympathien und einen neuen Direktor vor; an 
Stelle Deinhardsteins war Franz von Holbein getreten, der ihr gleich möglichst 
viel Beschäftigung zuteilte. Doch nicht allein im Theater, auch in der Wiener 
aristokratischen und bürgerlichen Gesellschaft wurde sie bald heimisch, wo 
ihre musikalische Begabung in der von Spiel und Gesang durchsetzten Atmo- 
sphäre des damaligen Wien den rechten Boden fand und auch die ersten 
Anknüpfungsfäden zu einem ernsten und einsamen Dichter spann, zu Franz 
Grillparzer, denn sie war Anna Fröhlichs Schülerin. Und viele Jahre, nachdem 
sie seine »Melitta« gespielt, traf sie als Gräfin Schönfeld mit ihm in Römer- 
bad zusammen, wo der verschlossene, verbitterte Kranke in mancher Stunde 
anregenden Gespräches den Zauber ihres feinen Geistes und ihrer milden, 
sonnigen Güte dankbar empfand. Ein Brief, den Grillparzer einige Monate 
nach diesem Aufenthalte an die Gräfin schrieb, ist von echter Verehrung ein- 
gegeben und bleibt eines der schönsten und wahrsten Zeugnisse für die 
seltene Bedeutung ihres Charakters. Sie schloß sich im Laufe der Zeiten auf 
Anregung der Kaiserin-Mutter deren Vorleserin, der früheren Schauspielerin 
und einstigen Braut Körners, Antonie Arneth-Adamberger, in herzlicher Freund- 
schaft als Hausgenossin an. 

Das Lustspielrepertoire, das Louise Neumann antraf, war den politischen 
Verhältnissen entsprechend das denkbar harmloseste und unbedeutendste, 
und was von Klassikern die Zensur passierte, erreichte meist nur in ver- 
stümmeltem Zustande die Rampe. Aber gerade diese Beschränkung gereichte 
ihr zum Segen, denn sie ist die feinste Blüte aller vornehmen, zarten und 
schalkhaften Darstellungskunst gewesen, und das Lustspiel, das deutsche wie 
das französische — natürlich soweit es sich nicht zu modern gebärdete — 
bildete damals die Größe des Burgtheaters, das mit Schauspielkräften dafür 
ausgerüstet war, wie sonst keine deutsche Bühne. Louise fand auch einen 
ganz einzigen Partner vor, es war Karl Fichtner, dessen Talent dem ihren 
so kongenial gewesen, daß Anschütz sie in seinen »Erinnerungen« den 
»weiblichen Fichtner« nannte. Für sie beide schrieb Bauernfeld unermüdlich 
zur Freude des Wiener Publikums seine zwar nur selten über die schwarz- 
gelben Pfähle hinauswachsenden Stücke, die aber innerhalb derselben zu einer 
das Repertoire ganz beherrschenden Popularität heranreiften, die kaum ihres- 
gleichen hatte. 

Eine ihrer berühmtesten Rollen, das »Lorle« in »Dorf und Stadt«, ver- 
dankte sie ihrer eigenen Anregung, denn sie machte 1847, anläßlich eines 
Berliner Gastspiels, der alten Freundin und Kollegin Birch-Pfeiffer den Vor- 
schlag, Auerbachs Novelle zu dramatisieren, und schon nach wenigen Wochen 
hatte die federflinke Lotte den Plan ausgeführt. Auch die Volkslieder, die 
die Szenen stimmungsvoll beleben, hat Louise aus der Heimat dem Lorle 
mitgegeben, und sie sind, so wie das ganze Stück, populär geworden, so weit 
die deutsche Zunge reicht. Louise Neumann allein hat in den acht Jahren, 
die sie noch beim Theater war, über 50 mal darin gespielt. — Nur einer 
war mit dem Erfolge nicht zufrieden, und das war Berthold Auerbach, der 



I04 Schönfeld-Neumann. 

diese Dramatisierung als einen schnöden Eingriff in seine Autorrechte und 
-einkünfte bezeichnete. Langwierige Polemiken knüpften sich daran, die an 
dem Geschehenen freilich nichts mehr ändern konnten, deren Ergebnis aber 
war, daß für die Zukunft wenigstens solche Fragen gesetzlich reguliert wurden, 
was bis dahin nicht der Fall gewesen. Trotz alledem, als Auerbach das 
Stück in Wien sah, hatten Louise und ihre Mutter es ihm angetan, — er 
bestätigt es selbst in seinem »Wiener Tagebuch vom September bis November 
1848«, er schreibt: ». . . Auch das vielbesprochene Stück »Dorf und Stadt oder 
die Frau Professorin « von Charlotte Birch-Pfeiffer sah ich hier zum erstenmal 
auf der Bühne. Mein Ekel an diesem Produkte verminderte sich nicht, ob- 
gleich Fräulein Naumann als Lorle und ihre Mutter, Madame Haizinger, als 
Bärbel so ganz ausgezeichnet ihre Rollen darstellten, daß ich selbst überrascht 
war von der drastischen Macht dieser Gestalten . . .« Wenige Jahre früher, 
184g, hatte auch Gutzkow in seinen »Wiener Eindrücken« die er in fried- 
licheren Zeiten als Auerbach empfangen, über Louise Neuman sich geäußert. 
Mit Gutzkows Urteil stimmt in der Hauptsache Emil Kuh überein, der die 
Neumann in seiner Hebbel-Biographie folgendermaßen charakterisiert: ». . . Die 
liebliche Louise Neumann, das Sinnbild des Sentimental-Heitern, gewährte 
einem innige Freude durch das Pflegende und Schonende ihrer Darstellungs- 
art. Die Durchführung einer Rolle bei ihr ist der stillvergnügte Gang durch 
einen Garten, bald im Licht des Muntern, bald im Schatten des Empfind- 
samen, wobei sie an den Zügen d^ Übermütigen wie des Schwermütigen 
klüglich rasch vorbeischritt, ohne darum auf einen Fingerraub des Drolligen 
und auf den Reiz des Sinnigen zu verzichten. Der Tau mädchenhafter Un- 
erfahrenheit ruhte auf ihren zierlichen Schauspiel- und Lustspielgestalten, den 
der Vorwitz eines launigen Geistes nicht erschütterte, und ihre Stimme wußte 
ihren ärmlichen Wohlklang so bescheiden als dauernd bei uns einzu- 
schmeicheln. . .« Was Emil Kuh als »ärmlichen Wohlklang« bezeichnete, 
nannte Heinrich Laube, als er sie 1845 ^""^ erstenmal sah, in seiner Geschichte 
des Burgtheaters »ein schmales Stimmorgan«, das ihr die Natur zu der 
hübschen Figur und der lebhaften Physiognomie mit klugen Augen, schönen 
Zähnen und Händen gegeben, welches ein wenig auffiel. Damals wenigstens, 
es hat sich später mehr gefüllt . . »Als nach dem Jahre 1848 die politische 
Wandlung auch dem eingeengten Repertoire neue Freiheiten bescherte, da 
kamen ebenfalls neue und große Aufgaben an Louise Neumann heran, die 
ihr Talent und ihre Darstellungskraft endlich zur letzten und höchsten Ent- 
faltung brachten. Doch bis dahin sollte sie noch viel erleben. Ganz unvor- 
bereitet traf sie die niederschmetternde Nachricht, daß ihre Schwester Adolfine, 
die am Berliner Hoftheater erfolgreich wirkte, nach kurzer Krankheit in den 
Armen ihrer vom Schmerz ganz zerrütteten Mutter gestorben sei. Dieses 
Ereignis hatte zur Folge, daß Amalie Haizinger sich von ihrer einzigen 
Tochter Louise nicht mehr trennen wollte und von 1846 an mit ihr vereint 
am Wiener Burgtheater wirkte; beide waren bestrebt, dem Repertoire neue 
Stücke zuzuführen, wobei vorerst die Mutter mehr Glück hatte als die Tochter. 
Denn ersterer gelang es bald, die ganz ungefährliche Birch-Pfeiffer in 
Wien heimisch zu machen, während letztere die »Karlsschüler« von Laube 
auf der Hofbühne durchsetzen wollte, wozu es freilich keines geringeren 
Zwischenfalles als einer Revolution bedurfte, um ans Ziel zu gelangen! — 



Schönfei d-Neumann, 10^ 

Gleichzeitig war sie mit ihrem ganzen Einflüsse bestrebt, Laube die Wege 
zum Direktorsposten zu ebnen. Endlich, als der 13. März 1848 eine uner- 
wartete Wendung auch in alle Theaterangelegenheiten brachte, konnte am 
24. April die Erstaufführung der »Karlsschüler« mit Luise Neumann als Laura 
stattfinden, jene denkwürdige, stürmische Vorstellung in Gegenwart des Hofes, 
die einen dreifachen Sieg bedeutete, für den Liberalismus, für den Dichter 
und für den künftigen Direktor — so daß wenige Tage nach jenem Theater- 
abend Graf Dietrichstein in seiner vertraulichen Art zu Laube sagte: »Mit 
den Zeitungen halte ich das nicht aus, da brauche ich einen, der ihnen die 
Spitze bietet, und Louise Neumann erklärt Sie wirklich für einen ausgezeich- 
neten Menschen, kurz, Sie sollen Direktor des Hofburgtheaters werden ! « — 
Aber damals schoben sich immer noch neue Hindernisse vor — die ver- 
hängnisvollen Oktobertage mußten vorübergehen, die die härtesten Prüfungen 
für Louise Neumann und ihre Mutter brachten, die Flucht beider aus der 
aufrührerischen Stadt nach Baden, wo unter Schrecken und Not aller Art 
Amalie Haizinger eine schwere Krankheit durchmachen mußte. Nach Wochen 
kehrten sie erst heim, kamen wohl in die alte Wohnung und in die altgewohnte 
Berufstätigkeit, aber in politisch gänzlich veränderte Verhältnisse, in die sich 
die konservativen Frauen nur schwer hineinfinden konnten. — Nach langer 
Pause, im Spätherbst 1849, traf Laube wieder in Wien ein, und da kamen die 
Verhandlungen mit den Theaterbehörden endlich zum Abschluß, und vom 
I. Januar 1850 an war er Direktor des Hofburgtheaters. Daß er auch dann 
niemals aufhörte, Louise Neumann als Künstlerin zu verehren und zu be- 
>vundern und in dankbarer Freundschaft treu zu bleiben, hat er durch die 
Tat bewiesen in seiner Burgtheatergeschichte in der Charakteristik, die sie 
selbst als ihr gelungenstes Porträt bezeichnete. ». . . Sie war ein Mitglied, 
WMC es im Buche steht; nein! wie es nicht einmal im Buche steht,« sagt 
Laube, »nichts von Schauspielerei, nichts von Flitterwesen, nichts von 
vorgemachtem Kram. Die ehrlichste, einfachste Hingebung an ihren Beruf; 
nicht nur die treueste Pflichterfüllung, auch die liebenswürdigste, welche 
selbst ein Opfer nicht versagte, sobald das Gedeihen des Ganzen ein Opfer 

in Anspruch nahm Diese sieben ersten Jahre meiner Direktion, 

die Werbung um Lea, war sie mir die getreueste und feinste weibliche 
Hilfe. Sie riet und warnte grundehrlich. Immer bescheiden, immer mehr 
fragend als sagend, eigentlich immer naiv .... Wie sträubte sie sich, 
aus ihrem engen Rollenkreise herauszugehen .... Eben weil nichts, auch 
nicht Eitelkeit oder Ehrgeiz, sie aus der einfachen Natürlichkeit hinaustreiben 
konnte, ebendeshalb war sie ja wie berufen, die Erweiterung ihres Rollen- 
kreises anzustreben! . . . Ach, es waren traurige Tage, als sie ihre letzten 
Rollen spielte und als sie zum ersten- und letztenmal vortrat, um persönlich 
zum Publikum zu sprechen und Abschied zu nehmen! . . .« 

Am 19. Dezember 1856 war es, da sie als »Lorle« von der Bühne schied, 
um sich mit dem Reichsgrafen Karl Schönfeld zu vermählen, der ein lang- 
jähriger treuer Freund ihres Stiefbruders Toni Haizinger gewesen, sein Waffen- 
gefährte in der Schlacht von Novara. Graf Karl Schönfeld hat seine Jugend- 
erinnerungen in einem kleinen Bande niedergelegt, in dem alles, was sich auf 
seine Frau bezieht, immer nur in Worten der Bewunderung und des Dankes 
ausklingt. — In der Wiener Schottenkirche wurde am 14. Januar 1857 der 



I06 Schönfeld-Ncumann, Boehm. 

glückliche Bund eingesegnet, das junge Paar übersiedelte nach Graz, wo zwei 
Kinder, 1859 ihre Tochter Rosalie, spätere Gräfin Coronini-Cronberg, 1864 
ihr Sohn Rudolf, zur Welt kamen. Auch fern von der Großstadt ist ihr Haus 
ein Magnet für alle künstlerisch und geistig hervorragenden Menschen ge- 
worden. Das Burgtheater und sein Direktor Laube blieben immer ihres 
Anteiles gewiß; auch als dieser von Wien schied, war ihr Rat und ihr Ein- 
fluß für ihn von gleicher Bedeutung wie in vergangenen Jahrzehnten. Ein 
erst kürzlich veröffentlichter Brief Botho von Hülsens an Laube vom Juli 1868 
zeigt, daß die Gräfin den alten Freund nach seinem Abgang vom Burgtheater 
als Direktor für das Berliner Hoftheater vorgeschlagen hatte. — In erster 
Linie jedoch gehörte ihr ganzes Dasein in unwandelbarer Liebe ihrem Mann 
und ihren Kindern. Von 1869 an lebte sie mehrere Jahre mit den Ihren in 
Wien, von einem zweijährigen Aufenthalt in Kremsmünster unterbrochen, den 
sie ihrem Sohne zuliebe, der dort studierte, 1873 wählte, als die Berufstätig- 
keit ihres Mannes ihm längere Reisen auferlegte. 1884, nach dem Tode 
von Mama Haizinger, übersiedelte die ganze Familie wegen der Kränklichkeit 
des Grafen nach Gmunden, wo er 1886 seinem Leiden erlag. Zwei Jahre 
später kehrte Gräfin Schönfeld nach Wien zurück und bezog bald jenes alte 
gemütliche Haus in der Weihburggasse, das sie fürderhin nur mehr verließ, 
wenn es galt, ihre verheirateten Kinder samt den Enkeln zu besuchen. Auch 
dort versammelte sich ein erlesener Kreis um die seltene Frau, die bis ins 
hohe Alter ihre geistige Überlegenheit, ihren Humor, ihr Interesse an allen 
Fragen der Kunst, der Literatur, der Politik sich bewahrte, und die an jedem 
Menschenglück und -leid, das ihr nahe kam, wärmsten und regen Anteil 
nahm. Wer kann sie alle nennen, denen ihre Freundschaft so unendlich viel 
gewesen! Aber als einer für viele möge der Name Marie Ebners hier stehen! 
Die Freundschaft der beiden bedeutenden Frauen reichte weit zurück, bis in 
jene ferne Zeit, da die berühmte Dichterin noch ein kleines, unbeachtetes 
Komteßchen war! Und auf den kürzlich erschienenen Briefwechsel mit ihrer 
Landsmännin Hermine Villinger möge hingewiesen werden, um zu zeigen, wie 
lieb und traulich der Ton ihres Gespräches — mündlich oder auch schrift- 
lich — dereinst gelautet hat! 

Am 17. Oktober 1905, auf dem Landsitze ihrer Tochter, hat Gräfin Louise 
Schönfeld-Neumann ihr langes, reich beglücktes und beglückendes Leben 
beschlossen; am 22. Oktober wurde sie in Alt-Münster bei Gmunden an der 
Seite ihres Gatten beigesetzt. 

Amalie Haizinger. Gräfin Louise Neumann-Schönfeld. Biographische Blätter. Wien, 
1906, Carl Konegen (Ernst Stülpnagel). — Zwei Landsmänninnen. Briefwechsel zwischen 
Louise Gräfin Schönfeld-Neumann und Hermine Villinger. Wien, Ronegen, 1906. 

Helene Bettelheim-Gabillon. 

Boehm, Pal (Paul), Genre- und Stillebenmaler, ♦ 28. Dezember 1839 zu 
Groß wardein, f 29. März 1905 in München. — Wie derselbe als Sohn eines 
Ingenieurs, in frühester Jugend zum Handwerker bestimmt, als Schreiner, 
Glaser, Schlosser und Lackierer sich durch eigene Kraft zum Dekorations- und 
bei einer Schmiere als Theatermaler durchrang, ohne alle Unterweisung Holz- 
schnitte aus illustrierten Zeitungen nachzeichnete und immer das Leben scharf 
beobachtend selbst dergleichen schuf, bis ihn sein Stern mit Anton Haan 
zusammenführte, der ihm beiläufig den ersten Unterricht erteilte, das ist uns 



Boehm. von Pechmann. 



107 



noch die Kunstgeschichte zu erzählen schuldig, ebenso wie er, immer nur 
nach dem Vorbilde der besten Meister, in Pest mit jahrelangem Hasten 
studierte, das erste ungarische Staatstipendium errang und in Wien sich 
weiter förderte. Als B. 1871 nach München zu Alexander von Wagner kam, 
stand sein ganzes Programm schon fertig, es wurde vermehrt und gefestigt 
durch die Sicherheit, sich auf dem rechten Wege zu wissen. Nur ausnahms- 
weise streifte B. das von Franz Adam und Heinrich Lang beliebte Gebiet 
der über die melancholischen Pußten dahinsausenden Pferdetriebe mit den 
ihre Opfer herausfangenden Czikos; ihn reizte mehr der Zauber der hinter 
einsamen Buchs- und Zirbelbäumen versteckten Heideschenken und »-Krüge«, 
die er mit wegemüden Landfahrern, lungernden Rastelbindern, aber auch mit 
spornklirrenden Tänzern, drallen Winzerinnen und fiedelnden Zigeunern be- 
lebte. Zu seiner besonderen Domäne zählten Kukuruzverkäufer und Kürbis- 
händler, auch das Fischerleben an der Theiß, womit er sich 1873 zuerst im 
Münchener Kunstverein einführte. Dann kamen Szenen von dem Land- 
straßentreiben, Kesselflicker, Wahrsagerinnen und andere unheimliche Gäste, 
aber auch der Morgenauszug fröhlicher Schnitter, oder die »Kraftprobe« (1878), 
eine Komposition voll sprühenden Lebens und sattem Farbenreiz: drei Frauen 
und ein Kind am Wasser; eine derselben, eine schmucke Dorfschöne, wird 
von einem dazukommenden Czikos auf seinen Armen über den Bach getragen, 
ieine andere schaut lachend zu, vielleicht einer gleichen Übersetzung gewärtig; 
m Hintergrunde kommen Weiber mit Lasten auf dem Rücken und Kinder 
herangeschritten (Abbildung in Nr. 30 »Über Land und Meer«, 1884, 52. B., 
S. 597 und im Katalog der durch Rudolf Bangel 1891 zu Frankfurt a. M. 
versteigerten »Sammlung Healton Manice«). Andere Werke folgten. Das oft 
sehr schwerhörige Publikum erfaßte frühzeitig seinen Namen; illustrierte 
Zeitungen, Photographen, Kunsthändler und Sammler fahndeten bald auf 
seine Erzeugnisse; sein ausdauernder Fleiß verarbeitete aus dem alten Schatze 
seiner Erinnerung immer Neues. — Nach B.s Ableben bot sein im Kunst- 
verein ausgestellter Nachlaß eine Fülle köstlicher Studien und Skizzen von 
Blumen, safttriefenden Trauben, Birnen, Melonen und sonstigen den Fein- 
schmecker zu lukullischen Freuden lockenden Stilleben, insbesondere mit silber- 
schuppig glänzenden Fischen — alles hingesetzt mit ungewöhnlicher Bravour; 
dazwischen charakteristische magyarisch -glutäugige Frauen- und Bauern- 
köpfe. Auch einige ganz fertige Bilder traten hervor, nebst einer leider nur 
mehr skizzierten »Jahrmarktschaubude«, die ihn zuletzt beschäftigte. Ferner 
eine Anzahl stimmungsvoller Landschaften, die auch im kleinsten Format 
durch weichabgetonten fremdländischen Reiz frische Anziehung boten. — 
Der größte Teil seiner Bilder machte den Weg über die See, denn Amerika 
übte eine große Vorliebe für B.s ungarische Szenen. Der sichere und 
populäre Zug seiner Kompositionen berechtigte den Künstler zu einem her- 
vorragenden Illustrator vaterländischer Dichtungen, insbesondere Petöfis. 
Vgl. Fr. von Bötticher 1895, I, 113. — Kunstvereinsbericht für 1905 S. 15. 

Hyac. Holland. 

Pechmann, Heinrich Freiherr von, Historienmaler, Galeriedirektor und 
Hofrat, * Ig. März 1826 zu Würzburg, f 14. August 1905 in Oberstdorf (All- 
gäu). — Sohn eines kgl. Bauinspektors, bezog P. nach Absolvierung des 



I08 ^'^^ Pecbmann. 

Gymnasiums in Augsburg die Münchener Akademie, bildete sich jedoch unter 
der Privatleitung von Philipp Folz; als erste Leistung P.s erschien (1848) 
» Rebekka am Brunnen «. Im selben Jahre militärpflichtig, trat P. als Kadett in 
ein Infanterieregiment, wurde 1849 Leutnant, nahm jedoch 1853 seinen Abschied, 
um sich ganz der Kunst zu widmen. Aus jener Zeit stammen, neben kleineren 
Genrebildern und nach Köckerts »Brautfahrt über' den Chiemsee« (in Gal- 
vanographie von Schöninger), P.s bekannte »Rückkehr von der Kindtaufe« 
(Chromolithographie von Federle im »König-Ludwig-Album«). 1858 erfolgte 
eine längere Studienreise nach Frankreich (Paris) und 1863 nach Italien; 
inzwischen entstanden vier Tafelbilder zu dem durch Max von Menz für die 
Münchener Frauenkirche gemalten Flügelaltar (Anton Mayer, » Geschichte der 
Frauenkirche« 1868, S. 302) und die vier großen Fresken mit Motiven aus 
der bayerischen Geschichte im Münchener Nationalmuseum: Die »Krönung 
Ottos III. von Niederbayern 1305 zum König von Ungarn«, die »Hochzeit 
Herzog Georgs des Reichen 1475 zu Landshut«, »Herzog Ernst rettet seinem 
Sohne Albrecht das Leben 1422 im Treffen bei Allach« und die »Versöh- 
nung Albrechts III. mit seinem Vater (1435) nach Ermordung der Agnes 
Bernauer« (vgl. C. von Spruner 1868, S. 47 u. 96). Darauf folgte die Ausführung 
der Bilder, welche Ferdinand von Miller für die Kapelle auf der Insel im 
Staffelsee projektiert hatte und dem neuen Besitzer Brey beim Verkaufe dieses 
reizenden Eilandes mit in den Kauf bedingte (vgl. die von Fritz von Miller 
verfaßte Biographie seines Vaters Ferdinand von Miller 1904, S. 161); sie 
schildern sechs Szenen aus der in dieser Gegend spielenden frühesten 
Geschichte, namentlich aus dem Leben des Heidenapostels Wynfried-Bonifatius, 
welcher unter der heute noch grünenden Linde gepredigt und den Grund- 
stein zu dem nachmaligen Kirchenbau gelegt haben soll. Die strahlende 
Vollmondnacht der germanischen Vorzeit hüllte P. in einen schwerfälligen 
Rauch und Pulverdampf, der etwa für Darstellungen aus der Periode des 
Dreißigjährigen Krieges gepaßt hätte. Die flüchtig stereochromierten Bilder 
reifen dem Verfall entgegen. — Glücklicher malte er im Alpenschlosse zu 
Neuschwanstein einen kleinen Zyklus nach Eduard Ille*s (vgl. Biogr. Jahr- 
buch V, Jahrg. 1903, S. 48!) subtilen Aquarellen zu den Liedern Walthers 
von der Vogelweide, obwohl auch hier etwas Hartes in der unruhigen Farbe 
hervortrat. Auch begann P. ein großes figurenreiches Kostümbild: das 
»Lever der Marie Antoinette«, dessen Verlust der Kunstgeschichte schwerlich 
eine Klage entlocken dürfte. 

Bei dem großen Künstler-Maskenfest von 1857, welches Rubens (zweite) 
Vermählung mit Helene Forman zur Aufführung brachte, übernahm P. mit einer 
Tochter des Schlachtenmalers Peter von Heß die Titelrolle, und zwar mit 
einer so überraschenden Maske, daß man glauben mochte, Rubens' Porträt- 
bilder in der alten Pinakothek seien ihrem Goldrahmen entstiegen und für 
diese Nacht lebendig geworden; auch hoffte man das märchenhafte Mummen- 
spiel ende mit einer wirklichen Verlobung und Hochzeit. Doch wurden die 
voreiligen Konjekturen enttäuscht und gelöst, da »Frau Minne« in aller Stille 
schon anderweitig die beiderseitige Wahl getroffen hatte: die neue Helene 
Forman folgte einem reichen Gutsbesitzer und Tiermaler, und für Jung-Rubens 
schlug ein treues Herz im fernen Venedig, welches gleichfalls an die richtige 
Adresse gelangte. Freiherr von P. vermählte sich mit Johanna D. Ester aus 



von Pechmann. Clausnitzer. 



109 



Vallendar a. Rh. und nach deren Ableben 1873 mit einer Tochter des Hof- 
malers Moritz Lotze. Leider war es ihm bestimmt, auch dieser Frau 1895 
ins Grab zu schauen. 

Nach Zwengauers Tode 1869 wurde P. Konservator der Schleißheimer- 
Galerie, darauf Direktor der Neuen Pinakothek (1889), Hofrat und Ritter 
des Michaelsordens I. Klasse. — Ein trotz des wolkenbruchartig nieder- 
prasselnden Regens zahlreiches und den höchsten Ständen angehörendes 
Ehrengeleit umstand im südlichen Münchener Friedhof die letzte Ruhestätte, 
an welcher kostbare Kranzspenden und zahlreiche Reden Zeugnis gaben für 
die im Leben und darüber hinaus geltende Wertschätzung seiner Zeitgenossen 
und daß der stille Künstler ihrer Liebe und Hochachtung im weitesten Sinne 
des Wortes teilhaft gewesen. 

Als darauf der Nachlaß des Malers im Kunstverein erschien, traten 
neben etlichen religiösen Bildern zahlreiche überraschende landschaftliche 
Schöpfungen zutage, welche P.s weitgehende Begabung bekundeten. Sie 
zeigten ihn als einen feinfühligen, auch die neuere Technik meisternden 
Künstler. »Die kleinsten Studien sind mit der gleichen Sorgfalt ausgeführt 
wie die größten Staffeleibilder. Nirgends ist der Natur Gewalt angetan, und 
bei allem liebevollen Eingehen ins Detail verliert sich der Künstler doch 
nirgends ins Kleinliche und vermeidet ebenso mit richtigem Takt alle Knall- 
effekte.« »Eine sehr hübsch und fein durchgearbeitete »Venus« zeigt ihn 
auch auf figürlichem Gebiete von vorteilhafter Seite«, eine aus früherer Zeit 
stammende »hl. Familie« und »Madonna« als religiösen Historienmaler in 
der Art von Heinrich Heß und Joh. Schraudolph. 

Vgl. Nr. 2383 »Illustr. Ztg.«, Lpz., 2. März 1889. Fr. von Bötticher, 1898, II, 231. 
»Das geistige Deutschland«, 1898, S. 514. Kunstvereinsbericht f. 1905, S. 18. J. K(irchner} 
in Xr. 177 »Allg. Ztg.« 18. April 1906. Hyac. Holland. 

Clausnitzer, Leopold, Pädagoge und Vertreter der modernen Volksschule, 
* 24. September 1844 in Großbreesen bei Guben (Provinz Brandenburg), 
t am 28. Dezember 1905 in Berlin. — Er entstammte einer Lehrerfamilie 
und widmete sich selbst dem Beruf eines Volksschullehrers, besuchte zu diesem 
Zwecke 1863 — 66 das Seminar für Stadtschulen in Berlin und fand dann auch 
in der Hauptstadt Verwendung im Lehrfach. Er verwaltete zunächst eine 
Stelle an einer privaten höheren Mädchenschule, war 1866 — 68 auch Hörer 
an der Universität und trat 1872 in den städtischen Gemeindeschuldienst, dem 
er bis an seinen Tod treu geblieben ist. Noch in demselben Jahre wurde 
C. Mitarbeiter und Mitredakteur der »Pädagogischen Zeitung«, 1877 über- 
nahm er die Leitung des pädagogischen Teils der »Preußischen Lehrerzeitung«, 
die er zu dem gelesensten Blatte dieser Art erhob. Aus dieser Tätigkeit 
heraus erwuchsen dann »Die Geschichte des preußischen Unterrichtsgesetzes« 
(1877, 3. Aufl., 1892) und »Zeiten der Reaktion in der preußischen Volks- 
schule« (1879). C. gehörte zu den Gründern des Deutschen Lehrervereins, 
wurde 1874 zum zweiten Vorsitzenden des Berliner Bezirksverbandes jenes 
Vereins erwählt, trat 1876 in den geschäftsführenden Ausschuß des Deutschen 
Lehrervereins und 1890 an die Spitze desselben. Unter seinem Vorsitz, den 
er bis 1904 inne hatte, stieg die Zahl der Mitglieder weit über looooo, so 
daß der Verein mit seinen Fäden das gesamte Deutschland umspannte. Als 



IIQ Clausnitzer. Lammers. Riegl. 

Leiter der großen Lehrerversammlungen fand er die Stelle, von der aus er 
den Lehrern nahe treten und ihre Interessen wahren konnte. Er rief 1874 
die erste Lehr- und Lernmittelausstellung ins Leben, veranlaß te 1884 die 
Gründung des »Rechtsschutzes«, der unter allen Wohlfahrtseinrichtungen des 
Deutschen Lehrervereins an erster Stelle steht, und gab 1886 — 1904 das Organ 
desselben heraus. Hauptsächlich sein Werk sind ferner die wissenschaftlichen 
Vorlesungen des Berliner Lehrervereins, wodurch er vielen Volksschullehrern 
den Weg zu den höheren Stufen des Lehrerstandes gebahnt hat. 

Leipziger Illustrierte Zeitung, 126. Band 1906, S. 35. — Preußische Lehrerzeitung vom 
4. Januar 1906. — Sonntagsblatt zur Preußischen Lehrerzeitung vom 3. Juli 1892. — 
H. Kühn: Lehrer als Schriftsteller, 1889, S. 28. Franz Brummer. 

Lammers, Mathilde, Schriftstellerin, * 16. August 1837 in Lüneburg, 
f 29. August 1905 in Bremen. — Tochter eines Kaufmanns, besuchte L. bis 
zum 15. Lebensjahre die höhere Mädchenschule in Lüneburg und fing dann 
an, selber zu unterrichten. 1853 ging sie als Erzieherin nach Düsseldorf, 
1854 für zwei Jahre als Lehrerin in ein ländliches Pfarrhaus, mußte dann 
aber wieder ins Elternhaus zurückkehren, um der Mutter in der Führung des 
Haushalts zur Seite zu stehen. Der Drang nach Weiterbildung ließ sie aber 
nicht ruhen, und 1858 ermöglichte sie ihre Reise nach Frankreich, wo sie 
bis 1860 als Erzieherin in einem Vororte von Paris wirkte. Inzwischen waren 
ihre Eltern nach Bremen übergesiedelt. Dorthin begab sich nun Mathilde, 
um nach Absolvierung des Lehrerinnenexamens an der neubegründeten Schule 
von A. M. Janson, die dann mit einem Lehrerinnenseminar verbunden ward, 
eine Anstellung zu erhalten. Im Jahre 1878 wurde sie Mitleiterin des Seminars, 
und erst 1895 gab sie ihre Lehrtätigkeit auf. Sie hat sich auf dem Gebiete 
der Frauenbewegung nicht nur als Schriftstellerin bewährt, sondern auch als 
Delegierte zu den Frauen- und Lehrerinnentagen sich als charaktervolle und 
zielbewußte Förderin jener Bewegung bekundet. Ihr wichtigstes Werk ist 
»Die Frau. Ihre Stellung und Aufgabe in Haus und Welt« (1877). Beherzigens- 
werte Winke für Lehrerinnen bietet ihr Buch »Deutsche Lehrerinnen im 
Auslande« (1884), während sie in »Volkskaffeehäuser« (1883) annehmbare 
Ratschläge für Einrichtung und Bewirtschaftung derselben gibt. An der 
Leitung der gemeinnützigen, unterhaltenden Wochenschrift »Nordwest«, die 
ihr Bruder August Lammers seit 1878 in Bremen herausgab, hat sie sich 
fortwährend beteiligt und die Bestrebungen desselben, Bekämpfung der Trunk- 
sucht, der Bettelei und Verarmung, Verbreitung des Handfertigkeitsunter- 
richts usw. zu den ihrigen gemacht. Auch gehört ihr von den von ihrem 
Bruder herausgegebenen »Nordwest-Geschichten« (1888) die kleinere Hälfte an. 

Lina Morgenstern, Die Frauen des 19. Jahrhunderts, 3. Bd., 1891, S. 381. — Sophie 
Pataky, Lexikon deutscher Frauen der Feder, 1. Bd. 1898, S. 472. 

Franz Brummer. 

Riegl, Alois, Professor an der Universität Wien, * 14. Januar 1858 in 
Linz, Oberösterreich, f Wien 17. Juni 1905. — R. hatte sich zuerst den juri- 
dischen Studien zugewendet, trat aber bald an die philosophische Fakultät 
über, wo er, angezogen von der gewaltigen Persönlichkeit Theodor von 
Sickels, sich den historischen Hilfswissenschaften zuwendete. Er wurde 1881 
in (las Institut für österreichische Geschichtsforschung als wirkliches Mitglied 



Riegl. I 1 1 

aufgenommen, legte 1883 die Institutsprüfung ab und promovierte am 7. De- 
zember desselben Jahres in Wien als Doktor der Philosophie. Schon während 
der Institutsjahre hatte er sich unter Thausing der Kunstgeschichte zugewendet 
und gleich mit einer seiner ersten Arbeiten einen wichtigen Beitrag zu seiner 
Fachwissenschaft geliefert. Nachdem eine kleine Arbeit über ein an- 
giovinisches Gebetbuch der Wiener Hofbibliothek vorangegangen (im 8. Bande 
der Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung), ver- 
öffentlichte er im 10. Bande seine Untersuchungen über mittelalterliche 
Kalenderillustrationen. Er wies an diesem Materiale zum erstenmal die 
wichtige Tatsache nach, daß im 10. Jahrhundert neue Kompositionen ersonnen 
wurden, nachdem bis zu dieser Zeit noch immer die antiken Kompositionen 
vorgehalten hatten, die regelmäßig nachgebildet wurden. Er setzte aber da- 
durch den wichtigen Einschnittspunkt zwischen antiker und moderner Kunst 
fest, was bis dahin mit gleicher Präzision noch nicht geschehen war. Im 
Jahre 1886 trat R. in das österreichische Museum für Kunst und Industrie 
ein und übernahm die Leitung der Textilsammlung. Es war das kurz nach dem 
Tode Rudolf v. Eitelbergers, wo das Museum unter der Leitung Jakob von 
Falkes noch ein Mittelpunkt geistiger Bestrebungen und wissenschaftlicher 
Kultur geblieben war. Nun wandte er sich der Erforschung der Geschichte 
des Ornamentes zu. Man war bisher der Meinung gewesen, das sogenannte 
orientalische Ornament, wie es uns besonders in der Musterung der persischen 
Teppiche entgegentritt, stamme aus der alten vorhellenischen Ornamentik 
Mittelasiens ab, ohne daß man je den Zusammenhang des näheren nach- 
gewiesen hätte. Riegl entdeckte nun, daß diese Ornamentik sich ebenso wie 
die romanische im Westen und die byzantinische im Osten aus der helleni- 
schen entwickelt habe (A. Riegl, Orientalische Teppiche 1891). Das ist eine 
der größten Bereicherungen der allgemeinen Kunstgeschichte, ihre Bedeutung 
ist selbst heute noch nicht allgemein erfaßt worden. In weiterer Verfolgung 
dieser Beobachtung kam Riegl auch darauf, daß sich selbst ein Teil der 
ostasiatischen Ornamentik auf hellenistische Anregung zurückführen lasse. 
Das Jahr 1893 brachte seine Stilfragen, eine Untersuchung über Entstehung 
und Geschichte der wichtigsten griechischen Ornamente der Ranke und Pal- 
mette. Er verfolgte die Motive bis in ihre ägyptische und mykenische Stufe 
zurück und zeigte ihre ständige Ausbildung und Umbildung, wobei er kein 
gelegentliches Neueingreifen von Naturvorbildern zugeben wollte. An der 
Universität habilitierte sich R. 1889, er wurde im Jahre 1895 außerordent- 
licher Professor, 1897 ordentlicher. Das Museum für Kunst und Industrie 
hatte er nach elfjähriger Dienstzeit verlassen, nachdem sich dort alle Ver- 
hältnisse so geändert hatten, daß sie ihm ein gedeihliches Wirken nicht weiter 
möglich gemacht hätten. Er hatte dort mit seinem damaligen Kollegen 
Masner zusammen, der gegenwärtig Direktor des Museums in Breslau ist, 
eine Arbeit begonnen, die eine Publikation aller spätrömischen Werke der 
Kunstindustrie auf österreichischem Boden werden sollte. Davon kam bisher 
nur der erste von R. gearbeitete Band zustande (1901), wo R. wieder die 
Probleme ganz neuartig anfaßte und löste. Hatte man bisher geglaubt, daß die 
nordischen Völkerschaften Kunstmotive aus ihrer Urheimat mitbrachten, die all- 
mählich in die klassische Kunst eindrangen und deren Formen ablösten, wollte 
er zeigen, daß diese vermeintlichen Motive nichts anderes seien als eben die 



112 Riegl. Giesl von Gieslingen. 

Motive der hellenistisch-römischen Kunst in ihrer derzeitigen Entwicklung. In 
dem ersten Bande zeigt er nun, wie vom zweiten Jahrhundert der Kaiserzeit 
an der Stil zu wechseln begann, daß das subjektive Element, daß die Dar- 
stellung des Gegenstandes vor dem Auge des Beschauers, die Licht- und 
Schattenwirkung immer mehr die objektive Nachbildung des Gegenstandes 
überwand, wie überhaupt in einer Zeit, die man für eine Zeit des Verfalles 
hielt, neue Kunstprobleme auftauchen, die die folgenden Jahrhunderte weiter 
zu bilden hätten. 

Als Lehrer wirkte R. sehr anregend, und besonders seine Geschichte der 
Barockepoche gehört zu haben, wird von allen seinen Schülern, die ihn auf- 
zufassen imstande waren, als ein wichtiges Ereignis ihres Lebens empfunden. 
Ich kann mir das wohl vorstellen. Ich hatte ihn einmal zufällig in der Nähe 
von Piazza Venetia in Rom getroffen, und wie wir den Corso hinunter wan- 
delten, erläuterte er mir Fassade für Fassade von Kirchen und Palästen. Es 
war eine Fülle von neuen Einblicken, die ich in die Geschichte der Barock- 
architektur gewann. 

Die letzten Jahre seines Lebens hat er hauptsächlich der Zentralkommis- 
sion für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale 
gewidmet. Er hatte diese schon etwas alt gewordene Institution in kurzer Zeit 
verjüngt, hat neues Leben in sie gebracht, ihr Jahrbuch und ihre Mittei- 
lungen auf neue Basis gestellt, für die Regierung hat er ein Denkmalschutz- 
gesetz entworfen, das, wenn es einmal durchgeführt sein wird, ein Muster 
bilden wird, die Reorganisation der Zentralkommission angebahnt, in der 
scharfsinnigen Erledigung vieler Akten musterhafte Entscheidungen in den 
dieser Körperschaft zufallenden Agenden aufgestellt. Und das alles, obwohl 
ihn eine schwere, unheilbare Krankheit erfaßt hatte, die aber seinen Eifer, 
sein scharfsinniges Urteil nicht erlahmen machten. Bis in die letzten Momente 
seines Lebens, kann man sagen, zeigte er sich umsichtig und tätig. Er 
wirkte noch fort für die Universität, für die Zentralkommission, für die Aka- 
demie der Wissenschaften, die ihn 1902 zu ihrem korrespondierenden Mit- 
gliede gewählt hatte. Einige Tage vor seinem Tode wurde ihm Titel und 
Charakter eines Hofrates verliehen. Eine ausführliche Biographie Riegls hat 
Max Dvofäk in den Mitteilungen der Zentralkommission (3. Folge 4. Bd. S. 255ff.) 
veröffentlicht. 

Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, Bd. XXVIl Heft i. 
Innsbruck 1906. Franz Wickhoff. 

Giesl von Gieslingen, Heinrich Freiherr, Feldzeugmeister, gewesener 
Gendarmerie-Inspektor in Oesterreich, * 7. August 182 1 in Olmütz, f 2. Juli 
1905 in Wien. — G. war der Sohn des Platzhauptmannes in Olmütz Johann 
Giesl von Gieslingen und dessen Gattin Anna, geb. von Adlersfeld, trat am 
27. Oktober 1833 in die Theresianische Militärakademie zu Wiener Neustadt 
ein, wurde nach Absolvierung derselben am 11. September 1840 zum Leut- 
nant minderer Gebühr im Feld Jägerbataillon Nr. 12 ernannt, wo er sofort 
mit der Leitung der Kadettenschule betraut und 1843 zum Bataillons-Adju- 
tanten ernannt wurde. 1844 Leutnant höherer Gebühr, wurde von Giesl 1848 
Oberleutnant und leistete bei der Begleitung des Hofes von Schönbrunn 
nach Mähren sehr gute Dienste, nahm dann an den Ereignissen vor Wien 



Giesl von Gieslingen. Hauck. 11^ 

Anteil und wurde bei Erstürmung der Reiterkaserne in der Leopoldstadt 
verwundet. Mitte Dezember der Hauptarmee in Ungarn zugeteilt, zeichnete 
sich G. als Adjutant des Obersten Collery im Gefechte bei Hodrics (22. Ja- 
nuar 1849) ^"s "^^ erhielt hierfür das Militärverdienstkreuz. Zum Kapitän- 
leutnant befördert, machte er die Gefechte bei Waitzen und die Schlacht 
bei Nagy Sarlö (19. April) mit. Die Schlacht bei Raab (23. Juni) machte G. 
bereits als Hauptmann mit, nahm ferner rühmlichen Anteil an der Schlacht 
bei Komorn (2. Juli) und an der Erstürmung des Brückenkopfes von Neu- 
Szegedin (3. August), wofür er mit dem Orden der Eisernen Krone 3. Klasse 
dekoriert wurde; 1850 wiederholt zur Wiederherstellung der öffentlichen 
Ordnung verwendet, wurde G. 1857 in das Gendarmerieregiment Nr. 17 
übersetzt und noch im selben Jahre zum Major befördert. Die folgenden 
Jahre wirkte v. G. sehr erfolgreich teils in Ungarn, teils in Böhmen. 1863 
wurde G. in den Ritterstand, erhoben, 1865 zum Oberstleutnant befördert 
und ihm das Kommando der Wiener Militär-Polizeiwache übertragen, auf 
welchem Posten er 1866 zum Obersten vorrückte; dann war er kurze Zeit 
als Reserve- und Regimentskommandant tätig. Im Jahre 187 1 wurde Oberst 
v. G. durch das Vertrauen des Kaisers auf den Posten des Gendarmerie- 
inspektors der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder berufen, 
welchen Posten er durch 23 Jahre ausfüllte. Gleich zu Beginn führte G. die 
Reorganisation der Gendarmerie durch, wurde 1874 Generalmajor und 1879 
Feldmarschalleutnant. 1883 verlieh der Kaiser dem im Kriege wie im Frieden 
gleich unermüdlich tätigen Offizier den Orden der Eisernen Krone 2. Klasse, 
den erblichen Freiherrenstand und ein Jahr später die Würde eines Geheimen 
Rates. 1887 wurde v. G. zum Inhaber des Infanteriereginients Nr. 16 ernannt 
und ihm anläßlich des vollendeten 50jährigen effektiven Dienstjahres der 
Orden der Eisernen Krone i. Klasse mit der Kriegsdekoration der 3. Klasse 
verliehen. Welch hohe Verdienste sich der 1889 zum Feldzeugmeister ad 
hanores ernannte General um die Gendarmerie erworben hat, geht am besten 
aus der Stiftung hervor, die das Offizierkorps der Gendarmerie errichtete 
und der sie den Namen ihres hochverehrten und verdienstvollen damaligen 
Chefs gaben. G. nützte seine hohe Stellung und seine umfangreichen Macht- 
befugnisse durch Erlassung von zeitgemäßen Vorschriften aus, ferner setzte 
er sich mit der nur ihm eigenen Art für seine tüchtigen Offiziere und braven 
Mannschaften voll und ganz ein. 1894 trat G. freiwillig in den Ruhestand. 

G. war nicht nur einer der bekanntesten, sondern auch einer der belieb- 
testen Generale der Armee, er war einer jener Männer, wie sie heute leider 
immer seltener werden. Das ehrende Andenken der k. k. Gendarmerie wie 
der k. und k. Wehrmacht, zu deren Besten er zählte, ist ihm sicher. 

Biographien Giesls finden sich : in der Oktobemummer der Armee- und Marinezeitung 
des Jahres 1887, in der Julinummer des Jahres 1905 von Danzers Armeezeitung, im Armee- 
hlatt und endlich im Buche Johann Swobodas: Die Theresianische Militärakademie zu 
Wiener Neustadt und ihre Zöglinge (2. Band). Karl Harbauer. 

Hauck, Hermann Guido, * 26. Dezember 1845 zu Heilbronn am Neckar 
als Sohn eines Kaufmanns, f 25. Januar 1905 zu Charlottenburg. — Den ersten 
Unterricht genoß H. in der Heilbronner Elementarschule und hierauf in den 
vier untersten Klassen des Gymnasiums. Im Jahre 1857 zogen die Eltern 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog, lo. Bd. 8 



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Hauck. 



nach Stuttgart, wo er in die 4. Klasse des Gymnasiums eintrat und die 
humanistische (griechische) Abteilung des Unter- und Obergymnasiums bis 
zur 8. Klasse incl. durchlief, um sodann in die realistische Parallel-Klasse 
überzutreten. Mit besonderer Vorliebe betrieb er zuerst das Studium der 
griechischen und hebräischen Sprache, hierauf das der Geometrie und Al- 
gebra. Im Herbste 1863 bestand er die Aufnahmeprüfung in die polytech- 
nische Schule in Stuttgart und besuchte die beiden niathematischen Kurse 
dieser Anstalt als ordentlicher Schüler. Nach Ablegung der Maturitätsprüfung 
bezog er die Universität Tübingen, um sich dem Studium der Mathematik 
und der Naturwissenschaften zu widmen. Seine Lehrer waren namentlich 
Karl Neumann, Hermann Hankel und Siegmund Gundelfinger. Nach einer 
durch den Feldzug von 1866 und durch eine längere Krankheit veranlaßten 
Unterbrechung kehrte Hauck 1869 nach Tübingen zurück, bestand die Real- 
lehrerprüfung, sowie 187 1 die realistische Professorats-Prüfung. Im Jahre 
1872 wurde er zuerst Prof essorats- Verweser und sodann ordentlicher Lehrer 
und Professor der Oberrealschule in Tübingen. Außerdem erhielt er von der 
naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen einen Lehrauftrag 
für darstellende Geometrie und Elementar-Mathematik. Im Jahre 1876 pro- 
movierte er an der gleichen Universität und habilitierte sich daselbst für das 
Fach der deskriptiven Geometrie. Schon im darauf folgenden Jahre wurde 
er als ordentlicher Professor für Mathematik und Physik an die K. Würt- 
tembergische Land- und Forstwirtschaftliche Akademie Hohenheim berufen. 
Doch folgte H. einem unmittelbar darauf an ihn gelangten Rufe an die 
Universität Berlin, wo er als Nachfolger Pohlkes an der K. Bauakademie 
den Lehrstuhl für darstellende Geometrie übernahm. Später kam dazu auch 
noch das Kolleg über graphische Statik, das er bis wenige Jahre vor seinem 
Tode gelesen hat. Einen Ruf an die technische Hochschule in Stuttgart im 
Jahre 1880 hat er abgelehnt. Im Jahre 1883 wurde ihm das Rektorat der 
Bau-Akademie übertragen und als im folgenden Jahre Bau- und Gewerbe- 
Akademie zu einer technischen Hochschule vereinigt wurden, leitete er den 
Umzug in das neue Gebäude in Charlottenburg und wurde auch im folgenden 
Jahre zum ersten Rektor der neuen technischen Hochschule gewählt, ge- 
legentlich deren Einweihung er den Titel eines Geheimen Regierungsrates 
erhielt. Zum drittenmal endlich hat er im Jahre 1896 das Amt eines Rektors 
bekleidet. Ein schweres Leiden, das schon längere Zeit an dem Lebensmark 
des kräftigen Mannes zehrte, zwang ihn, der bis dahin unermüdlich in der 
Wissenschaft und im Lehrberuf tätig war, gegen Ende des Jahres 1904 seine 
Vorlesungen einzustellen, doch hoffte er immer noch auf Wiederherstellung. 
Noch aus der Privatklinik schrieb er am 18. Dezember 1904 an einen Mün- 
chener Kollegen einen Brief, der zeigt, wie er fortwährend mit wissenschaft- 
lichen Fragen und Problemen sich beschäftigte. Am 25. Januar 1905 erlag 
er seinem Leiden, wenig über 59 Jahre alt. 

Die zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten H.s, von denen die wich- 
tigsten hier kurz Erwähnung finden sollen, nehmen alle ihren Ausgangs- 
punkt von dem Fache, das er an der technischen Hochschule vertrat: der 
darstellenden Geometrie und weiter speziell von der Perspektive. Eine 
neue analytische Darstellung dieser Disziplin gab er bereits in seiner Tü- 
binger Doktor-Dissertation, welche den Titel führt: »Grundzüge einer all- 



Hauck. HZ 

gemeinen axonometrischen Theorie der darstellenden Perspektive«, Dresden, 
Teubner 1876, auch abgedruckt in der Zeitschrift für Mathematik und Physik 
Bd. 21, 1876. Er wandte in dieser Arbeit die Methoden der Axonometrie 
auf die Perspektive an und gewann dadurch Zusammenhänge zwischen der 
Perspektive, Reliefperspektive (Zentral-KoUineation) und der Parallelper- 
spektive. Der physiologischen und psychologischen Begründung der male- 
rischen Perspektive dient die inhaltsreiche Schrift: »Die subjektive Perspektive 
und die horizontalen Kurvaturen des dorischen Stiles«, Stuttgart, Wittwer 1879. 
H. geht darin von der Tatsache aus, daß die größten Künstler seit den 
Zeiten der Frührenaissance, d. h. seit der Begründung der mathematischen 
Lineal-Perspektive, sich mannigfache Abweichungen von dieser Schablone 
erlaubt haben. So werden Personengruppen fast durchgängig in parallel- 
perspektivischer gerader Ansicht gezeichnet, also in gleicher Breite an den 
verschiedenen Stellen eines Bildes, während sie nach dem Gesetz der Zentral- 
projektion gegen den Rand des Bildes zu breiter gezeichnet werden müßten. 
Gleich große, parallel zur Bildebene angeordnete Säulen w^erden gleich groß, 
eine Kugel wird als Kreis dargestellt u. s. f. Dementsprechend definiert H. 
zunächst den Begriff einer »Abbildung« in der Weise, daß sie eine objektive 
Wiedergabe des subjektiven Anschauungsbildes repräsentiere. Dies letztere 
existiert natürlich nur in der Vorstellung des Beschauers, und die Lehre von 
seiner Gestaltung, welche zu den schwierigsten Problemen der physiologischen 
Optik gehört, wird als »subjektive Perspektive« bezeichnet. Aus den Eigen- 
schaften des Anschauungsbildes werden folgende Forderungen für die Ab- 
bildung abgeleitet: i) Die Strecken werden proportional mit den Sehwinkeln 
abgebildet, 2) Eine Gerade wird wieder als Gerade dargestellt, 3) Vertikale 
Gerade erscheinen wieder vertikal. Es ist nun aber nicht möglich, alle diese 
drei Bedingungen zu erfüllen. Erfüllt die Darstellung die Bedingungen 2) 
und 3), so kann man die erste Bedingung nur noch in der Nachbarschaft 
eines Punktes, des Hauptpunktes, erfüllen. Die Darstellung beruht demnach 
auf einem Kompromiß zwischen diesen verschiedenen Anforderungen. Bei 
der Darstellung von Architektur wird z. B. die zweite Bedingung immer zu 
erfüllen sein, bei den Bildern krummflächig begrenzter Körper, wozu auch 
die menschliche Figur gehört, wird die erste Bedingung vorherrschen. — Mit 
diesen Betrachtungen bringt Hauck dann weiter die an den dorischen 
Tempeln beobachteten Kurvaturen der horizontalen Linien in Zusammen- 
hang: eine Theorie, die bei den Architekten allerdings wenig Anklang ge- 
funden hat. H. hat diese Betrachtungen auch elementar zusammengefaßt in 
einer Reihe von Artikeln im Wochenblatt für Architekten und Ingenieure, 
IV. Jahrg., die vereinigt erschienen sind unter dem Titel: Die malerische 
Perspektive, ihre Praxis, Begründung und ästhetische Wirkung. Eine not- 
wendige Ergänzung zu jedem Lehrbuch der Perspektive. Berlin, Springer 
1882. 35 S. 

Welches Verständnis H. überhaupt für alle Fragen der Kunst zeigte, 
beweist seine Festrede »Die Grenzen zwischen Malerei und Plastik und die 
Gesetze des Reliefs«, Berlin 1885. Er wendet sich hier zunächst gegen das 
Vorurteil, daß der charakteristische Unterschied zwischen Plastik und Malerei 
in der Farbe liege, welch letztere der Plastik versagt sein solle. Der Haupt- 
unterschied zwischen beiden Kunstgattungen ist vielmehr der, daß die Malerei 

8* 



1 1 6 Hauck. 

Licht und Schatten in sich hat, während die Plastik beides von außen entlehnt. 
Dementsprechend verwirft H. den Ghibertischen Reliefstil, die sog. Relief- 
perspektive, da sie nur die abstrakte Form berücksichtigt, in der Schattenbildung 
und Beleuchtung aber zu Unverträglichkeiten führt. In begeisterten Worten ist 
H. auch einmal für die ideale Welt Böcklins eingetreten in dem Büchlein »Arnold 
Böcklins Gefilde der Seligen und Goethes Faust«, Berlin, Springer 1884, ge- 
legentlich der sehr absprechenden Kritik, welche der Abgeordnete August 
Reichensperger im preußischen Abgeordnetenhause am 28. Februar 1880 an 
dem der Berliner Nationalgalerie einverleibten Bilde Böcklins »Die Gefilde 
der Seligen« übte. Dabei spricht Hauck die Vermutung aus, daß das Bild 
im Anschluß an Goethes Faust (2. Teil, 2. Akt) Chiron darstelle, wie er Helena 
über das Wasser trägt oder allgemeiner die Idee der von der Würde ge- 
tragenen Anmut. Böcklin besuchte später den Gelehrten und teilte ihm mit, 
daß er zwar an eine solche Deutung nicht gedacht habe, daß sie ihn aber 
sehr sympathisch berühre. 

Wie H. durch diese Untersuchungen die darstellende Geometrie nach 
der künstlerischen Seite hin weiter ausbaute, so hatte er auch Verständnis 
für das rein Technische und Mechanische. Das zeigt die Konstruktion seines 
»Perspektographen« (Mein perspektivischer Apparat. Festschrift der K. tech- 
nischen Hochschule zu Berlin. 1884). Dieser Mechanismus, der später durch 
Brauer einige Verbesserungen erfuhr, löst die Aufgabe, aus Grund- und Auf- 
riß eines Objektes eine Perspektive desselben herzustellen. Wenn also ein 
erster Fahrstift den Grundriß, ein zweiter den Aufriß beschreibt, so zeichnet 
ein dritter Fahrstift das gesuchte perspektivische Bild. Diese Aufgabe stellt, 
mathematisch betrachtet, einen speziellen Fall vor in einer langen Reihe von 
Untersuchungen Haucks rein theoretischer Art, die sich auf die »Theorie der 
trilinearen Verwandtschaft ebener Systeme« beziehen (Journal für reine und 
angewandte Mathematik, Bd. 95, 97, 98, 108, iii, 128). Diese Betrachtungen 
sind durch den Zusammenhang veranlaßt worden, in dem zum Beispiel die drei 
Risse eines Raumobjektes sich befinden. Wählt man allgemeiner irgend drei 
Projektionszentren und ordnet jedem eine bestimmte Projektionsebene zu, pro- 
jiziert man dann das System der Punkte und Geraden des Raumes je aus 
dem betreffenden Zentrum auf die zugehörige Ebene, so erhält man solche 
trilineare Punkt- bzw. Geradensysteme. Die Aufgabe der darstellenden 
Geometrie kann man dann ganz allgemein als folgende bezeichnen: aus 
zwei Projektionen eines Objektes eine dritte abzuleiten. Sind die zwei gege- 
benen Projektionen Grund- und Aufriß, während die gesuchte eine Perspek- 
tive ist, so ergibt sich die Aufgabe, welche der Perspektograph mechanisch 
löst. Sind dagegen zwei Perspektiven, z. B. zwei Photographien, gegeben, 
während ein Grundriß gesucht wird, so haben wir das Problem der Photo- 
grammetrie oder Bildmeßkunst vor uns. Diese Disziplin verdankt H. 
einen gerade für praktische Konstruktionen sehr brauchbaren Begriff: die 
sog. Kernpunkte (Neue Konstruktionen der Perspektive und Photogrammetrie. 
Theorie der trilinearen Verwandtschaft ebener Systeme, I. Artikel. Journal 
für reine und angewandte Mathematik, Bd. 95, 188 1). Mit der Betrachtung 
dieser Systeme hängen endlich noch Untersuchungen Haucks über die rezi- 
proken Figuren der graphischen Statik zusammen (Journal für reine und an- 
gewandte Statik Bd. 100 und 120). Cremona hatte gezeigt, wie man ein 



Hauck. Reischle. 



117 



ebenes Fachwerk und den nach gewissen Gesetzen konstruierten Kräfteplan, 
der die Verteilung der zugehörigen Spannungen und Drucke liefert, als Pro- 
jektionen zweier Polyedergebilde auffassen kann, die einander in einem Null- 
system entsprechen. H, bewies, daß man statt des Nullsystems auch 
das Polarsystem einer Fläche zweiter Ordnung nehmen kann bei bestimmten 
Voraussetzungen über die Projektionsebene und Projektionszentren. Weitere 
Arbeiten von H. beziehen sich auf mehr didaktisch-pädagogische Fragen 
der darstellenden Geometrie; aber es bliebe eine Lücke in unseren Aus- 
führungen, wenn wir nicht noch erwähnen würden, mit welcher Liebe H. 
an seinem Lehrberuf hing: das beweisen seine sorgfältig vorbereiteten Kolle- 
gien und sein warmes Wohlwollen für die studentische Jugend. Ein genaues 
Verzeichnis aller Arbeiten Hs. sowie eine ausführliche Würdigung seiner 
Tätigkeit enthält die ausgezeichnete Gedächtnisrede, welche ihm sein Kollege 
Geheimrat Professor Dr. Lampe gehalten hat (E. Lampe, Guido Hauck. 
Leipzig, Teubner. 1905). 

So sehen wir in H. Fähigkeiten und Eigenschaften vereinigt, die sich 
sonst selten zusammenfinden: ein ^ausgesprochenes Lehrtalent und wissen- 
schaftliche Produktivität, eine große mathematisch-technische Begabung und 
eine künstlerisch-poetische Auffassungskraft. Denn in der Tat, die in- 
tensive Gedankenarbeit, welche nötig ist, um die Wissenschaft zu fördern, 
läßt zu leicht das Interesse an den mehr praktischen und formalen 
Fragen des Lehrberufs zurücktreten. Mathematische Gelehrsamkeit garantiert 
noch nicht technisches Verständnis, und künstlerisches Empfinden steht zur 
strengen Logik der Mathematik in einem schroffen Gegensatz. H. aber zeigt 
sich als feinfühliger Beurteiler der Kunst im ganzen und des Kunstwerkes 
im einzelnen. Das klassische Altertum, Schiller und Goethe, die Kunst- 
schöpfungen der verschiedenen Zeiten waren ihm wohl vertraut. Und wenn 
er Schiller so viel zitiert, so drängt sich uns der Eindruck auf, daß sich in 
dieses kunstsinnigen Gelehrten Denken und Fühlen die ideale Weltanschau- 
ung seines großen Landsmannes widerspiegelt. Doehlemann. 

Reischle, Max, Universitätsprofessor der evangelischen Theologie, 
♦ 18. Juni 1858 in Wien, f 11. Dezember 1905 in Tübingen. — Nach dem 
frühen Tode des Vaters, der in Wien ein. buchhändlerisches Geschäft betrieb, 
kehrte die Mutter in die württembergische Heimat zurück; beide Eltern ent- 
stammten schwäbisch-fränkischen Familien. So empfing R. die gewohnte 
wissenschaftliche Ausbildung schwäbischer Theologen, zuerst in der Latein- 
schule zu Lauffen a. N., dann in den »niederen« Seminarien zu Schönthal und 
Urach, endlich im Tübinger »Stift«. Die Entwicklung seiner Persönlichkeit 
war am tiefsten von der edlen Mutter beeinflußt. In äußerlich sehr beschei- 
denem, geistig und gemütlich angeregtem Kreise lernte er früh die Gewissen- 
haftigkeit, den Fleiß, die klare Unterscheidung zwischen Sein und Schein, 
worin der Jüngling wie der Mann vielen vorbildlich geworden ist. Es wird 
nicht allzuhäufig Lebensläufe in der heutigen Welt geben, die von frühester 
Kindheit an ein so großes Ebenmaß trefflicher Anlagen und treuester Be- 
nutzung dieser Gaben zeigen. Seine Nächsten und Freunde bewahren auf 
Grund seiner schlichten Aufzeichnungen manch rührenden Zug, in dem die 
Freude und das Hochgefühl der sich entfaltenden jungen Seele ebenso 



1 1 8 Reischle. 

bescheiden als kraftvoll zum Ausdruck kommt, wenn er eine schwere lateinische 
Konstruktion ohne Hilfsmittel der Bequemlichkeit bezwingt, wenn ihm eines 
Lieblingsdichters Herrlichkeit aufgeht, wenn er in der Gesangskunst einen 
Fortschritt erringt, wenn er auf Fußtouren die schwäbische Heimat durch- 
wandert. Auf der Universität wird er den Freunden ein besonders geschätzter 
Freund und ein fröhlicher Bursch, schon damals nicht selten beraten in 
ernsten Anliegen. Unter der strebenden, der Streberei doch so fremden Schar 
von Altersgenossen ist er bald einer der Ersten. In die Tiefe gehende 
Arbeit ist ihm Pflicht und Genuß. Den Fragen der Weltanschauung gilt seine 
innerste Teilnahme, in erster Linie erkenntnistheoretischen Untersuchungen^ 
aber den Blick auf die Sache selbst gerichtet. Und, eine wirkliche Forscher- 
natur, unterschätzt er nie den Wert umfassender und gründlicher Bildung. 
Auf einen guten »Schulsack« hat er stets viel gehalten, so sehr er ihm nur 
Mittel zum Zweck wirklicher Erkenntnis war; gegenüber dem bloß geist- 
reichen Gerede konnte er, der mild Urteilende, recht deutlich werden. Nach 
vollendetem Studium hat R. eine Zeitlang im Vikariatsdienst gestanden. 
Theorie und Praxis hat er sein Leben lang nicht als Gegensätze empfunden^ 
nur als eine für die Bildung des eigenen Charakters wie für den Dienst an 
der Gemeinde heilsame Spannung; und in seiner späteren Hochschularbeit 
hat er jede sich bietende Gelegenheit benutzt, zu predigen und im Jugend- 
unterricht oder in Armen- und Krankenpflege sich zu betätigen. Karl Weiz- 
säckers Wort, daß gerade dem Dogmatiker die Selbstkontrolle auf der Kanzel 
heilsam sei, hat er in persönlichster Erfahrung bewährt. Nach dem Vikariat 
folgte die bei schwäbischen Theologen übliche Kandidatenreise nach Nord- 
deutschland: für ihn, seiner ganzen Art entsprechend, nicht eine eilige Rund- 
fahrt an möglichst viele Universitäten und Zentren des kirchlichen Lebens, 
sondern eine Zeit eindringenden Studiums, zumeist in Göttingen, im Hörsaal 
Albrecht Ritschis wie im persönlichen Verkehr mit ihm. Altes und neu 
Gewonnenes in eigener Berufsarbeit zu verwerten, bot dann die Repetenten- 
zeit am Tübinger Stift reichste Gelegenheit. Im Verkehr mit empfänglicher, 
bald ihn in seinem besonderen Wert erkennender Jugend, in den ihm ob- 
liegenden wissenschaftlichen Übungen (»A?r/«), in Korrektur und Besprechung 
der Aufsätze, wie als Gehilfe am Predigerinstitut, reift er allmählich und 
sicher seiner Lebensaufgabe entgegen. Daher begrüßte er, obwohl völlig 
bereit, in das Pfarramt einzutreten, die Berufung an das Karlsgymnasium in 
Stuttgart als Lehrer für Religion, Hebräisch und philosophische Propädeutik. 
WMe er in dieser Stellung nicht nur Lehrer, sondern Freund und Führer in 
den höchsten Fragen für viele geworden, bezeugten ihm nach seinem Hin- 
gang nicht wenige in bewegten Worten des Dankes. Er selbst rühmt dankbar, 
daß er gerade auf dieser Stufe des Unterrichts für die des akademischen 
besonders viel gelernt und den Satz erprobt habe, daß man, was man nicht 
ganz »einfach« andern sagen kann, »einfach« selbst nicht versteht. Im 
Frühling 1892 wurde R. nach Gießen mit dem Lehrauftrag für praktische 
Theologie berufen, 1895 nach Göttingen für systematische, 1897 nach Halle. 
Jede dieser Stationen ist bezeichnet von stillen Denkmalen treuester Anhäng- 
lichkeit der Schüler und aufrichtigster Hochachtung der Kollegen. Sie alle 
traf erschütternd die Nachricht, daß R., diese herrliche Kraft, von einem 
Schlagfluß gebrochen sei. Wohl folgte scheinbare Besserung unter der 



Reischle. Richter. 



119 



treuesten Pflege der Gattin (Emma geb. Buder), deren tiefes Verständnis in 
allen persönlichen Anliegen wie im geistigen Austausch ihn beglückt hatte; 
aber ein erneuter Anfall in der alten Heimat Tübingen machte dem noch so 
manche Frucht versprechenden Leben am 11. Dezember 1905 ein viel- und 
tiefbeklagtes Ende. 

Sein wissenschaftlicher Ertrag, in seltenem Maß eins mit seiner Person, 
ist die selbständige Weiterführung des Ritschlschen Grundgedankens. Und 
zwar nach zwei Seiten: nach der formalen, erkenntniskritischen und nach der 
inhaltlichen. Ihm, dem in hervorragender Weise philosophisch Geschulten, 
war es Bedürfnis, die Ritschlsche These von der Begründung der Theologie 
auf praktische Werturteile und deren Zusammenschluß mit der geschichtlichen 
Offenbarung nach allen Beziehungen durchzudenken und gegen Einwände 
sicherzustellen. Dieser Absicht dienen seine Schriften über das Wesen der 
Religion, über Werturteile und Glaubensurteile; Christentum und Entwicklungs- 
gedanke; der Glaube an Jesus Christus und die geschichtliche Erforschung 
seines Lebens; Theologie und Religionsgeschichte. Eine zusammenfassende 
Religionsphilosophie beschäftigte ihn zeitlebens und bis in seine letzten 
Krankheitszeiten hinein. Auch von philosophischen Fachmännern, welche 
jene andern Schriften hochschätzten, ist die NichtVerwirklichung dieses Lieb- 
lingsgedankens beklagt worden. Auf den Inhalt seiner christlichen Über- 
zeugungen gesehen, war es R. ein Anliegen, den ganzen Reichtum der 
Urkunden unserer Religion, so rückhaltlos er sich zu ihrer geschichtlichen 
Untersuchung bekannte, zur Geltung zu bringen. Ein Beispiel hierfür ist seine 
erste literarische Arbeit über die Mystik, die Abhandlung » Erkennen wir die 
Tiefen Gottes?«; die Leitsätze zur Dogmatik und Ethik, die er zunächst 
für seine Hörer hatte drucken lassen, werden noch lange ein beredtes Zeugnis 
für jenes Streben im Großen und Ganzen sein. In beidem, der philosophischen 
Fundamentierung und der Betonung des neutestamentlichen Gehalts der 
systematischen Theologie, war er ein treuer Sohn des schwäbischen Stammes, 
aber nie im Sinne bloßer Tradition, sondern für die neuen Bedürfnisse einer 
neuen Zeit vor anderen aufgeschlossen. Und so wird das Gedenken an seine 
wissenschaftliche I^ebensarbeit doch wieder zum Gedenken an seine Persön- 
lichkeit, die in besonderem Maß den Eindruck gemacht hat, daß er »aus der 
Wahrheit« gewesen. 

Eine genaue Bibliographie sowie eine biographische Skizze von Th. Häring-Tübingen 
und Fr. Loofs-Halle findet sich in den nach seinem Tod bei J. B. Mohr, Tübingen und 
Leipzig 1906, herausgekommenen »Aufsätzen und Vorträgen« von Max Reischle, denen 
auch sein Bildnis beigegeben ist. Th. Häring. 

Richter, Eduard, Universitätsprofessor der Geographie, Hofrat, wirkliches 
Mitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, ♦ 3. Oktober 1847 in 
Mannersdorf, Xiederösterrcich, f 6. Februar 1905 in Graz. — Da Richters 
Vater Alois, Verwalter in Mannersdorf, bald nach der Geburt seines jüngeren 
Sohnes starb, wurde dieser in Wiener Neustadt in dem wohlhabenden Eltern- 
hause seiner Mutter Magdalena, geb. Fronner, erzogen. Namentlich durch 
häufige kleine und große Wanderungen wußte die verständige Mutter sein 
Xaturgefühl und seinen Kunstsinn so sehr anzuregen, daß R. später selbst 
meinte, er hätte bei günstiger Gelegenheit leicht den Beruf eines Landschafts- 



1 20 Richter. 

malers ergreifen können. Als er 1866 das Neukloster-Gymnasium in der 
Neustadt verließ, um die Wiener Universität zu beziehen, wandte er sich 
vorwiegend aus nationaler Begeisterung dem Studium der Geschichte zu. Er 
absolvierte das Institut für österreichische Geschichtsforschung. Geographie 
betrieb er nur nebenher. Simony wirkte weniger als Lehrer auf ihn, wie als 
Alpinist und als Ratgeber. Auf seinen Rat entschloß sich R. 187 1, eine 
Lehrstelle für Geschichte und Geographie am Gymnasium in Salzburg anzu- 
nehmen. Dieser Ort bot ihm reiche historische Anregung, er bot ihm aber 
auch die Gelegenheit zur touristischen und wissenschaftlichen Beschäftigung 
mit den Alpen, die ihn immer tiefer in geographische Probleme führte. Die 
reiche Tätigkeit, die er zunächst in der Gesellschaft für Salzbnrger Landes- 
kunde, dann auch im Deutschen und österreichischen Alpenverein entfaltete, 
umfaßt beide Forschungsrichtungen. Durch den Alpinismus ist R. zum 
Gletscherforscher geworden und hat seine Tätigkeit auf immer weitere Gebiete 
der alpinen geographischen Forschung ausgedehnt. Zugleich war er als Berg- 
steiger hervorragend tüchtig und fand im Alpenverein, an dessen Spitze er 
während der Salzburger Vorortschaft 1883 — 1885 trat, das Feld, sein Organi- 
sationstalent in hervorragendem Maße zu betätigen. R. hat auf die Aus- 
gestaltung der Vereinsschriften, auf die Anregung wissenschaftlicher Unter- 
nehmungen durch diese mächtige Körperschaft, aber auch auf praktische 
Fragen entscheidenden Einfluß geübt. Er ist bis zu seinem Tode eine der 
führenden Persönlichkeiten, man darf sagen »die wissenschaftliche Seele« 
des rasch anwachsenden Vereins gewesen. 1885 legte er in seinen »Unter- 
suchungen zur historischen Geographie des ehemaligen Hochstiftes Salzburg 
und seiner Nachbargebiete« die methodischen Grundlagen zur rückschreiten- 
den Konstruktion der alten Territorien, 1888 faßte er seine vielfachen 
Gletscherstudien in dem Werke » Die Gletscher der Ostalpen « zusammen und 
stellte die Abhängigkeit der Schneegrenze von der Massenerhebung fest, 1885 
erschien die Monographie des Berchtesgadener Landes von Penck und Richter 
unter der Ägide des Alpenvereins. Im Jahre 1885 legte R. das Doktorat der 
Philosophie ab, und am 6. Februar 1886 wurde er, der vortreffliche, hin- 
reißende Lehrer, zum ordentlichen Professor der Geographie an der Universität 
Graz ernannt. Hier entfaltete er eine umfassende Tätigkeit. Neben der Gletscher- 
forschung, die er in den Ostalpen auf der Grundlage genauer Vermessungen orga- 
nisierte und für die er Finsterwalders ausgezeichnete Kraft gewann, beschäftigte 
ihn die Seenforschung. Langjährige Beobachtungen faßte er im zweiten Heft 
des Atlas der österreichischen Alpenseen von Penck und Richter 1896 und den 
Seestudien 1897 zusammen, die durch die Entdeckung der »Sprungschicht« 
und die Aufhellung der Vorgänge beim Gefrieren der Seen besondere Wichtig- 
keit erlangten. Ebenso intensiv befaßte R. sich mit der Eiszeitforschung und 
daher auch mit der Geomorphologie der Gebirge. Eine Reise nach Nor- 
wegen, die seine ursprünglich ablehnende Haltung gegenüber der Glazialerosion 
modifizierte, brachte die klassischen » geomorphologischen Beobachtungen 
aus Norwegen« und damit u. a. die Klarlegung der Bedeutung der Kare 
für die Bestimmung der eiszeitlichen Schneegrenze und eine neue Kartheorie 
(1896). In den »geomorphologischen Untersuchungen in den Hochalpen« 
(1900), zu deren Würdigung der enge, mir zu Gebote stehende Raum nicht 
ausreicht, wurden insbesondere die Fragen der Oberflächengestaltung durch 



Richter. 1 2 1 

die Eiszeit in tiefgründiger Weise erörtert. Daneben gehen länderkundliche 
Forschungen, durch immer ausgedehntere Reisen unterstützt. Die letzten 
Lebensjahre arbeitete R. an einer umfassenden Monographie des Okkupations- 
^ gebietes, von der leider nur der historische Teil fertiggestellt wurde, der 
zunächst in slawischer Übersetzung 1906 im Glasnik des Museums in Sarajevo 
erschien und in den Wissenschaftlichen Mitteilungen aus Bosnien und der 
Hercegovina im Original folgen soll. Den geographischen Teil hatte R. » im 
Kopfe fertig«, aber nicht zu Papier gebracht. R.s Ansehen als Gletscher- 
forscher war so sehr begründet, daß ihm die Neubearbeitung von Heims 
Gletscherkunde übertragen wurde, die er nicht mehr in Angriff nehmen 
konnte. Die Beschäftigung mit den Gletschern bot ihm auch Gelegenheit, 
seine historische Schulung im Dienste der Geographie zu verwerten. Die 
»Geschichte der Gletscherschwankungen« 1891 stellte den Zusammenhang 
der Schwankungen mit den von Eduard Brückner entdeckten Klimaschwan- 
kungen in kürzerer Periode fest und verwies mit kritischer Schärfe eine Anzahl 
von Überlieferungen über angebliche alte Verkehrswege, die später der Ver- 
gletscherung zum Opfer gefallen sein sollen, ins Reich der Fabel. Eine 
größere historisch-geographische Aufgabe nahm Richter in Angriff, als er 
1895 die Notwendigkeit eines historischen Atlas der österreichischen Alpen- 
länder verfocht und dafür die Methode vorschlug, die er selbst an dem Bei- 
spiele Salzburgs erprobt hatte. Von der Akademie der Wissenschaften mit 
der Leitung dieses großangelegten Unternehmens betraut, förderte Richter es 
so weit, daß er noch Korrekturen der ersten Lieferung, die Salzburg enthalten 
wird, zu Gesicht bekam. Erwähnt seien auch seine beiden gehaltvollen 
methodischen Veröffentlichungen, die Rektoratsrede (1899) über die Grenzen 
der Geographie und die Akademierede (1903) über die Vergleichbarkeit 
naturwissenschaftlicher und geschichtlicher Forschungsergebnisse, dann das 
von ihm redigierte große Werk des Alpenvereins »Die Erschließung der 
Ostalpen« (1892 — 1894), ferner sein Lehrbuch und sein Schulatlas, sowie seine 
Tätigkeit in der internationalen Gletscherkommission und bei den beiden 
von ihm einberufenen Konferenzen von Gletscherforschern (1899 und 1901). 
Zunehmende Kränklichkeit nötigte ihn, der Arbeit im Felde immer mehr zu 
entsagen; ein qualvolles Herzleiden raffte ihn unerwartet rasch dahin. Die 
ganze Größe seiner harmonischen Persönlichkeit offenbarte sein Sterben. Mit 
der Ruhe eines Weisen traf er die nötigen Anordnungen für die Weiter- 
führung der ihm anvertrauten Arbeiten bis ins Kleinste und vermochte es, 
durch seine heitere Gelassenheit die Seinen zu trösten, ja zu erheben. R. war 
zweimal glücklich verheiratet; seine erste Gattin, Julie von Frey, verlor er 
schon nach einjähriger Ehe; seine zweite Gattin Luise Senfelder, ebenfalls 
eine Salzburgerin, hat ihn überlebt, ebenso drei von seinen vier Töchtern. 
R.s wissenschaftliche Stellung wird dadurch charakterisiert, daß es ihm 
seine vielseitige, aber tiefe Bildung und sein eminentes Gestaltungstalent 
ermöglichte, die naturwissenschaftliche und die historische Forschungsmethode 
im Dienste der Geographie zu vereinigen. So konnte er durch umfassende 
eigene Kartierungen und Messungen und ihre Diskussion, aber auch durch 
die glückliche Formulierung der Probleme und seine organisatorische Tätig- 
keit eine neue Periode der ostalpinen Gletscherforschung ins Leben rufen, 
in welcher diese das Schweizer Vorbild erreichte und übertraf. Insbesondere 



122 Richter. 

die Erklärung der Gletscherschwankungen und der Schneegrenze hat ihm viel 
zu danken. In ähnlicher Weise war er führend auf dem Gebiete der physi- 
schen Erforschung der Alpenseen und schlug auch als Höhlenforscher den 
fast verlassenen, richtigen Weg in der Erklärung der Eishöhlen wieder ein. 
Als genauer Kenner der Alpen hat er für die Analyse der Hochgebirgs- 
formen Bedeutendes geleistet. Meisterhaft sind seine Schilderungen aus den 
Alpen, dem Karst und Norwegen. Auf dem Gebiete der historischen Geo- 
graphie hat er mit Erfolg eine rein geographische Darstellung durch Spezial- 
karten mit Terrain verfochten und durch den Nachweis der Konstanz der 
Landgerichte die Möglichkeit einer Ermittlung älterer Grenzen aus den 
jüngeren dargetan. Nur dadurch, daß man ihn auf der Landgerichtskarte 
aufbaut, ist ein historischer Atlas der österreichischen Alpenländer durch- 
führbar. Wie dieses große Werk dauernd mit R.s Namen verknüpft ist, so 
auch die Organisation der ostalpinen und in einem erheblichen Maße auch 
der internationalen Gletscherforschung. Als Lehrer folgte R. zunächst 
Simonys Spuren, in dessen Sinne er das Wesen des geographischen Unter- 
richts in der Anschauung und in der Anleitung zu eigener Beobachtung 
erblickte. Er half im Vereine mit Penck der morphologischen Richtung im 
österreichischen Hochschulunterricht zum Durchbruch, und man darf sagen, 
daß diese beiden befreundeten Forscher nicht nur für die geographische 
Forschung, sondern auch für den geographischen Unterricht in Österreich 
maßgebend geworden sind. 

Von R.s Hauptwerken sind einige genannt worden. Im übrigen sei auf die Biblio- 
graphien verwiesen, die in den N«ichrufen von G. A. Lukas (Programm der Staatsrealschule 
Graz für 1904/5, 30 S.) und R. Marek (Mitt. d. k. k. geogr. Ges. Wien 1906, S. 161 — 255) 
enthalten sind. Lukas gibt 234 Nummern, dazu kommen bei Marek Nr. 187 a und die 
posthumen Veröffentlichungen Nr. 235 — 237; endlich wäre die seither publizierte Arbeit 
tlber Bosnien (im Glasnik s. o.) nachzutragen. Nachrufe auf R. führt Marek 34 an, dazu 
kommen der von Yngvar Nielsen im Kristiania Morgenbladet 5. April 1905, von H. VV(ied- 
mann) im 45. Bande der Mitt. der Gesellschaft f. Salzburger Landeskunde, von O. Redlich 
Mitt. d. Instituts f. österr. Geschichtsforschung XXVII S. 197 — 202, von F. A. Forel im 
j?j. Rapport sur les variations pcriodiques des glaciers Suissfs, von S. Finsterwalder im Zir- 
kular Nr. 21 der internationalen Gletscherkommission und wohl noch andere. Einige 
davon, wie die beiden zuerst genannten, dann jener von Lukas, Geographische Zeitschrift 
1906, 121 — 135, 193 — 212, 252—276 und von S. Günther, Mitt. der Geogr. Ges. München I, 3 
(1905) 371 — 392 sind umfassende biographische Würdigungen. Den starken Eindruck, den 
der Mittelschullehrer R. bei seinen Schülern hinterließ, spiegelt die Broschüre von W. Erben, 
Erinnerungen an Eduard Richter, Salzburg, Kiesel 1905. Hervorgehoben sei auch A. E. 
Schönbachs meisterliche Charakteristik seines Jugendfreundes und späteren langjährigen 
Kollegen R. in der Grazer Tagespost vom 9. u. 10. Februar 1905. Die interessanten auto- 
biographischen Aufzeichnungen, die R.s Schüler Lukas und Marek in ihren Biographien 
benutzten, sind leider auch nach meinem L'rteil für eine Drucklegung zu fragpuentarisch. 

Porträts sind einigen dieser Nachrufe beigegeben (z. B. zUmanach d. k. Akad, 
d. Wissenschaften, Wien XXXV, 309, Günther, a. a. O., Deutsche Alpenzeitung IV, 306). 
Sie gehen sämtlich auf eine gute Aufnahme aus dem J.ihre 1900 von Ferd. Mayer, Graz, 
zurück. Das Bild R.s in der Zeitschrift d. 1). und (). Alpenvereins 1894, 209, gibt eine 
Aufnahme aus dem Jahre 1883 wieder. Ks läßt (ebenso wie eine au» Salzburg stammende, 
wenig ähnliche Büste im geographischen Institut der Universität (jraz) jenen Zauber der 
äußeren Erscheinung und namentlich des Auges vermissen, der Richter nach A. E. Schön- 
bachs Zeugnis schon in seiner Studentenzeit eignete und später (ich kannte R. seit 1887) 



Richter. M<>llhausen. 



123 



so stark zur Geltung kam, soll aber ähnlich gewesen sein. Ein Porträt aus den neunziger 
Jahren ist einer Lebensskizze in der Deutschen Kundschau f. Geogr. u. Statistik XX, 85 fF. 
(1897) beigegeben. Das Denkmal, das R. auf dem Mönchsberge in Salzburg errichtet 
werden wird, ist noch nicht so weit gediehen, um über die Porträtähnlichkeit ein Urteil zu 
gestatten. 

Graz, Ende Juli 1906. Sieger. 

Möllhausen, Balduin, Reisender und Romanschriftsteller, * 27. Januar 1825 
in Bonn, f 28. Mai 1905 in Berlin. — Er war der Sohn eines preußischen 
Artillerieoffiziers und späteren Zivilingenieurs und offenbarte frühzeitig Talent 
und Neigung zur Malerei; allein der Vater starb früh, und die Angehörigen 
trugen seiner Neigung keine Rechnung, sondern schickten ihn, nachdem er 
bis zum 14. Jahre das Gymnasium in Bonn besucht hatte, nach Pommern, 
um dort die Landwirtschaft zu erlernen. Im Jahre 1846 genügte M. ein Jahr 
lang in Stralsund seiner Militärpflicht. Durch die verschiedenen Landwehr- 
einberufungen während der folgenden Jahre in seiner Laufbahn gestört, ent- 
schloß er sich, verwandtschaftlichen Einflüssen nachgebend, nach Wien zu 
reisen, um dort in die österreichische Armee einzutreten. Allein dieser Plan 
kam nicht zur Ausführung. Eine unbezähmbare Sehnsucht nach fernen, 
fremden Ländern, die schon lange in seiner Brust geschlummert, machte sich 
plötzlich mit aller Gewalt geltend, und anstatt Husar zu werden, zog M. mit 
seinem ganzen Vermögen, sechshundert Talern, nach Nordamerika und schloß 
sich hier der Expedition an, die Herzog Paul von Württemberg nach den 
Rocky Mountains leitete (Januar 1850). Unbesiegbarer Hindernisse wegen 
mußte jedoch diese Expedition aufgegeben werden; M. trennte sich vom Her- 
zoge, schloß sich zufällig vorüberziehenden Ottoe-Indianern an und kam dann 
zum Stamm der Omahas, den er drei Monate lang auf seinen Jagdstreifereien 
begleitete. Darauf fuhr er den Mississippi abwärts, traf abermals mit dem 
herzoglichen Reisenden zusammen, dessen zoologische Sammlungen er ver- 
mehren half, und schiffte sich dann in New Orleans nach Deutschland ein. 
Im Januar 1853 hier angelangt, litt es ihn kaum einen Monat in der Heimat, 
und schon im Februar ging er wieder nach Amerika. Leutnant Whipple 
kommandierte nämlich im Auftrage der Regierung der Verein. Staaten eine 
Expedition zur Erforschung des geeignetsten Weges einer Eisenbahn nach 
den Küsten des Stillen Ozeans. Ihr schloß sich M., von Alexander von 
Humboldt empfohlen, als Zeichner und Topograph an, und nachdem die 
Aufgabe gelöst war, schied er in San Francisco von den Genossen und ging 
über den Isthmus von Panama und über New York nach Berlin. Diese beiden 
Reisen beschrieb er später in seinem »Tagebuch einer Reise vom Mississippi 
nach den Küsten der Südsee« (1858, 2. Aufl. u. d. T. »Wanderungen durch 
die Prärien des westlichen Nordamerika«, 1860). Friedrich Wilhelm IV., 
König von Preußen, ernannte M. 1854 zum Kustos der Bibliotheken in den 
Schlössern in und um Potsdam, und M. nahm nun hier seinen Wohnsitz. 
A. von Humboldt ließ ihm dauernd seinen Schutz und die wohlwollendste 
Freundschaft zuteil werden, ja er munterte ihn wieder auf, sich in den Jahren 
1857 — 58 an der Expedition zu beteiligen, die der Ingenieurleutnant Ives zur 
Erforschung der noch unbekannten Gegenden am mittleren Colorado leitete. 
Auch über diese, seine letzte Reise berichtete M. in seinem Buche » Reisen 



124 



Möllhausen. Leimbach. 



in die Felsengebirge Nordamerikas« (II, 1861). In der Folge lebte M. in 
Potsdam und pflegte hier dreiviertel Jahre schriftstellerisch zu wirken, während 
er die übrige Zeit sich mit Aquarell- und Ölmalerei beschäftigte, wozu ihm 
seine reichhaltigen und wertvollen Sammlungen von Reiseskizzen einen un- 
erschöpflichen Stoff lieferten. Als Schriftsteller ist M. ein Erzähler ersten 
Ranges. Seine Darstellungen des Völkerlebens und der Naturszenerien 
fremder Länder sind von überraschender Anschaulichkeit und Klarheit, 
seine Charaktere scharf ausgeprägt, und die Verwickelungen, in welche er 
seine Personen zu bringen weiß, so mannichfaltig, daß der Leser sich stets 
bis an das Ende angeregt und gefesselt fühlt. Er schrieb 38 Romane und 
8 Sammlungen von Erzählungen, die insgesamt 137 Bände umfassen. Die 
bekanntesten sind »Der Halbindianer« (1861), »Das Mormonenmädchen« 
(1864), »Die Mandanenwaise « (1865), »Reliquien« (1865), »Der Hochland- 
pfeifer« (1868), »Der Piratenleutnant« (1870). Im Jahre 1886 verlegte M. 
seinen Wohnsitz nach Berlin. Er war ein häufiger Gast der fröhlichen Tafel- 
runde, welche der bekannte Prinz Friedrich Karl von Preußen in seinem 
Schlosse Dreilinden um sich sammelte, und welche M. zu seinem Buche 
»Die Dreilinden-Lieder« (1897) veranlaßte. Noch war es ihm vergönnt, an 
seinem 80. Geburtstage zahlreiche Ovationen entgegenzunehmen ; vier Monate 
später rief ihn der Tod ab. 

Persönliche Mitteilungen. — Das Buch für Alle, Jahrg. 1885, S. 55. — Ad. Hinrichsen, 
Das literarische Deutschland, S. 914. Franz Brummer. 

Leimbach, Karl Ludwig, Schulmann und Literarhistoriker, * 18. Mai 1844 
in Treysa bei Ziegenhain im ehemaligen Kurfürstentum Hessen, f 30. Dezember 
1905 in Hannover. — Er war der Sohn eines Lehrers, der 1852 nach 
Schlüchtern und 1855 nach Marburg a. d. Lahn versetzt ward. Am ersteren 
Orte besuchte L. das Progymnasium, an dem zweiten das Gymnasium, das 
er Ostern 1862 absolvierte, worauf er an die Universität daselbst übertrat, 
an der er Theologie und Philologie studierte. Nach vierjährigem eifrigem 
Studium, das ihn in der Arbeit völlig aufgehen und an den geselligen Freuden 
des studentischen Lebens und Treibens nur wenig teilnehmen ließ, bestand 
er im Mai 1866 die theologische Fakultätsprüfung, wirkte dann zehn Monate 
als Leiter und Lehrer einer Privatschule in Frankenberg, legte im April 1867 
die zw'eite theologische Prüfung ab und wurde gleichzeitig Pfarrgehilfe in 
Rauschenberg. Seit 1869 Lehrer am Realgymnasium in Schmalkalden, be 
schäftigte er sich eifrig mit wissenschaftlichen Studien, besonders auf dem 
Gebiete der alten Kirchengeschichte, erwarb 1874 in Erlangen die Würde 
eines Lizentiaten der Theologie und in Rostock die eines Dr. phil. und über- 
nahm die Stelle eines ordentl. Lehrers an der Realschule I. Ordnung in 
Hannover. 1875 siedelte er in gleicher Eigenschaft an das Gymnasium in 
Bonn über und folgte dann im Herbst 1877 einem Rufe als Direktor der 
Realschule I. O. nach Goslar. Diese Schule erfreute sich unter L.s Leitung 
einer zunehmenden Entwickelung und Blüte, und seinen Bemühungen war es 
zu danken, daß mit Genehmigung des Ministeriums mit dem Realgymnasium 
ein humanistisches Gymnasium verbunden ward; 1890 wurde auf Anordnung 
der Staatsbehörde noch ein pädagogisches Seminar an die Anstalt ange- 
gliedert und L.s Leitung unterstellt. Die pädagogische Tüchtigkeit dieses 



Leimbach. Sigl. I25 

Mannes fand Anerkennung nicht nur bei Fachmännern, sondern auch bei der 
Behörde; erstere erwählten ihn nach Gründung des evangel. Schulkongresses 
(1881) stets zum Vorsitzenden desselben, und letztere berief ihn im Herbst 1895 
als Provinzialschulrat nach Breslau. Als solcher wurde er im April 1900 
nach Hannover versetzt, aber leider machte hier eine schwere Lungenent- 
zündung seiner segensreichen Wirksamkeit ein frühes Ende. — Als Redakteur 
leitete L. 1874 — 88 den von seinem Vater gegründeten »Christlichen Schul- 
boten«, 1881 — 87 das Wochenblatt >^Des Lehrers Feierabend« und seit 1900 
das pädagogische Zeitblatt »Haus und Schule«. Eine Reihe von Artikeln 
über wissenschaftliche Theologie erschien in Zeitschriften ; eine Anzahl päda- 
gogischer Schriften, besonders über den Religionsunterricht, erschienen als 
selbständige Werke. Am bedeutendsten aber ist L. auf dem Gebiete der 
Literatur und Kunst. Seine »Ausgewählte deutsche Dichtungen, für Lehrer 
und Freunde der Literatur erklärt« (111,1873 — 76, 3. Aufl., IV, 1882 — 85) ent- 
halten meisterhafte Erläuterungen der Dichtungen unserer klassischen Dichter 
und ihrer wichtigsten Nachfolger, während die Fortsetzung dieses Werkes, 
Die deutschen Dichter der Neuzeit und Gegenwart« (IX, 1884 — 1905), die 
leider von L. nicht vollendet werden konnte, Biographie, Charakteristik und 
Auswahl an Gedichten von 420 Dichtern bringt. 

Haus und Schule, Pädagog. Zeitblatt, 37. Jahrg., 1906, S. 35. — Adolf Hinrichsen^ 
Das literar. Deutschland, 2. Aufl. 1891, S. 792. — Preußische Lehrerzeitung vom 6. Jan. 1906. 

Franz Brummer. 



Sigl, Ludwig Alfred, Kolonialbeamter, ♦ 25. Mai 1854 in Wien, f 13. April 
1905 in Weimar. Er war ein Sohn des Großindustriellen Georg S., der in 
Wien, Wiener-Neustadt und Berlin bedeutende Maschinenfabriken besaß. Nach 
Absolvierung des Friedrich-Wilhelmstädtischen Gymnasiums in Berlin studierte 
er einige Jahre Maschinenbau in London und Liverpool, genügte seiner 
Militärpflicht in Wien beim österreichisch-ungarischen Husarenregiment Nr. 10 
(Friedrich Wilhelm III, König von Preußen) und war darauf eine längere 
Reihe von Jahren in den Fabriken seines Vaters tätig. Eine entomologische 
Studienreise, die S. 1886 nach Madagaskar und Ostafrika unternahm, wurde 
von entscheidender Bedeutung für sein ferneres Leben durch sein Bekannt- 
werden mit dem Baron von Gravenreuth in Sansibar. Dieser erkannte S.s 
Tüchtigkeit und wußte ihn 1887 für die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft 
zu gewinnen. Im Dienste der Gesellschaft wirkte S. als Beamter zunächst in 
Matimula, später in Pangani unter Hauptmann von Zelewski. Im Buschiri- 
schen Aufstande, der ihn auch seiner wertvollen Insektensammlung beraubte, 
mit den übrigen Deutschen aus dem heldenmütig gehaltenen Pangani nach 
Sansibar gerettet, erhielt S. vom Admiral Deinhard die Wegeführung der 
Marinetruppen übertragen und eroberte mit ihnen Pangani zurück. Hauptmann 
Wißmann, der hierdurch auf S. aufmerksam wurde, bewog ihn 1889 zum 
Eintritt in die Schutztruppe, in der er eine Leutnantstelle bekam. Als 
Stationschef von Saadani zeichnete sich S. in vielen Gefechten aus und 
bereitete schließlich durch Gefangennahme des Rädelsführers Mohamed-Bin- 
Kassum, des Mörders Gieseckes, und durch erfolgreiche Friedensverhandlungen 
mit Bana-Heri dem Aufstand in jenem Gebiet ein Ende. Im Jahre 1890 



1 26 i^igl. 

übertrug Wißmann an S. die militärische Führung der Expedition Stokes; im 
Krieg gegen die Wangoni, der gegen Ende desselben Jahres ausbrach, tat 
sich S. wiederum hervor und ward im Gefecht bei Tindi am 13. Februar 1891 
durch einen Streifschuß am Kopfe verwundet. Durch Besetzung von Tabora 
gewann S. 1891 die erste deutsche Station im Innern von Ostafrika. Da seine 
Gesundheit infolge der anstrengenden Tätigkeit gelitten hatte, mußte er sich 
1892 wieder nach der Küste begeben und trat von dort den ersten Heimat- 
urlaub an. Bei dieser Gelegenheit ward ihm nicht bloß eine Ordensaus- 
zeichnung (Kronenorden 4. Klasse mit Schwertern, am schwarz-weißen Bande), 
sondern auch als besondere Anerkennung in Berlin die deutsche Reichs- 
angehörigkeit verliehen. Neu ausgebrochene Unruhen beschleunigten seine 
Rückkehr nach Ostafrika. Den Marsch ins Innere nach Tabora unternahm 
er in Begleitung seiner Gattin, einer geborenen Edlen von Richter aus 
Wien, die von da ab mehrere Jahre lang alle Gefahren und Entbehrungen 
mit ihm teilte. Nach vielen Kämpfen gelang es ihm, wieder friedliche Zu- 
stände herbeizuführen. Als Stationschef in Tabora trug S. durch entschlossenes 
Handeln verbunden mit verständnisvollem Eingehen auf die F^igenart der 
Schwarzen, wobei ihm seine Sprachkenntnisse sehr zustatten kamen, in 
2^/2 jähriger Tätigkeit 1891 — 1894 viel zur Befestigung des deutschen Ansehens 
bei, insbesondere schloß er mit einer großen Anzahl von Sultanen Verträge und 
verabfolgte ihnen die deutsche Flagge. Mit Emin Pascha, den er persönlich 
kannte, stand er längere Zeit im Briefwechsel. Das Jahr 1894 brachte ihm die 
Beförderung zum Bezirksamtmann in Tanga, das Jahr 1896 die Versetzung in 
gleicher Eigenschaft nach Pangani. In seiner Amtstätigkeit errang S. große 
Erfolge nicht allein durch Unerschrockenheit, Ruhe und Umsicht, sondern 
auch durch Gerechtigkeit und menschenfreundliche Leutseligkeit gegenüber 
den Eingeborenen, deren Zuneigung und Vertrauen er in ungewöhnlichem 
Maße gewann. In Tabora nannten ihn die Neger den »Großen Mann von 
Tabora« oder »die Stimme«, weil er ihrer Sprache mächtig war. Schwere 
Erkrankung infolge von Strapazen bei einem Strafzug gegen aufständische 
Eingeborene in Useguha zwang ihn, in Erholungsurlaub nach Europa zu 
reisen, und da eine Besserung nicht eintrat, 1901 seinen Abschied zu erbitten. 
Zum Wohnsitz wählte sich S. 1902 Weimar und suchte dort Kräftigung und 
Wiederherstellung seiner Gesundheit in ruhiger Zurückgezogenheit seines 
traulichen Familienkreises, dem außer einem eigenen Töchterchen — 
ein Söhnchen wurde erst nachgeboren — auch zwei schwarze Waisen- 
mädchen angehörten. Der kolonialen Sache noch einmal weiter zu 
dienen, wie er gewünscht und gehofft hatte, blieb ihm leider versagt: 
Nach kurzer akuter Erkrankung setzte eine Herzlähmung seinem Leben, 
ein plötzliches Ziel. Die Bestattung erfolgte zu Wien in der Familien- 
gruft. 

Mitteilungen der Familie. — »Emin und Wißmann«, im »Reichsboten« (Berlin) 1891 
Nr. I, vom i. Januar, 2. Beilage. — St., Aus Deutsch-Ostafrika, in der Grazer »Tagespost« 
1892 Nr. 190, vom 10. Juli, 6. Bogen. — J. Str., Eine tapfere Frau, ebenda 1895 Nr. 122, 
vom 4. Mai, 2. Bogen. — v. Zech, Zum Gedächtnis eines verdienten Mitbürgers, in der 
Zeitung »Deutschland« (Weimar) 1905 Nr. 109, vom 18. April, i. Blatt. — »A. Sigl«, in 
der »Deutschen Kolonialzeitung« XXII (1905) Nr. 17, vom 29. April, Seite 165, Spalte 2. — 

Desgleichen im »Deutschen Kolonialblatt« 1905 Nr. g. 

P. Mitzschke. 



Leonhardi. 



127 



Leonhardi, Eduard, Landschaftsmaler, ♦ 19. Januar 1828 in Freiberg i. S., 
f 25. Juli 1905 in Loschwitz bei Dresden. — L. war der Sohn des im Jahre 
1865 verstorbenen Kaufmanns August Leonhardi in Freiberg i. S., der dessen 
schon von Jugend auf ausgesprochene Neigung zum Zeichnen und Malen 
insofern unterstützte, als er ihn bei dem als tüchtig bekannten Zeichenlehrer 
A. Müller Unterricht erteilen ließ. Als die Eltern im Jahre 1840 nach Dresden 
übersiedelten, wurde der Knabe in das Privatinstitut des Direktors Kaden in 
Neustadt geschickt, an dem er zwar im Zeichenunterricht die besten Zensuren 
erhielt, in den übrigen Lehrfächern aber nur geringen Fleiß entwickelte. 
Nach dem Wunsche des Vaters hätte L. Kaufmann werden und den umfang- 
reichen Betrieb seines Geschäftes übernehmen sollen. Da er aber bei seinem 
Vorsatz, sich der Künstlerlaufbahn zu widmen, beharrte, willigte der Vater 
ein und übergab ihn nach seiner Entlassung aus der Schule, die in seinem 
vierzehnten Jahre erfolgte, dem Kupferstecher Fleischmann zur Vorbereitung 
für die Akademie. Da Fleischmann nur landschaftliche Gegenstände stach 
und radierte, wurde L. unwillkürlich auch auf die Landschaft hingewiesen, 
der er sein Leben lang treu geblieben ist. Zu Michaelis 1844 wurde er in 
die Dresdener Kunstakademie aufgenommen, an der er von Anfang an 
wenigstens einmal in der Woche in der Landschafterklasse von Ludwig 
Richter Anleitung empfing. Von ihm lernte er, vor allem auf die Korrekt- 
heit der Zeichnung zu achten und die Schönheit der Linienführung sowie 
den dichterischen Gehalt der Komposition im Auge zu behalten, während 
seine Ausbildung nach der koloristischen Seite hin versäumt wurde, da sich 
Richter bekanntlich selbst nach dieser Richtung hin nur wenig entwickelt 
hatte. Auch wurde L. in Dresden von keinem anderen Meister beeinflußt, 
da er im Jahre 1846 nach Absolvierung des Zeichensaals, des Gips- und des 
Aktsaals Richters Atelierschüler wurde. Das erste Bild, das er unter Richters 
Leitung fertiggebracht hatte, war ein Frühlingsbild. Es stellte einen üppig 
blühenden Apfelbaum in blumiger Wiese dar, unter dessen schattigen Zweigen 
ein junges Mädchen sich Blüten pflückt und Kinder sich Kränze von Wiesen- 
blumen winden. L. hatte das Glück, dieses Erstlingswerk auf der Dresdner 
Kunstausstellung des Jahres 1847 an den bekannten Goethe-Schiller-Forscher 
Eduard Boas in Berlin zu verkaufen. Auch ein zweites Bild: »Badende 
Kinder in einem Waldbach unter der Obhut der Mutter«, wurde vom Sächsi- 
schen Kunstverein zur Verlosung für das Jahr 1847 angekauft. Nachdem L. 
ungefähr vier Jahre lang Richters Schüler gewesen war und sich während 
dieser Zeit fleißig in Wald und Feld, auch auf häufigen Fußreisen, z. B. nach dem 
Zschopau- und Muldental, sowie nach dem Harz und Nordböhmen, umgesehen 
hatte, und nachdem er sich im Jahre 1852 vier Monate lang in München, 
Salzburg und dem oberbayerischen Hochland aufgehalten hatte, siedelte er im 
Mai 1853 nach Düsseldorf über, wo das reich entwickelte Künstlerleben einen 
gewaltigen Eindruck auf ihn machte. Dort nahm er an dem manchmal etwas 
burschikosen Treiben der dortigen jungen Maler nur kurze Zeit teil, da er 
sich schon am 23. März 1858 mit Apoline Schotel, der Tochter des Marine- 
malers J. Schotel, verlobte. Schon nach einem Jahr, am 3. Mai 1859, ließ er 
sich trauen und reiste dann über Köln, Wiesbaden, Frankfurt und Leipzig in 
seine sächsische Heimat zurück, wo er in Loschwitz bei Dresden für die ganze 
weitere Dauer seines Lebens sein Heim aufschlug. Hier trat er wieder in nahe 



128 Leonhardi. Ruths. 

Beziehung zu seinem ehemaligen Lehrer Ludwig Richter, von dessen Kunst- 
auffassung er sich auch in Düsseldorf nur vorübergehend entfernt hatte. Ein 
Freund reger Geselligkeit und im Umgang mit den Schriftstellern Georg 
Scherer und Moritz Heydrich sowie mit dem Landschaftsmaler Erwin Oehme, 
führte er ein behagliches Dasein und entwickelte trotzdem eine kaum zu 
übersehende Fruchtbarkeit als Maler, seine Motive vorzugsweise aus seiner 
näheren Loschwitzer Umgebung, aus der Sächsischen Schweiz und zum Teil 
auch aus Oberbayern und Tirol entnehmend. Im Jahre J863 wurde ihm der 
Antrag gemacht, eine Professur an der Kunstschule zu Weimar zu übernehmen. 
Er lehnte ihn jedoch ab, da er sich nicht aus seinen angenehmen Verhält- 
nissen herausreißen lassen wollte. Gewissermaßen in Anerkennung dieser 
seiner Handlungsweise wurde er im Jahre 1864 zum Ehrenmitglied der Kgl. 
Sächsischen Akademie der Künste ernannt. Im gleichen Jahre wurde seine 
große »Deutsche Waldlandschaft«, die vielleicht seine bedeutendste Schöpfung 
ist, für die Kgl. Gemäldegalerie in Dresden angekauft. Sonst ist er in öffent- 
lichen Sammlungen nur im Wallraf-Richartz-Museum zu Köln vertreten, wohin 
eine seiner Gebirgslandschaften in Gewitterstimmung vom Jahre 1880 durch 
Geschenk gelangte. Wer seine Kunst kennen lernen will, kann das am 
bequemsten haben, wenn er das unter dem Namen der »Roten Amsel« be- 
kannte Künstlerheim in Loschwitz aufsucht, das L. zu einem jedermann zu- 
gänglichen Museum seiner Landschaften ausgestaltet hat. Auch gibt es eine 
im Verlag von Ernst Arnold erschienene Mappe, in der zwanzig seiner besten 
Bilder nach seiner eigenen Auswahl in Lichtdruckreproduktionen vereinigt 
sind. L. wurde namentlich in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts 
zu den ersten Dresdner Malern gerechnet; da er aber die weitere Entwicklung 
nicht mitmachte und sich immer wiederholte, konnte er sich auf der erreichten 
Höhe nicht behaupten. Als Aquarellmaler bewegte er sich etwas freier 
als bei seinen Ölgemälden. Er hatte die Genugtuung, daß ihm im Jahre 1897 
bei Gelegenheit der ersten Dresdner Aquarellausstellung für die dort ver- 
einigte Serie ein Ehrendiplom ausgestellt wurde. 

Friedr. von Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts. Dresden 1891. Bd. I, S. 839, 
840. — [Leonhardi], Erinnerungen aus meiner Jugendzeit und späteren künstlerischen 
Laufbahn. Dresden-Blasewitz (1896). [Nicht im Buchhandel.] — Über Berg und Tal. Organ 
für die Sächsische Schweiz. 28. Jahrg., Nr. 327, 389 — 393. Dresden 1905. — Unsere Heimat, 
Monatsschrift für das gesamte Erzgebirge und Vogtland. Zwickau 1905. Bd. IV, S. 284. — 
Kunstchronik, N. F., XVI. Jahrgang. Leipzig 1905. Sp. 505, 506. — Die Kunst, München 
1905. VI. Jahrg. S. 536. — Professor Eduard Leonhardi f. Gedächtnisausstellung von Öl- 
gemälden, Aquarellen und Zeichnungen, veranstahet in den Räumen des Sächsischen Kunst- 
vereins. Dresden, Januar 1906. — Dresdner Journal vom 3. und 24. Januar 1906 (Feuilleton). 

H. A. Lier. 

Ruths, Johann Georg Valentin, Maler, ♦ am 6. [oder 26.?] März 1825 
zu Hamburg, f am 17. Januar 1905 ebendaselbst. — Obwohl er schon als 
Knabe den Wunsch hegte, sich der Kunst zu widmen, wurde er doch von 
seinen Eltern, denen die Mittel fehlten, um das Lehrgeld für den Unterricht 
bei einem Maleramtsmeister zu bezahlen, dem kaufmännischen Berufe zuge- 
führt, in dem er bis zu seinem neunzehnten Jahre aushalten mußte. Dann 
setzte er sich mit einem Lithographen namens Beer in Verbindung, bei dem 
er zuerst nach Gips und nach Vorlagen zeichnen lernte. Seit dem Frühjahr 



Ruths. 



129 



1844 Übte er sich in Aufnahmen nach der Natur und fing auch an, landschaft- 
liche Studien zu machen. Als Beer den eingegangenen Vertrag nicht halten 
wollte, stellte er sich im Frühjahr 1846 auf eigene Füße. Mit der Er- 
sparnis von etwa hundert Talern in der Tasche, begab er sich im Herbste 
desselben Jahres auf die Wanderschaft, auf der er am i. November 1846 nach 
München gelangte. Hier ließ er sich in die polytechnische Schule auf- 
nehmen und lebte, nachdem seine geringen Mittel aufgebraucht waren, von 
dem Ertrage seiner lithographischen Arbeiten, die ihm im Jahre 1848 einen 
unerwarteten Gewinn abwarfen, da er Gelegenheit fand, Tagesereignisse und 
politische Karikaturen darzustellen. Als sich jedoch die Ereignisse immer 
mehr verwirrten, zog er es vor, München zu verlassen und nach Hamburg 
zurückzukehren, wo er im Sommer 1848 wieder eintraf. Er erhielt hier 
Beschäftigung in der lithographischen Anstalt von Ch. Fuchs und lebte im 
Sommer in dem Vorort Großborstel, wo er seine beiden ersten Ölbilder, 
»Das ehemalige Blockhaus« (1848) und »Das ehemalige Baumhaus« (1850) 
malte. Hierauf wandte er sich, durch ein größeres Stipendium unterstützt, 
nach Düsseldorf, um unter J. W. Schirmer seine landschaftlichen Studien fort- 
zusetzen. Er folgte ihm jedoch nicht nach Karlsruhe, sondern blieb die 
nächsten Jahre in Düsseldorf, wo er seit Neujahr 1852 ein Atelier in der 
Akademie angewiesen erhalten hatte. Im Jahre 1855 trat er seine erste 
italienische Reise an, die ihn durch die Schweiz führte und sich bis zum 
Jahre 1857 ausdehnte, in dem ihn ein Fieberanfall zur Rückkehr in die Heimat 
bestimmte. Er ließ sich in seiner Vaterstadt Hamburg nieder und verblieb 
hier, von kürzeren Unterbrechungen abgesehen, bis an sein Ende. Er wählte 
seine Motive seit dieser Zeit am häufigsten aus der Umgebung Hamburgs, 
vermied es aber mit wenigen Ausnahmen, sie mit figürlicher Staffage zu 
füllen. Den modernen Bestrebungen gegenüber verhielt er sich keineswegs 
abwehrend, sondern suchte dasjenige, was ihm daraus brauchbar erschien, 
für seine Zwecke auszunutzen. Im übrigen liebte er es nicht, mit Eklat in 
den Vordergrund zu treten. Vielmehr empfahl er den Mitgliedern des Ham- 
burger Künstler\'ereins, dem er Jahre hindurch angehörte, in einem an sie 
gerichteten Briefe, in der Stille zu schaffen, ohne Rücksicht auf Beifall oder 
Ablehnung, und nur sich selbst und seinem Ziel zu genügen zu suchen. In 
Hamburg genoß er unter seinen Berufsgenossen die größte Achtung. Prof. 
Askan Lutteroth, der »sein eminentes zeichnerisches Können, seinen feinen 
Farbensinn, seine Empfindung für Stimmung in der Landschaft, seine Heiter- 
keit oder tiefen Ernst « rühmend hervorhebt, erklärte ihn in der Grabrede für 
den ersten der Hamburger Künstler. Außerhalb seiner Vaterstadt war er 
weniger bekannt und wurde sehr verschiedenartig beurteilt, doch besitzen 
nicht nur die Hamburger Kunsthalle, sondern auch die Berliner National- 
galerie und die Dresdner Galerie Bilder von seiner Hand. Nachdem bereits 
im Jahre 1896 in Hamburg eine Ruths-Ausstellung stattgefunden hatte, konnte 
man in der in der Hamburger Kunsthalle veranstalteten Frühjahrsausstellung 
von 1905 nicht weniger als 168 Gemälde, Studien und Zeichnungen des 
Künstlers beisammen sehen. Auch auf der Berliner Jahrhundertausstellung 
von 1906 war er gut und reichlich vertreten. Ruths war Mitglied der Wiener 
und Berliner Akademie und besaß seit 1872 die kleine goldene Medaille von 
Berlin. 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. lo. Bd. g 



130 



Ruths. Kölliker. 



Friedrich von Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts. II. Bd. Dresden 1898. 
S. 499 — 504. — Hamburgischer Korrespondent vom 19. Januar 1905, Ausgabe B, Nr. 34, 
imd vom 20. Januar 1905, Abendausgabe Nr. 37, 2. Beilage. — Kieler Zeitung. Große 
Ausgabe Nr. 22906, 8. Juli 1905. i. Blatt. Feuilleton. — Die Kunst. 11. Bd. München 
1905. S. 262, 341. — Zeitschrift für Bildende Kunst, N. F. 16. Jahrg. Leipzig 1905, 
S. 243 — 248. — Kunst und Künstler. Berlin 1905. Jahrg. IV', S. 259. — Ausstellung deutscher 
Kunst aus der Zeit von 1775 — 1875. Gemälde und Skulpturen. 2. Aufl. Kgl. National- 
galerie. Berlin, München 1906. S. 201. — Alfred Lichtwark, Übungen in der Betrachtung 
von Kunstwerken. 6. Aufl. Berlin 1906. S. iii — 120. H. A. Lier. 

Kölliker, Rudolf Albert, o. ö. Universitätsprofessor der Anatomie, * 6. Juli 
181 7 in Zürich, f 2. November 1905 in Würzburg. — Mit A. Kölliker haben 
wir Anatomen unseren »Führer« verloren, so empfinden nicht bloß wir, seine 
Schüler, sondern das ist das allgemeine Urteil der Kollegen. 

Über seinen Lebensgang und die bis zum Jahre 1899 von ihm heraus- 
gegebenen Schriften hat er uns selbst in seinen »Erinnerungen aus meinem 
Leben« (Leipzig, W. Engelmann 1899) berichtet. An dieser Stelle seien daher 
nur die wesentlichsten Umrisse seines Lebenslaufes wiedergegeben. K.s Groß- 
vater war ein geachteter Schullehrer in Thalweil bei Zürich, sein Vater 
Kassenverwalter in einem Züricher Bankhaus, seine Mutter stammte aus der 
altangesehenen Züricher Familie Füßli, die eine ganze Reihe hervorragender 
Maler und Naturforscher hervorgebracht hat. Seiner Mutter, einer schönen, 
hochgebildeten, energischen Frau, verdankte K. außerordentlich viel, sie über- 
wachte nicht nur die Aufgaben des heranwachsenden Knaben, sondern half 
auch selbst, ihn im Französischen, Englischen und Italienischen unterrichten und 
nahm auch später noch lebhaften Anteil an seiner wissenschaftlichen Ent- 
wicklung, wie aus dem regen Briefwechsel zwischen Mutter und Sohn hervor- 
geht. Eine große Rolle spielten in der Schulzeit K.s die Leibesübungen: 
Rudern, Reiten, Schwimmen, Schlittschuhlaufen und Turnen stählten seinen 
auffallend schönen Körper. Im Turnen zeichnete er sich sogar in größerem 
Kreis aus. So erwarb er sich auf einem großen eidgenössischen Turnfest in 
Schaffhausen in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Lorbeer- 
kranz und in einem Berichte des Festes hieß es: »Der Liebling des zu- 
schauenden Publikums war Albert Kölliker. Wenn er in hohem graziösem 
Sprung über die Schnur setzte, hörte man jedesmal ein lautes Ah der Be- 
wunderung.« Auch dem Jagdsport, dem er bis an sein Lebensende treu 
blieb, huldigte er schon als Gymnasiast wildemderweise, wie er uns in 
seinen Erinnerungen beichtet. Ausflüge und kleine Reisen, meist mit seinem 
Mitschüler und Freunde Carl Nägeli, dem später berühmten Botaniker, unter- 
nommen, benutzte er unter Oswald Heers Leitung zu eifrigem Studium der 
heimatlichen Pflanzenwelt, dem wir auch seine erste Veröffentlichung ver- 
danken, die er als 22 jähriger Student unter dem Titel: »Verzeichnis der 
phanerogamischen Gewächse des Kantons Zürich« erscheinen ließ. 

Trotz seiner großen Neigung zur Botanik studierte K. aber doch als Haupt- 
fach Medizin. Von seiner Züricher Studienzeit (1836 — 1839) rühmt er Okens 
anregende Vorlesungen über Zoologie und Naturphilosophie und Friedr. Arnolds 
trefflichen anatomischen Unterricht. 1839 ß^"ß ^^ ^^^ ^^" Semester nach 
Bonn, von da auf drei Semester (1839 — 1841) nach Berlin, wo er unter dem 
Einfluß von Johannes Müller, Henle und Remak für die Anatomie gewonnen 



Kölliker. 



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"wurde. Henle führte ihn in die Mikroskopie, Remak durch ein Privatissimum 
in seiner Wohnung in die junge Wissenschaft der Entwicklungsgeschichte 
ein. In seiner Berliner Zeit mikroskopierte K. zuerst mit einem ihm von 
Schönlein geborgten, dann mit einem eigenen Schieckschen Mikroskop halbe 
Nächte hindurch den Bau niederer Tiere und schrieb seine erste anatomische 
Arbeit: »Untersuchungen über die Bedeutung der Samenfäden « (Berlin 184 1), 
in der zum erstenmal nachgewiesen wurde, daß die Samenfäden die alleinigen 
Träger der väterlichen Eigenschaften bei der Befruchtung sind. K. reichte 
die Arbeit bei der medizinischen Fakultät in Zürich als Dissertation ein, aber 
diese wollte sie nicht ohne mündliches Examen gelten lassen, weil sie »zu 
zoologisch« sei, so gab er sie an die philosophische Fakultät und erwarb 
sich durch sie zunächst den philosophischen Doktorgrad und erst ein Jahr später 
durch eine Schrift mit dem Titel: » Observationes de prima insectorum genest 
adiecta artkulatorum evolutionis cum vertehratorum comparata, Turici 1842 « und 
ein Kolloquium die medizinische Doktorwürde in Heidelberg. Von Berlin 
aus ging er im Frühjahr 1841 mit seinem Freunde Nägeli über Jena, wo sie 
Schieiden besuchten, nach Zürich, um im Sommer dort das medizinische 
Staatsexamen abzulegen. Im Winter darauf (1841/42) wurde er Hilfsassistent 
bei Henle in Zürich, der im Herbst 1840 das Ordinariat für Anatomie und 
Physiologie in Zürich erhalten hatte. Im Herbst 1842 rückte er bei Henle 
zum Prosektor auf und schon 1843 habilitierte er sich. Bei Henles Berufung 
nach Heidelberg (1844) wurde das Ordinariat in zwei Extraordinariate geteilt, 
von denen das für Anatomie der spätere Wiener pathologische Anatom Engel, 
das für Physiologie und vergl. Anatomie K. bekam. Er las in seiner Züricher 
Zeit außerdem noch über allgemeine Anatomie und Entwicklungsgeschichte, 
Nerven- und Sinnesorgane, Mißbildungen, pathologische Histologie und 
Geschichte der Medizin und hielt physiologische und mikroskopische Übungen ; 
so kam er in einigen Semestern auf 14 — 16 wöchentliche Vortragsstunden. 

Auf Henles Empfehlung hin wurde er durch Rinecker im Jahre 1847 als 
Ordinarius für Physiologie und vergl. Anatomie nach Würzburg berufen, las 
aber auch Entwicklungsgeschichte und mikroskopische Anatomie und richtete 
1848 den ersten »Mikroskopischen Kurs« in Deutschland ein. Schon zwei 
Jahre später erhielt er beim Tode des betagten Münz verabredungsgemäß zu 
seiner bisherigen Professur auch noch die Professur für Anatomie. Ende der 
vierziger und Anfang der fünfziger Jahre standen K. als Helfer in der Be- 
wältigung des gewaltigen Vorlesungsstoffes F. Leydig, Heinrich Müller und 
C. Gegenbaur zur Seite. Nach H. Müllers Tode im Jahre 1864 veranlaßte K. 
die Abtrennung der Physiologie von der Anatomie, die auf v. Bezold, und 
nach dessen frühem Tode auf A. Fick übertragen wurde. 

K. blieb seiner Stelle ein halbes Jahrhundert treu, bis in sein 80. Lebens- 
jahr (1897), wo er die Direktion und den Unterricht der anatomischen Ab- 
teilung des Institutes an seinen früheren Schüler Ph. Stöhr abtrat. Die 
Leitung und den Unterricht an der Abteilung für vergl. Anatomie, Histologie 
und Embryologie hingegen behielt er noch bis zu seinem 85. Jahre (1902) 
bei. Erst da, also nach 60 Jahren, trat er von der akademischen Lehrtätigkeit 
gänzlich zurück, nahm aber noch bis zuletzt an den Sitzungen der Fakultät 
teil und blieb bis in die letzten Tage seines Lebens wissenschaftlich tätig. 
Am 2. November 1905 erlag K. in seinem 89. Jahr nach kurzer Krankheit 

9* 



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Kölliker. 



einem Lungeninfarkt. Am 4. November wurde er beigesetzt auf dem Fried- 
hof in Würzburg an der Seite seiner Mutter und seiner wenige Jahre vorher 
heimgegangenen Gattin, mit der er fast 50 Jahre in überaus glücklicher Ehe 
verbunden war. Seiner Ehe entsproßten drei Kinder: Dr. Theodor Kölliker, 
Professor der Chirurgie und Direktor der Orthopädischen Universitäts-Poli- 
klinik in Leipzig, Dr. Alfred Kölliker, Besitzer der bekannten Chemischen 
Fabrik Marquart u. Co. in Beuel, gegenüber Bonn, und Frau Frieda Danz, 
Gattin des Oberlandesgerichtsrates und Professors der Rechte Dr. Danz in 
Jena, denen K. bis zu seinem Lebensende ein rührend treu besorgter Vater 
gewesen ist. 

In den 60 Jahren seiner akademischen Lehrtätigkeit leistete K. für die 
Ausbildung vieler Generationen von Studierenden der Medizin und Natur- 
wissenschaften aus aller Herren Länder eine Arbeit, wie wohl kein Anatom 
vor ihm. Obwohl K. kein »großer Redner« war, besaß er doch, vielleicht 
als Erbteil seines Großvaters, ein bedeutendes Lehrtalent. Sein Vortrag war 
rein sachlich, durchaus klar und flüssig, aber sehr ruhig, mit etwas gedämpfter 
Stimme gesprochen, ohne Phrasen und ohne Pathos; er wurde begleitet von 
vortrefflichen Tafelzeichnungen mit bunten Kreiden, deren Gebrauch wohl K. 
und H. Meyer zuerst in die Anatomie eingeführt haben. Die Zeichnungen 
des mikroskopischen Baues der Organe waren jedesmal wahre Kunstwerke 
und K. hielt mit Recht darauf, daß jeder Zuhörer alle seine Zeichnungen 
kopierte. Sein Lehrtalent offenbarte sich aber namentlich in der Ausbildung 
der Demonstrationstechnik. Hierin wirkte er allgemein vorbildlich. Er scheute 
bei den Demonstrationen weder Mühe noch Zeit und noch bis ins hohe 
Alter hinauf war er bei der sorgfältigen Vorbereitung der Demonstrationen 
immer selbst mit tätig. V^or jeder Demonstration wurde der ganze Stab des 
Instituts zusammenberufen, die Präparate nochmals genau gemustert und die 
Rollen genau verteilt: jeder Assistent erhielt eine besondere Gruppe von 
Präparaten zur Vorweisung zugeteilt, einzelne makroskopische Präparate 
wurden mit Beschreibung versehen, in der natürlichen Lage aufgestellt, zu 
jedem mikroskopischen Präparat wurde eine genau zur eingestellten Stelle 
passende Skizze gelegt usw., eine Methode, die ihre höchste Fortbildung durch 
K.s Schüler Stöhr erfuhr. Auf diese Weise sorgte K. dafür, daß die Anatomie 
zu einem wirklichen Anschauungsunterricht wurde, in dem jeder Zuhörer die 
Dinge, die im Kolleg besprochen wurden, auch wirklich zu sehen bekam. 
Auch vor jedem mikroskopischen Kurs nahm sich K. die Zeit und besprach 
mit dem Assistentenstab jedesmal alle Präparate durch, um die Unterweisung 
der Schüler einheitlich zu gestalten. Für uns Assistenten war diese Kurs- 
vorbereitung natürlich eine ganz unschätzbare Belehrung, hatte man doch 
dabei Gelegenheit, privatissime aus dem reichen Schatz der Erfahrung des 
Altmeisters der Mikroskopie Kenntnisse zu erwerben. 

K. war aber durchaus nicht einseitiger Mikroskopiker, sondern auch ein 
sattelfester makroskopischer Anatom alten Stiles, der selbst mit größter Hin- 
gebung und seltenem Geschick an der Leiche präparierte und sich die muster- 
gültige Einrichtung des Präpariersaales und des Präparierunterrichtes sehr ange- 
legen sein ließ. Eine große Zahl Einrichtungen des wirklich mustergültigen 
Würzburger Institutes und seines Unterrichtes ist jetzt Gemeingut aller anatomi- 
schen Institute geworden, der anatomische Unterricht ist im Deutschen Reiche 



Kölliker. 



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M'ohl fast allenthalben und auch vielfach im Ausland nach Köllikerschem 
Vorbild eingerichtet, eine Tatsache, die bisher noch zu wenig gewürdigt ist. 

Zu all den trefflichen Unterrichtseinrichtungen kam aber noch die leut- 
selige, freundliche Art K.s im Umgang mit den Schülern, die ihm aller 
Herzen eroberte. Auch wenn ein Schüler beim Präparieren oder im Examen 
sich unwissend zeigte,, wurde K. niemals ungeduldig, ausfallend oder heftig, 
sondern wies ihn in aller Ruhe, oft^ sogar mit einem kleinen Scherz, der aber 
für den betreffenden als empfindliche Strafe wirkte, zurecht. So hielt er die 
Schüler trotz mildester Behandlung doch immer zu ernstem Fleiß an. Daß 
der vorzügliche Unterricht in der Anatomie, dem Fundament der Medizin, 
mit an erster Stelle dazu beitrug, einen gewaltigen Strom von Medizinern 
nach Würzburg zu lenken, ist selbstverständlich. 

Neben dieser seiner unermüdlichen Lehrtätigkeit leistete nun aber K., 
wie bekannt, auch an wissenschaftlicher Arbeit ganz erstaunliches, sind es 
doch nicht weniger als 305 (nach Ehlers' Aufstellung) größere und kleinere 
Veröffentlichungen, die wir seiner Feder verdanken. Die Übersicht und die 
Beurteilung der Bedeutung seiner Arbeiten hat uns K. außerordentlich er- 
leichtert durch seine schon erwähnten »Erinnerungen«, in denen er 245 bis 
zum Jahre 1899 erschienene wichtigere Schriften erwähnt und zum Teil 
eingehend bespricht. Wir erkennen aus einer Übersicht über die ganze Schar 
seiner Veröffentlichungen, daß der Schwerpunkt von K.s Arbeit, von seiner 
physiologischen Amtszeit abgesehen, wo er auch physiologische Probleme 
löste, in der feinen mikroskopischen Beobachtung, in der Auffindung neuer 
Tatsachen und in der kritischen Prüfung und Weiterverfolgung der Befunde 
anderer Autoren lag. Mit bewundernswertem Scharfblick griff er wichtige 
einzelne Beobachtungen anderer Autoren auf und machte sie zum Ausgangs- 
punkt gründlichster, breit angelegter Untersuchungen, durch die oft der mehr 
zufällige Befund des ersten Entdeckers erst die richtige Bedeutung gewann. 
So war er auch der Erste, der die weittragende Bedeutung der Methode 
Golgis erkannte, neidlos den italienischen Forscher auf den Schild erhob, 
sich mit bewundernswerter jugendlicher Elastizität dem neuen Forschungs- 
gebiet zuwandte und durch seine anschließenden Untersuchungen die Erfolge des 
Entdeckers der Methode noch übertraf. In ähnlicher Weise war es auch wieder 
K., der den ausgezeichneten Arbeiten des spanischen Kollegen Ramon y Cajal 
die allgemeine Würdigung verschaffte. Und als auf dem Gebiet der Nerven- 
bahn-Erforschung andere Autoren den vergleichend anatomischen Weg betraten, 
folgte K, auch da wieder und erweiterte seine früheren, wesentlich am Menschen 
gemachten Untersuchungen, ja in seinem 84. Lebensjahr beschenkte er uns 
noch mit einer wertvollen Untersuchung über das Zentralnervensystem der 
Monotremen und Beuteltiere und über das Rückenmark der Vögel. Der 
rasche Übergang zu neuen Forschungsmethoden wurde K. ermöglicht durch 
die große technische Fähigkeit und den ausdauernden Fleiß seines Kustos, 
P. Hofmann, der ihm alle Präparate in mustergültiger Weise anfertigte und 
ihm die ganze zeitraubende, so oft mit vielem Ärger verknüpfte Mühe der 
Präparatherstellung und Einarbeitung in neue Konservierungs- und Färbungs- 
methoden ersparte. An verschiedenen Stellen seiner Werke hat er diesem 
unschätzbaren Mitarbeiter ein Dankesdenkmal errichtet. — Die größte wissen- 
schaftliche Tat K.s war unstreitig die Herausgabe seiner »Mikroskopischen 



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Kölliker. 



Anatomie« (Leipzig, W. Engelmann 1850 — 1854), in der er zum erstenmal 
eine Beschreibung des mikroskopischen Baues aller Organe des Körpers gab, 
und zwar ganz nach eigenen Untersuchungen. Ebenso stehen auch seine 
anderen größeren Werke, wie das »Handbuch der Gewebelehre« und die 
2. Auflage der »Entwicklungsgeschichte des Menschen und der höheren Tiere« 
ganz auf eigenen Füßen. Alle seine Werke sind zwar nicht glatte, leicht 
lesbare, abgerundete Darstellungen, aber dafür schier unerschöpfliche Fund- 
gruben zuverläßigster mikroskopischer Beobachtungen, die für alle Zeiten 
ihren Wert behalten und schon öfters hat einer geglaubt, eine »Entdeckung« 
gemacht zu haben und wurde von K. darüber belehrt, daß die angebliche 
Entdeckung bereits von K. vor langen Jahren gemacht war und in seiner 
»Mikroskopischen Anatomie« auf Seite x zu lesen stand. Hier mag auch 
erwähnt sein, daß die jetzige allgemein dem Unterricht zugrunde gelegte 
Annahme von vier verschiedenen Gewebearten, im Gegensatz zu den 21 von 
Bichat angenommenen, auf K. zurückgeht und sich schon ein halbes Jahr- 
hundert behauptet hat. 

Aus der Unzahl von mikroskopischen Entdeckungen, die K. gemacht hat, 
seien hier nur einige der wichtigsten angeführt. Vor allem ist hier nochmals 
seiner Doktorarbeit zu gedenken (1841), in der er, wie bemerkt, nachwies, 
daß die Samenfäden Elemente des Tierkörpers sind und von Zellen ab- 
stammen. Im Jahre 1844 entdeckte er bei Tintenfischen, daß die Zellen des 
Embryos direkte Abkömmlinge der Furchungszellen sind und sprach die Ver- 
mutung aus, daß alle Zellen auch des erwachsenen Körpers in ununter- 
brochener Reihe von den Furchungszellen abstammen. K. war also der 
eigentliche Entdecker des elf Jahre später von Virchow für die Pathologie 
aufgestellten berühmten Satzes ^omnts cellula e cellula<i^ für die normale Ent- 
wicklung. Im gleichen Jahre (1844) gelang es ihm als Erstem, den einwand- 
freien Beweis für den Übergang einer Ganglienzelle in eine Nervenfaser zu 
erbringen. 1846 entdeckte er die Entstehung der roten Blutkörperchen aus 
kernhaltigen Zellen. Ebenfalls noch in den vierziger Jahren isolierte K. zum 
erstenmal »glatte Muskelzellen« und beseitigte so die Lehre vom »kontrak- 
tilen Bindegewebe«. Sehr wichtig sind auch seine Untersuchung über die 
mikroskopischen Vorgänge bei der Knochenresorption und die Tätigkeit der 
von ihm sogenannten Ostoklastenzellen (1872/73) und die daraus gezogenen 
Folgerungen für die Formbildung des Skelettes. Diese Arbeit, wie auch die 
Arbeiten über die Bildung der Nerven bzw. Neuronen zeigen, daß K. es 
durchaus nicht verschmähte, aus mikroskopischen Beobachtungen auch 
Schlüsse allgemeinerer Natur zu ziehen, wenn auch seine Hauptstärke, wie 
erwähnt, darin lag, sichere mikroskopische Beobachtungen zu machen, und er 
das Zusammensetzen der gefundenen Steine zu Hypothesengebäuden gern 
andern überließ. 

Immerhin besitzen wir doch auch von K. sehr beachtenswerte, rein 
theoretische Schriften über allgemeine biologische Fragen: z. B. über die 
Vererbungslehre, worin er den Kern für den alleinigen Vererbungsträger 
erklärt. Auch zur Darwinschen Deszendenztheorie nahm er Stellung und 
trat für eine polyphyletische Entstehung der Organismen und sprungweise 
Abänderung durch »innere Ursachen« ein. In einer in seinem 80. Lebens- 
jahr erschienenen Schrift ergriff er lebhaft für die Energidenlehre von Sachs 



Kölliker. 



135 



Partei. Auch die wichtige Arbeit über die Bedeutung des Sympathicus, in 
der er zeigt, daß der Sympathicus im wesentlichen der motorische Eingeweide- 
nerv ist, verdient bei den theoretischen Arbeiten K.s entschiedene Hervor- 
hebung. — 

Wenn man die schier erdrückende Fülle von Arbeiten überschaut, die 
K. veröffentlicht hat, könnte man leicht auf den Gedanken kommen, daß er 
ein rechter »Stubengelehrter« gewesen sei. Wer ihn gekannt hat, weiß, daß 
das ganz und gar nicht der Fall war. Ein wirklicher Stubengelehrter könnte 
wohl trotz bester Gesundheit und der an K. so oft bewunderten unerschütter- 
lichen Seelenruhe doch nicht eine solche Leistungsfähigkeit zeigen und sie 
sich bis ins höchste Alter erhalten. K. verdankte seine jugendliche Frische 
und Elastizität im Alter offenbar wesentlich dem Umstand, daß er stets sich 
in der freien Natur beim Weidwerk erholte. Während des Semesters benützte 
er freie Tage zur Jagd auf Würzburger Gemarkung und in der näheren Um- 
gebung, in den Ferien jagte er auch in den Hochalpen Bayerns und Ober- 
österreichs. Fast alljährlich reiste er im Herbst in die Jagdgründe der Herren 
V. Hardmuth, mit denen er befreundet war, und noch in seinem 80. Jahr er- 
legte er dort einen Gemsbock, mit 86 Jahren noch einen stattlichen Hirsch. 

Frisch hielten K. auch seine Reisen, die er schon von Jugend auf zu 
unternehmen gewohnt war. Freilich waren die Reisen in seiner Jugend meist 
mehr der Wissenschaft als der Erholung gewidmet. So sehen wir ihn schon 
als Student mit Nägeli zusammen von Berlin aus nach Helgoland und nach 
Wyk auf Föhr, als Assistent von Zürich aus nach Neapel und Messina reisen, 
um kostbares Material dort zu untersuchen und zu sammeln. Später besuchte 
er, zum Teil mehrfach, Italien, England, Schottland, Holland, Frankreich 
und Spanien, überall auch die Fachgenossen aufsuchend und mit ihnen zum 
Teil herzliche Beziehungen anknüpfend. 

Dabei war K. ein regelmäßiger Besucher der Anatomenversammlungen, 
die er nicht versäumte, selbst wenn er zu dem Zweck von den Ufern des 
Mittelmeeres bis in den Norden Deutschlands eilen mußte. Auf den 
Anatomenvcrsammlungen war er aber auch unbestritten immer der geistige 
und persönliche Mittelpunkt; auf ihn, den schönen Greis mit den Silberlocken, 
schauten alle und wir Deutschen waren stolz auf unseren Ehrenpräsidenten. 
Fast stets beteiligte er sich an den Versammlungen aktiv durch Vorträge, 
Demonstrationen und Diskussionen und zeigte immer auch für die Vorträge 
und Vorweisungen der jüngeren Kollegen das wohlwollendste Interesse. 
Ähnliches aktives Interesse betätigte er auch in der physikalisch-medizinischen 
Gesellschaft, die er mit Virchow zusammen im Jahre 1849 ins Leben gerufen 
hatte, im gleichen Jahre, wo er mit v. Siebold die »Zeitschrift für Wissen- 
schaftliche Zoologie < gründete. 

Wie K. unter den Anatomen der Mittelpunkt war, so war er es auch 
Jahrzehnte lang in der Fakultät, an deren Angelegenheiten er tätigsten 
Anteil nahm. 

In der Öffentlichkeit trat K. niemals hervor, trotzdem er sich von seiner 
Schweizer Heimat her das in einer Republik selbstverständliche Interesse 
für politische und sonstige öffentliche Angelegenheiten bewahrt hatte und daher 
auch die politischen Vorgänge in seiner zweiten Heimat mit Eifer verfolgte. 
Aus politischem Pflichtgefühl erwarb er schon früh das Würzburger Bürger- 



1 36 Kölliker. 

recht und beteiligte sich immer an allen politischen Wahlen. Ja noch in 
seinem letzten, neunundachtzigsten Lebensjahr scheute er nicht die Mühe, die 
steile Treppe des Wahllokales zum zweitenmal zu erklimmen, um bei einer 
Nachwahl der liberalen Partei zum Sieg zu verhelfen. Mit seinem freien 
Bürgersinn verband er lebhaftes grofldeutsches Nationalgefühl. 

Daß sich bei den außergewöhnlichen akademischen und wissenschaftlichen 
Erfolgen Anerkennungen aller Art von wissenschaftlichen Gesellschaften, von 
Fürsten, städtischen Körperschaften und Kollegen auf K. häuften, ist nicht 
zu verwundem. So war er denn vierfacher Ehrendoktor, auswärtiges oder 
Ehrenmitglied unzähliger wissenschaftlicher Gesellschaften, Ehrenpräsident der 
Anatomischen Gesellschaft usw. Seine Geburtsstadt Zürich und seine zweite 
Heimatsstadt Würzburg nannten eine Straße nach seinem Namen, die Stadt 
Würzburg ernannte ihn auch zum Ehrenbürger, die Fakultät setzte ihm ein 
Marmordenkmal in der Anatomie. 

Unter vielen anderen hohen Orden besaß er auch den preußischen Pour 
le mirite und den bayerischen Kronenorden, der den persönlichen Adel ver- 
leiht, von dem er aber in seiner Unterschrift als Autor und Kollegen gegen- 
über niemals Gebrauch machte. An seinem 80. Geburtstag erhielt er vom 
Prinzregenten Luitpold von Bayern auch noch den Titel »Exzellenz«. All 
diese hohen Auszeichnungen nahm K. mit Dank und freudiger Genugtuung 
entgegen, ohne aber dadurch in seinem schlichten, gegen jedermann freund- 
lichen, liebenswürdigen Wesen im mindesten eine Änderung zu erleiden. Er 
war eben durch und durch ein wirklicher Gelehrter, dem es nicht um persön- 
liche Erfolge zu tun war, sondern um seine Wissenschaft. In seiner Wissen- 
schaft hat er sich aber selbst durch seine Werke ein Denkmal gesetzt, das 
alle ihm von Anderen verliehenen Diplome und Orden bei weitem über- 
dauern wird. 

Von Biographien Köllikers sind mir bisher folgende bekanntgeworden: i. A. Kölliker, 
Erinnerungen aus meinem Leben, mit 7 Vollbildern, 10 Textliguren und dem Porträt des 
Verf.s in Heliogravüre. Leipzig, W. Engel mann, 1899. (Mit Schriftenverzeichnis bis 1899.) — 
2. K. V. Rardelcben, Albert v. Kölliker, Nachruf. Deutsche med. Wochenschr. 1906, Nr. 4 
S. 150. Mit Bildnis. — 3. V. v. Ebner, Albert v. Kölliker f. Wiener klin. Wochenschr. 
1905. Nr. 51. — 4. E. Ehlers, Albert v. Kölliker zum Gedächtnis. Zeitschr. f. Wissensch. 
Zool., Bd. 84, 1906. (Mit vollst. Schriftenverzeichnis.) — 5. Max Flesch, Nekrolog auf 
A. Kölliker, Frankfurter Zeitung, 4. Nov. 1905. — 6. R. v. Hanstein, Albert v. Kölliker f, 
Nachruf. Naturw. Rundschau, herausg. von W. Sklarek, 1906, Nr. 7,8. — 7. A. Nicolas, 
R. Albert v. Kölliker, Bibliographk anatomiquc. T. 14, Kasc. 5. 20. Nov. 1905. — 8. Obst, 
Nekrolog auf Kölliker, Leipziger Zeitung, wissenschaftl. Beilage. 14. Nov. 1905. — 
Retzius, G., Särtryck om IlygUa^ 1905 Stockholm. — 9. G. Romiti, Commemorazione ncll' 
aula magna dclla scuola mcdica di Pisa^ 15. Nov. 1905. Bericht über die Rede in: La 
Tribuna, Anno 13, Nr. 320, 17. Nov. 1905. — 10. O. Schnitze, Albert v. Kölliker f. Med. 
Klinik 1905, Nr. 50. — 11. Sobotta, Albert v. Kölliker, Ein Nachruf. Mtinch. med. 
Wochenschr. 1905, Nr. 51. — 12. Sobotta, Albert v. Kölliker, Ein Nachruf. National- 
zeitung, Beilage »Die Wissenschaften«, 17. Nov. 1905. — 13. Ph. Stöhr, Gedächtnisrede 
auf Albert v. Kölliker. Verh. Würzburger Pliys. Med. Ge^. N. F. Bd. 38. — 14. Taschen- 
berg, A. V. Kölliker, Mitteilung der Leopoldin. Karolin. Akad. Halle, Heft 42, Nr. 5 — 7. — 

15. Lffenheimer, Erinnerungen an A. v. Kölliker. Augsburger Abendzeitung, 1 1. Nov. 1905. — 

16. G. Valenti, Alberto Rodolfo Kölliker. Commemorazionc Ictta nelV Adunanza dell K. 
Accadetnia delle Scicnze delV Istituto di Bologna dcl lo, Dcc. igos, Rendiconio dcllc Lcssioni 
della R. Accadem. delle Scienzc dell' Istituto di Bologna^ Anno acadcmico igojfoö. — 



KöUiker. Stinde. 127 

17. \Y. Waldeyer, Albert v. Kölliker zum Gedächtnis. Mit Bildnis. Anat. Anz. 28. Bd. 
Nr. 21/22. 1906. (Mit Schriftenverzeichnis von 1899 — 1905.) — Folgende Bildnisse K.s 
sind zu beziehen : Photogravüre in Quartfonnat durch W. Engelmann, Leipzig, Photographien 
■durch die Photographische Anstalt Frankonia in Würzburg. 

Prag, Deutsches anatomisches Institut. R. Fick. 

Stinde, Julius Ernst Wilhelm, Dr. phil. und ursprünglich Chemiker 
von Beruf, * 28. August 1841 zu Kirch-Nüchel in Holstein, f 8. August 1905 
in Olsberg bei Kassel im Hause seines Freundes, des Landrats Federath, 
begraben in Lensahn in Holstein. — Seine erste Jugendzeit verlebte St. in 
Kirch-Nüchel, wo sein Vater Pastor war, 1844 als solcher nach Lensahn 
kam, 1874 dort zum Kirchenprobst ernannt wurde und 1881 gestorben ist. 

St. besuchte das Gymnasium in Eutin, trat 1858 bei einem Apotheker 
in Lübeck in die Lehre, studierte von 1860 in Kiel, Gießen und Jena Chemie, 
machte 1863 seinen Doktor und nahm dann seinen Aufenthalt in Hamburg. 
Drei Jahre lang war er dort Werkführer in einer chemischen Fabrik. Daneben 
schrieb er für das »Hamburger Gewerbeblatt« und wurde Mitarbeiter der 
damals noch erscheinenden »Reform«. Seine erste literarische Tätigkeit war 
schon eine recht vielseitige. Er schrieb wissenschaftliche Aufsätze und 
populär-wissenschaftliche Artikel, Erzählungen und Beobachtungen aus dem 
Volksleben, Gedichte und Novellen, Theaterrezensionen. Daneben stellte er 
mikroskopische Präparate für das Rodigsche Institut her, erteilte Unterricht 
an einer höheren Knabenschule und hielt Vorträge im Gewerbeverein und 
Arbeiterbildungsvcrein. 

Gegen Ende der sechziger Jahre lernte St. die Hamburger Volkstheater 
in der Vorstadt St. Pauli kennen, und das wurde für ihn zum Anlaß, sich 
auch auf dramatischem Gebiet zu versuchen. Als das plattdeutsche Karl 
Schultze-Theater gegründet war, hat St. für dieses von 1870 an eine ganze 
Anzahl kleiner Stücke in plattdeutscher Sprache geschrieben, mit denen er 
ungeahnten Erfolg hatte. Den Anfang machte »Ein gefangener Turko«, dann 
kam »Die Nachtigall aus dem Bäckergang«, dann »Eine Hamburger Köchin«, 
dann ^> Tante Lotte«, endlich »Hamburger Leiden«, ein Stück, das über 
hundertmal gegeben wurde. Auch als Karl Schultze mit seiner Gesellschaft, 
zu der im plattdeutschen Theaterfach ganz vortreffliche Schauspieler wie 
Heinrich Kinder und Lotte Mende gehörten, eine Gastreise durch die deut- 
schen Hauptstädte machte, hatte er mit St.s Stücken besonderen Erfolg. 
Seitdem aber hat St. nicht mehr für die Bühne geschrieben. 

Der pekuniäre Erfolg seiner Theaterstücke machte es St. möglich, im 
Jahre 1876 nach Berlin überzusiedeln. Dort ist er geblieben bis zu seinem 
Tode, jeden Sommer aber verweilte er ein paar Wochen in seinem lieben 
Lensahn im Holsteinischen. In Berlin trat er erst einige Zeit nach seiner 
Übersiedlung in die Öffentlichkeit, gewann sich dann aber schnell einen her- 
vorragenden Platz. Nachdem in einem Berliner Blatt zuerst einige Artikel 
von »Wilhelmine Buchholz- zu finden gewesen waren, erschien 1883 noch 
anonym das Buch » Buchholzens in Italien « und das Jahr darauf unter St.s 
Namen -Die Familie Buchholz«. Mit diesem Buch wurde St. im Umsehen 
einer der am meisten geschätzten und gelesenen deutschen Erzähler. 86 Auf- 
lagen hat dieses Buch bis heute erlebt. 



1^8 Stinde. 

Buchholz hieß eine Wäscherin in Hamburg, unter deren Namen St., 
als er noch Werkführer in einer chemischen Fabrik war, ein Buch »Wasser 
und Seife« herausgegeben hat. In Erinnerung daran gab er den Namen 
Wilhelmine Buchholz seiner poetischen Schöpfung, der Hausfrau aus dem 
Kleinbürgertum, der er nach seiner Übersiedelung von der Elbe an die Spree 
die Landsbergerstraße in Berlin zur Heimat gab. Durch diese kleinbürger- 
liche Figur, mit ihrer Drolligkeit und ihrem grundguten Herzen, in die 
der Verfasser so viel von seiner eigenen mit Treuherzigkeit verbundenen 
Klugheit und Schalkhaftigkeit hineingetan hat, eroberte er sich in kurzer Zeit 
aller Herzen. Er konnte so noch eine Reihe von Buchholzbänden, »Der 
Familie Buchholz zweiter Teil«, »Frau Wilhelmine«, »Frau Buchholz im 
Orient«, »Wilhelmine Buchholz' Memoiren«, »Hotel Buchholz« und »Bei 
Buchholzens« (1900) folgen lassen, die alle noch gern gelesen wurden, wenn 
auch » Die Familie Buchholz « immer unerreicht und von allen die Krone blieb. 
Der außerordentliche Erfolg, den St. mit seinen Buchholzgeschichten erwarb,^ 
hat es herbeigeführt, daß seine anderen Arbeiten nicht so gewürdigt sind, 
wie sie es verdienen. Der Mehrzahl seiner Leser ist er nur bekannt geworden 
als »Dichter und Erfinder der Buchholzen«, er hat aber so manches sonst 
noch geschrieben, was eigenartig und hübsch ist. Unter den erzählenden 
Sachen verdient den Preis sein Roman »Der Liedermacher« (1893). Daneben 
zu nennen sind: »Pienchens Brautfahrt« (1890), »Tante Konstanze« (1900) 
und die ansprechenden »Humoresken« (1892). Auch in seiner Erzählung 
»Martinhagen« und in seinen »Waldnovellen« ist viel von seiner liebens- 
würdigen Eigenart enthalten. »Ut'n Knick« (1894) ist eine Sammlung, die 
allerhand Poetisches und Prosaisches enthält, darunter drei von den platt- 
deutschen Theaterstücken aus St.s Hamburger Zeit und eine Anzahl platt- 
deutscher Gedichte. Plattdeutsche und hochdeutsche Gedichte finden sich 
auch zerstreut vor in andern seiner Bücher, und unter diesen Gedichten ist 
manches von sehr reizvoller Art. Übermütiger Humor waltet in den »Opfern 
der Wissenschaft« (1878) und in dem »Dekamerone der Verkannten « (1881). 
Nach St.s Tode ist unter dem Titel »Heinz Treulieb und allerlei Anderes« 
eine Sammlung von ihm nachgelassener kleinerer Dichtungen und Aufsätze 
erschienen. Von den letzteren ist einer »Aus dem Theaterleben der Vor- 
stadt« — es ist die Hamburger Vorstadt St. Pauli gemeint — von besonderem 
Interesse, weil er ein Bild gibt von der Entwicklung St.s zum Schriftsteller 
und Dichter. 

St. war ein Mann von vielseitiger Kenntnis auf dem Gebiet der Natur- 
wissenschaften und von großer Belesenheit. Die zahllosen populär-wissen- 
schaftlichen Aufsätze, die er im Lauf der Jahre in verschiedenen Wochen- 
schriften veröffentlicht hat, gehören, was Geschick und Klarheit der Darstellung 
anbetrifft, zu dem Besten der Art, das wir haben. Er war ebenso gewissenhaft 
in dem, was er mitteilte, wie er es anziehend zu geben verstand. Auch im 
mündlichen Vortrag seiner eigenen Sachen war er ein Meister. Für Künstler- 
feste schuf er manches hübsche Gelegenheitsstück. 

St. ist unverheiratet gestorben. So entbehrte er ein eigenes Heim, war 
aber, wohin er kam, als guter Geselle willkommen. Er war unterhaltend wie 
kaum einer sonst; ihn erzählen zu hören und ihn dabei anzusehen, war ein 
großes Vergnügen. Auf dem Gebiet seines Wissens hatte er eine Spezialität^ 



Stinde. Wissmann. 



139 



das war schwarze Magie, Gespensterglaube und Spiritismus. Allen Kunst- 
stücken, mit denen unsere modernen Zauberer umhergehen, hatte er auf den 
Grund gesehen und konnte sie ohne Mühe zum großen Gaudium derer, die 
ihm zusahen und zuhörten, in Gesellschaft vorführen. Er war ein guter 
Weinkenner, ein froher, kluger und ausdauernder Zecher. Alles, was nicht 
echt und recht war, haßte er, allem Gemeinen war er abhold. Mit einem 
weichen Gemüt verband er große Entschiedenheit im Denken und Handeln. 
Auch von einem guten Kaufmanne hatte er etwas an sich und verschleuderte 
nichts, was Wert hatte. Er war ein richtiger Niederdeutscher von innerer 
Tüchtigkeit und gefälligem Wesen. J. Trojan. 

Wissmann, Hermann Wilhelm Leopold Ludwig (von), Afrikaforscher 
und Kolonialbeamter, * 4. September 1853 zu Frankfurt a. O., f 15. Juni 1905 
in der Nähe seines Gutes Weißenbach in Steiermark. — Der Vater, der als 
Regierungsrat im preußischen Staatsdienste stand, wurde wenige Jahre nach 
der Geburt seines Sohnes zunächst nach Langensalza in Thüringen, dann 
nach Erfurt, darauf nach Kiel, endlich nach Berlin versetzt, so daß der 
Knabe eine abwechslungsreiche Jugend verlebte. Da beide Eltern aus 
Offiziersfamilien stammten, verriet er schon frühzeitig militärische Neigungen. 
Seine geistige Ausbildung erhielt er anfangs durch Privatunterricht, dann in 
den Schulen seiner verschiedenen Wohnorte, zuletzt auf dem Gymnasium in 
Neuruppin. Ein schwerer Verlust war für ihn der 1869 nach langer Krank- 
heit erfolgte Tod des Vaters. Beim Ausbruch des Krieges gegen Frankreich 
1870 meldete er sich als Freiwilliger, doch wurde sein Gesuch wohl im Hin- 
blick auf seine Jugend zurückgewiesen. Da ihm aber der Offiziersberuf als 
das erstrebenswerteste Ziel vor Augen stand, trat er bald nachher in das 
Berliner Kadettenkorps ein. Nach bestandener Fähnrichsprüfung wurde er 
dem Mecklenburgischen Füsilierregiment Nr. 90 in Rostock zugeteilt und in 
diesem nach Absolvierung der Kriegsschule 1874 zum Leutnant befördert. 
In den ersten Jahren beschränkte er sich lediglich auf die Erfüllung seiner 
Dienstpflichten. Als er aber zufällig den aus Afrika zurückgekehrten ver- 
dienstvollen Forschungsreisenden Paul Pogge kennen lernte, gewann er an 
dessen Erzählungen solches Interesse, daß er beschloß, sich gleichfalls an 
dem schwierigen aber dankbaren Werke der Erschließung des dunklen Erd- 
teils zu beteiligen. Um zunächst die nötigen wissenschaftlichen und techni- 
schen Grundlagen zu gewinnen, hörte er an der Rostocker Universität natur- 
wissenschaftliche, geographische und ethnologische Vorlesungen, betrieb an 
der Seemannsschule astronomische und meteorologische Studien, übte sich in 
geodätischen und topographischen Arbeiten, unterrichtete sich über die Ge- 
winnung und zweckmäßige Behandlung von Sammlungsgegenständen aller Art 
und erlernte in den Werkstätten der Handwerker die unentbehrlichsten prakti- 
schen Fertigkeiten, die ihm in unkultivierten Gegenden von Nutzen sein 
konnten. Vielfache Anregungen und wertvolle Hinweise empfing er auch 
durch Dr. Otto Kersten, den glücklich heimgekehrten Begleiter des im Somali- 
lande ermordeten Freiherrn von der Decken. Als Pogge 1880 von der Deut- 
schen Afrikanischen Gesellschaft den Auftrag erhielt, eine Durchquerung des 
tropischen Afrika von Angola aus in östlicher Richtung zu versuchen, erbat 
er sich W. als Begleiter, und diesem wurde auch vom Kaiser auf Grund 



140 



Wissmann. 



seines von maßgebenden Sachverständigen befürworteten Gesuchs ein Urlaub 
von zwei Jahren bewilligt. Im Oktober traten die beiden Forscher in Ham- 
burg die Ausreise an und trafen nach mehreren Wochen glücklich in S. Paulo 
de Loanda an der portugiesischen Guineaküste ein. Von hier aus begannen 
sie sogleich den Vormarsch nach dem Innern. In Malange, etwa 350 km von 
der Küste entfernt, warteten sie das Ende der Regenzeit ab und stellten eine 
Trägerkarawane zusammen. Während ihres Aufenthaltes an diesem wichtigen 
Handelsplatze hatten sie das Glück, mit zwei deutschen Forschern, dem Arzt 
Dr. Max Buchner und dem Major Alexander v. Mechow, zusammenzutreffen, 
die ihnen aus dem Schatz ihrer Erfahrungen wertvolle Ratschläge namentlich 
über die Behandlung der Eingebornen erteilten. Am 3. Juni 1881 waren alle 
Vorbereitungen soweit gediehen, daß der Aufbruch erfolgen konnte. Begleitet 
von 88 Trägern zog die Expedition in annähernd östlicher Richtung zunächst 
nach dem etwa 500 km weiter landeinwärts unter dem 10. Breitengrad ge- 
legenen Verkehrsmittelpunkte Kimbunda, der nach Überwindung zahlreicher 
dem Kassai zuströmender Wasserläufe und anderer Geländeschwierigkeiten 
am 20. Juli erreicht wurde. Unterwegs hatte sich Pogges Gesundheitszustand 
infolge einer schmerzhaften Unterkieferverletzung derart verschlimmert, daß 
W. für den weiteren Verlauf der Reise die Leitung übernehmen mußte. Auf 
seinen Wunsch verließ man nun die östliche Richtung und wendete sich nach 
Norden in die unbekanntesten Teile des großen Lundareiches. Bei Kikasa 
überschritt man ohne Unfall den gewaltigen Kassai und gelangte in das 
Gebiet der Ackerbau treibenden Balubastämme, welche die Fremdlinge 
freundlich aufnahmen. Nach einer wohlverdienten Ruhepause setzte man den 
anstrengenden Marsch in vorwiegend nordöstlicher Richtung teils durch 
wohlangebaute und dicht bevölkerte Gegenden, teils durch Urwälder und 
Sümpfe fort, erforschte unter vielen Gefahren und Beschwerden eine Reihe 
wasserreicher Flüsse, namentlich den Lulua, Sankuru und Lomami, und erreichte 
bei der arabischen Handelsniederlassung Nyangwe den Oberlauf des Kongo, 
der hier den Namen Lualaba führt. An diesem Orte trennten sich die beiden 
Gefährten. Pogge kehrte mit den meisten schwarzen Begleitern um, W. da- 
gegen drang mit ganz geringen Hilfsmitteln durch das Gebiet der kriegerischen 
Manyema weiter nach Südosten vor und gelangte trotz Krankheit, Ent- 
behrungen und Feindseligkeiten der Eingebornen am 18. Juli 1882 an das 
Westufer des Tanganjika-Sees. In dem gastlichen Hause eines englischen 
Missionars gönnte er sich eine längere Erholungspause, die er zur genaueren 
Untersuchung des Lukuga, jenes merkwürdigen, periodisch verschwindenden 
Seeabflusses verwendete. Nach seiner völligen Wiederherstellung segelte er 
mit Hilfe arabischer Sklavenhändler über den See, besuchte Mirambo, den 
mächtigen Herrscher von Unyamwesi, der ihm wertvollen Beistand und Schutz 
gewährte, und hielt sich dann einige Zeit in Tabora, einem Hauptmarkte der 
arabischen Kaufleute auf. Hier lernte er den einflußreichen Großhändler 
Tippu Tipp kennen, der gerade eine nach der Küste bestimmte Karawane 
zusammenstellte. Beide beschlossen, den gefährlichen Weg durch die von 
räuberischen Stämmen bewohnte Landschaft Ugogo gemeinsam zurückzu- 
legen. Da sich aber allerhand Unzuträglichkeiten herausstellten, trennte sich 
W. in Mpapua von seinem Begleiter und eilte durch die fruchtbaren Gebiete 
von Usagara und Useguha dem Meere zu. Am 15. November erreichte er 



VVissmann. IJ.1 

wohlbehalten den Hafenplatz Saadani und hatte damit die erste Durch- 
querung des tropischen Afrika von West nach Ost glücklich vollendet. Die 
wichtigsten wissenschaftlichen Ergebnisse dieser Reise waren die Entdeckung 
des Sankuru-Flusses und die Auffindung des kürzesten Weges zwischen dem 
oberen Kassai und dem oberen Kongo. 

Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Sansibar, wo er zuerst wieder 
von Landsleuten begrüßt wurde, begab er sich über Aden nach Kairo. Hier 
verbrachte er den Rest des Winters, um sich nicht der Ungunst des nordi- 
schen Klimas auszusetzen, und er hatte die Freude, nicht nur mit dem 
berühmten Afrikaforscher Georg Schweinfurth, sondern auch mit dem Prinzen 
Friedrich Karl von Preußen bekannt zu werden, den er im Februar 1883 auf 
einer Wanderung durch die Sinaihalbinsel begleiten durfte. Im April kehrte 
er über Italien nach der Heimat zu seinen Angehörigen zurück und erstattete 
der Afrikanischen Gesellschaft Bericht über seine Erlebnisse und Erfolge. 
Reiche Anerkennung wurde ihm zuteil, denn man überzeugte sich, daß er 
mit geringen Mitteln unter gewaltigen Entbehrungen und Anstrengungen 
wahrhaft Glänzendes geleistet hatte. Während er nun mit der Ausarbeitung 
seiner Reisetagebücher beginnen wollte, erging ein Ruf des Königs Leopold IL 
von Belgien an ihn, die Führung einer Expedition zu übernehmen, welche 
den Lauf des Kassai, jenes gewaltigen linken Nebenflusses des Kongo, erfor- 
schen sollte. W. glaubte sich dem ehrenvollen Antrag nich't entziehen zu 
sollen und arbeitete einen Reiseplan aus. Als Begleiter wählte er den Haupt- 
mann Curt v. Frangois, den allzu früh verstorbenen Stabsarzt Dr. Ludwig 
Wolf und die beiden Leutnants Hans und Franz Müller. Bereits am 16. No- 
vember 1883 verließ die Gesellschaft Hamburg und traf nach wenigen Wochen 
wohlbehalten im Hafen von S. Paulo de Loanda ein. Man fuhr zunächst 
den Kuanza aufwärts und zog dann über Land nach dem portugiesischen 
Militärposten Malanga. Unterwegs begegneten die Reisenden dem todkranken 
Pogge, der nach Deutschland zurückkehren wollte, aber bereits in Loanda 
seinen jahrelangen Leiden erlag. Nachdem eine Karawane von 500 Köpfen 
zusammengestellt worden war, zog man langsam unter Überschreitung vieler 
Zuflüsse des Kassai nach Osten, und zwar weiter nördlich als auf der ersten 
Reise. Am 18. Oktober 1884 erreichte man den Strom bei der Fähre von 
Kikasa, besuchte einen weiter oberhalb gelegenen großartigen Wasserfall, der 
den Namen Pogge-Fall erhielt, und beschloß dann, zunächst einige rechte 
Nebenflüsse, namentlich den Lulua, zu erforschen. Zu diesem Zwecke nahm 
man in Makenge, dem Hauptorte des fruchtbaren und dicht bevölkerten Ge- 
bietes der Baschilange, einen längeren Aufenthalt. Da aber der schwankende 
Charakter dieser Neger feindliche Angriffe befürchten ließ, wurde, wenige 
Kilometer weiter nördlich eine feste Station errichtet, die noch heute unter 
dem Namen Luluaburg besteht. Von hier aus unternahmen die Leiter der 
Expedition Streifzüge in die weitere Umgebung, um das Land topographisch 
aufzunehmen und Freundschaftsverträge mit den Häuptlingen abzuschließen. 
Nachdem eine Flotte von Kähnen gebaut worden war, begann am 28. Mai 
1885 die in wissenschaftlicher Hinsicht bedeutsame und ergebnisreiche Strom- 
fahrt, die unter Überwindung vieler Katarakte, Sandbänke und anderer 
Hindernisse zunächst den Lulua, dann den Kassai abwärts ging. Überall 
wurden sorgfältige Messungen der Strombreite und der Wassertiefe angestellt 



1^2 Wissmann. 

und die Mündungen der zahlreichen Zuflüsse kartographisch festgelegt, auch 
die umwohnenden Volksstämme und die Tier- und Pflanzenwelt eingehend beob- 
achtet. Nach mehreren Gefechten mit kriegerischen Eingeborenen erreichte 
man am 9. Juli den Kongo, wo man nach langer Zeit wieder mit den ersten 
Weißen, und zwar Beamten des neugebildeten Kongostaates, zusammentraf. 
Dann fuhr man zu Schiffe den Kongo abwärts, zunächst bis Leopoldville 
am Stanley-Pool, wo die Reisenden durch zwei Landsleute, die Leutnants 
Kund und Tappenbeck begrüßt wurden, dann weiter nach der Küste. Mit 
dem stolzen Bewußtsein, seinem Auftrage gemäß das Kassai-Problem glänzend 
gelöst und durch seine Forschungen die bisherigen Ansichten über die Be- 
wässerungsverhältnisse des südlichen Kongobeckens völlig umgestaltet zu 
haben, verließ W. den afrikanischen Kontinent und begab sich zunächst nach 
Madeira, um hier Erholung von den schweren Strapazen der Reise und 
Heilung von einem lästigen asthmatischen Leiden zu suchen. 

Mit lebhaftem Interesse erfüllte ihn die Kunde von der Erwerbung deut- 
scher Schutzgebiete in Afrika, die während seiner Abwesenheit begonnen 
hatte. Er gab wiederholt dem Wunsche Ausdruck, in den deutschen Kolo- 
nialdienst eintreten zu können, da sich ihm aber zurzeit noch keine gün- 
stigen Aussichten eröffneten, folgte er wiederum einer Einladung des Königs 
Leopold von Belgien, sich an der Organisation und näheren Erforschung des 
neugeschaffenen Kongostaates zu beteiligen und namentlich die Möglichkeit 
einer Verhinderung oder Einschränkung der greuelvollen Sklavenjagden und 
des Sklavenhandels an Ort und Stelle zu untersuchen. Im Januar 1886 begab 
er sich wieder nach der Mündung des Kongo, fuhr mit einem Dampfer zu- 
nächst diesen Strom, dann den Kassai und Lulua aufwärts und erreichte 
nach angestrengten Märschen am 29. April glücklich die Station Luluaburg, 
die er im besten Zustande vorfand. Von hier aus unternahm er mehrere 
Wochen hindurch kleinere Entdeckungszüge in die unbekannten Gebiete 
zwischen Kassai, Lulua und Sankuru. Namentlich befuhr er den Kassai auf- 
wärts bis zu jenen großartigen Wasserfällen, die auf Ludwig Wolfs Vorschlag 
Wißmann-Fälle genannt wurden. Von einem Versuche, die Quellen des San- 
kuru zu erreichen, mußte er wegen der feindseligen Haltung der umwohnen- 
den Balubastämme abstehen. Am 16. November verließ er Luluaburg, um im 
östlichen Teile des Kongostaates bis zum Tanganjika-See hin die Anfänge einer 
Regicrungsgewalt zu organisieren. Mit einer Karawane von mehr als 900 Köpfen 
zog er zunächst in nordöstlicher Richtung bis Lusambo am Sankuru, wo er 
eine befestigte Station anlegte. Hierauf untersuchte er, wiederholt die Route 
seiner ersten großen E.xpedition kreuzend und alte Bekannte unter den Neger- 
häuptlingen begrüßend, aber auch öfters durch feindselige Angriffe belästigt, 
das inzwischen durch Sklavenjäger verwüstete und entvölkerte weite Gebiet 
zwischen Sankuru und Kongo, namentlich den Lauf des Lomami und seiner 
Nebenflüsse. Unterwegs traf er im Urwalde einige Angehörige des merk- 
würdigen Zwergvolkes der Batua, wenige Tagereisen später auch eine plün- 
dernd umherziehende Truppenmacht seines ehemaligen Reisegefährten, des 
arabischen Sklavenhändlers Tippu Tipp, die er wegen ihrer Stärke und guten 
Bewaffnung ungestraft vorbeipassieren lassen mußte. Da die Lebensmittel in 
dem verheerten Lande selten waren, litt seine Karawane entsetzlich unter 
Hunger, Krankheiten und Todesfällen, so daß sie völlig geschwächt und 



Wissmann. 



143 



stark gelichtet endlich in Nyangwe anlangte. Die hier wohnenden einfluß- 
reichen arabischen Kaufleute wollten die Oberhoheit des Kongostaates nicht 
anerkennen, da sie mit Recht einen Niedergang des einträglichen Menschen- 
handels voraussahen. Sie drohten, den Reisenden gefangen zu nehmen und 
als Geisel zu behandeln, wenn er versuchen sollte, den Kongo abwärts nach 
den belgischen Militärstationen zu gelangen. Da er gegen die Übermacht 
weder durch Gewalt noch durch List etwas ausrichten konnte, sah er sich 
genötigt, auf die Stromfahrt zu verzichten und seinen Marsch in östlicher 
Richtung fortzusetzen. Er schlug die vielbegangene Straße nach dem Tan- 
ganjika-See ein und hatte fast täglich Gelegenheit, die Greuel des hier in 
Blüte stehenden Sklavenhandels mit anzusehen. In Udjidji am Ostufer des 
Sees faßte er den kühnen Plan, über den Albert-See zu Emin-Bey nach der 
ägyptischen Äquatorialprovinz vorzudringen und danp von Norden her den 
Kongo zu erreichen. Als er aber bemerkte, daß auch hier die arabischen 
Kaufleute seine Absicht um jeden Preis verhindern wollten, beschloß er, 
nach Süden ausbiegend, so schnell als möglich nach der Ostküste zu eilen. 
Er segelte am Westufer des Tanganjika hin bis zur Südspitze, überschritt 
dann, von Fieber, Asthma und Rheumatismus schwer gepeinigt, die Wasser- 
scheide nach dem Nyassa, kreuzte diesen See auf einem englischen Dampfer 
und fuhr endlich auf einem Ruderboot den Schire abwärts bis in den Sam- 
besi. Am 8. August 1887 traf er in Quelimane ein und hatte damit den 
Indischen Ozean erreicht. Über Sansibar und Kairo kehrte er so schnell 
als möglich nach der Heimat zurück, wo ihm ein herzlicher und ehrenvoller 
Empfang bereitet wurde. 

Als sich im Herbst sein asthmatisches Leiden mit verstärkter Gewalt 
einstellte, ging er wieder nach Madeira, um dort den Winter zu verbringen 
und zugleich die Tagebücher seiner drei großen Reisen für den Druck vor- 
zubereiten. Zuerst erschien der reich mit Karten und Abbildungen aus- 
gestattete Bericht über die Kassai-Expedition, an dem auch die überlebenden 
Teilnehmer L. Wolf, C. v. Frangois und H. Müller mitgearbeitet hatten: »Im 
Innern Afrikas. Die Erforschung des Kassai während der Jahre 1883 — 85« 
(Leipzig 1888, 3. Aufl. 1891). Im nächsten Jahre folgte dann das mit Span- 
nung erwartete Werk über die erste Durchquerung des schwarzen Erdteils: 
»Unter deutscher Flagge quer durch Afrika von West nach Ost, von 1880 
bis 1883 ausgeführt durch Paul Pogge und H. W. Mit einem Titelbilde 
und vielen Abbildungen von Rudolf Hellgreve« (Berlin 1889, 8. Aufl. 1902, 
Volksausgabe 1892). Um die Drucklegung dieser Bücher zu überwachen, 
war W. im Sommer 1888 nach Deutschland zurückgekehrt. Hier fand er 
eine erwünschte Gelegenheit, seine afrikanischen Erfahrungen nutzbringend 
zu verwerten. In weiten Kreisen zeigte sich damals eine lebhafte Teilnahme 
an dem Schicksal Emin Paschas, der durch den Mahdistenaufstand von der 
Außenwelt völlig abgeschnitten im ägyptischen Sudan als Gefangener lebte. 
Angesichts dieser Sachlage traten mehrere hochherzige Männer zusammen 
und berieten über die Möglichkeit, dem berühmten Forscher in seiner ver- 
zweifelten Lage Hilfe zu bringen. W. stellte sich dem Komitee zur Ver- 
fügung, und auf seinen Rat wurde der Beschluß gefaßt, zwei Expeditionen 
zur Rettung des Eingeschlossenen auszusenden. Die kleinere sollte unter 
W.s Führung vorauseilen, die größere unter Karl Peters nachfolgen. Im 



144 



Wissmann. 



Notfall sollten sich beide mit der vom Kongo her anrückenden Entsatztruppe 
Stanleys vereinigen. Während die Verhandlungen über diese Angelegenheit 
noch schwebten, brach im August 1888 in Ostairika ein gefährlicher Aufstand 
der Araber und der von ihnen beeinflußten Eingeborenen gegen die Deutsche 
Ostafrikanische Gesellschaft aus, die eben vom Sultan von Sansibar die Ver- 
waltung der ihm bis dahin zustehenden Küstenstriche übernommen hatte. 
Da die Gesellschaft nicht die Mittel zu energischer Kriegführung aufbringen 
konnte, wendete sie sich mit der Bitte um Hilfe an das Reich. Kaiser und 
Kanzler suchten nach einem Manne, der hinreichende Kenntnis von Land 
und Leuten mit militärischer Tüchtigkeit verband. Ihre Blicke lenkten sich 
auf W., der auch sogleich seine Bereitwilligkeit erklärte, von dem Emin- 
Unternehmen zurückzutreten und die Niederwerfung der Empörer zu ver- 
suchen. Unter Beförderung zum Hauptmann wurde er zum Reichskommissar 
für Ostafrika ernannt. Nachdem der Reichstag eine später allerdings weit 
überschrittene Summe von zwei Millionen Mark bewilligt hatte, begab sich 
W. Ende Februar 1889 mit einem Stabe von deutschen Offizieren, Ärzten, 
Beamten und Unteroffizieren nach Sansibar, um hier zunächst eine kriegs- 
tüchtige Truppe zusammenzustellen. In Ägypten warb er mehrere hundert 
Sudanesen an, die sich schon in früheren Kämpfen vortrefflich bewährt hatten, 
dazu in Aden eine Abteilung Somali, und im portugiesischen Ostafrika eine 
beträchtliche Zahl der kriegerischen Zulukaffern. Diese so verschiedenartigen 
Mannschaften übte er rasch ein und verteilte sie dann in die wichtigsten 
Küstenplätze. Da es bei der vielfachen Überzahl des Feindes unmöglich 
erschien, die einzelnen Hauptherde des Aufstandes gleichzeitig anzugreifen, 
entschloß er sich, einen festen Platz nach dem andern zu erobern. Der erste 
Schlag erfolgte gegen das verschanzte Lager des Rebellenführers Buschiri 
bei Bagamoyo, das am 8. Mai 1889 erstürmt und zerstört wurde. In den 
nächsten Wochen fielen dann die weiter nördlich gelegenen Küstenplätze 
Saadani, Pangani und Tanga. Buschiri war indessen nach dem Innern des 
Landes geflohen, hatte hier seine Anhänger wieder gesammelt und den wich- 
tigen, von der Ostafrikanischen Gesellschaft bisher gehaltenen Handelsplatz^ 
Mpapua an der Karawanenstraße nach dem Tanganjika-See verbrannt. W. 
folgte ihm, baute die Station wieder auf und befestigte sie, während sein 
Stellvertreter v. Gravenreuth die von Buschiri zu Hilfe gerufenen Mafiti in 
zwei blutigen Gefechten schlug. Auch ein letzter Angriffsversuch des Em- 
pörers bei Pangani endigte mit seiner Niederlage. Er wurde auf der Flucht 
gefangen und nach kriegsgerichtlichem Urteile gehenkt. Ein zweiter einfluß- 
reicher Führer der Aufständischen, Bana Heri, mußte sich nach mehreren 
empfindlichen Niederlagen unterwerfen. Darauf zog der inzwischen zum 
Major beförderte Reichskommissar mit der wesentlich verstärkten Schutz- 
truppe nach dem Süden des Küstengebietes und besetzte die Häfen Kilwa^ 
Lindi und Mikindani. Damit war der Aufstand, der die deutsche Herrschaft 
in Ostafrika ernstlich bedroht hatte, im Mai 1890 endgültig niedergeschlagen 
und die Ruhe, wenigstens im Küstengebiet, wiederhergestellt. W. nahm nun 
einen längeren Urlaub, um sich von den Strapazen des Feldzuges zu erholen 
und um den leitenden Stellen in Berlin persönlich seine Pläne für die gedeih- 
liche Weiterentwicklung des Schutzgebietes vorzulegen. In Deutschland 
wurde er mit Jubel empfangen, die Presse der nationalen Parteien beglück- 



Wissmann. I45 

wünschte ihn zu seinen Erfolgen, und der Kaiser erhob ihn in Anerkennung 
seiner Verdienste in den erblichen Adelsstand. Auch Fürst Bismarck, den 
er in Kissingen besuchte, drückte ihm seine Bewunderung aus, dagegen 
behandelte ihn der Reichskanzler v. Caprivi auffällig kühl, da er sith durch 
eine scharfe Kritik des kürzlich abgeschlossenen deutsch-englischen Vertrages 
über die Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Ostafrika ver- 
letzt fühlte. Während sich W. in Deutschland aufhielt, wurde er in eine 
literarische Fehde mit dem Herausgeber der »Allgemeinen Missionszeitschrift«, 
Dr. G. Wameck in Halle, verwickelt. In einigen Aufsätzen hatte er auf 
Grund seiner Erfahrungen behauptet, daß die christliche Mission nur dann 
von kulturellem Wert sei, wenn sie den Neger zur Arbeit zu erziehen ver- 
möchte. Auch hatte er hinzugefügt, daß die katholischen Glaubensboten in 
diesem Punkte bisher Bedeutenderes und Nachhaltigeres geleistet hätten als 
die evangelischen. Warneck suchte diese Behauptungen durch eine Schrift 
»Zur Abwehr und Verständigung. Offener Brief an Herrn Major v. W., 
kaiserlichen Reichskommissar. Ein Wort der Erwiderung auf seine Urteile 
über die Missionen beider christlichen Konfessionen« (Gütersloh 1890) zu 
entkräften, worauf W. zur näheren Begründung seiner Thesen eine » Antwort auf 
den offenen Brief des Herrn Dr. Warneck über die Tätigkeit der Missionen beider 
christlichen Konfessionen« (Berlin 1890) veröffentlichte. Im Herbst desselben 
Jahres vollendete er noch das Manuskript eines zusammenfassenden Werkes 
über seine dritte große Reise, das unter dem Titel »Meine zweite Durch- 
querung Äquatorial-Afrikas vom Kongo zum Zambesi während der Jahre 
1886 und 1887«, mit Karten und Abbildungen geschmückt, bald darauf er- 
schien (Frankfurt 1891). 

Ende November 1890 kehrte er wieder nach dem Schutzgebiete zurück. 
Er fand die Ruhe an der Küste nirgends gestört und ging nun sogleich 
daran, zur Wiederbelebung des Handels die nach dem Innern führenden 
Karawanenstraßen zu eröffnen und durch Militärposten zu sichern. Zunächst 
nahm er den nördlichen Straßenzug in Angriff, der von Tanga aus durch die 
fruchtbare und zum Plantagenbau wohlgeeignete Landschaft Usambara am 
Kilimandscharo vorüber nach dem Viktoria-See führt. Hier herrschte ziem- 
liche Unsicherheit durch räuberische Überfälle der Massai und Wapare. W. 
drang im Januar 1891 bis an den Kilimandscharo vor, besiegte die unbot- 
mäßigen Häuptlinge in mehreren Gefechten und zwang sie zur Unterwerfung. 
Als er im Begriff war, nach der Küste zurückzukehren, erhielt er die amt- 
liche Mitteilung, daß er mit Ende März die oberste Leitung der Geschäfte 
dem neu ernannten Gouverneur v. Soden zu übergeben habe. Obwohl er 
gehofft hatte, diesen einflußreichen Posten selbst zu erhalten, ließ er sich 
durch die Zurücksetzung nicht verbittern, sondern beschloß auch in Zukunft 
dem Vaterlande im Kolonialdienste zu nützen. Er verblieb auch weiterhin 
Reichskommissar, obschon zur Verfügung des Gouverneurs und ohne die bis- 
herige Selbständigkeit. Sein nächster Wunsch ging dahin, den seither 
sehr schwachen deutschen Einfluß im Innern und an der Westgrenze des 
Schutzgebietes zu stärken und zu sichern. Zu diesem Zwecke schlug er vor, 
auf den großen Seen Handelsdampfer zu stationieren und den Uferverkehr 
durch Militärposten zu schützen. Während eines Urlaubes, den er in der 
Heimat zubrachte, gelang es ihm, das deutsche Antisklaverei-Komitee für 

Biog^r, Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 10. Bd. lO 



146 Wissmann, 

diese Angelegenheit zu interessieren und mit dessen Hilfe eine Summe von 
300000 M. zusammenzubringen, die zum Ankauf eines Dampfers verwendet 
wurde, der W.s Namen tragen sollte. Als aber der Transport des Schiffes 
nach dem Viktoria-See beginnen sollte, traf die Nachricht von der Vernich- 
tung der Zelewskischen Expedition durch die räuberischen Wahehe ein. W. 
erkannte, daß unter diesen Verhältnissen der Plan abgeändert werden müsse. 
Er beschloß deshalb, den Dampfer auf dem Wasserwege durch portugiesisches 
Gebiet den Sambesi und Schire aufwärts nach dem Nyassa zu führen. Nach 
Überwindung erheblicher Schwierigkeiten gelang das große Werk, und der 
Dampfer erwies sich bald als ein wesentlicher Stützpunkt der deutschen 
Macht in jenen Gegenden. Der Reichskommissar war unterdes mit Erfolg 
bestrebt, den deutschen Einfluß auch bis an die Grenzen des Kongostaates 
hin auszudehnen. Zunächst gründete er am Nordrande des Nyassa die 
Station Langenburg. Dann drang er nach dem kleinen Rikwa-See vor, 
besiegte die unruhigen Wanika und Wanemba, erreichte den Tanganjika, wo 
er Maßregeln zur Unterdrückung des Sklavenhandels traf, und kehrte endlich 
im Oktober 1893 nach der Küste zurück. Da sich unterdes seine körper- 
lichen Leiden wieder in starkem Maße eingestellt hatten, sah er sich aber- 
mals genötigt, einen längeren Urlaub anzutreten. Den Winter füllte er, um 
sich nicht dem europäischen Klima auszusetzen, durch eine Reise nach 
Indien aus, wo er sich hauptsächlich der Jagd widmete, aber auch jede 
Gelegenheit benutzte, um die Verwaltungsmethoden der britischen Regierung 
und ihr Verhältnis zu den Eingeborenen kennen zu lernen. Im Frühjahr 
1894 traf er neugestärkt in Deutschland ein und ließ sich bei seinen Ver- 
wandten in dem stillen Städtchen Lauterberg am Harz nieder. Die Muße 
der nächsten Monate benutzte er, um für das Militärwochenblatt eine Reihe 
von Aufsätzen über den Kolonialdienst zu verfassen, die später in Buchform 
vereinigt erschienen (»Afrika. Schilderungen und Ratschläge zur Vorbereitung 
für den Aufenthalt und den Dienst in den deutschen Schutzgebieten «, Berlin 1895, 
2. Aufl. 1903). In demselben Jahre erlebte er auch die Freude, daß ihm die 
philosophische Fakultät der Universität Halle in Anerkennung seiner Verdienste 
um die Afrikaforschung und die deutsche Kolonialpolitik ihren Doktortitel 
honoris causa verlieh. Bald darauf verheiratete er sich mit Hedwig, der Tochter 
des um die Kolonialsache verdienten Geh. Kommerzienrates Langen in Köln. 
Unterdes war im Herbst 1894 Graf Caprivi, sein alter Gegner, vom 
Reichskanzleramte zurückgetreten. Fürst Hohenlohe wünschte der Kolonial- 
verwaltung die Dienste des bewährten Afrikaners zu erhalten und befürwortete 
deshalb seine Ernennung zum kaiserlichen Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, 
die im April 1895 auch tatsächlich erfolgte. Ende Juli traf er in seinem 
Regierungssitze Dar-es-Salaam ein. In einem Aufrufe an die Bewohner des 
Schutzgebietes erklärte er, daß er seine Kraft vor allem der wirtschaftlichen 
Erschließung der Kolonie für das .Mutterland und der kulturellen Hebung 
der eingeborenen Bevölkerung widmen wolle. Um dieses Ziel zu erreichen, 
regte er eine große Zahl von wichtigen gesetzlichen Bestimmungen, nament- 
lich über die Schaffung von Kronländereien, den Landerwerb durch Gesell- 
schaften und Private, die Einführung einer Hüttensteuer und die Erhaltung 
des Wildstandes an. Auch unternahm er eine Inspektionsreise durch alle 
Teile des Küstengebietes, sorgte für tatkräftige Hilfe während einer durch 



Wissmann. 



147 



Heuschreckenfraß verursachten Hungersnot, züchtigte unbotmäßige Häupt- 
linge und unterdrückte den Sklavenhandel soviel als möglich. Aber die 
überaus anstrengende amtliche Tätigkeit untergrub im Verein mit mancherlei 
Verdrießlichkeiten schon in kurzer Zeit seine ohnehin nicht sehr widerstands- 
fähige Gesundheit, so daß er sich im Mai 1896 genötigt sah, einen Heimat- 
urlaub zu erbitten. Nachdem er noch die in politischer Hinsicht wichtige 
Entwaffnung des von britischem auf deutsches Gebiet übergetretenen Rebellen- 
führers Mbaruk bin Raschid mit bestem Erfolg durchgeführt hatte, trat er 
die Heimreise an, suchte zunächst Erholung in Italien und der Schweiz und 
schlug dann seinen Wohnsitz in Berlin auf. Hier sah er bald ein, daß er 
nicht wieder nach dem tropischen Afrika zurückkehren könnte und suchte 
deshalb seine Versetzung in den einstweiligen Ruhestand nach. Um der 
Regierung seinen Rat in Kolonialfragen auch fernerhin zu sichern, wurde er, 
ohne indes an Berlin gebunden zu sein, zur Verfügung des Direktors der 
Kolonialabteilung gestellt. Im Jahre 1897, als sich seine Gesundheit wieder 
hinlänglich gefestigt hatte, unternahm er hauptsächlich zu Jagdzwecken eine 
Reise durch Rußland und Sibirien bis zum Altai und über die chinesische 
Grenze, desgleichen im folgenden Jahre in gleicher Absicht eine Fahrt durch 
das deutsche und britische Südafrika und die beiden Burenfreistaaten. Eine 
neue schwere Erkrankung nötigte ihn aber, das unruhige Wanderleben auf- 
zugeben. Um fern von dem Treiben der großen Welt zu sein, erwarb er 
das herrlich gelegene Waldgut Weißenbach bei Liezen im obersteirischen 
Ennstale. Hier widmete er sich außer seiner Familie, die allmählich auf 
vier Kinder heranwuchs, vor allem der Jagd und der Landwirtschaft. Da- 
neben verfolgte er mit Aufmerksamkeit den Gang der deutschen Kolonial- 
politik und war stets bereit, die Regierung durch Ratschläge namentlich 
über die Schaffung und Unterhaltung einer Kolonialarmee, über die Anlage 
von Militärstationen und über die Arbeiterfrage in den Kolonien zu unter- 
stützen. Einen hervorragenden Anteil nahm er an der Vorbereitung und 
Durchführung der im Mai 1900 in London abgehaltenen Konferenz zur Her- 
beiführung einer internationalen Verständigung über den Schutz des afrika- 
nischen Wildes. In den Mußestunden arbeitete er an seinen bisher nicht 
veröffentlichten Lebenserinnerungen und vollendete ein Gedenkbuch, das 
unter dem Titel »In den Wildnissen Afrikas und Asiens. Jagderlebnisse« 
in prächtiger Ausstattung mit vielen von Wilhelm Kuhnert entworfenen Ab- 
bildungen erschien (Berlin 1901). Mitten aus diesem reichen Leben wurde 
er durch einen unerwarteten Tod herausgerissen, indem er am Abend des 
15. Juni 1905 auf der Jagd durch einen vorzeitig losgegangenen Schuß seines 
eigenen (jewehres verunglückte. Die Beisetzung fand auf deutschem Boden 
in Köln statt. An seinem Geburtshause wurde bald darauf eine Gedenktafel 
angebracht. Die Errichtung würdiger Denkmäler in Lauterberg und Dar-es- 
Salaam ist geplant. Seine zweimalige Durchquerung Afrikas und seine Lösung 
des Kassaiproblems sichern ihm in der Entdeckungsgeschichte, die Nieder- 
werfung des Araberaufstandes, die Begründung der ostafrikanischen Schutz- 
truppe und die Bekämpfung des Sklavenhandels und der Menschenjagden in der 
deutschen Kolonialgeschichte ein dauerndes Andenken. Ein Verzeichnis seiner 
Schriften einschließlich der kleineren Abhandlungen findet sich in der Deut- 
schen Kolonialzeitung XXII (1905), S. 327 f. 



10* 



1 48 Wissmann. Bastian. 

Biographisches Hauptwerk: C. v. Perbandt, G. Richelmann, R. Schmidt: Hermann 
V. Wissmann, Deutschlands größter Afrikaner. Sein Leben und Wirken unter Benutzung 
des Nachlasses dargestellt. Berlin 1906. (Mit Abbildungen, Karten und bibliogfraphischen 
Nachweisen.) — Andere Quellen: H. Elm, Reichskommissar H. W. Dresden 1890. — F. 
Ruhle, H. V. W. Münster 1892. — Gedächtnisartikel von C. v. Perbandt in der Unter- 
haltungsbeilage der Täglichen Rundschau 1905, Nr. 142; S. Günther in der Nation XXII 
(1905)1 Nr. 39; C. Mense in der Woche VII (1905), Nr. 25; A. Kirchhoff in der Geo- 
graphischen Zeitschrift XII (1906), Heft i; E. Wolf in den Grenzboten LXV (1906), Nr. 
I — 3. — Zahlreiche Nachrufe ih Tageszeitungen, kolonialen, militärischen und geographi- 
schen Zeitschriften sind verzeichnet im Geographenkalender IV (1906/07), S. 255. 

Viktor Hantzsch. 

Bastian, Philipp Wilhelm Adolf, berühmter Ethnolog und Forschungs- 
reisender, * 26. Juni 1826 in Bremen, f 3. Februar 1905 in Port of Spain auf 
Trinidad. — Als Sohn einer angesehenen und wohlbegüterten Kaufmanns- 
familie wurde er schon in früher Jugend vielfach auf die Verhältnisse fremder 
Länder und Völker hingewiesen, und der anregende Verkehr mit weitge- 
reisten und welterfahrenen Männern ließ in ihm die Sehnsucht nach der 
Ferne erwachen. Nachdem er das Gymnasium seiner Vaterstadt mit dem 
Zeugnis der Reife verlassen hatte, begann er zunächst in Heidelberg Juris- 
prudenz zu studieren. Allerdings sagte ihm dieses Fach so wenig zu, daß 
er schon im zweiten Jahre davon abzustehen beschloß, doch eignete er sich 
immerhin hinlängliche juristische Kenntnisse an, um später die Rechtsver- 
hältnisse der von ihm besuchten Naturvölker sachverständig beurteilen und 
mit den in der Kulturwelt herrschenden vergleichen zu können. Er ging 
nun zum Studium der Medizin und der Naturwissenschaften über, das er in Ber- 
lin, Jena, Prag und Würzburg betrieb. An der letztgenannten Universität war 
er ein Schüler Rudolf Virchows, der hier seit kurzem als Professor der patho- 
logischen Anatomie wirkte. Nachdem er 1850 die ärztliche Staatsprüfung 
bestanden und den medizinischen Doktortitel erworben hatte, begann er mit 
der Ausführung seiner längst gehegten Reisepläne. Es war seine Absicht, 
möglichst tiefe Einblicke in das Seelenleben der Naturvölker zu gewinnen 
und ebenso die Ergebnisse ihres Nachdenkens wie die Gebilde ihrer Phantasie, 
namentlich ihre religiösen und sittlichen Vorstellungen, kennen zu lernen. 
Die erste Reise, die ihn rings um die Erde führte, hielt ihn acht Jahre von der 
Heimat fern. Er fuhr zunächst als Schiffsarzt nach. Australien, besuchte die 
neuentdeckten Goldfelder, lebte längere Zeit in den Niederlassungen der 
Ureinwohner, kreuzte mehrere Monate zwischen den Inselgruppen der Südsee 
umher und begab sich dann zu flüchtigem Besuche nach den Philippinen 
und der chinesischen Hafenstadt Amoy. Darauf kehrte er nach Australien 
zurück, verweilte bei dem merkwürdigen Volke der Maori auf Neuseeland 
und bei den freundlichen Bewohnern von Tahiti, segelte dann quer über 
den Stillen Ozean nach der Westküste Südamerikas, durchzog Chile und die 
Kordillere von Peru, untersuchte die Tempelruinen der Inkazeit in der Um- 
gebung des Titicacasees und überschritt die Landenge von Panama. Nun 
eilte er über Westindien nach New York und durch die Vereinigten Staaten 
den Mississippi abwärts nach dem Hochlande von Mexiko, um die Überreste 
der aztekischen Kultur, namentlich des eigenartigen Schriftwesens, kennen zu 
lernen, fuhr dann von San Francisco nach Hongkong und erreichte über 



Bastian. I ^p 

Singapore die Gangesmündung. Er ruderte in einem Boote den heiligen 
Strom aufwärts, drang nach den im Urwalde versteckten berühmten Felsen- 
tempeln von Ellora vor, deren überreicher figürlicher Schmuck die ganze 
bunte Welt der indischen Mythologie darstellt, und bestieg in Bombay ein 
englisches Kriegsschiff, das ihn nach Buschir am Persischen Meerbusen brachte. 
Weiterhin zog er den Tigris entlang nach Bagdad, besuchte die uralten 
Kulturstätten Mesopotamiens, besonders die durch Layard teilweise aufge- 
deckten Trümmer der assyrischen Königspaläste von Ninive, durchquerte Syrien, 
suchte Jerusalem und die andern durch die Tradition geheiligten Orte der 
Bibel auf und gelangte schließlich über Kleinasien und Griechenland nach 
Konstantinopel. Hier faßte ihn die Sehnsucht nach der Heimat, aber während 
er die Donau aufwärts fuhr, gab er plötzlich die Absicht der Rückkehr wieder 
auf. Über Triest, Rom, Neapel und Tunis eilte er rasch nach dem Lande 
des Nil und folgte dem Strome bis zu den Jluinen von Denderah in Ober- 
ägypten. Dann ritt er ostwärts durch die Wüste nach dem Roten Meere, 
schloß sich einer Karawane von Mekkapilgem an und lernte einen großen 
Teil Arabiens kennen. Von Aden aus fuhr er über Mauritius zunächst nach der 
Kapstadt, dann nach dem wichtigen Handelsplatze San Paulo de Loanda in 
der portugiesischen Kolonie Angola. Ein Versuch, nach dem Innern des tro- 
pischen Afrika vorzudringen, führte ihn bis nach San Salvador, einer Missions- 
station im ehemaligen Königreiche Kongo. Weiterhin begab er sich über 
Fernando Po nach Senegambien, wo ihn namentlich der Fetischdienst und die 
Geheimbünde der Eingeborenen interessierten. Nun endlich ging es ernsthaft, 
wenn auch auf großen Umw^egen, der Heimat zu. Über Madeira, Lissabon, 
Spanien, Frankreich, England, den nördlichen Polarkreis, Skandinavien, Peters- 
burg, Moskau und Warschau traf er 1858 wieder in Bremen ein. Hier begann 
er nun die gewonnenen Erfahrungen literarisch zu verarbeiten. Eine zu- 
sammenhängende Schilderung seiner Reiseerlebnisse kam leider nicht zustande, 
vielmehr erschien von dem geplanten großen Werke »Afrikanische Reisen« 
nur das erste Heft »Ein Besuch in San Salvador, der Hauptstadt des König- 
reichs Kongo. Ein Beitrag zur Mythologie und Psychologie« (Bremen 1859), 
das wichtige neue Beobachtungen über die religiösen Vorstellungen und 
Gebräuche der dortigen Neger brachte. Schon im folgenden Jahre trat er 
mit einem gedankenreichen, dem Andenken des unlängst verstorbenen 
Alexander v. Humboldt gewidmeten dreibändigen Werke, »Der Mensch in 
der Geschichte. Zur Begründung einer psychologischen Weltanschauung« 
(Leipzig 1860), hervor, das um der Fülle neuer und eigenartiger Ideen willen 
viel gerühmt, aber wegen seines schwierigen und leicht ermüdenden Stils nur 
wenig gelesen wurde. Es wollte die psychologischen Grundlagen der Religion, 
des Mythus, des gesellschaftlichen und politischen Lebens aufdecken und 
zugleich zu statistischen Untersuchungen über die zeitliche und räumliche 
Verbreitung charakteristischer Gedankenschöpfungen aus diesen Gebieten 
anregen. So enthält es bereits in großen Zügen ein Programm der gesamten 
späteren Lebensarbeit des Verfassers. Während der Niederschrift kam er zu 
der Überzeugung, daß eine der erhabensten und einflußreichsten jener Ge- 
dankenschöpfungen das buddhistische Religionssystem sei, das in seinen ver- 
schiedenen Ausgestaltungen von alters her einen bedeutenden Teil der Mensch- 
heit geistig beherrscht und eine selbständige Kultur von hoher Bedeutung 



I50 



Bastian. 



hervorgebracht hat. Um dieses System an der Quelle studieren zu können, 
trat er 1861 abermals eine mehrjährige Reise an. Über London begab er 
sich zunächst nach Madras, besuchte die buddhistischen Pagoden im Hinter- 
lande der Koromandelküste, fuhr dann über den Meerbusen von Bengalen 
nach Rangun, der Hauptstadt von Pegu, und ruderte in einem Boote den 
Irawadi aufwärts bis Mandalay, der Residenz des damals noch unabhängigen 
Königreichs Birma. Von hier aus wollte er versuchen, auf unerforschten 
Pfaden nordwärts nach der reichen chinesischen Provinz Yünnan vorzudringen, 
aber ein Befehl des Königs hinderte ihn an der Ausführung dieses Planes. 
Als er den Behörden erklärte, daß er dennoch auf seiner Absicht beharre, 
wurde er verhaftet und sechs Monate hindurch im königlichen Palast als Staats- 
gefangener festgehalten. Doch behandelte man ihn mit ausgezeichneter Höf- 
lichkeit und erlaubte ihm, nicht nur die nahe gelegenen Ruinen der ehemaligen 
Hauptstädte Ava und Amarapura zu besuchen, sondern auch mit einheimischen 
Gelehrten und Priestern zu verkehren und sich von ihnen eingehend über 
das buddhistische Religionssystem, sowie über die Geschichte und die alte 
Kultur des Reiches und über den Inhalt der heiligen Bücher unterrichten zu 
lassen. Nachdem er die Landessprache hinlänglich erlernt hatte, nahm auch 
der König wiederholt an diesen wissenschaftlichen Unterredungen teil. Als 
er endlich versprach, die Reise nach China aufzugeben, wurde er freigelassen. 
Er wendete sich nun südwärts wieder nach Pegu und erreichte bei Molmein 
das Meer. Ein Plan, den Salwen möglichst weit aufwärts bis ins Quellgebiet 
zu verfolgen, schlug fehl. Er überstieg deshalb das Küstengebirge, besuchte 
die Ruinenstätten von Myawadi an der Grenze des Königreichs Siam und 
zog dann bis an den Menam. Von Raheng aus begann eine genußreiche 
Bootfahrt auf dem gewaltigen Strome bis nach Bangkok, der Hauptstadt Siams. 
Der König Mongkut nahm ihn wohlwollend auf ui;id erlaubte ihm, die Heilig- 
tümer und Klöster des Landes, vor allem die gewaltigen, durch ihren über- 
reichen phantastischen Skulpturenschmuck berühmten altbuddhistischen Tempel 
von Angkor zu durchforschen. Nach längerem Aufenthalte wendete er sich 
nach dem benachbarten Königreiche Kambodja, fuhr den Mekong abwärts 
und traf im Frühjahr 1864 in Saigon, dem Sitze der französischen Kolonial- 
verwaltung von Cochinchina, ein. Um auch noch die übrigen Heimatländer 
des Buddhismus wenigstens flüchtig kennen zu lernen, begab er sich nun zu- 
nächst nach Ceylon, dann nach Java. Weiterhin glückte es ihm, auf einem 
niederländischen Kriegsschiffe die Philippinen und einige japanische Häfen 
zu besuchen. Darauf segelte er nach Schanghai, gelangte über Tientsin nach 
Peking und trat von hier aus auf dem Überlandwege die Heimreise an. 
Quer durch die Mongolei erreichte er den Baikalsee und erwartete in Irkutsk 
den Winter. Als der Schneefall einsetzte, fuhr er im Schlitten auf der großen 
sibirischen Handelsstraße nach Jekaterinburg und durch das Wolgagebiet nach 
Astrachan. Nachdem er noch den Kaukasus besucht hatte, kehrte er durch 
Südrußland nach Deutschland zurück und traf im Mai 1865 wieder in seiner 
Vaterstadt ein. Noch in demselben Jahre verlegte er seinen Wohnsitz nach 
Berlin und habilitierte sich hier an der Universität als Privatdozent für Ethno- 
logie. Zugleich begann er mit der Bearbeitung seiner Reiseaufzeichnungen, 
aus denen sich allmählich das sechsbändige Werk » Die Völker des östlichen 
Asien« (Leipzig und Jena 1866 — 71) entwickelte, dessen Inhalt folgendermaßen 



Bastian. 



151 



gegliedert ist : Band i : Geschichte der Indochinesen aus einheimischen Quellen, 
2: Reisen in Birma, 3: Reisen in Siam, 4: Reise durch Kambodja nach Cochin- 
china, 5: Reisen im Indischen Archipel, 6: Reise in China von Peking zur mon- 
golischen Grenze und Rückkehr nach Europa. Es enthält eine geradezu über- 
wältigende Stoffülle aus den Gebieten der vergleichenden Religionswissenschaft, 
der Ethnologie und Völkerpsychologie, der Geographie und Geschichte Asiens, 
ist aber in Ermangelung eines Gesamtregisters schwer zu benutzen und fand 
(leshalb nicht den Beifall, der dem Fleiße des Verfassers gebührt hätte. Außer 
diesem Hauptwerke erschienen in den nämlichen Jahren neben zahlreichen 
Abhandlungen noch mehrere andere selbständige Arbeiten verschiedenen 
Umfangs: »Beiträge zur vergleichenden Psychologie. Die Seele und ihre Er- 
scheinungsweisen in der Ethnographie« (Berlin 1868), »Das Beständige in den 
Menschenrassen und die Spielweite in ihrer Veränderlichkeit. Prolegomena zu 
einer Ethnologie der Kulturvölker« (ebd. 1868), »Übersichtskarte der ethnolo- 
gischen Kulturkreise nach ihrer ungefähren Begrenzung im 15. Jahrhundert« (ge- 
meinsam mit Heinrich Kiepert, ebd. 1868), »Mexiko« (ein Vortrag, ebd. 1868), 
»Alexander von Humboldt« (Festrede anläßlich der 100 jährigen Geburtstags- 
feier des großen Gelehrten, ebd. 1869), »Sprachvergleichende Studien mit 
besonderer Berücksichtigung der indochinesischen Sprachen« (Leipzig 1870), 
» Die Weltauffassung der Buddhisten « (Berlin 1870), »Beiträge zu Ethnologie 
und darauf begründete Studien« (ebd. 187 1), »Ethnologische Forschungen 
und Sammlung von Material für dieselben« (2 Bände, Jena 187 1 — 73), »Die 
Rechtsverhältnisse bei den verschiedenen Völkern der Erde. Ein Beitrag zur 
vergleichenden Ethnologie« (Berlin 1872) und »Geographische und ethno- 
logische Bilder« (Jena 1873), ^i"^ Sammlung von Vorträgen und populären 
Aufsätzen. Neben dieser umfangreichen literarischen Tätigkeit widmete er 
seine erstaunliche Arbeitskraft auch noch den amtlichen Stellungen, die er 
bekleidete. 1868 wurde er zum außerordentlichen Professor der Ethnologie 
und zugleich zum Direktorialassistenten an den Kgl. Museen ernannt. Seine 
Aufgabe war es, die bescheidene, in engen Räumen untergebrachte völker- 
kundliche Sammlung zu erweitern und systematisch zu ergänzen. Mit welchem 
Erfolge er sich dieser Aufgabe unterzog, zeigt der gegenwärtige Reichtum 
und die hohe Bedeutung dieses Instituts. Auch um die wissenschaftlichen 
Vereine Berlins erwarb er sich mannigfache Verdienste. Die Gesellschaft für 
Erdkunde leitete er seit 1868 mehrere Jahre hindurch als Vorsitzender, und 
wenn sie auch erst unter seinem Nachfolger Ferdinand v. Richthofen einen 
wesentlichen Aufschwung nahm, so wußte er doch ihr Ansehen und ihren 
Einfluß im In- und Auslande zu heben. Auch die 1869 unter seiner wesent- 
lichen Mitwirkung begründete Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und 
Urgeschichte wählte ihn noch in demselben Jahre zum stellvertretenden Vor- 
sitzenden und die von ihm gemeinsam mit Robert Hartmann zu gleicher 
Zeit ins Leben gerufene und lange Jahre hindurch geleitete »Zeitschrift für 
Ethnologie« zu ihrem Vereinsorgan. Nach aufopferungsvollen Bemühungen 
gelang es ihm ferner, den Zusammentritt der Deutschen Gesellschaft zur Er- 
forschung Äquatorialafrikas zu bewirken, die seit 1873, von Seiten des Reiches 
durch bedeutende Mittel unterstützt, eine ganze Reihe von Reisenden aus- 
sandte, so Güßfeldt an die Loangoküste, Lenz an den Ogowe, Poppe und 
Wissmann nach dem südlichen Kongobecken. Als Vorsitzender des Vereins 



152 Bastian. 

ließ er es sich nicht nehmen, die erste Expedition persönlich nach dem tro- 
pischen Westafrika zu begleiten und ihr einige Monate hindurch, vom Mai 
bis Oktober 1873, ratend und fördernd zur Seite zu stehen. Als Frucht 
dieser dritten Reise veröffentlichte er bald nach seiner Rückkehr ein umfang- 
reiches Werk »Die deutsche Expedition an die Loangoküste, nebst älteren 
Nachrichten über die zu erforschenden Länder. Nach persönlichen Erleb- 
nissen« (2 Bände, Jena 1874 — 75). Auch hatte er eine reiche Sammlung von 
Erzeugnissen des afrikanischen Gewerbes, namentlich Hausgeräte und Fetisch- 
figuren, mitgebracht, die er dem Kgl. Museum für Völkerkunde einverleibte. 
Überhaupt ging von nun an sein Bestreben dahin, dieses Institut auf die 
Höhe der großen Museen des Auslandes zu heben. Deshalb verfolgten seine 
ferneren Reisen wesentlich Sammelzwecke. 

Nachdem er noch einen kurzen Überblick über die Grundbegriffe der 
Ethnologie und die Methoden völkerkundlicher Forschung für die von seinem 
Freunde Georg Neumayer herausgegebene »Anleitung zu wissenschaftlichen 
Beobachtungen auf Reisen« (Berlin 1875, S. 516 — 533, auch in der 2. Auflage 
ebd. 1888, Band II, S. 235 — 257) bearbeitet und außerdem zwei rasch entworfene 
und deshalb der gründlichen Durcharbeitung einigermaßen ermangelnde Werke, 
ein größeres über » Schöpfung oder Entstehung. Aphorismen zur Entwicklung 
des organischen Lebens« (Jena 1875, ^i"^ Streitschrift gegen Ernst Häckel 
und die extremen Anhänger des Darwinismus, der schon eine längere Zeitungs- 
polemik nicht ohne persönliche Spitzen vorausgegangen war) und ein minder 
umfangreiches über »Die Vorstellungen von der Seele« (Berlin 1875) abge- 
schlossen hatte, trat er im Frühjahr 1875 ^i"^ Reise nach den alten Kultur- 
ländern der westlichen Erdhälfte an. Nach einem flüchtigen Besuche der 
brasilianischen Küste fuhr er durch die Magalhaestraße bis Valparaiso, durch- 
streifte die Kordilleren von Peru und Ecuador, um Reste der Inkakultur 
aufzuspüren, zog bei den Indianerstämmen Columbias namentlich im Tale 
des Rio Cauca und auf dem Hochlande von Bogota umher und gelangte 
dann auf einem Dampfer den Magdalenenstrom abwärts nach der Küste. Von 
Cartagena aus setzte er die Fahrt über den Isthmus von Panama und an der 
Küste von Costarica und Nicaragua hin nach Guatemala fort, wo er längere 
Zeit in den Gebirgswäldern des Inneren, namentlich in der an Altertümern 
reichen Umgebung des Sees von Amatitlan und bei den Ruinen der alten 
Hauptstadt Utatlan umherwanderte, um die religiösen Bauwerke und Kunst- 
denkmäler des Quiche- Volkes zu untersuchen. Dann segelte er nach San Fran- 
cisco, besuchte die Mormonen in Utah, an denen er ein lehrreiches Beobach- 
tungsobjekt für die Entstehungsgeschichte der Offenbarungsreligionen fand, 
durchquerte die Vereinigten Staaten bis zur atlantischen Küste und kehrte 
darauf im Spätsommer 1876 über Westindien nach der Heimat zurück. Die 
herrlichen Sammlungen, die er mitbrachte, überwies er dem Museum für Völker- 
kunde, seine Tagebücher und sonstigen Aufzeichnungen aber verarbeitete er 
zu einem bedeutsamen Werke »Die Kulturländer des alten Amerika« (3 Bände, 
Berlin 1878, Nachträge und Ergänzungen 1889), das eingehende, auf umfassen- 
der Quellenkenntnis beruhende Studien über die Geschichte der Kulturnationen 
Süd- und Mittelamerikas vor der Zeit der Conquista enthält. Kaum war der 
Druck der ersten beiden Bände abgeschlossen und außerdem eine gemeinsam 
mit A. Voß bearbeitete Monographie über »Die Bronzeschwerter des Kgl. 



Bastian. 



153 



Museums zu Berlin« (Berlin 1878, mit 16 Tafeln) erschienen, so brach er im 
Frühjahr 1878 zu einer 5. Reise, einer abermaligen Weltumwanderung, auf. 
Zunächst begab er sich durch Rußland nach dem Kaspischen Meere, ritt bei 
glühender Sommerhitze quer durch Persien bis Buschir und fuhr darauf mit 
englischen Dampfern über den Persischen Golf und den Indus aufwärts. Nach- 
dem er sich in dem berühmten Luftkurorte Simla am Fuße des Himalaya 
von den Strapazen der Reise erholt hatte, zog er durch das Gangestiefland 
nach Kalkutta und unternahm von hier aus einen mehrwöchigen Ausflug 
nach der regenreichen, vom Brahmaputra durchflossenen Landschaft Assam, 
wo er die noch im Steinzeitalter lebenden Angehörigen des Khassia-Volkes 
und die Kopfabschneider vom Stamme der Naga besuchte. Dann segelte er 
nach Ceylon, um einige Höhlen mit vorgeschichtlichen Resten zu durchforschen, 
und weiterhin bis Batavia, das ihm nun als Ausgangspunkt mehrerer Rund- 
fahrten nach Celebes, Sumatra, den kleinen Sundainseln, Timor und Timor- 
laut, den Key- und Aru-Inseln, Neu-Guinea, den Molukken und Banda-Inseln 
diente, auf denen er die überaus bunt durcheinander gewürfelte Völkerwelt 
des Indischen Archipels eingehend studierte. Darauf setzte er seine Reise 
nach dem Festlande Australiens fort, stellte in Queensland Beobachtungen 
über eine merkwürdige Zeichenschrift der Eingeborenen an, unternahm einen 
Ausflug nach der Fidschi-Gruppe, stattete den Maori auf Neuseeland einen 
zweiten Besuch ab und hielt sich längere Zeit in Hawaii auf, wo er in der 
Bibliothek des Königs Kalakaua einige wertvolle Aufzeichnungen über die 
heiligen Sagen der Polynesier entdeckte. Dann begab er sich über Kalifornien 
nach Oregon, um die Reste der dortigen Indianerbevölkerung kennen zu 
lernen, benutzte die Pacificbahn nach New York und schiffte sich von hier 
aus nach Vucatan ein, wo er die großartigen Denkmäler der alten Mayakultur, 
namentlich die Tempelruinen von Uxmal, untersuchte und eine Menge kost- 
barer Altertümer erwarb. Nachdem er noch auf St. Thomas die Felsen- 
malereien der ausgestorbenen Karaiben besichtigt hatte, kehrte er im August 
1880 nach Deutschland zurück. 

Die Ausbeute dieser Reise war so beträchtlich, daß er jetzt längere Jahre 
in der Heimat blieb, um sich der Aufstellung der Sammlungsgegenstände 
und der Bearbeitung seiner Aufzeichnungen zu widmen. In rascher Folge 
erschienen nun wieder (fast ausnahmslos in Berlin) zahlreiche Bücher, die 
zwar eine Fülle von Beobachtungsmaterial und von anregenden Gedanken 
enthielten, aber in einer an Dunkelheiten reichen sprachlichen Form auftraten, 
so daß sie auch bei wohlwollenden Beurteilern ernsthaften Bedenken begegneten 
und von der Kritik vielfach als unverständlich und ungenießbar verworfen 
wurden. Aus dem Jahre 1881 stammen »Der Völkergedanke im Aufbau 
einer Wissenschaft vom Menschen und seine Begründung auf ethnologische 
Sammlungen«, worin er den gewaltigen Aufschwung der Ethnologie während 
des letzten Menschenalters und ihre in der Zukunft noch zu lösenden Auf- 
gaben kennzeichnet, » Die heilige Sage der Polynesier. Kosmogonie und 
Theogonie« und '>Die Vorgeschichte der Ethnologie, Deutschlands Denk- 
freunden gewidmet für eine Mußestunde«. 1882 folgte dann »Der Buddhismus 
in seiner Psychologie«, ein Versuch, den religiösen und sittlichen Gesamt- 
gehalt dieser Weltanschauung aus einfachen Vorgängen des Seelenlebens ab- 
zuleiten und durch Vergleichung mit den entsprechenden Lehren des Christen- 



"54 



Bastian. 



tums unserem Verständnis näher zu bringen, sowie eine durch Lichtdruck- 
tafeln erläuterte Studie über die »Steinskulpturen aus Guatemala«, die B. für 
das Berliner Museum erworben hatte. Im nächsten Jahre kamen außer einer 
sehr abstrakt gehaltenen theoretischen Abhandlung »Zur naturwissenschaft- 
lichen Behandlungsweise der Psychologie durch und für die Völkerkunde« 
einige umfangreiche Bruchstücke aus dem geplanten, aber schließlich nicht 
vollendeten Berichte über die letzte Reise zur Veröffentlichung: »Völker- 
stämme am Brahmaputra und verwandtschaftliche Nachbarn«, »Inselgruppen 
in Ozeanien« und »Zur Kenntnis Hawaiis«, in denen eine Fülle von Be- 
obachtungen über das Seelenleben und vor allem die religiösen Vorstellungen 
der Naturvölker in jenen Gebieten mitgeteilt wird. Auch gab er ein Pracht- 
werk »Amerikas Nordwestküste. Neueste Ergebnisse ethnologischer Reisen« 
(2 Bände, 1883 — 84) heraus, das Abbildungen von kunstgewerblichen Arbeiten 
der Indianer von Britisch-Kolumbien und Alaska nebst erläuterndem Text 
enthält. Als um dieselbe Zeit in Deutschland die Bestrebungen zur Erwerbung 
von Kolonien einsetzten, beteiligte er sich an dieser Bewegung durch einige 
von patriotischem Geiste erfüllte Flugschriften: »Zwei Worte über Kolonial- 
weisheit von jemandem, dem dieselbe versagt ist«, »Einige Blätter zur 
Kolonialfrage«, »Die Kolonie der Tagesdebatte und koloniale Vereini- 
gungen« und »Europäische Kolonien in Afrika und Deutschlands Inter- 
essen sonst und jetzt«. 1884 verfaßte er, um auch weiteren Kreisen der 
Gebildeten einen systematischen Überblick über die wichtigsten Ergebnisse 
seiner bisherigen literarischen Tätigkeit zu ermöglichen, einen handlichen 
Leitfaden unter dem Titel »Allgemeine Grundzüge der Ethnologie. Prole- 
gomena zur Begründung einer naturwissenschaftlichen Psychologie auf dem 
Material des Völkergedankens«, der allerdings infolge seines absonderlichen 
Stiles den geplanten Zweck ziemlich verfehlte. Daran schlössen sich wiederum 
einige Abschnitte aus seinen Reiseaufzeichnungen mit daran geknüpften weit- 
läufigen Kommentaren und Exkursen : » Der Fetisch an der Küste Guineas auf 
den deutscher Forschung näher gerückten Stationen der Beobachtung«, eine 
Darstellung der religiösen Verhältnisse in den Landschaften um den Meer- 
busen von Biafra, namentlich in Kamerun, ferner »Religionsphilosophische 
Probleme auf dem Forschungsfelde buddhistischer Psychologie und der ver- 
gleichenden Mythologie«, eine Schilderung der entsprechenden Zustände im 
südöstlichen Asien auf Grund der heiligen Bücher des Buddhismus mit viel- 
fachen Hinweisen auf annähernd parallele Entwicklungsreihen in den Religions- 
systemen Europas und Altamerikas, endlich »Indonesien oder die Inseln des 
malayischen Archipels«, ein mit zahlreichen Lichtdrucktafeln ausgestattetes 
Werk, das bis 1894 auf 5 Bände anwuchs (Band i: die Molukken, 2: Timor 
und die umliegenden Inseln, 3: Sumatra und Nachbarschaft, 4: Borneo und 
Celebes, 5: Java) und ein überaus reichl^altiges Material leider in ganz un- 
übersichtlicher Weise ohne jede systematische Gliederung vor dem Leser aus- 
schüttet. Als Ergänzung erschien 1885 eine Monographie verwandten Inhalts 
»Der Papua des dunklen Inselreichs im Lichte psychologischer Forschung«, 
die sich wiederum in erster Linie mit der Mythologie und den Kultusge- 
bräuchen dieses Volkes beschäftigt. Durch die fortschreitende Entwicklung 
des deutschen Kolonialbesitzes in Afrika wurde im nämlichen Jahre eine 
andere Schrift veranlaßt: »Afrikas Osten mit dort eröffneten Ausblicken«. 



Bastian. 



155 



Das Jahr 1886 bedeutete in B/s Leben einen Höhepunkt. Das seiner 
Leitung unterstehende Museum für Völkerkunde, das bisher in unzureichenden 
und schlecht beleuchteten Räumlichkeiten untergebracht war, bezog einen 
zweckmäßig eingerichteten Prachtbau und konnte nun seine Schätze weit 
besser als bisher der Wissenschaft und auch der Schaulust des Publikums 
darbieten. Obwohl er nun schon das 60. Lebensjahr überschritten hatte, nahm 
seine literarische Fruchtbarkeit eher zu als ab. Der Wunsch, die junge 
Wissenschaft der Ethnologie so lange zu fördern, als es seine Kräfte irgend 
zuließen, veranlaßte ihn, eine lange Reihe von Büchern zu produzieren, von 
denen allerdings die meisten den Stempel des Unfertigen und Überstürzten 
an sich trugen. Einen fruchtbaren Gedanken entwickelte er in dem Buche 
»Zur Lehre von den geographischen Provinzen«. Er verstand darunter Länder- 
gebiete mit ähnlichen klimatischen Verhältnissen und Naturprodukten, die 
infolgedessen auch eine gleichartige »psychische Atmosphäre« schaffen, in 
welcher der Menschengeist als Produkt seiner Umgebung annähernd gleich- 
artige Gedankengänge erzeugt, so daß man für jede derartige Provinz einen 
entsprechenden Durchschnittsmenschen theoretisch konstruieren kann. Zwei 
weitere Schriften des Jahres 1886 beschäftigen sich mit dem Spiritismus, der 
damals das Interesse weiter Kreise in Anspruch nahm: »In Sachen des Spiri- 
tismus und einer naturwissenschaftlichen Psychologie« und »Die Seele indischer 
und hellenischer Philosophie in den Gespenstern moderner Geisterseherei «. Sie 
kennzeichnen diese Lehre als eine auf völlig unwissenschaftlicher Grundlage 
beruhende seelische Epidemie und weisen auf parallele Vorgänge innerhalb 
des buddhistischen Kulturkreises und bei den Naturvölkern Afrikas und 
Ozeaniens hin. 1887 fühlte er das Bedürfnis, seine schon früher vertretenen 
Ideen über die Möglichkeit und Notwendigkeit einer »Gedankenstatistik« 
von neuem an die Öffentlichkeit zu bringen, doch erwies sich das bei dieser 
Gelegenheit entstandene Werk »Die Welt in ihren Spiegelungen unter dem 
Wandel des Völkergedankens. Prolegomena zu einer Gedankenstatistik « 
nebst der Beigabe »Ethnologisches Bilderbuch« (ein Atlas von 24 Tafeln 
mit Erläuterungen) als eine unübersehbare Masse von Zitaten und dunklen 
Andeutungen, die vielfach eines inneren Zusammenhangs entbehrten. 1888 
vereinigte er eine größere Anzahl von kleinen Aufsätzen und Skizzen ver- 
schiedensten Inhalts in zwei starken Bänden unter dem Titel » Allerlei aus Volks- 
und Menschenkunde«, denen er als Ergänzung noch ein Tafelwerk mit 
erklärendem Text »Bunte Bilder für die Spielstunden des Denkens ^^ hin- 
zufügte. 

Nachdem er im folgenden Frühjahr noch eine Sammlung von Aphorismen 
»Zur ethnischen Ethik«, ferner »Einiges aus Samoa und andern Inseln der 
Südsee mit ethnographischen Anmerkungen zur Kolonialgeschichte«, sowie 
eine Studie » über Klima und Akklimatisation nach ethnischen Gesichts- 
punkten <' veröffentlicht hatte, in der er aus der unbegrenzten Anpassungs- 
fähigkeit des Menschen an das Klima seine von jeher kosmopolitische Natur 
bewies, trat er nach längerer Pause wieder eine Reise an, die ihn während 
der Jahre 1889 bis 1891 durch Südrußland, Kaukasien, Armenien, Turkestan, 
Kleinasien, Ägypten, Ostafrika, Indien, Australien und Ozeanien führte. Die 
Fülle von Beobachtungsmaterial, die er heimbrachte, war so bedeutend, daß 
er sogleich nach der Rückkehr an die Ausarbeitung eines umfangreichen 



I c(3 Bastian. 

Werkes » Ideale Welten nach uranographischen Gesichtspunkten in Wort und 
Bild« ging, das 1892 in drei Bänden mit vielen Tafeln erschien und die Grund- 
gedanken seiner Weltanschauung in kaleidoskopartigem Durcheinander vor- 
führt. Unter Aufhäufung einer ungeheuren Masse von Notizen suchte er nach- 
zuweisen, daß die Ethnologie am sichersten den Weg vorzeichnet, auf dem 
die Selbsterkenntnis der Menschheit zu fördern ist. In einem andern Werke 
desselben Jahres » Wie das Volk denkt. Ein Beitrag zur Beantwortung sozialer 
Fragen auf Grundlage ethnischer Elementargedanken in der Lehre vom 
Menschen« bemühte er sich, darzulegen, daU die sittlichen und religiösen 
Anschauungen der unteren Stände bei den Kulturnationen im wesentlichen 
mit den entsprechenden Ansichten der Naturvölker übereinstimmen, doch 
wirft er auch hier wie anderwärts eine Unmenge der heterogensten Dinge 
zusammen, bleibt deshalb im Stoff stecken und vermag sich nicht zu gesicherten 
theoretischen Ergebnissen zu erheben. Das Jahr 1893 war wiederum mit ver- 
gleichenden religionsphilosophischen Studien ausgefüllt, aus denen drei Schriften 
hervorwuchsen: »Der Buddhismus als religionsphilosophisches System«, »Vor- 
geschichtliche Schöpfungslieder in ihren ethnischen Elementargedanken « und 
»Die Verbleibsorte der abgeschiedenen Seele«, von denen sich die beiden 
letzteren vorzugsweise mit den heiligen Sagen der Polynesier beschäftigen. 
Daneben begann noch eine allmählich auf vier Bände anwachsende Folge von 
»Kontroversen in der Ethnologie« zu erscheinen, in der er seine Hauptlehren, 
namentlich die Ideen über Völkergedanken, geographische Provinzen und 
Gedankenstatistik, sowie die von ihm vertretene Forschungsmethode gegen 
die Angriffe zahlreicher Gegner verteidigte. 1894 versuchte er abermals, in 
den beiden Schriften »Zur Mythologie und Psychologie der Nigritier in 
Guinea mit Bezugnahme auf sozialistische Elementargedanken« und »Die 
samoanische Schöpfungssage und Anschließendes aus der Südsee « den Ideen- 
gehalt der höchst eigenartigen und tiefsinnigen religiösen Vorstellungen bei 
einigen afrikanischen und ozeanischen Stämmen unter neuen Gesichtspunkten 
darzustellen und mit parallelen Gebilden indischer und abendländischer 
Spekulation zu vergleichen. Von besonderer Wichtigkeit sind seine Be- 
merkungen über den Fetischismus als Durchgangsstufe des religiösen Emp- 
findens. Als er sich dem Abschlüsse des 70. Lebensjahres näherte, fühlte 
er das Bedürfnis, ein Gesamtbild seiner Lehre vom Menschen als Einzelwesen 
und als Glied der Gesellschaft zu entwerfen. Das geschah 1895 in den in- 
haltlich nahe verwandten und einander ergänzenden zweibändigen Werken: 
»Zur Lehre vom Menschen in ethnischer Anthropologie« und »Ethnische 
Elementargedanken in der Lehre vom Menschen«, zu denen 1896 noch ein 
Nachtrag »Die Denkschöpfung umgebender Welt aus kosmogonischen Vor- 
stellungen in Kultur und Unkultur« erschien, der den Versuch unternahm, 
das Verhältnis der Völkerkunde zur Kulturgeschichte, Soziologie, Ethik, 
Psychologie und Mythologie näher zu bestimmen. 

Am 26. Juni 1896 beging B. die Feier seines 70. Geburtstages. Die 
Berliner Gesellschaft für Anthropologie ehrte ihn durch Aufstellung seiner 
Marmorbüste in der Aula des Museums für Völkerkunde. Die Freunde und 
Fachgenossen widmeten ihm eine trefflich ausgestattete Festschrift »Adolf 
Bastian als Festgruß zu seinem 70. Geburtstage«, enthaltend 32 Abhandlungen 
ethnologischen und verwandten Inhalts. Auch mehrere ausländische Forscher 



Bastian. 



157 



vereinigten sich zu einer literarischen Festgabe »Ethnographische Beiträge«, 
die als Supplementheft zum 9. Bande des Internationalen Archivs für 
Ethnographie erschien. Der Jubilar entzog sich allen Ovationen, indem er 
plötzlich aus Berlin verschwand und eine Reise nach Java und den umliegen- 
den Inseln, namentlich Bali und Lombok, antrat, wo er die Baudenkmäler 
und Literaturwerke des Buddhismus abermals eingehend studierte. Erst im 
Sommer 1898 kehrte er nach Deutschland zurück. Bereits unterwegs hatte 
er mit der Veröffentlichung eines siebenbändigen Werkes über seine Forschungs- 
ergebnisse »Lose Blätter aus Indien« (1897 — 99) begonnen. Die vier ersten 
Bände erschienen in Batavia, der 5. in Colombo auf Ceylon, die beiden 
letzten in Berlin. In diesem Werke wies er darauf hin, wie hohe Verdienste 
sich die niederländische Regierung und das Beamtentum um die ethnologische 
Erforschung des Indischen Archipels erworben hätten. Ähnliches wünschte 
er auch für die deutschen Schutzgebiete. Um zu zeigen, wieviel wertvolles 
Material dort zu gewinnen sei, gab er 1899 zwei darauf bezügliche Schriften 
heraus: »Die mikronesischen Kolonien aus ethnologischen Gesichtspunkten« 
und »Die Teilung der Erde und die Teilung Samoas. Eine Momentaufnahme 
in augenblicklicher Sachlage«. In einer weiteren Abhandlung »Zur heutigen 
Sachlage der Ethnologie in nationaler und sozialer Bedeutung« wies er auf 
die Notwendigkeit hin, die Naturvölker unserer Kolonien genau kennen zu 
lernen, um sie beherrschen und geistig und wirtschaftlich fördern zu können. 
Da der zunehmende Weltverkehr gebieterisch umfassende Kenntnis und vor- 
urteilslose Würdigung fremder Nationen und Kulturen verlangt, erklärte er eine 
Popularisierung der Ethnologie und einen intensiveren Betrieb dieser Wissen- 
schaft an den Universitäten für unumgänglich nötig. Diese Forderung erhob 
er namentlich in dem 1900 erschienenen Werke »Die wechselnden Phasen 
im geschichtlichen Sehkreis occidentalischer Kultur«, indem er zugleich auf 
die Enge des kulturhistorischen Horizontes der meisten Deutschen infolge 
der Einseitigkeit unserer Volksbildung hinwies. Die Notwendigkeit, dea 
Gesichtskreis zu erweitern und durch die Kenntnis fremder Kulturen und 
Volkscharaktere einen Maßstab für die gerechte Beurteilung heimischer Ver^ 
hältnisse zu gewinnen, betonte er auch in den bald nachher veröffentlichten 
Schriften » Die Völkerkunde und der Völkerverkehr unter seiner Rückwirkung 
auf die Volksgeschichte. Ein Beitrag zur Volks- und Menschenkunde« und 
»Der Völkerverkehr und seine Verständigungsmittel im Hinblick auf China«. 
In den letzten Jahren seines Lebens schwoll seine literarische Produktion 
unnatürlich an, da er im Bewußtsein des nahe bevorstehenden Niedergangs 
der Kräfte noch vollenden wollte, was irgend möglich war. Dabei vemach- 
lässigte er die stilistische Form mehr als je, und so sind die Arbeiten 
dieser Periode in ein sprachliches Gewand gekleidet, das an Seltsamkeit seines- 
gleichen sucht. Im allgemeinen lassen sich diese Schriften seines hohen 
Alters in zwei Gruppen scheiden. In der einen beleuchtete er die religiösen, 
sozialen, politischen, pädagogischen und psychologischen Kontroversen der 
Gegenwart' vom ethnologischen Standpunkte aus, in der andern gab er sein 
Urteil über Tagesereignisse ab. Zu der ersten gehören an selbständigen 
Werken: > Kulturhistorische Studien unter Rückbeziehung auf den Buddhismus« 
(1900), » Das Problem humanistischer Fragestellungen und deren Beantwortungs- 
weisen unter den Zeichen der Zeit«, » Der Menschheitsgedanke durch Raunv 



f c3 Bastian. 

und Zeit. Ein Beitrag zur Anthropologie und Ethnologie in der Lehre vom 
Menschen«, »Die humanistischen Studien in ihrer Behandlungsweise nach 
komparativ-genetischer Methode auf naturwissenschaftlicher Unterlage. Prole- 
gomena zu einer ethnischen Psychologie« (sämtlich 1901), »Die Lehre vom 
Denken. Zur Ergänzung der naturwissenschaftlichen Psychologie in An- 
wendung auf die Geisteswissenschaften« (drei Bände, 1902 — 5, zum Teil auf 
Ceylon durch singhalesische und tamilische Drucker hergestellt) und »Das 
logische Rechnen und seine Aufgaben« (1903). In die zweite Gruppe fallen die 
beiden Broschüren »Das Geschichtsdrama am Kap aus der Vogelperspektive 
vor den Augen eines Zuschauers abgespielt und darin gespiegelt« (1901) 
und »Völkerhaß oder Völkerfrieden? Eine Fragestellung an die Zeit« (1902). 
Mitten aus diesen literarischen Arbeiten trieb ihn der Wunsch, die außer- 
europäischen Kulturkreise immer von neuem unter anderen Gesichtspunkten 
zu betrachten, noch zweimal in die weite Welt. Im Frühjahr 1901 eilte der 
75 jährige wiederum nach seinem geliebten Indien und nach Ceylon, wo ihm 
das Leben am lebenswertesten dünkte, und erst im Sommer 1903 traf er 
wieder in Berlin ein. Aber schon im November desselben Jahres verließ er 
Deutschland für immer. Sein Ziel war Westindien, namentlich Jamaika, wo 
ihn die Spuren vorgeschichtlicher Höhlenbewohner mehrere Monate hindurch 
fesselten. Nach einer Rundfahrt durch das Antillenmeer mit seinen zahllosen 
Inseln und nach der Küste von Venezuela landete er in Port of Spain auf 
Trinidad, wo ihn ein Schwächezustand befiel, dem er am Nachmittag des 
3. Februar 1905 erlag. 

B. war ein Mann von unansehnlicher Gestalt, aber in jeder Hinsicht von 
außerordentlicher Zähigkeit, so daß er ungewöhnliche körperliche und geistige 
Strapazen leicht ertrug und trotz unablässiger Arbeit und vielfacher Ent- 
behrungen, die ihm auf seinen Reisen nicht erspart blieben, das 80. Lebens- 
jahr nahezu erreichte. In seiner höchst bedürfnislosen, geradezu asketischen 
Lebensführung zeigte er sich durchaus als ein Original. Alles Äußerliche 
und Zeremonielle betrachtete er mit vollkommener Gleichgültigkeit. Von 
jeher war ihm ein Hang zur Einsamkeit eigen, der ihn wohl auch veranlaßt 
haben mag, ohne Familie durchs Leben zu gehen. Am wohlsten fühlte er 
sich fern von der Kultur in den Urwäldern Indiens und auf den einsamen 
Inseln der Südsee. Mit wenigen Menschen stand er in näheren Beziehungen, 
und in die Tiefen seines reichen und eigenartigen Seelenlebens hat kaum 
jemand hineingeschaut. Seine Bescheidenheit ertrug es nicht, wenn man ihn 
rühmte. Deshalb hielt er sich von jedem Kultus der Persönlichkeit fem und 
entzog sich allen Veranstaltungen, die ihm zu Ehren in Szene gesetzt wurden. 
Selbst die Aufstellung seiner Büste wußte er jahrelang zu hintertreiben. 
Während seiner Reisen ließ er oft monatelang nichts von sich hören, so daß 
ihn häufig auch die nächsten Freunde aus dem Gesichtskreise verloren. Seine 
einzige Leidenschaft war das Reisen, das ihn 25 Jahre lang von der Heimat 
fern hielt. Wiederholt hat er die Erde in Zickzackfahrten umkreist. Kein 
Erdteil, kein wichtiges Kulturgebiet, kein merkwürdiges Naturvolk war ihm 
fremd, und gern rühmte er sich, daß er der am weitesten Gereiste unter seinen 
Fachgenossen sei. Als Schriftsteller war er von einer außergewöhnlichen 
Fruchtbarkeit, so daß seine literarische Produktion eine kleine Bibliothek 
umfaßt. Eine vollständige Zusammenstellung seiner Schriften liegt noch nicht 



Bastian. I cg 

vor. Ein Verzeichnis der bis 1896 erschienenen enthält das Internationale 
Archiv für Ethnographie, Supplement zu Band IX, S. 68 — 85. Diese Liste 
umfaßt 70 selbständige Werke, 236 Aufsätze aus Zeitschriften, ausschließlich 
der in Tagesblättern erschienenen Artikel, und 363 Bücherbesprechungen. 
Sie sind in folgende Gruppen eingeteilt, die deutlich den weiten Horizont 
und das selten umfangreiche Arbeitsgebiet B.s erkennen lassen: Geographie, 
Reisen und Reisende, Koloniales, Anthropologie und Rassenkunde, Ethnologie 
und Ethnographie, Mitteilungen über neue Erwerbungen des Kgl. Museums 
für Völkerkunde, Linguistik, Folklore, Religion und Religionsgeschichte, 
Ethik, Philosophie, Psychologie, Recht, Archäologie, Prähistorie und Varia. 
Der Anlaß zu dieser literarischen Massenproduktion war der innere Drang, 
der jungen Wissenschaft der Ethnologie möglichst viel Rohmaterial für ihre 
Forschungen darzubieten. Freilich wurden seine Schriften nur in den engsten 
Fachkreisen und auch dort mit wachsender Ungeduld gelesen, da ihre sprach- 
liche Form im Laufe der Jahre bis zur Ungenießbarkeit entartete. Über 
diese Tatsache hat selbst einer seiner nächsten Freunde und begeistertsten 
Verehrer, Karl von den Steinen, folgendes Urteil gefällt: » Die letzte Periode 
seines schriftstellerischen Schaffens ist durch einen Stil gekennzeichnet, den 
kein Unbefangener für normal halten wird. Das ist allzuhäufig nicht mehr 
die Dunkelheit der schwierigen Materie und die Vernachlässigung der äußeren 
Form allein, sondern ein Überquellen der Vorstellungen ohne jede notwendige 
Hemmung. Durch zahllose Klammern nicht mehr übersichtlich geschieden, 
sondern labyrinthisch verbaut, bedrängen den Leser Namen und wieder Namen, 
Schlagworte, Kunstausdrücke, Sentenzen derart, daß er vom Schwindel er- 
griffen .wird. Und Hunderte von Seiten wälzt sich diese Flut der Gedanken 
in regelloser Verästelung dahin, ohne andere Ruhepunkte als gewisse stereo- 
type Betrachtungen und Wendungen, die in ganz mechanischer Weise überall 
auftauchen und wiederkehren. « Diese Schwächen vermögen indes nicht, die 
unleugbaren Verdienste B.s zu verdunkeln. Von dauernder Bedeutung ist 
namentlich sein wesentlicher Anteil an der Begründung der modernen Ethnologie, 
welche das gewaltige Material, das die Völker der Erde bisher an Erzeugnissen 
materieller und geistiger Kultur hervorgebracht haben, sammeln, ordnen und 
nach naturwissenschaftlicher Methode vergleichen will. Ferner verdankt man 
ihm einen bedeutenden Teil der Schätze des Berliner Museums für Völker- 
kunde, das er auf die Höhe der großen Sammlungen des Auslandes erhob. 
Seine anderweitigen wissenschaftlichen Verdienste liegen hauptsächlich auf dem 
Gebiete der vergleichenden Mythologie und Religionsgeschichte. Die großen 
Weltreligionen hatte er in ihren Heimatländern studiert, die uralten Tempel- 
stätten der Menschheit kannte er aus eigener Anschauung, und die heiligen 
Sagen und Gebräuche der Naturvölker waren ihm vertraut wie keinem 
andern. Bei diesen vergleichenden Studien erkannte er viele höchst merk- 
würdige L'hereinstimmungen zwischen räumlich und zeitlich weit entfernten 
Stämmen, die er als Völker- oder Elementargedanken bezeichnete und 
nicht nur auf religiösem Gebiet, sondern auch in Recht, Sitte, Sprache, 
Kunst untl Technik nachwies. So hat er eine ganze Reihe von Wissen- 
schaften durch seine Studien befruchtet, und noch für lange Zeit hinaus 
werden seine Werke als unerschöpfliche Fundgruben für Generationen von 
Forschern dienen. 



l60 Bastian, von Erdmann sdörf er. 

W. Wolkenhauer in der »Deutschen Rundschau für Geogfraphie und Statistik« I (1879), 
S. 628 — 631 und XXVII (1905), S. 420 — 423 (mit Bildnis). — A. Woldt in » Westermanns 
Illustrierten deutschen Monatsheften« LXIII (1888), S. 166—176. — Th. Achelis, Adolf 
Bastian (Deutsche Denker und ihre Geistesschöpfungen, herausgegeben von Adolf Hmrichsen, 
Heft 7). Danzig, Leipzig und Wien (1889). — Derselbe,» Die Entwicklung der modernen 
Ethnologie, Berlin 1889, S. 60 — 73. — Derselbe, Adolf Bastian (Sammlung gemeinverständ- 
licher wissenschaftlicher Vorträge, Neue Folge, Heft 128). Hamburg 1891. — Derselbe in 
»Deutschland« VI (1905), S. 314 — 322 und im »Geographischen Anzeiger« VI (1905), 
S, 73 — 75. — Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und 
Urgeschichte 1896, S. 386 — 393. — »Globus« LXX (1896). S. i — 4 (mit Bildnis). — 
M. Lindemann in den »Deutschen Geographischen Blättern« XXVIII (1905), S. i — 9. — 
»Zeitschrift für Ethnologie« XXXVII (1905), S. 233—256 (mit Bildnis). — »Zeitschrift 
der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin« 1905, S. 156 — 183 (mit Bildnis). — »Geographen- 
Kalender« IV (1906/7), S. 195 — 198 (mit Verzeichnis der wichtigsten sonstigen Nachrufe). 

Viktor Hantzsch. 

Erdmannsdörfer, Max von, kgl. bayr. Hofkapellmeister und Professor, 
• 14. Juni 1848 zu Nürnberg, f 14. Februar 1905 in München. — E.s musi- 
kalische Studien fanden in seinen Jünglingsjahren warmherzige Förderer am 
Leipziger Konservatorium an Moscheies, Reinecke, Hauptmann und David. 
Die einen wollten ihn als Pianisten, der andere als Geiger der Öffentlichkeit 
zuführen — so viel Begabung zeigte er für beide Instrumente. — Aber seine 
eigene, große Neigung wies ihn auf das Dirigieren hin, und Julius Rietz in 
Dresden, bei dem der junge E. nach Absolvierung des Konservatoriums 
weitere Studien machte, fand dessen Talent so groß, daß er ihm »eine 
bedeutende Zukunft als Dirigent« prophezeite. Die junge, feurige Künstler- 
seele arbeitete sich denn mit aller Leidenschaft an der Seite des erfahrenen 
Ratgebers in sämtliche Partituren hinein und der Kunstjünger stand bald da als 
Aspirant auf irgend einen passenden Kapellmeisterposten, als jählings ein 
ernstes Beinleiden ihn aus allen Plänen und Hoffnungen herauswarf und 
zurückdrängte nach Nürnberg in sein elterliches Haus, wo er trotz seines 
Krankseins, mutig weiterhoffend und arbeitend, viel Klavierunterricht erteilte. 
Als endlich die müden Glieder wieder gesundeten, kam für vieles Leiden 
die Belohnung in Gestalt eines Rufes als Hofkapellmeister nach Sonders- 
hausen, wo E. als Dirigent der berühmten Loh-Konzerte von 1870 — 1880 — 
in der ersten Zeit noch den Traditionen der Leipziger Schule gemäß und im 
Sinne seines Vorgängers Max Bruch — seines Amtes waltete, ohne nennenswerte 
Großtaten, aber dann, angeregt durch die Nähe unseres geliebten Meisters 
Franz Liszt (in Weimar) und hingerissen von dessen ausströmendem Geiste 
als mutiger Interpret und Kämpfer für Liszt, Wagner und die ganze junge 
neudeutsche Schule plötzlich hervortrat, und seinen Platz als Pionier derselben 
zu erobern und siegreich zu behaupten wußte. Es war eine ideale Zeit für 
uns Beide und für alle, die sie mitgenießen durften. Belebend und mit- 
fortreißend wirkte jeder Besuch Liszts, Hans von Bülows und anderer 
Großer, deren Namen wir mit feurigen Lettern auf unser Künstlerbanner 
geschrieben hatten, und es konnte E. schon mit Stolz erfüllen, wenn ein Liszt 
ihm schrieb, er komme stets gerne nach Sondershausen, um dort seine Werke 
»in absolut einwandfreier Weise« zu hören. Das große Wohlwollen und 
Interesse der einen Seite des fürstlichen Hofes war Veranlassung zu noch 



von Erdmannsdörfer. l6l 

größerer Mißgunst einer anderen Partei, und diese hat es dann damals doch 
fertig gebracht, daß mit dem Rücktritt des alten, regierenden Fürsten auch 
wir von der kleinen Musikresidenz schieden. Zum letzten Loh-Konzert unter 
E. kam auch Liszt wieder. Mit dem Programm dokumentierte E. nochmals 
sein volles Glaubensbekenntnis: i. Nirwana Bülow; 2. A-dur Klavier-Konzert 
Liszt (ich); 3. Divertissement Schubert-Liszt; 4. Bacchanale Wagner; 5. Bagdad- 
Ouverture Cornelius; 6. Dante-Symphonie Liszt. Es war ein Jubel ohne Ende 
an dem Abend. Die volle Entfaltung von E.s Können und Streben verlangte 
nach größeren Verhältnissen. Da alle Anträge, die damals an E. herantraten, 
seinen Wünschen nicht entsprachen, verbrachte er kurze Zeit in Wien, dann 
in Leipzig, wohin bald der Ruf nach Moskau an E. erging, um dort als 
Nachfolger Nikolaus Rubinsteins die großen Konzerte der kaiserl. russischen 
Musikgesellschaft zu leiten, in welcher hervorragenden Stellung er von 1881 
bis 1889 verblieb, seine vornehmen Programme den musikliebenden, ihn 
enthusiastisch feiernden Russen vorführend. E. war dort eine geradezu 
populäre Persönlichkeit, geliebt von Publikum und Kritik, von den Musikern 
und seinen Schülern (er war auch Professor am Moskauer Konservatorium) 
sowie vom Studentenorchester, das er dort kreierte, und das unter seiner 
Direktion jedes Jahr mit seinen Konzerten der Studentenkasse große Summen 
zuführen konnte (auch das E. zugedachte Gehalt von einigen tausend Rubel 
floß mit hinein). Hans von Bülow, der seinerzeit in Petersburg einige 
Konzerte dirigierte und in Moskau unter E. spielte, sprach damals den 
schönen Gedanken aus : » Wir beide wollen musikalisch in Rußland herrschen, 
— Max in Moskau — ich in Petersburg. « Aber es kam bald anders. Bülow 
nahm Domizil in Hamburg und rief E. in die Nachbarstadt Bremen. Die 
Aussicht, wieder sein langentbehrtes »deutsches Heim« zu haben, war für E. 
so verlockend, daß er den Antrag, an die Spitze der dortigen philharmonischen 
Konzerte zu treten, sofort annahm. Reiche Ehre wurde ihm in Moskau noch 
beim Abschied zuteil, so daß es E. doch nicht leicht wurde, so vielen 
enthusiastischen Huldigungen den Rücken zu kehren. 

In Bremen war das erste philharmonische Konzert gleich ausschlaggebend, 
und man wußte, welche künstlerische Kraft man an E. gewonnen hatte. Es 
folgte ein schönes, gefestigtes, vornehmes Wirken von 1889 — 1895. Als dann 
an E. ein glänzender Antrag nach Boston erging, machte er sein Weiter- 
verbleiben in Bremen davon abhängig, daß den dortigen Musikern die nötige 
Gehaltsaufbesserung zuteil werde und durch Staatszuschuß die intelligente 
Korporation zum »städtischen Orchester« gestempelt werden möge. Sein 
Wunsch fand beim Senat Verständnis und liebenswürdige Gewährung. So 
war E. in seiner großen Fürsorge allenthalb seinen Musikern ein Wohltäter 
und Fürsprecher und eroberte sich nicht nur als Künstler deren begeisterte 
Hingebung an seine Person. Durch einen Konflikt zwischen Dirigenten und 
Konzertmeister (Kruse) wurde E. sein künstlerisches Wirken daselbst verleidet 
und es konnte nicht gelingen, ihn vom Einreichen seines Entlassungsgesuches 
abzubringen. Es fiel sofort die Parole »München«. Ein stiller Wunsch zog 
ihn längst nach der Heimat, und so ging es denn auch in Bremen nach 
segensreichem Schaffen wieder einem »letzten Konzert« entgegen, das dann 
mit Jubel und Wehmut gemischt, beinahe einen tendenziösen Charakter 
angenommen hätte und E. den Abschied von Publikum, Orchester und Chor 

hiogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog*. lo. Bd. I j 



l52 ^'^^ Erdmannsdörfer. 

recht schwer machte. Alles glaubte an dauernde Wiederkehr in kurzer Zeit. 
Eine Kassette mit loooo M. wurde ihm überreicht, mit dem Wunsche, ein 
Jahr lang keine andere feste Stellung anzunehmen. — Das Programm hatte als 
Hauptnummem das Guntram-Vorspiel von Richard Strauß und Beethovens 
C-moll-Symphonie. Dem philharmonischen Konzert folgte dann noch eine 
Prachtaufführung des » Messias « unter E.s Leitung im Bremer Dom. — Dann 
nahmen wir Abschied. In München stand E. mit Dr. Kaim wegen Übernahme 
des Kaimorchesters in Unterhandlung, deren Resultat jedoch von der Hand 
des Intendanten Frhm. von Perfall schnell durchschnitten wurde, indem man 
E. für die eben verwaisten Akademie-Konzerte gewinnen wollte. Zugleich 
erfolgte aus Petersburg eine Einladung an E., in dieser Saison sämtliche 
Konzerte der kaiserl. russischen Musikgesellschaft zu dirigieren. Bei liebens- 
würdigem Entgegenkomme.n von beiden Seiten ließ sich beides vereinigen. 
E. dirigierte auch im kommenden Jahre wieder in Petersburg die großen 
Konzerte der kaiserl. russischen Musikgesellschaft, für die man ihn dort gerne 
dauernd erhalten hätte, aber er hing so sehr an München, daß er den 
glänzenden Petersburger Vertrag nicht einging. Das erste Akademie- 
Konzert in München unter seiner Direktion war wieder gleich ein voller 
Erfolg. 

Um E. den Akademie-Konzerten dauernd zu erhalten, versuchte Frhr. 
von Perfall ihn auch für die Oper zu gewinnen, wozu E. eigentlich keine 
rechte Neigung hatte, schließlich aber nachgab, als seitens der beiden 
Intendanten v. Perfall und v. Possart ihm in entgegenkommendster Weise die 
Zusicherung gegeben wurde, daß es sich bei ihm nicht um eine regelrechte 
Tätigkeit als Opemdirigent, sondern nur um einige klassische Opern handeln 
würde, die er zu dirigieren hätte und denen sich event. einige Spielopem 
anschließen sollten. So kamen denn in kurzer Folge unter E. Figaros Hochzeit, 
Fidelio, Entführung und neu einstudiert Teufels Anteil zu Aufführungen, die 
bei Publikum und Kritik große Würdigung fanden, E. jedoch keine rechte 
Befriedigung brachten, zumal die etwas unruhvolle Tätigkeit im Theater bei 
E. eine große Nervosität hervorrief, deren Anwachsen vermieden werden 
mußte. So drängte er denn mit allen Kräften aus einer Stellung heraus, in 
der er sich nicht wohl fühlte und erbat auch seine Entlassung aus der 
Akademie der Tonkunst. — Trotzdem mit seinem Rücktritt von der Oper an 
ein Weiterdirigieren der Akademie-Konzerte, die ihm so am Herzen lagen, 
nicht zu denken war, erhielt er doch vom königlichen Hoforchester eine 
Adresse mit Unterschrift sämtlicher Musiker, die Bitte enthaltend* »Die 
Leitung der Akademie-Konzerte nicht aufgeben zu wollen, da die einstimmige 
Wiederwahl auf ihn gefallen sei«. Jedoch E. blieb bei seinem Entschluß und 
hat damals dankend abgelehnt, wurde aber später nochmals für eine Saison 
vom Intendanten und Orchester reklamiert und war gerne bereit, aushilfsweise 
einige Akademie-Konzerte zu dirigieren; holte sich dann in Paris, Moskau 
und Madrid neue Erfolge und als er heimkehrend, vom Porges-Verein ein- 
stimmig zum Dirigenten gewählt war, nahm er nach kurzer Bedenkzeit die 
Wahl an, verband jedoch damit den Wunsch, daß ihm für jedes Konzert die 
Mitwirkung des königl. Hoforchesters gesichert werde, und so folgten denn 
mit diesem und dem Porges-Chor prachtvoll ausgearbeitete Aufführungen 
von Berlioz' Requiem (zur Centenarfeier), Bachs Matthäus -Passion und am 



von Erdmannsdörfer. Lüben. l6j 

30. Januar 1905 ein großes Konzert mit Liszts ungarischer Krönungsmesse, 
Hugo Wolfs Christnacht und Brückners Tedeum. 

Es war dies die letzte künstlerische Tat E.s, der acht Tage darauf 
plötzlich ernstlich erkrankte und sein liebes Heim verlassen mußte, um es 
leider nicht wieder zu betreten. — Er mußte sich einer Blinddarmoperation 
unterziehen, war nachher voll Hoffnung, Plänen und Dankbarkeit, da er 
sich gerettet glaubte, aber die Herzschwäche nahm so rapid zu, daß bereits 
am sechsten Tage das Ende eintrat. 

Ich weiß ihn treu und sicher geborgen für alle Zeit im Gedächtnis derer, 
die ihm im Leben nahe standen, ihn kannten und nahmen wie er war: Ein 
gütiger, warmherziger Mensch, ein ehrlicher, gerader Charakter, ein begeisterter 
und begeisternder Künstler! 

Hohenschwangau, im August 1906. 

Pauline v. Erdmannsdörfer-Fichtner. 

Lüben, Adolf, Genremaler, * 20. August 1837 zu Petersburg, Sohn eines 
deutschen Kunstdrechslers, f 16. Dezember 1905 in München. — Trotz 
seiner zeitig bemerkbaren Kunstbegabung zum Kaufmann bestimmt, durfte L. 
bei der Übersiedelung der Eltern nach Berlin seinem Herzenswunsch folgen 
und erhielt bei dem Begas-Schüler Eduard Holbein an der Akademie gründ- 
liche Bildung, welche 1860 in Antwerpen und Düsseldorf weitere Förderung 
fand, so daß L. bei seiner Übersiedlung nach München 1876 als fertiger 
Künstler auftrat. Schon seine frühesten Arbeiten, 1866, »Beim Altkäufer« 
{als »Trödler« im »Daheim« 1867), »Mädchen mit der Katz«, »Höfischer 
Bescheid« (1868), »Verpaßt« und »Die Dorffriseurin « (1870) zeigten ihn als 
tüchtigen Zeichner und glänzenden Koloristen, wobei ihn auch ein liebens- 
würdiger, humoristischer Zug begleitete. Von Düsseldorf hatte L. den 
koloristisch feingestimmten »Versehgang« mitgebracht, dessen tiefgefühlte, 
würdige Empfindung mit der Angst des führenden Knaben den feierlich- 
gewinnenden Eindruck noch rührend erhöhte (Köln, Wallraf-Museum). Dann 
verlegte sich L., weniger nach Defreggers, mehr nach W. Riefstahls Vorgang, 
auf das Studium des altbayerischen und Tiroler Volkslebens, mit den niederen 
Bauernstuben, traulichen Dorfkirchen und verblassenden Fresken, winkligen, 
holprigen Gassen und Höfen, mit dem in prächtiger Landschaft schwer 
arbeitenden strammen Menschenschlag und den hartgeschnittenen Charakter- 
köpfen. Eine besondere Spezialität bildeten die auf steten Kampf mit den 
Jägern gefaßten »Wilderer« in der ganzen Unheimlichkeit ihres Treibens immer 
in tiefer Wald- und Felseneinsamkeit und ihrer ums Leben streitenden Leiden- 
schaft. Ein >> famoser Zeichner, sah er gleichfalls auf besondere farbige 
Struktur '<. Außer dieser furchtbaren, immer wieder in neuen Kombinationen 
spielenden Tragik liebte er auch fröhliche Wirtshausszenen mit zitherspielen- 
den, > Schnadahü[)feln « singenden Holzknechten, Bauern und schmucken 
Kellnerinnen (1880), doch zeigte er sie selten beim Tanz und noch weniger 
im Raufhandel; eher brachte er ein schmollendes Liebespaar mit dem be- 
sänftigenden »Sei wieder gut« (1881) oder hübsche Bauernmädchen, die 
sonntäglich ein Kreuz mit Blumen schmücken (1882) oder an einem Grabe 
beten {1895). Die Effekte und Sentimentalität der üblichen » Dorfgeschichten «- 
Schreiber und Dramatiker lagen seiner wahren und gesunden Kunst fem. 



1 54 Lttbcn. Flemming. 

Dafür nahm L. in sein Repertoire auch heftig streitende »Dorfpolitiker« (1884)^ 
einen kleinen, von der Bäuerin ertappten »Apfeldieb«, eine harmlose »Gemüse- 
verkäuferin« (1885), einen » Tauf schmaus « (1888), hitzige »Kartenspieler« (1890), 
» Erdbeersammelnde Kinder« (1892), »Heimkehr von der Kirche« (1893), die 
»Erwartung des Festzuges«, usw. L. behandelte mit taktvoller Virtuosität trotz 
aller Wahrheit doch das auf ein höheres künstlerisches Niveau hinstrebende 
Bauerngenre mit intimer Landschaft. Die Mehrzahl seiner Bilder findet sich 
in der Leipziger »Illustrierten Zeitung« und in den »Meisterwerken der Holz- 
schneidekunst«, in der »Kunst für Alle«, »Über Land und Meer«, »Garten- 
laube«, in photographischen Reproduktionen von Bruckmann und Hanfstängl. 
Sein reicher Nachlaß wurde 1906 in drei Abteilungen im Kunstverein aus- 
gestellt und rasch verkauft. 

Vgl. Fr. V. Bötticher 1895, h 900« Kunstvereinsbericht f. 1905, S. 18. 

Hyac. Holland. 

Flemming, Walther, Professor der Anatomie an der Universität Kiel,. 
* 21. April 1843 auf dem Sachsenberge bei Schwerin in Mecklenburg, f 4. August 
1905 in Kiel. — F. war der Sohn des verdienstvollen Psychiaters Karl Fried. 
Flemming, des Mitbegründers der. Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und 
des Vereins deutscher Irrenärzte. Er besuchte das Gymnasium in Schwerin 
und studierte Medizin in Göttingen, Tübingen, Berlin und Rostock. An letzterer 
Universität promovierte er auf Grund seiner Dissertation »Über den Ciliar- 
muskel der Säugetiere« 1868 zum Doktor der Medizin. Nachdem er bereits 
Assistent an der inneren Klinik bei Thierfelder (Rostock) und kurze Zeit 
Privatassistent bei dem Zoologen Semper in Würzburg gewesen war, nahm 
er eine Assistentenstelle bei dem Physiologen W. Kühne in Amsterdam an. 
Das Jahr 1870 fand ihn als freiwilligen Arzt im Lazarett zu Saarbrücken. 
Bei seiner Rückkehr wurde er Prosektor bei dem Anatomen W. Henke in 
Rostock und habilitierte sich noch 187 1 dort für Anatomie auf Grund einer 
Abhandlung »Über Bindesubstanz und Gefäßwandung bei Mollusken«. 

Schon ein Jahr hernach begleitete er seinen Lehrer nach Prag und wurde 
hier 1875 zum a.o. Professor für Histologie und Entwicklungsgeschichte ernannt. 
Als Henke nach Tübingen berufen wurde, supplierte F. die Lehrkanzel,, 
kehrte aber schon 1876 in die Heimat zurück als Nachfolger Kupffers und 
ordentlicher Professor der Anatomie an der Universität Kiel. Hier hat er 
bis zu seiner schweren Erkrankung, die sich in ihren ersten Spuren schon 
1892 bemerkbar machte, eine hervorragende Tätigkeit als Lehrer und Forscher 
entfaltet. Seit 1901 war F. seiner Amtsgeschäfte enthoben, aber sein zu- 
nehmendes Leiden hinderte ihn auch an wissenschaftlicher Arbeit. Nur ein 
Aufsatz über die » Histogenese der Stützsubstanzen der Bindesubstanzgruppe « 
in Hertwigs Handbuch der Entwicklungsgeschichte, zugleich sein letzter, stammt 
aus dieser Zeit. 

Mit der eigentlichen Anatomie hat sich F. fast ausschließlich als I^ehrer 
beschäftigt; nur wenige Abhandlungen hat er aus diesem Gebiete veröffent- 
licht. Weite Verbreitung hat seine Wandtafel, einen stark vergrößerten Durch- 
schnitt des menschlichen Auges darstellend, gefunden. 

Sein Hauptarbeitsgebiet, auf das er schon frühzeitig von seinem Lehrer 
F. Eilhard Schulze gewiesen worden, war die histologische Forschung auf 



Flemming. May. 1 65 

breitester vergleichend -anatomischer Basis. So verdankt ihm die Wissenschaft 
wertvolle Aufklärungen über den feineren Bau und die Entwicklung der 
Mollusken, Najaden und Mytiliden. Eine Gruppe von Arbeiten befaßt sich 
mit dem Bindegewebe, besonders mit dem Fettgewebe. Über die Entstehung 
der Bindegewebsfibrillen hat er eine vielbeachtete, aber nicht einwandsfreie 
Theorie aufgestellt. Unbestrittene Meisterschaft entfaltete er aber auf dem 
Gebiete der feinsten Bauverhältnisse und der Teilungsvorgänge der tierischen 
Zelle und ihres Kernes. Sie hat ihm einen Weltruf verschafft, die Wissen- 
schaft dauernd bereichert und der Forschung neue Bahnen eröffnet. 

Durch Beobachtung am lebenden Objekt hat er die richtige Reihenfolge 
im Ablauf der verwickelten Fadenfiguren, welche bei der Teilung des Kerns 
auftreten, festgestellt; die Längsspaltung der Fäden, die Zellplatte bei der 
Zerschnürung des Zelleibes, die achromatische Spindel in Gewebszellen und 
Leukozyten, die Zentralkörper in ruhenden Gewebs- und Wanderzellen ent- 
deckt. Weiterhin hat er das Vorkommen und die Anordnung der Mitosen 
in den verschiedensten Organen und Geweben festgestellt, besonders auch in 
den lymphoiden Organen. 

Diese glänzenden Entdeckungen und ihre biologische Verwertung waren 
nur durch eine hervorragende Beobachtungsgabe, nüchternste Kritik und aus- 
gebildetste Untersuchungstechnik möglich. In dieser war F. Meister; das 
von ihm angegebene Chromosmiumessigsäuregemisch ist als » Flemmingsche 
Flüssigkeit« Gemeingut aller Biolögen geworden. Auch der referierend-kriti- 
schen Tätigkeit F.s, der wir besonders klare Darstellungen der Zellforschung 
bis zum Jahre 1897 verdanken, sei hier gedacht. 

Als Mensch besaß er hohe ethische Eigenschaften; mit vollkommner Selbst- 
beherrschung verband er große Güte des Herzens und eine vornehme Be- 
scheidenheit, die der Ausdruck strengen Rechts- und Pflichtgefühls war. 
Sein schweres Leiden hat er klaglos, heroisch getragen. 

(Quellen zur Biogrraphie: Prof. Dr. Graf von Spee in der »Deutsch, med. Wochenschr. « 
'9<^5> Ji^g- 3^> S. 1727 — 1728; als Gedächtnisrede in Kiel am 13. Dezember 1905 gehalten, 
in: »Chronik d. Univ. Kiel für das Rektorat 1905/6.« — Ausführlicher Nekrolog mit Porträt 
und Verzeichnis der Arbeiten im »Anatom. Anzeiger« Bd. 28, 1906, S. 41 — 59. — Prof. 
Dr. Friedr. Meves in der »Münchener med. Wochenschr.« 1905, Jhg. 52, S. 2232 — 34 mit 
einem Porträt (Blatt 178) aus der Galerie hervorragender Arzte und Naturforscher (F.Lehmann, 

München). J. Seh äff er, Wien. 

May, Friedrich Wilhelm, Landwirt und langjähriges Mitglied der zweiten 
Kammer des sächsischen Landtags, * im Jahre 1820 zu Polenz bei Neu- 
stadt i. S., t ebenda am 23. November 1905. — M. war der Sohn eines Land- 
wirtes in Polenz bei Neustadt und übernahm schon mit 22 Jahren die selbst- 
ständige Leitung des im Jahre 1842 in seinen Besitz übergegangenen 
väterlichen Gutes. Er stand in dem Ruf, ein tüchtiger Vertreter seines 
Berufes zu sein, und wurde als solcher von dem 11., die Amtsgerichte Stolpen, 
Sebnitz und Schandau umfassenden Wahlkreis schon im Jahre 1854 als Ver- 
treter in die zweite sächsische Ständekammer gesandt, der er bis zum Jahre 1902, 
also 48 Jahre hindurch, ununterbrochen angehört hat. Seit der Einsetzung 
der Finanzdeputation im Jahre 1875 bis zu seinem Rücktritt aus der Kammer 
im Jahre 1902 bekleidete er das Amt eines Vorsitzenden dieser Deputation. 
Auch sonst beteiligte er sich vielfach an dem öffentlichen Leben seiner Zeit 



l66 May. Paudler. Steffan. 

als Mitglied von landwirtschaftlichen Vereinen, des Pirnaer Bezirksausschusses 
und des Ausschusses für die Kreishauptmannschaft Dresden. Er war Inhaber 
des Ritterkreuzes erster Klasse des Albrechts- und des Verdienstordens, erhielt 
den Titel eines Ökonomierates und wurde von seinen Mitbürgern zum Ehren- 
bürger der Stadt Neustadt i. S. ernannt. 

»Dresdner Anzeiger« vom 24. November 1905, S. 5 u, S. 25 und 25. November 1905, 
S. 5. — »Deutsches Leben«. Dresden (1903), Jahrg. I. Heft i (S. 19). H. A. Lier. 

Paudler, Amand Anton, Augustinerpater und Gymnasialprofessor in 
Böhmisch-Leipa, * am 8. Oktober 1844 zu Kamnitz-Neudörfel, f am 10. No- 
vember 1905 in Prag. — P. nahm unter den Gelehrten, Schriftstellern 
und Dichtern seiner deutsch - böhmischen Heimat eine hochgeachtete 
Stelle ein. Er war einer der Begründer des Nordböhmischen Exkursions- 
klubs und hat dessen Vierteljahresschrift 28 Jahre hindurch mit seltener 
Fachkenntnis und Umsicht geleitet. Seine zahlreichen Beiträge verzeichnet 
das von F. Hantschel zusammengestellte »Hauptregister für die Mit- 
teilungen des Nordböhmischen Exkursionsklubs«, Jahrg. I bis XXV, Leipa 
1904. Das noch immer nicht erschienene i. Heft des 29. Jahrgangs soll als 
» Paudler-Hef t « behandelt werden und einen eingehenden Lebensabriß des 
Mannes unter Beigabe seines Bildes bringen, weshalb es verfrüht wäre, ohne 
genügende Unterlagen schon jetzt seinen Nekrolog zu schreiben. Auch geht 
man in den Freundeskreisen des Verstorbenen mit dem Gedanken um, ihm 
ein Denkmal zu errichten, zu dem die Sammlungen bereits eingeleitet sind. 
»Mitteilungen des Nordböhmischen Exkursions-Klubs« 28. Jahrg. Leipa 1905, 
S. 468 — 470. 29. Jahrg. Leipa 1906, S. 288. — »Aus deutschen Bergen« 20. Jahrg. 
Bcnsen 1905, S. 106. ' H. A. Lier. 

Steffan, Johann Gottfried, Landschaftsmaler, * am 13. Dezember 181 5 zu 
Wädenswyl am Züricher See, f am 16. Juli 1905 zu München. — S. war 
ursprünglich Schriftlithograph und kam als solcher im Jahre 1833 zu seinem 
Landsmann Karl Bodmer nach München, wo er sich einige Semester lang im 
Antikensaal der Akademie und abends im Aktsaal unter Cornelius, Hess, 
Zimmermann u. a. seine künstlerische Ausbildung angelegen sein ließ. Kr 
lieferte dann Steinzeichnung für den Lithographen Fr. Hohe. Als er bei 
dieser Gelegenheit die landschaftlichen Studien dieses Künstlers kennen 
gelernt hatte, entschloß, er sich, sich ausschließlich auf die Pflege der Land- 
schaftsmalerei zu verlegen. Dies geschah im Jahre 1839. Schon ein Jahr 
darauf vermählte er sich mit Emilie Hoffmann, der Tochter des Gemeinde- 
präsidenten von Wädenswyl, mit derer in 46 jähriger glücklicher Ehe bis zu ihrem 
im Jahre 1886 erfolgten Tode zusammen lebte. Obwohl er als Landschaftsmaler 
Autodidakt war, erzielte er mit seinen Bildern schon nach kurzer Zeit manchen 
schönen Erfolg. Er entwickelte sich im Anschluß an Rottmann und nach 
dem Vorbilde Calames zu einem ungemein tüchtigen Gebirgsmaler, der am 
liebsten schäumende Wildbäche, Gletscher, Hochtäler und Alpenszenen dar- 
stellte. Seine Motive entnahm er am häufigsten seiner schweizerischen 
Heimat, namentlich dem Berner Oberland, der Gegend am Wallenstädter 
See, den beiden Haupttälern des Kanton Glarus und aus der Gegend von 
Sion im Kanton Wallis. Doch zog er mit seinem Arbeitsstuhl auch gern 
nach den bayrischen Alpen, da er in ihnen eine von der Kultur noch 



Steffan. 167 

weniger berührte Ursprünglichkeit und Frische zu finden meinte. Eine größere 
Reise führte ihn im Jahre 1845 nach Oberitalien bis Venedig, wo er vor 
allem die Meisterwerke eines Tizian und Veronese bewundem lernte. Um 
auch die neueren Franzosen aus eigner Anschauung beurteilen zu können, 
besuchte er im Jahre 1855 die erste Pariser Weltausstellung. Im übrigen 
verfloß sein Leben in stiller Arbeit und rastlosem Schaffen bei einer bis ins 
(keisenalter ungetrübten Gesundheit. Erst in den letzten Jahren hinderte ihn 
zunehmende Farbenblindheit an der weiteren Ausübung seines Berufes. Als 
seine besten Bilder werden angeführt eine »Gebirgslandschaft in Glarus bei 
aufziehendem Gewitter« vom Jahre 1852, eine »Idylle von der Gegend von 
Meiringen« gleichfalls vom Jahre 1852 und der »Murgsee im St. Gallischen 
Oberland« von 1889, sie befinden sich sämtlich in Berner Besitz. Überhaupt 
fand S. gerade in seiner schweizerischen Heimat besondere Anerkennung, was 
sich schon aus der Wahl seiner Stoffe leicht erklärt. Da in Deutschland 
gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Gebirgsmalerei völlig aus der Mode 
gekommen war und er die neuere Entwicklung nicht mitgemacht hatte, geriet 
er mehr und mehr in Vergessenheit. Um so mehr war man erstaunt, als 
zuerst im Sommer 1905 auf der »Berliner Ausstellung von Werken Deutscher 
Landschafter des 19. Jahrhunderts« eine Chiemseelandschaft vom Jahre 1869 
von seiner Hand auftauchte, die trotz der etwa§ zu glatten Malerei nament- 
lich in der Luftbehandlung ein feines Verständnis für zarte Stimmungsreize 
zeigte, die man dem alpinen Vedutenmaler kaum zugetraut hätte. Das seit- 
dem in den Besitz der Berliner Nationalgalerie übergegangene Gemälde war 
auch auf der Berliner Jahrhundertausstellung von 1906 zu sehen, wo S. auch 
noch mit einem » Reichenbachfall im Berner Oberland « (1854) vertreten war. 
Das letztere Bild erschien neben einem »Aufziehenden Gewitter« {1854) auch 
im Sommer 1906 in München auf der »Ausstellung Bayerischer Kunst 1800 bis 
1850«. S. ist ziemlich häufig in den öffentlichen deutschen Kunstsammlungen 
vertreten. Die Dresdner Galerie besitzt einen » Herbsttag in den St. Gallener 
Alpen« (1878), die Münchener Neue Pinakothek, für die König Ludwig I. 
von Bayern Steffans Büste durch den Bildhauer Habig anfertigen ließ, eine 
)^ Hochgebirgslandschaft« und eine »Landschaft« (1860), das Städtische 
Museum zu Leipzig eine »Partie* aus den oberbayrischen Alpen« (1866) und 
die Gemäldegalerie im Künstlerhause Rudolphinum zu Prag eine »Partie an 
den Bergabhängen des Brienzer Sees« (1867). Der bekannteste unter den 
Schülern des Künstlers ist der Landschaftsmaler Joseph Wenglein, der, obwohl 
er sich später Adolf Lier anschloß, doch das Ansehen seines ersten Lehrers 
immer hoch hielt. 

Friedrich Pccht, »Geschichte der Münchener Kunst im 19. Jahrhundert«. München 
1888, S. 168. — »Kunst für Alle«. München 1886, Bd. I, S. 228. 1891, Bd. VI, S. 224. — 
»Das geistige Deutschland am Kndc des XIX. Jahrhunderts«. Leipzig und Berlin 1898, 
Bd. I. »Die bildenden Künstler« S. 671. — »Die Kunst«. München 1905, VI. Jahrg., 
S. 486. — »Kunstchronik«. Leipzig 1905, N. F. XVI, Sp. 482. — Friedrich v. Boetticher, 
»Malerwerke des 19. Jahrhunderts«. Dresden 1898, Bd. II, S. 804 — 806. — »Offizieller 
Katalog der Ausstellung von Werken Deutscher Künstler des 19. Jahrhunderts, 1905 im 
Landes- Ausstellungsgebiiucle«. Berlin, Stuttgart, Leipzig o. J. S. 45. — »Ausstellung 
Deutscher Kunst aus der Zeit von 1775 — 1875«. 2. Aufl., Kgl. Nationalgalerie, Berlin. 
München 1906, S. 224. — »Münchener Jahres-Ausstellung 1906 im Kgl. Glaspalast«. 
Bayerische Kunst 1800 — 1S50, 2. Ausgabe, München 1906, S. 65. H. A. Lier. 



l68 Büttner -Wobst. 

Büttner -Wobst, Johann Rudolf Theodor, Studienrat Prof. Dr., Philolog, 
* 24. Januar 1854 in Dresden, f 2. September 1905 in Bühlau bei Dresden. — 
B.-W. besuchte in seiner Vaterstadt zuerst die damalige Böttchersche Privat- 
schule und darauf seit 1867 das Kreuzgymnasium. Nach bestandener Reife- 
prüfung bezog er Ostern 1872 die Universität Leipzig, um Philologie zu 
studieren. Anfang 1876 erwarb er dort die philosophische Doktorwürde und 
im Juli desselben Jahres absolvierte er das philologische Staatsexamen. Nach- 
dem er als Einjährig- Freiwilliger gedient, wurde er 1877 am Dresdner 
Kreuzgymnasium als provisorischer und 1878 als ständiger Lehrer angestellt. 
In diesem Amte war er bis Ostern 1904 tätig. Ein schweres Herzleiden 
nötigte ihn seit Juni 1900 seine Lehrtätigkeit wiederholt zu unterbrechen. 
Zuletzt wurde er für ein Jahr auf Wartegeld gesetzt und mußte, da eine 
Besserung seines Zustandes nicht eintrat, um seine Versetzung in den Ruhe- 
stand nachsuchen. 25. März 1904 verabschiedete er sich in der Aula des 
Kreuzgymnasiums, indem er seine hohe Auffassung vom Lehrberufe und 
besonders vom Werte des Betriebes der klassischen Sprachen noch einmal 
in einer Ansprache eindringlich darlegte. Nicht lange sollte er seine Muße 
genießen. 5. September 1905 fand er auf dem Dresdner Trinitatisfriedhofe 
seine letzte Ruhestätte. — B.-W. war ein sehr beliebter Pädagog, der mit 
dem ihm eigenen Ernst und gediegener Gründlichkeit unterrichtete, aber auch 
seinen anregenden Vortrag mit Frische und Humor zu würzen verstand. 
Begeistert für das Ideal der klassischen Bildung behandelte er die alten 
Sprachen mit größer Geistesschärfe und bemühte sich seine Schüler in die 
Kultur des Altertums einzuführen. Daneben entfaltete er eine sehr rege 
wissenschaftliche Tätigkeit. Er war Herausgeber des Polybios und des 
Zonaras und veröffentlichte eine Fülle von historischen und philologischen 
Arbeiten. Bis zuletzt blieb er Vorsitzender der Dresdner »Historischen 
Gesellschaft«. In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen wurden 
ihm mannigfache Ehrungen zuteil. Die Königl. Sächsische Akademie der 
Wissenschaften sandte ihn 1893 auf ein Vierteljahr nach Tours zur Prüfung 
des dortigen Codex Peirescianus des Polybios. 1897 erhielt er den Professor- 
titel und 1904 bei seinem Übertritt in den Ruhestand den Titel Studienrat. — 
Von B.-W. sind nachstehende Arbeiten: »*Z>^ legatiombus relpublicäe liöerae 
temporibtis Romam missis. Diss. inaug. Lipsiae 1876 <f^; ^Polybii historiae. Edi- 
tioneni a Ludmnco Dindorßo curatam retractcnnt B,-W. Vol. I — V. Lipsiae 
1882 — igo4<^; »loannis Zopiarae epitamae historiarum libri XIII — XVIII 
(Vol. III) edidit B.-W. (Corpus scriptorum historiae Byzant.) Bonnae i8g7<^: 
» Griechische Schulgrammatik von Heinrich Uhle. In Verbindung mit August 
Procksch und B.-W. Leipzig 1883«; *Studia Byzantina I (Programm des 
Gymnasiums zum heiligen Kreuz in Dresden. Dresden 1890)«; »Beiträge zu 
Polybios. (Jahresbericht des Gymnasiums zum heiligen Kreuz. Dresden 1901)« ; 
»Die Abhängigkeit des Geschichtsschreibers Zonaras von den erhaltenen 
Quellen « (in » Conimentationes Fleckeisenianae. Lipsiae i8go «); » Der Daphneische 
Apollo des Bryaxis« (in »Historische Untersuchungen. Ernst Förstemann 
gewidmet von der Historischen Gesellschaft zu Dresden. Leipzig 1894«); 
»Die Florentiner Handschriften des Polybios« (in »Griechische Studien. 
Hermann Lipsius dargebracht. Leipzig 1894«); »Meine Rede beim Abschied 
von der Kreuzschule am 25. März 1904. (Sonntagsbeilage zum Dresdner 



Büttner -Wobst, von Leuthold. 169 

Anzeiger. 21. August 1904)«. Hierzu kommt eine größere Zahl von Abhand- 
lungen und kleineren Artikeln in Fleckeisens »Jahrbüchern für klassische 
Philologie«, im »Philologus«, in der »Byzantinischen Zeitschrift«, in den 
»Berichten der Kgl. Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften«, in der 
»Berliner Philologischen Wochenschrift«, in den von Lehmann und Kome- 
mann herausgegebenen »Beiträgen zur alten Geschichte«, in » Pauly-Wissowa, 
Realenzyklopädie, Suppl. I. Stuttgart 1903«, im »Dresdner Anzeiger« und 
im »Dresdner Journal«. 

Vgl. »Programm (Jahresbericht) des G}'mnasiums zum heiligen Kreuz in Dresden.« 
Dresden 1878, S. 2f.; 1894, S. 2; 1898, S. i; 1904/1905, S. if.; 1905/1906, S. 4. — 
»Dresdner Nachrichten«, 5. September 1905, Nr. 246, S. 2. — »Dresdner Anzeiger«, 
5. September 1905, Nr. 246, S. 27. — »Dresdner Journal«, 6. September 1905, Nr. 207, 
S. 1633. A. Reichardt. 

Leuthold, Rudolph von, Generalstabsarzt der Armee, • 20. Februar 1832 
zu Zabeltitz in Sachsen, f 3. Dezember 1905 zu Berlin. — Nach kurzem 
schweren Leiden verschied der preußische Generalstabsarzt der Armee Prof. 
Dr. von Leuthold, der Leibarzt Sr. Majestät des Kaisers, am Abend des 
3. Dezember 1905. Selbst fast ein Siebziger, doch rüstig und kraftvoll wie 
irgend einer, trat er 1901 als Nachfolger v. Colers an die Spitze der Militär- 
Medizinal -Verwaltung, und voll berechtigten Vertrauens auf seine schier un- 
erschütterliche Gesundheit und Arbeitskraft übernahm er die schwere Bürde 
seines verantwortungsvollen Amtes. Und nun hat doch eine kurze Krankheit 
vermocht, seine Kräfte zu zerstören, und fast will es scheinen, als ob nur 
seine unendliche Pflichttreue und seine Hingabe an seine großen Aufgaben 
ihn bis zuletzt aufrecht erhielten und ihn die Spuren beginnenden Leidens 
zu bekämpfen und zu überwinden hießen. Mit ihm verlor der Kaiser einen 
bewährten ärztlichen Berater und einen seiner treuesten, aufopferungsvollsten 
Diener, mit ihm das preußische Sanitätskorps seinen im Krieg und Frieden 
erprobten Führer, die Armee ihren fürsorgenden, hilfsbereiten Generalstabsarzt, 
der ärztliche Stand und die Wissenschaft einen ihrer würdigsten, vornehmsten 
Vertreter. 

L. erhielt seine wissenschaftliche Vorbildung auf dem Gymnasium zu 
Torgau und in der lateinischen Hauptschule der Franckeschen Stiftungen zu 
Halle a. S. 1852 trat er als Studierender in das damalige medizinisch- 
chirurgische Friedrich Wilhelms-Institut, an das er später (1861 — 66) als 
Oberarzt und Stabsarzt behufs erhöhter medizinischer Ausbildung wieder 
kommandiert wurde. In dieser Stellung wurde er u. a. Assistent Traubes im 
Charite-Krankenhause, und hier legte er den Grund zu seinen umfassenden 
Fachkenntnissen, die ihn zu den bevorzugtesten militärärztlichen und ärztlichen 
Stellungen so hervorragend geeignet machten. Während des Feldzuges 1866 
leitete er ein Choleralazarett in Danzig, 1870/71 war er zunächst Chefarzt 
des 7. Feldlazaretts IL Armeekorps und sodann Divisionsarzt bei der i. Division. 
Nach dem Friedensschlüsse wirkte er als Oberstabsarzt beim Invalidenhause, 
dann als Regimentsarzt beim Garde-Kürassier-Regiment. In diese Zeit fällt 
seine Ernennung zum ordentlichen Professor der Kriegsheilkunde an dem 
Friedrich Wilhelms-Institute. Kaiser Wilhelm der Große ernannte ihn 1885 
zu seinem Leibarzt, und das Vertrauen des Kaisers Wilhelm IL berief ihn 



170 von Leuthold. 

1888 wieder in die gleiche Stellung. Von 1889 — 1901 leitete er als Korps- 
generalarzt den Sanitätsdienst beim Gardekorps, 1891 erhielt er den Rang 
als Generalmajor und 1899 ^^^ Prädikat Exzellenz. Am 4. September 190 1 
erfolgte seine Beförderung zum Generalstabsarzt der Armee, Chefs des 
Sanitätskorps und der Medizinal -Abteilung des Kriegsministeriums, sowie 
zum Direktor der Kaiser Wilhelms-Akademie und zum Vorsitzenden des 
Wissenschaftlichen Senats bei dieser Akademie. Zugleich wurde er zum 
ordentlichen Honorar-Professor der Universität Berlin ernannt und auch dem 
Kultusministerium als Berater beigeordnet. 1903 erhielt er das Großkreuz 
des Roten Adler- Ordens, eine Auszeichnung, die vor ihm noch keinem 
Sanitätsoffiziere zuteil geworden war. 

Das ist in kurzen Umrissen das Lebensbild des verdienten Mannes. Und 
doch! Was liegt darin für eine Fülle von Arbeit und Fleiß, von Hingebung 
an den Beruf, von Mühen und Lasten, und doch auch welche Fülle reichen 
Segens und großer Erfolge! 

Fast 50 Jahre stand er im militärärztlichen Leben, urtd er hat in dieser 
Zeit die ganze große Entwicklung des militärärztlichen Standes miterlebt, 
an ihr mitgekämpft und schließlich an höchster Stelle sie geleitet und ge- 
fördert. V. L. war in erster Linie Arzt. Mit Leib und Seele war er diesem 
seinem Berufe ergeben. Seine seltene Pflichttreue und unermüdliche Fürsorge 
gaben die Grundlage, auf der seine umfassenden medizinischen Kenntnisse 
am Krankenbette große Erfolge erzielten. Daher ist die Liebe erklärlich, die 
ihm als ärztlichen Fürsorger weite Kreise der Bevölkerung entgegenbrachten, 
daher ist es begreiflich, daß er als Arzt das unerschütterliche Vertrauen 
seines Kaisers besaß, das sein größter Stolz und seine größte, berechtigte 
Freude war. Zeigte sich doch auch die Zuneigung und das Zutrauen seines 
kaiserlichen Herren darin, daß v. L. weit über die gewöhnliche Aufgabe des 
Arztes hinaus mit Begutachtungen, Ratschlägen, Aufklärungen, Vorträgen in 
medizinischen und sonstigen fachwissenschaftlichen Gegenständen, die das 
Interesse Seiner Majestät erregt hatten, betraut wurde. 

Als Lehrer der Kriegsheilkunde wußte er packend und aus der reichen 
Fülle seiner Erfahrungen heraus anregend zu wirken; er besaß eine nicht 
gewöhnliche Begabung für die freie Rede, und seine Vorträge haben nach- 
haltigen Eindruck in den Herzen seiner jugendlichen, für ihren Beruf be- 
geisterten Zuhörer erweckt. 

Bei seinem scharfen Verstände und seiner kritischen Veranlagung hat er 
in seinen Vorlesungen oftmals bestehende Mißstände in der Organisation und 
Verwaltung des Kriegssanitätsdienstes aufgedeckt und seine Schüler frühzeitig 
zu offenem Blick und strenger Beobachtung erzogen. In der eingehenden 
Beurteilung und kritischen Verwertung aller Fragen auf dem Gebiete der 
Fachwissenschaft und der Verwaltung lag überhaupt der Schwerpunkt seines 
Wirkens. Durch die zunehmende Inanspruchnahme seiner Zeit für die immer 
umfangreicher an ihn herantretenden dienstlichen Aufgaben war er leider 
schon 1892 gezwungen, seine Lehrtätigkeit einzustellen. 

Für die eigentliche Sanitätsverwaltung hatte er eine ausgesprochene 
Begabung; Betätigung fand diese Neigung in wirksamer Weise er^t, als er 
an die Spitze der Medizinal-Abteilung des Kriegsministeriums trat. 

Die Zeit, in der an höchster Stelle im Sanitätswesen zu wirken ihm ver- 



von Leuthold. Maass. 



17^ 



gönnt war, ist zu kurz, als daß schon überall die Folgen seines Wirkens 
zutage treten konnten. Aber dem Kundigen kann es nicht entgehen, wie er 
gewissenhaft und treu das Sanitätskorps auf den bewährten Bahnen weiter- 
geführt hat, die sein Vorgänger betreten hatte, und wie er voller Begeisterung 
für die wissenschaftliche Fortbildung der Militärärzte sich bemüht hat. Seiner 
Mitwirkung im Kultusministerium verdankt das Zivil-Medizinalwesen wesent- 
liche Anregungen zur Bekämpfung der Seuchen; insbesondere waren seine 
Vorschläge für die Typhus- und Cholerabekämpfung von größtem Nutzen, 
und der Unterrichtsverwaltung stand er als treuer Ratgeber bei der Aus- 
bildung des medizinischen Unterrichts an den Universitäten zur Seite. 

Nun hat dies reiche ärztliche Leben sein Ende gefunden. Über das 
Grab hinaus aber bleibt die Verehrung für ihn und die Bewunderung für 
seine Pflichttreue und hingebende Arbeit. Schjerning. 

Maass, Karl Johann Albert, Prof. Dr., Gymnasialoberlehrer, * 23. Juni 
1849 zu Sternberg in Mecklenburg, f 21. November 1905 in Dresden. — M. be- 
suchte von Michaelis 1861 bis Michaelis 1868 die Domschule in Güstrow, 
siedelte dann nach Sachsen über und bestand Ostern 1869 an der Leipziger 
Thomasschule die Reifeprüfung. Hierauf studierte er in Leipzig Philologie, 
insbesondere Germanistik und vergleichende Sprachwissenschaft. 1873 wurde 
er von der Leipziger philosophischen Fakultät promoviert und im selben 
Jahr bestand er die Prüfung für die Kandidatur des höheren Schulamts in 
der ersten Sektion. Nachdem er an der Dresdner Annenrealschule als Probe- 
lehrer tätig gewesen, wurde er ebenda 1874 provisorischer und dann ständiger 
Oberlehrer. Ostern 1880 erhielt er eine neue Oberlehrerstelle an dem ein 
Jahr zuvor begründeten Wettiner Gymnasium. An dieser Anstalt wirkte M. 
23 Jahre lang mit voller Hingebung und Begeisterung für seinen Beruf. 
1896 wurde ihm der Professortitel verliehen. Eine sehr schwere Erkrankung 
zwang ihn, der bis dahin ein Bild von Kraft und Frische gewesen war, 1903 
sich von seiner Lehrtätigkeit zurückzuziehen. 1904 wurde er in den Ruhe- 
stand versetzt. Durch einen sanften Tod von seinen Leiden erlöst, fand er 
in Dresden seine letzte Ruhestätte. M. war ein pflichteifriger und beliebter 
Lehrer, den seine Amtsgenossen hoch schätzten wegen seines liebenswürdigen 
Wesens und wegen seiner Offenheit und Zuverlässigkeit. Seiner politischen 
Gesinnung nach zeigte er sich als »ein echter deutscher Mann, dessen Herz 
warm schlug für des Vaterlandes Größe und Herrlichkeit« (Nachruf der 
Lehrerschaft des Wettiner Gymnasiums). Er war ein eifriges Mitglied des 
nationalliberalen Reichsvereins und trat vielfach bei vaterländischen Festlich- 
keiten als Redner auf. — Von M. sind die Schriften: ^Vocales in stirpium 
temunatmübus positac nominum Italicorum, Graecorum, Germanoruni post quas 
potissimum consonas in singularis nominativo perierint; diss. inaug. Rostochii i8jj^; 
■ Die harmonische Ausbildung von Körper und Geist in der Schule. Leipzig 
1880 <; »Das deutsche Märchen. Literarische Studie. (Sammlung gemein- 
verständlicher wissenschaftlicher Vorträge. N. F. Serie I, H. 24). Hamburg 
1886«; /Über Metapher und Allegorie im deutschen Sprichwort. Programm 
des Wettiner Gymnasiums. Dresden 1891«; » Fünfundzwanzig Jahre deutscher 
Reichs-CTCsetzgehung. Denkschrift zur Erinnerungsfeier des 25jährigen Be- 
stehens der nationalliberalen Partei im deutschen Reichstage. Leipzig 1892«. 



174 ^^^ Richthofen. 

metallen, und in uneigennützigster Weise hat er den Bergwerksbesitzern 
manchen wertvollen Rat erteilt. So verfolgte er am Ostabhang der Sierra 
nahe bei Virginia City im Territorium Nevada die Streichungsrichtung eines 
erzreichen Quarzganges, der unter dem Namen Comstockgang berühmt ge- 
worden ist, und gab an, wo derselbe wahrscheinlich wieder zutage treten würde. 
In der Tat fanden die Mineningenieure seine Fortsetzung in der bezeichneten 
Gegend und stellten einen ungewöhnlich hohen Silbergehalt fest. Über die 
Ausdehnung und die mutmaßliche zukünftige Entwicklung der Metallproduktion 
Kaliforniens verfaßte er eine wertvolle Studie, die als 14. Ergänzungsheft zu 
Petermanns Mitteilungen erschien (Gotha 1864). Unterdessen hatten auch 
zahlreiche amerikanische Geologen, zum Teil mit reichen Staatsmitteln aus- 
gerüstet, eine systematische Untersuchung der Sierra Nevada und der anderen 
Gebirgszüge des fernen Westens in Angriff genommen. Da R. diesen ein- 
heimischen Fachgenossen nicht vorgreifen wollte, beschloß er, nach Ostasien 
zurückzukehren und eine bisher noch niemals unternommene geologische 
Durchforschung Chinas zu beginnen. Zugleich wollte er die Grundlagen für 
eine gleichfalls noch fehlende, moderne Ansprüche befriedigende geographische 
Beschreibung des Riesenreiches schaffen und namentlich die klimatischen 
Verhältnisse, die Streichrichtungen der Gebirge und die Beziehungen Chinas 
zu den abflußlosen Gebieten Zentralasiens einerseits und zu den Hochgebirgs- 
ländern von Tibet und Hinterindien andererseits erforschen. Außer diesen 
wissenschaftlichen wünschte er noch eine Reihe von praktischen Aufgaben zu 
lösen, und zwar besonders das Vorkommen und die Verbreitung der Steinkohle 
und sonstiger Bodenschätze zu untersuchen. Diese weitausschauenden Pläne 
hat er in den Jahren 1868 — 1872 in glänzender und vorbildlicher Weise aus- 
geführt, indem er auf sieben Reisen 13 von den 18 Provinzen des Reiches 
der Mitte durchzog und dabei eine derartige Menge von verschiedenartigem 
wissenschaftlichem Material sammelte, daß die 30 Jahre seines späteren Lebens 
und die Mitarbeit mehrerer Hilfskräfte nicht ausreichten, um es völlig auszu- 
schöpfen. Im wesentlichen führte er diese Reisen allein und auf eigene Kosten 
aus, nur zuletzt unterstützte ihn die Handelskammer zu Schanghai durch einen 
namhaften Zuschuß. 

Im Herbst 1868 begab er sich zunächst nach Peking, um die nötige 
Fühlung mit den Zentralbehörden zu gewinnen und sich mit einem Paß zu 
versehen, der ihn als einen Angehörigen der weitverbreiteten und angesehenen 
Familie Li bezeichnete. Obwohl ihm die Regierung keinerlei Schwierigkeiten 
in den Weg legte, ließ sie doch deutlich erkennen, daß sie für seine wissen- 
schaftlichen Absichten weder Verständnis noch Interesse besaß. An diese 
Reise nach der Hauptstadt schloß sich ein Ausflug nach der Küste von 
Schantung. Darauf besuchte er von Schanghai aus die geologisch merkwürdige 
Gegend um Ningpo, unternahm eine Kreuzfahrt durch den Tschusan-Archipel 
und erforschte den ausgedehnten Taihu-See sowie die Hügellandschaft und 
das engmaschige Kanalnetz um Nanking. In den ersten Monaten des Jahres 
1869 führte er Vermessungen an der Küste nördlich von Schanghai aus, ließ 
sich dann in einem Boote den Jangtsekiang 600 Seemeilen weit aufwärts bis 
Hankou schleppen und fuhr nun langsam wieder stromabwärts. An geeigneten 
Punkten landete er und unternahm Ausflüge in die angrenzenden Gebiete, 
die in geologischer Hinsicht damals noch völlig unbekannt waren. Auch 



von Richthofen. 17c 

drang er auf mehreren Nebenflüssen so weit als möglich vor und hielt sich 
längere Zeit in dem ausgedehnten Überschwemmungsgebiet des Poyang-Sees 
auf. Nachdem er in Schanghai seine Sammlungen deponiert hatte, segelte 
er wiederum den Jangtsekiang aufwärts bis Tschinkiang, dann auf dem Großen 
Kanal bis Tsingkiangfu, wo er das ehemalige Bett des Hwangho überschritt, 
und zog nun landeinwärts durch die Westhälfte der Provinz Schantung bis 
Tsinan am Unterlaufe des Hwangho. Von hier aus wanderte er in östlicher 
Richtung durch Nord-Schantung nach der Küste, die er im Mai bei Tschifu 
erreichte. Schon damals erkannte er die hohe Bedeutung des zu jener Zeit 
noch ganz vernachlässigten Kiautschou als Eingangstor für das ganze nörd- 
liche China und als Ausfuhrhafen für die gewaltigen Kohlenfelder Schantungs. 
Nach kurzem Aufenthalte segelte er über den Golf von Tschili nach Niu- 
tschwang auf der Halbinsel Liautung, deren Küste er bis an die Grenze Koreas 
verfolgte. Hierauf ging er am rechten Ufer des Jalu-Flusses nach Norden, 
überstieg auf lebensgefährlichen Pfaden die Gebirgsketten der südlichen Mand- 
schurei und traf Mitte Juni in Mukden ein. Da er einen geplanten Ausflug 
nach der Mongolei wegen andauernder Regengüsse unterlassen mußte, begab 
er sich auf dem nächsten Wege, immer der Richtung der großen mandschuri- 
schen Heerstraße folgend, nach Peking, entwarf eine sehr genaue geologische 
Karte der Umgegend, verweilte noch einige Wochen in Schantung und kehrte 
schließlich zur See nach Schanghai zurück. Den Rest des Jahres verbrachte 
er mit einer Landreise nach dem Poyang-See in der Provinz Kiangsi, mit 
einer gründlichen Untersuchung der reichen Kohlenfelder von Loping und 
mit eingehenden Studien über die Porzellanindustrie in der durch diesen 
Erwerbszweig seit drei Jahrtausenden berühmten Fabrikstadt Kingtöschönn, 
sowie über die Fundorte und Lagerungsverhältnisse der Porzellanerde. Nach 
einer mehrwöchigen Ruhepause an der Küste begab er sich gegen Ende 
des Jahres zur See nach Hongkong, um von hier aus nach dem durch seine 
Mineralschätze berühmten Yünnan vorzudringen. Da ihm aber durch eine 
aufständische, fremdenfeindliche Bewegung in der Provinz Kwangsi der Weg 
dahin verlegt wurde, beschloß er, von Kanton aus soweit als möglich nach 
Norden zu wandern. Am Neujahrstage 1870 fuhr er den Peikiang hinauf, 
überschritt unter drohenden Demonstrationen der Eingeborenen die Wasser- 
scheide nach dem Hsiangkiang und segelte auf diesem Flusse abwärts bis in 
den ausgedehnten, aber flachen Tungting-See in der Provinz Hunan. Auch 
die Weiterreise erfolgte zum Teil zu Wasser, zunächst den Jangtsekiang ab- 
wärts bis Hankou und Wutschang, dann den Nebenfluß Hankiang aufwärts 
bis Hsiangjang. Von hier aus führt eine bequeme und vielbegangene Heer- 
straße nach Peking, doch benutzte er sie nicht, sondern wendete sich nach 
dem Westen der Provinz Honan, um den Bau des gewaltigen Kwenlun 
wenigstens in seinen Ausläufern kennen zu lernen und die vorgelagerten Löß- 
landschaften eingehend zu studieren. Weiterhin überschritt er den Hwangho 
und erstieg das ausgedehnte Plateau von Schansi, wo er auf so überaus 
mächtige Steinkohlenfelder stieß, daß er das Land für das kohlenreichste der 
Erde erklärte. Endlich erreichte er die Provinz Tschili und traf Ende Mai 
zum drittenmal in Peking ein. Hier betrieb er nun mehrere Wochen hindurch 
eifrig die Vorbereitungen für die noch immer beabsichtigte Expedition nach 
Vünnan. Aber bedrohliche Nachrichten über die zunehmende Belästigung 



176 von Richthofen. 

der Fremden in verschiedenen Provinzen des Reiches nötigten ihn, seine Ab- 
reise hinauszuschieben. Als die Kunde von der Ermordung mehrerer Europäer 
in Tientsin eintraf und man eine ähnliche Gewalttat auch in der Hauptstadt 
nicht für ausgeschlossen hielt, begab er sich an die Küste und fuhr nach 
Schanghai, wo infolge des starken englischen Einflusses geordnete Verhältnisse 
herrschten. 

Um aber die Zeit bis zur Wiederkehr der Ruhe nicht ungenützt ver- 
streichen zu lassen, segelte er Ende August nach Yokohama, erhielt von der 
japanischen Regierung die damals nur ausnahmsweise erteilte Erlaubnis zur 
uneingeschränkten Bereisung des Landes und verbrachte den ganzen Herbst 
und Winter mit ergebnisreichen Wanderungen durch die Inseln Nippon und 
Kiushiu, bei denen er sein Hauptaugenmerk auf den Vulkanismus und die 
damit zusammenhängenden Erdbeben richtete. Die Reize der Natur und die 
Liebenswürdigkeit der Bewohner erfüllten ihn mit tiefer Sympathie für Land 
und Volk, so daß er im Mai 1871 mit Wehmut schied, um nach China zurück- 
zukehren. Da im Norden des Reiches die Ruhe noch nicht völlig wieder- 
hergestellt zu sein schien, nahm er zunächst eine Untersuchung der von 
Schanghai aus ohne Schwierigkeit zu erreichenden Provinzen Tschekiang und 
Nganhwei vor, deren Gebirgsbau noch völlig unerforscht war. Als endlich 
im Herbst gute Nachrichten aus Peking eintrafen, begab er sich dorthin und 
trat nun von hier aus Ende Oktober 1871 seine letzte größere Reise durch 
China an. Nachdem er die Kohlenfelder im Nordwesten von Tschili besucht 
hatte, durchzog er den Südrand der Mongolei. Hier lernte er eins der großen 
Trockengebiete der Erde kennen und studierte eingehend die Durchsetzung 
des Bodens mit Salz infolge der Abflußlosigkeit und starken Verdunstung, 
sowie die eigenartigen Wirkungen des Windes in der Steppe, namentlich die 
Ansammlung und Umbildung des Staubes. Diese Beobachtungen bestärkten 
ihn in seiner schon früher gewonnenen Überzeugung, daß die Lößlandschaften 
des mittleren China nichts weiter als ehemalige, von heftigen Staubstürmen 
heimgesuchte Steppengebiete seien. Weiterhin durchwanderte er bei strenger 
Kälte die gebirgigen Provinzen Schansi und Schensi und verweilte einige Zeit in 
Hsinangfu, dem uralten Ausgangspunkte der frühesten chinesischen Kultur 
und Geschichte. Seine Absicht, von hier aus durch die Provinz Kansu in das 
Quellgebiet des Hwangho vorzudringen, mußte er wegen einer aufständischen 
Bewegung unter den dort wohnenden Mohammedanern aufgeben. Statt dessen 
überstieg er auf einem schon von Marco Polo begangenen Saumpfade das Tsin- 
ling-Gebirge und gelangte in die reiche und dicht bevölkerte Provinz 
Sz'tschwan. Da sich ein Versuch, auf Marco Polos ferneren Spuren nach 
Yünnan zu gelangen, als undurchführbar erwies, beschloß er die Reise abzu- 
brechen. In Hsütschoufu am Jangtsekiang bestieg er ein Boot und fuhr nun 
1300 Seemeilen weit den gewaltigen Strom abwärts bis nach Schanghai. Hier 
traf er im Mai ein, ordnete seine Aufzeichnungen und Sammlungen und trat 
dann die Rückreise nach der Heimat an, die er kurz vor Weihnachten 1872 
nach einer Abwesenheit von über zwölf Jahren erreichte. Dieser Zeitraum 
war der wichtigste seines langen Lebens und hat auch seine wissenschaft- 
liche Entwicklung in bedeutsamster Weise beeinflußt. Als Geolog war er 
ausgezogen, aber das Streben, die Gesamtheit der Erscheinungen zu erfassen, 
welche dem Wesen und den natürlichen Veränderungen der von ihm unter- 



von Richthofen. 



177 



suchten Erdräume zugrunde liegen, führte ihn, wie er später selbst in einer 
akademischen Antrittsrede darlegte, zur physischen Geographie und insbesondere 
zu deren wichtigstem Zweige, der Geomorphologie. 

Die ersten Jahre in der Heimat widmete er ganz der Ausarbeitung seines 
Reisewerkes. Zwar waren schon in China einzelne kurze Berichte über seine 
Reisen in englischer Sprache erschienen, welche die Handelskammer zu 
Schanghai veröffentlicht hatte, um die Interessenten auf die hohe wirtschafts- 
geographische Bedeutung der mittleren Provinzen Chinas, namentlich auf die 
gewaltige Ausdehnung der dortigen Kohlenfelder hinzuweisen, aber diese 
Privatdrucke hatten in Deutschland keine Verbreitung gefunden. Um die 
erforderlichen wissenschaftlichen Hilfsmittel für seine Arbeiten bequem bei 
der Hand zu haben, ließ er sich in Berlin nieder. Hier entstanden nun seit 
1873 zahlreiche Aufsätze, meist über die geologischen Verhältnisse Chinas, 
namentlich über die Kohlenlagerstätten und das Lößproblem. Von besonderem 
Werte ist eine längere Abhandlung über die Methoden geologischer Forschung, 
die er für Georg Neumayers » Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen 
auf Reisen« (Berlin 1875, S. 231 — 308, umgearbeitet und wesentlich erweitert 
in der 2. Auflage 1888, I, S. 114 — 291) verfaßte. 1875 erhielt er einen Ruf 
als außerordentlicher Professor der Geographie nach Bonn, den er unter der 
Bedingung annahm, daß man ihm einen mehrjährigen Urlaub zur Vollendung 
seiner geplanten Beschreibung Chinas gewährte. Der i. Band dieses 
bedeutsamen Werkes erschien 1877 mit kaiserlicher Unterstützung unter dem 
Titel: »China. Ergebnisse eigener Reisen und darauf gegründeter Studien« 
bei Dietrich Reimer in Berlin und war der dortigen Gesellschaft für Erdkunde 
gewidmet, die den Verfasser bald nach seiner Heimkehr zum Vorsitzenden 
erwählt hatte. Er enthält nicht, wie man vermuten konnte, eine ausführliche 
Schilderung der persönlichen Erlebnisse des Reisenden, sondern nur ein 
kurzes Itinerar, das wenige Seiten der Einleitung umfaßt. Im übrigen zerfällt er 
in einen morphologischen und einen historischen Teil. Im ersteren wird China 
als geographisches Individuum und in seinem Verhältnis zu Zentralasien dar- 
gestellt. Dabei finden wichtige und viel umstrittene Probleme wie der Gebirgs- 
bau Zentralasiens, die Entstehung der Salzsteppen und die Bildung der Löß- 
landschaften eine ebenso tief eindringende als wundervoll klare Behandlung. 
Der andere Teil gibt in großen Zügen unter sorgfältiger Benutzung aller 
beachtenswerten einheimischen und fremdländischen Quellen eine Über- 
sicht über die Entwicklung der Kenntnis von China seit dem grauen Alter- 
tum bis zur Gegenwart und schließt mit einem Ausblick auf das, was in 
dem gewaltigen Reiche in Zukunft noch an geographischen Aufgaben zu 
lösen ist. 

Mit dem Wintersemester 1879/80 eröffnete R. seine Lehrtätigkeit an der 
rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, und bald scharten sich Schüler 
um ihn, von denen nicht wenige später durch bedeutsame wissenschaftliche 
Leistungen zu Ansehen gelangten. Daneben arbeitete er unablässig an der 
Fortführung des Chinawerkes. 1882 erschien der 2. Band, der zum erstenmal 
eine geologische Beschreibung und Entwicklungsgeschichte der Nordprovinzen 
des Reiches, namentlich der Kohlenfelder von Schantung mit Karten und 
zahlreichen Profilen, sowie wichtige, wenn auch nicht allgemein mit Zu- 
stimmung aufgenommene theoretische Untersuchungen über Abrasion und 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. lo. Bd. 12 



178 ^'on Richthofen. 

Transgression als Wirkung der Brandungswelle brachte. Im nächsten Jahre 
folgte noch der 4. Band, der Abhandlungen von fünf namhaften Paläontologen, 
Wilhelm Dames, Emanuel Kayser, Gustav Lindström, August Schenk und 
Konrad Schwager, über die während der Reise gesammelten fossilen Tiere und 
Pflanzen nebst einem Atlas von 54 Tafeln mit vielen hundert Abbildungen 
enthielt. Der 3. Band, der die mittleren und südlichen Provinzen Chinas 
schildern sollte, ist leider unvollendet geblieben, desgleichen auch der zur 
Erläuterung des Gesamtwerkes dienende Atlas von China, von dessen geplanten 
52 orographischen und geologischen Kartenblättern im Maßstabe i : 750000 bis- 
her nur 26 erschienen sind. Ostern 1883 folgte R. einem Rufe an die Leipziger 
Universität als Nachfolger Oskar Peschels. In seiner berühmt gewordenen 
Antrittsrede über Aufgaben und Methoden der heutigen Geographie definierte 
er diese Wissenschaft als die Lehre von der festen Erdrinde mit Einschluß 
aller Erscheinungen der anorganischen und organischen Natur und des 
menschlichen Lebens, die sich auf ihr abspielen, und schuf für ihren Betrieb 
ein Programm, das noch heute vielfach als maßgebend angesehen wird. 
Eine weitere Ausführung dieses Programmes gab er in seinem »Führer für 
Forschungsreisende. Anleitung zu Beobachtungen über Gegenstände der 
physischen Geographie und Geologie« (Berlin 1886, 2. Auflage Hannover 190 1), 
in dem er auf Grund seiner reichen Erfahrung die Praxis des wissenschaft- 
lichen Reisens schilderte. In Leipzig blieb er nur wenige Jahre. Dauernd 
seßhaft wurde er erst in Berlin, wohin man ihn im Herbst 1886 berufen hatte. 
Hier entfaltete er eine äußerst vielseitige Tätigkeit: an der Universität, wo 
seine Vorlesungen und Seminarübungen auch zahlreiche Offiziere und andere 
Zuhörer reiferen Alters anzogen, in der Akademie der Wissenschaften, die 
ihn zu ihrem ordentlichen Mitgliede ernannte und in deren Sitzungsberichten 
er späterhin seine bedeutsamen » Geomorphologischen Studien aus Ostasien « 
(1900 — 1903) veröffentlichte, vor allem auch in der Gesellschaft für Erdkunde, 
die er 16 Jahre hindurch als Vorsitzender leitete und die ihm wesentlich 
ihren raschen Aufschwung und ihre heutige Blüte verdankt. Auf seine An- 
regung hin unternahm sie eine Reihe wichtiger Publikationen, namentlich die 
Bibliotheca geographica^ jene alljährlich erscheinende umfassende Bibliographie, 
ferner die von Konrad Kretschmer bearbeitete Festschrift zur Erinnerung an 
die Entdeckung Amerikas, sowie die Reproduktion der in Breslau aufgefundenen, 
lange Zeit hindurch für verschollen gehaltenen Kartenwerke Gerhard Mercators. 
Auch die Erwerbung eines eigenen Gesellschaftshauses im Jahre 1899 geht 
wesentlich auf seine Initiative zurück. So wurde er allmählich der Mittelpunkt 
aller geographischen Interessen und Bestrebungen in der Reichshauptstadt. 
Dadurch kam er wiederholt in die Lage, dem Vaterlande wichtige Dienste 
zu leisten. Als 1897 die Besetzung eines chinesischen Hafens als Stützpunkt 
für die deutschen Interessen im fernen Osten ins Auge gefaßt wurde, lenkte 
er die Blicke der Reichsregierung auf die günstige Verkehrslage und die 
glänzenden Zukunftsaussichten der damals kaum dem Namen nach bekannten 
Bucht von Kiautschou und trug so zur Besitzergreifung dieses Pachtgebietes 
bei. Um die deutschen Interessenten mit der Natur und den Hilfsquellen 
dieses Landstriches vertraut zu machen, verfaßte er eine auf gründlicher 
Sachkenntnis beruhende Monographie »Schantung und seine Eingangs- 
pforte Kiautschou« (Berlin 1898). Auch während der Chinawirren des 



von Richthofen. 



179 



Jahres 1900 unterstützte er die Militärbehörden wiederholt durch wertvolle 
Ratschläge. 

Die letzten Jahre seines Leben warert einer neuen wichtigen Aufgabe, 
nämlich der Organisation des ursprünglich dem geographischen Seminar der 
Berliner Universität angegliederten, allmählich aber zu selbständiger Bedeutung 
herangewachsenen Instituts für Meereskunde gewidmet, das seine Entstehung 
dem mächtigen Erwachen des Sinnes für das Meer und des praktischen 
Verständnisses für dessen Bedeutung in Weltverkehr und Weltpolitik ver- 
dankte. Als Aufgabe dieses mit reichen Staatsmitteln ausgerüsteten Instituts, 
dessen Leitung man ihm übertrug, wurde die Einrichtung eines Museums für 
alle Zweige der Meereskunde, namentlich auch für Biologie des Meeres und 
für Seefischerei, die Begründung einer Bücher- und Kartensammlung und eine 
das Gesamtgebiet der Meeresforschung umfassende Arbeits- und Lehrtätigkeit, 
insonderheit die Herausgabe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen fest- 
gestellt. Von diesen Druckschriften sind seit 1902 in rascher Folge mehrere 
Hefte erschienen, darunter die vorläufigen Berichte der deutschen Südpolar- 
Expedition, deren Vorbereitung und Verlauf R. mit lebhafter, hilfsbereiter Anteil- 
nahme verfolgt hatte. Mit den meereskundlichen Studien hing auch seine letzte 
literarische Leistung zusammen: »Ergebnisse und Ziele der Südpolarforschung « 
(Berlin 1905), die ihre Entstehung einem Wunsche des Kaisers verdankt. Sie 
ist nicht völlig zum Abschluß gekommen, denn kurz vor ihrer Vollendung 
raffte den Verfasser ohne vorausgegangenes Leiden und Siechtum ein sanfter 
Tod infolge eines Schlaganfalles hinweg. 

An Ehrungen hat es ihm während seines langen und arbeitsreichen Lebens 
nicht gefehlt. Von allerhöchster Stelle wurde er wiederholt ausgezeichnet, 
zahlreiche gelehrte Gesellschaften ernannten ihn zu ihrem korrespondierenden 
oder Ehrenmitglied, und der VII. internationale Geographenkongreß, der in 
Berlin tagte und alle seine Vorgänger an äußerem Glanz und innerem Gehalt 
überragte, wählte ihn zum i. Vorsitzenden. Am meisten freute Ihn aber die 
dankbare Anerkennung seiner Schüler. Zum 60. Geburtstage, 1893, überreichten 
sie ihm eine vortrefflich ausgestattete und mit seinem Bildnis geschmückte Fest- 
schrift, die 14 Abhandlungen aus den verschiedensten Teilgebieten der Geo- 
graphie umfaßte, und anläßlich seines 25 jährigen Professorenjubiläums am 
I. Dezember 1900 versammelten sie sich zu einer erhebenden Festfeier. Nach 
seinem Tode hat dann sein Schüler Alfred Hettner ein schönes Bild seiner 
bleibenden Bedeutung für die Wissenschaft entworfen (Geogr. Zeitschrift XII, 
1906, S. I — 11), ein anderer, Felix Lampe, eine treffliche Charakteristik gegeben 
^Geogr. Anzeiger VI, 1905, S. 241 — 244), ein dritter, der Polarforscher Erich 
V. Drygalski, hat die Herausgabe der nachgelassenen Werke des Meisters, 
namentlich der chinesischen Reisetagebücher, übernommen. R.s Name wird 
für alle Zukunft unter den besten der geographischen Wissenschaft genannt 
werden. Unter seine unvergänglichen Verdienste ist es zu rechnen, daß er 
die erste auf eigenen Forschungen beruhende geologisch-orographische Be- 
schreibung Chinas gab, daß er die topographische Karte dieses Reiches 
wesentlich verbesserte und die geologische völlig neu aufbaute, daß er eine 
Reihe viel umstrittener geomorphologischer Probleme von allgemeiner Be- 
deutung, wie das Problem der Entstehung der Dolomitstöcke, der Löß- und 
Lateritbildung, der Riasküsten, die er zuerst klar von den Fjordküsten unter- 

12* 



l8o von Richthofen. Herterich. 

schied, der Entstehung der Rumpfflächen der Erdrinde durch marine Abrasion 
und andere, auf neuen Wegen mächtig förderte und ihrer Lösung näherführte, 
endlich daß er die verschiedenen Formen der Erdoberfläche schärfer als die 
früheren Theoretiker klassifiziert hat. 

E. V. Drygalski, Ferdinand Freiherr von Richthofen. Gedächtnisrede. Mit einem An- 
hang von E. Tiessen: Die Schriften Ferdinand Freiherm von Richthofens. Mit Bildnis. 
Berlin 1906. — Ein Verzeichnis, seiner Schriften sowie der wichtigsten unter den zahlreichen 
Nachrufen und biographischen Artikeln gibt H. Haack im Geographenkalender IV (1906), 
S. 236—240. Viktor Hantzscb. 

Herterich, Johann, Akademieprofessor, Historien- und Genremaler, 
* 23. April 1843 iri Ansbach, f 26. Oktober 1905 zu München. — Die Begabung 
H.s wurde frühzeitig erkannt, demgemäß schickten die Eltern den Jüngling 
nach München zu Philipp Foltz, unter dessen Auspizien H. 1867 sein erstes 
Bild »Ingeborgs Klage« (zu Tegn^rs Frithjofssage) malte und damit seine 
große koloristische Befähigung bekundete, die gleichzeitig mit Ed. Grützner 
durch Karl Piloty noch wesentliche Förderung erhielt. Dann folgte der 
leidenschaftliche Abschied der durch ihren treulosen Gatten verstoßenen 
Thüringer Landgräfin Margaretha von ihren Kindern, wobei im Übermaß des 
Schmerzes die Mutter ihrem Liebling Friedrich ein bleibend Wahrzeichen in 
die Wange biß; dann ein Bild, wie Doktor Guillotin die von ihm »zum 
Wohle der Menschheit« verbesserte und darob auf seinen Namen getaufte 
Kopfabschneidemaschine vor dem ahnungslos zusehenden Konvent demonstriert. 
Das nannte man damals »historische Kunst«. Doch folgten bald zärtlichere 
Szenen, z. B. von »Mutterglück«, wobei ein Baby sein Bild im Spiegel be- 
trachten darf, oder die Ertappung eines Backfischchens über »verbotener 
Lektüre« (1876), auch bei minniglichen Kundgebungen des Klavierlehrers. 
Sensation machte das »Adagio« eines geflügelten, geigenspielenden, und das 
»Allegro« ehies aufschwebenden weiblichen Genius, welches sich zum »Himm- 
lischen Wiedersehen« (1899) steigerte und für die Neue Pinakothek (eine 
ähnliche Wiederholung in der Kunstausstellung 1905) angekauft wurde. Auch 
im Kunstgewerbe tätig, lieferte H. die Zeichnung zu einem mit Adolf Hal- 
breiter ausgeführten »Lüsterweibchen« (vgl. Zeitschrift des Kunstgewerbe- 
vereins 1882, Taf. XXIV, und 1883, Taf. XVII). In seinen zahlreichen Genre- 
bildern (Liebespaar, Mädchen am Spiegel usw.) bewährte H. eine echte 
Jugendfrische und ein zartes Inkarnat; feingestimmte kleine Landschaften 
gelangen ihm in zartester Tönung. Zu Bruckmanns Ekkehard- Bilderzyklus 
lieferte er den »Virgilius auf dem Hohentwiel«. Er war ein Mann von 
sympathischem Wesen, Arbeitsfreude und hohem Pflichtgefühl. An der 
Akademie bildete er erst als Hilfslehrer und seit 1884 als ordentlicher Professor 
Hunderte von dankbaren Schülern; betätigte sich bereitwillig an den geselligen 
Maienspielen, darunter beispielsweise das » Gartenfest in Lustheim « (bei 
Schleißheim) 1890 seine eigene Schöpfung war. — Zwei Jahre vor seinem 
Tode traf ihn das Unglück, infolge eines hartnäckigen Leidens den rechten 
Fuß durch Amputation zu verlieren,, die Operation gelang und hinderte den 
Maler nicht in Ausübung seiner Kunst. Im Begriff, einer akademischen 
Sitzung beizuwohnen, befiel ihn noch auf der Treppe seines Hauses ein Unwohl- 
sein; wenige Stunden darauf war er schmerzlos an Herzlähmung verschieden. 



Herterich. Braith. 1 8 1 

Seine Beerdigung gestaltete sich durch zahlreiche Teilnahme zu einer 
Huldigung. Die Ausstellung seines Nachlasses im Kunstverein brachte 
46 Bilder, Skizzen und Studien zur weiteren Kenntnis. — Sein Bruder 
Ludwig Herterich (* 1856), bekannt durch seinen » Ritterlichen Festzug durch 
einen Wald « (gestochen von Schultheiß), bekleidet an der derselben Akademie 
eine gleiche Stellung und ist in der Neuen Pinakothek durch drei Bilder 
vertreten. 

Vgl. Singer, 1890, II, 169. Fr. von Bötticher, 1895, h 5*3. Kunstvereinsbericht 
für 1905, S. 17. Hyac. Holland. 

Braith, Anton, Tiermaler, * 2. September 1836 zu Biberach, f 3- Januar 
1905 ebenda. — Armer Tagelöhnersleute Kind, zeigte B. von frühester Jugend 
auffällige, unbezwingliche Lust zum Zeichnen, kopierte alle Bilder und Holz- 
schnitte, deren er habhaft werden konnte, mit Bleistift, Tinte und Feder, so 
daß man überall im Hause den Spuren des sich regenden Talents begegnete. 
Die Eltern hätten ihn lieber, gleich den anderen Kindern, in landwirtschaft- 
licher Tätigkeit beschäftigt, der er körperlich nicht gewachsen war; so 
beschränkte man sich darauf, ihn das Vieh hüten zu lassen. Seit Giotto bis 
auf Jos. Anton Koch und den nachmaligen Carl Ritter von Blaas geht eine 
ganze Reihe von ähnlich veranlagten und nachmals berühmten Hirtenknaben. 
Da saß er in seinem richtigen Atelier in freier Gotteswelt: die seiner Obhut 
anvertrauten Tiere wurden seine Modelle; er beobachtete scharfäugig ihre 
Bewegungen und Charaktereigenschaften, bildete sie nach und legte so den 
Grundstock zu seinem künftigen Beruf. Isabella Braun, zu deren »Jugend- 
blättern« B. nachmals so viele Bilder lieferte, hat in der Erzählung »Wie 
der Hüter-Tony ein Maler wird« diese seine erste Lehrzeit abgeschildert. 
Ein Biberacher Arzt vermittelte die Bekanntschaft B.s mit einem ortsansässigen 
Zeichner, bei welchem der Junge so unverkennbare Fortschritte machte, daß 
ihm einige Gönner 1852 den Eintritt in die Stuttgarter Kunstschule ermög- 
lichten. Glücklich, endlich frei schaffen zu können, bahnte B. mit eisernem 
Fleiß durch die härtesten Entbehrungen seinen Weg, lieferte Illustrationen 
für Buchhändler und Verleger und verkaufte eines seiner ersten, »Pferde- 
schwemme am Neckar« betitelten Bilder. So wagte er 1860 die Übersiede- 
lung nach München, wo der Einfluß Pilotys, ohne je sein eigentlicher Schüler 
zu sein, ihn mächtig förderte. Eine Reise nach Italien 1864 erweiterte den Blick, 
noch mehr Paris 1867, wohin ihn Rosa Bonheur und Constant Troyons Werke 
lockten; doch blieb B. immerdar unberührt von kollegialen Kontroversen, er 
hielt sich zu unausgesetzten Naturstudien, bestritt keines Anderen Ansicht 
und Meinung, nahm aber das gleiche Recht für sich in anspruch. Er ver- 
wertete nie das Tier als Staffage zur Schaffung interessanter Effekte, sondern 
zeigte dasselbe in seinen schönen Formen und verschiedenartigen Lebens- 
äußerungen. Er beobachtete das Leben auf der Weide, auf den saftig grünen 
Wiesen des bayerischen Hochlandes, in den sumpfigen Niederungen der Moore. 
Er malte mit gleicher Meisterschaft Rinder, Pferde, Esel, Ziegen und insbesondere 
Schafe. Die Landschaft Tivoli und die römische Campagna sind ihm ebenso 
vertraut wie die heimatlichen Fluren; er studiert wie ein Porträtmaler 
die Typen und den Charakter seiner Modelle. Man fühlt das wohlige Be- 
hagen, womit die breitmäuligen Rinder ihre Atzung abweiden und, auf 



l82 Braith. 

schattiger Weide ruhend, wiederkäuend verarbeiten. Aber B. bleibt nicht bei 
der Wiedergabe des animalischen Stillebens, er schildert auch dramatisch 
bewegte, bisweilen mit unwillkürlicher Humoristik fein belebte Szenen; 
beispielsweise den fassungslosen Zustand einer vierfüßigen Ferienkolonie, ver- 
anlaßt durch die bisher unerhörte Musik eines annahenden Hochzeitszuges; 
die kopflose Angst, das buchstäbliche Sauve-qui-peut der Rinder und Pferde 
bei Ausbruch eines Stallbrandes; das mißlaunige Zusammendrängen und 
Unterschlupfsuchen einer Schafherde durch Überfall des ersten Schneesturms; 
die pflichttreu-zutunliche Gefräßigkeit einer milchbereitenden Geißenmutter. 
In der malerischen Behandlung des Stoffes bekundet B. die größte Meister- 
schaft. Er weiß aufs anschaulichste das haarige Fell junger Rinder mit deren 
farbigen Flecken und Schattierungen im Glanz der heißen Julisonne, in der 
tauigen Frische eines Mai- oder Septembermorgens darzustellen, sogar die 
farbige Erscheinung der Schafe, das Flimmern und Schimmern der gekräusel- 
ten Wolle im Spiele des Lichts zu verschiedenen Tageszeiten wiederzugeben, 
eigentlich ganz im Sinne des modernen Impressionismus, allerdings ohne sich 
dazu verstehen zu können, das Tier als bloßen Effekt für Farbenflecke zu 
behandeln. Davor schützte ihn wieder sein artistisches Gefühl, das gesunde, 
wahre Sehen, das zeichnerische Interesse am Gegenstande selbst. Koloristische 
Dompteurstücke mit blauen Schweinen, grünem Himmel und roten Saatfeldern 
wären ihm unmöglich gewesen. Wie er in seinen Bildern das Detail betonte, 
genau auf die eigentümliche Gestalt des Tieres, dessen Organismus, nebst 
Anatomie und Osteologie (wozu er eine eigene Sammlung von Schädeln an- 
legte) wissenschaftlich einging und nicht allein die Formen, sondern sogar 
den subjektiven Charakter seiner Modelle erforschte: darin offenbarte sich 
der denkende Künstler und Meister. » Seine Stärke beruhte in der Darstellung 
des Gegenständlichen, in der zeichnerischen Wertung des Details und der 
koloristischen Treue.« 

Seinen Bildern, die bald den Weg in die weite Welt und in Galerien 
fanden, liebte er jeweilig einen kleinen novellistisch angehauchten Erzählerton 
zu geben, wenn seine Kühe mit sichtlichem Behagen in einem Krautacker 
weideten, die Schafe auf dem Heimwege vor einem Gewitter flüchteten oder 
vor dem durch einen tobenden Wildbach plötzlich abgebrochenen Stege rat- 
los standen; auch ein totes, von einer Rabenschar geästes Häslein schien 
seinen Ziegen zu besonderen Meditationen anregenden Stoff zu bieten; auch 
seinen Geißbuben und Hüterknaben mochten, freilich nicht in der poetischen 
Weise Adalbert Stifters, allerlei autobiographische Reminiszenzen nachklingen, 
sogar dem jungen Campagnoten bei einem mit Eseln und Ziegen ruhenden 
Ochsengespann; bei den am luftigen Morgen den Wiesenhang herab zur 
Tränke trabenden Kälbern, oder im Fußbad sich behaglich suhlenden Kühen, 
und dem herbstlichen Abtrieb von der Alm. Neben den folgsamen Tieren 
gibt es auch störrische Launen, folgsame, verzagte, übermütige Bestien, 
schwache und müde neben dem starken Geschlecht, und Meinungsver- 
schiedenheiten mit den Frischlingen. Eine junge, ihr Sonnenbad in voller 
Ruhe genießende Kuh malte er mit eminenter Verkürzung, mit dem wunder- 
samen Glänzen der Haut und der Schattenperspektive. Eine gleich erstaun- 
liche Durchbildung zeigen seine lebensgroßen Tierporträts nach mächtigen, 
hochgehörnten Farren, selbstbewußten Widdern, intelligenten Schafmüttern 



Braitli. Laehr. 183 

und deren flatterhafter Jugend. Mit derselben Technik stellte er auch sein 
originelles Selbstbildnis dar, mit den klugen, Wohlbehagen ausstrahlenden 
Augen, in voller Wahrheit eines Lenbach oder Samberger, doch ohne die 
den genannten Dioskuren eigene trübselige Patina; das war der ganze kernige 
Mann mit dem biederen Wesen, ein echter Schwabenkopf, welchem stets 
humorvoll und witzig die Rede in epischer Breite und im echtesten Stutt- 
garter Idiom von den bärtigen Lippen floß. Er hatte sich zu München bei 
seinem Seelenbruder, dem Tier- und Landschaftsmaler Christian Mali, längst 
schon eingehäuselt, welcher, obwohl zu Brockhuizen bei Utrecht, aber von 
schwäbischen Eltern geboren, bald nach der Württemberger Heimat zurück- 
gekehrt und über die schwäbische Alp nach der Isarstadt verzogen war. Als 
guter Sohn nahm B. seine alte Mutter zu sich, um sie seines wohlerworbenen 
Glückes genießen zu lassen, bis zu ihrem am 18. Februar 1880 hochbetagt erfolgten 
Heimgange. An der Seite ihres Mannes wurde sie zu Biberach begraben, 
welches den mit vielen Auszeichnungen geschmückten Maler als Ehrenbürger 
ehrte. Hier starb auch B., der hier nach längerem Unwohlsein Erholung 
suchte. Er vermachte alle seine Studien, Skizzen, Bilder und Zeichnungen, 
an achthundert Nummern, seiner Vaterstadt, die dafür ein eigenes Museum 
mit einer Büste von Fr. Kühn gründete und ihrem berühmten Sohn ein Grab- 
denkmal setzte. Den übrigen, gar nicht unbeträchtlichen Erwerb seines 
ganzen Lebens testierte B. dem Münchener Künstler-Unterstützungsverein. 

Vgl. Isabella Braun »Gesammelte Erzählungen«, Stuttgart, 1880, III, 7 — 99. Pecht, 
Geschichte der Münchener Kunst, 1888, S. 266. Fr. v. Bötticher, 1895, J. ^27. »Kunst 
für Alle«, 1905, XX, 216, Nr. 50. »Münchener Propyläen«, 1869, S. 614, und 1905, S. 491, 
Nr. 3211 »Illustrierte Ztg.«, Leipzig 1905 (mit Porträt). Münchener Kunstvereinsbericht f. 

1905, S. 16. Hyac. Holland. 

Laehr, Bernhard Heinrich, Dr. med., Geheimer Sanitätsrat, Professor, 
Besitzer und Direktor der Heilanstalt Schweizerhof zu Zehlendorf bei Berlin, 
* IG. März 1820 zu Sagan in Schlesien, f 18. August 1905 zu Zehlendorf. — 
L. besuchte, nachdem er das Gymnasium zu Sorau durchgemacht hatte, die 
Universitäten Berlin und Halle. Er promovierte am 2. August 1843 ^^^ ^^^ 
Inaugural-Dissertation: ^De mutationibus genitalium muliebrium brei^i post con- 
ceptiomm addtta disquisitione anatomua virginis statim post coitum defunctae 
instttuta.* Schon während seiner Studienzeit faßte L. den Entschluß, sich 
der Psychiatrie zu widmen. Zugleich beschloß er jedoch, die ersten fünf 
Jahre nach dem Staatsexamen für seine weitere medizinische Ausbildung zu 
verwenden, ohne sich während dieser Zeit mit Psychiatrie zu beschäftigen. 
So wurde er denn Assistenzarzt an mehreren Krankenanstalten in Halle, 
besuchte Prag und Wien und war praktischer Arzt ein Jahr lang in einem 
entlegenen Walddorfe und ein Jahr lang in einem großen Orte. Nachdem 
L. so in fünf Jahren die verschiedensten ärztlichen Wirkungskreise kennen 
gelernt hatte, meldete er sich als Volontärarzt an der Irrenanstalt Nietleben 
bei Halle, die damals neu erbaut war. Er wurde bald Assistenzarzt und 
1850 Zweiter Arzt. Bei der geringen Zahl der Irrenanstalten, die damals in 
Deutschland bestanden, waren die Aussichten, Direktor an einer öffentlichen 
Anstalt zu werden, sehr gering. L. beschloß daher, eine Privatirrenanstalt 
zu gründen, und entschied sich nach reiflicher Überlegung für die Nähe 



1 84 Laehr. 

Berlins. Im Dezember 1853 kaufte L. ein Bauerngut in Zehlendorf. Im 
Jahre 1854 war das Zentralgebäude der Anstalt vollendet, an das sich Seiten- 
flügel anschlössen. Bald wurde es jedoch notwendig, zur Erweiterung der 
Anstalt Einzelhäuser zu erbauen, die ihren Namen nach hervorragenden 
Irrenärzten erhielten. Die ganze Anstalt bekam den Namen Schweizerhof. 
Die ersten Einzelhäuser, welche errichtet wurden, hatten den Zweck, unruhige 
Kranke aus der Zentralanstalt zu entfernen. Später wurden zahlreiche Häuser 
hinzugefügt, in denen die freieste Behandlung zur Anwendung kam, und zwar 
bereits in einer Zeit, in der man sonst sehr vorsichtig war, den Kranken 
größere Bewegungsfreiheit zu gewähren. Jedes Haus ist in den großen Park- 
anlagen so gelegen, daß es gegen die anderen Häuser durch Baumgruppen 
abgetrennt ist, so daß man das Gefühl hat, als ob man sich auf einer Lichtung 
mitten in einem großen Walde befände. Anfangs nahm L. sowohl männ- 
liche als auch weibliche Kranke auf, bald aber kam er zu der in Deutsch- 
land auch jetzt noch nicht sehr verbreiteten Einsicht, daß es große Vorzüge 
hat, nur ein Geschlecht in der Anstalt zu behandeln. Er entschied sich für 
das weibliche Geschlecht, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil er 
das weibliche Personal für geeigneter zur Krankenpflege, aufopferungsfähiger 
und zur Erhaltung der Sauberkeit in den Räumen geeigneter hielt, während 
allerdings bei den weiblichen Kranken die Neigung zum Selbstmord, zum 
Lärmen und zur Schmutzerei größer ist als bei den männlichen. Die ein- 
zelnen Krankenhäuser erhielten die Namen: Jacobi, Reil, Damerow, Flemming, 
Roller, Hörn, Ideler, Nasse, Langermann, Jessen, Gudden. Im Jahre 1854 
verheiratete sich L. Seiner Gemahlin schrieb er in dankbarer Anerkennung 
einen großen Teil des Verdienstes an dem Blühen und Gedeihen der Anstalt 
zu. Im Jahre 1858 übernahm L. die Redaktion der Allgemeinen Zeitschrift 
für Psychiatrie, die er bis zu seinem Tode behielt. Die Redaktion der 
Zeitschrift regte im Jahre 1860 die Abhaltung einer Versammlung deutscher 
Irrenärzte an. Die Versammlung tagte am 12. und 13. September 1860 zu 
Eisenach im »Halben Mond«. Zwanzig deutsche Irrenärzte nahmen teil. 
L. wurde zum Schriftführer gewählt. Der Verein deutscher Irrenärzte, der 
mit dieser Versammlung seinen Ursprung nahm und der jetzt den Namen 
»Deutscher Verein für Psychiatrie« führt, hat in L. einen vortrefflichen 
Sekretär gehabt, bis er ihn durch den Tod verlor. Im Jahre 1905 wurde 
L. von dem Verein einstimmig zum ersten und bis jetzt einzigen Ehren- 
mitgliede gewählt. Im Jahre 1867 gründete L. den Psychiatrischen Verein 
zu Berlin und wurde dessen Vorsitzender. 1889 wurde er Hilfsarbeiter in 
der wissenschaftlichen Deputation des Kultusministeriums. In den letzten 
Jahren seines Lebens interessierte L. sich lebhaft für die Gründung einer 
Nervenheilanstalt für Minderbemittelte. Er brachte ein erhebliches Kapital 
zu diesem Zweck zusammen und schenkte selbst den Grund und Boden. 
So entstand die Nervenheilstätte »Haus Schönow«, die 1899 eröffnet wurde. 
Bereits 1889 hatte L. die Leitung des Asyles Schweizerhof seinem ältesten 
Sohne übertragen. Kr widmete jedoch als konsultierender Arzt auch ferner 
der Anstalt seine Kräfte und behandelte einzelne Kranke weiter. Er starb 
an den Folgen einer Prostatahypertrophie, die ihm in den letzten Lebens- 
jahren viele Beschwerden bereitet hatte, ohne jedoch seine geistige Frische 
zu beeinträchtigen. L. hat, auch abgesehen von seiner Stellung als Redakteur 



Laehr. von Lingg. 185 

der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie, soviel für die Förderung des 
Vereinswesens und für die Hebung der Kollegialität getan, wie kaum ein 
anderer deutscher Irrenarzt. Nicht nur das psychiatrische Vereinsleben förderte 
L., sondern er interessierte sich auch lebhaft für die anderen medizinischen 
Vereine, so besonders die Berliner Gesellschaft für Natur- und Heilkunde. 
Er begründete und leitete bis zuletzt den Ärzteverein des Kreises Teltow. 
Der Berlin-Brandenburgischen Ärztekammer gehörte er mehrere Jahre als 
Vorstandsmitglied an. Die Mäßigkeitsbestrebungen unterstützte er lebhaft 
und betrieb den Bau der Trinkerheilanstalt Waldfrieden. Auch für die Orts- 
und Kreisangelegenheiten zeigte er großes Interesse und gehörte jahrelang 
dem Kreisausschusse des Kreises Teltow, der Kreissynode und der Provinzial- 
synode an. 

Die wichtigsten Veröffentlichungen Laehrs sind: »Die Heil- und Pflege- Anstalten für 
ps\'chisohc Kranke im deutschen Sprachgebiet.« (Erste Auflage 1861, letzte 1899); »Ge- 
denktage der Psychiatrie aller Länder.« (Erste Auflage 1885, vierte 1893); »Literatur der 
Psychiatric, Neurologie und Psychologie von 1459 — 1799.« »Schweizerhof. Bericht über 
50 Jahre nach seiner Gründung«. (1903). Diese Arbeit enthält auch ein gutes Porträt 
Laehrs (Verlag von Georg Reimer, Berlin). Otto Snell-Lüneburg. 

Lingg, Hermann von, Dichter, ♦22. Januar 1820 zu Lindau im Boden- 
see, f 18. Mai 1905 in München. — Aus einem alten im westlichen Allgäu weit- 
verzweigten Geschlecht stammend, hat sich L.s Vater als gesuchter Rechts- 
anwalt in der alten Lindenstadt niedergelassen, deren von Wasser umspielte, 
von Bergzügen umsäumte landschaftliche Schönheit einen bleibenden Eindruck 
in der Seele des Knaben erweckte. Auf dem Landsitz der Familie gab es 
Wasserfahrten, fröhliche Weinlesen, Schlittschuhlaufen über den ganzen See, 
aber bald auch ernste Studien an der Lateinschule und dem Gymnasium zu 
Kempten, welchen L. seine gründliche klassische Bildung verdankte. Rektor 
und Lehrer boten sonst wenig Anregendes, desto fleißiger wurde mit treuen 
Freunden, darunter der nachmals so berühmte Universitätsprofessor und 
Pandektist A. von Brinz, gelesen und von Jean Pauls Sonne begeistert, in 
»Streckversen« gewetteifert. Die groteske Figur des mißliebigen Mathe- 
matikers gab Anlaß zu einer (verlorenen) köstlichen Farce L.s auf den 
schrecklichen » Mordbrenner Kegel « : » Mathias Kegel war in einem stumpfen 
Winkel geboren, sein Vater war ein Prisma, seine Mutter eine geborene Spitz- 
säule, deren Erwerb in Verfertigung von Parallelolipeden bestand usw. usw.« Man 
denkt unwillkürlich an L.s Satyrspiel »Die Besiegung der Cholera«, welches 1854 
entstand, aber erst 1873 (München bei Gummi, 60 S., kl. 12°) in Druck kam 
und völlig unverstanden verschwand. Das Vorspiel agieren Typhus, Gicht, 
Elefantiasis, Scharlach, Skorbut und Aussatz; im Hauptstück erscheinen die 
Doktoren Geologicus und Mikroscopicus, das absolute »Ich«, ein Gigerl von 
Bimbex, ein Odenfex, der Schatten Virgils, der tierische Magnetismus; 
Feldmäuse und die »Unnahbaren« bilden die Chöre. 

Auf der hohen Schule zu München wurden die Logarithmen um Heine 
vertauscht. )>Wir schwärmten nun für ihn. Platen trat in den Hintergrund; 
neben dem neuen Liebling blieb nur noch Goethe geduldet. Durch »Faust« 
mit Paracelsus bekannt, keimte der Gedanke dem Alchymisten und Er- 
finder der größten Zerstörungstechnik Berthold Schwarz ein dramatisches 



l86 von Lingg. 

Denkmal zu setzen. Durch die schon auf dem Gymnasium, aber außer der 
Schule gepflogene Lesung des Salustius drängte sich die Gestalt Catilinas^ 
Szenen und Monologe entstanden, obwohl über den Aufbau eines Drama 
noch keine Ahnung vorhanden war. Die Finanzen gönnten dem Kandidaten 
der Medizin nicht zu oft den Eingang ins Hoftheater. Die nötigsten Collegia 
wurden besucht. Als freier Bursche der »Suevia« sang und focht L. Am 
Ende des zweiten Semesters 1839 folgte die Bewilligung einer Reise nach 
Italien; sie führte über die Völkerstraße des Brenner an den Gardasee, nach 
Verona und Mailand, wo gerade die Schwestern Milanollo ihre glänzende 
Laufbahn begannen. Und das *Eccoilmare^ vor Genua, wo alles, auch das 
Kettenklirren der Galeerensträflinge und der Gesang eines blinden Matrosen 
reichlich Stoff zu Liedern bot. Die nächste Vakanz (1840) führte nach Stutt- 
gart. L. schleppte schon »ein ansehnliches Päckchen Gedichte« mit; die Hoff- 
nung »mit einer der literarischen Größen dort bekannt zu werden, schlug 
gänzlich fehl«. Lewald, der für seine »Europa« auf junge Dichter ordentlich 
Jagd machte und unter anderen Berthold Auerbach, Hackländer und Georg 
Herwegh » entdeckt « hatte, war so vollauf tätig, daß er eine Einsendung L.s 
später ablehnte. Das Schillerhaus in Marbach wurde besucht und der 
Hohenasperg zu Schubarts Gedächtnis. Über Straßburg und Schaffhausen 
ging die Heimfahrt. Desto eifriger wurde das Fachstudium, insbesondere 
nach dem Tode des Vaters (1841) betrieben, nebenbei Hegels Philosophie, 
»welche, wie ich bald einsah, auch für meine medizinische Ausbildung vor^ 
Nutzen war. Ich lernte die Dinge in einem höheren Zusammenhange auf- 
fassen, dem Rätsel der Welt kühner ins Auge schauen und über den Mate- 
rialismus meines Berufes, der oft gar zu abstoßend wirkte, mich erheben.« 
Der Gesichtskreis wurde überhaupt durch Studien an auswärtigen Universitäten 
erweitert: bei dem Diagnostiker Baumgärtner zu Freiburg — der Weg führte 
über Tübingen, wo L. aufs tiefste ergriffen an dem frischen Grabhügel des 
zwei Tage vorher, am 7. Juni 1843 verstorbenen Hölderlin stand. Das nächste 
durch eine prächtige Rheinreise und Wanderung durch den Teutoburger Wald 
inaugurierte Semester verbrachte L. bei Schönlein und Dieffenbach in Berlin, 
wo unser für Musik so verständnisinnig begabte Dichter die erste vor^ 
Mendelssohn selbst dirigierte Aufführung des »Sommernachtstraums« hörte. 
Über Prag, Dresden und Leipzig, wo Doktor Fausts Zauberspuk auflebte, 
ging e§ nach München zurück. L., welcher sich überhaupt zum historischen 
Studium der medizinischen Wissenschaft und Seelenheilkunde hingezogen 
fühlte, promovierte 1846 mit einer Abhandlung »Über den Zusammenhang 
einer Geschichte der Medizin und einer Geschichte der Krankheiten « (München 
1846 bei G. Franz). Bemerkenswert war dabei trotz des kurz zusammen- 
geknappten Vortrags der das ausgedehnte Gebiet in großen Grundzügen klar 
und gleichmäßig überschauende geschickt gruppierende Blick und die edle, 
ungewöhnliche Sprache. Er betonte, daß die Krankheiten des Menschen- 
geschlechts und insbesondere Epidemien im Laufe der Zeit Umwandlungen 
(später kam der Sprachgebrauch von den Metamorphosen des , Genius der 
Krankheit') erfahren, beeinflußt durch Klima, kulturelle Vorgänge, Ent- 
deckungen, Kriege — der nachmalige Dichter der »Völkerwanderung« 
erwähnt auch diese »wie keine frühere oder spätere an Seuchen also reiche 
Epoche der Weltgeschichte!« — und daß diese Erscheinungen naturgemäß 



von Lingg. 187 

von Einfluß auf die Theorien seien, nach welchen die Naturbeobachtung die 
Heilmittellehre bestimme. Denselben Nachweis versprach L. in einer späteren, 
umfassenden Arbeit über die Geschichte der Chirurgie und Geburtshilfe zu 
führen. Die Ausführung unterblieb, da keine Aussicht war, mit diesem 
historischen Gebiet ein »Fortkommen« begründen zu können! Als poetische 
Früchte dieser Richtung reiften allerlei Dichtungen, wie »Der schwarze Tod«, 
die »Tanzwut« und andere seiner grandiosen Erzeugnisse, welche damals 
noch unbemerkt im Stuttgarter »Morgenblatt« verhallten. Nach der Promotion 
begann, als Vorschule zum Staatsexamen, das s>o^. ßiennium practkum^ teils 
in einem eigens dazu angewiesenen Bezirk oder an der neuen Poliklinik, 
wodurch der junge Arzt seine Geschicklichkeit entwickeln konnte und an 
Erfahrung gewann. Die Poesie wurde dabei nicht vernachlässigt; der Gott 
der Arzneikunde galt ja schon bei den Alten als Patron der Dichtkunst. 
Angefeuert durch einen gleichfalls poetisch begabten Kollegen entstand der 
»Siegesgesang der Griechen bei Salamis«, der »Normannenzug« und » Welt- 
umsegler«. Ein junger, gleichfalls praktizierender Portugiese machte L. mit 
der Lusiade bekannt; über den Versuchen, sie zu übersetzen, ergab sich die 
Vorliebe für die Klangform der Oktaven, welche für die damals schon unab- 
weisbar und ahnungsvoll heraufdämmernde »Völkerwanderung« in Aussicht 
genommen wurde. Der Plan zu diesem Epos, dessen Gestaltung ihn mit 
jahrelanger Ausführung vollauf beschäftigte, entstand wie ein großer Strom 
aus den zufließenden Adern, Quellen und Bächen, aus anfänglichen Balladen, 
Episoden, Szenen, ja selbst dramatischen Ansätzen, die sich dann in das 
neugewonnene als handlichst erkannte Metrum verhämmert zu einem Ganzen 
zusammenfügten, um den einheitlichen Gedanken: den Ringkampf der alten 
untergehenden Welt mit neuem Werden! Dazu lieferten allerlei Faktoren 
verschiedenartiges Material: Eigenes Wandern, die Erzählungen der aus dem 
neuen Griechenlande Zurückgekehrten, ihre häufig in Kleinasien und Stambul 
vermehrten Eindrücke und Erfahrungen mit anderen Nationen. Weitere Zufuhr 
brachte die frühe Bekanntschaft mit Fallmerayer, und die Lektüre Gibbons. 
Auch hier bot der große Zufall die fördernde Hand. 

L. hatte im August 1846 die erste Anstellung als Militär-Unterarzt in 
Augsburg erhalten. Bei einer Wanderung über die ausgedehnte Lechfeld- 
ebene schilderte L.s ehemaliger Studiengenosse, der nachmalige Stadtarchivar 
Theodor Herberger, die Situation der an die Catalaunische Völkerschlacht 
erinnernden Riesenkämpfe und empfahl seinem Freunde die Lesung des 
Jordanes, Procop und der übrigen einschlägigen Byzantiner. Doch wurde L. 
trotz des fleißigsten Studiums kein Bücherwurm. Längst ein tüchtiger 
vSchwimmer, bildete er sich ebenso zum Reiter; auch wurde das Jourzimmer 
nach den geschäftlichen Erledigungen, Rapporten, Visitationen in einen 
Fechtsaal verwandelt, die alten Rappiere hervorgeholt und mit den jüngeren 
Offizieren tüchtig gehandhabt. Im Herbst 1847 entschloß sich L. mit einem 
jungen Maler zu einer sechswöchigen Urlaubsreise nach Italien. Überall, 
in Mailand, Genua ertönte der Ruf zur Befreiung Italiens, das ^mortc ai 
TedeschV und das ^awha P'w nono , Auf der Seefahrt von Livorno nach 
Neapel überraschte ein furchtbares Sturmgewitter, das Schiff stieg bald auf 
himmelhohen Wogen empor und tauchte wieder hinab in die von Blitzen 
erhellte Tiefe: das großartige Schauspiel diente als Studie zur Schilderung 



l88 von Lingff. 

des elementaren Aufruhrs, der die mit den geraubten Römerschätzen befrachtete 
Vandalenflotte überfällt. Die Besteigung des Vesuv, der Besuch Pompejis, 
wo gerade die Villa eines Tribunen ausgegraben wurde, Capri, Salemo, Pästum 
brachte reiche poetische Ausbeute, die in den »Reiseblättern« niedergelegt 
wurde (darunter das »Grab des Virgil«, die »Grotte der Egeria«, insbesondere 
»An meine pompejanische Lampe«), aber auch zwei schwere Fieberanfälle, 
wohl die V^orläufer seiner späteren Krankheit. In Mailand erbeutete L. noch 
das Buch des Vandalensängers Claudius Claudianus, der am Hofe des Honorius 
sein Carmen dichtete, während die Recken der neuen Heldensage schon vor 
den Toren Roms standen. Der Reichtum der Landschaft gab neuen Stoff zu 
den Hintergrundschilderungen, Strophe an Strophe wuchs heran. Das tolle 
Jahr 1848 führte den Dichter im Garnisonwechsel nach Straubing, wo der 
Geiserich-Einzug in Rom entstand, nach Frankfurt, Baden und Passau, wo 
ihn abermals das Fieber packte, welches während des vierwöchigen 
Lagerzeltlebens in Donauwörth zu einer qualvollen Nervenkrankheit auswuchs, 
welche die Überbringung des Patienten nach Winnenthal benötigte, wo er fast 
den ganzen Winter in dem von Lenau bewohnten Zimmer untergebracht wurde. 
Die Heilung gelang, als Nachkur diente der Aufenthalt im Bodenseedorfe 
Hergensweiler, in dessen idyllischer Ruhe bei viel Bewegung in freier Luft, 
wozu auch die Reiterstreifzüge auf einem ungarischen feurigen Pferdchen 
dienten. Der Dichter hatte sich wiedergefunden, wie viele seiner schönsten 
Lieder, darunter der grandiose »Nächtliche Ritt« beweisen. Auch sein Humor 
stellte sich wieder ein mit dem ironischen Puppenspiel auf das in Bayern 
verbotene Hasard. Der Grundzug blieb freilich eine melancholische Resig- 
nation, die sich am rührendsten ausspricht in den vier wundervoll aufgebauten 
Strophen »In düsterer Zeit« (»Zu Boden sinkt von meinen Tagen die Lust an 
allem, Blatt um Blatt. Ich fühPs mit Schmerz und mag nicht klagen, längst 
bin ich auch der Klage satt«). Der todtraurige Schluß erfüllte sich aber 
glücklicherweise nicht; es kam statt des erwarteten müden Abendstrahles 
noch ein blühendes, volles, in wohlbewußter Kraft feuriges Schaffen. — An 
den Wiedereintritt in den Staatsdienst oder an Fortführung der Praxis war 
nicht zu denken. Indes erlaubte der freilich sehr geschwundene Rest des 
väterlichen Erbes und der Bezug einer kleinen Pension die Gründung eines 
eigenen Herdes, wozu ' unerschütterliche Treue einer edlen Frauenseele die 
hilfreiche Hand bot. Der Dichter spann sich ein in der seligen Weltver- 
gessenheit seines stillen Heims, nur seinen Schöpfungen lebend, die frisch 
quellend in fast überwältigender Fülle ihm zuströmten. Zunächst war es die 
Ausgestaltung seines Lebenswerkes. Unbekümmert was dann daraus werden 
sollte, hämmerte sein einsames Herz daran weiter. Doch drängten sich neben- 
bei allerlei Gestalten inzwischen, die dramatische oder novellistische Fassung 
verlangten; ihnen zeitweilig Gehör zu geben, konnte er sich nicht versagen. 
Ganz losgetrennt von der ihn umgebenden Welt hielten nur zwei befreundete 
Studiengenossen, bisweilen vorsprechend aus: ein Mathematiker und ein 
nüchterner, kleiner archivaler Hilfsarbeiter, der vielleicht unbewußt zu dem 
» Herrn Sebald « (in Wald und See) Modell gesessen haben mag, während der 
erstere, ein unergründliches Genie, seinen dornenvollen Fußpfad weiter 
trottete. Sie versuchten von einigen Gedichten L.s Abschriften zu machen 
und dem kurz vorher durch König Max II. nach München berufenen 



von Lingg. Zeibig. l8^ 

E. Geibel zu behändigen. Die Antwort brachte Geibel selbst, er vermittelte 
mit Cotta den Druck (Stuttgart 1854), der noch im Laufe der Jahre einer 
zweiten Auflage benötigte. Die königliche Gnade überraschte den Dichter 
durch einen Ehrenbezug. Sein als neuer Stern aufgehender Name geriet in 
die ihm einzig gebührende Bahn und lief siegreich weiter. L.s Gedichte 
erschienen 1857, 1868 und 1870 in dreibändiger Ausgabe, dazu kamen 1878 
die »Schlußsteine«, »Neue Gedichte« (1885), »Jahresringe« (1889), »Schluß- 
rythmen und neueste Gedichte« (1901). Das große Epos der »Völker- 
wanderung« trat in drei Bänden, 1866, 1867 und 1869 zutage, 1892 als 
neue Gesamtausgabe. Mit Recht sagte schon Hans Hopfen (Streitfragen und 
Erinnerungen 1876, S. 113), L. sei »ein echter Lyriker, wie es nicht viele 
gegeben; ein Hörer des innersten Gefühlslebens, ein Zauberer wunderbarer 
Vorstellungen; ein Meister des Strophenbaues«; seine kleinsten Lieder, wie 
seine kühnsten, fremdartigsten Schilderungen durchpulst eine sehnende Seele; 
alles ist geadelt durch seine ureigentümliche Persönlichkeit, durch das Herz- 
blut eines Mannes, der nur sich selbst gehört. Seine Leidenschaft ist immer 
durch vollendete Kunstform gezügelt; die Feinheit seines Gefühls von zartester 
Sinnigkeit. — Weniger Glück machten seine unter dem Titel »Von Wald 
und See« (1883), »Furchen« (1889) und » Byzantinische Novellen « gesammelten 
Erzählungen. Seine Dramen gingen alle mehrfach mit ehrenvollem Beifall 
über die Bühnen, aber keinem gelang es, sich länger darauf zu behaupten. 
Sie sind hier nach der Buchausgabe verzeichnet: 1864 »Walküren« und 
»Catilina« (auch 1898); 187 1 »Violante« (und 1897); 1873 »Candiano«;. 
1874 »Berthold Schwäre«; 1877 »Macalda«; 1883 und 1887 »Clytia«; 1884 
»Högnis letzte Meerfahrt«; 1887 »Die Bregenzer Klause« (zuerst 1882 als 
Novelle »In Wald und Feld«) und »Die Frauen Salonas«; 1894 »Der Herr 
des Feuers«; 1895 »Corsar und Doge«. Die dramatischen Dichtungea 
erschienen 1897 in zwei Bänden. Unter dem Titel »Meine Lebensreise« 
(Berlin und Leipzig 1899) gab L. seine sehr offenherzig erzählte Autobio- 
graphie. L. wurde durch Verleihung des Verdienstordens und der Ritterschaft 
des Maximilianordens für Kunst und Wissenschaft geadelt. Einen den ganzen 
Mann wiederspiegelnden Band »Ausgewählte Gedichte« hat Paul Heyse 
mit rühmenswerter Umsicht, als eine echte Volksausgabe (Stuttgart 1905) 
veranstaltet. 

Ulrich von Singenberg, den Tod seines Meisters W^alther von der Vogel- 
weide beklagend, fügt die Kunde bei: »daß sein hoher Sinn krank (schwach) 
geworden sei«. Gleiches wird über Hans Sachs und Emanuel Geibel bezeugt. 
Auch bei L. zerfloß der Faden seines Denkens zuletzt in Luft. Er träumte 
schmerzlos hinüber. 

Lenbach hat das olympische Haupt des Dichters gemalt, mit den seelen- 
vollen, in schwerer Gedankenarbeit klar ausblickenden Augen. 

Hyac. Holland. 

Zeibig, Julius Woldemar, Stenograph, * zu Dresden 22. Juli 18 19, f zu 
Obergorbitz bei Dresden 18. November 1905. — Z. war der Sohn eines 
Dresdner Schnittwarenhändlers, der durch die infolge des Krieges gesunkenen 
Erwerbsverhältnisse verarmt war, so daß die Mutter, eine geborene Thüringerin, 
die Familie durch Wattemachen und Strohhutnähen erhalten mußte. Er 



1 90 Zeibig. 

besuchte die Freischule des Vereins zu Rat und Tat und kam auf Fürsprache 
des Direktors Baumfelder als Quartaner auf das Gymnasium zum heiligen 
Kreuz. Die Art des damaligen Unterrichts scheint Z. wenig befriedigt zu haben, 
da er sich noch im Alter über die wenig anregende Zeit seiner Gymnasial- 
laufbahn beschwerte. Schon 1836 fing er an, sich mit dem Studium der 
Gabelsberger Stenographie zu beschäftigen, indem er bei einem gewissen 
Willner, einem Schüler Wigards, Unterricht in diesem Fache nahm. Auf 
den Wunsch seiner Mutter hin verließ Z. bereits im Jahre 1839 ^^^ Unter- 
sekundaner die Kreuzschule, um in die Kgl. sächsische chirurgisch-medizinische 
Akademie in Dresden einzutreten, in der Absicht, dereinst sein Brot als 
Militärarzt verdienen zu können. Da es sich jedoch bald herausstellte, daß 
er für diesen Beruf zu weichfühlend war, kehrte er auf das Gymnasium zurück 
und bestand im Jahre 1842 das Maturitätsexamen. Er bezog hierauf die 
Universität Leipzig, um sich den juristischen Studien zu widmen. Gleich- 
zeitig wurde er Mitglied der unter dem Namen Kochei in Leipzig bekannten 
burschenschaftlichen Verbindung Arminia. Dadurch geriet er in allerhand 
unangenehme Verwicklungen, da die Burschenschaften politisch verdächtig 
waren. Nachdem er 1845 ^i^ juristische Staatsprüfung in Leipzig abgelegt und 
die Universität verlassen hatte, bestand er 1845 in Dresden unter Wigard die 
Prüfung zur Erlangung einer Stelle als Landtagsstenograph in Sachsen. Er 
würde von Wigard für den Dienst im Ministerium vorgeschlagen und sofort 
nach Schlesien gesandt, wo er die Verhandlungen der deutschen Land- und 
Forstwirte stenographisch aufnahm. Auch 1846 war er wieder in Breslau, 
diesmal um die Verhandlungen der Schlesischen Generallandschaft zu steno- 
graphieren. Einer Aufforderung seines Freundes Robert Rietschel Folge 
leistend, unternahm er noch in demselben Jahre seine erste größere Reise, 
die ihn über Prag und Wien nach Salzburg und von da durch die Alpen 
nach Italien führte, das er bis Neapel durchquerte. Durch die Schweiz, Baden 
und Württemberg den Rückweg nehmend, kehrte er nach ungefähr viertel- 
jähriger Abwesenheit gestärkt in die Heimat zurück. Doch trat er in seine 
Stellung als Rechtskandidat bei den Rechtsanwälten Eisenstuck und Minck- 
witz, die er kurze Zeit bekleidet hatte, nicht wieder ein, sondern ließ sich 
von einem Bauunternehmer im Hessischen als Ingenieur engagieren, um den 
Bau der Fuldabrücke an der Friedrich-Wilhelms-Nordbahn zu überwachen. 
In dieser Stellung traf ihn der Ruf, als Stenograph nach Frankfurt a. M. zu 
gehen, um den Verhandlungen der Nationalversammlung beizuwohnen. Er 
nahm ihn an und entwickelte nunmehr während der ganzen Dauer der Ver- 
sammlung vom 18. Mai 1848 bis zum 30. Mai 1849 ^^"^ angestrengte Tätig- 
keit; hatte er doch nicht bloß die Pflichten eines Stenographen übernommen, 
sondern auch die eines Berichterstatters für eine in Leipzig erscheinende 
Zeitung, der er jeden Tag Nachricht über die Vorgänge in der Nationalver- 
sammlung geben mußte. Dennoch verlebte Z. in Frankfurt eine vergnügte 
Zeit, da er angenehmen Verkehr mit einer Anzahl seiner Fachgenossen hatte. 
Als die Nationalversammlung nach Stuttgart verlegt wurde, siedelte er nach 
dort über, um auch die wenigen, dort noch abgehaltenen Sitzungen steno- 
graphisch aufzunehmen. Seine nächste Anstellung fand er für die Zeit vom 
23. August 1849 ^^s zum März 1850 in Bernburg, wohin er zur Aufzeichnung 
der anhaltischen Landtagsverhandlungen berufen wurde. Während des Unions- 



Zeibig. 1 9 1 

Parlamentes in Erfurt, das nur vom 20. März bis zum 20. April 1850 tagte, 
war er in dieser Stadt beschäftigt. Dann wandte er sich nach Oldenburg, 
wo er bis zum Jahre 1857 jedesmal während der Landtagsverhandlungen in 
seinem Berufe zu tun hatte. Inzwischen aber fand er 1854 zunächst als 
Hilfsstenograph und 1855 als Stenograph zweiter Klasse ein feste Anstellung 
am Kgl. sächsischen stenographischen Institut zu Dresden. Im Jahre darauf 
■erwarb er sich den Grad eines Dr. phil. und verlegte sich seitdem mit vollem 
Eifer auf die Verbreitung und Förderung seiner Kunst im In- und Auslande. 
Er sorgte für die Vermehrung der Institutsbibliothek, wurde ein fleißiger Mit- 
arbeiter an dem 1857 ins Leben gerufenen »Korrespondenzblatt des Kgl. 
Stenographischen Instituts in Dresden« und beteiligte sich auch mit Beiträgen 
an dem im Jahre 1858 zum erstenmal erschienenen »Taschenbuch für Gabels- 
bergsche Stenographen«. Mit Hilfe einer vom Ministerium gewährten Unter- 
stützung unternahm er im Jahre 1860 eine längere Reise nach Frankreich, 
Belgien und England, um sich über die dortigen stenographischen Verhältnisse 
zu unterrichten. Er knüpfte auf dieser Reise eine Menge von Beziehungen 
zu Stenographen des Auslandes an und erweiterte seine schon an und für 
sich erstaunliche Kenntnis fremder Sprachen, die ihn unter anderen in den 
Stand setzte, gemeinsam mit dem Baron von Tomauw die Gabelsberger 
Stenographie aufs Russische zu übertragen. 1863 gab er seine »Geschichte 
und Literatur der Geschwindschreibekunst« heraus, die 1878 in zweiter ver- 
mehrter und verbesserter Auflage erschien, und zu der er noch im Jahre 1899 
»Nachträge« veröffentlichte. Große Hoffnung setzte er auf die von ihm 
gemeinsam mit Heinrich Krieg im Jahre 1869 begonnene Herausgabe des 
»Panstenographikon«, einer Zeitschrift, welche der »Kunde der stenographi- 
schen Systeme aller Nationen« dienen sollte. Sie gingen jedoch nicht in 
Erfüllung, da die Fachgenossen das Unternehmen nicht genügend unterstützten. 
Die Zeitschrift kam über den ersten Band nicht hinaus, »trotzdem der Plan 
so angelegt war, daß dabei von keiner Bevorzugung des Gabelsbergerschen 
Stenographiesystems die Rede sein konnte, vielmehr jedes System jeder Zunge 
das Wort erhalten sollte«. Von 187 1 bis 1889 wurde er auch in Berlin 
während der Sitzungen des Reichstags als Stenograph beschäftigt. Als 1872 
der Internationale Statistische Kongreß in St. Petersburg zusammentrat, erhielt 
er den Auftrag, die Verhandlungen desselben, soweit sie in deutscher Sprache 
geführt wurden, in Verbindung mit zwei Dresdner Kollegen aufzunehmen. 
In Petersburg hatte er die Freude, durch den Verkehr mit Persönlichkeiten 
der verschiedensten Nationalitäten seine Kenntnisse der ausländisch steno- 
graphischen Zustände zu erweitern und neue wichtige Verbindungen anzu- 
knüpfen. Nach dem Schluß der Verhandlungen besuchte er noch Moskau 
und Warschau. Mit W^ort und Schrift trat er immer wieder für die Ver- 
wendung der Stenographie in der Rechtspflege ein, ohne mit seinen Aus- 
führungen, die er 1879 in einer besonderen Schrift zusammenfaßte, einen 
nennenswerten Erfolg zu haben. Da er schon während seines Aufenthaltes 
in Frankfurt a. M. Gelegenheit gehabt hatte, auf einem Pfingstausflug Straß- 
burg kennen zu lernen, war er erfreut, im Jahre 1879 dazu ausersehen zu 
werden, die Verhandlungen des dort tagenden Landesausschusses für Elsaß- 
Lothringen aufzunehmen. Er kehrte zu den Sitzungen regelmäßig bis zum 
Jahre 1883 nach Straßburg und fand für seine Leistungen viel Anerkennung 



IQ2 Zeibig. Weishaupt. 

bei der vorgesetzten Behörde. Bei dem in London im Jahre 1887 abge- 
haltenen International Shortland Congress wirkte er als auswärtiges Ausschuß- 
mitglied mit und beteiligte sich an den Verhandlungen desselben. Auf dem 
dritten internationalen Stenographenkongreß, der im Jahre 1890 in München 
stattfand, hielt er einen mit Beifall aufgenommenen Vortrag über die Ein- 
richtung eines stenographischen Musterbureaus. Bei seiner anerkannten 
Tüchtigkeit wurde Z. auch häufig zu nicht offiziellen Versammlungen herbei- 
gezogen, bei denen die stenographische Aufzeichnung der Verhandlungen 
wünschenswert erschien. Wiederholt wurde er zu dem deutschen Juristentage 
herangezogen, und jahrelang begleitete er den sächsischen, schlesischen und 
deutschen Forstverein auf seinen Wandertagen. Er hatte dabei den Gewinn, 
weit und breit in Deutschland herum zu kommen, eine Menge bedeutender 
Männer persönlich kennen zu lernen und sich mit Land und Leuten vertraut 
zu machen. Im Jahre 1897 sah sich Z. genötigt, in den Ruhestand zu treten. 
Er siedelte nach Obergorbitz bei Dresden über, fand jedoch nicht den 
ersehnten heiteren Lebensabend, da eigne Krankheit und Unglück in der 
Familie seine letzten Lebensjahre verbitterten. 1867 war er zum Professor 
und 1889 zum Hof rat befördert worden. Bei seinem Rücktritt aus dem Amte 
erfolgte seine Ernennung zum Ehrenmitglied des Kgl. sächsischen steno- 
graphischen Instituts. 

Julius Woldemar Zeibig, »Der letzte Stenograph der Nationalversammlung zu Frank- 
furt. Lebenserinnerungen eines alten Burschenschaftlers. Nach Tagebuch- Aufzeichnungen. « 
Mit zwei Porträts (und einem nicht ganz vollständigen Verzeichnis von Zeibigs Schriften). 
Dresden 1900. — C. Döring, »Hofrat Prof. Dr. ph. Julius Zeibig, Ein Lebensbild.« V^ortrag^ 
Dresden 1894. — »Dresdener Rundschau«. 9. Jahrg., Dresden 1900, Nr. 22. — Kduard 
Krumbein, »Der Dresdner Gabelsberger Stenographen- Verein. « Dresden 1898, S. 6, 7, 86. — 
»Dresdner Anzeiger« vom 21. November 1905, Nr. 323, S. 6. — »Korrespondenzblatt«. 
Amtliche Zeitschrift des Königlichen Stenographischen Instituts zu Dresden. 1905, 50. Jahrg. 
Dresden o. J., S. 362-365. H. A. Li er. 

Weishaupt, Viktor, Tiermaler, * am 6. März 1848 in München, f am 
24. Februar 1905 in Karlsruhe. — W. war der Sohn eines angesehenen 
Münchener Goldschmiedes. Er besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, 
beschäftigte sich aber nebenbei vielfach mit dem Zeichnen von Ornamenten. 
Hierauf nahm er als Offizier an dem Feldzug nach Frankreich teil. Nach 
der Beendigung desselben bezog er die Münchener Akademie und war hier 
mehr als vier Jahre lang Schüler von Wilhelm Diez, unter dessen Leitung er 
sich zu einem ebenso tüchtigen Landschafts- wie Tiermaler entwickelte. Er 
erregte schon mit seinen ersten großen Bildern Aufsehen und hatte die Genug- 
tuung, eine stattliche Anzahl davon, in den Besitz öffentlicher Galerien über- 
gehen zusehen. Unter anderen besitzt die Dresdner Galerie eine »Viehtränke 
bei einer Windmühle« (1884 erworben, aber schon 1875 gemalt). Sein 
»Wilder Stier« (1879) ging in den Besitz der Galerie des Münchener Kunst- 
vereins über. Es gilt für sein bestes Werk und erinnert mit seiner groß- 
zügigen Auffassung an die Meisterwerke der Alten. Die Galerie in Budapest 
erwarb seine »Kühe unter Weiden« (1880) und die Münchener Neue Pina- 
kothek seinen »Stier auf der Weide« (1896). In der Nationalgalerie in Berlin 
und in der Düsseldorf Galerie ist er mit je zwei Gemälden vertreten, während 
in der Kunsthalle zu Karlsruhe nur ein Bild von seiner Hand, eine »Rinder- 



Weisbaupt. Leutemann. Iqj 

herde durch das Wasser ziehend «, zu sehen ist. W. pflegte größere Studien- 
reisen zu unternehmen, die ihn nach Frankreich, den Niederlanden und Italien 
führten. Im Jahre 1895 folgte er einem Ruf an die Karlsruher Kunstakademie, 
an der er bis zu seinem nach langen, schweren Leiden eintretenden Tode 
als Professor tätig war. 

Frdr. Pecht, »Geschichte der Münchener Kunst im 19. Jahrhundert«. München 1888, 
S. 450. — Adolf Rosenberg, »Die Münchener Malerschule in ihrer Entwicklung seit 187 1 «. 
Leipzig 1887, S. 72. — »Das geistige Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts«. i.Bd, 
Die Bildenden Künstler. Leipzig, Berlin 1898, S. 732. — »Illustrierte Zeitung«. Leipzig 
1905, Bd. 124, Nr. 3219, S. 348. — »Kunstchronik«. N. F., 16. Jahrg., Leipzig 1905, 
Sp. 263. — »Die Kunst«. München 1905, VL Jahrg., S. 318. — Friedrich von Boetticher, 
»Malerwerke des 19. Jahrhunderts«. Dresden 1898, Bd. II, S. 988, 989. — »Die Rhein- 
lande«. Düsseldorfer Monatshefte für deutsche Art und Kunst. Düsseldorf 1905, 5. Jahrg., 
Heft 4 [nicht benutzt]. H. A. Lier. 

Leutemann, Heinrich, Maler, * zu Großzschocher bei Leipzig 8. Oktober 
1824, f 14. Dezember 1905 zu Wittgensdorf bei Chemnitz i. S. — L. war der 
Sohn unbemittelter Eltern, die es trotzdem ermöglichten, daß er seine schon 
in frühester Jugend hervortretende, künstlerische Begabung ausbilden und die 
Leipziger Akademie besuchen konnte, wo die Historienmaler Brauer und 
Oustav Adolf Hennig seine hauptsächlichsten Lehrer waren. Freilich lernte 
er bei ihnen, wie er später oft beklagt hat, nur zeichnen, da sich damals in 
Leipzig niemand um die farbige Ausbildung der jungen Maler kümmerte. 
Selbst an das Aquarell dachte kein Mensch, und so kam es, daß sich L. die 
notwendige Kenntnis dieser Technik durch mühsames Selbststudium aneignen 
mußte. Auch bei Bernhard von Neher, der sich seiner annahm und ihn 
zunächst nach Weimar und dann nach Stuttgart führte, wo er unter seiner 
Anleitung Kartons zu den Glasfenstern der dortigen Stiftskirche zeichnete, 
war für ihn nach dieser Richtung hin nichts zu profitieren. Es blieb ihm 
daher nach seiner Rückkehr nach Leipzig nichts anderes übrig, als sich auf 
das Illustrieren zu verlegen und Bleistiftzeichnungen für den Holzschnitt, 
sowie leicht getönte Aquarelle für den Farbendruck zu liefern. Das Gebiet, 
das er sich vorzugsweise, wenn auch nicht ausschließlich zu diesem Zweck 
erkor, war die Tierwelt, die er in den verschiedenen zoologischen Gärten und 
Menagerien Deutschlands studierte. Doch sah er sie nicht mit den Augen des 
beschreibenden Naturforschers an. In ihm lebte ein gutes Stück vom Dichter, 
das ihn dazu trieb, seine Tiere vom novellistischen Standpunkt darzustellen, 
um so durch eine Art von Beseelung das Interesse der Kinder und Laien, 
an die er sich hauptsächlich mit seinen Arbeiten wandte, zu gewinnen. Er 
wurde Mitarbeiter der bei Braun und Schneider erscheinenden »Münchener 
Bilderbogen « und schuf zahlreiche Illustrationen für den Spamerschen Jugend- 
schriftenverlag. Auch für die Leipziger »Illustrierte Zeitung« lieferte er zahl- 
reiche Beiträge. Am fruchtbarsten aber wurde seine Verbindung mit dem 
Verleger der »Gartenlaube«, Ernst Keil,' der seine Kraft jahrelang auszunützen 
verstand, ihm aber die Mittel versagte, als er ihn um Unterstützung für seine 
weitere künstlerische Ausbildung anging. Sein erstes selbständiges Werk 
waren die »Zehn Tiergeschichten mit Bildern für kleine Knaben und Mäd- 
chen«. Sie erschienen 1850 bei Georg Wigand in Leipzig und erlebten, 
nachdem sie in den Verlag von Schicke übergegangen waren, eine ganze 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog, lo. Bd. I3 



1 94 Leutemann. Behrens. 

Reihe von Auflagen. Viel verbreitet waren auch die wiederholt aufgelegten 
»Zonen-Bilder«, Chromolithographien nach Aquarellen, zu denen Hermann 
Wagner den Text geschrieben hatte. Seine Beiträge für die Münchener 
Bilderbogen kamen unter dem Titel »Die Welt in Bildern« und »Bilder aus 
dem Altertum« (München 1875) heraus und erbrachten derv Beweis, daß sich 
L. nicht bloß in der Tierwelt, sondern auch sonst allenthalben, namentlich aber 
im klassischen Altertum, fleißig umgesehen hatte. Mit vielem Eifer war er 
auch für Unterrichtszwecke tätig. Besonderer Beliebtheit erfreute sich ein 
für die ganz Kleinen bestimmtes »unzerreißbares Bilderbuch«, in dem er 
Abbildungen der Haus- und der wilden Tiere zusammenstellte. Ebenso hatte 
das »Leporello-Album« und das » Tier-Leporello- Album « die Belehrung und 
Unterhaltung der Kinder im Auge. Auch mit dem Wort verstand L. geschickt 
umzugehen. Zu einer langen Reihe seiner in der » Gartenlaube « veröffentlichten 
Zeichnungen schrieb er selbst den Text. Dem Tierhändler Karl Hagenbeck 
in Hamburg, mit dem er vielfach in Verbindung gestanden hatte, widmete er 
1880 eine besondere Lebensbeschreibung (Leipzig, Kößling). Infolge von 
Überanstrengung traf ihn 1880 das Unglück, auf dem einen Auge zu erblinden. 
Er sah sich genötigt, ein ganzes Jahr lang die Arbeit auszusetzen, und er- 
öffnete dann, um sich besser schonen zu können, in Leipzig eine Schule für 
Zeichenunterricht, für die er sich Originalstudien von den deutschen Künstlern 
erbat und sie auch in reichlichem Maße, namentlich von München und 
Düsseldorf her, erhielt. Allmählich durfte er sich auch selbst wieder an die 
Arbeit wagen, die er mit dem alten Fleiß fortsetzte, bis er auch das Licht 
des anderen Auges einbüßte. Er mußte sich daher entschließen, seinen Wohn- 
sitz in Leipzig aufzugeben und nach Wittgensdorf bei Chemnitz überzusiedeln, 
wo er die letzten Jahre seines Lebens im Hause seines dort als Chemiker 
tätigen, Zweitältesten Sohnes verbrachte. 

»Illustrierte Zeitung«. Leipzig 1894, Bd. 103, Nr. 2677, S. 437 — 440. — »Die Kunst 
für Alle«. München 1896, 11. Jahrg., S. 103, 104. — »Allgemeines Künstler-Lexikon«. 
3. Auflage vorbereitet von Herrn, Alex. Müller, herausg. von H. Wolfg. Singer. Frankfurt a. M. 
1896, Bd. 2, S. 517. — »Kunstchronik«. Leipzig 1905, N. F., XVH. Jahrgang, S. 135. — 
»Dresdner Anzeiger« vom 17. Dezember 1905, S. 4. H. A. Li er. 

Behrens, Christian, Bildhauer, * am 12. Mai 1852 in Gotha, f ^ni i4- Sep- 
tember 1905 in Breslau. — B. stammte aus Gotha und erhielt seine erste künst- 
lerische Ausbildung durch den dortigen Hofbildhauer Eduard Wolfgang. Im 
Jahre 1870 kam er nach Dresden, wo er die Kunstakademie besuchte und fünf 
Jahre lang (1872 — 1877) Schüler im Meisteratelier Ernst Hähneis war. Im 
Jahre 1875 bewarb er sich mit dem bronzierten, überlebensgroßen Gipsmodell 
eines »Hagen, der den Nibelungenschatz in der Rhein versenkt« um das 
akademische Reisestipendium, konnte aber, obwohl er desselben für würdig 
befunden wurde, als nicht dem sächsischen Staatsverbande angehörig, nur 
durch die Verleihung der großen, goldenen Medaille ausgezeichnet werden. 
Nach dem Abschluß seiner Dresdner Studienzeit begab er sich auf längere 
Reisen, die ihn zunächst nach Belgien und Holland, sowie nach Frankreich 
und Italien, ja sogar nach Amerika führten. Längeren Aufenthalt nahm er 
in Brüssel, Paris, New York und Boston. In der Zeit von 1880 bis 1881 
arbeitete er in Wien in den Ateliers der Professoren Kundmann und Hell- 



Behrens. Hultzsch. ipj 

mann. Dann kam er wieder nach Dresden zurück und war hier als selbst- 
ständiger Künstler tätig, bis er im Jahre 1886 zum Vorsteher des Meister- 
ateliers für Bildhauerei nach Breslau berufen wurde. In dieser Stellung ver- 
blieb er, bis der Tod seinem Leben nach langem Leiden ein Ende machte. 
Die Zahl seiner ausgeführten Arbeiten ist sehr groß. In Dresden, wo die 
Künstlerschaft gleich in seinen Anfängen große Erwartungen auf ihn setzte, 
wurde er bereits zu dem plastischen Figurenschmuck des neuen Kgl. Hof- 
theaters, für dessen Proszenium er die Gestalten der Nemesis und Tyche 
schuf, herangezogen. Noch bei der Umgestaltung der Fassade des Georgen- 
baues am Kgl. Schlosse erinnerte man sich seiner künstlerischen Kraft. Von 
ihm rühren dort das Reiterstandbild des Herzogs Georg, sowie die beiden 
kraftvollen germanischen Recken her, die als Träger unten am Georgentor stehen. 
Mit besonderer Vorliebe beteiligte sich B. an der Dekoration hervorragender 
öffentlicher Bauten. Zu diesem Zweck trat er mit Architekten wie Hugo Licht 
in Leipzig, Alfred Messel in Berlin und Bruno Schmitz in Charlottenburg in 
nahe Verbindung und erhielt durch sie manchen seiner Begäbung besonders 
angemessenen Auftrag. Von den öffentlichen Standbildern, die er entworfen 
hat, sind die wichtigsten die Statue des Herzogs Ernst II. von Koburg-Gotha 
als Ritter des Hosenbandordens für Gotha und das Denkmal Kaiser Wilhelms I. 
für Breslau (1890). Die Reliefs, die das in der Ausführung begriffene Völker- 
schlachtsdenkmal bei Leipzig schmücken sollen, werden gleichfalls nach seinen 
Entwürfen ausgeführt werden. B., der seit dem Jahre 1896 zum Professor 
befördert worden war, besaß verschiedene Orden und andere Auszeichnungen 
und erfreute sich großen Ansehens unter seinen Fachgenossen. 

»Das geistige Deutschland am Ende des XIX. Jahrhunderts«, i. Bd., Die Bildenden 
Künstler. Leipzig und Berlin 1898, S. 40. — Cornelius Gurlitt, »Das Neue Kgl. Hof- 
theater zu Dresden«. Dresden 1878, S. 36. — Derselbe, »Die deutsche Kunst des Neun- 
zehnten Jahrhunderts«. Berlin 1899, S. 644. — »Kunstchronik«. N. F., 16. Jahrg., 
Leipzig 1905, Sp. 550. — »Dresdner Anzeiger« vom 20. September 1905, S. 3 und 4. 

H. A. Lier. 

Hultzsch, Hermann, Bildhauer, ♦ zu Dresden 1837, f ebenda am 17. De- 
zember 1905. — H. gehörte einer angesehenen Dresdner Familie an. Sein 
Bruder Theodor war Geh. Kommerzienrat und eine Zeitlang Präsident der 
Dresdner Handelskammer, sein Bruder Friedrich aber jahrelang Rektor der 
Dresdner Kreuzschule. Die Begabung für die Bildhauerkunst zeigte sich bei 
ihm schon in früher Jugend. Er war erst fünfzehn Jahre alt, als er die Büste 
eines Freundes modellierte. Bald darauf erhielt er von dem Grafen Einsiedel 
den Auftrag, die Büste der Stifterin der Gießerei in Lauchhammer zu ent- 
werfen. Hierauf trat er in das Atelier von Ernst Rietschel ein. Unt«r seiner 
Aufsicht schuf er eine Christusfigur, die für die Kirche zu Prausitz bei Riesa 
bestimmt und auf der Dresdner Kunstausstellung von 1860 zu sehen war. 
Da Rietschel schon am 25. Februar 1861 starb, konnte der persönliche Ein- 
fluß des Meisters auf H. nicht groß sein, aber er stand durchaus auf dem 
Boden seiner Schule und blieb ihr auch während seiner langjährigen Tätig- 
keit jederzeit treu Zunächst durfte er zwei noch von dem Meister 
gezeichnete Medaillons für dessen Lessingstatue in Braunschweig aus- 
führen. Auf der Kunstausstellung von 1861 war er mit einer weiblichen 
Figur, dem >' Sommer« vertreten, der im Jahre 1864 die des »Frühlings« folgte. 

13* , 



I o6 Hultzsch. 

Im Jahre 1865 ging H., von einem Reisestipendium unterstützt, nach Rom, wa 
er für das Mausoleum des Prinzen Albert im Park zu Windsor acht Marmor- 
reliefs und eine große Marmorstatue des Propheten Ezechiel arbeitete. Als 
er nach einem zweijährigen Aufenthalt in Rom wieder in seine Vaterstadt 
zurückgekehrt war, häuften sich die ihm erteilten Aufträge. Für die Fassade 
der Dresdner Kreuzschule übernahm er die Herstellung der Statuen Luthers 
und Melanchthons. Dann wurde ihm durch die Leitung des Kunstfonds die 
Statue Albrecht des Beherzten für den Hof der Albrechtsburg in Meißen 
übertragen, welche seine bedeutendste künstlerische Leistung werden sollte. 
Diese Arbeit hielt ihn ungewöhnlich lang auf, da er ein falsches Porträt zu 
Grunde gelegt hatte, und als der Irrtum entdeckt worden war, von vorne 
anfangen mußte. Trotzdem fand er noch Zeit für eine Reihe kleinerer Auf- 
gaben. Auf der Dresdner Kunstausstellung von 1869 sah man eine den 
»Raub der Sabinerinnen« darstellende Gipsgruppe, 187 1 ein Kruzifix in 
Bronze und das Gipsmodell zu einer Büste des Kronprinzen Albert von 
Sachsen. Auch an der plastischen Ausschmückung des neuen Kgl. Hof- 
theaters war H. beteiligt. Von ihm rühren unter anderem die überlebens- 
großen Gestalten der Medea und des Jasons her, welche die Säulenkröpfe 
der Unterfahrten an der Eibseite als Repräsentanten des antiken Theaters 
schmücken (1875 im Modell vollendet). Besonders feine und anmutige Gebilde 
wurden dann seine am Proszenium angebrachten Figuren von Amor und 
Psyche (1877). Zuweilen versuchte sich H. auch an Büsten und Porträtreliefs. 
So entstand die Büste Theodor Körners für dessen Grab in Wöbbelin im 
Auftrage des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin im Jahre 1879. Schon 
im nächsten Jahr trat er auf der Dresdner Ausstellung mit einer Marmorbüste 
des Königs Albert auf, der später eine solche der Königin Carola folgte. Im 
Jahre 1881 wurde er zum Ehrenmitglied der Kgl. Akademie der bildenden 
Künste ernannt, und, nachdem seine »Quellennymphe« in Elster, welche eine 
Kranke mit heilendem Tranke labt, enthüllt worden war, erfolgte seine Er- 
nennung zum Professor (1888). Bei seinen Dresdner Fachgenossen erfreute 
er sich großen Ansehens. In den Jahren von 1884 bis 1888 stand er als Vor- 
sitzender an der Spitze der Dresdner Kunstgenossenschaft. Von seinen 
Arbeiten aus späterer Zeit ist noch zu erwähnen das aus einer Büste mit Sockel 
und Reliefs bestehende Theodor Körner-Denkmal in Pirkenhammer bei Karls- 
bad (1886). Für das Denkmal Karl Maria von Webers in Eutin fertigte er 
einen nicht zur Ausführung gelangten Entwurf an, welcher den Komponisten 
in etwas verzückter Haltung darstellte, wie er den Eingebungen der über 
seinem Haupte auf einem Felsen sitzenden Muse der Tonkunst lauscht (1887). 
Unter seinen genreartigen Werken fanden das »Echo« und das »Weinsberger 
Weib« (beide 1885), sowie die »Waldquelle« (1888) den größten Beifall. 
Auch an der plastischen Ausschmückung der neuen Dresdner Kunstakademie 
beteiligte er sich durch eine Porträtstatue von Rauch. Die letzten bekannt 
gewordenen Schöpfungen von seiner Hand waren eine Bildnisbüste des 1828^ 
verstorbenen Leipziger Buchhändlers Georg Joachim Göschen (1889) in Bronze 
und eine solche des Königs Albert (1894), die Statuette eines Mönches in 
Gipsguß (1895) und die Bronzestatuette einer Jägerin (1901). In den letzten 
Jahren seines Lebens trat er nicht mehr in öffentlichen Ausstellungen hervor. 
Er starb zu Dresden am 27. Dezember 1905. 



Hultzsch. GrUlIich. 



197 



Herrn. Alex. Müller. »Biographisches Künstler-Lexikon der Gegenwart«. Leipzig 1882, 
S. 270. — Derselbe, »Allgeraeines Künstler-Lexikon«. Herausg. von Hans Wolfgang Singer, 
Frankfurt a. M. 1896, Bd. II, S. 217. — Cornelius Gurlitt, »Das neue Kgl. Hoftheater in 
Dresden«. Dresden 1878, S. 19 und 36. — » Dresdner Anzeiger < vom 19. Dezember 1905, 
S. 4. — Vgl. die Register zu »Lützows Zeitschrift für Bildende Kunst«, zur »Kunst- 
<:hronik« und zur »Kunst für Alle«. Dresdner Ausstellungskataloge. H. A. Li er. 

Grüllich, Oskar Adalbert, namhafter Schulmann und fruchtbarer päda- 
gogischer Schriftsteller, * 21. Mai 1840 zu Neugersdorf in der sächsischen 
Oberlausitz, f 23. Mai 1905 zu Dresden. — Als Sohn eines Landarztes ver- 
lebte er im Kreise einer zahlreichen Familie eine sonnige Jugend und gewann 
schon frühzeitig im Verkehr mit Angehörigen aller Stände, namentlich mit 
Bauern und Arbeitern, jene Anpassungsfähigkeit und jenes eindringende Ver- 
ständnis für die Regungen der Volksseele, die ihm später in seinem amtlichen 
Wirken von wesentlichem Nutzen waren. Auch erfüllte die landschaftliche 
Schönheit der Gegend seine Seele mit einer tiefen Liebe zur Heimat und 
zur Natur, die allen denen, welche ihn näher kannten, als ein Grundzug 
seines Wesens erschien. Die Anfänge der Bildung eignete er sich teils in 
der Volksschule seines Wohnortes, teils durch Privatunterricht an. Seit 185 1 
besuchte er das Gymnasium zu Zittau, das er sechs Jahre später mit den 
besten Zeugnissen verließ, um sich an der Leipziger Universität dem Studium 
der Theologie zu widmen. Von seinen akademischen Lehrern gewannen be- 
sonders Kahnis, Luthardt und v. Zezschwitz weitreichenden Einfluß auf seine 
Weltanschauung, indem sie ihn in jene streng positive theologische Richtung 
einführten, der er sein ganzes Leben hindurch treu blieb. Daneben hörte 
er eine Anzahl Vorlesungen in der philosophischen Fakultät. Namentlich 
zog ihn die blendende Rednergabe des Historikers Heinrich v. Treitschke 
an, und diesem verdankte er es auch vor allem, daß er sich dauernd ein 
lebhaftes und verständnisvolles Interesse für den Gang der politischen, sozialen 
und wirtschaftlichen Entwicklung des engeren und weiteren Vaterlandes 
erhielt. Nachdem er Michaelis 1860 die theologische Kandidatenprüfung 
bestanden hatte, beschloß er, seiner Neigung und Begabung entsprechend, 
sich nicht dem geistlichen Amte zuzuwenden, sondern in den Schuldienst 
einzutreten, der für Theologen hervorragend günstige Aussichten bot. Er 
wirkte zunächst wenige Monate als Oberlehrer an der Bürgerschule zu Löbau, 
dann in gleicher Eigenschaft einige Jahre hindurch an der Stätte seiner 
Jugendbildung, dem Gymnasium zu Zittau. Daneben fand er noch Zeit, sich 
nicht nur für die zweite theologische Prüfung vorzubereiten und die Kandidatur 
des Predigtamtes zu erwerben, sondern sich auch literarisch durch Veröffent- 
lichung einiger pädagogischer Abhandlungen zu betätigen. Diese erregten die 
Aufmerksamkeit maßgebender Persönlichkeiten und ließen ihn zur Verwendung 
in einer leitenden Stellung geeignet erscheinen. Immerhin mußte er es als 
einen ganz ungewöhnlichen Glücksfall betrachten, daß ihm Ostern 1867 vom 
sächsischen Kultusministerium das verantwortungsvolle Amt eines Direktors 
am Kgl. Schullehrerseminar zu Plauen i. V. übertragen wurde. Seine Er- 
nennung erregte in den Kreisen der Lehrer allgemeine Überraschung. Einige 
glaubten, daß es ihm infolge seiner Jugend an Erfahrung und Weitblick 
mangeln würde, andere hätten an seiner Stelle statt eines Theologen lieber 



I qS Grtillich. 

einen bewährten Pädagogen gesehen. Indes ließ er sich dadurch keineswegs 
beirren, sondern stellte, getragen von dem Wohlwollen seiner vorgesetzten 
Behörde, seine ganze Arbeitskraft in den Dienst der ihm anvertrauten Anstalt. 
Das sächsische Seminarwesen befand sich damals in einer Periode wichtiger 
Veränderungen. Im Oktober 1864 hatte der bekannte liberale Schulmann 
Friedrich Dittes auf einer allgemeinen sächsischen Lehrerversammlung in 
Chemnitz eine bedeutsame Rede über die deutsche Sprache und Literatur 
auf den sächsischen Lehrerseminaren gehalten, die eine äußerst scharfe, aber 
in mancher Hinsicht wohlberechtigte Kritik des Lehrerbildungswesens enthielt 
und nicht nur bei den Hörern, sondern weit hinaus über Sachsens Grenzen 
großes Aufsehen erregte, so daß sich die Regierung zu verschiedenen 
reformatorischen Maßregeln veranlaßt sah. Auch G. führte an seiner Anstalt 
mit gutem Erfolg eine ganze Reihe von Verbesserungen durch, über die er 
nach zwei Jahren im »i. Jahresbericht des Seminars zu Plauen« (1869), dem 
ersten, der über ein sächsisches Seminar erschien, vor der Öffentlichkeit 
Rechenschaft ablegte. Gleichzeitig gab er diesem Programm zwei pädagogische 
Abhandlungen » Übersichtliche Darstellung der Entwicklung unserer deutschen 
Volksschule bis zu Pestalozzi« und »Die Aufgabe der Volksschule und ihre 
Lösung« bei, die allerdings nach seinem eigenen Urteil nichts Neues boten, 
sondern lediglich anregend wirken sollten. Wesentlich kürzer sind drei 
weitere Seminarberichte, die er in den Jahren 187 1 — 1873 herausgab. Im 
zweiten brachte er eine Rede Ȇber den konfessionellen, insbesondere evan- 
gelisch-lutherischen Religionsunterricht« zum Abdruck, in der er seinen streng 
bekenntnismäßigen theologischen Standpunkt gegenüber manchen freieren 
Regungen in Lehrerkreisen energisch betonte. Außerdem stammen aus der 
Plauener Zeit noch folgende pädagogische Schriften geringeren Umfangs: 
»Religionsunterricht einer Volksschule von 4 Klassen« (1870), später um- 
gearbeitet unter dem Titel »Der Religionsunterricht in der Volksschule. 
Zur Instruktion in der Seminarschule zu Plauen« erschienen (1873), und 
» Das erste Schuljahr. Kurze Instruktion für den Unterricht in der Seminar- 
schule zu Plauen« (1872). Durch diese literarische Tätigkeit erbrachte er 
den Beweis, daß sein reger Geist voll von Ideen und Projekten war und daß 
er auch zu deren Verwirklichung ein entschiedenes Organisationstalent besaß. 
Als deshalb 1873 ^^ ^^^ Städtchen Löbau in der Oberlausitz ein neues 
Schullehrerseminar begründet wurde, übertrug ihm das Ministerium die Neu- 
einrichtung und Leitung dieser Anstalt. Was er hier als Direktor geleistet 
hat, beschrieb er selbst in dem 1874 erschienenen ersten Berichte des Seminars, 
dem er einen »Beitrag zur Methodik des Geschichtsunterrichts an höheren 
Lehranstalten, insbesondere an den Seminaren, nebst speziellem Lehrplan in 
der Geschichte und Religion « beigab. Allerdings blieb er auf diesem Posten 
nur kurze Zeit, da ihn das Vertrauen der Behörde bereits Ostern 1874 in 
einen noch ausgedehnteren und vielseitigeren Wirkungskreis versetzte. In 
diesem Jahre trat nämlich das neue sächsische Volksschulgesetz vom 26. April 
1873 in Kraft, das eine bisher nicht vorhandene Gruppe von Aufsichtsbeamten 
zweiter Instanz, die Bezirksschulinspektoren, schuf. Zu den Männern, die man 
als die ersten in dieses Amt berief, gehörte auch G. Ihm wurde der Bezirk 
Löbau überwiesen, wo man ihn schon persönlich kannte und ihm in Lehrer- 
kreisen weitgehendes Vertrauen entgegenbrachte. In mehrjähriger angestrengter 



Grüllich. 



199 



Arbeit gelang es ihm, nicht ohne Überwindung erheblicher Widerstände, die 
mannigfachen, in die bisherigen Verhältnisse oft tief eingreifenden Be- 
stimmungen des Gesetzes zur Durchführung zu bringen. In Anerkennung 
seiner Verdienste wurde ihm bereits 1876 der Titel und Rang eines Schul- 
rates verliehen. Osteni 1885 ließ er sich, um in der Hauptstadt des Landes 
mit ihren reichen Bildungsmitteln leben zu können, nach dem Bezirke Dresden- 
Land versetzen. Als Schulinspektor widmete er sich den vielen an ihn heran- 
tretenden Pflichten mit großem Eifer und unleugbarem Erfolg. Mit den 
staatlichen und kirchlichen Behörden war er bemüht, in freundschaftlichem 
Einvernehmen zu wirken. Auch den Lehrern seines Distrikts, die er öfters 
auf Konferenzen um sich versammelte, suchte er ein wohlwollender Berater 
und Förderer zu sein. Er trachtete nicht nur darnach, ihre ökonomische Lage 
und ihr Ansehen in den Gemeinden zu heben, sondern auch ihre pädagogische 
Ausbildung zu vertiefen und ihr wissenschaftliches Streben anzuregen. Durch 
öftere Revisionen verschaffte er sich eine möglichst eingehende Kenntnis der 
ihm unterstehenden Schulen und wies durch ausführliche schriftliche Gut- 
achten auf vorhandene Licht- und Schattenseiten hin. Trotz dieser umfang- 
reichen amtlichen Tätigkeit fand er, unterstützt durch seine ungewöhnliche 
Arbeitskraft, noch Muße zu einer sehr ausgiebigen literarischen Produktion, 
bei der ihn allerdings das Bestreben, möglichst allgemein verständlich zu 
schreiben, häufig zu beträchtlicher Weitschweifigkeit verführte. Durch eine 
Fülle neuer und eigenartiger Gedanken ragen seine Schriften nicht hervor, 
so daß ihnen eine dauernde Bedeutung nicht beigemessen werden kann, 
um so mehr als sie von theologischen und pädagogischen Voraussetzungen 
ausgehen, die schon zu seinen Lebzeiten scharf bekämpft wurden und denen 
schwerlich die Zukunft gehören wird. Seine Bücher, die fast sämtlich im 
Verlage von H. W. Schlimpert in Meißen erschienen, behandeln teils den 
gesamten Lehrplan der Volksschule, teils den methodischen Betrieb einzelner 
Unterrichtsfächer, namentlich des Religionsunterrichts. In Löbau entstanden 
außer einer Neubearbeitung der in vielen Auflagen verbreiteten »Biblischen 
Geschichten für die ersten vier Schuljahre« von J. Bartko folgende Werke: 
»Lehrplan für die einfache Volksschule« (1875, 4. Auflage 1900), »Beitrag zur 
Methodik der Volksschule, in Berücksichtigung der seit Einführung des neuen 
Volksschulgesetzes gemachten Erfahrungen, mit speziellen Lehr- und Lektions- 
plänen für drei- bis sechsklassige Schulen« (1877), »2. Beitrag zur Methodik 
der Volksschule mit besonderer Berücksichtigung des Religionsunterrichts und 
Hinzufügung eines Lehr- und Lektionsplans für zwei- und siebenklassige 
Schulen« (1878), »Ein Einblick in die Volksschule unter Beachtung wichtiger 
Zeitfragen« (1880), »Der Unterricht in der sächsischen Fortbildungsschule« 
(1880). »Die Gliederung des biblischen Geschichtsstoffes nebst Bibellesen in 
den Oberklassen der Volksschule« (1883) und »Skizzen zur unterrichtlichen 
Behandlung des Kleinen Katechismus Dr. Luthers« (1884, 5. Aufl. 1899), eines 
seiner reifsten Werke, das weit über die Grenzen Sachsens hinaus Anklang 
und Verbreitung fand. In Dresden wurden dann noch nachstehende Arbeiten 
zum Abschluß gebracht: »Zur unterrichtlichen Behandlung der Bergpredigt« 
(1886), »Behufs Wiederholung kurzgefaßte Behandlung der zehn Gebote« 
(1888, 2. Aufl. 1905), »Entwürfe für den Anschauungsunterricht im ersten 
und zweiten Schuljahre« (1888, 5. Aufl. 1900) und »Der Unterricht in der 



200 Grttllich. Hausmann. 

Volksschule« (1889 — 1893), das wegen seiner breiten Anlage nicht zur Voll- 
endung gelangte Hauptwerk seines Lebens, das über die methodische Be- 
handlung der wichtigsten im Lehrplan der sächsischen Volksschulen ver- 
tretenen Fächer Anweisung gibt und dessen einzelne Abteilungen auch in 
Sonderausgaben erschienen. In den einleitenden Abschnitten über die Be- 
stimmung des Menschen und über Notwendigkeit, Wesen und Aufgabe der 
Erziehung legte er zugleich sein pädagogisches Glaubensbekenntnis nieder, 
das allerdings mannigfache Anfechtung erfuhr, da es sich den neueren 
Erg^nissen der theologischen und psychologischen Wissenschaft gegenüber 
ablehnend verhielt. Doch konnte er mit Recht betonen, daß seine Über- 
zeugungen frei von Fanatismus seien, daß er abweichende Meinungen stets 
geduldet und niemals rückschrittliche Maßnahmen angeregt oder unterstützt habe. 
Auch während seiner Tätigkeit als Bezirksschulinspektor wendete er den 
sächsischen Seminaren dauernd ein lebhaftes Interesse zu, und so begrüßte 
man es in Seminarkreisen mit Genugtuung, als ihm am i. April 1897 das durch 
den Rücktritt des bisherigen Inhabers erledigte einflußreiche und verant- 
wortungsvolle Amt eines Dezernenten für das Seminarwesen im Ministerium 
des Kultus und öffentlichen Unterrichts übertragen und zugleich der Titel 
eines Geheimen Schulrats verliehen wurde. Acht Jahre war es ihm vergönnt, 
den umfangreichen Organismus in voller Rüstigkeit und Geistesfrische zu 
leiten, bis ihn ein rascher Tod unerwartet mitten aus seiner Tätigkeit hin- 
wegraffte. »Wie er sein Amt verwaltet hat«, heißt es in einem Nachruf, 
den ihm der sächsische Seminarlehrerverein widmete, » anregend und belebend, 
den geistigen Austausch der Seminare immer reger gestaltend, Ziele steckend 
und Kräfte zur Mitarbeit an deren Verwirklichung hervorlockend, aus dem 
Schatze seines umfassenden, klaren Wissens und seiner reichen Erfahrung 
fruchtbare Gesichtspunkte und Ideen darbietend, Probleme feststellend, in 
besonnener Weiterbildung des Gegebenen die Arbeit vertiefend und für einen 
zukünftigen neuen Lehrplan schärfere Richtungslinien ziehend: das alles ist 
in der frischen Erinnerung der sächsischen Seminarlehrer, die der Führung 
des Heimgegangenen freudig gefolgt ^sind ; dafür ist auch ein Zeugnis sein 
letztes, inhaltschweres Buch » Unsere Seminararbeit, ein Beitrag zur Organi- 
sation des sächsischen Seminarwesens« (1904), eine reife Frucht und ein 
schönes Denkmal seines die Kräfte der Mitarbeiter auf ein gemeinsames hohes 
Ziel hin zusammenfassenden Wirkens.« 

10. Bericht des sächsischen Seminarlehrervereins, Dresden 1905, S. 58 — 61. — Sächsische 
Schulzeitung 1905, S. 305 f. — Jaliresbericht der Lausitzer Predigergesellschaft zu Leipzig, 
30. Mitteilung, Bautzen 1905, S. 37. — Amtskalender für evangelisch-lutherische Geistliche 
im Königreich Sachsen auf das Jahr 1906, S. 215. Viktor Hantzsch. 

Hausmann, Ludwig Gustav, Professor Dr., Direktor der städtischen 
höheren Töchterschule in Dresden-A., ♦11. März 1840 in Dresden, f 30. August 
1905 ebenda. — H., ein Sohn des Justiz-Ministerial-Sekretärs Heinrich Lud- 
wig H., verlor frühzeitig seine Eltern. Er besuchte das Dresdner Gymnasium 
zum heiligen Kreuz. Nach bestandener Reifeprüfung bezog er 1859 die 
Universität Leipzig. Anfangs studierte er Musik. Da er jedoch seine musika- 
lische Begabung nicht für ausreichend hielt, um auf diesem Felde größere 
Erfolge zu erringen, wandte er sich dem Studium der Theologie, Philosophie 



Hausmann. 20 1 

und Pädagogik zu. 1863 erhielt er auf Grund seiner Untersuchungen über 
Tonverhältnisse die philosophische Doktorwürde. Danach war er als Haus- 
lehrer in Leipzig, in der Nähe von Orleans und in Paris tätig. Der längere 
Pariser Aufenthalt gestattete ihm auch die Fortsetzung seiner Studien. Nach 
der Rückkehr in die Heimat unterwarf er sich dem Examen für die Kandidatur 
■des höheren Schulamts und wirkte seit 1866 in Dresden als Lehrer an dem 
Albanischen Institut und dann in der Böhmeschen Privatschule. 187 1 wurde 
er an das dortige Kreuzgymnasium als Oberlehrer berufen. 1876 zum Direktor 
der städtischen höheren Töchterschule designiert, trat er 1877 sein neues 
Amt an. 23 Jahre lang wirkte er segensreich in dieser Stellung. Die Schule 
wuchs unter seiner Leitung rasch, so daß die Einrichtung von Parallelklassen, 
die Gründung einer ersten Klasse und bereits 1881 ein Erweiterungsbau sich 
nötig machte (vgl. H.s Aufsatz »Die Entwicklung der städtischen höheren 
Töchterschule zu Dresden« in den »Mitteilungen der Gesellschaft für deutsche 
Erziehungs- und Schulgeschichte«, Jahrg. VII, S. 265 — 280). 1884 erhielt H. 
den Professortitel und 1896 wurde er durch das Ritterkreuz erster Klasse 
des Albrechtsordens ausgezeichnet. Körperliches Leiden nötigte ihn 1900 in 
den Ruhestand zu treten. Nach wiederholten Schlaganfällen verfiel er, noch 
immer geistig rege, in ein schweres Siechtum, von dem er sich trotz auf- 
opferndster Pflege nicht wieder erholte. Die überaus zahlreiche Beteiligung 
an seiner auf dem Tolkewitzer Friedhofe erfolgten Beerdigung bekundete die 
große Liebe und Verehrung, die er im Leben genossen. Begeisterung für 
alles Edle, Güte und Hilfsbereitschaft bildeten den Grundzug seines Wesens. 
Für die Kunst hegte H. ein lebhaftes Interesse. Vor allem ließ er die Pflege 
der Musik sich immer angelegen sein und wurde hierin von seiner sehr 
musikalischen Gattin unterstützt. 1859 bis 1864 Mitglied des Leipziger 
akademischen Gesangvereins »Paulus«, gab er als dessen Archivar die noch 
jetzt bei dem Vereine gebrauchte Liedersammlung heraus: »Vivat Paulus! 
Liederbuch des Universitäts-Sängervereins zu St. Pauli, Leipzig 1863.« In 
Dresden leitete er den dortigen »Filial-Paulus« und brachte mit demselben 
große und schwierige Chorwerke zur Aufführung. Auch betätigte er sich 
musikalisch durch die Komposition verschiedener Gesänge für gemischten 
•Chor und die Instrumentierung von Schuberts »Gondelfahrer« für Orchester. 
Eine ebenso rege Tätigkeit entfaltete H. auf dem literarischen Gebiete. Viele 
Jahre hindurch war er Leiter des Dresdner » Literarischen Vereins « und hielt 
in ihm zahlreiche Vorträge. Im Druck erschien von ihm: »Der arme Hein- 
rich von Hartmann von Aue. Poetische Erzählung aus dem 13. Jahrhundert. 
Übertragen, bearbeitet. Gotha 1886«; »Luise Rückert, die am reichsten 
besungene deutsche Frau. (Jahresbericht der städtischen höheren Töchter- 
schule in Dresden. 1898)« sowie drei durch edle Sprache ausgezeichnete 
Dramen, die er unter dem Pseudonym Gustav H. Oekander veröffentlichte: 
»Eugenie. Tragödie, im Anschluß an Goethes Drama »Die natürliche 
Tochter. Leipzig 1890«; »Christian Günther oder Genius und Schuld. 
Tragödie in fünf Aufzügen. Leipzig 1891«; »König Autharis Brautfahrt. 
Handlung in fünf Aufzügen. Leipzig 1897«. Das erste dieser Dramen bildet 
nicht, wie man nach dem Titel vermuten könnte, eine Fortsetzung des 
Goetheschen Werkes, sondern knüpft nur an den Stoff desselben an, ist aber 
im übrigen eine selbständige Arbeit. In pädagogischer Hinsicht wirkte H. 



202 Hausmann. Lobe. 

besonders durch seine frische und anregende Unterrichts weise und durch die 
Förderung der unter seiner Leitung stehenden Schule. Auch führte er mehrere 
Jahre den Vorsitz in dem »Allgemeinen Erziehungsverein«. Gemeinsam mit 
A. Wünsche gab er heraus: »Lesebuch für höhere Mädchenschulen. Band i — 5. 
Leipzig 1886 — 87. (2. Auflage: Leipzig 1901 — 03).« 

Persönliche Mitteilungen. — »Programm des Gymnasiums zum heiligen Kreuz in 
Dresden.« Dresden 1871, S. 22; 1877,8. i; 1906, S. 4. — »Jahresbericht der städtischen 
höheren Töchterschule in Dresden« 1877, S. 40 f.; 1884, S. 13; 1901, S. 15; 1906, S. 19. — 
»Brummer, Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des 19. Jahrhunderts. 5. Ausgabe. 
Bd. II. Leipzig« (1901), S. 112. — »Kürschners deutscher Literaturkalender auf das Jahr 
1905. Leipzig«, S. 527. — »Dresdner Kundschau.« Jahrg. 6. 1897, Nr. 20, S. i. — 
»Dresdner Anzeiger« i. September 1905, Nr. 242, S. 5 und 4. September 1905, Nr. 245, 
S. 2. — »Dresdner Nachrichten« i. September 1905, Nr. 242, S. 2. 

A'. Reichardt. 

Lobe, Theodor Eduard, Schauspieler, * 8. März 1833 zu Ratibor in Ober- 
schlesien, f 21. März 1905 in Niederlößnitz bei Dresden. — L. war der Sohn 
des in Schlesien bekannten Theaterdirektors Karl Lobe. Auch seine Mutter 
hatte Theaterblut im Leibe, denn sie war die Schwester Dessoirs und ver- 
mählte sich nach dem Tode ihres ersten Gatten mit dem Theaterdirektor 
Joseph Keller. Obwohl L. schon früh eine entschiedene Neigung und Begabung 
für die Bühne an den Tag legte, suchte ihn sein Vater von dem Schauspieler- 
beruf abzuhalten. Er schickte ihn daher auf das Gymnasium in Liegnitz, auf 
dem es L. jedoch nur bis zu dem Tode seines Vaters im Jahre 1847 aushielt. 
Er arbeitete hierauf für kurze Zeit in einem Handelshause in Breslau, konnte 
jedoch die Sehnsucht nach der Bühne nicht überwinden und war daher 
zufrieden, als er bei der Truppe seiner Mutter als Inspizient eintreten konnte 
(1848). Schließlich gab seine Mutter nach und gestattete ihm, auf der von 
ihr geleiteten Bühne in Liegnitz zu debütieren (1849). Da er jedoch bei ihr 
nur kleine Rollen spielen durfte, begab er sich auf die Wanderschaft, indem 
er bei herumziehenden Truppen sein Glück versuchte. Wir finden ihn zuerst 
in Frankfurt a. O. und dann in Eisleben, wo es ihm gelang, sein erstes, wenn 
auch kärglich genug bezahltes, festes Engagement zu finden. Über Nordhausen 
kam er mit seiner Gesellschaft nach Greußen. Als seinen Direktor hier das 
Schicksal des Bankerotts ereilte, sah sich L. infolgedessen der bittersten Not 
ausgesetzt und war daher dankbar, als er in Halle und bald darauf in Erfurt 
unterschlüpfen konnte. Allmählich begann jedoch sein Stern zu steigen. Er 
kam an das Krollsche Theater in Berlin und wurde von dort aus an das 
Stadttheater in Leipzig engagiert, an dem er vom 8. August 185 1 bis zum 
28. Juli 1853 tätig war. Er spielte damals hauptsächlich komische Rollen 
und gefiel in ihnen so, daß er an das Königstädter Theater in Berlin berufen 
wurde, von dem er im Jahre 1854 zu dem Friedrich- Wilhelmstädtischen über- 
ging. Dort blieb er mit Ausnahme eines Jahres, in dem er am Hamburger 
Stadttheater beschäftigt war (1856), bis zum Jahre 1858, in dem er eine an- 
genehme Stellung am Deutschen Hoftheater in St. Petersburg antreten konnte. 
Hier wurde er bald der erklärte Liebling Kaiser Alexanders IL, der ihn wieder- 
holt auf seinem kleinen Privattheater in Zarskoje Selo auftreten ließ. Auch 
in Petersburg mußte L. vorzugsweise komische Rollen spielen. Doch sehnte 
er sich aus diesem Fache heraus, da er es müde war, immer wieder als 



Lobe. 203 

gebildeter Hausknecht oder als Kakadu das Publikum zu ergötzen. Als er 
daher bei einem Benefiz seines Kollegen Carl Porth Gelegenheit gehabt hatte, 
als Mephistopheles in Goethes Faust aufzutreten, und dann nebenbei auch 
als Marinelli und Jago sich versucht hatte, setzte er alles daran, um als 
Charakterspieler an einer deutschen Bühne unterzukommen. Er verließ 
Petersburg nach neunjährigem Engagement und fing nun an, auf allen mög- 
lichen renommierten Bühnen in Deutschland zu gastieren. Doch wollte kein 
Bühnenvorstand den Komiker L. als Charakterspieler engagieren. Da er aus 
Gesundheitsrücksichten nicht nach Petersburg zurückkehren durfte, entschloß 
er sich 1867, das neu erbaute Stadttheater in Breslau zu pachten, in der Hoff- 
nung, auf diese Weise Zeit zu finden, sich die ihm fehlenden Rollen allmählich 
aneignen zu können. Diese Hoffnung sollte sich jedoch nicht erfüllen. Die 
Leitung des Theaters nahm L. so sehr in Anspruch, daß er fast drei Jahre 
hindurch darauf verzichten mußte, selbst als Schauspieler tätig zu sein. 
Bei seiner Tatkraft gelang es ihm binnen kurzer Zeit mustergültige Vor- 
stellungen zustande zu bringen und das fast gänzlich erloschene Interesse des 
Breslau er Publikums für das Schauspiel wieder zu beleben. Größere Schwierig- 
keit bereitete L. die Verbesserung der Oper. Aber auch hier bewies er eine 
findige Hand. Er gewann den später in Dresden zu großer Berühmtheit 
gelangten Tenoristen Lorenzo Riese, der wenigstens ein Stimmbesitzer ersten 
Ranges war, und verhalf auch dem noch in den Anfängen stehenden ausge- 
zeichneten Baritonisten Eugen Gura, der sich unter seiner geschickten und 
sachkundigen Leitung rasch zu einem bedeutenden und beim Publikum 
beliebten Sänger entwickelte, zu manchem schönen Erfolg. Auch die Ent- 
deckung des heutigen Dresdner Generalmusikdirektors Ernst von Schuch, den 
L. als Student in Wien durch einen Zufall kennen lernte und dazu veranlaßte, 
sich statt der juristischen der musikalischen Laufbahn zu widmen, wird man 
mit zu seinen verdienstlichen Taten aus der Breslauer Zeit rechnen müssen. 
Im Übrigen waren diese Jahre nicht gerade zu einem vergnüglichen Kirschen- 
essen angetan. » Es war ein schwerer Kampf ums Dasein, « erzählt Max Kumik 
in seinen Theatererinnerungen, »den die Direktion Theodor L. zu führen 
hatte, um so schwerer, als die Ehrenhaftigkeit und künstlerische Gewissen- 
haftigkeit des Mannes ihn von jedem Humbug, von jedem Unternehmen fern- 
hielten, das die Würde des Kunstinstituts zu schädigen geeignet war. Und 
daß Theodor L. dieser Würde während der ganzen Dauer seiner Theater- 
leitung nichts vergeben und das künstlerische Ansehen des Instituts treu und 
ehrlich gewahrt hat, das wird ihm in der Geschichte des Breslauer Stadt- 
theaters unvergessen bleiben«. In der Befürchtung, daß ihm die mit dem Er- 
scheinen der neuen Gewerbeordnung im Sommer 1869 beginnende Theater- 
freiheit eine gefährliche Konkurrenz bereiten könnte, hatte sich L. schon 
rechtzeitig um die Verleihung einer zweiten Konzession bemüht. Er konnte 
daher bereits am i. August 1869 das neue, in der Ohlauer Vorstadt gelegene 
Theater, das nach seinem Namen genannt und ursprünglich nur als eine der 
heiteren Muse gewidmete Filiale des Stadttheaters gedacht war, mit Lessings 
»Minna von Barnhelm« eröffnen. Nunmehr fing er auch wieder selbst an, 
als Schauspieler tätig zu sein. Er debütierte am Stadttheater als Mephisto 
in Goethes »Faust«, und zwar mit einem Erfolg, der die gespannteste Er- 
wartung übertraf. »Es war eine Leistung,« berichtet Kumik, »die in ihrer 



204 Lobe. 

Eigenartigkeit davon überzeugen mußte, daß man es hier mit einem Künstler 
von Originalität und selbständiger Schöpferkraft zu tun hatte. L.s Mephisto 
war ein Charaktergebilde, das in seiner neuen und originellen Gestaltung die 
Vorgänger zu überragen schien. Es war der echte teuflische Schalk, »der 
reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.« Mit dem raschen Fluß der 
Rede verband er einen Grundzug der Blasiertheit im Ausdruck, die etwas 
Dämonisches an sich hatte. Gewandt, frisch und schlagfertig, erschien er ganz 
als der Geselle, um, losgebunden und frei, Fausten erfahren zu lassen, was 
das Leben sei, während er andererseits durch die infernalischen Akzente der 
Ironie und des Sarkasmus ein gewisses unheimliches Grauen erregte. Die 
Farbenmischung war überaus fein und maßvoll behandelt, daß sich Schalk 
und Teufel in dem Bilde stets die Wage hielten, und daß der Darsteller, so 
verlockend es immerhin war, den Schalk niemals so überwiegen ließ, daß der 
Teufel darüber in Vergessenheit kam. Genug, es war eine Meisterleistung 
•ersten Ranges, und das Breslauer Theater konnte sich von diesem Tage ab 
rühmen, im Besitze eines der ersten Charakterdarsteller zu sein.« Indessen 
iehlte L. die Zeit, sein Repertoire nach dieser Richtung hin weiter auszu- 
bauen. Er trat noch als Perin in »Donna Diana« auf und spielte auch die 
in Petersburg bereits von ihm einstudierten Rollen des Marinelli und Jago, 
sah sich aber durch die gegebenen Verhältnisse immer weiter von seinem 
Ziele, seine schauspielerische Begabung auszubilden, abgedrängt. Als am 
19. Juli die französische Kriegserklärung an Deutschland erfolgt war, machte 
er schon am 20. von seinem Rechte, das Stadt- und Lobetheater zu schließen, 
Gebrauch, indem er sämtliche Engagements der Mitglieder für gelöst erklärte. 
Während nun die verwaisten Künstler des Stadttheaters unter Wilhelm Hocks 
Leitung auf Teilung weiter zu spielen begannen, mußte sich L. gleichfalls ent- 
schließen, sein eigenes Theater wieder zu eröffnen. Zu diesem Schritt sah 
er sich vornehmlich deshalb gezwungen, weil er die Erbauungskosten noch 
nicht vollständig an die Unternehmer abgezahlt hatte. Der ihm gehörige 
Fundus war im Stadttheater zurückgeblieben und wurde erst Ende des Jahres 
187 1 gegen Entschädigung an ihn zurückgeliefert. L., der außer diesen miß- 
lichen Verhältnissen auch noch die Konkurrenz des neuentstandenen Thalia- 
theaters auszuhalten hatte, half sich damit, daß er so viel wie möglich kleinere 
Lustspiele und Possen aufführen ließ, in denen er selbst die Hauptrollen 
spielte. Im Oktober 1871 übergab er sein Theater in die Hände einer Sozietät, 
blieb aber als artistischer Direktor an ihm tätig, bis es ihm im Mai 1872 
gelang, in Wien an dem unter Laubes Leitung eröffneten Stadttheater eine 
Stelle als erster Charakterdarsteller und Oberregisseur zu finden, die seinen 
künstlerischen Neigungen entsprach. Doch kehrte er noch oft auf Gastspielen 
auf der von ihm geschaffenen Stätte ein und erregte z. B. im März 1874 als 
Giboyer im Augiers »Pelikan« und dann wieder im Jahre 1877 als Rabbi 
David in Erkmann-Chatrians Sittengemälde »Freund Fritz« den Beifall der 
Breslauer Theaterfreunde. 

Die erste Rolle, mit der sich L. bei den Wienern am 15. September 1872 
einführte, war der Schuiski in dem von Laube fortgesetzten Schillerschen 
»Demetrius«. Er gefiel dem Publikum sofort, während Laube meinte, daß 
er nicht ganz die für diesen russischen Humor erforderliche Tonart getroffen 
habe. Bei der darauf folgenden Aufführung von Grillparzers » Bruderzwist im 



Lobe. 



205 



Hause Habsburg« spielte er jedoch den Kaiser Rudolph nicht bloß dem 
Publikum, sondern auch Laube zu Dank, obwohl er anfangs gegen das Stück 
gewesen war und noch in der Leseprobe seine Rolle so stümperhaft vor- 
getragen hatte, daß die Kollegen lachten und Laube von der Aufführung- 
dieses Stückes absehen wollte. In Lehnerts »Konrad Vorlauf« hatte er die 
Rolle des schlimmen Herzogs zu kreieren und fand die von ihn vorausgesetzte 
Zustimmung für seine Auffassung im reichsten Maße beim Publikum; da aber 
die Kritik das Stück ablehnte, mußte es schon nach wenigen Abenden vom 
Spielplan abgesetzt werden. In dem Putlitzschen Lustspiel: » Spielt nicht mit 
dem Feuer« brachte er den trocken komischen Weller bestens zur Geltung^ 
während sein Mephisto, auf den man große Erwartungen gesetzt hatte, in 
Wien nicht den Eindruck machte, den er in Breslau erzielt hatte. »Man 
fand darin«, erzählt Laube, »den flüssigen Geist nicht zureichend und nannte 
die Leistung eine trockene. « Auch als Nathan, meinte Laube, daß er die 
Höhe in Geist und Gemüt nicht ganz erreiche, während das Publikum auch 
bei dieser Rolle vollen Beifall spendete. Nicht minder vortrefflich war er 
als Laroquette in Gutzkows »Urbild des Tartüffe«, welche Figur ursprünglich 
als Lamoignon bekannt geworden ist. So vom Glück begünstigt, erhielt er 
schon nach wenigen Monaten seiner Tätigkeit am Stadttheater den Antrag,, 
mit ungewöhnlich hoher Gage und ausnahmsweiser Garantie der Beschäftigung 
an das Burgtheater überzutreten. Da Laube seinen Kontrakt jedoch nicht 
lösen wollte oder sich erst dazu geneigt zeigte, als es für L. zu spät war, 
blieb er bei dem Stadttheater, dessen Leitung er nach Laubes Rücktritt am 
16. September 1874 übernahm und bis zum 30. Mai 1875 selbständig führte. 
Doch hatte er mit seiner Direktion wenig Glück, da er den Geschmack des 
Wiener Publikums entweder nicht kannte oder doch nicht teilte. Auch als 
Laube 1875 zum zweitenmal das Zepter der Direktion übernahm, harrte er bei 
dem Stadttheater aus und erzielte schon in der ersten Vorstellung als Kreon 
in der »Antigone« des Sophokles einen nachhaltigen Erfolg, der ihm auch in 
den Rollen des Königs Lear und des Bettlers in Raimunds »Verschwender« 
reichlich gespendet wurde. Indessen wurde seine Stellung am Stadttheater 
nicht unwesentlich durch sein leidiges Verhältnis zu Laube erschwert. Beide 
Männer besaßen harte Köpfe, und da L. auf seinen Schein, nur zu ersten 
Charakterrollen verpflichtet zu sein, bestand, revanchierte sich Laube, indem 
er ihm gelegentlich eine Rolle entzog, die zum Besten des Ganzen ihm hätte 
anvertraut werden müssen. Begreiflicherweise fühlte sich L. durch derartige 
Maßnahmen empfindlich gekränkt und bestand nun erst recht auf seinem 
Kontrakt. Er weigerte sich auf Grund desselben, noch ferner in den volks- 
tümlichen Nachmittagsvorstellungen mitzuwirken, was ein um so empfindlicherer 
Schlag war, als er gerade deren Hauptstütze gewesen war. Schließlich ließ er 
sich durch den Regisseur Karl Schönfeld, der zwischen Laube und ihm zu ver- 
mitteln wußte, bestimmen, von seiner formell berechtigten Weigerung abzu- 
stehen. 1879 erweiterte er sein Repertoire um die Rolle des Königs Friedrich 
Wilhelm I. in Laubes »Prinz Friedrich« und um die des Königs in Gutzkows 
»Zopf und Schwert«, welches Lustspiel vornehmlich durch seine humorvolle 
Leistung in Wien sehr ansprach. Als Laube, der den geschäftlichen Verfall 
des Theaters nicht aufzuhalten imstande war, 1879 sein Entlassungsgesuch 
eingereicht und erhalten hatte, trat L. in das von ihm, Schönfeld, Friedmana 



206 Lobe. 

und Tyrolt gebildete Regiekollegium ein, wußte es aber bald dahin zu bringen, 
daß ihm die wichtigsten direktorialen Befugnisse allein übertragen wurden, 
so daß er eigentlich Direktor und die drei genannten Schauspieler seine 
Regisseure waren. Trotzdem schied er schon am 28. Dezember unmittelbar 
nach der Generalversammlung aus dem Regiekollegium aus. Auch während 
der dritten Direktion Laubes, die 1880 begann, war er am Stadttheater 
engagiert, und er würde vermutlich ihm auch femer treu geblieben sein, wenn 
es nicht im September an die Herren von Bukovics und Theiner verpachtet 
worden wäre. Durch diese Maßnahme der Theatereigner wurde der noch 
kurz vor der Auflösungskatastrophe von ihm mit der Direktion geschlossene 
Kontrakt, dessen Dauer bis zur Pensionierung vorgesehen war, hinfällig, wenn 
auch seine aus ihm erwachsenen Ansprüche vollständig befriedigt wurden. 
Nur ungern verließ er die ihm liebgewordene Kaiserstadt, von der er sich 
am 10. Mai 1880 in Sardous »Daniel Rochat« verabschiedete. Er wandte sich 
nach Frankfurt a. M., wo er schon im Oktober desselben Jahres unter der 
Direktion Emil Ciaars eine ihm zusagende Stellung als Charakterdarsteller und 
Regisseur am Stadttheater erhielt. Das Frankfurter Publikum feierte ihn, 
wenn er als Richard III., König Lear, Shylock oder als Fabrizius in Wildbrandts 
»Tochter der Herrn Fabrizius« auftrat, und erfreute sich an seiner köstlichen 
Darstellung des liebenswürdigen Rabbi Sichel in »Freund Fritz«. »L. «, urteilt 
E. Mentzel über seine Frankfurter Zeit, » ging nie darauf aus, seine eigene Rolle 
zu größtmöglicher Wirkung zu bringen, er unterordnete sie dem Ganzen und 
überzeugte mehr durch eine feine Linienführung in den Einzelheiten, als 
durch derbe, weithin wirkende Pinselstriche.« Aber obwohl seine Stellung 
in Frankfurt auch äußerlich glänzend war — er bezog damals für neun 
Monate eine Gage von 18000 Mark — gab er sie im Jahre 1885 wieder auf, 
um sich nur an Gastspielen zu beteiligen. 1887 ließ er sich durch Gustave 
Maurice bestimmen, als Oberregisseur bei dem Hamburger Thaliatheater ein- 
zutreten. Weshalb er diese Stellung schon nach Ablauf einer Saison wieder 
aufgab, ist nicht recht bekannt geworden; vermutlich sah er ein, daß diese 
Bühne für seine ausschließlich der ernsten und vornehmen Kunst zugewandten 
schauspielerischen Neigungen nicht der rechte Ort war. Er zog sich daher 
nach Niederlößnitz bei Dresden, wo er sich angekauft hatte, zurück, und 
unternahm von hier aus zahlreiche Gastspielreisen. 1891 kam er wieder ein- 
mal nach Wien, wo er in dem aus dem Englischen des Jones übersetzten 
Volksstück »Arbeit« mit solchem Beifall auftrat, daß man allen Ernstes die 
Frage erörterte, ihn an das Burgtheater zu berufen, um dort die seit La Roches 
Abgang verwaisten Rollen zu übernehmen. Da aus diesem Plane nichts 
wurde, entschloß er sich 1892, noch einmal eine Stelle als Oberregisseur an 
dem Kgl. Schauspiel in Dresden anzunehmen. Er verwaltete auch diesen 
Posten noch mit der ihm eigenen peinlichen Gewissenhaftigkeit und brachte 
namentlich einige vortreffliche Grillparzer- Vorstellungen heraus, trat aber selbst 
bis auf zwei Ausnahmen nicht mehr als Schauspieler auf. Als sich 1897 ein 
Fußübel bei ihm bemerkbar machte, verzichtete er auf jede weitere theater- 
liche Tätigkeit und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in aller Stille, 
gern von seiner Theaterlaufbahn in Freundeskreisen erzählend, aber niemals 
ruhmredig, wie ihm denn alles, was an das Komödienhafte erinnert, vollständig 
fernlag. Er hat weder Titel noch Orden besessen, aber auch niemals den 



Lobe. VVeißbach. 20/ 

Wunsch nach solchen äufJerlichen Ehrungen zu erkennen gegeben. Trotzdem 
fehlte es ihm auch im Alter nicht an Beachtung, da bis in seine letzten Tage 
hinein jüngere Kräfte seinen Rat und seine Erfahrungen gern in Anspruch 
nahmen. Unter dem Geleit zahlreicher Kollegen und Freunde wurde er am 
2 2. März 1905 auf dem Kirchhofe zu Kötzschenbroda begraben. 

Josef Lewinsky, Vor den Kulissen. Berlin 1881. S. 141 — 145. — Heinrich Laube, 
Das Wiener Stacltthcater. Leipzig 1875. (Register.) — Max Kumik, Ein Mcnschenalter 
Theatererinnerungen. Berlin 1882. (Register.) — Wien 1848 — 1888. Denkschrift. Wien 
1888. Bd. II, S. 393. — Rudolf Tyrolt, Chronik des Wiener Stadttheaters 1872— 1884. 
Wien 1889. (Register.) — E. Mentzel, Das alte Frankfurter Schauspielhaus und seine Vor- 
geschichte. Frankfurt a. M., 1902. S. 192. — Alfred Schönwald, Das Thaliathcater in Ham- 
burg von 1843 — 1893. Hamburg 1893. S. 108. — Georg Hermann Müller, Das Stadt- 
theater in Leipzig. Leipzig 1891. S. 32 u. 76. — Ernst Roeder, Das Dresdner Hoftheater 
der Gegenwart. N. F. Dresden und Leipzig 1896. S. 177 — 189. — Ludwig Eisenbergs 
Großes Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert. Leipzig 1903. 
S. 614. — Tagebuch des Kgl. Sächsischen Hoftheaters zum Jahre 1905. Von Adolf Russani 
und Louis Knechtel. 89. Jahrg. Dresden 1906. S. loi — 104. — Schlesische Zeitung. 
Breslau, 6. März 1903 und 23. März 1905. — Extrapost. Wien, 2. März 1891. — Neue 
Freie Presse vom 26. März 1905. — Dresdner Nachrichten vom 23. März 1905. — Eugen 
Gura, Erinnerungen aus meinem Leben. Leipzig 1905. S. 31 — 43. — Otto Weddinger, 
Geschichte der Theater Deutschlands. Berlin o. J. (1906). S. 390, 446, 452, 805. 

H. A. Lier. 

Weißbach, Karl Robert, Architekt, * 8. April 1841 in Dresden, f 8- JuH 
1905 in Dresden. — W. besuchte die Realschule seiner Vaterstadt und bezog 
dann die dortige Baugewerbeschule, während der Sommermonate gleichzeitig 
das Bauhandwerk praktisch erlernend. Hierauf arbeitete er eine Zeitlang als 
Gehilfe des Hofbaumeisters Krüger, eines Schülers von Semper, und war als 
solcher hauptsächlich bei den baulichen Veränderungen des Kgl. Schlosses 
in Dresden tätig. An der Akademie wurde er Schüler des Professors Hermann 
Nicolai. Im Jahre 1863 erhielt er das Reisestipendium für zwei Jahre, das 
er zu einem längeren Studienaufenthalt in Italien benutzte. Er hatte Gelegen- 
heit, sich an den Arbeiten Adolf Gnauths und von Försters über die 
»Bauwerke der Renaissance in Toskana« zu beteiligen, und kam so in die 
•erwünschte Lage, seinen Aufenthalt in Italien noch zu verlängern. Als er im Jahre 
1866 über Stuttgart nach Dresden zurückgekehrt war, trat er als Bauführer 
bei Nicolai ein und übernahm die Aufsicht über den Bau der Villa des Herrn 
Johann Meyer in Dresden. Da W. sich jedoch in Italien eine andere Auf- 
fassung der Renaissance zu eigen gemacht, als sie Nicolai vertrat, kam es 
zwischen den beiden Männern zu mancherlei Konflikten, die eine allmähliche 
Entfremdung unter ihnen herbeiführte. Am i. Oktober 1869 wurde W., erst 
28 Jahre alt, zum Lehrer der Baukunst und Bauwissenschaften an der 2. Abteilung 
der Kgl. Bauschule in Dresden berufen. Es gelang ihm rasch, eine Anzahl 
begeisterter Schüler um sich zu sammeln, welche die » Weißbachsche Richtung 
in der Architektur« vertraten. Sie bestand in dem Kultus der schönen Linie 
und in einer möglichst selbständigen Ausgestaltung des Omamentalen. Da 
W. auf eine Änderung des Studienplanes drang, auf welche der akademische 
Rat nicht eingehen wollte oder konnte, reichte W. sein Entlassungsgesuch 
zum 30. September 1874 ein. Doch war er nur kurze Zeit als Privatarchitekt 
tätig, hauptsächlich mit Wohnhausbauten in der Lenne- und Reichsstraße, 



208 Weißbach. Ulmer. 

beschäftigt, da er schon im Jahre 1875 den Ruf erhielt, als Professor für 
Hochbaukunst in das Kollegium des neuerbauten Dresdner Polytechnikums 
einzutreten. In dieser Stellung verblieb er bis an sein Lebensende, ohne 
seine Privatpraxis aufzugeben. Als sie immer umfangreicher wurde, trat er 
mit seinem begabten Schüler C. Arthur Johannes Barth im Jajhre 1884 zu 
gemeinsamer Arbeit zusammen. Sie begründeten » ein Atelier für Architektur 
und Kunst« und beteiligten sich an den zahlreichen größeren Konkurrenz- 
arbeiten jener Zeit mit mehr oder weniger Erfolg. Für ihren Entwurf für 
das neue Dresdner Finanzministerium in Neustadt erhielten sie den ersten 
Preis, die Ausführung wurde jedoch anderen Händen anvertraut. Unter den 
Denkmälern, die W., zum Teil in Gemeinschaft mit dem Bildhauer Johannes^ 
Schilling, ausführte, ist das deutsche Nationaldenkmal auf dem Niederwald 
am Rhein das bedeutendste. W. ist der Schöpfer des gesamten architektoni- 
schen Teiles dieses Denkmales, der freilich zu seinem Kummer aus Mangel 
an Mitteln nur teilweise zur Ausführung kam. In Dresden führte er nach 
den Angaben des russischen Staatsrats von Bosse sämtliche Pläne für den Bau 
der russischen Kirche aus. Auch der wohlgelungene Umbau der Kirche in 
Kötzschenbroda bei Dresden rührt von ihm her. Nachdem W. im Jahre 1891 
das erwähnte Privatatelier im Einverständnis mit seinem Kompagnon auf- 
gelöst hatte, widmete er sich neben seiner Lehrtätigkeit hauptsächlich der 
Ausarbeitung seines wichtigsten theoretischen Werkes über den »Wohn- 
hausbau«, das unter dem Titel: »Wohnhäuser« als i. Heft des 2. Halbbandes 
dies 4. Teils von J. Durms »Handbuch der Architektur« bei Arnold Bergsträßer 
(A. Kröner) zu Stuttgart im Jahre 1902 erschien. Ein Werk über das Arbeiter- 
wohnhaus blieb nahezu vollendet im Nachlaß zurück. Die letzte praktische 
Arbeit, die W. fertigstellen konnte, waren die Neubauten der Technischen 
Hochschule in Dresden. Er hatte noch die Genugtuung, ihrer feierlichen Ein- 
weihung am 27. Mai 1905 beiwohnen zu können, erlag aber schon am 8. Juli 

einem längeren Leiden. 

Nach einem Artikel von R. Kummer aus der »Bauzeitung«, 1905, Nr. 58 u. 59, wieder 
abgedruckt im Taschenbuch der K. S. Technischen Hochschule zu Dresden. Wintersemester 
1905/06. Herausg. von A. Dressel. Dresden v. J. S. 13 — 18. (Mit gutem Porträt.) — 
Katalog der von der Kgl. Akademie der bildenden Künste . . . veranstalteten Kunstausstellung 
in Dresden. Dresden 1864. S. 5. 1870. S. 3. — Wilhelm Scheffler, Sachsens Technische 
Hochschule zu Dresden. 2. Ausgabe. Dresden 1899. S. 53 (Porträt). — Cornelius Gurlitt, 
Die deutsche Kunst des 19. Jahrh. Berlin 1899. S. 459. — Dresdner Anzeiger vom 9. Juli 
1905, S. 4. — Eine Anzahl von W.s Dresdner Privatbauten findet man abgebildet im 
»Dresdner Architektur -Album, Bauten und Entwürfe« hrgg. vom Dresdner Architekten- 
verein. Dresden o. J. H. A. Li er. 

Ulmer, August Wilhelm, Maler, ♦ am 2. Juni 1874 in Markt -Redwitz^ 
Oberfranken, f zu Dresden am 2. Juli 1905. — U. erhielt seine künstlerische 
Ausbildung an der Akademie zu München in den Jahren 1895 bis 1898. Dort 
waren Gysis und Höcker seine hauptsächlichsten Lehrer. U. blieb jedoch 
nicht in München, sondern siedelte nach Dresden über und fing hier an, 
Landschaften nach Motiven aus der Sächsischen Schweiz zu malen, die er 
namentlich von Rathen aus, wo er am liebsten weilte, nach allen Richtungen 
hin durchstreifte. Er strebte eifrig danach, die im Grunde so wenig malerische 
Sandsteinformation jener Gegend malerisch zu bewältigen, und suchte durch 



Ulmer. Kunkel. 



209 



eine lebhafte Farbigkeit, mit der er nicht selten über das Ziel hinausschoß, 
Stimmung in seine Arbeiten zu bringen. Als er das Vergebliche seiner Be- 
mühungen einsah, wandte er sich der Darstellung von Szenen aus dem ober- 
bayerischen Gebirge zu. Berchtesgaden mit dem Watzmann bildete in jener 
Zeit sein Lieblingsthema, das er in vielen Wiederholungen und zum Teil 
mit leidlichem Gelingen behandelte. Dann zog er weiter südlich und ver- 
suchte, sich in die Dolomitlandschaften im Süden des Pustertales einzuleben. 
Als er sich überzeugen mußte, daß auch das Hochgebirge nicht sein Feld sei, 
weil er erkannte, daß die gewaltige Größe seiner Entwürfe im Bilde leicht 
kleinlich wirkte, verlegte er sich auf unscheinbarere Partien aus den Städten 
und Dörfern seiner oberfränkischen Heimat. Vielleicht wäre es ihm vergönnt 
gewesen, auf diesem Wege größere Erfolge zu erzielen, wenn nicht ein schweres, 
unheilbares Leiden der weiteren Entwicklung seines Talentes vorzeitig ein 
Ziel gesetzt hätte. Er starb, kaum 31 Jahre alt, zu Dresden am 2. Juli 1905. 
U. war ein überaus fleißiger und fruchtbarer Künstler, doch sollte er es nicht 
erleben, einen wirklichen Ausgleich seines Wollens und Könnens herbeizu- 
führen. Unter seinen Landschaften, von denen die meisten in der Ausstellung 
des Ernst Amoldschen Kunstsalons in Dresden zu sehen waren, sind zu 
nennen »Feierabend« und » Elbtalpanorama « (1901), »Landschaft von Cadore«, 
»Wandererinnerung« (1903) und »Nach dem Gewitter« (1905). 

Hans Wolfgang Singer, Allgemeines Künstler-Lexikon. Nachträge und Berichtigungen. 
Frankfurt a. M. 1906, S. 275. — Kunstcbronik. Leiprig 1905. N. F. XVI, S. 482. — 
Jahrbuch der bildenden Kunst, 1903, herausg. von Max Martersteig. 2. Jahrg. Berlin, 
V. J. Sp. 254. — Eigene Erinnerungen. — Dresdner Anzeiger vom 4. Juli 1905. S. 3. 

H. A. Lier. 

Kunkel, Adam Josef, Universitätsprofessor der Pharmakologie in Würz- 
burg, ♦27. November 1848 zu Lohr am Main, f 20. August 1905 zu Ammerland 
am Starnberger See. — Schon am Gymnasium zu Aschaffenburg brachten 
ihm seine ganz hervorragenden Leistungen die äußerst selten verliehene 
goldene Preismedaille. Im deutsch-französischen Kriege wurden seine Ver- 
dienste, namentlich geleistet im Blattemlazarett vor Paris, durch Verleihung 
des Militärverdienstkreuzes gebührend ausgezeichnet. Ein umfassendes und 
vertieftes Wissen erwarb er sich nicht nur in medizinischen Fächern auf den 
Universitäten München, Göttingen und Würzburg. Hierselbst wurde er 
Assistent bei A. Fick und habilitierte sich im Sommer 1875 für Physiologie 
mit der Schrift »Untersuchungen über den Stoffwechsel der Leber«. Die 
Grundlage hierzu war unter Ludwigs Leitung in Leipzig gelegt worden. Nach 
sieben Jahre sah sich K. gezwungen in die Praxis zu gehen und wurde auf 
Grund des im Jahre 1872 glänzend bestandenen Physikatsexamens am 29. Juli 
1882 zum bezirksärztlichen Stellvertreter in Hofheim ernannt. Hier schlofi 
er mit Frl. Tina Fürth aus Köln den Bund, dem drei hoffnungsvolle Kinder 
entsprossen und in dem er all sein Lebensglück suchte und fand. Zurück- 
gerufen nach Würzburg wurde er am i. April 1883 zum außerordentlichen, am 
16. Juli 1888 zum ordentlichen Professor der Pharmakologie ernannt. 

Als Lehrer entfaltete K. eine sehr fruchtbringende Tätigkeit, war bei seinen 
Schülern ungemein beliebt und hochgeachtet. Voll Eifer und Hingebung 
für seine Hochschule wirkend, beklagte er dem Rückgang der Fakultät, an 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. lo. Bd. ja 



2 1 Kunkel. Hüffer. 

dem -er selbst die kleinste Schuld trug. Im Studienjahr 1903/1904 bekleidete er 
die Würde des Rector magnificus. 

K.s Arbeiten sind vielseitig, namentlich physiologischen Inhalts, und zwar 
von chemischer Seite her wie auch von physikalischer angegriffen. Seine 
Doktordissertation »Über das epidemische Auftreten der Blattern« {promot 
27. VII. 72) blieb nicht seine einzige Arbeit auf hygienischem Gebiet. Unter 
seinen sehr zahlreichen Publikationen betreffen sehr wichtige das Schicksal des 
£isens im Körper, femer Studien über mancherlei Gifte, so namentlich das 
Quecksilber und das Kohlenoxyd. Sein Lehrbuch der Toxikologie in zwei 
Bänden, für den Praktiker wichtig, für den Forscher unentbehrlich, ist der 
Niederschlag jahrelanger gewissenhafter und exakter Tätigkeit. Berühmt sind 
seine Untersuchungen über die Hauttemperatur nach einer von ihm selbst 
erfundenen und ausgearbeiteten Methode. Eine von K.s Stärken lag über- 
haupt in seiner naturwissenschaftlichen Bildung nicht nur, sondern auch in 
seiner hervorragenden manuellen Geschicklichkeit, mit der er die kargen 
Mittel seines Instituts zu den besten Untersuchungen zu verwerten wufite. 
Hier auch entfaltete er seine erspriefilichste Tätigkeit und zog gewissenhaft und 
gut arbeitende Schüler belehrend, beratend, helfend nach. 

Die strengste Pflichterfüllung widmete er seinem Beruf, glühende Liebe 
seinem Vaterland und den edlen Zielen der Menschheit, sein Herz gehörte 
seiner Familie, seinen Freunden. Rastlos für die Seinen sorgend und schaffend 
gönnte er sich auch in den Ferien kaum Ruhe. Hier ersann er noch den Weg, 
gewaltige Wasserkräfte der Alpen dem Gesamtwohl dienstbar zu machen, und 
wenn eines Tages das »Walchensee -Projekt ^ segensreich ausgeführt sein 
sollte, so darf man nicht vergessen — und dafür liegen bündige Beweise vor — 
daß K. der geistige Vater des Werkes ist und kein Träger von den Namen, 
die jetzt in der Presse meist damit verknüpft sind. Sein letztes geplantes 
Werk, ein Lehrbuch der Pharmakologie, ist nur in seinem ersten Teil annähernd 
fertig geworden, für den zweiten und dritten hätte K.s gewaltige Kraft nur 
noch wenig Zeit gebraucht, da entsank ihm die Feder: die stürmische Ent- 
wicklung einer diffusen eitrigen Peritonitis raffte ihn hin, dort wo er nicht 
die wohlverdiente Ruhe, wo er nur Muße gesucht hatte, für neues Schaffen. 

Vergl. Münch. med. Wochenschrift 1905 Nr. 44 (mit Bild) und Sitzungsber. d. Phys. 
med. Ges. zu Würzburg 1 905/1 906. G ei gel. 

Hüffer, Joseph Julius Alexander Hermann, Professor der Rechte und 
Geschichtschreiber, * 24. März 1830 zu Münster i. Westf., t ^S- März 1905 
zu Bonn. — Schon durch seine Geburt — die Mutter war eine Rheinländerin 
— gehörte H. den beiden Nachbarprovinzen an und nie hat er in seinem 
Leben und Wirken diesen doppelten Heimatschein verleugnet. Man war in 
H.s Jugend begreiflicherweise großdeutsch gesinnt in dem alten Krummstab- 
lande. Das blieb nicht ohne Eindruck auf den frühentwickelten Knaben, 
ebensowenig wie die lebhaften politischen Interessen des Vaters und dessen 
Anteilnahme an der städtischen Verwaltung (eine Zeitlang war er Oberbürger- 
meister von Münster) und den ständischen Versammlungen, die ihn ehedem 
in rege Beziehungen gebracht hatten zu dem westfälischen Landtagsmarschall, 
dem Freiherrn vom Stein. Männer wie Vincke, Hansemann, Schwerin, Auers- 
wald, die dem Vater mehr oder weniger nahe standen, wurden auch dem 



Hüffer. 2 1 1 

Sohne verehnings würdig, und so ist es kein Wunder, dafi H. früh2eitig libe- 
rale Grundsätze in sich aufnahm. 

Der Ausbruch der Februarrevolution erregte darum auch den Achtzehn- 
jährigen wie kaum je ein anderes Ereignis in seinem Leben. Doch schon 
damals war H. aller Unordnung und jedem gewaltsamen Vorgehen abgenei^, 
und so trug er nach dem anfänglich hochgespannten Interesse, mit dem er 
die Verhandlungen in Frankfurt und Berlin, wo sein Vater im konstituierenden 
Landtag safi, begleitet hatte, bald eine Passivität zur Schau, die für ihn über- 
haupt außerordentlich charakteristisch ist, die ihm nur theoretisch eine demo- 
kratische Gesinnung gestattete. 

Im Herbst 1848 bezog H. nach Absolvierung des Münsterer Gymnasiums die 
rheinische Hochschule, um einer ausgesprochenen Neigung folgend, Literatur 
und Geschichte zu studieren. Mit nur einem Gefährten safi der ungewöhnlich 
eifrige Student in den romanistischen und germanistischen Vorlesungen des 
Altmeisters Diez; bei Joseph Aschbach hörte er über deutsche Kaiserzeit. 
Da befiel ihn schon im Januar 1849 zum ersten Male ein schweres Augen- 
leiden. Eine Entscheidung von größter Tragweite war die Folge: der Über- 
gang vom philologischen zum juristischen Studium! Es war eine Vemunft- 
ehe, die H. mit der Rechtswissenschaft einging, und Zeit seines Lebens hat 
er darunter zu leiden gehabt. Das Fach, das später auch sein Lehrfach 
werden sollte, liefi Herz und Geist im Innersten unbefriedigt, liefi wohl eben 
darum auch manche schönen Kräfte verkümmern. 

Die rege Fühlung mit Literatur und Geschichte hat H. freilich nie ver- 
loren, und diesem Umstände verdanken wir die seltene Vielgestaltigkeit seines 
literarischen Schaffens. Nie hat er namentlich auch die Verbindung von Jurist 
und Historiker verleugnet und mit Vorliebe ist er in seinen historischen 
Arbeiten Problemen nachgegangen, die juristischen Scharfsinn und juristisches 
Wissen in besonderem Mafie wünschenswert machten. In Berlin und Breslau 
vollendete H. seine Studien; in der Oderstadt wurde er am 17. August 1853 
auf Grund einer Dissertation über die »Justinianische Quasi-Pupilar-Substi- 
tution« zum Doktor promoviert. Hatte er schon vorher 1851/52 eine für 
seine ganze Entwicklung höchst bedeutsame siebenmonatliche Reise durch 
Italien gemacht, so förderte nun den jungen Doktor ein achtmonatlicher 
Aufenthalt in Paris, wo ihm, wie in Rom, Familienbeziehungen den Umgang 
hervorragender Männer der Wissenschaft, der Kunst und des politischen 
Lebens vermittelten. Das galt auch von Berlin, wohin er sich erneut von 
Paris begab, um sich für die Habilitation vorzubereiten, die ihm seit Beginn 
seiner Universitätsstudien als die seinen Neigungen allein entsprechende Form 
einer beruflichen Betätigung vorgeschwebt hatte. Im August 1855 erlangte 
er in Bonn die Fenia legendi für Kirchenrecht. Die Arbeiten, die er dabei 
einreichte, handelten über die Papstwahlen im römischen Kaiserreich und 
über das sogenannte Privilegium Canonis (beide Schriften ungedruckt). Später 
habilitierte sich H. noch für deutsches und preußisches Staatsrecht und Völker- 
recht. Die Vorlesungen waren für ihn stets durchaus Gewissenssache, wurden 
ihm eine angenehme, in den letzten Lebensjahren nur ungern entbehrte Pflicht. 
Streng durchdacht, mit peinlichster Sorgfalt ausgefeilt, haben sie Hunderten 
junger Theologen und Juristen die Kenntnisse des Kirchen-, Staats- und 
Völkerrechtes vermittelt. Aber H. hatte doch nur Hörer, keinen einzigen 

14» 



212 Hüflfer. 

Schüler. Er war Gelehrter, aber kein Lehrer; nie hat er auch in den späteren 
Jahren Seminarübungen abgehalten. Die Entsagung, die der Beruf des Lehrers 
vom Gelehrten fordert, hätte er kaum zu üben vermocht. 

Die Geteiltheit seiner Interessen war H.s literarischer Produktion lange 
Zeit hinderlich. Recht bescheiden trat er so erst 1856/58 schriftstellerisch 
vor die Öffentlichkeit, indem er für die »Geschichtschreiber der deutschen 
Vorzeit« die Viten der heiligen Adelheid, Odilos von Clugny, des Preußen- 
apostels Adalbert und der beiden Hildesheimer Bischöfe Bemward und Gode- 
hard übersetzte. Mit der Zeit drängte jedoch die notwendigste Rücksicht 
auf seine Stellung an der Universität immer gebieterischer darauf hin, auch 
mit wissenschaftlichen Arbeiten aus seinem Lehrfach hervorzutreten. So ent- 
stand aus der bereits genannten Abhandlung über das Privilegium Canonis 
ein Aufsatz für das »Archiv für katholisches Kirchenrecht« des Freiherrn 
v. Moy (1858). In den damals lebhaft geführten Streit über die vermögens- 
rechtlichen Verhältnisse am linken Rheinufer griff er ein mit den Arbeiten: 
»Die Verpflichtung der Civilgemeinden zum Bau und zur Ausbesserung der 
Pfarrhäuser nach den in Frankreich und in der preußischen Rheinprovinz am 
linken Ufer geltenden Gesetzen« (Münster 1859) und »Das Rheinpreufiische 
Gesetz vom 14. März 1845 und sein Verhältnis zu den Pfarrwohnungen« 
(Münster 1860, Gegenschrift gegen Friedrich Bluhme). Die genannten drei 
Veröffentlichungen lenkten die Aufmerksamkeit auf den Bonner Privatdozenten, 
und eine Berufung nach Graz stand ihm in Aussicht, als er im September 
1860 auf Verwendung einflußreicher Berliner Freunde, namentlich von Mathias 
Aulicke, zum a. o. Professor in Bonn ernannt wurde. Diese immerhin rasche 
Beförderung vermochte zwar den dauernden Widerstreit zwischen H.s beruf- 
licher Arbeit und den eigentlichen Gegenständen seiner Neigung nicht aus- 
zugleichen, doch hielt sie ihn wenigstens noch einige Zeit bei juristischen 
Arbeiten fest. Neben den kirchenrechtlichen Verhältnissen der Rheinlande 
hatten ihn vornehmlich die kanonistischen Quellen des Mittelalters angezogen. 
Die Frucht seiner Studien darüber, namentlich in Pariser Archiven, sind die 
»Beiträge zur Geschichte der Quellen des Kirchenrechts und des römischen 
Rechts im Mittelalter« (Münster 1862). Der öftere Aufenthalt in Paris diente 
aber noch einer zweiten Arbeit, nämlich einer Darstellung der kirchlichen 
Organisation auf dem linken Rheinufer infolge der Fremdherrschaft. Die 
»Forschungen auf dem Gebiete des französischen und rheinischen Kirchen- 
rechtes nebst geschichtlichen Nachrichten über das Bistum Aachen und das 
Domkapitel zu Köln« (Münster 1863) trugen nicht wenig dazu bei, ihn im 
Rheinlande bekannt zu machen. Auch der Nichtjurist vermag eine Reihe 
bedeutender Vorzüge in H.s juristischen Arbeiten zu erkennen: reichhaltige 
Benutzung der Quellen, größte philologische Treue, streng logischen Aufbau, 
Übersichtlichkeit und Klarheit. Und in ihrer äußeren Form legen sie Zeugnis 
davon ab, daß H. das Buffonsche Wort »Z^ styU c'est rhomme<^ auch für 
juristische Werke wie für verbindlich so auch für durchführbar hielt. Schon 
diese Erstlingsschriften sind femer ihrem Inhalte nach alle charakteristisch 
für eine Grundrichtung in H.s literarischem Schaffen überhaupt: sie zeigen 
eine hervorragende Genauigkeit im Detail. Allzu bescheiden deutet er seine 
Neigung, die Forschungen anderer zu berichtigen, zu ergänzen oder zu prä- 
zisieren, im Vorwort der »Beiträge« mit den Worten an: »Ich habe versucht, 



Hüffer. 



213 



auf dem schon geschnittenen Acker noch einige Ähren aufzulesen.« Aber 
auch den beiden letzten Büchern war er innerlich fremd geblieben. Er war 
sich nach ihrem Abschluß bewufit, daß die große, Geist wie Gemüt für Jahre, 
vielleicht für ein ganzes Leben fesselnde Aufgabe, die er ersehnte, nicht 
seinem Lehrfach angehören würde. Endlich fand er den festen Punkt. Schon 
der Knabe hatte sich mit lebhaftem Interesse für die Revolutionszeit und 
namentlich für die Gestalt Bonapartes erfüllt, und als H. ins Rheinland kam, 
fand er die Spuren der Franzosenherrschaft noch weit lebhafter als in der 
westfälischen Heimat, und Einrichtungen sowohl wie die noch zahlreich 
überlebenden Menschen aus jener sturmbewegten Zeit lenkten die Aufmerk- 
samkeit des Mannes, der die geschichtlichen Zusammenhänge so hoch wertete, 
immer wieder auf jene Jahre. Dazu kam, daß dieses lebhafte Interesse ge- 
nährt wurde durch eine reichfließende Familien tradition. Familienbriefe aus 
jenen Tagen, mit denen er sich 1861 zum ersten Male vertraut machte, sind 
die Grundlage für die Arbeiten: » Rheinisch- westfälische Zustände zur Zeit 
der französischen Revolution« und »Peter Joseph Boosfeld und die Stadt 
Bonn unter französischer Herrschaft«, die 1874 bzw. 1863 in den »Annalen 
des historischen Vereins für den Niederrhein« erschienen. Gemeinsam mit 
den Abhandlungen über rheinisches Kirchenrecht wurde die letztgenannte 
Arbeit die Veranlassung, daß H. im Jahre 1864 in den Vorstand des nieder- 
rheinischen Geschichtsvereins gewählt wurde, als dessen Präsident er von 
1881 — 1904 segensreich gewirkt und in dessen Zeitschrift er noch zahlreiche 
Arbeiten veröffentlicht hat. 

Man kann nicht sagen, daß seine Lebensarbeit sich für H. mit innerer 
Notwendigkeit ergeben hätte oder daß er die Folgen seines Beginnens von 
vornherein auch nur in großen Zügen überschaute, als er sich mit den 
Familienbriefen beschäftigte. Sie behandeln die Jahre, in denen das heilige 
römische Reich deutscher Nation im Kampfe gegen die junge französische 
Republik dem Untergang entgegenging, und führten H. bald vor Fragen von 
tiefgehender Bedeutung. Man weiß, wie oft die Geschichtsschreibung über 
diese Epoche in den Dienst der Parteien gestellt wurde. Im Jahre 1866 
sollten die Waffen den langen Streit um die Vorherrschaft in Deutschland 
entscheiden; vorher wie nachher aber suchten groß- und kleindeutsche Ge- 
schichtschreiber die Schuld an dem Untergang des alten Reiches einseitig 
der einen oder der anderen deutschen Großmacht beizumessen und so aus 
der Geschichte ein Recht für die Führerschaft im geeinigten Deutschland für 
Osterreich oder Preußen herzuleiten. Bei aller Bewunderung für die hervor- 
ragendsten Werke über jene Epoche, die von Häußer und Sybel, erkannte 
H. bald, daß in ihnen manches unparteiischer darzustellen sei. Seiner ganzen 
Geistesrichtung nach glaubte er sich dazu befähigt. Das erste Erfordernis 
war freilich, daß die Urkunden, die noch in den ängstlich gehüteten Wiener 
Archiven schlummerten, ihm zugänglich gemacht würden. Sah man nun in 
H. von vornherein einen nicht spezifisch preußisch gerichteten Mann, als 
man ihm im Jahre 1864 den Zutritt zum Archiv in der Tat öffnete? Jeden- 
falls wurde dieser Umstand entscheidend für das ganze fernere Leben und 
Schaffen H.s. Bei der Arbeit erweiterte sich sein Plan einer Darstellung der 
Verhandlungen, die zum Frieden von Campo Formio führten, dahin, die 
Stellung der beiden deutschen Großmächte zur Revolution seit ihrem Beginn 



214 Hüfifer. 

auf Grund bisher unbekannten Materials zu behandeln. Dazu wurde auch 
eine Durchforschung der preußischen und französischen Archive notwendig. 
Aus der Fülle der gewonnenen archivalischen Schätze erwuchs, bei H.s minu- 
tiöser Arbeitsweise rasch genug, sein in vieler Hinsicht bedeutsamstes Buch 
unter dem Titel: »Diplomatische Verhandlungen aus der Zeit der französi- 
schen Revolution« I. Band: »Ostreich und Preußen gegenüber der französi- 
schen Revolution bis zum Abschluß des Friedens von Campo Formio« (Bonn 
1868). Wir werden an die Entstehung des Buches erinnert, wenn wir ihm 
als Motto die schönen Worte aus Sophokles »Antigone« vorangestellt finden: 
OÖToi ouvi-/8eiv aX>.a aüfx9i>.eiv Icpuv. Daß H. sich in der Tat redlich bemüht hat, 
aufklärend und versöhnend zugleich zu wirken, wird heute, wo die Gegen- 
sätze der damaligen Zeit keine praktische Bedeutung mehr haben, eine un- 
befangene Geschichtsbetrachtung ohne weiteres zugestehen. Doch welcher 
Autor vermöchte sich völlig den Einflüssen zu entziehen, die Herkunft und 
Entwicklung, namentlich aber eine Parteistellung, und trete sie auch noch 
so wenig hervor, ausüben! Wir erwähnten die großdeutschen Neigungen H.s. 
Gegenüber den nicht selten ungerechtfertigten heftigen Angriffen Sybels nament- 
lich gegen Vivenot, für diese Epoche den Hauptkämpen der großdeutschen 
Greschichtschreibung, verfiel auch H. mitunter in den Ton des Apologeten 
In der Fortsetzung des Werkes hat sich das je später je mehr gemindert. 

Das Erscheinen der » Diplomatischen Verhandlungen « wurde H. zu einer 
Quelle größter Bitterkeit, indem Heinrich v. Sybel ihm in seiner Streitschrift: 
» Österreich und Preußen im Revolutionskriege « (Düsseldorf 1868) unversöhn- 
lich den Fehdehandschuh hinwarf. Sein ganzes Leben hindurch ist der Mann, 
der in wirklichen Gefahren Ruhe und Besonnenheit in seltenem Maße bewahrte, 
der mit einem Scherzwort auf den Lippen oder Dantesche Verse hersagend zur 
Operation auf Tod und Leben schritt, in die größte und nachhaltigste Ge- 
mütserregung versetzt worden durch ein rauhes unfreundliches Wort oder 
durch eine ungünstige Beurteilung eines seiner Werke, selbst wenn sie aus 
unbedeutender Feder stammte. Und jetzt handelte es sich um den schon 
berühmten Historiker, um einen hochangesehenen Universitätskollegen, der 
begeisterte Verehrer, Schüler und Parteigenossen in großer Zahl um sich 
scharte. Es war ein ungleicher Kampf. Statt sich mit einer möglichst kurzen 
Erwiderung zu begnügen, die im wesentlichen überzeugend zu seinen Gunsten 
hätte ausfallen müssen, wurde H.s Gegenschrift zu einem umfänglichen Buch 
(»Die Politik der deutschen Mächte im Revolutionskriege bis zum Abschluß 
des Friedens von Campo Formio«. Münster 1869), das zwar nach Inhalt und 
Form eine mustergültige Streitschrift darstellt, jedoch keinen vollen Sieg be- 
deuten konnte. Erst nach einem Jahrzehnt erschien die Fortsetzung der 
»Diplomatischen Verhandlungen« mit dem Nebentitel: »Der Rastatter Kon- 
greß und die zweite Koalition« (2 Bände, Bonn 1878 — 79). Seit dem Er- 
scheinen dieses Werkes ist H.s Name unlöslich verknüpft mit der Geschichte 
der Rastatter Ereignisse; es bildet die erste, noch heute grundlegende Dar- 
stellung, die wohl nur noch durch eine gründlichere Ausbeutung der französi- 
schen Archive wesentlich zu ergänzen wäre, denn hier wie in allen Teilen 
von H.s Werk über die Revolutionszeit tritt das französische Material gegen- 
über der Fülle namentlich österreichischer Archivalien über Gebühr zurück. 
H. hat mehr als einmal seine Büchertitel wenig glücklich gewählt. Die beiden 



Hüffer. 



215 



genannten Bände bieten weit mehr als der Titel wohl vermuten läfit, denn 
es kommt darin zur Erwähnung, »was zu der revolutionären Bewegung in 
unmittelbare, sei es freundliche, sei es feindliche Berührung tritt«. Ungelöste 
wissenschaftliche Fragen, einmal erfaßt, pflegten H. nicht wieder los zu lassen. 
So nahm er erneut zu den Rastatter Ereignissen Stellung in dem Büchlein 
»Der Rastatter Gesandtenmord« (Bonn 1896) und in einem Kapitel seines 
letzten großen zweibändigen Werkes »Der Krieg des Jahres 1799 und die 
zweite Koalition« (Gotha 1904 — 5), das trotz des veränderten Titels und 
mancher Abweichung in der Behandlungsweise mit den drei Bänden der 
»Diplomatischen Verhandlungen« durchaus ein Ganzes bildet, eine reife Frucht 
vieljähriger Arbeit. Einzelne Abschnitte daraus wurden bereits vorher in ver- 
schiedenen historischen Zeitschriften veröffentlicht. Doch die gewaltigen Schätze, 
die H. seit 1864 in den Hauptarchiven Europas gesammelt, hätten nur zum 
Teil ihren Zweck erfüllt, hätten sie lediglich als Unterlage für das darstellende 
Werk gedient. Kein Geringerer als Leopold v. Ranke hat H. dazu angeregt, 
die in den »Diplomatischen Verhandlungen« verwerteten Archivalien geson- 
dert zu veröffentlichen. Recht spät erst, als die Resultate seines staunens- 
werten Fleißes zum Teil entwertet waren, zum mindesten an Wert verloren 
hatten, entschloß sich H. dazu. Immerhin leitete er ein bedeutendes Unter- 
nehmen ein, als er im Jahre 1900 den ersten Band der »Quellen zur Ge- 
schichte des Zeitalters der französischen Revolution« herausgab; im folgenden 
Jahre folgte ein zweiter Band, die kriegerischen Ereignisse des Jahres 1800 
umfassend, wie der erste Band jene des Jahres 1799. Als der Allbezwinger 
Tod H.s Schaffen ein Ziel setzte, war das darstellende Werk über die Revo- 
lutionszeit, das bis zum Frieden von Luneville reichen sollte, noch unvoll- 
endet, und das Quellenwerk eben erst begonnen. Eine hochherzige Stiftung 
H.s macht es jedoch möglich, daß fremde Hände dem darstellenden Werke 
den erstrebten Abschluß geben und aus dem noch vorhandenen umfangreichen 
Material das Wertvollste edieren werden. 

Wenn die Erforschung der bewegten Zeit um die Jahrhundertwende, 
welche die Grundlagen des modernen europäischen Staatslebens schuf oder 
doch vorbereitete, die historische Lebensarbeit des Mannes und Greises bildet, 
so blieb sie doch nicht die einzige. Wieder waren es Familienbeziehungen, 
die ihm den Nachlaß Joh. Wilh. Lombards vermittelten, dessen Name so 
untrennbar mit der Institution der preußischen Kabinettsregierung verknüpft 
ist. H. faßte den Plan einer Biographie J. W. Lombards. Die ersten Früchte 
der neuen Arbeit waren das Universitätsprogramm: »Zwei neue Quellen zur 
Geschichte Friedrich Wilhelms III.« (Bonn 1882) und »Aus dem Nachlaß 
J. W. Lombards. Briefe aus dem Hauptquartier Friedrich Wilhelms II. wäh- 
rend des Feldzuges gegen Frankreich 1792« (Deutsche Revue 1883). Aber 
wie oft bei seinem literarischen Schaffen, erlahmte H.s Interesse, als ihm 
selbst das Wesentliche über die Persönlichkeit und die Tätigkeit seines 
Helden klar geworden war, und nicht einmal der Umstand drängte ihn zu 
weiteren Mitteilungen, daß er manches zur Ehrenrettung des vielgeschmähten 
Mannes vorzubringen in der Lage war. Als er die alte Arbeit nach Jahren 
wieder aufnahm, erweiterte er seinen ursprünglichen Plan dahin, die preußische 
Kabinettsregierung in ihrem Ursprung, ihrer Entwicklung und ihrem Ausgang 
darzustellen. Und noch darüber hinaus wendete sich seine Teilnahme natur- 



2l6 Hüffcr. 

gemäß bald auch der neuen Ordnung der Dinge zu, wie sie nach dem Sturze 
des Kabinetts die Stein-Hardenbergschen Reformen herbeigeführt hatten; die 
Persönlichkeit Lombards trat an zweite Stelle. Dem entsprach schon der 
Titel des Werkes: »Die Kabinettsregierung in Preußen und J. W. Lombard« 
(Leipzig 1891). Aus dem Kreise der Arbeiten für dieses vortreffliche Werk 
hatten sich vor- und nachher als besondere Aufsätze noch losgelöst: 
»Anastasius Ludwig Mencken, Großvater des Fürsten Bismarck« (Rektorats- 
rede, Bonn 1890), »Die Beamten des älteren preußischen Kabinetts 17 13 bis 
1808« (Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte 1892) 
und »Das Zerwürfnis Gustav III. von Schweden mit seiner Mutter Luise 
Ulrike« (mit Fritz Amheim, Ebenda 1893). 

Die genannten historischen Arbeiten — manche kleinere wären noch zu 
nennen — stellen eine gewaltige Arbeitsleistung dar, zumal wenn wir be- 
denken, daß sie neben der Berufstätigkeit entstanden, und mancherlei Hinder- 
nisse — namentlich das andauernde Augenübel — ihrer Ausführung hemmend 
in den Weg traten. Gleichwohl blieben auch sie nicht die einzigen. Sein 
tiefes Verständnis, sein inniges Sichversenken und liebevolles Nachempfinden 
machten H. berufen, auch die deutsche Literaturgeschichte um einige Gaben 
von bleibendem Werte zu bereichern. Wieder wurzeln, wie die juristischen 
und historischen, so auch die literarischen Werke H.s in dem Boden der 
rheinisch-westfälischen Heimat, und wieder waren es Familienbeziehungen, 
die ihm zu einer produktiven Beschäftigung mit der Literatur den ersten 
Anstoß gaben. Zuerst wandte er sein Interesse Heine zu. Von der Witwe 
Christian Sethes, des vertrauten Schulkameraden Heines vom Düsseldorfer 
Lyzeum, erlangte H. zahlreiche Manuskripte, Jugendgedichte und namentlich 
sehr merkwürdige Jugendbriefe des Dichters. Sie mußten indes der Veröffent- 
lichung warten bis H., dem die Beschäftigung mit der Poesie wahrhaft Seelen- 
speise war, durch Betrachtung der »Jungen Leiden« Heines von eigenem 
nagenden Herzenskummer sich zu befreien strebte. In Rodenbergs neube- 
gründeter »Deutscher Rundschau« erschienen 1874 — 75 die ersten Heine-Auf- 
sätze H.s, die er 1877 ^^ ^^^ vortrefflichen Büchlein erweiterte: »Aus dem 
Leben Heinrich Heines.« Bei ihrem Erscheinen, als eine kritische Würdi- 
gung Heines noch ziemlich in den Anfängen lag, für die Kenntnis des 
Dichters von großem Wert, ist die Schrift auch heute noch nicht ohne Be- 
deutung. Unbefangen und frei von jeder religiösen Voreingenommenheit und 
Parteimeinung ist H.s Würdigung des Dichters, und war auch damals der 
Streit um Heine und Heinedenkmal noch nicht so lebhaft entbrannt, nie ließ 
sich H. auch später an Heine irre machen, und bis in seine letzten Lebens- 
jahre hat er ihm auch die literarische Treue bewahrt. Ich brauche die spä- 
teren Aufsätze H.s über Heine hier um so weniger zu nennen, als sie Ernst 
Elster nach H.s Tode gesammelt herausgab (» Heinrich Heine « von Hermann 
Hüffer, Berlin 1906). 

Neben Heine war es die heimatsverwandte Annette von Droste, der H.s 
hauptsächlichste literarhistorische Produktion galt. Die stimmungsgewaltige 
und herbe Poesie jener echten Tochter der roten Erde, eine seltsame Mischung 
treuester veredelter Realistik und kraftvoller Phantasie, war noch wenig be- 
kannt, als H. ihr seine Bemühungen zuwendete. Jetzt gilt Annette wohl als 
Deutschlands größte Dichterin, und wenn sie auch nie populär werden kann, 



Hüffer. 



217 



SO wird sie doch fleißig gelesen und eine reiche Literatur wurde namentlich 
in den letzten Jahren der Dichterin und den Rätseln ihrer Werke gewidmet, 
in denen weibliche Zartheit, tiefstes Gefühl und gewaltige Leidenschaft, 
intimstes Schauen und eine reife Weltanschauung in seltenem Maße sich 
vereinen und in einer bilderreichen Sprache voll starker Ursprünglichkeit 
ihren Ausdruck finden, die wie die Dichtung selbst den Erdgeruch der 
Heimat nie verleugnet. Diese Dichterin verdankt ihre noch immer beste 
Biographie Hermann Hüffer! Seit früher Jugend waren ihm Leben und Werke 
Annettes vertraut. Gleichwohl hätte er sich zu einer öffentlichen Äußerung 
über die Dichterin kaum entschlossen, wären ihm nicht seit 1880 höchst 
eigentümliche Briefe und andere Manuskripte der Dichterin von deren Ver- 
wandten und Freunden zur Verfügung gestellt worden. Seit 1881 erschienen, 
der eigentlichen Biographie (»Annette von Droste-Hülshoff und ihre Werke«, 
Gotha 1887) voraufgehend oder ihr nachfolgend, zahlreiche Aufsätze über die 
Dichterin. Die letzten gedruckten Zeilen H.s, deren Frische wahrlich nicht 
einen todkranken Schreiber vermuten läßt, galten der Droste. Buchstäblich 
auf dem Sterbelager hat er die Besprechung der Droste-Biographie von Carl 
Busse (Deutsche Literaturzeitung 1905, Nr. 4) seinem nie ermüdenden Geiste 
heroisch abgerungen. Keines der Werke H.s hat wohl eine so ungeteilt 
freundliche Aufnahme gefunden, als die Annette-Biographie, die mit der 
quellenmäßigen Gründlichkeit seiner historischen Schriften und einer an- 
mutigen Form ein tiefes Verständnis für Wesen und Wirken der Dichterin 
verband. Auch heute noch dürfte sich an dem Materiellen des Buches wenig 
aussetzen lassen und auch die feinen Urteile H.s verdienen stets höchste Be- 
achtung und meist Zustimmung. Daß H. freilich namentlich über die mensch- 
liche Persönlichkeit der Dichterin das letzte Wort gesprochen, möchte ich 
bezweifeln, und das konnte hinwiederum auch auf seine ästhetischen Urteile 
nicht ohne Einfluß bleiben. Der Mann, auf den die großen Leidenschaften 
nie einen merklichen Einfluß zu gewinnen vermochten, konnte die ganze 
Menschlichkeit, die trotz aller Zurückhaltung unleugbare Leidenschaftlichkeit 
seiner Heldin nicht in vollem Umfange würdigen. 

Eine Reihe kleinerer literargeschichtlicher Studien muß hier unberührt 
bleiben. Erwähnt sei noch, daß H., gestützt auf reiche Tagebücher und 
Kalenderaufzeichnungen, eine Autobiographie im wesentlichen fertig hinter- 
ließ, die der freundlichsten Aufnahme sicher sein kann, wenn sie einst vor 
die Öffentlichkeit tritt. Sie wird w*eiteren Kreisen Kenntnis geben von dem 
Leben und Streben eines deutschen Gelehrten im 19. Jahrhundert, und jeder 
Leser wird sich mit warmer Teilnahme für die Gestalt des Schreibers er- 
füllen. 

Das Leben des Gelehrten ist ausgesprochen in seinen Werken, und es 
wäre reich, auch wenn es arm ist an äußeren Erlebnissen. Doch auch an 
solchen hat es H. nie gefehlt. 

Es war nur natürlich, daß ein so vielseitiger und feinsinniger Mann wie 
H., der außer einer profunden Kenntnis der Weltliteratur auch für alle künst- 
lerischen und musikalischen Bestrebungen Teilnahme und Verständnis hatte, 
an einem anregenden und fördernden Umgang keinen Mangel litt. Nament- 
lich auf seinen zahlreichen Reisen knüpfte H. stets neue und wertvolle Ver- 
bindungen an. Alljährlich treffen wir den leidenschaftlichen Freund der 



2 1 8 Hüflfer. 

Natur und ausdauernden Fußgänger auf weiten Reisen durch Süddeutschland» 
die herrliche Alpenwelt und Italien, oder am Strande des Meeres, falls ihn nicht 
wissenschaftliche Arbeiten oder das Bedürfnis nach geistiger Anregung und 
künstlerischem Genuß nach Paris, Berlin, London, Wien, München führten, 
oder ein selten inniges Verhältnis zu Mutter und Geschwistern — der Vater 
war schon 1855 gestorben — ihn die westfälische Heimat aufsuchen ließ. Ich 
kann hier nicht den Versuch machen, selbst nur die bedeutendsten Persön- 
lichkeiten des In- und Auslandes aufzuzählen, mit denen er während seines 
langen Lebens in nähere oder entferntere Berührung kam. 

Einige Beziehungen in H.s äußerem Leben bedürfen noch der Erwähnung. 
1865 — 66 vertrat er im preußischen Landtage, 1867 — 70 im norddeutschen 
Reichstage rheinische Wahlkreise, in denen er durch seine Arbeiten über 
rheinische Geschichte und rheinisches Kirchenrecht bekannt geworden war. 
Zu einer einflußreichen Wirksamkeit ist er freilich in beiden Körperschaften 
nicht gekommen. H. war kein praktischer Politiker, er konnte sich nicht 
entschließen, seine Ansichten der Schablone einer der großen Parteien anzu- 
passen ; er ist der Typus, ich will nicht sagen des Professors, wohl aber des 
Gelehrten, der zum Parlamentarier schon oft genug wenig getaugt hat. Den 
Gesinnungen und zweifellos auch den Wünschen der Mehrzahl seiner Wähler 
hätte es entsprochen, wenn er sich im Landtag der sogenannten katholischen 
Fraktion im Reichstag der konstitutionell-bundesstaatlichen Vereinigung an- 
geschlossen hätte, welche Partikularisten und Katholiken umfaßte, doch H. 
vermochte »konfessionelle Grundsätze als Grundlage einer Parteibildung« 
nicht anzuerkennen. So suchte er im Landtag Fühlung mit der kleinen Gruppe 
der »Altliberalen*, im Reichstag trat er der »Freien parlamentarischen Ver- 
einigung « bei, die kein festes Programm hatte, während die trotz allem not- 
wendige gemeinsame Basis ihrer Mitglieder liberale Grundsätze bildeten. 
Unter dem Eindruck der Ereignisse von 1866 und 1870 — 71 und der Ent- 
wicklung des neuen Reiches rückte H. immer mehr nach rechts; ein spezi- 
fisch preußischer Patriotismus blieb ihm aber, entsprechend seinem Ausgangs- 
punkte, zeitlebens fremd, wenn er auch nie zu denen gehört hat, welche den 
Resultaten einer notwendigen historischen Entwicklung sich verschlossen. 

H. galt meist als gläubiger Katholik. Das ist kaum aufrecht zu erhalten. 
Eine gewisse, oft als angenehm empfundene, Unklarheit und noch mehr eine 
pietätvolle Scheu, ihr ein Ende zu bereiten und vielleicht die eigene oder 
teuerer Menschen Ruhe dadurch zu gefährden, mag lange für H.s Stellung 
zu religiösen Fragen maßgebend gewesen sein und ganz wohl nie ihre Gel- 
tung verloren haben. Erst im reiferen Mannesalter entfernte er sich immer 
mehr von den kirchlichen Dogmen, wenn er ihnen in der Tat auch wohl 
nicht immer so fremd gegenüber stand, als er selbst meinte. Manches, wie 
eine gewisse Teilnahme für die Kirche, in der er geboren und erzogen war, 
sowie der Besuch gottesdienstlicher Handlungen bis in seine letzten Tage 
läßt sich zum Teil wenigstens freilich auch aus einem Gefühl pietätvoller 
Anhänglichkeit oder als eine Art ästhetischer oder Gefühlsreligion erklären. 
Im ganzen stellt seine religiöse Richtung eine eigentümliche Mischung dar, 
die man vielleicht halb als Aufklärung und Liberalismus, halb als romanti- 
schen Katholizismus bezeichnen könnte. Wie überhaupt gegen Streitigkeiten, 
hatte H. namentlich gegen solche religiöser Natur eine peinlich ängstliche 



Hüffcr. 



219 



Abneigung. Dies und seine allerorten bewährte Neigung zu vermitteln, zeigte 
er auch in seiner Stellungnahme gegenüber den Beschlüssen des Vatikanischen 
Konzils und während des Kulturkampfes. In seinen kirchenrechtlichen Vor- 
lesungen durfte er sich allerdings nicht scheuen, seine Ansichten darüber 
vorzutragen, wenn er sich auch im öffentlichen Streit um diese Fragen so 
weit zurückhielt» als es einem Manne seiner Stellung nur eben möglich war. 
Er schreibt selbst in damaliger Zeit: »Ich schlug noch mehr als früher 
meinen eigenen Weg ein, suchte das religiöse Gefühl in mir zu stärken und 
zu beleben, den religiösen Gedanken, wo sie hervortraten, Vorschub zu leisten, 
den Frieden der Konfessionen zu fördern, der Kirche, in der ich geboren 
und erzogen war, so weit es meinen Überzeugungen entsprach, mich nützlich 
zu machen, im übrigen mein freies Urteil mir zu wahren, dogmatische 
Formeln und theologisch-konfessionelle Bekenntnisse auf sich beruhen zu 
lassen.« 

Bis in sein 49. Lebensjahr blieb H. unvermählt. Als Vierziger hatte er 
zum ersten Male dem seelenvollen Gesänge Antonie Theissings gelauscht, 
und die hehre Kunst war die Mittlerin zweier Herzen geworden. Doch das 
Bündnis zwischen Kunst und Wissenschaft unauflöslich zu gestalten, war 
keine ganz leichte Aufgabe, und erst im August 1878, nach einigen Jahren 
ruhmvoller Bühnenlaufbahn der hochbegabten Sängerin, schlofi sich der Bund 
fürs Leben — in einer kleinen Kapelle oberhalb Alt-Aussees, inmitten einer 
paradiesischen Landschaft, anmutigster Seen und Matten, erhabener Berge 
und Wälder, just wie es dem Sinne zweier so schönheitsdurstiger und natur- 
frommer Menschen entsprach. Ein herrliches, selten schönes Verhältnis hat 
hier der Tod zerstört. Ein restloses Insichaufgehen und Sichverstehen hatte 
die Gatten zu harmonischer Einheit verbunden. 

1873 war H. zum ordentlichen Professor ernannt worden, 1884 wurde er 
Geheimrat, 1890 — 91 war er Rektor der Bonner Hochschule. Von Ordens- 
auszeichnungen schmückte ihn als höchste zuletzt der an Gelehrte immerhin 
nicht ganz häufig verliehene Rote Adlerorden II. Klasse mit Eichenlaub. 
Weit wertvoller freilich mufite es ihm sein, daß ihn die philosophische 
Fakultät seiner Vaterstadt während seines Streites mit Sybel zum Ehrendoktor 
ernannte. Er war außerdem gewähltes Mitglied und Ehrenmitglied zahlreicher 
wissenschaftlicher Vereine und Körperschaften und auch international wurden 
seine Verdienste um die Wissenschaft anerkannt durch seine Wahl zum 
korrespondierenden Mitglied der Akademien zu Paris, München und Wien. 
Aber nicht nur die Sonne des Glücks hat H.s Lebenswege geleuchtet, wie es 
nach dem Gesagten wohl scheinen könnte. Das Augenübel seiner jungen Jahre 
blieb sein gefährlichster Feind fast während seines ganzen Lebens. Zahlreiche 
Operationen verschafften zeitweilig Erleichterung, in den letzten Jahren jedoch 
war der Quell des Sehens so gut wie erloschen. Mit bewunderungswürdiger 
ethischer Kraft ertrug H. sein Unglück. Wer ihn in den letzten Jahren ge- 
kannt hat, muß einen unauslöschlichen Eindruck- und eine tiefe Verehrung 
vor der sittlichen Größe des ehrwürdigen Greises sich bewahren, der mit 
eisernem Willen, unterstützt von einem wunderbaren Gedächtnis und durch 
fremde Augen, noch so bedeutende Werke seinem harten Geschick abzuringen 
wußte. Furchtbar war auch das Darmleiden, das sich 1901 zu dem anderen 
Leiden gesellte und das ihn langsam verzehrte. 



220 HUffer. 

H. war als Gelehrter wie als Mensch im eigentlichsten Sinne ein hämo 
sui generis. In hohem Maße bildet in seinem äußeren Wirken das literarische 
Schaffen den Schwerpunkt. Sehen wir bei einem zusammenfassenden Rück- 
blick auf seine Werke von den zum Teil durch lokale Verhältnisse oder 
Tagesfragen veranlaßten juristischen Schriften ab, und beschränken wir uns 
auf die bedeutendsten literargeschichtlichen und historischen Werke. Die 
Arbeiten über Heine und Annette, die in der erstgenannten Gattung im Mittel- 
punkt stehen, haben einen hohen, unverlierbaren Wert. Das Materielle aller 
H.schen Schriften ist durchaus zuverlässig, sein ästhetisches Urteil immer fein 
und meist treffsicher. Und wendet der Autor sein Interesse auch vielleicht etwas 
zu ausschließlich der Personengeschichte seiner Helden und der äußeren Kritik 
und Bestimmung ihrer poetischen Erzeugnisse zu, wir können ihm nicht dank- 
bar genug dafür sein, wie unübertrefflich er diese für die Kenntnis der Dichter 
und ihrer Werke unentbehrliche und grundlegende Arbeit leistet. Der gediegene 
und reiche Inhalt von H.s literarhistorischen Schriften bildet einen wohltuen- 
den Gegensatz zu jener immer üppiger emporwuchernden, anspruchsvollen 
Literaturgattung, die über seichtem, ästhetisierenden Phrasenschwall mit er- 
staunlichem Gleichmut jeden wissenschaftlichen, beweiskräftigen Boden aufgibt. 

Die historischen Werke H.s sind fast ausnahmslos dem Zeitraum eines 
knappen Jahrzehnts gewidmet. Hier war er einer der vorzüglichsten Kenner 
und scharfsinnigsten Forscher. 

Freilich wird man auch bei seinen historischen Arbeiten mitunter be- 
dauern, daß H. die leitenden Ideen nicht schärfer herausschälte und dadurch 
die mit unsäglicher Mühe ausgelesene und mustergültig verarbeitete Serie der 
diplomatischen Noten lebensvoller gestaltete. Wenn seinen Werken die er- 
sehnte Wirkung auf weitere Kreise im wesentlichen versagt blieb, so waren 
es nicht zuletzt eben diese Mängel seiner Vorzüge, die das verschuldeten. 
Aber noch ein anderer Gesichtspunkt ist bei der Beurteilung von H.s Be- 
deutung und Wirkung als Historiker nicht außer acht zu lassen, nament- 
lich in unseren Tagen, wo lebhafter denn je der Streit entbrannt ist über 
Aufgaben und Methode der Geschichtswissenschaft. Als H. zu schreiben 
begann, herrschte die diplomatische Geschichtschreibung unbestritten. Gewiß 
hat auch H. die Bedeutung z. B. der wirtschaftlichen Faktoren für die Schick- 
sale der Völker nicht verkannt, aber er blieb doch Zeit seines Lebens über- 
zeugt von der Alleinberechtigung des Satzes, daß alle Historie im Grunde 
eine politische sei. Man wird diese seine Grundrichtung je nach dem Stand- 
punkt verschieden beurteilen; außer allem Zweifel steht es aber, daß die 
Verbreitung und Wertschätzung seiner Werke zum mindesten in letzter Zeit 
darunter zu leiden hatte. 

Doch ich wüßte für die Geschichte der Revolutionszeit nicht viele Namen 
des In- und Auslandes mit gleichen Ehren neben dem seinigen zu nennen. 
Die staunenswerte Treue seiner fast unübertrefflichen Detailforschung kann 
geradezu als vorbildlich gelten. Aber doch weit mehr noch verdanken wir 
ihm. In seinem darstellenden Hauptwerk hat er der Auffassung über die 
Stellung der beiden deutschen Großmächte zur Revolution und zueinander 
und damit über den Untergang des heiligen römischen Reiches deutscher 
Nation zum Teil neue Bahnen gewiesen, auf denen ihm eine unbefangene 
Geschichtschreibung folgen mußte. 



Hüffer. 221 

Und nicht unerwähnt bleibe, daß H. alle seine Werke mit peinlichster 
Sorgfalt komponierte und uns stets in einem Stile geboten hat, wie ihn so 
künstlerisch nicht allzu viele deutsche Gelehrte aufzuweisen haben. 

So verehrt die historische Wissenschaft in H. mit vollem Recht einen 
ihrer angesehensten und gediegensten Vertreter, einen Meister der diplomati- 
schen G^schichtschreibung. Und wenn er auch nicht zu den führenden 
Geistern zu zählen ist, schöpferische Gedanken und Entwürfe ihm versagt 
blieben, so will mir das unbedeutend erscheinen gegenüber seinen bleibenden 
wissenschaftlichen Verdiensten und gegenüber der Tatsache, daß hinter seinen 
Werken eine Persönlichkeit steht von hoher sittlicher Kraft, von einer er- 
habenen Auffassung von dem Ernst und der Heiligkeit der Wissenschaft, der 
er sich um ihrer selbst willen im Innersten verpflichtet fühlte, und der er 
bis zum letzten Atemzuge die Treue hielt. 

Einen idealen Zug sehen wir überhaupt in H.s ganzem Leben wirksam. 
Seine Vorbilder suchte und fand er in den besten Zeiten des i8. Jahrhunderts. 
Seine Weltanschauung war eine durchaus ästhetische. Klassizismus, Huma- 
nismus und Weltbürgertum bildeten die beherrschende Trias in seinem Fühlen 
und Denken. Treffend hat Franz Schultz in seinem Nekrolog in der Bonner 
Zeitung vom 21./ 2 2. März einen dahingehenden, oft variierten Ausspruch des 
Verstorbenen mit den Worten formuliert: »Von hier aus erkannte er überall 
im religiösen, staatlichen und gesellschaftlichen Leben die höhere Einheit; 
nicht was Parteien, Nationen und Konfessionen trennt, sondern was sie ver- 
bindet, war ihm das Wesentliche und Maßgebende.« 

Im innigen Verkehr mit den großen Geistern der Vorzeit fand er höchste 
Befriedigung und Genügen. Er war und blieb auf geistigem Gebiet der voll- 
endete Aristokrat. Die Ideale und Neigungen, die der Achtzehnjährige mit 
auf die Universität gebradit, beherrschten im wesentlichen noch den Greis. 
Fast unverändert hat er seine Individualität gewahrt gegenüber den Einflüssen^ 
die der Umgang mit einer Fülle hochbedeutender Persönlichkeiten auf eine 
minder gefestigte Eigenart hätte ausüben müssen. Bei der Beurteilung seines 
Charakters dürfen wir die äußeren Einflüsse nicht unberücksichtigt lassen, 
unter denen er sich gebildet. Diese sind, vornehmlich das andauernde Augen- 
übel, in H.s Leben einschneidend genug gewesen. Wenn ihm bis an sein 
Ende in hohem Maße Entschlußfähigkeit und noch mehr die Energie, sich 
durchzusetzen, abging, so hängt das mit seiner zum Teil wenigstens durch 
körperliche Leiden hervorgerufenen Ängstlichkeit und übertriebenen Empfind- 
lichkeit zusammen, mit der sich gleichwohl ein oft starres und eigensinniges 
Festhalten an Meinungen und Gewohnheiten eigentümlich mischte. An Selbst- 
bewußtsein fehlte es ihm überhaupt nicht. Er hat stets besessen, wozu er 
auch ein gutes Recht hatte, die Einsicht in seine bedeutenden Fähigkeiten, 
seine mit großem Eifer erworbenen staunenswerten und vielseitigen Kennt- 
nisse und seine gediegenen Leistungen. Er war dementsprechend auch in 
nicht geringem Maße überzeugt von der Richtigkeit seiner Meinungen, 
sprach er sie doch auch erst nach reiflichster Forschung und Überlegung 
aus. Dann konnte er aber auch die Anerkennung der Fachgenossen nicht 
entbehren und selten ließ er eine abweichende Ansicht, wenn sie öffentlich 
gegen ihn geltend gemacht wurde und irgend von Belang war, ohne Er- 
widerung. 



222 Hüffer. Basch. 

Ziemlich stark ausgeprägte weibliche Akzente sind in H.s Charakter un- 
verkennbar, daneben, wenigstens in seiner Frühzeit, auch eine gewisse h)rpo- 
chondrische Neigung. Trotz aller gegenteiligen Anwandlungen war H. aber 
bis an sein Ende im Grunde doch von jenem Optimismus beseelt, der nicht 
den geringsten Vorzug seiner Weltanschauung bildet. Ihren schönsten Aus- 
druck fand diese in der liebenswürdig-humanen, warmherzigen Sinnesart, die 
den Grundton in seinem Wesen darstellte und die sich bei dem Greise zu einer 
überaus wohltuenden Milde und abgeklärten Ruhe gesteigert hatte. Seine 
empfindsame Seele konnte keine Härte, kein rauhes Wort ertragen, und stets 
pflegte er darum seinerseits die verbindlichsten Formen. Niemand vermochte 
sich dem eigenen Zauber zu entziehen, der von seiner feinsinnigen, teil- 
nehmenden und stets hilfsbereiten Persönlichkeit ausging. Es war ein hoher 
Gewinn, seine Gegenwart zu genießen. Nie ging man von ihm, ohne etwas 
gelernt zu haben, stets entzückte die heitere Anmut, durch die er seine Ge- 
spräche zu beleben wußte. In reichem Maße bewies er sodann, auch im 
Verkehr mit Gleich- oder unter ihm Stehenden, jene Bescheidenheit und Zu- 
rückhaltung, die gerade dem überlegenen Mann so wohl ansteht; freundlich 
hörte er fremde Meinungen, stets war pr dankbar und begierig, sich belehren 
zu lassen. Die Zahl seiner aufrichtigen Freunde und Verehrer war denn auch 
eine selten große, und der Tag, der ihn hinweggenommen, raubte nicht nur 
der deutschen Wissenschaft einen ihrer besten Söhne, sondern auch Hunderten 
den edlen Freund und treuen Berater. 

H. hatte den Ehrgeiz, nicht vergessen zu werden. Es kann und wird 
nicht geschehen ! Die Wissenschaft, in der seine Werke fortleben, hat seinen 
Namen mit unvergänglichen Lettern in ihr goldenes Buch eingezeichnet. Bei 
allen aber, die itim persönlich nahe zu stehen das Glück hatten, wird er fort- 
leben als ein Vorbild in der höchsten Verehrung alles Edlen, Wahren und 
Schönen, der nichts Niedriges und Gemeines je sich nahen kann, als Reprä- 
sentant einer Epoche, deren Bestes, ewig Geltendes er in sich verkörperte, 
vor allem den festen, unerschütterten Glauben an die Idee. Wie Wilhelm 
V. Humboldt hätte er von sich sagen können: »Der Maßstab der Dinge in 
mir bleibt fest und unerschütterlich; das Höchste in der Welt bleiben und 
sind die Ideen.« 

Meine biographische Skiue in den »Annalen des historischen Vereins für den Nieder- 
rhein« Heft 80 (1906) S. I — 78, dem Tagebücher, Kalenderaufzeichnungen, Briefe, münd- 
liche Mitteilungen und H.s hinterlassenes Manuskript von Lebenserinnerungen zugrunde 
liegen. 

Bonn a. Rhein. Alfred Herrmann. 

Basch, Samuel Siegfried, Ritter v., o. ö. Professor für experimentelle 
Pathologie an der Wiener Universität, *9. September 1837 in Prag, f 25. April 
1905 in Wien. — Die in seiner Vaterstadt begonnenen Studien hatte B. in 
Wien fortgesetzt und 1861 vollendet. Im Allgemeinen Krankenhause in Wien 
fand er an den Abteilungen von Jaeger, Haller, Kolisko, Türck und Stand- 
hartner seine weitere Ausbildung. Schon als Mediziner wußte er das Interesse 
Brückes für sich zu en^-ecken, unter dessen Leitung er vergleichende ana- 
tomische und histologische Studien unternommen hat. Später war es die 
pathologische Histologie, die ihn intensiv beschäftigte. 1865 hat ihn Kaiser 



Hasch. 



223 



Maximilian nach Mexiko berufen und zunächst mit der Leitung des 
Militärspitals in Puebla betraut. Von dieser militärärztlichen Stellung wurde 
er schon nach sechs Monaten abberufen und zum Hof- und Leibarzt ernannt. 
Etwa zehn Monate später, im Mai 1867, nach der Schlacht von Queretaro 
blieb B. während der nun folgenden Gefangenschaft des unglücklichen Kaisers 
als Kriegsgefangener in der unmittelbaren Nähe des Monarchen, der ihm 
ungewöhnliche Beweise des Vertrauens geschenkt und die Durchführung 
wichtiger letztwilliger Anordnungen übertragen hat. 1868 kehrte er mit der 
Leiche Maximilians auf der vom Admiral Tegetthoff geleiteten »Novara« 
nach Wien zurück. Seine wissenschaftlichen Arbeiten, welche er auch während 
seines mexikanischen Aufenthaltes inmitten einer politisch erregten Welt und 
einer tobenden Revolution nicht unterbrochen hat, wurden nach seiner 
Heimkehr bei Brücke sofort wieder aufgenommen. 1868 habilitierte er sich 
für experimentelle Pathologie. Von 1870 bis 1880 hatte B. alljährlich mehrere 
Monate an der Leipziger physiologischen Anstalt unter Karl Ludwigs Leitung 
gearbeitet. Die Forschungsweise, die Art der Anordnung der Versuche, die 
hochentwickelte Methodik, die er in dieser Meisterschule der Experimentier- 
kunst kennen lernte, schwebten ihm stets als maßgebende Muster vor. B. 
besaß als Experimentator eine außerordentliche Erfindungsgabe, ein glänzendes 
operatives Talent, eine ungewöhnliche manuelle Geschicklichkeit, die ihn 
befähigte, nicht allein die technischen Schwierigkeiten komplizierter Versuche 
zu überwinden, sondern überdies die meisten instrumentalen Behelfe eigen- 
händig anzufertigen. Zu diesen Fähigkeiten gesellte sich ein unermüdlicher 
Fleiß, eine nie erlahmende Arbeitslust und Arbeitsfreude. Für ihn war die 
Arbeit, die er buchstäblich erst in seiner Sterbestunde eingestellt hat, die 
einzige und fast ausschließliche Quelle des Lebensgenusses und Lebensglückes. 
Seinen Schülern, die ihm mit wahrer Adoration ergeben waren, stand er mit 
bezwingender Herzensgüte unermüdlich zur Seite und förderte ihre Interessen 
mit väterlicher Fürsorge. Durch seine vornehme Denkungsart, durch seine 
rührende Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit gab er ihnen ein erhebendes 
und veredelndes Beispiel. 

1877 bekam er den Titel eines a. o. Professors, 1878 erfolgte seine Er- 
nennung zum Extraordinarius. 1900 erhielt er den Titel und Charakter eines 
o. ö. Professors. B. war Ritter der eisernen Krone IIL Klasse, Kommandeur 
des kais. russ. Stanislausordens und des kais. pers. Sonnen- und Löwenordens, 
Offizier des mexik. Adler- und Guadalupeordens. Er war Mitglied des 
k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien, der medizinischen Akademie in Mexiko, 
der kön. belgischen Gesellschaft für Medizin, der Gesellschaft für Heilkunde 
in Berlin, der morphologisch-physiologischen Gesellschaft und der Gesellschaft 
für innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien. B. hat eine reiche 
literarische Tätigkeit entwickelt. Seine ersten Arbeiten waren: »Bau der 
Darmzotten «, » Ursprung der Chylusgefäße «, » Über das chylopoetische und uro- 
poetische System der Blatta orientalis «, » Die Anatomie der Variola«. Während 
seines mexikanischen Aufenthaltes erschien die Arbeit »Untersuchungen über 
Dysenterie«, später »Erinnerungen an Mexiko. Geschichte der letzten zehn 
Monate des Kaiserreiches. Leipzig 1868«. Nach seiner Rückkehr aus Mexiko 
»Über den Splanchnicus«, »Über die Wirkung des Nikotins«, »Über die 
Physiologie und Pathologie der Darmbewegungen«, »Über die Messung des 



224 Basch. Spindler. Porth. 

Blutdruckes am Menschen«, Zeitschr. f. klin. Medizin Bd. II, 1880, »Einige 
Ergebnisse der Blutdruckmessung am Gesunden und Kranken« ibid. 1881, 
»Ein transportables Metallsphygmom«, Wiener med. Wochenschr. 1883, »Über 
die Leistungsfähigkeit des Herzens bei dessen Funktionsstörung«, Verh. des 
Kongresses für innere Medizin 1883, »Über Pulsfühlen, Pulsschreiben und 
Pulsmessen«, Archiv f. Kinderheilkunde Bd. V, »Der Sphygmomanometer«, 
Hirschwald, Berlin 1887, Ȇber eine Funktion des Kapillardruckes in den 
Lungenalveolen«, Wiener med. Blätter, 1887, »Die kardiale Dyspnoe und das 
kardiale Asthma«, klinische Zeit- und Streitfragen, Wien 1887, »Über die 
Prinzipien der Therapie der Herzkrankheiten «, Wiener Medizinische Presse 
1890, »Allgemeine Physiologie und Pathologie des Kreislaufes«, Alfred Holder, 
Wien 1892, »Über Herzkrankheiten bei Arteriensklerose«, Hirschwald, Berlin 
1900, »Über Gefäßstarre (Angiorhigosis) «, Urban und Schwarzenberg, Wien 
1903, »Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der experimentellen Pathologie«, 
Urban und Schwarzenberg, Wien 1905. M. Groß mann. 

Spindler, Fritz, Pianist und Komponist, ♦ 24. November 181 7 zu Wurz- 
bach bei Lobenstein, f 27. Dezember 1905 in Niederlößnitz bei Dresden. — 
S. war der Sohn eines Uhrmachers, der in seiner freien Zeit leidenschaftlich 
Musik trieb und seiner Familie an den langen Winterabenden am liebsten 
auf der Violine Tänze vorspielte. Auf diese Weise erwachte in S. schon 
frühzeitig die Neigung und das Verständnis für die Musik. Den ersten Unter- 
richt in der Musik, der sich nicht bloß auf das Klavierspiel erstreckte, sondern 
auch die Violine und die Orgel mit umfaßte, erhielt er durch den Kantor 
und Organisten Wilhelm Joch. Im Jahre 1831 kam S. nach Schleiz, wo er 
das Gymnasium besuchte. Er sollte Theologie studieren, fühlte sich aber 
von der Musik so angezogen, daß er sich entschloß, die Gelehrtenlaufbahn 
aufzugeben und sich in Dessau durch den bekannten Kapellmeister Friedrich 
Schneider ausschließlich für die Musik ausbilden zu lassen. Nachdem er bei 
ihm eine zweijährige Lehrzeit durchgemacht und sich sodann in aller Stille 
in dem heimatlichen Wurzbach selbständig weitergebildet hatte, siedelte er 
nach Dresden über, wo er bald ein beliebter Klavierlehrer wurde und sich 
wegen seiner zahlreichen Kompositionen, deren Opuszahl sich im Jahre 1891 
auf 384 belief, einer außerordentlichen Popularität erfreute. Die meisten 
davon sind mittelschwere Salonmusik für das Klavier, doch schrieb er auch 
eine Anzahl Sinfonien und Quartette für Klavier und Streichinstrumente. Den 
Abend seines Lebens verbrachte er, ohne irgendwie noch an die Öffentlich- 
keit zu treten, in Niederlößnitz bei Dresden. 

Vgl. Hermann Mendel, Musikalisches Konversationslexikon. Berlin 1878. 9. Bd. S. 373. 
— Hugo Riemann, Musik-Lexikon. 6. Aufl. Leipzig 1905. S. 1255. — Hugo Jüngst, Sachsen- 
Hymne. Leipzig 1891. (Rückseite mit dem Porträt Spindlers.) — Musikalisches Wochenblatt. 
Leipzig 1906. XXXVIl. S. 16. — Allgemeine Musik-Zeitung. Charlottenburg 1906. XXXIIL 
S. 35. — Die Musik. Berlin 1906. 5. Jahrg. Bd. XVIII. S. 116. — Dresdner Nachrichten vom 
29. Dezember 1905. H. A. Lier. 

Porth, Karl, Schauspieler, * 18. November 1833 zu Dresden, f 19- März 
1905 ebendaselbst. — P. war der Sohn des einst in Dresden sehr beliebten 
und gefeierten Charakterspieler? Friedrich Wilhelm Porth und empfing von 



Porth. 



225 



diesem den ersten dramatischen Unterricht. Sein Debüt erfolgte am 19. Februar 
1852 als Ferdinand in Schillers »Kabale und Liebe« auf dem Stadttheater zu 
Bautzen. Weitere künstlerische Versuche folgten mit Unterstützung des Vaters 
auf den Bühnen zu Freiberg, Meißen und Chemnitz. Durch Gutzkow, der 
damals als Dramaturg in Dresden lebte, wurde sein Verständnis für das Wesen 
der dramatischen Kunst gefördert. Zu Ostern 1852 empfing er durch Genast 
die Aufforderung zu einem Gastspiel in Weimar. Da er gefiel, wurde er 
sofort für jugendliche Liebhaber- und Heldenrollen an das großherzogliche 
Theater in Weimar engagiert. Er eignete sich hier eine Vorliebe für die 
noch aus der Zeit von Goethes Theaterleitung herrührende deklamatorische 
Art des Bühnenvortrags an, ließ sich aber auch durch den aus der Hamburger 
Schule hervorgegangenen, artistischen Direktor Heinrich Marr nach der Seite einer 
realistisch-charakteristischen Auffassung des Schauspielerberufes beeinflussen. 
Auf diese Weise wurde er Eklektiker und kam bis an den Schluß seiner 
Tätigkeit über die dadurch bedingten Kompromisse nicht hinaus. Im Herbste 
1855 folgte er einem Rufe des General-Intendanten von Hülsen an das Berliner 
Schauspielhaus, an dem er wie in Weimar fünf Jahre lang das Fach der 
jugendlichen Helden und Liebhaber vertrat. Von 1860 bis 1863 wirkte er an 
dem kaiserlichen Deutschen Theater zu St. Petersburg, wo es ihm gelang, 
die erste Aufführung von Gutzkows »Uriel Acosta« auf russischem Boden 
durchzusetzen. Da er gefährlich erkrankte, mußte er sich entschließen, sein 
Petersburger Engagement aufzugeben. Er kehrte nach Deutschland zurück 
und trat 1863 in den Verband des Hoftheaters zu Hannover ein. Von dort 
aus wurde er 1871 an das Hoftheater zu Dresden berufen, wo er noch 25 Jahre 
lang, bis zum 31. Oktober 1896, hauptsächlich in Heldenväterrollen auftrat. 
Bei seiner Verabschiedung erhielt er den Titel eines Professors, und an seinem 
70. Geburtstage wurde er zum Kgl. Hofrat ernannt. Er benutzte die Muße 
seines Alters, um jüngeren Künstlern dramatischen Unterricht zu erteilen. 
Erst in den letzten Jahren wurde er von einem heimtückischen Leiden be- 
fallen und mußte sich zu einer Operation in der Dresdner Diakonissenanstalt 
entschließen, die er zwar gut überstand, ohne jedoch die nötigen Kräfte für 
ein weiteres Leben wiederzufinden. — P. stand als Künstler auf der Scheide 
der alten und neuen Zeit und wurde daher, je nach dem Standpunkt seiner 
Kritiker, sehr verschieden beurteilt. Zu den wirklich großen, schöpferischen 
Persönlichkeiten seines Berufes gehörte er auf keinen Fall. Er besaß ein 
wohlklingendes, bis ins späte Alter aushaltendes Organ, auf das er sich viel 
zugute tat. Eifersüchtig wachte er über seinen Rollenbesitz und war un- 
glücklich, wenn ihm jüngere Kräfte denselben streitig zu machen suchten. 
Bleibende Verdienste erwarb er sich um die Deutsche Bühnengenossenschaft, 
an deren Arbeiten er jahrzehntelang als Obmann des Dresdner Verbandes teil- 
nahm. Er wurde auf dem Dresdner Annenfriedhof an der Seite seines Vaters 
bestattet. 

Adolph Kohut, Das Dresdner Hoftheater in der Gegenwart. Dresden und Leipzig 1888. 
S. 189 — 198. — Tagebuch der Kgl. Sächsischen Hoftheater vom Jahre 1905. 'Iheater- 
freunden gewidmet von Adolf Ruffani und Louis Knechtel. 89. Jahrgang. Dresden 1906. 
S. 96 — 100. — Adolf Stern im »Dresdner Journal« vom 21. März 1905. — Neuer Theater- 
Almanach. Hrgg. von der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger. 17. Jahrg. Berlin 1906. 
S. 167. — Ludwig Eisenberg, Großes Biographisches Lexikon der Deutschen Buhne im 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-, xo. Bd. I c 



226 Ludwig. 

XIX. Jahrhundert. Leipzig 1903. S. 786. — L. Bamay, Erinnerungen. Berlin 1903. Bd. III., 
S. 245, 249, 285. — Heinr. Hubert Houben, Gutzkow-Funde. Berlin 1901. S. 432 — 435. 

H. A. Lier. 

Ludwig, Gustav, Kunsthistoriker, ♦ 1853 zu Nauheim, f 16. Januar 1905 
zu Venedig. — L. war der Sohn eines Nauheimer Arztes und widmete sich 
ursprünglich dem Studium der Medizin. Nachdem er vorübergehend Assistent 
von Gerhardt in Berlin gewesen war, wandte er sich nach England und 
wirkte in London fast zwei Jahrzehnte lang als Arzt am deutschen Hospital. 
Seine Hauptpraxis fand er unter den kleinen jüdischen Kaufleuten der City, 
deren altertümliche Gebräuche und Sitten ihn mit den Eigentümlichkeiten 
orientalischer Lebensanschauungen vertraut machten. Der Umstand, daß er 
unter seinen Patienten einzelne Bildersammler antraf, erweckte in ihm das 
Interesse für die Werke der alten Kunst. Er fing nun an, seine knapp be- 
messene freie Zeit auf das Studium der Londoner Kunstsammlungen zu ver- 
wenden. Die meisten Anregungen verdankte er dem Kupferspekulanten 
Henry Doetsch, dem er bei dem Sammeln seiner umfangreichen Gemälde- 
galerie half. Als sich ungefähr im Jahre 1895 schlimme Gichtanfälle bei 
ihm einstellten, gab er seine Praxis auf und zog sich zunächst für ein Jahr 
nach Wien und dann nach Venedig zurück, von dessen feuchter Luft er, 
wenn auch nicht Genesung, so doch Linderung seiner Schmerzen erhoffte. 
Er mietete sich in dem bekannten Gasthof des Cappdlo Nero ein und fing 
bald darauf an, die venezianischen Archive systematisch durchzuarbeiten, wobei 
er sich nicht bloß für die Geschichte der Malerei interessierte, sondern auch 
das weite Gebiet des Kunsthandwerks und allgemeine, mit der Kunst im 
Zusammenhang stehende Fragen im Auge hatte. In der kurzen Zeit von 
sieben bis acht Jahren brachte er, zum Teil von jüngeren Kräften unterstützt, 
diese Arbeit zu Ende und fand dabei noch Muße, in allen wichtigeren Samm- 
lungen Europas nach den Bildern der alten venezianischen Schule Ausschau 
zu halten. Die Ergebnisse seiner Forschungen veröffentlichte er zumeist im 
Repertorium für Kunstwissenschaft und im Jahrbuch der Kgl. preußischen 
Kunstsammlungen. Über seinen Lieblingskünstler Carpaccio bereitete er eine 
Monographie vor, deren Manuskript er fast vollendet hinterließ, so daß sein 
Mitarbeiter Molmenti im wesentlichen nur die Herausgabe zu besorgen hatte. 
Da er annahm, daß lebhafte Beziehungen zwischen Venedig und Frankreich 
bestanden hätten, untersuchte er die italienischen und französischen Schrift- 
steller des späten Mittelalters und der Renaissance, in der Hoffnung, auf 
diesem Wege den Schlüssel für die Erklärung mancher unverständlicher Dar- 
stellungen zu finden. Er glaubte z. B. den Sinn von Tizians berühmtem 
Bilde »Irdische und himmlische Liebe« richtig erfaßt zu haben und er- 
läuterte gelegentlich einem Freunde und Bekannten seinen Gedankengang. 
Da er sich aber keinerlei Aufzeichnung darüber gemacht hatte, dürften die 
Mühen seiner Forschung wenigstens in diesem Falle vergeblich gewesen sein. 
Von der Gründlichkeit seiner Studien kann man sich einen Begriff machen, 
wenn man hört, daß er sich nicht nur den schwierigen altvenezianischen 
Dialekt angeeignet hatte, sondern daß er in seinen letzten Jahren auch noch 
Arabisch zu treiben anfing, um die aus dem Orient stammenden Bezeichnungen 
für kunstgewerbliche Dinge in den Urkunden zu verstehen. Ohne einen 



Ludwig, von der Goltz. 227 

regeren Verkehr mit seinen Fachgenossen zu unterhalten, war er jederzeit 
bereit, anderen Forschern mit Rat und Tat aus der Fülle seiner gelehrten 
Schätze beizustehen. Es gelang ihm, die Kunstforschung in Venedig um ein 
gutes Stück zu heben und sein Ansehen auch in den einheimischen Kreisen 
und bei den venezianischen Behörden zu befestigen. Das zeigte sich am 
deutlichsten bei seinem Begräbnis, bei dem ihm der Direktor des Staatsarchives, 
Professor Malagola, die ehrenden Worte: »(? Germania gloriosa salveJ«^ ins Grab 
nachrief. 

Kunstchronik. N. F. XVI. Jahrgang. Leipzig 1 904/1 905. Sp. 209 — 214. — Jahrbuch 
der kgl. preußischen Kunstsiimmlungen. Bd. 26. Berlin 1905. Beiheft. S. V und VL — 
Repertorium für Kunstwissenschaft. XXVIIL Bd. Berlin 1905. S. 285, 293. (Mit einem Ver- 
zeichnis von Ls. Schriften.) — Beilage zur Allgemeinen Zeitung. München 1905. Nr 19. 
S. 147 — 148. — Blätter für Gemäldekunde von Theodor Frimmel. Bd. IL Wien 1906. S. 90. 
(Vgl. auch das Register.) H. A. Lier. 

Goltz, Theodor Alexander Georg Ludwig Freiherr von der, ord. öff. 
Professor an der Universität Bonn, Geheimer Regierungsrat und Direktor der 
landwirtschaftlichen Akademie, ♦ 10. Juli 1836 in Koblenz, f 6. November 1905 
in Poppeisdorf. — Einer alten preußischen Adelsfamilie entsprossen, die seit 
Jahrhunderten ihre Dienste dem Könige und Vaterlande weiht, verdankte er 
seinem Eltemhause noch mehr als den ererbten Edelsinn und die Gewohnheit 
treuer Pflichterfüllung. Sein Großvater, der 181 2 ein Husarenregiment in der 
russisch-deutschen Legion gegen Napoleon geführt hatte, war infolge eines 
Duells verhältnismäßig früh als Generalmajor in Koblenz gestorben und hatte Frau 
und Kinder ziemlich unversorgt zurückgelassen. So hatte sein Vater Alexander 
Freiherr von der Goltz als junger Offizier sich sehr durchschlagen müssen. 
Genügsamkeit und Sparsamkeit gaben seinem Elternhaus das Gepräge; aber 
mit der größten Einfachheit verband sich auch das regste geistige Interesse 
und aufrichtigste Frömmigkeit. In Berlin auf der Kriegsakademie war der 
Vater zu einem lebendigen Christentum erweckt worden und hatte mit 
Männern wie Bethmann-Hollweg, Gerlach, Thadden-Triglaff, Baron Kottwitz 
und anderen Freundschaft geschlossen. Er war Pietist im besten Sinne des 
Wortes und doch zugleich ein eifriger Verehrer von Lessing, Herder und vor 
allem von Goethe. Der Geist lebendigen biblischen Christentums und die 
humanistisch-klassische Bewegung begegneten und verbanden sich in diesem 
Hause und alle drei Söhne des Oberstleutnants von der Goltz in Koblenz, 
Alexander (jetzt Präsident des Kaiserlichen Staatsrats in Straßburg i. E.), 
Hermann (f 25. Juli 1906 als Vizepräsident des Evangelischen Oberkirchen- 
rats) und Theodor, dem dies Erinnerungsblatt gewidmet ist, haben in ihrem 
Familienleben nicht nur, sondern auch im öffentlichen Leben dies Erbe be- 
wahrt, ein lebendiges Christentum mit patriotischer Berufstreue und regster 
Anteilnahme an allem geistigen Leben der Nation zu verbinden. Auch von 
mütterlicher Seite bekamen Gi und seine Brüder ein reiches Erbe mit. Maria 
Goebel, die Schwester des bekannten reformierten Theologen Max Goebel, 
war eine begabte und gemütstiefe, leider nur sehr viel kränkliche Frau, deren 
Familie mit Collenbusch, Gottfried Menken und andern bedeutenden Führern 
des niederrheinischen kirchlichen Lebens in naher Berührung stand. Gerade 
der jüngste Sohn hat der Mutter immer sehr nahe gestanden und noch im 

15* 



228 von der Goltz. 

Mannesalter hat er es öffentlich bezeugt, daß seine Eltern, so lange sie lebten, 
seine besten Lehrmeister, seine treuesten Freunde, Berater und Warner in 
allen Lebenslagen gewesen sind. 

Neben solcher vorzüglichen häuslichen Erziehung stand leider keine gleich- 
wertige Schule. Das Koblenzer Gymnasium, welches die Brüder von der 
Goltz besuchten, war damals nicht gerade auf der Höhe und obwohl G. stets 
ein besonders fleißiger und gewissenhafter Schüler war, so hatte er doch, wie 
er oft erzählte, dem eigenen häuslichen Fleiß und den Anregungen des Vaters 
mehr zu danken als dem Gymnasialunterricht selbst. Er war mit seinem, um 
ein Jahr älteren Bruder Hermann stets in einer Klasse und bestand im Alter 
von 17 Jahren gleichzeitig mit ihm das Abiturientenexamen. 

Im Herbst 1853 bezogen beide Brüder die Universität Erlangen, wo G. 
mit Eifer und Interesse das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften 
begann und in der christlichen Studentenverbindung Wingolf einen angeregten 
Kreis von Studiengenossen fand. Zu seinem größten Schmerze aber wurde 
er, nachdem er noch ein Semester in Bonn studiert hatte, infolge einer Er- 
kältung von einem nervösen Leiden befallen, das vor allem die Augen in 
Mitleidenschaft zog und ihn zwang, alle geistige Tätigkeit für längere Zeit 
einzustellen. Wie schwer ihm diese Lebenslage wurde, mag man ermessen, 
wenn man bedenkt, wie fleißiges Studium und Erweiterung seines geistigen 
Horizonts, alle echten Gelehrteneigenschaften, den Grundzug seines Charakters 
bildeten. Aber er mußte über ein Jahr aushalten und dann auf Fortsetzung 
des juristischen Studiums verzichten. Auf Anraten des Arztes wurde er Land- 
wirt; er begann mit einer praktischen Lehrzeit auf dem Besselicher Hof bei 
Koblenz und setzte diese dann auf der württembergischen Domäne Einsiedel 
bei Tübingen fort. Zeitlebens hat er es als eine seiner wertvollsten Erfah- 
rungen bezeichnet, daß er die geringste praktische Arbeit des Landwirts selbst 
gelernt hat und ohne die Standesvorurteile anderer Volontäre mit den Land- 
leuten leben und wirken durfte. Das gab ihm seinen praktischen Sinn, seine 
wirtschaftliche Tüchtigkeit und seine soziale Weitherzigkeit, in der er die 
Interessen des kleinen und des mittleren Besitzes ebensogut würdigte wie 
die des Großgrundbesitzers. Letztere lernte er in seinem letzten praktischen 
Lehrjahr bei dem Rittergutsbesitzer Flügge auf Ramelow in Pommern kennen. 

Im Herbst 1858 konnte er sich endlich wieder den wissenschaftlichen 
Studien zuwenden und widmete sich ihnen auf der landwirtschaftlichen Aka- 
demie zu Poppeisdorf mit großem Eifer unter der ihn sehr anregenden Leitung 
des trefflichen Direktors Hartstein. Er bestand das Abgangsexamen im Jahre 
1860 mit »vorzüglich« und promovierte noch in demselben Jahre bei der 
philosophischen Fakultät der Universität Leipzig. Sein erster in der Zeit- 
schrift des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreußen 1861 erschienener 
Aufsatz handelte von den » bäuerlichen Genossenschaften « ; erwies darin be- 
reits auf die große Bedeutung der Assoziationen hin, durch welche sich auch 
kleinere Landwirte wesentliche wirtschaftliche Verbesserungen und Erweiterung 
ihrer Bildung verschaffen könnten. Sein soziales Programm und die Hebung 
des mittleren und kleinen Besitzes und die Förderung der geistigen und sitt- 
lichen Bildung des Landvolkes als erste Voraussetzung für eine gesunde 
soziale Entwicklung kündigt sich in diesem Aufsatz des jungen Akademikers 
schon an. Die erste Anstellung fand er im August 1860 als Lehrer an der 



von der Goltz. 229 

Ackerbauschule Riesenrodt bei Werdohl in Westfalen. Dort richtete er im 
Winter 1860 — 61 die ersten ländlichen Fortbildungsschulen ein, welche diese 
Provinz gehabt hat, und lernte in den westfälischen Einzelhöfen einen neuen 
charakteristischen Typus deutschen landwirtschaftlichen Lebens kennen. Im 
Juli 1862 wurde er dann aus den westlichen Provinzen nach dem Osten be- 
rufen als Administrator der Domäne Waldau bei Königsberg i. Pr. Gleich- 
zeitig wurde er Leiter der dortigen akademischen Landwirtschaftsschule. So 
bekam er Gelegenheit, alles Gelernte praktisch anzuwenden und zugleich die 
wissenschaftliche Bearbeitung seines Faches in die Hand zu nehmen. Diese 
Verbindung akademischer und praktischer Tätigkeit ist von größter Bedeu- 
tung gewesen. Denn sie hielt ihn auf dem Gebiet der Landwirtschaft ebenso 
fem von praktischem Dilettantismus wie von unpraktischen Theorien. Hier 
lernte er die Grundlagen der Gesundung deutscher Landwirtschaft kennen, 
die er in rationeller Ausnutzung von Grund und Boden, in solider Buchfüh- 
rung und Wirtschaftsanlage und in der intellektuellen, sittlichen und religiösen 
Hebung des ländlichen Arbeiterstandes sah. Für diese Ideale hat er gekämpft 
und hat sich durch keine Tagespolitik daran irre machen lassen. 

Schon 1864 veröffentlichte er eine kleine Schrift von programmatischer 
Bedeutung: »Beitrag zur Geschichte der Entwicklung ländlicher Arbeiter- 
verhältnisse im nordöstlichen Deutschland«, in der er mit einer Sachlichkeit 
und Objektivität die Schäden der ländlichen Arbeiterverhältnisse im Osten 
aufdeckte, wie sie sich nur ein praktischer Landwirt und Mann der Wissen- 
schaft aneignen konnte, der nicht in ihnen groß geworden war. Eine nüchterne 
Beobachtung der geschichtlichen Entstehungsursachen, eine klare Einsicht 
in die einer Arbeiterfamilie notwendigen wirtschaftlichen Bedürfnisse und eine 
hohe Wertung der religiösen und sittlichen Grundlagen gesunden Lebens- 
fortschritts sind es, die seine hier nur in nuce skizzierte Auffassung der 
sozialen Frage auf dem Lande ausmachen. Gleichzeitig beschäftigten ihn 
immer in unmittelbarer Verbindung mit seinen praktischen Arbeiten und Er- 
fahrungen Studien für die Theorie der landwirtschaftlichen Buchführung, der 
Betriebs- und der Taxationslehre. Denn es erschien ihm schon damals neben 
der Lösung der ländlichen Arbeiterfrage als das Wichtigste, daß der Land- 
wirt lerne, über Einnahmen und Ausgaben ständige Übersicht zu behalten, 
über Betriebsmittel und Betriebsmethoden richtig zu disponieren und land- 
wirtschaftliche Werte richtig einschätzen zu können. Diese Dinge standen 
ihm mehr im Vordergrund als die Frage der Verbesserung der Maschinen, 
der chemischen Hilfsmittel und anderer technischer Verbesserungen, auch 
mehr als das Fallen und Steigen der Preise oder Zoll- und Steuerprobleme. 

1865 führte ihn ein Auftrag der preußischen Regierung in die neu 
erworbene Provinz Schleswig -Holstein; 1867 sandte der Minister ihn zur 
Pariser Weltausstellung. Im Juni 1869 wurd er als ordentlicher Professor 
und Direktor der landwirtschaftlichen Akademie an die Universität Königs- 
berg berufen, wo er nun bis 1886 eine sehr rege Wirksamkeit entfaltete. 

In seinen akademischen Vorlesungen legte er den größten Wert auf eine 
wirklich wissenschaftliche Methode und sachliche Gründlichkeit mit reicher 
Ausnutzung des geschichtlichen, des naturwissenschaftlichen und statistischen 
Materials; zugleich aber vergaß er nie den praktischen Zweck der gesamten 
Landwirtschaftslehre. Unermüdlich sammelte er ErgänaSungen zu dem in 



230 * ^'O" der Goltz. 

Waldau gesammelten praktischen Material. Sein schon dort erschienenes 
kleines Lehrbuch über landwirschaftliche Buchführung erschien noch 
in weiteren acht Auflagen und die in den Vorlesungen immer mehr ausge- 
baute Taxationslehre konnte er 1882 in einem Lehrbuch veröffentlichen, 
dessen grundlegende Bedeutung von den Fachgenossen allgemein anerkannt 
ist. Auch die Studien über die Betriebslehre brachte er in Königsberg 
zum Abschluß, indem er die Frucht 23 jähriger Arbeit in seinem Lehrbuch 
über »Landwirtschaftliche Betriebslehre« niederlegte. Alle diese Schriften 
zeichnen sich ebenso durch ihre exakte Gründlichkeit, wie durch Klarheit 
und praktische Brauchbarkeit aus, vorausgesetzt daß der Benutzer wirklich 
selbst arbeiten und denken will. Einen zweiten Kreis seiner Studien bildeten 
die Probleme der ländlichen Arbeiterfrage. Das schon 1864 skizzierte soziale 
Programm entwickelte er nun in dem 187 1 erschienenen Buch »Die ländliche 
Arbeiterfrage und ihre Lösung« ausführlich. Es war gemeinverständlich ge- 
schrieben und wollte alle, die es angeht: Gutsbesitzer, Beamte, Pastoren, 
Lehrer und Arbeiter zur Mitwirkung aufrufen, um die schweren wirtschaft- 
lichen und, sittlichen Schäden der ländlichen Arbeiterklasse zu beseitigen. 
Noch heute darf dieses Werk als mustergültig bezeichnet werden, wie es fern 
von aller Phraseologie der Tagespolitiker die wirklichen Schäden der Land- 
wirtschaft aufdeckt und die allein wirksamen Mittel der Abhilfe angibt. 
Nichts von Zollfragen und böser Industrie, nichts von Handelsverträgen, 
Fleischpreisen und Viehzöllen steht in diesem Buch — aber um so mehr von 
der Hebung der geistigen und sittlichen Bildung des Landvolkes, von den 
sittlichen Pflichten der Grundherren und der Arbeiter, von der genossenschaft- 
lichen Selbsthilfe, von der so wichtigen Wohnungsfrage und von dem Recht 
der Arbeiter auf Anerkennung der selbständigen Vertretung ihrer Interessen. 
In der von F. Nagel 187 1 — 76 herausgegebenen »Zeitschrift für die Arbeiter- 
fürsorge« besprach G. dieselben Fragen noch in größerer Ausführlichkeit. 
Unermüdlich wirkte er für diese Ideen in Wort und Schrift, und seiner An- 
regung war es zu danken, daß 1872 in Berlin eine vertrauliche Konferenz 
ländlicher Arbeitgeber stattfand, um die Interessen der ländlichen Arbeiter 
zu beraten. Freilich blieb der »Deutsche Verein ländlicher Arbeitgeber«, 
der nun gebildet wurde, ein tot geborenes Kind. Die Mehrzahl der Grund- 
besitzer stand verständnislos und selbstsüchtig den Forderungen des Königs- 
berger Professors gegenüber, dem man empfahl, lieber eine Nachtwächter- 
stelle anzunehmen als solche »Dummheiten« zutage zu fördern. G. ging aber 
seinen Weg unbeirrt weiter. Er veranstaltete mit Fachgenossen zusammen 
eine große Enquete über »die Lage der ländlichen Arbeiter im Deutschen 
Reich«, deren Ergebnisse 1875 veröffentlicht wurden. Das gesamte hand- 
schriftliche Tabellenmaterial, das später noch für Historiker uud National- 
ökonomen großen Wert haben wird, befindet sich jetzt in der Bibliothek der 
Kgl. landwirtschaftlichen Akademie zu Poppeisdorf. 

Ein drittes Arbeitsgebiet in Königsberg war das kirchliche; hier hat er 
nicht nur auf dem Kongreß für innere Mission zu Halle und im ostj)reußi- 
schen Provinzialverein für innere Mission seine sozialen Ideen auf dem Ge- 
biet der ländlichen Arbeiterfrage wirksam vertreten, er hat auch in der Pro- 
vinzialsynode seiner Provinz und auf zwei preußischen Generalsynoden an 
dem großen Verfassungswerk der evangelischen Kirche energisch mitgearbeitet. 



von der Goltz. 



231 



Abhold jedem engherzigen Konfessionalismus und fest überzeugt, daß das kirch- 
liche Leben auf möglichst breite Grundlagen gestellt werden müsse, hielt er 
sich zu der sog. »Mittelpartei«, die in Ostpreußen im Gegensatz zu den 
Konfessionellen sich »positive Union« nannte, bis dann dieser Name von den 
Anhängern Rudolf Kögels in anderem Sinne in Anspruch genommen wurde. 
Diese kirchenpolitische Arbeit führte ihn wieder mit seinem Bruder Hermann 
nahe zusammen, der inzwischen in den Evangelischen Oberkirchenrat einge- 
treten war. Auch Männer wie W. Schrader (später Kurator der Universität 
Halle), Kraetschmar (Generalsuperintendent in Gotha), Hermann Jacoby u. a. 
haben damals treu mit ihm zusammen gewirkt. 

Auf allen Gebieten, nicht zuletzt auch in seiner akademischen Wirksam- 
keit, war es nicht etwa glänzende rhetorische Begabung oder die Anlage, 
eine Führerrolle zu spielen, als vielmehr seine durch und durch lautere christ- 
liche Persönlichkeit, sein sittlicher Ernst und die unbedingte Treue und Auf- 
richtigkeit seines Wesens, die ihm die Herzen gewannen. Auch sein Familien- 
leben war von diesem 'Geiste beseelt und treu stand ihm seine Gattin Berta, 
geb. Freiin von der Goltz, zur Seite: sie hatte ihm 1870 eine Tochter ge- 
schenkt, die auch das einzige vom Vater heißgeliebte Kind geblieben ist. 

1886 erhielt G. einen ehrenvollen Ruf als Direktor der landwirtschaft- 
lichen Akademie zu Jena, die einst von Fr. Gottlob Schulze gegründet worden 
war. So ungern er sein geliebtes Ostpreußen verließ, so bestimmten ihn 
doch beruflich die fortdauernde Opposition der Agrarier gegen seine Reform- 
vorschläge, persönlich der Wunsch, seinen Verwandten wieder näher zu kom- 
men, den Ruf anzunehmen. Bald hatte er auch die Jenaer Akademie auf 
eine nie gesehene Höhe geführt und hatte sich, so bescheiden er äußerlich 
auftrat, an der Universität bald eine hochangesehene Stellung erworben. Im 
alten Griesbachschen Hause bewohnte er die Räume, die mehrere Jahre 
Friedrich von Schiller innegehabt hatte, und der Umstand, daß zwei seiner 
herangewachsenen Tochter gleichaltrige Neffen damals die Prima des Gym- 
nasiums in Jena besuchten, machten das G.sche Haus in jener Zeit zu einem 
der Mittelpunkte harmloser jugendlicher Geselligkeit edelster Art. Auf seine 
Neffen sowie auf viele seiner Schüler, die ihn auf dem täglichen Spaziergang 
nach Löbstedt begleiten durften, haben die Gespräche mit ihm den nach- 
haltigsten geistigen Einfluß ausgeübt. Denn er besaß eine seltene Gabe, auf 
das Denken und die Bedürfnisse der Jugend in zarter Weise einzugehen und 
allen ihren Fragen und Ansprüchen gerecht zu werden. 

Auf wissenschaftlichem Gebiet wandte er sich in Jena einer doppelten 
Aufgabe zu. Nachdem die drei technischen Hauptdisziplinen in seinen Lehr- 
büchern über Buchführung, Betriebslehre und Taxationslehre erschienen waren, 
galt es nun, sowohl eine Enzyklopädie der Landwirtschaftslehre zu schaffen, 
als auch die agrarpoli tischen Fragen weiter zu fördern. So gab er denn zu- 
nächst mit vielen Fachgenossen ein »Handbuch der gesamten Landwirtschaft« 
heraus, das 1889 in drei Bänden fertig vorlag, und schrieb eine große An- 
zahl von Beiträgen zu Schönbergs Handbuch der politischen Ökonomie. 
Dann veröffentlichte er seine Vorlesungen über »Agrarwesen und Agrarpoli- 
tik« und über »Die agrarischen Aufgaben der Gegenwart« und beschäftigte 
sich mit den Vorstudien zu dem großen Werk, welches später den Abschluß 
seiner Lebensarbeit bieten sollte der »Geschichte der deutschen Landwirt- 



232 



von der Goltz. 



Schaft«. Es war nur eine Vorfrucht des größeren Werks, wenn er 1895 eine 
sorgfältige Monographie über » Die ländliche Arbeiterklasse und der preußische 
Staat« veröffentlichte. Damit nahm er den Kampf auf »dem agrarpoli tischen 
Gebiet« wieder auf, in dem nun ein Teil der Agrarier das wirksamste Mittel 
gegen literarische Unternehmungen anwandte: das Totschweigen. Der preu- 
ßischen Regierung aber blieb es nicht verborgen, daß hier das wirksamste 
Wort gesprochen war; man darf mit gutem Grunde annehmen, daß viele vor- 
treffliche Maßnahmen auf dem Gebiet der Agrarpolitik um die Wende des 
Jahrhunderts auf G.sche Anregung zurückgehen, obwohl es ihm auf Kon- 
gressen und Versammlungen vielleicht allzusehr widerstand, nach außen her- 
vorzutreten. Als 1896 die Direktorstelle der Poppelsdorfer Akademie frei 
wurde, ergriff man in Preußen die Gelegenheit, ihn in seine Heimat zurück- 
zurufen, und an leitender Stelle durfte er hier sein Lebenswerk in zehnjähriger 
Arbeit zum ruhmvollen Abschluß bringen, wo er es einst begonnen hatte. 
Auch in Bonn trat er, worauf er stets besonderen Wert legte, als Ordinarius 
für Landwirtschaft und Agrarpolitik in den Lehrkörper der rheinischen 
Friedrich-Wilhelms-Universität ein und hatte auch die Ehre und Freude den 
preußischen Thronfolger und dessen Bruder Eitelfriedrich, sowie den jungen 
Herzog von Koburg-Gotha in die Agrarpolitik einzuführen. Die Institute der 
Akademie wurden wesentlich erweitert und die Zahl der in Poppeisdorf 
studierenden Landwirte stieg von einer Durchschnittszahl von 40 auf ca. 170 
im laufenden Semester. Allen seinen Schülern war er auch hier vertrauter 
Freund und Berater und erst der Tod seiner Gattin und dann eigene Krank 
heit machten sein Haus und ihn selbst stiller. Aber mit nie ermüdender 
Kraft hat er bis zuletzt gearbeitet und auch seine » Geschichte der deutschen 
Landwirtschaft« vollendet. Auch den kirchlichen Fragen trat er in Bonn 
wieder näher, obwohl ihm der Streit der theologischen Parteien in innerster 
Seele zuwider war. Ebenso hat er als Mitglied der Deutschen Landwirt- 
schaftsgesellschaft, im Landesökonomiekollegium und in der Landwirtschafts- 
kammer für die Rheinprovinz mitgewirkt. 

Nach einem Siechtum von einigen Monaten rief ihn ein sanfter Tod am 
6. November 1905 in die ewige Heimat, die zu erreichen stets seines Lebens 
höchstes Ziel gewesen war. 

Will man die Bedeutung seiner Persönlichkeit kurz zusammenfassen, so 
steht im Vordergrund seine persönliche Wirksamkeit als akademischer Lehrer, 
als der er in den verschiedensten Teilen Deutschlands auf praktische Land- 
wirte sowohl wie auf akademische Lehrer den nachhaltigsten Einfluß geübt 
hat — ein Einfluß, der später einmal noch deutlicher erkannt werden wird. 
Das zweite Moment ist seine ausgedehnte schriftstellerische Wirksamkeit. Er 
hat selbst dafür gesorgt, daß er nicht vergessen wird, denn kaum einer Dis- 
ziplin seines Fachs fehlt eine richtige grundlegende Arbeit von seiner Hand 
— ja mehr noch, er hat der Landwirtschaftslehre erst ihren festen wissen- 
schaftlichen Zusammenhang gegeben — er hat den Betrieb dieser Wissen- 
schaft in lebendiger Beziehung mit der Praxis zu organisieren verstanden. 
Endlich hat er in einer Wissenschaft, die in Gefahr war in völlige Abhängig- 
keit von naturwissenschaftlichen oder materialistischen Axiomen zu geraten, 
die geistigen, sittlichen und religiösen Faktoren mit zäher Energie geltend 
gemacht und ihr so die gesunde Lebenskraft für das deutsche Volksleben 



von der Goltz. 



233 



erhalten, welche jede Wissenschaft verliert, welche diese inneren Faktoren 
nicht mit in Rechnung stellte. Als Freund und Lehrer der Jugend hat er 
das schönste Denkmal in den Herzen seiner Schüler, in der Wissenschaft 
wird er seine Stelle behalten als einer der überall grundlegenden Baumeister 
seines Fachs, aber auch in der Geschichte der evangelischen Kirche und der 
sozialen Wohlfahrt des deutschen Landvolks wird sein Name unvergessen 
bleiben als einer der ersten und treuesten Vertreter einer auf vaterländischer 
und christlicher Grundlage ruhenden Reform. 

Verzeichnis der Schriften von Theodor Freiherr von der Goltz nach dem Jahr des 
Erscheinens: 

Bäuerliche Genossenschaften, oder bieten sich auch den Landwirten Gelegenheiten 
zu vorteilhaften Genossenschaften dar? »Zeitschrift des landwirtschaftlichen Vereins für Rhein- 
preußen.« 1861. — Über die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit landwirtschaftlicher Assozia- 
tionen nebst Vorschlägen zu deren Organisierung. »Wochenblatt der Annalen der Land- 
wirtschaft in den kgl. prcuß. Staaten«, 1863, Nr. 7 u, 9, — Beitrag zu einer Geschichte 
der Entwicklung ländlicher Arbeiterverhältnisse im nordöstlichen Deutschland bis zur Gegen- 
wart. Berlin 1864. — Ländliche Arbeiterwohnungen oder Darstellung der Notwendigkeit 
einer Verbesserung der ländlichen Arbeiterwohnungen, nebst Vorschlägen und Zeichnungen 
zu ihrer zweckmäßigen Ausführung (durch die ostpreußische Landwirtschaftliehe Zentralstelle 
gekrönte Preisschrift) von Dr. Freiherr von der Goltz und W. Künzcl. Königsberg — Tilsit 
1865 (Th. Theiles Buchhandlung). — Liindwirtschaftliche Buchführung. Erste Auf läge 1866 
(spätere Auflagen 1871, 1874, 1875, ^879, 1886, 1-892 fF., letzte 1903). — Die Entwicklung 
des landwirtschaftlichen Volksunterrichts. 1868 — 69. (Bericht.) — Bericht über den landwirt- 
schaftlichen Unterricht an den Schullehrerseminarien der Schweiz nebst Vorschlägen zur 
Organisation desselben in den preußischen Seminarien. — De lupini apud Romanos 
colendi atque uUndi ratione. Regimonti Prussorum MDCCCLXX, (Antrittsvorlesung 
in Königsberg.) — Die heutigen Aufgaben des landwirtschaftlichen Gewerbes und 
seiner Wissenschaft. 1870. — Licht- und Schattenseiten unserer gegenwärtigen Kulturent- 
wicklung. 1870. (Vortrag in Königsberg.) — Die ländliche Arbeiterfrage und ihre Lösung. 
Danzig 1871. 2. Aufl. 1874. — Beiträge in der »Concordia, Zeitschrift für die Arbeiter- 
frage« von F. Nagel. 1871 — 76. — Die soziale Frage. (Vortrag in Königsberg.) 1872. 
— Die soziale Bedeutung des Gesindewesens. (Vortrag.) 1872. — Die Mitwirkung der 
evangelischen Kirche bei der Lösung der ländlichen Arbeiterfrage. (Vortrag auf dem Kon- 
greß für innere Mission 1872.) Kongreßprotokoll Halle 1872, Frickesche Buchhandlung. — 
Die Verhandlungen der Berliner Konferenz ländlicher Arbeitgeber. Danzig 1872. — Die 
ethischen Grundlagen der Sozialpolitik. »Grenzboten« 1874. — Das Wesen und die Be- 
deutimg der Sozialdemokratie. »Grenzboten« 1875. — ^^^ Lage der ländlichen Arbeiter 
im Deutschen Reich. (Resultate der Enquete 1875.) — ^^^ wirtschaftliche und soziale 
Lage der Gutstagelöhner. » Landwirtsch. Centralblatt«, 1876, XXIV, S. 371 ff. — Die 
soziale Frage im Licht des evangelischen Christentums. (Vortrag auf dem Evang. Vereins- 
Lig in Magdeburg 1878). Vgl. » Deutsch-evangelische Blätter« III, 1878, S. 747 ff. — Die 
zweite ordenüiche Provinzialsynode der evangelischen Kirche in Ost- und Westpreußen 1879. 
(Bericht in Königsberg 1879.) — Landwirtschaftliche Taxationslehre. Berlin 1882, (2. Aufl. 
1891, 3. Aufl. 1903.) — Handbuch der landwirtschaftlichen Betriebslehre. Berlin 1885 
(2. Aufl. 1893, 3. Aufl. 1905.) — Die Landwirtschaftslehre und die jetzige Krisis in der 
deutschen Landwirtschaft. 1886. — Die Aufgaben der Kirche und ihrer inneren Mission 
gegenüber den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kämpfen der Gegenwart. (Referat auf 
dem Kongreß des ostpreußischen Provinzialvereins für innere Mission 1885.) — Die sozialen 
Pflichten der einzelnen Glieder der Gesellschaft. (Vortrag in Jena.) Vgl. »Deutsch-evangelische 
Blätter« 1886. — Handbuch der gesamten Landwirtschaft. 3 Bände, Tübingen 1889. — 
Leitfaden der landwirtschaftlichen Betriebslehre. Berlin 1886 (3. Aufl. 1903.) — Die Auf- 
gaben der Kirche gegenüber dem Arbeiterstand in Stadt und Land. 1891. »Evangelisch- 



234 ^'^^ ^^' Goltz. Schultz. 

soziale Zeitfragen« I. Heft 7, — Rom oder Wittenberg. (Vortrag im Zweigverein des 
Evangelischen Bundes. Jena 1892.) — Die ländliche Arbeiterklasse und der preußische Staat. 
Berlin 1893. ^^^ Aufgaben der Landwirtschaft in der Gegenwart. Jena 1903. (Als Manu- 
skript gedruckt.) — Die agrarischen Aufgaben der Gegenwart 1894/95. — Rede zur Feier 
des 100. Geburtstages von Fr. Gottlob Schulze, 9. Februar 1895 in Jena. — Die Land- 
arbeiterfrage im nordöstlichen Deutschland. »Die Zukunft der Landbevölkerung« von 
H. Sohnrey, i. Bd., Heft 6, Göttingen 1896. — Festrede zur Feier des 50jährigen Bestehens 
der landwirtschaftlichen Akademie Poppeisdorf, Bonn 1898. — Der Sozialismus und die 
Agrarfragen. »Zeitschrift für Sozialwissenschaft« 1899, S. 515 ff. — Die Bedeutung des 
landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens für den landw^irtschaftlichen Mittel- und Klein- 
betrieb der Rheinprovinz. Vortrag Bonn 1899. — Die Bedeutung der Viehzucht im heutigen 
landwirtschaftlichen Betriebe 1899. — Die wirtschaftlichen Grundlagen der Kulturtechnik. 
2. Band von Grundlehre der Kulturtcchnik von Chr. Aug. Vogler. Berlin 1899. — Agrar- 
wesen und Agrarpolitik. Jena 1899 (2. Aufl. 1904.) — Die soziale Aufgabe der Kirche in 
geschichtlicher Beleuchtung (Vortrag Bonn 1899). Vgl. die Homiletische Zeitschrift »Halte 
was du hast« XXVI (1899), S. 169 — 180. — Der Rückgang der landwirtschaftlichen Rein- 
erträge »Frühlings landwirtschaftliche Zeitung« 1900, Heft 4/5. — Geschichte der deutschen 
Landwirtschaft. 2. Bände. 1902 u. 1903. — Die Berliner Konferenz ländlicher Arbeitgeber 
des Jahres 1872 Zeitschrift »Das Land« von H. Sohnrey, XIL Jahrg., Nr. 2 u. 3. Außer- 
dem zahlreiche Beiträge im »Handbuch der gesamten Landwirtschaft« (Tübingen 1889), in 
L.Elster, »Wörterbuch der Volkswirtschaft «, Jena 1898 und in Schönbergs »Handbuch der 
politischen Ökonomie«. 

Nekrologe auf Theodor Freiherrn, v, d. Goltz finden sich in : »Wiener Landwirtschaft- 
lichen Zeitung«, 2. Dezember 1905. — » Deutsche Landwirtschaftliche Tierzucht«, Leipzig 
17. November 1905. — »Deutsche Landwirtschaftliche Presse«, Berlin 15. November 1905. 

— »Illustrierte Landwirtschaftliche Zeitung«, Berlin 11. November 1905. — »Landwirtschaft- 
liche Zeitschrift für die Rheinprovinz«, Bonn 10. November 1905. — »Landwirtschaftliche 
Zeitung«, Münster i. W. 17. November 1905. — »Zeitschrift für Vermessungswesen« No- 
vember 1905. — » Ugeskrift for Landmaend« Torsdagen den 30. November 1905. Außer- 
dem Artikel über ihn in drei japanischen Zeitungen von D. Kumao Takaoka, Professor an 
der Kaiserl. Akademie der Landwirtschaft, Japporo. Japan. — »Das Land«, 15. November 
1905. — »Bonner Zeitung«, 7. November, 19. November. — » Rheinisch -Westfälische 
Zeitung«, 7. November 1905. — »Vossische Zeitung«, 7. November 1905. — »Königs- 
berger Allgemeine Zeitung«, 9. November 1905. — »National -Zeitung«, 8. November 
1905. — »Hamburger Fremdenblatt«, 8. November 1905. — »Deutsche Tageszeitung«, 
S.November 1905. — »Norddeutsche Allgemeine Zeitung«, 8. November 1905. — »Ham- 
burger Nachrichten«, 8. November 1905. — »Breslauer Zeitung«, 8. November 1905. — 
»Kölnische Zeitung«, 8. November 1905. — »Hannoverscher Courier«, 10. November 1905. 

— »Echo der Gegenw«irt«, 24. November 1905. — »Chemiker-Zeitung«, Cöthen 15. No- 
vember 1905. — »Chronik d. Rh. Fr.-W.-Universität« 31 (1905), 2 (Schumacher. Dietzel). 

Schultz, Paul, Professor Dr., Sohn eines Berliner Landgerichtsrates, 
* 7. Februar 1864 zu Oranienburg (Kreis Niederbarnim), f 18. Juli 1905 zu 
Berlin als Professor der Physiologie. — Schulbildung auf dem Köllnischen 
Gymnasium zu Berlin, Abiturientenexamen Ostern 1884, studierte Medizin auf 
der Militärakademie zu Berlin. Er promovierte 1889 mit einer Berliner Dis- 
sertation über die Giftdrüsen von Salamandra maculata und bestand das Staats- 
examen 1891. Nach längeren Reisen, die er als Schiffsarzt unternahm, wurde 
er 1893 Vorlesungsassistent am Berliner Physiologischen Institut unter E. du 
Bois-Reymond. Er war später Assistent unter Gad und J. Munk, nach dessen 
Tode (1903) er mit dem Titel Professor zum Abteilungsvorsteher an der vivi- 
sektorischen Abteilung des Berliner Instituts befördert wurde. 



Schultz. 



235 



Seine rein physiologischen Arbeiten geben Kunde von vielfachem Inter- 
esse. Er hat mehrfach das Gesamtgebiet der Physiologie behandelt: für Ler- 
nende in knappster Form in seinem »Compendium« (Kompendium der Phy- 
siologie des Menschen, Berlin 1898, 1905), ausführlicher in seiner Neuheraus- 
gabe des Munkschen »Lehrbuchs« (Physiologie des Menschen und der 
Säugetiere, Berlin 1905), literarisch kritisch in dem Abschnitt »Physiologie« 
in den Virchow-Hirschschen Jahresberichten der gesamten Medizin 1900 bis 
1904. 

Er begann seine Tätigkeit im Berliner Institut unter Fritsch 1889 mit 
einer Arbeit über die Giftdrüsen der Kröten und Salamander (Arch. f. mikro- 
skopische Anatom. 1889, S. 11). Es folgten die »Knochenatmung der 
Vögel« (demonstriert an der Ente) (Verhandl. der Physiolog. Gesellsch. zu 
Berlin 22. Nov. 1895), »Die Einwirkungen des Lichtes auf die Bak- 
terienentwicklung (Zeitschr. f. Hygiene 1896, XXIII, S. 490) und »Sani- 
täre Verhältnisse an Bord« (Verhandl. der Physiolog. Gesellsch. zu Berlin). 
Viel gearbeitet [hat er auf dem Gebiete der »Stimme und Sprache«. Hier- 
über las er Kolleg. Doch ist nur eine Arbeit »Über einen Fall von 
wirklichem laryngealem Pfeifen-« (Arch. f. Anat. u. Physiol. 1902, Suppl. 
S. 323, und Karl Lüders, Inaugural-Dissertation (Med.) Berlin 1902) publiziert. 
Im wesentlichen wandte er sich, beeinflußt durch die überragende Persön- 
lichkeit E. du Bois-Reymonds, der Muskel- und Nervenphysiologie zu. Vor 
allem ist sein Name mit dem Studium der glatten Muskulatur verknüpft. 

In systematischer Weise begann er mit der Feststellung der histologischen 
Verhältnisse. Schon 1895 waren Arbeiten von ihm erschienen, in denen er 
die glatte Muskulatur der Wirbeltiere mit Ausnahme der Fische (Zentralblatt 
f. Physiologie 1895 No. 11 und Arch. f. Anat. u. Physiol. 1895 S. 388, ebenda 
S. 517) behandelte. 1896 und 1897 folgen dann grundlegende Untersuchungen 
über die »Physiologie der längsgestreiften Muskeln« (Arch. f. Anat. 
u. Physiol. 1896, S. 543, ebenda. 1897 3/4 S. 307, ebenda S. 322 u. S. 329), 
(er beschreibt die typische langsame Kontraktion und untersucht die Reiz- 
barkeit). 1897 die »Untersuchungen über den Einfluß der Tempe- 
ratur auf die Leistungsfähigkeit der längsgestreiften Muskeln der 
Wirbeltiere« (Arch. f. Anat. u. Physiol. 1897, i, S. i), die für die glatten 
Muskeln das geleistet haben, was Gad und Hegmanns Versuche für den quer- 
gestreiften Muskel bedeuteten. In einer weiteren Mitteilung desselben Jahres 
beschreibt er dann die spontanen Bewegungen der glatten Muskulatur. 

Diesen Feststellungen folgen Jahre der Polemik, 1897 die Polemik über 
die Nervenendigungen mit v. Csiky (Zentralbl. f. Physiol. 1897 XI Nö. 17); 
die scharfe Polemik gegen Grützner und dessen Schüler Winkler (Über die 
Anordnung der Muskulatur im Magen der Batrachier (Arch. f. Anat. u. Physiol. 
1900 1/2 S. i); seine Auseinandersetzung mit Dogiel über die von ihm im 
glatten Muskel beschriebenen Nervengeflechte u. a. (Aktionsstrom ohne 
Aktion. Zentralbl. f. Physiol. 1904 No. 20). 

Nach mehrjährigen fortgesetzten Forschungen faßt er dann die nunmehr 
gesicherten Resultate nochmals in seiner großen Publikation »Zur Physio- 
logie der längsgestreiften Muskeln der Wirbeltiere« (Arch. f. Anat. u. 
Physiol. 1903 Suppl. S. 1) zusammen. Dieses Buch ist nicht nur ein Beitrag, 
es ist die Physiologie des glatten Muskels selber. So gut wie alle Verhält- 



236 Schultz. 

nisse, die am quergestreiften Muskel seit du Bois' Zeiten untersucht worden 
sind, untersucht Seh. nunmehr am längsgestreiften. Teils findet er Unter- 
schiede, teils kann er auch hier die Befunde am quergestreiften Muskel be- 
stätigen. 

Neben diesem planmäßig durchgeführten Studium der glatten Muskulatur 
laufen dauernd andere Arbeiten über Nerv und Muskeln, die zum Teil in 
Beziehung zu seinem engsten Arbeitsgebiet stehen. Vor allem ist hier seine 
1898 er Arbeit über die Wirkungsweise der Mydriaka und Miotica (Arch. f. 
Anat. u. Physiol. 1898 1/2 S. 47) zu erwähnen. 

Seine Arbeit »Zur Physiologie der sympathischen Ganglien« (Arch. f. 
Anat. u. Physiol. 1898 1/2 S. 124) zeigt es im wesentlichen, daß die sympa- 
thischen Ganglien keinen automatischen autochthonen Tonus unterhalten, daß 
sie dagegen imstande sind, eine ankommende Erregung in irgend einer Weise 
zu vergrößern, daß sie also gleichsam als Relais dienen. 

Zu diesen Arbeiten kommen noch weitere hinzu, die er in Gemeinschaft 
mit anderen angestellt hat. 

Mit J. Munk untersuchte er die Reizbarkeit der Nerven an verschiedenen 
Stellen seines Verlaufes, (Arch. f. Anat. u. Physiol. 1898, 4, S. 298), mit 
Lewandowsky, Über Durchschneidung der Blasennerven (Zentralbl. f. 
Physiolog. 1903 No. 16), mit Dorendorf über die zentripetale Leitung des 
Netvus recurrens (Arch. f. Laryngol. 1904, XV, 2, S. 217), mit Zuelzer, Zur 
Frage derTotalexstirpation der Pankreashimrinde (Zentralbl. f. Physiol. 1905 No.i). 

Neben diesen systematischen Facharbeiten sind für Seh. viele Arbeiten 
auf dem Grenzgebiet zu anderen Wissenschaften charakteristisch. Er be- 
trachtete Physiologie niemals als etwas in sich Abgeschlossenes, er trieb sie 
nicht nur als Studium der Lebensmechanik, sondern im weitesten Sinne als 
Wissenschaft vom Leben mit allen seinen bunten Mannigfaltigkeiten und ver- 
suchte immer wieder zu zeigen, in wie innigem Zusammenhang Geistes- und 
Naturwissenschaft miteinander ständen, wie eine durch die andere ergänzt 
werde, eine nur durch die andere begriffen werden könne. Seinem univer- 
sellen Geiste, dem Kunst, Natur und Philosophie gleich wertvoll erschienen, 
war es eine Notwendigkeit, Brücken von einem Gebiet zum andern zu schlagen. 

Für diesen Gedankengang ist es bezeichnend, daß er mehrfach versucht 
hat darzutun, wie sich Männer, die uns als Helden der Geisteswissenschaft 
berühmt waren, auch um die naturwissenschaftliche Erkenntnis große Ver- 
dienste erworben haben. » Descartes als Naturforscher « (Militärärztliche Zeit- 
schrift 1896), Schopenhauers Abhandlung über »das Sehen und die Farben« 
(Arch! f. Anat. u. Physiol. 1899, Suppl. S. 510) und »Arthur Schopenhauer 
in, seinen Beziehungen zu den Naturwissenschaften« (Deutsche Rund- 
schau 1899 Heft 2) gehören hierher. 

Von seinen weiteren Arbeiten aus den Grenzgebieten zwischen Physio- 
logie und Philosophie bzw. Psychologie sind zu erwähnen seine Abhandlungen 
über »Gehirn und Seele« (Dtsch. Med. Wochenschr. XXIII 1897 No. 6 S. 88), 
über »Schlaf und Ermüdung« und über den »Traum«. Besonders in der 
erstgenannten Schrift betont er seinen philosophischen, sich an Kant an- 
lehnenden Standpunkt. 

Endlich sind noch seine Biographien von du Bois Reymond (Deutsche 
Rundschau), Kühne (Berl. klinische Wochenschr. XXXVII 1900, 27, S. 606), 



Schultz. Tetmajer. 237 

J. Munk (Zentralblatt f. Physiol. 1903, Heft 10) und Marey (Berliner klinische 
Wochenschrift 1904 No. 24) zu erwähnen. 

Aus seinem Nachlaß wurde eine vollendete Arbeit »Über die angeb- 
liche refraktive Periode der Darmmuskulatur der Warmblüter (Arch. 
f. Anat. u. Physiol. Suppl. 1905 S. 23) veröffentlicht; außerdem hat H. Beyer 
sein Colleg »Gehirn und Seele« wörtlich nach den vorgefundenen Ma- 
nuskripten in Buchform (Barth, Leipzig 1906) herausgegeben. 

G. F. Nicolai-Berlin. 

Tetmajcr, Ludwig v., Hof rat, Hochschulprofessor, ♦ 14. Juli 1850 zu 
Krompach in Oberungam, f 31« Januar 1905 zu Wien. — Ein hervorragender 
Gelehrter und Forscher, einer der ersten und bedeutendsten Versuchstechniker, 
ein Mann der Wissenschaft und der Praxis, ein Held der Feder und der Tat 
— so tritt uns T. in seinem verhältnismäßig kurz bemessenen Leben vor 
Augen, als ein erfolgreich Wirkender, wie selten einer. Und dieses Wirken, 
das seinen Namen in allen Kulturstaaten bekannt und geehrt machte, ent- 
faltete sich sowohl zeitlich als inhaltlich nicht in seiner Heimat Österreich, 
sondern nahezu ausschließlich in Zürich, wohin er schon als junger Mann 
gegangen war, um nach Vollendung der Mittelschulstudien und nach Absol- 
vierung des Freiwilligenjahres in Kaschau an dem eidgenössischen Polytech- 
nikum ein höheres technisches Wissen zu erwerben. Hier war er Schüler 
Culmanns, des geistvollen Schöpfers der graphischen Statik, dem er reichste 
Anregung und intensive Ausbildung seines Forschertalentes verdankte. Aus 
dem Schüler wurde T. 1872 nach kurzer Tätigkeit bei der Nordostbahn zum 
Assistenten und rasch auch zum Freunde Culmanns. Schon 1873 habilitierte 
sich T. als Dozent; 1878 wurde er Honorar-, 1881 ordentlicher Professor. 
Nunmehr wandte er sich mit regstem Eifer dem Prüfungswesen der Mate- 
rialien zu, als begeisterter Anhänger Bauschingers, welcher der technischen 
Welt den Beweis erbracht hatte, daß manche Versuche in großen Abmessungen 
durchgeführt werden müssen, wenn sie überhaupt praktisch verwertbar sein 
sollen. Mit der ihm eigenen impulsiven Kraft schritt er an die Errichtung 
eines in dieser Richtung glänzend ausgestatteten mechanisch-technischen 
Laboratoriums in Zürich; er fand hierbei die weitgehende Unterstützung des 
Züricher Schulrates und der Kantonregierung, so daß in Zürich im Jahre 
1891 ein Laboratoriumneubau erstand, der vielen späteren Anlagen zum Vor- 
bilde diente und dessen erfolgreiche Ausnutzung durch eine dauernde vom 
Bundesrat gewährte Subvention ermöglicht wurde. Die Versuchsergebnisse 
veröffentlichte T. zumeist in der »Schweizerischen Bauzeitung«, seit 1884 in 
besonderen Heften: »Mitteilungen der eidgen. Materialprüfungsanstalt«. 

Mit Beginn des Jahres 190 1/2 trat T. ins Professorenkollegium der tech- 
nischen Hochschule in Wien ein; die Sehnsucht nach der Heimat und die Hoff- 
nung nach einem größeren Wirkungskreis hatten ihn bewogen, Zürich zu ver- 
lassen; er wurde Hofrat, erhielt ausnahmsweis hohe Bezüge und alle Mittel, 
um ein großes und großartiges Laboratorium zu gründen; bereit» im Juni 
1903 konnte das mit den modernsten Maschinen ausgestattete Institut in Be- 
trieb genommen werden. T. dachte daran, diese Anstalt zu einem Reichs- 
zentrallaboratorium zu erweitem; der Verband der österreichischen Indu- 
striellen und der österreichische Ingenieur- und Architekten- Verein förderten 



2^8 Tetmajer. Geß. 

den Gedanken und die Bestrebungen T.s — doch mitten in diese neu- 
schaffende Tätigkeit trat der unerbittliche Tod. 

Eine bedeutsame und bleibende Schöpfung T.s ist der »Internationale 
Verband für die Materialprüfungen der Technik«, hervorgegangen aus den 
zwanglosen Konferenzen, zu denen Bauschinger alljährlich bis zu seinem 
Tode die Versuchstechniker berufen hatte. T. trat an die Spitze dieses inter- 
nationalen Kongresses, der zum ersten Male in Zürich (1895), dann in Stock- 
holm (1897) und in Budapest (1901) tagte; leider beeinträchtigte die organi- 
satorische und geschäftliche Arbeitslast, die ihm als Präsident des Verbandes 
oblag, zum Teile seine Wirksamkeit als Forscher. 

Es ist hier ganz ausgeschlossen, die wissenschaftliche Tätigkeit und die 
verdienstvollen Arbeiten T.s eingehend zu würdigen; es seien als be.sonders 
wertvoll und bahnbrechend nur erwähnt: seine Studien über die Eigenschaften 
des schmiedbaren Eisens und der hydraulischen Bindemittel, seine Veröffent- 
lichungen zur Klärung der Knickungsvorgänge durch Versuche, seine Arbeiten 
über Drähte und Drahtseile. T.s Formeln über die Knickfestigkeit haben 
allgemeine Anwendung gefunden. Als Berater in technischen Angelegen- 
heiten hatte er vielfach Gelegenheit zu interessanten Forschungen, deren Er- 
gebnisse auch fast immer eine Bereicherung der Versuchstechnik und der 
Wissenschaft bedeuteten. 

Über die Forschung und die praktische Tätigkeit vernachlässigte T. nie- 
mals sein lehramtliches Wirken; mit seinen Vorlesungen, die durch die Be- 
redsamkeit T.s und durch die Lebhaftigkeit seines Vortrages alle Hörer 
fesselten, gingen Laboratiumsübungen Hand in Hand, bei denen er zumeist 
selbst die Versuche der Schüler leitete und überwachte. 

T., der seit 1877 mit einer Tochter des Opernsängers Kindermann ver- 
mählt war, zählte zu jenen Menschen, die alle lieb gewinnen, welche mit 
ihnen in nähere Verbindung treten. Kollegen, Fachgenossen und Schüler 
waren ihm bis an seinen frühen Tod herzlich zugetan — das zeigte auch 
die ebenso rührende als erhebende großartige Teilnahme an dem Leichen- 
begängnis, das am 3. Februar 1905 in Wien stattfand und an dem sich Depu- 
tationen technischervereine, ehemaliger Schüler, verschiedener Hochschulen usw. 

beteiligten. 

Literatur: »Zeitschr. d. östeir. Ingen.- u. Arch.- Vereins« 1905, S. 85 (mit Bild); 
»Osten. Wochenschr. f. d. öffentl. Baudienst« 1905, S. 157 (mit Bild); »Schweizer. Bau- 
zeitung« 1905, I, S. 65 (Bild in Bd. XXVI, No. 15). Prof. Birk. 

Gefi, Friedrich Ludwig, Reichsgerichtsrat, Landtags- und Reichstagsab- 
geordneter, ♦21. Dezember 1828 zu Ellwangen als Sohn des Oberamtsrichters 
Geß daselbst, f 24. April 1905 in Stuttgart. — Er erhielt seine Gymnasial- 
bildung im evangelischen Seminar in Maulbronn, studierte in Tübingen die 
Rechtswissenschaft und stieg in der richterlichen Laufbahn bald von Stufe 
zu Stufe. 1860 wurde er zum Staatsanwalt des Donaukreises, 1872 zum 
Kreisgerichtsrat in Tübingen ernannt, in welcher Eigenschaft er mehrere 
Jahre als Schwurgerichtspräsident tätig war. Zeitweise auch nach Stuttgart 
als Referent in das Justizministerium berufen, wurde er im November 1876 
zum Obertribunalrat und zweiten Vorstand des Kreisgerichtshofs zu Tübingen 
ernannt. Noch in demselben Jahre betrat er, von einem starken Tätigkeits- 



Geß. 



239 



drang erfüllt und mit reichen Kenntnissen, nicht blos auf juristischem Ge- 
biet, ausgestattet, die parlamentarische Laufbahn : der Bezirk Tübingen sandte 
ihn als seinen Vertreter in den württembergischen Landtag und zwei Jahre 
später bewarb er sich mit Erfolg auch um ein Mandat für den Deutschen 
Reichstag. Infolge der Ablehnung des Sozialistengesetzes und nach dem 
Attentat Nobiling war der Reichstag aufgelöst worden. Für die Neuwahl 
wurde im 6. württembergischen Wahlkreis Tübingen-Reutlingen G. als Kan- 
didat der nationalen Partei gegen den demokratischen Rechtsanwalt Payer 
aufgestellt und trug am 30. Juli 1878 mit 9190 gegen 6310 Stimmen den Sieg 
davon. Im Reichstag schloß er sich der Reichspartei an. Seine Jungfern- 
rede hielt er zugunsten des neuen Sozialistengesetzes. Er sprach wiederholt 
über wirtschaftliche Fragen und war im Begriff, an der neuen sozialpolitischen 
Gesetzgebung, die mit dem Jahre 1878 einsetzte, eifrigen Anteil zu nehmen. 
Allein seiner Tätigkeit im Reichstag wurde bald ein Ziel gesetzt. Infolge 
seiner Berufung in das Reichsgericht in Leipzig mußte er schon Ende 1879 
das Mandat niederlegen und bei der Ersatzwahl siegte sein Gegner Payer. 
Auch bei späteren Bewerbungen um ein Reichstagsmandat in den Jahren 
1898 und 1899 hatte er gegen die vereinigte Volkspartei und Sozialdemokratie 
keinen Erfolg. Dagegen war ihm eine um so nachhaltigere parlamentarische 
Tätigkeit auf dem Boden der Heimat beschieden. Im Herbst 1891 von sei- 
nem Amt als Reichsgerichtsrat zurückgetreten, nahm er seinen Wohnsitz in 
Kßlingen und seit 1895 gehörte er als Vertreter Eßlingens dem württember- 
gischen Landtag an, wo er bald eine ' hervorragende Stellung einnahm, dank 
ebenso seiner juridischen Erfahrung, seinem Scharfsinn und seinem pflicht- 
eifrigen Fleiß, wie der Klarheit seines Vortrags und der maßvollen Art seines 
Auftretens, die ihm bei allen Parteien Achtung und Ansehen verschafften. 
Ihm fiel die Führung dtr deutschen, d. h. der nationalliberalen Partei zu, 
und wenn diese jetzt zu einem kleinen Häuflein zusammengeschmolzen war, 
so wurde dies zum Teil aufgewogen durch die unbestrittene Autorität ihres 
Führers. Er selbst war keineswegs ein schroffer Parteimann, das Recht der 
persönlichen Überzeugung ließ er sich nicht nehmen, wie er es niemandem 
versagte; es kam vor, daß er in einzelnen Fragen der demokratischen Seite 
des Hauses näher stand als seinen politischen Freunden. Frei denkend in 
jeder Beziehung, besaß er eine volkstümliche Art, für die Kleinen und Nie- 
deren hatte er ein warmes Herz, und seine Volkstümlichkeit wurzelte zugleich 
in seinem echt schwäbischen Naturell; er nahm auch insofern eine besondere 
Stellung ein, als er auf die Behauptung schwäbischer Eigentümlichkeiten und 
altgewohnter Besonderheiten, soweit dies mit dem Gesamtinteresse der Nation 
verträglich war, großen Wert legte. So bei der Anpassung des bürgerlichen 
Gesetzbuchs an die Einrichtungen der Heimat. Auch mit dem Gedanken 
der Vereinheitlichung des deutschen Eisenbahnwesens hat er sich nur all- 
mählich befreunden können, und so hätte er auch der Tübinger Hochschule 
am liebsten den Charakter einer spezifisch schwäbischen Landesanstalt be- 
wahrt. Das hinderte nicht, daß er mit ganzem Herzen zu Kaiser und Reich 
stand, aber seine Tätigkeit war wesentlich den Gesetzgebungsfragen der 
engeren Heimat zugewandt, und da gab es Arbeit genug, denn sein Eintritt 
in den Landtag traf zusammen mit dem Beginn einer Reformära, die lange 
Versäumtes im württembergischen Staatsleben nachholen sollte, wie im Steuer- 



240 Geß. Siegle. 

wesen und in der Verwaltung, so in wichtigen Stücken der Verfassung, sofern 
die Zusammensetzung beider Kammern eine ungebührliche Bevorzugung des 
Adels aufwies. Alle diese Reformen haben nicht auf den ersten Anlauf durch- 
gesetzt werden können, G. selbst hat nur noch das Zustandekommen eines 
neuen Steuergesetzes erlebt, aber er hat bei allen diesen nach den ersten 
Mißerfolgen immer wieder aufgenommenen Arbeiten aufs eifrigste mitgewirkt, 
immer in freiheitlichem Sinn, aber zugleich vermittelnd und ausgleichend 
und mit einer Ausdauer und Arbeitskraft, die bei seinen Jahren erstaunlich 
war. Namentlich lag ihm bis zuletzt die Verfassungsrevision am Herzen. 
Die freie Kommission von Abgeordneten aller Parteien, die auf Wunsch der 
Regierung zur Anbahnung eines Ausgleichs zusammentrat, wählte ihn zu 
ihrem Vorstand, und in ihrem Namen arbeitete er, bereits von schwerer 
Krankheit befallen, mit Aufbietung seiner letzten Kraft einen Entwurf aus, 
der insofern ein wichtiger Beitrag zur Verfassungsrevision war, als er zum 
erstenmal einen Kompromiß zwischen den verschiedenen Parteien darstellte 
und damit einen gangbaren Weg zeigte. Noch einmal riß sich seine kräftige 
Natur durch, so daß er sich noch an den Landtagsverhandlungen im Früh- 
jahr 1905 beteiligen konnte. Doch nun war seine Kraft erschöpft. Der 
24. April, es war der Ostermontag, war sein Todestag, er hatte bis zum letzten 
Hauch seine Kräfte dem öffentlichen Wesen gewidmet. Wenige aber, nur 
die Nächststehenden, wußten, daß der Mann, der mitten im öffentlichen Leben 
als ein unermüdlich Wirkender stand, in der Stille den Musen opferte, gleich- 
sam ein zweites inneres Leben führte, das vom Drange beseelt war, sich in 
lyrischen Weisen zu äußern. Er verschloß diesen Liederschatz vor der Welt 
und nur zuweilen in seinen letzten Tagen gab er vertrauten Freunden einen 
Einblick in diese seine innere Welt und die Freunde staunten dann über die Tiefe 
der Empfindungen, die so gar nichts vom trockenen juristischen Beruf oder 
von den Anliegen eines Volksvertreters verrieten, sie staunten vor allem über 
die Äußerungen einer todesmüden Abkehr von der Welt bei einem Manne, 
der bis zuletzt seine Pflichten als Bürger dieser Welt in der hingehendsten 
Weise erfüllt hatte. Die Hinterbliebenen haben eine Auswahl dieser schwer- 
mütigen Poesien drucken lassen und auch einem weiteren Freundeskreise zu- 
gänglich gemacht. Das Eingangsgedicht trägt die Überschrift: »An die 
Freunde. Moriturus 7'os salutat.«^ 

Schwäbischer Merkur, 25. April und 14. August 1905. Wilhelm Lang. 

Siegle, Gustav, Dr. rer. natur.. Geh. Kommerzienrat, Großindustrieller, 
Reichstagsabgeordneter, ♦ 2. Februar 1840 in Nürtingen, f 10. Oktober 1905 
in Stuttgart. — S.s Vater Heinrich, ein tüchtiger Chemiker und auf dem Ge- 
biete der Farbenfabrikation erfinderisch tätig, siedelte von Nürtingen, wo er 
eine Apotheke betrieb, um seine Erzeugnisse nutzbringender zu machen, nach 
München über, wo der Sohn seine ersten Knabenjahre verlebte; dann verlegte 
er seine Fabrik, die noch recht bescheidenen Umfangs war, nach Stuttgart. 
Gustav S. eignete sich auf den Gymnasien zu Stuttgart und Eßlingen den Grund 
einer allgemein wissenschaftlichen Bildung an und studierte dann am Stuttgarter 
Pol)rtechnikum Chemie unter Prof. Fehling. Er empfing hier die Anregung zu 
wissenschaftlichen Studien, die er mit leidenschaftlichem Eifer betrieb und 
die ihn durch das ganze Leben hindurch beschäftigten, so früh er auch in 



Siegle. 241 

die Praxis sich gestellt sah, und so unzweifelhaft gerade die praktische Be- 
tätigung seiner Naturanlage entsprach. Der Vater starb schon im Jahre 1863, 
und nun sah sich der Dreiundzwanzigjährige an die Spitze der väterlichen 
Fabrik gestellt, die, obwohl noch klein, mit ihren Erzeugnissen bereits einen 
beträchtlichen Ruf erlangt hatte. Es war damals die Zeit, da gerade in der 
Farbwarenfabrikation eine Entdeckung auf die andere folgte. Der Engländer 
Perkin hatte den ersten künstlichen Farbstoff aus dem Steinkohlenteer dar- 
gestellt und die Versuche in den Laboratorien wurden rasch für die Produk- 
tion und für den Handel fruchtbar gemacht. Diese günstige Konstellation 
auszunützen war S. gerade der rechte Mann. Dank seinem raschen Blick, 
seinem Tätigkeitstrieb, seinem energischen Wagemut gelang es, den Betrieb 
der Fabrik immer weiter auszudehnen, die Produktion zu vermannigfaltigen 
und ihr neue Absatzgebiete zu gewinnen. Wenn er es verstand, fähige Kräfte 
zur Mitarbeit heranzuziehen, so war es doch überall seine Persönlichkeit und 
seine Aktivität, die das Ganze zusammenhielt. Schon für den Vater hatte 
der Jüngling geschäftliche Reisen nach England und Rußland ausgeführt. 
Diese Reisen wiederholten sich und es schlössen sich daran Reisen nach 
Schweden, nach Spanien, nach Amerika. Die einnehmenden Eigenschaften 
seiner Persönlichkeit trugen bei zum geschäftlichen Erfolg seiner Unterneh- 
mungen. Diese wuchsen rasch ins Große. Das Glück heftete sich an alles, 
was er unternahm. Die erreichten Erfolge waren ihm immer Mittel und 
Stufen zu größerem, zu immer weiterer Ausdehnung seiner Verbindungen. 
Bald genügte ihm die Fabrik in Stuttgart nicht mehr. Der Zug der Zeit zur 
Vereinigung der Großbetriebe ergriff auch das Farbwarengeschäft. Nachdem 
zuerst eine Augsburger Firma dem Anwesen einverleibt war, erfolgte im Jahre 
1868 die Erwerbung einer Fabrik in Duisburg und im Jahre 1873 wurde das 
Ganze mit dem Aktienunternehmen der Badischen Anilin- und Sodafabrik in 
Ludwigshafen verschmolzen. S. war nun im Aufsichtsrat der Gesellschaft 
tätig, deren Betrieb eine riesige Ausdehnung gewann, namentlich seitdem es 
gelang, auf Grund eines zuverlässigen Verfahrens künstlichen Indigo herzu- 
stellen, der den Pfianzenindigo in gleichmäßiger Reinheit noch übertrifft und 
der auch im Preise die Konkurrenz mit dem natürlichen Farbstoff aufnehmen 
konnte. Bekanntlich ist es eine Entdeckung des Münchener Gelehrten Adolf 
von Baeyer, worauf diese wichtige Errungenschaft der chemischen Industrie 
beruht. Aber es gehörte eine fast zwanzigjährige, systematische und kost- 
spielige Arbeit der Laboratorien dazu, um den erfinderischen Gedanken zu 
einem gewerblich verwendbaren Verfahren auszugestalten. Im Jahre 1897 
gelang es der Ludwigshafener Fabrik zuerst dieses künstliche Produkt auf 
den Markt zu bringen, das eine völlige Umwälzung in diesem Fabrikations- 
zweig zur Folge hatte, und dem es vornehmlich zu danken ist, daß Deutsch- 
land jetzt unbestritten den ersten Rang in der chemischen Industrie ein- 
nimmt. 

Auf die Dauer vermochte aber S. die Tätigkeit für das unpersönliche 
Unternehmen einer Aktiengesellschaft nicht zu befriedigen. Ohne seine lei- 
tende Stellung im Aufsichtsrat der Ludwigshafener Fabrik aufzugeben, zweigteer 
wieder ein eigenes Geschäft davon ab, das er unter dem Namen Gustav Siegle 
u. Comp, in Stuttgart [)ersönlich leitete. Damit verbunden war ein in dem 
nahegelegenen Feuerbach begründetes Fabrikuntemehmen. Ein anderes Zweig- 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog, lo. Bd, l6 



242 Siegle. 

geschäft G. Siegle u. Comp, wurde in New York begründet. S. hatte sich 
jetzt zu einem der ersten Großindustriellen, nicht bloß seiner engeren Heimat, 
aufgeschwungen. In Württemberg aber gab es nicht leicht ein größeres ge- 
schäftliches Unternehmen, wobei er nicht die Hand hatte, sei es, daß er sich 
an bestehenden Geschäften beteiligte oder die Neugründung solcher unter- 
stützte. Er hat namentlich als Aufsichtsrat der im Jahre 1869 begründeten 
Württembergischen Vereinsbank zu dem großen Einfluß dieses Instituts auf 
die einheimischen Handels- und Industriekreise beigetragen. Die Metallwaren- 
fabrik in Geislingen und eine Reihe anderer industrieller Unternehmungen 
verdanken ihre Erfolge wesentlich seiner tatkräftigen Mitarbeit und Unterstützung. 

Schon damals, als im Jahre 1881 die Landesausstellung in Stuttgart einen 
Überblick über die gewerbliche Produktion Württembergs gewährte, bildeten 
einen Hauptanziehungspunkt die chemischen Produkte der S.schen Fabriken; 
der bunte Glanz der Anilinpräparate war in ihrer reinen Darstellung wie in 
ihrer mannigfaltigen Anwendung Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Da- 
mals wurde ihm als Anerkennung seiner Verdienste der Titel eines Geheimen 
Kommerzienrates verliehen. Später zeichnete ihn der König durch die Ver- 
leihung der Komturwürde des Kronordens aus, womit der persönliche Adel 
verbunden war. Doch die größte Freude bereitete ihm die überraschende 
Auszeichnung, die er durch die Universität Tübingen erfuhr, indem ihm die 
naturwissenschaftliche Fakultät das Diplom eines Doktors der Naturwissen- 
schaften hon, c. übersandte. Es war am 14. August 1867, daß ihm in seinem 
Landsitz zu Ammerland am Starnberger See Prof. Dr. v. Pechmann aus Tübingen 
in feierlicher Weise dieses Diplom überreichte, das ihn rühmte als fabrica- 
toreni operum chemicorum, tnter eos, gut in regno Wuerttembergko hominum in- 
dustriam in magnis artißciis dirigunt, prae ceterts consp'uuum, qui artis cognitiantm 
cum acri et sollerti in rebus gerendis ingenio ccmjungem twn modo effecit, ut dumica 
inventa continuo progressu augeretitur, excolerentur, in populi usum converterentur^ 
sed etiam inquirentiwn studiis incitatis et liberal i^er adiutis de scientia quoque cliemica 
promovenda optime meritus est. S. stand fortwährend in Verbindung mit den 
Größen seiner Wissenschaft, und mit Recht war er in dem Diplom nicht bloß 
als großer Fabrikherr, sondern auch als mitbeteiligt an den Fortschritten der 
Wissenschaft anerkannt. 

Nahm er solche Auszeichnungen dankbar hin, so blieb er dabei der 
schlichte, bescheidene Mann, der seine Verdienste eher zurückzustellen, als 
hervorzukehren liebte. Auch als er durch seinen Reichtum ein vielvermö- 
gender Mann geworden war, wollte er nichts anderes sein als ein einfacher 
Bürger. Von seinem Reichtum machte er den edelsten Gebrauch. Anderen 
Freude zu bereiten, war ihm selbst die größte Freude. Wo Hilfe not tat, 
konnte man auf ihn zählen. Den Künsten war er ein freigebiger Förderer. 
Für öffentliche Zwecke hatte er stets eine offene Hand. Stuttgart verdankt 
ihm reiche Zuwendungen für gemeinnützige Anstalten. Von seinen Beamten 
und Arbeitern verlangte er viel, wie er an sich selbst die höchsten Anforde- 
rungen stellte und rastlos im Denken und Schaffen sich keine Ruhe gönnte. 
Aber wie sehr er besorgt war um das Wohl seiner Untergebenen, wie er 
durch Stiftungen und Wohlfahrtseinrichtungen aller Art ihre Dankbarkeit sich 
erwarb, das ist ihm an seinem Grabe aus Vieler Mund bezeugt worden. Bei 
dem allen stand ihm seine Frau verständnisvoll und hilfreich zur Seite, ebenso 



Siegle. 243 

wenn es galt wohlzutun, als wenn des Hauses Räume für eine edle Gastlich- 
keit sich öffneten. Er hatte sehr früh, noch bei Lebzeiten des Vaters, sich 
mit Julie Wetzel aus Wildbad verbunden, die den mannigfaltigen Anforderungen, 
wie sie an die Frau eines solchen Hauses gestellt wurden, aufs schönst? sich 
gewachsen zeigte. Im Jahre 1871, zugleich mit der Aufrichtung des Reichs, 
an welches Zusammentreffen er gerne erinnerte, wurde die Villa bezogen, 
die S. durch den Architekten Gnauth auf der Anhöhe über der Reinsburg- 
straße hatte erbauen lassen, ein Wohnsitz, der durch seine Lage, seine edle 
Architektur, die gediegene Ausstattung der Räume, die reichhaltige Bibliothek, 
den Wintergarten, die Kunstschätze, die hier vereinigt waren, einen wahrhaft 
vornehmen, doch keineswegs prunkvollen Eindruck machte. Die Gäste des 
Hauses fanden sich aufs angenehmste und behaglichste berührt: man empfand, 
daß hier ein künstlerischer Geist waltete. Der große Saal enthielt eine Samm- 
lung erlesener Werke der Malerei, von Lenbach, G. Max, Schönleber, Haug u.a., 
dazu Marmorwerke von Donndorf und Hildebrand. Mehr noch war der Land- 
sitz in Ammerland, wo S. mit seiner Familie die Sommermonate zuzubringen 
pflegte, eine Stätte reichlich geübter Gastlichkeit. Künstler und Gelehrte, 
Diplomaten und Parlamentarier waren unter den Gästen des Hauses, wir 
nennen nur Bennigsen, Hammacher, Bassermann, und aus München den 
Minister Riedel und den intimsten Freund S.s, den Germanisten Wilhelm 
Hertz. Mit der Zeit vergrößerte S. diesen Besitz durch Angliederung von 
Waldungen und eines Bauernguts. Und wie er immer rastlos weiter und 
weiter seine Tätigkeit ausdehnte, so erwarb er später noch ein größeres Land- 
gut, Friedenfeld im Fichtelgebirge, das außer einem schönen Herrensitz eine 
Brauerei, eine Brennerei, eine Steinschleiferei enthielt. Er gefiel sich in dem 
Gedanken, einstens ganz auf den landwirtschaftlichen Beruf sich zurückziehen 
zu können, aber er täuschte sich, wenn er glaubte, daß es ihm möglich sein 
werde, Ruhe zu finden und der vielseitigsten Tätigkeit zu entsagen. 

Von Jugend auf ist S. ein glühender Vaterlandsfreund gewesen. Als im 
Herbst 1866 nach dem Prager Frieden in Württemberg die deutsche Partei 
begründet wurde mit dem Programm der Überbrückung der Mainlinie, des 
Anschlusses Süddeutschlands an den norddeutschen Bund, war S. unter den 
Mitbegründern, und er hat für die Existenz und die Wirksamkeit der Partei 
in den folgenden Jahren wesentliche Dienste geleistet und große Opfer ge- 
bracht. Eine aktive Rolle in der Politik zu spielen lag ihm anfangs ferne. 
Ganz von seinen beruflichen Geschäften in Anspruch genommen, besaß er 
zugleich eine natürliche Scheu vor öffentlichem Auftreten: er wußte, daß er 
kein Redner war. Allein das Vertrauen seiner Mitbürger ließ ihm keine 
Wahl. Die Bürgerpflicht besiegte alle Bedenken. Stuttgart war im Reichs- 
tag anfangs nationalliberal vertreten^ dann fiel das Mandat in die Hände 
der Demokratie. Bei den Septennatswahlen im Februar 1887 aber sollte es 
zurückerobert werden. Was damals die Wahl auf S. lenkte, war einmal das 
Ansehen, das er sich als Geschäftsmann großen Stils erworben hatte, dann 
aber das Gewinnende seiner Persönlichkeit und der Umstand, daß er, so ent- 
schieden seine politische Gesinnung war, doch kein einseitiger Parteimann 
war. Wohlwollend und vorurteilslos, fand er auch bei Gegnern willige An- 
erkennung. Er siegte in dem Wahlkampf, der unter großer Erregung und 
Begeisterung geführt wurde, mit bedeutender Mehrheit. Im Jahre 1890 wurde 

i6* 



244 Siegle. 

er von neuem gewählt, aber die Macht der Sozialdemokratie nahm auch in 
Stuttgart von Jahr zu Jahr zu, und im Jahre 1893 war es nur noch seine 
Persönlichkeit, wodurch noch einmal mit knapper Mehrheit das Mandat gegen 
die Sozialdemokratie behauptet wurde. 

Von 1887 bis 1898 hat S. dem Reichstag als Mitglied der nationallibe- 
ralen Partei angehört. Wie alles was er angriff, hat er auch seinen politischen 
Beruf ernst genommen und pflichtgetreu ausgefüllt. Mit eisernem Fleiß 
arbeitete er sich in die Materien der Gesetzgebung ein, wobei er sich der 
Hilfe eines wissenschaftlich gebildeten Sekretärs bediente. Er gehörte zu 
den fleißigsten Besuchern des Sitzungssaals; es ist ihm nachgerühmt worden, 
daß er unentschuldigt keine einzige Sitzung des Reichstags versäumt habe. 
Seine Tätigkeit war in erster Linie den Arbeiterfragen zugewandt. Er hatte 
nun Gelegenheit, die Grundsätze im großen zur Geltung zu bringen, von 
denen er sich bei der Behandlung des eigenen Beamten- und Arbeiterperso- 
nals leiten ließ. Er war überzeugt, daß die Maßnahmen zum Arbeiterschutz 
mit der Zeit, wenn auch nicht im Augenblick, eine versöhnende, allgemein 
menschliche Wirkung auf Arbeiter, wie auf Unternehmer auszuüben nicht 
verfehlen werden. So entschieden er für die Rechte der Unternehmer eintrat 
und sich ein unnötiges Eingreifen der Gesetzgebung verbat, das den Unter- 
nehmungsgeist und die Industrie, namentlich dem Ausland gegenüber, schädi- 
gen würde, so nachdrücklich erkannte er andererseits die Interessen der Arbeiter 
als berechtigt an. Er betrachtete es als noöile officium der Gewerbetreibenden, 
daß jeder in seinem Betrieb die Lösung der sozialen Frage selbst in die 
Hand nehme. »Lösen wir sie, jeder in seinem Betrieb, dadurch, daß wir 
unsere Arbeiter, wenn sie pflichttreu sind, als Mitarbeiter betrachten und 
demgemäß behandeln und ferner bei steigender Rentabilität auch die Löhne 
entsprechend erhöhen, so daß bei der Bestimmung der Lohnhöhe Angebot 
und Nachfrage nicht die allein den Arbeitgeber bestimmenden Faktoren sind. 
Wenn dies, wo es möglich ist, geschieht, dann nehmen wir selbst der Be- 
wegung das Berechtigte und damit hört sie auf, eine Gefahr zu sein. « Worte, 
die er im Jahre 1890 in Bremen auf einer Versammlung des Vereins zur 
Wahrung der Interessen der chemischen Industrie sprach, und von demselben 
humanen Grundsatz ließ er sich auch als Mitglied des Reichstags leiten. 
Großen Nachdruck legte er auf den Wert einer zuverlässigen, unparteiischen 
Arbeiterstatistik. Am 21. Mai 1890 stellte er den Antrag: »den Reichskanzler 
zu ersuchen statistische Aufnahmen über die I^age der arbeitenden Klassen, 
insbesondere über Arbeitszeit, die Lohnverhältnisse und Kosten der Lebens- 
haltung der Arbeiter in den verschiedenen Berufszweigen vornehmen zu lassen. « 
Der Antrag kam im Januar 1892 zur Beratung, S. begründete ihn in ausführ- 
licher Rede, er wurde fast einstimmig angenommen und die Wirkung war 
die Einsetzung der Kommission für Arbeiterstatistik, der er dann selbst als 
eifriges Mitglied angehörte. S. sprach im Plenum nicht oft, und immer nur 
in wirtschaftlichen F'ragen und in Dingen, wo er aus eigener Erfahrung ein 
Wort mitsprechen konnte. So sprach er zur deutsch-rumänischen Handels- 
konvention, zum Gesetz über die Verwendung gesundheitsschädlicher Farben 
bei Herstellung von Nahrungsmitteln, über die Seidenzölle im schweizerischen 
Handelsvertrag, für die Einführung einer staatlichen Prüfung der technischen 
Chemiker, gegen die Branntweinsteuer, die ihm eine ungerechte Belastung 



Siejrle. 



&' 



245 



des gemeinen Mannes zu sein schien, gegen den Bimetallismus, endlich 
wiederholt und erfolgreich für ehe Interessen der deutschen Kolonisten in 
Palästina, die bisher unter der Unsicherheit der türkischen Rechtsverhältnisse 
schwer zu leiden hatten. Als bekannter Freund und Kenner der Kunst wurde 
er auch in die Kommision für die Errichtung des Reichstagsgebäudes ge- 
wählt. Im Plenum hat er, vergeblich, für die Verwendung echten Materials 
zum Bau der großen Halle des Gebäudes gesprochen. Daß er sich auch für 
die Kolonialpolitik lebhaft interessierte, braucht kaum gesagt zu werden. Er 
hat gleich in der ersten Zeit der kolonialen Unternehmungen selbst ein Ge- 
biet an der Westküste Afrikas erworben und anbauen lassen. Aus seiner 
freihändlerischen Überzeugung hat er nie ein Hehl gemacht. Er gehörte 
dem Gold Währungsverein an, dem Schutzverband gegen agrarische Übergriffe, 
auch dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Man erkennt darin die 
Züge eines unverrückbaren Liberalismus. Frei und groß denkend, menschen- 
freundlich, hilfreich und gut, ein Förderer aller vaterländischen Bestrebungen, 
so hat er sich durchweg im öffentlichen Leben betätigt. Wo es ein patrior 
tisches Werk galt, war er mit offener Hand zur Mitarbeit bereit. Zum Denk- 
mal, das in Stuttgart dem Kaiser Wilhelm L errichtet wurde, hat wesentlich 
seine Bemühung und seine Opferwilligkeit beigetragen. * r 

Doch die rastlose, Jahr für Jahr sich immer weiter ausbreitende -Ge- 
schäftstätigkeit, die zerstreuende Hingabe an die mannigfaltigsten Interesseh, 
dazu noch die aufreibende Arbeit im Reichstag, das war zu viel. Bedurfte 
S.s Gesundheit schon immer einiger Schonung, so. war sie so starken und 
vielfältigen Anforderungen auf die Dauer nicht gewachsen. Als im Jahre 
i8q8 Neuwahlen zum Reichstag bevorstanden, hatte ihn schwere Krankheit 
befallen, die die Übernahme einer neuen Kandidatur verbot. S. ist ein typi- 
scher Vertreter des modernen Unternehmungsgeistes gewesen, aber auch eines 
seiner Opfer. K. Lamprecht hat seiner deutschen Geschichte eine überzeu- 
gende sozialpsychologische Analyse des heutigen Wirtschaftslebens einverleibt 
und dabei ausgeführt, wie beim Unternehmer neben der Kopfarbeit, neben 
der Anwendung wirtschaftlicher Umsicht und Voraussicht Gefühle und Affekte 
als Begleiter der wechselnden wirtschaftlichen Erscheinungen eine gewaltige 
Rolle spielen, wie die Affekte sich drängen, stoßen, ablösen, wie daraus eine 
ausnehmend starke Empfindlichkeit für Reize, ein nervöser Habitus entsteht, 
den das Hasten und Jagen der Gegenwart, die beschleunigte Lebensführung 
des heutigen Geschlechts noch steigert. »Niemand trifft diese Beschleunigung 
mehr als den Unternehmer, denn jeder weitere Sieg über Raum und Zeit be- 
deutet für ihn vermehrten Umtrieb seines Kapitals und somit Gewinn. Und 
indem er der erste ist, der das rasende Zeitmaß unsres Lebens geschaffen 
hat und schafft in rücksichtsloser wirtschaftlicher Erweiterung des Kraftbe- 
grifts und der Anschauung von Raum und Zeit, leidet er auch am meisten 
unter den Nachteilen des Systems, an Überspannung, Übersättigung, Über- 
müdung, am Jagen der Eindrücke und damit an dem unglückseligen Ruhe 
bedürfnis der Nervösen, an dem krankhaften Bedürfnis nach Abwechslung . . • 
Nun versteht sich, daß ein solches Ergebnis nicht blos Nervosität, sondern 
völligen Abbau des Nervensystems, Nervenverwüstung bedeuten kann.« 

Gegen die Macht der langsam, aber unaufhaltsam fortschreitenden Krank- 
heit vermochte weder der wiederholte Aufenthalt im Süden, noch die auf 



246 Siegle. Weech. 

opfernde Pflege der Seinigen anzukämpfen. Leichte Schlaganfälle traten 
hinzu. Sein Geist aber blieb helle bis in die letzten Tage, nur um so 
schmerzlicher war es ihm, der noch immer Freunde um sich zu sehen liebte, 
in der Sprache mehr und mehr behindert zu sein. Noch immer ließ er sich 
nicht abhalten, geschäftliche Dispositionen zu treffen. Gerne hielt er sich 
in den Räumen auf, wo er sich seiner Kunstschätze erfreuen konnte, und 
Freude anderer Art brachten die Kinder und die Enkel, die das einsamer 
werdende Haus belebten. Am 10. Oktober 1905 ist er nach neunjähriger 
Leidenszeit sanft entschlafen, vielbetrauert von den Seinigen, von den An- 
gestellten und Arbeitern seiner Geschäfte, von den politischen Freunden, von 
allen, die in glücklichen Tagen von der Güte und sonnigen Heiterkeit seines 
Wesens berührt worden sind. 

Nekrolog im Schwab. Merkur, u. Okt. 1905. W. Lang. 

Wccch, Friedrich Otto Aristides von, ♦16. Oktober 1837 zu München, 
t 17. November 1905 zu Karlsruhe. — W., dessen langjährige Wirksamkeit in 
ihren reichgestalteten Äußerungen durch die ganze zweite Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts hindurch mit der Geschichte des geistigen und literarischen Lebens 
im badischen Lande verbunden ist, gehört seiner Geburt und seinen Vor- 
fahren nach einem andern Boden an. Gern pflegte er seine oberschwäbische 
Herkunft hervorzuheben und zu erzählen, daß seine Altvordern als freie Leute 
auf der Leutkircher Haide gesessen hätten. Großvater und Urgroßvater aber 
standen in bayerischen militärischen Diensten. Als Hauptmann war W.s Vater, 
der schon während der Befreiungskriege die Waffen geführt, mit König Otto 
nach Griechenland gezogen. Nur sein 1837 erfolgter Tod und der Wegzug 
der Mutter in die alte Heimat hat es gefügt, daß zu den Oberschwaben und 
Bayern nicht auch noch ein Hellene gekommen war. Friedrich v. W. ist in 
München geboren, nur seine beiden andern Vornamen weisen auf das alte 
und neue Hellas hin. 

In reichem Maße konnte ihm auf deutschem Boden, an der unter Thierschs 
Einfluß jetzt in Blüte stehenden bayerischen Gelehrtenschule eine gründliche 
Bildung zuteil werden. Zuerst bei den gelehrten Benediktinern in Metten, 
deren Schule auch heute noch einen guten Klang hat, dann auf dem Lud- 
wigsgymnasium zu München hat er die Vorstudien zur Universität gemacht 
und als ein begabter, geistig regsamer Jüngling, mit glänzenden Erfolgen fort- 
schreitend, 1856 die Schule verlassen. Er bezog zunächst die Universität 
seiner Vaterstadt. Von Hause aus schon frühe literarisch beanlagt, empfäng- 
lich für alle geistigen Einflüsse und Eindrücke, bot auch das damalige München 
die rechte Lebensluft für ihn. Dem künstlerischen München Ludwigs I. war 
jetzt das literarische Maximilians gefolgt. Aus allen Teilen Deutschlands 
sammelten sich hervorragende Vertreter der Wissenschaft an der Münchencr 
Hochschule, Literaten und Poeten um die gastfreie Tafel des Königs. Vorab 
geschichtliche Erkenntnis zu fördern war der Wunsch des hohen Herrn. Durch 
die von ihm gegründete historische Kommission ward München der Sitz und 
Mittelpunkt historischer Studien. Um die glänzenden Vertreter dieser Wissen- 
schaft — Ranke, Sybel u. a. gehörten dieser Kommission an — scharten sich 
auch zahlreiche jüngere Talente und teilten sich in die reiche, anziehende 
Arbeit." Auch W. blieb nicht unberührt von dieser neuen Geistesströmung. 



Weech. 



247 



Innerer Neigung und anregendem Umgang mit gleich strebsamen Köpfen 
folgend war der Entschluß, sich dem Studium der Geschichte zu widmen, in 
ihm bald gefestet. Unter dem Einflüsse der Rankeschen Schule lernte er in 
München methodische Forschung, seit 1857 unter Ludwig Häusser in Heidel- 
berg die künstlerische Form der Rede und ihren machtvollen Einfluß auf 
weite, gebildete Kreise kennen. Es ist ihm hier gegangen wie unzähligen 
andern, denen die Eindrücke der Häusserschen Lehre und Rede dauernd fürs 
Leben blieben. 1860 promovierte W. mit einer quellenkritischen Abhandlung 
über » Kaiser Ludwig den Bayer und König Johann von Böhmen «, eine 
jugendliche Arbeit, die heute noch trotz der eingehenden Forschungen und 
Schriften über jene politisch und kirchlich stark erregte Zeit, als wissenschaft- 
lich wertvoll zu Rate gezogen wird. 

Dann trat er vorübergehend in den Dienst der bayerischen historischen 
Kommission und beteiligte sich an der Herausgabe der deutschen Städte- 
chroniken. Im zweiten Bande dieses großen Sammelwerkes erschien 1864 
die »Historische Darstellung der zwischen Markgraf Albrecht von Branden- 
burg und Heideck-Nümberg geführten Kriegsverhandlungen.« Unverkennbar 
hat die Beschäftigung mit dem buntbewegten, inhaltreichen Leben der mittel- 
alterlichen Städte in ihm ein reges Interesse für kulturelle Bilder und die 
starke Neigung, diese reizende Welt in literarischen Formen einmal selber 
darzustellen, schon frühe erzeugt. Nur vorübergehend konnten diese Arbeiten 
sein, denn ein bestimmtes Lebensziel boten sie nicht. Die akademische Lauf- 
bahn schwebte dem jungen Gelehrten vor und er suchte sich eine damals 
noch kleine Universität heraus. 1862 ließ er sich in Freiburg als Privatdozent 
nieder, wo nach Gfrörers Tode, Wegele nur ein Wintersemester (1863/64) 
wirkte und dann Treitschkes glänzende Erscheinung unter dem Eindrucke 
seiner gewaltigen, politischen Rede manchen Sturm in diese Windstille der 
breisgauischen Hochschule hineinbrachte. Mit ihm hat der junge W. blei- 
bende Freundschaft geschlossen, die selbst die Zeit überdauert hat, als beide 
an Erfahrungen und Eindrücken reicher, in ihren politischen Anschauungen und 
sonstigen Lebensauffassungen eine tief innerliche Verwandtschaft nicht mehr ver- 
rieten. Nach eigener Erzählung hat der neue Dozent an einer damals kleinen 
Hochschule, deren Studierende zum weitaus größten Teile der theologischen 
Fakultät angehörten, mit einer kleinen Zahl von Hörern sich begnügen 
müssen, so vielseitig auch der Stoff war, den er seinen Schülern darbot. 
Dabei ist W. an der Freiburger Hochschule wohl der erste gewesen, der 
badische Geschichte der neuen Zeit nicht allein auf dem Katheder vortrug, 
sondern auch durch öffentliche Vorlesungen diesen bis dahin unbekannten 
historischen Stoff weiteren gebildeten Kreisen zutrug. Von selbst erwuchs 
aus allen diesen Vorträgen und dem doch nur flüchtigen Erfolge der Rede, 
der Wunsch, auch in bleibender literarischer Form die Geschichte des nicht 
viel mehr als ein halbes Jahrhundert alten, so lebenskräftigen und trotz der 
mannigfachen Zusammensetzung aus historisch einander fremden Stücken 
doch bereits so einheitlichen Staates, in seiner wunderbaren Entwicklung und 
innern Eigenart darzustellen. Die in Freiburg gehaltenen Vorträge erschienen 
1863 unter dem Titel »Baden unter den Großherzögen Karl Friedrich, Karl 
und Ludwig 1738 — 1830«, durchaus von nationalem Gesichtspunkte aus ge- 
schrieben, »denn nur von diesem aus«, sagt der Verfasser in der Vorrede, 



248 Weech. 

»sollte heute noch die Partikulargeschichte behandelt werden.« Zum ersten 
Male überhaupt ward jetzt neuere badische Geschichte geschrieben. Durch 
den Zufall seiner Freiburger Habilitation kam der junge Dozent auf ein bisher 
unberührtes historisches Gebiet, dem er von nun an seine vorzüglichste Arbeits- 
kraft gewidmet hat. .W. ward und blieb der badische Historiker, vor ihm 
und nach ihm hat keiner so souverän die Geschichte des neuen badischen 
Staates beherrscht. Daneben führte ihn sein ausgesprochenes publizistisches 
Talent, dessen Wert Heinrich v. Treitschke am besten zu würdigen verstand, 
vorübergehend auch auf das politische Gebiet, wo ihn die schleswig-holstei- 
nische Frage, und in einer Reihe von Artikeln der Grenzboten, die bayerischen 
Verhältnisse beschäftigten. Es war aber für den begabten Schriftsteller von 
leicht erregbarer Natur gewiß ein Glück, daß er die Tätigkeit eines Journa- 
listen nicht als Beruf gewählt hat; doch sein Verständnis für die Fragen des 
öffentlichen Lebens in seinen politischen und geistigen Strömungen, die 
leichte und gewandte Art, wie er seine Gedanken zu Papier brachte, gaben 
ihm auch in seinen historischen Darstellungen einen Geleitbrief, der ihn 
weiten Kreisen empfahl. Weder dem Publizisten noch dem Historiker brauchte 
es um die Zukunft bange zu sein. Aber der Wunsch eines baldigen, ge- 
sicherten Lebensberufes mit der Möglichkeit einen eigenen Hausstand zu 
gründen, war doch stärker, als das Gefühl glücklichen Wohlbefindens in der 
freien akademischen Luft, in anregendem Umgang mit gleichaltrigen geistes- 
frischen Menschen und inhaltreichen Büchern. Ohne die Zeit abzuwarten, 
da ein Privatdozent ungeduldig und weltschmerzlich zu werden beginnt, 
leistete W. 1864 einem Rufe an die Hofbibliothek in Karlsruhe Folge, wo 
er die Stelle eines Hilfsbeamten mit dem Titel eines Hofbibliothekars über- 
nahm. Gewiß hätte er, dem Pünktlichkeit und Ordnungssinn eigen waren, auch 
im Bibliothekwesen seinen Mann gestellt, ohne jemals in einen Bibliotheks- 
katechismus einen Blick geworfen zu haben. Mit seiner gelehrten, akademisch 
geschulten und zugleich weltmännisch geläuterten, freien Bildung wäre er 
gerade da am Platze gewesen, wo allgemeine geistige Förderung mehr ge- 
sucht war, als gelehrte Zucht. Doch der Zufall führte ihn auf ein Arbeits- 
feld, das seinen historischen Neigungen weit näher lag. Treitschke wollte 
seinen Freiburger Kollegen in den Dienst der Diplomatie gestellt wissen, 
W. aber landete bei der Diplomatik. 1867 ward er zum Archivrat am General- 
landesarchiv ernannt und somit von den Büchern zu den Urkunden versetzt. 
Als W. in seinen neuen Beruf eintrat, stand auch das deutsche Archiv» 
wesen am Anfange einer neuen Entwicklung und verschaffte sich rticht allein 
in der Staatsverwaltung, sondern auch im wissenschaftlichen Leben eine un- 
entbehrliche Geltung. Mit dem Aufschwung der Geschichtsforschung, die 
ihre Jünger nun zahlreich zu den Quellen unseres historischen Lebens 
schickte, waren neue Aufgaben gestellt. Diese Archivbestände zu ordnen 
und zugänglich zu machen, auch selbst wissenschaftlich zu erschließen, ward 
ein Dienst des Archivars, von dem gründliche wissenschaftliche Bildung ver- 
langt werden mußte. Die Archive waren jetzt keine Anstalten mehr, an denen 
ausgediente brave Beamte ein otium cum dignitate führen konnten oder ver- 
dienstvollen Gelehrten Gelegenheit gegeben war, ungestört von der Außen- 
welt ihren literarischen Neigungen zu leben. Nicht mehr sich selbst allein, 
sondern dem Staate und der Wissenschaft sollte der Archivar selbstlos ein 



Weech. 



249 



Helfer und Berater sein. Das Karlsruher Archiv ist seinem Inhalte nach 
eines der bedeutendsten Deutschlands. Aus zahlreichen großen und kleinen 
politischen Gebilden des alten Reiches, die zum neuen badischen Staate die 
Bausteine geliefert haben, fanden sich die Zeugnisse historischen Lebens zu- 
sammen. Kin Gang durch dieses Archiv ist eine geistige Wanderung durch 
zwölf Jahrhunderte südwestdeutscher Geschichte. Die Wege aber, die heute 
den Forscher hindurchführen, waren nicht immer so bequem. Uneben, mit 
Gestrüpp verwachsen, Geröll beworfen, oft sich selbst verlierend und ohne 
Wegweiser irreführend, mußten sie erst gangbar gemacht werden. Noch unter 
Franz Josef Mone, der .bis 1868 Direktor des Archives war, und seinem Nach- 
folger Karl Heinrich Freiherrn Roth v. Schreckenstein hat der neue Archivrat 
an dieser Arbeit hervorragenden Anteil genommen. Die Repertorien des Karls- 
ruher Archives sind bleibende Zeugnisse dafür. 1885 ist W. dann selbst zum 
Vorstand dieser Anstalt ernannt worden. 

Die zwanzig Jahre seiner selbständigen Verwaltung sind reich an Arbeit, 
Verdienst und Erfolg. W. war auch zu diesem Amte wie geschaffen, denn 
auch hier kam ihm neben seiner historischen Bildung, die auch in seinier 
äußeren Erscheinung bis in die kleinsten Züge zutage tretende Ordnungsliebe 
zustatten. Dabei war er frei von Pedanterie und jeder kleinliche, bureau- 
kratische Zug fehlte ihm. Durch seine Verwaltung ging trotz aller peinlichen 
Strenge der Ordnung ein freier und vornehmer Zug, der auch in seinen sonst 
ungezwungenen L^mgangsformen stets dieses Mannes Herkunft verriet. Sein 
angeborenes organisatorisches Talent konnte sich in der neuen Stellung reich 
und fruchtbringend entfalten. Er schuf, in Anerkennung des früher Begonne- 
nen, aus dem Karlsruher Generallandesarchiv eine Anstalt, die bei Archivaren 
und (belehrten als ein Muster galt. Alles bewegte sich in freiem, vernünftigem 
Fortschritt. Immer mehr lösten sich die Benutzungsvorschriften von den 
Fesseln alter Zeit los, als die Öffnung der Archivtüre noch vielfach als eine 
Gnade und die Mitteilung eines Aktenstückes als Verrat eines Staatsgeheia>- 
nisses gegolten hat. Seit W. begonnen hat, den Inhalt seines Archives sogat 
durch gedruckte Inventare bekannt zu machen, gab es auch dort, wenigstens 
keine unbegründeten Geheimnisse mehr. Die Freiheit der Benutzung unter- 
stützte der Direktor selber durch persönliches Entgegenkommen und stets 
liebenswürdigen Rat, mit seinem eigenen Wissen und seiner langjährigen amt- 
lichen Erfahrung. 

Eine solche Verwaltung darf es sich zum unbeschränkten Verdienste an 
rechnen, wenn im Laufe der Jahre zunächst die Geschichtsforschung im 
badischen Lande bis in die kleinsten Winkel hinein einen ungeahnten Auf- 
schwung nahm und historisches Interesse, mit zunehmender Liebe zum hei- 
matlichen Boden im Gefolge, in weiteste Kreise drang. An dieser ebenso 
volkstümlichen wie hohen ethischen Aufgabe nahm aber vor allem die im 
Jahre 1883 gegründete Badische Historische Kommission ihren Anteil. Denn 
»die Kenntnis der Geschichte des großherzoglichen Hauses und des badischen 
Landes zu fördern « war ihre Aufgabe. So ganz natürlich und unzertrennlich 
mit dem großherzoglichen Landesarchive verwachsen, von dessen Boden sie 
Nahrung, Luft, Licht und Leben nahm, verdankte .sie vor allem seinem 
Direktor eifrige Pflege und Förderung. Als Sekretär leitete er die GeschäftfS 
der Kommission. Bei ihrer Gründung in maßgebender Weise beteiligt, war 



2 so 



Weech. 



und blieb er die Seele aller ihrer Unternehmungen. Ihre wissenschaftlichen 
Arbeiten hat er teils beratend und leitend unterstützt, teils durch eigene lite- 
rarische Beiträge gefördert. Zwei Neujahrsblätter hat er der Kommission 
geschenkt: »Badische Truppen in Spanien 1810 — 1813« (1892) und »Römi- 
sche Prälaten am Deutschen Rhein 1761 — 1764« (1898). Überall aber, wo er 
eingriff, ward seine Arbeit, sein Geschick, seine Erfahrung unentbehrlich, und 
in seiner ihm eigenen Art wird er in diesem gelehrten Kreise auch weiter- 
hin unersetzlich bleiben. 

Neben seinen amtlichen Berufspflichten hat aber W. auch eine ungemein 
reiche, literarische Tätigkeit entfaltet, mit einer bewundernswerten, einander 
entlegenste Gebiete berührenden Vielseitigkeit. Sein Nachfolger im Amte 
Geh. Archivrat Dr. Obser hat im Anhang seines eingehenden, in der Zeit- 
schrift für die Geschichte des Oberrheins veröffentlichten Nachrufes alle von 
W. selbständig erschienenen Schriften sowie die in Zeitschriften und Zeitungen 
veröffentlichten Abhandlungen und Mitteilungen geschichtlichen Inhalts in 
dankenswerter und gründlicher Weise zusammengestellt. Wir können uns 
daher nur auf die wichtigsten Erscheinungen beschränken. Besonders zahl- 
reich sind die aus den amtlichen Ordnungs- und Repertorisierungsarbeiten 
hervorgegangenen Funde und Mitteilungen, die in der erwähnten Zeitschrift 
durch alle Jahrgänge hindurch zerstreut, als Sonderabdrücke genommen ganze 
Quellenpublikationen und umfangreiche Abhandlungen darstellen. Die ganze 
Vergangenheit der heute zum Großherzogtum Baden gehörigen Landesteile, 
die Geschichte zahlreicher Städte uud Dörfer, Burgen und Klöster, unter- 
gegangener und noch lebender Geschlechter, der verschiedenartigsten kultu- 
rellen Zustände ist in diesen zerstreuten Mitteilungen berührt, erforscht und 
dargestellt. Der besonders in drei umfangreichen Bänden (1883 — 1895) her- 
ausgekommene Codex diplamaticus Salemitanus^ das für die Geschichte der 
Bodenseegegend wichtige Urkundenbuch der Cisterzienserabtei Salem, ist 
aus dieser amtlichen Ordnungsarbeit hervorgegangen. Sonst wendet W. sein 
Interesse und seine Arbeit lieber der neueren Geschichte seines neuen Hei- 
matlandes zu. Ergebnisse dieser Studien sind die 1865 auf Grund der Karls- 
ruher Ministerialakten herausgegebenen » Correspondenzen und Aktenstücke 
zur Geschichte der Ministerkonferenzen von Karlsbad und Wien in den 
Jahren 1819, 1820 und 1834« und seine 1868 erschienene »Gescliichte der 
badischen Verfassung«, Werke von bleibendem Wert und grundlegender Be- 
deutung auch für künftige Forschung und Darstellung. Gleich verdienstvoll 
ist auch die im gleichen Jahre aus dem Nachlasse des Verfassers herausge- 
gebene Biographie » Karl Friedrichs von Baden « von Nebenius. Nur vorüber- 
gehend hat der von vielseitigen Interessen erfüllte Verfasser auch andere 
Zeiten und Stoffe wieder aufgenommen. Seine 1878 erschienene Sammlung 
von Vorträgen und Aufsätzen »Aus alter und neuer Zeit« umfassen die 
Zeiten von Ludwig dem Bayern bis herauf in die Frühlingstage des badischen 
konstitutionellen Lebens. Dazwischen : Charakterporträts von Rottek, Böhmer, 
Häusser, Mohl u. a. Mit C. F. Lessing haben die künstlerischen, mit dem 
» Roten Kreuz « die sozialen Interessen des Verfassers ihren vielseitigen Aus- 
druck gefunden. Bei seinem gemeinverständlich geschriebenen von der Flut 
neuer Erscheinungen längst überholten Buche: »Die Deutschen seit d^r 
Reformation mit besonderer Berücksichtigung der Kulturgeschichte« (1879) 



Weech. 2 5 1 

dürfte die vaterländisch gestimmte und bei einem treuen Sohne der römischen 
Kirche objektiv gehaltene Darstellungsweise hervorgehoben werden. 

Auch seine alte Neigung zu kultur- und sittengeschichtlichen Bildern ist 
in Sebastian Bürsters »Beschreibung des Schwedischen Krieges in den Jahren 
1630 — 1647I« wieder aufgewacht: am Bodensee sich abspielende Ereignisse 
und Zustände von einem Konventualen des Klosters Salem verfaßt, von W. 
herausgegeben und Gustav Frey tag in der Vorrede zugeeignet (1875). ^^^ 
Herausgebers des Salemer Urkundenbuchs Verständnis für Sphragistik und 
Heraldik bekundet das vornehm ausgestattete Werk »Siegel von Urkunden 
aus dem Großh. Badischen General landesarchiv zu Karlsruhe« (Ser. i u. 2, 
1883 — 1886) und die zum Jubiläum der Heidelberger Universität 1886 heraus- 
gekommene Schrift »Über die Lehensbücher der Kurfürsten und Pfalzgrafen 
Friedrich I. und Ludwig V.« Auch die von der historischen Kommission 
herausgegebenen »Siegel der badischen Städte« (1899 — 1903) sind der An- 
regung W.s zu verdanken und von seinen einleitenden Worten begleitet. 

Aber W. beschränkte sich nicht auf einen Arbeitskreis, in dem nur der 
gelehrte Fachmann zu Hause war. Es wäre schade gewesen, wenn er sein 
Talent für kunstvolle Darstellung in dieser Weise vergraben hätte. Um so 
mehr bleibt es eines seiner großen Verdienste, daß er badische Geschichte 
im besten Sinne des Wortes populär gemacht hat. Gelehrtenstolz, der sich 
scheut, auch einmal zum Volke herabzusteigen, war ihm fremd, wie denn 
dieser Zug ihm auch sonst im Leben abging, insbesondere denen gegenüber, 
die an Stellung und Bildung unter ihm standen. Der gelehrte Herausgeber 
des Codex Salemitanus konnte zeitweise auch in dem ehrwürdigen »Lahrer Hin- 
kenden « den Lesern im schneebedeckten Schwarzwald oder den aufgeklärten 
Kartoffelbauern der Pfalz mit einem Lebensbilde Häussers, Mathys oder gar 
des alten Marschall Vorwärts zur winterlichen Abendlektüre und Belehrung 
aufwarten. Selten verging ein bedeutsames Jubiläum im badischen Land 
und Fürstenhaus, ohne daß neben den flüchtig verhallenden Festreden nicht 
auch aus der Feder W.s etwas zur bleibenden Erinnerung geschaffen worden 
wäre. Seine 1877 erschienene Schrift »Baden in den Jahren 1852 — 1877« 
und seine »Zähringer in Baden« (188 1) sind solche Erinnerungszeichen am» 
festlich vergangenen Tagen. An die weitesten Kreise wendet sich seine 1890 er- 
schienene »Badische Geschichte«, die einem allgemeinen Bedürfnisse entgegen- 
kam, da seit Preuschens Buch von 1842 eine zusammenfassende gemeinver- 
ständliche Geschichte Badens nicht mehr versucht worden war. Das neue 
Werk beschränkt sich allerdings und dies mit Recht auf die Geschichte des 
badischen Fürstenhauses und der altbadischen Lande. Ein jeder Versuch, 
das historische Leben der erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts mit Baden 
verbundenen Teile und Reste anderer einst selbständiger Staatsgebiete, die 
in gar keinem entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang mit ihrem neuen 
Kristallisationspunkte stehen, muß bis zu einem gewissen Grade mißlingen. 

Der Gelehrte, der einst in jungen Jahren an den Nürnberger Städtechro- 
niken gesessen hat, ist auch am Ende seines Lebens wiederum zur Städtege- 
schichte zurückgekehrt. Im Auftrage der Stadt Karlsruhe hat er 1895 — 1904 
ihre Geschichte in drei Bänden herausgegeben, eine Ehre, die wohl keiner 
anderen noch jugendlichen Stadt in so ausdrucksvoller Form zuteil geworden 
ist. Dem für geschichtliches Leben empfänglichen Sohne einer alten be- 



*- J — 



Weech. 



rühmten Reichsstadt, der in seiner heimatlichen Chronik schon von Kelten 
und Römern erzählen hört, mag moderne Stadtluft nicht zusagen. Drei 
Bände Geschichte gar, von einem Gemeinwesen, dessen Forum niemals ein 
imperlum mundi bedeutet hat, mag ihm unverständlich erscheinen, so lange 
er nicht selbst hineingeschaut hat. Aber gerade der rasche Aufschwung der 
badischen Residenz in jeder Fonn des heutigen städtisch-sozialen Lebens 
verdient, daß man ihre Entwicklung in ihren tiefern Gründen erkennen lernt 
und den flüchtigen Wechsel moderner Erscheinung durch den Griffel der 
Geschichte beizeiten festhält. In hundert und aberhundert Jahren werden die 
Bürger Karlsruhes ihrem alten W., in Ehrfurcht vor vergangenen Zeiten, ebenso 
dankbar sein, wie die Augsburger ihrem Burkard Zink, dessen Lebensbild 
aus dem fünfzehnten Jahrhundert der Karlsruher Städtechronist so schön ge- 
zeichnet hat (Aus alter und neuer Zeit S. 67 ff.). 

Gut badisch, wie schon der Titel sagt, sind auch die »Badischen Bio- 
graphien«, die, von 1875 — ^9^5 in fünf Bänden herausgekommen, W. nicht 
allein zum Leiter und Herausgeber, sondern auch zum eifrigsten Mitarbeiter 
gehabt haben. Mag in diesem badischen Pantheon so mancher brave Staats- 
bürger, der seinen ersten Schrei auf badischer Erde tat oder sonst ohne 
Schuld und Fehle darauf einherging, zu ungeahnter und unverdienter Un- 
sterblichkeit gelangt sein, so üben\'iegt doch weitaus die Zahl bedeutender 
Männer, die im vergangenen Jahrhundert um Staat und Kirche, Kunst 
und Wissenschaft und das gesamte kulturelle Leben vom Bodensee bis 
zum Neckar und Main sich verdient gemacht haben. Ihr Lebensbild, oft 
unter dem frischen Eindrucke ihrer abgeschlossenen Tätigkeit dargestellt, 
gewinnt zeitgenö.ssischen Wert. Bei allen biographischen Unternehmungen 
war der Name W^s gesucht, wie denn der biographische Essay zum besten ge- 
hört, was der leichten Feder dieses Schriftstellers entstammt. Die »Allgemeine 
deutsche Biographie « hatte einen zuverlässigen Freund an ihm und auch das 
vorliegende Jahrbuch glaubte sich selbst am besten empfehlen zu dürfen, 
wenn es auch W.s Namen auf das Titelblatt gesetzt hat.^) Mit einem schönen 
Lebensbilde des edlen, durch Geist und Charakter gleich ausgezeichneten 
badischen Staatsministers Nokk ist W. aus dem Leben geschieden. 

Von vielseitiger Bildung, mit seinen auch der Gegenwart zugeneigten 
Lebensanschauungen saß W. nicht hinter Pergamenten vergraben und in ferne 
Zeiten versunken abseits vom stimmungsvollen Schauplatze, auf dem die 
menschliche Gesellschaft sich bewegt. Immer behielt er das Leben und 
diese Menschen im Auge, wenn er auch im Dienste der Wissenschaft in die 
Welt hinauszog, gleichviel, ob er bei den gelehrten Benediktinern zu St. Paul, 
in den Briefen des gelehrten St. Blasianers Gerbert sich umsah oder das Leben 
des italienischen Volkes in Vergangenheit und Gegenwart sich zu eigen 
machte, deren Eindrücke er 1896 in seinen »Romfahrten« in geistreichem 
Erzählertone wiedergegeben hat. Daheim aber stand er mitten im geistigen 
Leben des Landes und der Residenz. Leider nur für kurze Zeit konnte er 
für seine 1874 gegründete literarische Beilage zur Karlsruher Zeitung eine 



») Vgl. Bd. IX des »Biographischen Jalirbuchs und Deutschen Nekrologs c, Vorrede. 
A. d. H. 



Weech. Oncken. 2 ^ > 

Reihe namhafter Mitarbeiter aus Baden und von auswärts durch seinen weit- 
reichenden, literarischen Kinfluß zusammenführen. Dafür machte er sein 
eigenes Haus, in dem seine Frau, die geistvolle und künstlerisch begabte 
Tochter des berühmten Juristen Johann Adam Seuffert, mit gastfreundlicher 
Umsicht und vornehmem Takte waltete, Jahre hindurch zum Mittelpunkte 
der geistig angeregten Gesellschaft der Residenz. Was in Literatur und 
Kunst, im staatlichen und sozialen Leben von Ansehen und Einfluß war, 
fand sich hier zu zwangloser, gar oft durch musikalische Eindrücke abwechs- 
lungsreich gestalteter Geselligkeit zusammen. W. selbst war ein geselliges 
Talent. Ein angenehmer Unterhalter, in leichter Rede geistvoll und amüsant, 
ganz besonders lebhaft, wenn zu schärferem Urteil über Welt und Menschen 
die Zunge sich löste. Er hatte immer viel zu erzählen. Wie seine Stellung 
und Bildung, seine Unterhaltungsgabe, seine weltmännische allen Verhält- 
nissen gewachsene Gewandheit ihm Fühlung auch mit den höchsten Kreisen 
gab, so gewann er durch seinen von sozialem Hochmut freien, harmlosen 
Verkehr gerade beim Volke viel Zuneigung und Verehrung. Dennoch war 
er innerlich nicht glücklich beanlagt: Eine lebhafte, überaus stark impulsive 
Natur, über die der Moment widerstandslos seine souveräne Herrschaft führte. 
Ein starkes Gegengewicht von ausgleichender Ruhe hätte dieses Leben har- 
monischer gestalten können. Rasch pflegte er die Eindrücke des Lebens in 
sich aufzunehmen, ebenso rasch dem Leben wieder zurückzugeben, ohne den 
Gedanken Zeit zu lassen, durch kühlen Widerstand das Feuer innerer Erregung 
zu dämpfen. So mit Wirkung und Gegenwirkung der Außenwelt oft in Kon- 
flikt, litt keiner mehr darunter, als er selber. Was seinen Umgang am inter- 
essantesten machte, sein lebhaftes Temperament, das war sein eigener bitter- 
ster Feind. Nicht auf einmal sind Menschen von solch stark erregbarer, 
wechselvoller, aber ausdrucksreicher Stimmung in einem einheitlichen Cha- 
rakterbilde zu fassen. Wer aber W. nicht flüchtig nur in Momenten kennen 
gelernt, sondern lange in sein Inneres gesehen hat, der fand gar Vieles, was 
ihm nicht nur den Gelehrten, Schriftsteller und Beamten, sondern auch den 
Menschen dauernd nahe bringen mußte. 

Xachmfc von: Karl Obser (Zeitschrift f. d. Geschichte des Oberrheins N. F. 21 
S. 323 — 344); Albert Krieger (Archivalische Zeitschrift 1906); Peter Albert (Zeitschrift der 
Gesellschaft f. Geschichtskunde zu Freiburg im Breisgau 22, S. i — 13); V. Frankhauser 
(Historische Vierteljahrssclirift 1906 S. 150 — 152), sowie persönliche Eindrücke und Erinne- 
rungen. J. Wille. 



Oncken, Wilhelm, üniversitätsprofessor der Geschichte in Gießen, 
* 19. Dezember 1838 in Heidelberg, f n. August 1905 in Gießen. Studierte 
in Heidelberg, Göttingen und Berlin klassische Philologie und Geschichte, 
habilitierte sich 1862 in Heidelberg und wirkte seit 1870 als ordentlicher Pro- 
fessor der Geschichte in Gießen. 

(). war der letzte Vertreter einer ehedem blühenden Richtung in der 
Geschichtsschreibung, die gekennzeichnet wird durch die Namen Häusser, 
Drovsen und Duncker. Verband ihn auf der einen Seite mit Häusser die 
persönliche Jüngerschaft, so zeigt auf der andern seine wissenschaftliche Ent- 
wicklung die größte Verwandtschaft mit Duncker und Droysen. Wie sie hat 



254 



Oncken. 



er seinen Ausgang vom Studium des griechischen Altertums genommen, um 
später zur neueren und neuesten deutschen Geschichte überzugehen. Seine 
ersten Arbeiten galten Aristoteles und Athen {Emendationes in Aristotelis Ethica 
Nkomachica et polttica i86iy Isokrates und Athen 1862, Athen und Hellas, 
2 Teile 1865/66, Die Staatslehre des Aristoteles, 2 Teile 1870/75). Aber schon 
ein Jahr nach der letzten dieser Veröffentlichungen erscheint das Buch über 
Österreich und Preußen im Befreiungskriege, 2 Bde. 1876/79, dem nun in 
kurzen Abständen die umfangreichen Werke über das Zeitalter Friedrichs 
d. Gr., 2 Bde. 1881/83, <^^s Zeitalter der Revolution, des Kaiserreiches und 
der Befreiungskriege, 2 Bde. 1885/87, und das Zeitalter Kaiser Wilhelm L, 
2 Bde. 1890/92, folgten. Den Abschluß machte 1897 die Jubiläumsschrift 
»Unser Heldenkaiser«, wertvoll durch das kostbare Brief material, das hier 
zuerst veröffentlicht werden durfte. — Die Verbindung zwischen den so 
entfernten Gebieten Alt-Griechenland und Neu-Deutschland wurde bei O., 
genau wie bei Duncker und Droysen, hergestellt durch die politische und 
nationale Denkweise. Wie jene beiden hat auch O. in der Geschichte Grie- 
chenlands die gleichen Probleme gesucht und zu finden geglaubt, die das 
deutsche Volk seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Atem hielten: 
Einheit und Freiheit, Nation und Verfassung. So tragen seine Jugendschriften 
über »Isokrates« und »Athen und Hellas« die bezeichnenden Untertitel »Bei- 
träge zur Geschichte der Einheits- und Freiheitsbewegung in Hellas« und 
»Forschungen zur nationalen und politischen Geschichte der Griechen«. 
Sind diese Arbeiten, mit der ganzen Richtung, der sie angehören, heute 
überwunden, so verdienen die Bücher über »Österreich und Preußen« und 
über das »Zeitalter Wilhelms I.« dauernde Beachtung; jenes um des darin 
zugänglich gemachten Aktenmaterials willen und wegen seines höchst be- 
rechtigten Widerspruches gegen die Befangenheit, mit der H. v. Sybel vom 
einseitig preußischen Standpunkte aus die Dinge hatte darstellen wollen; 
dieses, weil es der erste Versuch einer zusammenfassenden Darstellung der 
jüngsten Vergangenheit war. — In seiner Schreibweise verleugnet O. nirgends 
den Jünger der Schlosser-Häusserschen Schule, deren bevorzugtes Mittel das 
Pathos, und deren Absicht die Weckung des Enthusiasmus ist. Den gleichen 
Stempel trugen auch O.s akademische Vorlesungen und noch mehr die popu- 
lären Vorträge, die er gern und häufig, bis in sein hohes Alter, zu halten 
pflegte. Die meisten deutschen Städte haben ihn und seine historisch-poli- 
tischen Vorträge kennen gelernt, in manchen war er ein wiederholt gesehener 
Gast. Bei solchen Gelegenheiten konnte er wohl auf größere Zuhörermassen, 
ebenso wie auf die akademische Jugend, fesselnd und hinreißend wirken. 
Weltbekannt ist sein Name geworden durch die »Allgemeine Weltgeschichte 
in Einzeldarstellungen«, die seit 1877 in 44 Bänden durch Zusammenwirken 
der namhaftesten Fachmänner unter seiner keineswegs bloß nominellen Leitung 
erschien. Sie ist, wie das erste seit Heeren und Ukert, so auch bis heute, 
obwohl öfters nachgeahmt, das beste Werk ihrer Art. Ihr verdanken wir 
u. a. solche Meisterwerke wie Erdmannsdörffers deutsche Geschichte seit 
1648, Bezolds Reformationszeit und Stades Geschichte Israels. — Persönlich 
war O. eine überaus liebenswürdige, lebensfrohe Natur, die sich für künstle- 
rische Dinge, wie z.B. die Musik, nicht weniger warm interessierte, als für 
öffentliche Angelegenheiten. Im Deutschen Reichstage vertrat er 1874 — 76 



Oncken. Caroline. 



255 



den Wahlkreis Gießen als Mitglied der nationalliberalen Partei. Auch dem^ 
hessischen Landtage hat er mehrere Jahre angehört. 

Gießen. Prof. Dr. J. Hai 1er. 

Caroline, Großherzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach, ♦ 13. Juli 1884 in 
Greiz, f 17. Januar 1905 in Weimar. — Als viertes Kind und dritte Tochter des 
Fürsten Heinrich XXII. von Reuß älterer Linie und der Fürstin Ida, geborenen 
Prinzessin zu Schaumburg-Lippe, wuchs sie auf im Kreise der Geschwister 
und verlebte ihre Kindheit unter 'den Augen der vortrefflichen Mutter, die 
sich ihren Pflichten in der Familie ebenso gewissenhaft und hingebend wie 
ihren Aufgaben als Landesfürstin widmete. Ihr frühzeitiger Tod am 22. Sep- 
tember 1891 war für den Gatten und die sechs unmündigen Kinder ein 
schwerer Verlust. In seinem untröstlichen Schmerze konnte sich der Fürst, 
wie sehr er auch die Seinigen liebte, zu einer zweiten Heirat nicht ent- 
schließen, und bei seinem Hange zur Einsamkeit, seiner zunehmenden Taub- 
heit und anderen körperlichen Leiden gelang es ihm um so weniger, den 
Widerwillen dagegen zu überwinden. Die Folgen, die daraus für seine Töchter 
erwuchsen — der einzige Sohn war infolge falscher ärztlicher Behandlung 
geistig zurückgeblieben — sind leicht zu ermessen, besonders da die Prin- 
zessinnen auch sonst niemanden hatten, der ihr volles Vertrauen zu ge- 
winnen und einigermaßen die Stelle der Verstorbenen zu übernehmen ver- 
mochte. 

Wenn ihnen aber diese auch nicht annähernd ersetzt wurde, so war gleich- 
wohl Fürst Heinrich XXII. ernstlich bestrebt, das von ihr begonnene Werk 
durch gewissenhafte Erfüllung seiner Vaterpflichten an den Kindern weiter- 
zuführen. Der Unterricht seiner Töchter war von ihm durchweg in die Hände 
der tüchtigsten Lehrer und Lehrerinnen gelegt worden. In bestimmten Fächern, 
vor allem in der Geschichte, Kunst- und Literaturgeschichte, wurde er auch 
nach der Konfirmation beibehalten, zugleich aber die Pflege der Musik, der 
Malerei und der modernen Sprachen nicht außer acht gelassen. Auf den 
Landschlössern Ida-Waldhaus bei Greiz und Burgk im oberen Saaltale, wo 
sich die Prinzessinnen regelmäßig im Sommer und Herbst einige Monate über 
aufhielten, erlitten jene ernsten Beschäftigungen keine Unterbrechung, doch 
fanden die Schwestern in der reizenden Umgegend dieser Orte auch für ihre 
Erholung genügenden Spielraum. Was sie sonst von der Welt kennen lernten, 
sahen sie meist auf Badereisen, die sie von Zeit zu Zeit, vor allem an die 
Nord- und Ostsee, unternahmen. Besuche an anderen Fürstenhöfen wurden, 
außer bei den schaumburg-lippischen Verwandten in Bückeburg, nur sehr 
selten gemacht. Übrigens gab der Vater den Prinzessinnen auch am eigenen 
Hofe Gelegenheit, sich im Verkehr mit Menschen, wie ihr Stand ihn erfor- 
derte, zu üben, und gewöhnte sie auf diese Weise schon frühzeitig, wenn 
auch freilich nur in sehr bescheidenen Verhältnissen, an die Erfüllung fürst- 
licher Pflichten. Das war um so wichtiger, als ihm ebenfalls kein sehr langes 
Leben beschieden sein sollte. Erst 56 Jahre alt, folgte er am 19. April 1902 
nach längerer Krankheit seiner Gemahlin in den Tod. 

Inzwischen war Prinzessin Caroline zu einer sehr anmutigen jungfräulichen 
Erscheinung erblüht: mittelgroß, von schlanker Gestalt, voll Grazie in den 
Bewegungen, das Gesicht von frischer Farbe und lieblichster Bildung, belebt 



256 



Caroline, 



.und geistvoll im Ausdrucke, die Stirne hoch und sanft gewölbt, umrahmt 
von dichten, kastanienbraunen Haaren. 

Diesem einnehmenden Äußeren entsprechend offenbarte sie schon früh- 
zeitig reiche Anlagen des Geistes und des Herzens. Sie lernte leicht und 
war eine eifrige, liebenswürdige Schülerin, fröhlichen Temperamentes, zu harm- 
losen Neckereien geneigt und von treuem, dankbarem Gemüte. Auch der 
Sinn für das Edle und Erhabene blieb bei dem hoffnungsvollen Kinde nicht 
lange verborgen, vor allem aber erwachte bald in ihm eine vielverheißende 
Neigung zur Kunst und eine unleugbare künstlerische Anlage. Bei kleinen 
Theateraufführungen der Geschwister gab Prinzessin Caroline ein ganz köst- 
liches Darstellungstalent zu erkennen; sie machte ferner hübsche Gelegenheits- 
gedichte und besaß außerdem für die Musik ein lebhaftes Empfinden, das 
sich durch unermüdlichen Fleiß immer mehr vertiefte und verfeinerte. Ihr 
Interesse an der deutschen, französischen und englischen Literatur suchte sie 
durch Lektüre nach Kräften zu befriedigen und erlangte allmählich eine für 
ihr Alter erstaunliche Belesenheit. Ebenso brachte sie auch der bildenden 
Kunst die ganze Begeisterung der Jugend entgegen und empfand es daher 
oft schmerzlich, daß ihr so selten Gelegenheit geboten war, bedeutende Werke 
auf diesem Gebiete aus eigener Anschauung kennen zu lernen. 

Fürwahr eine Persönlichkeit, von der man viel erwarten durfte, wenn ihr 
etwa das Los zuteil wurde, sich frei von den beengenden Schranken des bis- 
herigen Lebens zu entfalten. Diese Aussicht eröffnete sich ihr in der Tat sehr 
bald: im Dezember 1902 lernte sie in Bückeburg den Großherzog Wilhelm 
Ernst -von Sachsen-Weimar-Eisenach kennen, der, auf den ersten Blick für sie 
eingenommen, um ihre Hand anhielt. Seine Werbung fand Gehör, und am 
9, Dezember wurde die Verlobung vollzogen. 

Die ersten Wochen ihres Brautstandes blieb Prinzessin Caroline bei den 
mütterlichen Verwandten, zu Anfang des nächsten Jahres aber kehrte sie von 
Bückeburg in die Heimat zurück, wo sie die folgenden Monate verlebte. Im 
Kreise der Geschwister empfing sie während dieser Zeit noch ziemlich oft 
den Besuch ihres Verlobten; zum letzten Male fand das Osterfest 1903 die 
beiden in Greiz vereinigt. Kurz darauf, am 25. April, verließ die Prinzessin, 
von den Segenswünschen der treuen Greizer begleitet, ihre Vaterstadt, um 
sich nach Bückeburg zur Hochzeit zu begeben. Am 30. wurde diese im Bei- 
sein des deutschen Kaisers, der Königin der Niederlande und ihres Gatten, 
sowie vieler anderer fürstlicher Gäste mit großem Glänze gefeiert. 

Im Anschlüsse daran brachten die Neuvermählten einige Wochen in 
ländlicher Stille auf den schlesischen und posenschen Herrschaften des Groß- 
herzogs zu, ein Aufenthalt, mit dem ein Ausflug nach Wien verbunden wurde, am 
2. Juni aber hielten sie unter dem Jubel der Bevölkerung ihren Einzug in Weimar. 

Glänzende Feste reihten sich an ihn; ihren Abschluß bildete die Gala"- 
vorstellung im Hoftheater am 5. Juni. Auf Befehl des Großherzogs wurde 
dabei an erster Stelle Schillers Huldigung der Künste gegeben, eine Wahl, 
die, wie keine zweite, geeignet erschien, die junge Fürstin auf ihre großen 
Aufgaben hinzuweisen und zu freudigem Tun im Sinne ihrer Vorgängerinnen 
anzuregen. 

Die Nachfolgerin dieser ausgezeichneten Frauen hatte bei ihrer großen 
Jugend natürlich noch einen weiten Weg zurückzulegen, um das vom Schick- 



Caroline. 



257 



sale ihr gesetzte hohe Lebensziel zu erreichen. Die neue Umgebung der 
Großherzogin sah gleichwohl nach dem Einblick, den sie seit der Vermählung 
in Carolinens Wesen gewonnen hatte, ihrer Zukunft mit Vertrauen entgegen. 
Sie wurde darin noch bestärkt durch das sichtliche Bemühen ihrer jungen Herrin, 
die mit den ersten Empfangsfeierlichkeiten in Weimar verbundenen durchaus 
nicht leichten Repräsentationspflichten nach jeder Richtung hin gewissenhaft 
zu erfüllen. 

Sobald dieselben vorüber waren, siedelte das junge Paar von Weimar 
nach dem nahen Schlosse Ettersburg über, das seiner idyllischen Lage und 
der unmittelbar anstoßenden schönen Wälder wegen von altersher ein be- 
liebter Sommeraufenthalt des weimarischen Hofes gewesen ist. Um ihn seiner 
Gemahlin noch angenehmer zu machen und ihr den Übergang zu den neuen 
Lebensverhältnissen zu erleichtem, hatte der Großherzog auch ihre drei noch 
unverheirateten Schwestern, die Prinzessinnen Marie, Hermine und Ida, aufs 
Land eingeladen. Außer dem Zusammensein mit ihnen bot auch die Nähe 
Weimars der Großherzogin Zerstreuung und Anregung. Wiederholt besuchte 
sie Musikaufführungen und Theatervorstellungen, sie lernte die Sammlungen 
der Stadt, sowie ihre Anstalten für Zwecke der Kunst, der Bildung und der 
Wohltätigkeit kennen; gleichzeitig kam sie auch mit der an interessanten 
und angenehmen Elementen gewiß nicht armen weimarischen Gesellschaft in 
Berührung. Gelegenheit dazu bot sich ihr teils bei Einladungen, die nach 
Ettersburg ergingen, teils auf Schloß Belvedere, dem in Goethes Zeit und 
auch später viel genannten Landsitze südlich von Weimar, der seit 1901 im 
Sommer von der Erbgroßherzogin-Witwe Pauline bewohnt wurde und während 
ihrer Anwesenheit einem sehr lebhaften geselligen Verkehr zum Schauplatze 
diente. Ihrer Schwiegertochter war die gütige, liebenswürdige Fürstin von 
Anfang an in der ihr eigenen herzlichen Art entgegengekommen, und auch 
jetzt bewährte sie sich ihr als wohlmeinende ältere Freundin, was bei ihrer 
Weltgewandtheit und Erfahrung in den heimischen Verhältnissen um so wich- 
tiger erschien. Durch wiederholte kleine Feste, die sie in ihren kunstge- 
schmückten Räumen veranstaltete, war sie bemüht, Weimar der Großherzogin 
im angenehmsten Lichte zu zeigen, und auch die Jugend kam hier voll zu 
ihrem Rechte. 

Trotz alledem konnte jedoch dem aufmerksamen Beobachter eine ge- 
wisse Schwermut in Carolinens Wesen nicht entgehen. Sie erklärt sich aus 
dem Zusammentreffen verschiedener die junge Fürstin beeinflussender Um- 
stände. 

Zunächst war sie schon in den Tagen der Verlobung im Hinblick auf 
ihre dereinstige Stellung, die sie sich schwieriger dachte, als sie war, mit 
leiser Besorgnis erfüllt. Dazu gesellte sich die Trauer über das Scheiden 
von der Heimat und den geliebten Geschwistern. Mit großer Zärtlichkeit 
hing sie an diesen bisher unzertrennlichen Gefährten ihres Lebens, an den 
vier Schwestern und dem beklagenswerten Bruder, dem sie eine rührende, fast 
mütterliche Fürsorge widmete. Die Trennung von ihnen allen wurde ihr um 
so schwerer, als sie ihr Glück an der Seite des Gatten in der ersten Zeit 
nicht gefunden hatte. 

Eine bei jungen Eheleuten häufig beobachtete Tatsache vollzog sich auch 
hier: die beiden Charaktere mußten sich erst aneinander gewöhnen. Ihre 

Bio^. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog^, lo. Bd. I y 



2c8 Caroline. 

Verschiedenheit blieb nach der ersten glücklichen Zeit des Brautstandes nicht 
lange verborgen. Die fein und zart besaitete Seele der Prinzessin fühlte sich 
unwillkürlich durch das Wesen ihres Verlobten etwas eingeschüchtert. Um 
ihn zu verstehen, möge man nicht außer acht lassen, daß die Schatten ernster 
Erlebnisse auf seine Jugend gefallen sind, zugleich aber auch sich vergegen- 
wärtigen, daß Großherzog Wilhelm Ernst von väterlicher wie von mütterlicher 
Seite der Nachkomme Carl Augusts ist. Aus dem Bilde, das Goethe 1783 
in dem Gedichte Ilmenau von seinem sechsundzwanzigjährigen Ahnherrn ent- 
wirft, tritt dem Eingeweihten eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Enkel 
entgegen, und gewiß eröffnet der Blick in jenes Waldgemälde auch für die 
Zukunft des Letzteren manche erfreuliche Aussicht. Allerdings wird heute 
noch vielfach die Meinung über den jungen Fürsten, ebenso wie damals über 
den Vorfahren, durch die etwas rauhe Schale beeinflußt. 

Nach ihr hat auch die Großherzogin zuerst ihre Ansicht über den Gatten 
gebildet. Man wird dies begreifen, wenn man sich in die Lage der Verwaisten 
hineindenkt, die während der entscheidungsschweren letzten Monate vor der 
Hochzeit niemanden in ihrer Nähe hatte, an dessen Menschenkenntnis und 
Lebenserfahrung sie sich wenden konnte, um ihrem Verlobten einigermaßen 
gerecht zu werden. Infolgedessen war es ihr nicht möglich, die Zuneigung, 
die er ihr in so reichem Maße entgegenbrachte, von Herzen zu erwidern, 
und auch nach der Verheiratung kamen sie sich vorläufig nicht näher. In 
seiner gezwungen-förmlichen Art erinnerte ihr Verhältnis lebhaft an die Ehe 
Carl Augusts und Luisens in der ersten Zeit. Gleich ihnen waren auch die 
Neuvermählten zwei scharf ausgeprägte Individualitäten, beide einander ähn- 
lich in der zunächst am stärksten entwickelten Charaktereigenschaft, einem 
gewissen Eigensinne, keine aber gewillt, der anderen einen Teil ihres Selbst 
zum Opfer zu bringen. 

Daß sie beide unter diesem Zustande litten, ist leicht zu ermessen. Auf 
die Stimmung der Großherzogin wirkte überdies auch ein körperliches Un- 
wohlsein, das sich nach seinen ganzen Merkmalen als Bleichsucht heraus- 
stellte, ungünstig ein. Auf ärztlichen Rat entschloß sie sich, zu ihrer Wieder- 
herstellung eine ernste Kur zu brauchen, und zwar so bald wie möglich, da 
das junge Paar Ende August zum Besuche am Kaiserlichen und hierauf am 
Königlich sächsischen Hofe erwartet wurde und die Großherzogin den an sie 
ergangenen Einladungen unter allen Umständen Folge zu leisten gedachte. 
In der Nacht vom 7. zum 8. Juli begab sich die Fürstin nach St. Moritz in 
Engadin, in Begleitung ihres Gemahles, der sie jedoch am 17. Juli auf aus- 
drücklichen Wunsch des Arztes wieder verließ^ da ihre Kur sehr anstrengend 
war und deshalb fürs erste unbedingte Ruhe erforderte. 

Der Erfolg derselben war nicht ungünstig, und die Großherzogin durfte 
daher mit der Zeit auch die herrliche Hochalpennatur, die St. Moritz umgibt, 
etwas genießen. Bei dem ebenfalls dort anwesenden großherzoglichen Paare 
von Baden fand sie nicht allein eine bewährte freund- und verwandtschaft- 
liche Gesinnung für Weimars Fürstenhaus, sondern auch das liebevollste per- 
sönliche Verständnis für sich selbst und ihren Gatten. 

Den Letzteren sah sie am 23. August in Frankfurt a. M. wieder, wohin 
er ihr auf ihrem Rückwege entgegenreiste. Am 24. hielt das fürstliche Paar 
seinen Einzug in Eisenach, die folgenden Tage wurden in dem nahegelegenen 



Caroline. 



259 



Schlosse Wilhelmsthal zugebracht, am 29. August aber begab man sich zu 
dem geplanten Besuche nach Berlin und Dresden. Die Aufnahme an den 
dortigen Höfen war sehr liebenswürdig und der Eindruck, den sie hinterließ, 
so angenehm und sympathisch, wie man es von vornherein erwarten durfte. 

Auf die rauschenden Feste, die sie in den beiden Hauptstädten empfangen 
hatten, folgte wieder eine im ganzen ruhige Zeit und zwar fürs erste in 
Wilhelmsthal, das durch seine idyllische Lage am Ufer eines spiegelnden Sees 
inmitten reichbewaldeter Berge zu den beliebtesten Ausflugsorten im Thüringer 
Walde gehört. Von da siedelte man später noch für kurze Zeit auf die 
Wartburg über. Während des Aufenthaltes in der Eisenacher Gegend wurden 
wiederholt kleine Reisen unternommen, teils innerhalb der Landesgrenzen, 
teils auch an verwandte und befreundete Fürstenhöfe. Ende Oktober kehrte 
man nach Weimar zurück. 

Bei der Einrichtung der für die Großherzogin bestimmten Wohnung im 
dortigen Schlosse hatte man sich bemüht, durch sorgfältige Auswahl aus den 
vorhandenen Vorräten ein harmonisches Ganzes zu schaffen und es gelang 
auch, fürstliche Pracht und künstlerischen Geschmack in einer Weise zu ver- 
einigen, die gerechte Bewunderung hervorrief. Die Ausstattung der Räume 
war großenteils im Empirestil gehalten, den ihre Bewohnerin sehr liebte. 

Sie blieb für diese feine Aufmerksamkeit nicht unempfänglich, ebenso- 
wenig wie auch sonst für alles, was dazu dienen konnte, sie in Weimar 
heimisch zu machen. Bald sah man sie regelmäßig im Theater, und auch 
die zahlreichen im Laufe des Winters veranstalteten Konzerte, nicht am 
wenigsten die in der Musik- und Orchesterschule, deren verdienstvoller Leiter, 
Erich Degner, schon seit dem Sommer ihr Lehrer war, zählten sie fast immer 
zu ihren Zuhörern. Nicht geringeres Interesse bewies sie, besonders durch 
ihr häufiges Erscheinen und langes Verweilen in den Ausstellungen, den 
bildenden Künsten und dem Kunstgewerbe, das, im Vereine mit der Malerei, 
unter dem Schutze des Großherzogs Wilhelm Ernst einen neuen Auf- 
schwung in Weimar genommen hat. Ihrer Befriedigung hierüber und ihrer 
Teilnahme an künstlerischem Schaffen überhaupt gab sie im persönlichen Ver- 
kehre mit bedeutenden Künstlern, wie Hans Ölde, dem Direktor der groß- 
herzoglichen Kunstschule, und anderen, gern Ausdruck. Aus diesem Grunde 
freute sie sich auch sehr, während des Aufenthaltes am Berliner Hofe aus 
Anlaß des Geburtstages des Kaisers im Jahre 1904 die Museen der Reichs- 
hauptstadt, die sie noch nicht kannte, genießen zu können. 

Bei ihrer Liebe zur Kunst war es ihr natürlich immer willkommen, auch 
die Geselligkeit Weimars, an der sie ebenfalls lebhaften Anteil nahm, durch 
Musik, Gesang oder deklamatorische Vorträge belebt zu sehen. Weniger Ver- 
gnügen hatte sie hingegen am Tanzen, wiewohl es ihr an Gelegenheit dazu 
nicht fehlte. Wenn sie nicht eifriger davon Gebrauch machte, so ist der 
Grund hierfür einerseits in ihrer noch immer schonungsbedürftigen Gesund- 
heit zu suchen, anderseits in der seltenen Frühreife ihres Wesens, die sie auf 
solche Unterhaltungen ihrer Altersgenossen gern verzichten ließ. 

Je weniger sie deren bedurfte und je lieber sie bei ihrer ganzen Sinnes- 
art mit älteren Leuten verkehrte, desto berechtigter erschien die Erwartung, 
daß sie ihren Wirkungskreis nicht auf das heitere Reich der Kunst be- 
schränken, sondern bald über dessen Grenzen hinaus za den. ernsten Aufgäben 



26o Caroline. 

des Lebens übergehen und mit ihnen auch die andere ideale Erbschaft der 
früheren Landesfürstinnen sich zu eigen machen würde. 

Unter diesen Aufgaben gab es keine schönere und edlere als die Tätig- 
keit, die sie mit ihrem Amte als Obervorsteherin des von Maria Paulowna 
begründeten und von ihrer Nachfolgerin Sophie weiter ausgestalteten Patrio- 
tischen Institutes der Frauenvereine im Großherzogtum Sachsen auf sich ge- 
nommen hatte. Dem Wunsche ihres Gatten gemäß war ihr dieses gleich 
nach dem Einzüge in Weimar, am 4. Juni 1903, feierlich übertragen worden,, 
und sie hatte bei dieser Gelegenheit den anwesenden Gehilfen am Zentral- 
direktorium des Institutes gelobt, sie werde sich bemühen, dem Beispiele 
ihrer großen Vorgängerinnen in der Fürsorge für das Land zu folgen. Die 
innere Bewegung, die sie bei diesen Worten verriet, ließ erkennen, daß sie 
den Ernst der übernommenen Pflichten schon damals nicht unterschätzte, 
und die Beteiligten konnten auch mit Freuden wahrnehmen, wie lebhafte 
Aufmerksamkeit sie dem Patriotischen Institute allmählich zuwandte. Sie 
zeigte diese zunächst durch die Besuche der von ihm geleiteten Wohltätig- 
keitsanstalten, namentlich in Weimar und Eisenach, sowie in den von ihr 
bereisten Teilen des Landes, femer durch ihr Interesse an dem Bau der 
neuen Krankenabteilung des Sophienhauses in Weimar, vor allem aber durch 
das Bestreben, bei den ,Verhandlungen in den Sitzungen des Zentraldirek- 
toriums sich mit dem Organismus des Institutes und seinen Einrichtungen 
vertraut zu machen. Dabei beobachtete sie fürs erste eine kluge Zurückhaltung 
und war nur darauf bedacht, durch Erfahrung zu lernen. 

Wie die Oberleitung jener großgedachten Stiftung werktätiger Menschen- 
liebe gab auch die Übernahme über das ebenfalls von Maria Paulowna ge- 
gründete Sparkassenwesen des Landes ihrer jungen Nachfolgerin manche 
wichtige Aufschlüsse über dessen innere Verhältnisse und gestattete ihr viel 
Gutes und Nützliches zu wirken. 

Desgleichen eröffnete sich ihr auch ein Feld segensreicher Tätigkeit 
durch die Obhut über das Sophienstift in Weimar, die von der Großherzogin 
Sophie gegründete öffentliche höhere Töchterschule, die dank dem unab- 
lässigen Bemühen ihrer Stifterin zu hoher Blüte gediehen, im Jahre 1904 ihr 
fünfzigjähriges Bestehen feiern durfte. Daß die junge Großherzogin ihre Stelle 
als Schirmherrin dieser Anstalt einmal würdig ausfüllen würde, war bestimmt 
zu hoffen, da sie ihre eigenen Kenntnisse täglich zu erweitern strebte und 
auch schon anfing, sich mit den wichtigen Fragen der Frauenbildung und 
des Frauenstudiums zu beschäftigen. 

In dem gleichen Maße, wie sie dahin gelangte, ihre Aufgaben zu er- 
kennen und zu übersehen, fand sie auch Freude daran und widmete sich 
ihnen mit der Zeit um so lieber, als sich im zweiten Jahre ihrer Ehe auch 
das Zusammenleben mit dem Großherzoge freundlicher gestaltete. Unver- 
drossen und mit immer tieferem Eindringen in die Eigenart der Gemahlin 
suchte er ihre Zuneigung für sich selbst, gleichzeitig aber auch ihre Teilnahme 
für das Land und dessen Angelegenheiten zu gewinnen, und der ersehnte 
Erfolg blieb ihm nicht versagt. Daneben trug auch das jähe Hinscheiden 
der Erbgroßherzogin- Witwe am 13. Mai 1904 durch seinen tiefschmerzlichen 
Eindruck auf beide Ehegatten dazu bei, ihre Annäherung aneinander zu 
fördern. Man konnte sie in der darauffolgenden stillen Zeit, die der Hof 



Caroline. 201 

wiederum in Ettersburg verlebte, deutlich beobachten und verfolgen, wie im 
Vereine mit ihr die ehemals melancholische Stimmung der Großherzogin all- 
mählich frischer und zuversichtlicher wurde. Ihre wiederkehrende Heiterkeit 
ließ sie um so anziehender erscheinen, als ihr Wesen trotz des zunehmenden 
Selbstvertrauens dennoch anspruchslos und bescheiden blieb. Wie wenig 
dadurch ihr menschlich-einfaches Empfinden berührt wurde, konnte man be- 
sonders auch an ihrem Verhalten gegen Niedrigerstehende bemerken, z. B. 
gegen die Hofdienerschaft, der sie stets eine gütige, wohlwollende Gebieterin 
war, oder bei ihren häufigen Berührungen mit der Bevölkerung Ettersburgs 
und seiner Umgebung, sowie auf den von dort aus unternommenen kleinen 
Reisen im Lande. 

Die Ausdauer, die Großherzogin Caroline bei diesen trotz der an ihre 
Kräfte gestellten nicht geringen Anforderungen bewies, war ein Zeichen dafür, 
daß auch ihre Gesundheit sich jetzt etwas gebessert hatte; immerhin erklärte 
ihr Arzt eine Wiederholung der Badekur des vorigen Jahres für erforderlich 
und die Großherzogin reiste deshalb am 20. Juli wieder nach St. Moritz, wo 
sie über sechs Wochen blieb. Sie erreichte diesmal vollkommen ihren Zweck. 
Als der Großherzog am 8. September die Gattin auf der Mainau am Boden- 
see bei den badischen Verwandten wiedersah, fand er sie blühend und neu 
gekräftigt. 

Nach mehreren dort verlebten Tagen begab er sich mit ihr nach Wilhelms- 
thal, für dessen landschaftlichen Reiz die Großherzogin jetzt, wo sie sich so 
viel gesünder fühlte, um so empfänglicher war. Wie schon früher, wenn sie 
hier oder auf der Wartburg weilte, bildete auch jetzt die Nachbarstadt 
Eisenach oft das Ziel ihrer Ausfahrten. 

Bald nach der Rückkehr des Hofes von diesem Landaufenthalte nach 
W^eimar, am 9. November, fand dort die Feier des hundertjährigen Gedenk- 
tages der Ankunft Maria Paulownas statt. Er diente vor allem als Anlaß zu 
einer Festversammlung der Frauenvereine des Landes, und die junge Groß- 
herzogin mußte sich jetzt zum ersten Male als Obervorsteherin des Patriotischen 
Institutes öffentlich zeigen. Sie tat das in einer Weise, die keinen Zweifel dar- 
über ließ, daß sie sich mit den Aufgaben dieses Amtes eingehend beschäftigt 
und dessen Bedeutung wohl erkannt hatte. Ihrer Genugtuung über die 
Pflichten, die sie anderthalb Jahre zuvor auf sich genommen und ihrem er- 
starkten Selbstvertrauen verlieh sie bei diesem Anlasse in einem Telegramme 
an die Großherzogin von Baden, die zum Ehrentage der unvergeßlichen Groß- 
mutter einen eigenen Vertreter geschickt hatte, beredten Ausdruck. Sie freue 
sich, bemerkte die junge Fürstin darin, des ihr überkommenen schönen Amtes 
und hoffe, dereinst die würdige Nachfolgerin einer Maria Paulowna und Sophie 
zu werden. 

Nach der weihevollen Erinnerungsfeier des 9. November begab sich Groß- 
herzogin Caroline noch für kurze Zeit auf Reisen. Sie folgte zuerst ihrem 
Gatten auf seine schlesische Herrschaft Heinrichau, ging von da aus, auf sein 
Anerbieten, nach Wien, wo sie, dem Genüsse der Kunst hingegeben, acht 
interessante Tage verlebte, und kehrte, ebenfalls über Schlesien, mit dem 
Großherzoge nach Weimar zurück. 

Welch ein herzliches Einvernehmen jetzt zwischen beiden herrschte, 
konnte man hier deutlich beobachten, wenn sie, wie dies in den nächsten 



202 Caroline. Kienle. Pingsmann. 

Wochen häufig geschah, sich öffentlich zeigten. Daß es zu Anfang nicht 
bestanden hatte, war auch in weiteren Kreisen kein Geheimnis geblieben; 
um so aufrichtiger freute man sich daher ihres Glückes. 

Leider war es nicht mehr von langer Dauer. Am lo. Januar 1905 
erkrankte die Großherzogin, die sich noch am Neujahrsabend beim großen 
Hofkonzert in der ganzen bezaubernden und herzgewinnenden Anmut ihres 
Wesens gezeigt hatte, an einer schweren Lungenentzündung und sie erlag ihr 
trotz der sorgfältigsten ärztlichen Behandlung, trotz der liebevollsten Pflege, 
trotz der Zähigkeit, mit der die Kranke selbst sich an ihr junges Leben 
klammerte. Von Tage zu Tage wurde der Zustand beängstigender. Wohl 
zeigte sich ein Hoffnungsschimmer, als in der Nacht vom 16. zum 17. Januar 
die erwartete Krisis eintrat, doch führte sie nicht die Besserung herbei, son- 
dern statt ihrer eine immer zunehmende Herzschwäche. Von diesem Vor- 
zeichen des nahenden Todes benachrichtigt, eilte der Großherzog, der schon 
in den vorhergehenden Tagen oft bei der Kranken geweilt hatte, nachts um 
drei Uhr herbei, und mit ihm ihre jüngeren Schwestern, die Prinzessinnen 
Hermine und Ida Reuss, die am weimarischen Hofe eine zweite Heimat ge- 
funden hatten und dem Schwager in diesen schweren Tagen treu zur Seite 
standen. Mit sichtbarer Freude erkannte und begrüßte die Sterbende die 
ihrigen, die ihr Lager umstanden. Zärtlich küßte sie den Gemahl und redete 
noch wiederholt die einzelnen an, dann aber verfiel sie in Fieberphantasien, 
ihr Bewußtsein trübte sich, und nach schwerem Todeskampfe wurde sie am 
17. Januar früh kurz nach sechs Uhr von ihrem Leiden erlöst. Vier Tage 
darauf fand die sterbliche Hülle der liebreizenden jungen Großherzogin in 
der Fürstengruft zu Weimar ihre letzte Ruhestätte. 

Hermann Freiherr v. Egloffstein. 

Kienle, Ambrosius, O. S. B., Liturgiker und Musikschriftsteller, ♦ 8. Mai 
1852 zu Laiz bei Sigmaringen, f 18. Juni 1905 im Kloster Beuron. — K. trat 
1873 zu Beuron in den Benediktinerorden, legte am 15. August 1874 Profeß 
ab und wurde 1877 zum Priester geweiht. — K. hatte als Gelehrter auf dem 
Gebiete der Liturgiegeschichte und besonders des Chorals einen hochange- 
sehenen Namen. 

Seine »Choralschule. Ein Handbuch zur Erlernung des Choralgesanges« erschien in 
dr^i Auflagen (Freiburg i. Br. 1884, 1890, 1899). Femer: »Kleines kirchenmusikalisches 
Handbuch« (Freiburg i. Br. 1893); »Maß und Milde in kirchenmusikalischen Dingen. Ge- 
danken über unsere Musikreform« (Freiburg i. Br. 1901). Eine Reihe von wertvollen Ab- 
handlungen zur Geschichte der Liturgie veröffentlichte er in Zeitschriften. Die 2. Auflage 
des Kirchen-Lexikons von Wetzer und Weite enthält Beiträge von seiner Hand. 

F. Lauchert. 

Pingsmann, Ludger Theodor Wilhelm, Domkapitular in Köln, ♦11. Ok- 
tober 1832 zu Kleinumstand, Pfarrei Werden an der Ruhr, f 10. Oktober 1905 
im kathol. Krankenhause zu München-Gladbach. — P. wurde 1895 zum Priester 
geweiht, wirkte dann zuerst als geistlicher Lehrer an der Stiftsschule zu 
Aachen, wurde Herbst 1855 Rektor zu Dottendorf bei Bonn, 1862 Hausgeist- 
licher bei dem Grafen Hoensbroech auf Schloß Haag bei Geldern, 1867 Kaplan 
und Geheimsekretär des Erzbischofs Melchers, seit 1871 zugleich Subregens 



Pingsmann. Sommerwerck. von Hammerstein. 263 

des Kölner Priesterseminars; 1898 Domkapitular. P. war auch während einer 
Reihe von Jahren Schriftführer des Deutschen Vereins vom heiligen Lande 
und gab dessen Organ, die in Köln erscheinende Zeitschrift »Das Heilige 
Land« heraus. Auf literarischem Gebiete verdanken wir ihm außerdem haupt- 
sächlich die beiden hagiographischen Monographien: »Der heilige Liidgerus, 
Apostel der Friesen und Sachsen. Ein Lebensbild aus der Bekehrungs- 
geschichte der germanischen Völker« (Freiburg i. Br. 1879); »Santa Teresa 
de Jesus. Eine Studie über das Leben und die Schriften der heiligen 
Theresia« (Köln 1886; i. Vereinsschrift der Görres-Gesellschaft für 1886). 

Vgl. Kölnische Volkszeitung 1905, Nr. 839 v. 10. Oktober. — Handbuch der Erz- 
diözese Köln. F. Laue her t. 

Sommerwerck, genannt Jacobi, Wilhelm, Bischof von Hildesheira, 
* 21. April 1821 zu Preußisch-Minden, f 18. Dezember 1905 zu Hildesheim. 
— Nach dem frühen Tode seines Vaters, des Wundarztes Christian Sommer- 
werck und der Wiedervxrheiratung seiner Mutter wurde S. von dem Bruder 
seines Stiefvaters, dem damaligen Pfarrvxrweser Karl Jacobi zu Ringelheim 
(Diözese Hildesheim), der ihn zu sich nahm, mit großer Sorgfalt erzogen. 
1833 — 39 besuchte er das Gymnasium Josephinum zu Hildesheim, studierte 
1839 — 42 Theologie an der philosophisch-theologischen Lehranstalt daselbst, 
trat dann in das Klerikalseminar und erhielt 1843 ^i^ Diakonatsweihe. Da 
er für die Priesterweihe noch zu jung war, studierte er dann noch drei 
Semester in Bonn und drei Semester in Göttingen Philologie und Geschichte 
und machte das Staatsexamen für alte Sprachen und Geschichte. Nach 
Hildesheim zurückgekehrt, wurde er nun 1846 zum Priester geweiht und als 
Lehrer am Gymnasium Josephinum daselbst angestellt. Seit 1854 war er 
auch Domprediger. 1863 wurde er zum Domkapitular und Generalvikar er- 
nannt. Nach dem Tode des Bischofs Eduard Jakob Wedekin wurde er 187 1 
zum Bischof von Hildesheim gewählt. Konflikte, Sorgen und Mühsale brachte 
auch ihm die Kulturkampfzeit, obwohl ihm und der Diözese das Schlimmste, 
die staatliche »Absetzung« und Verbannung, erspart blieb ; eine starke Stütze 
hatte er in den schwersten Jahren an seinem Generalvikar Georg Kopp, dem 
jetzigen Kardinal und Fürstbischof von Breslau. Nach der Herstellung des 
Friedens war ihm noch eine lange Reihe von Jahren ruhigen segensreichen 
Wirkens beschieden. Das seit 1874 geschlossene Priesterseminar, dessen 
Schließung den Bischof besonders schwer getroffen hatte, konnte 1887 wieder 
eröffnet werden. 1893 wurde S. zum päpstlichen Thronassistenten, 1900 zum 
Mitglied des preußischen Herrenhauses ernannt. — Schriften: »Der heilige 
Bern ward von Hildesheim als Bischof, Fürst und Künstler« (Hildesheim 1885); 

»Das Kreuz des heiligen Bernward« (ebenda 1893). 

Vgl. Th. Wiederholt, Wilhelm Sommerwerck, genannt Jacobi, Bischof von Hildesbeim 
(W^ürzburg 1875, "^i^ Portr.; = Deutschlands Episkopat in Lebensbildern, IV'. Bd., 3. Heft; 
neue Ausg. 1882). — »Kölnische Volkszeitung« 1905, Nr. 1054 v. 19. Dez. — »Echo der 
Gegenwart« (Aachen) 1905, Nr. 292 v. 20. Dez. — »Die kath. Kirche unserer Zeit und 
ihre Diener in Wort u. Bild«, II. Bd. (München 1900), S. 196, mit Portr. 

F. Lauchert. 

Hammerstein, Ludwig Freiherr von, S. y., Apologet, Kontroverstheologe 
und sozialpolitischer Schriftsteller, ♦ i. September 1832 auf Schloß Gesmold 



264 ^^^ Hammerstein, von Schanz. 

bei Osnabrück, f 1$. August 1905 zu Trier. — Einem alten protestantischen 
Adelsgeschlecht entstammend, besuchte H. 1844 — 51 das protestantische 
Gymnasium zu Osnabrück, studierte 185 1